Freund, Thomas

Landtagsabgeordneter Bürgermeister Kommerzialrat Thomas Freund

* 26.7.1850, Laa a.d. Thaya
† 20.1.1937, Mistelbach

Der 1850 als Sohn des Laaer Bürgers Joseph Freund und dessen Gattin Barbara, geb. Hackel, in Laa a.d. Thaya geborene Thomas Freund1 kam 1876 nach Mistelbach und erwarb das Haus Hafnerstraße 11 (heute: Möbel Rieder). Hier eröffnete er nach großzügigem Um- und Ausbau seine Warenhandlung und bei Freund konnte man neben Waren des täglichen Bedarfs, von Süßigkeiten über Schießpulver, Chemikalien, Textilien, Spielkarten und Petroleum, beinahe alles Erdenkliche bekommen. In den Jahren 1900/1901 führte sein Unternehmen auch kurzzeitig eine Filiale in Zistersdorf.2 1877 ehelichte er Anna Selbach, die Tochter des Mistelbacher Riemermeisters Michael Selbach, und aus dieser Ehe sollten vier Kinder hervorgehen.3

Das Warenhaus Freund (heute: Möbel Rieder) an der "Frohner"-KreuzungDas Warenhaus Freund etwa 1900

Nach der Gemeinderatswahl im Juni 1885 zog Freund mit der deutschnationalen Bewegung erstmalig in den Mistelbacher Gemeinderat ein.4 Die darauffolgende Gemeinderatswahl im Jahr 1888 brachte einen großen Wahltriumph für die Deutschnationalen, infolgedessen sie auch den Bürgermeistersessel eroberten. Da der ursprünglich bei der konstituierenden Gemeinderatssitzung zum Bürgermeister gewählte Tischlermeister Bernhard Steiner sein Amt aufgrund parteiinterner Streitigkeiten nach nur zwei Monaten zurücklegte, wurde Freund als dessen Nachfolger gewählt. Während seiner Amtszeit wurde die Infrastruktur der Stadt (Kanal- und Gasleitungsnetz, Straßenpflasterungen) stark ausgebaut und unter anderem wurden folgende bedeutende Einrichtungen geschaffen: Winzerschule (1898), Knaben Volks- und Bürgerschule (1898), städtische Badeanstalt (1899), neues Rathaus (1901), Gaswerk (1902), Elisabethkirche (1905), Landesbahnen (1906), Krankenhaus (1909) und Waisenhaus (1910). Als Bürgermeister stand er auch als Direktor der städtischen Sparkasse vor, die die Finanzierung der oben genannten Projekte ermöglichte. Verbrachten hohe Gäste aus dem Kaiserhaus die Nacht in Mistelbach, so übernachteten diese in der über dem Geschäft gelegenen Wohnung des Bürgermeisters und zu den Gästen der Familie Freund zählten unter anderem: Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand (1902) und Erzherzog Leopold Salvator (19065 & 1912). Franz Ferdinand soll als er gemeinsam mit seinem Quartiergeber dessen Wohnung betrat, bemerkt haben: „Schöner habe ich es ja zuhause nicht“.6 Im Jahre 1905 wurde Freund die hohe Ehre einer persönlichen Audienz bei Kaiser Franz Joseph I. zuteil, bei der dieser seine großen Verdienste um die Entwicklung der Stadt Mistelbach lobte.

1908 stiftete Freund anlässlich seines zwanzigjährigen Jubiläums als Bürgermeister von Mistelbach eine Bürgermeisterkette aus vergoldetem Silber, deren Anhänger die anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers gestiftete niederösterreichische Bürgermeistermedaille bildete.

Die von Bürgermeister Freund gestiftete Bürgermeisterkette im Jahr 2019

 

Links: die von Bügermeister Freund gestiftete Bürgermeisterkette in ihrer heutigen Form (ursprünglich waren alle Teile der Kette vergoldet), rechts: Freund mit Bürgermeisterkette im Jahr 1908

Freund gehörte zu den gemäßigten Deutschnationalen und 1895 zu den Mitbegründern der Deutschen Volkspartei, die sich von der radikalen Schönerer-Bewegung abspaltete. Für die Landtagswahlen im Herbst 1908 ließ sich Freund jedoch von der christlichsozialen Partei als Kandidat aufstellen, und wurde von dieser als Kompromisskandidat der Christlichsozialen und Deutschnationalen proklamiert. Die Zustimmung der Deutschnationalen zu einer solchen Kompromisskandidatur, die die Stimmen der beiden Lager bündeln sollte, wurde laut einigen Zeitungsberichten jedoch angezweifelt bzw. bestritten. Die Wahlmännerversammlung die Freund zum Kandidaten wählte, soll lediglich aus Angehörigen der christlichsozialen Partei bestanden haben und die Verkündung der Kompromisskandidatur sei eine wahltaktische Finte der Christlichsozialen gewesen. Freund konnte sich bei der Landtagswahl durchsetzen, wurde aber nunmehr von den Deutschnationalen als Überläufer und Verräter betrachtet. Von 1909 bis 1915 war er Landtagsabgeordneter und da während des Krieges keine Wahlen stattfanden, gehörte er gemeisam mit den anderen Vertretern des letzten gewählten Landtages und den niederösterreichischen Reichsratsabgeordenten  auch dem provisorischen niederösterreichen Landtag (1918-1919) der jungen Republik an.

Sein Parteiwechsel sorgte für große Verstimmung bei den Deutschnationalen und ihren Vertretern im Mistelbacher Gemeinderat, die mehrheitlich der radikaleren deutsch-freiheitlichen Strömung angehörten. Besonders nach der für die Christlichsozialen unerwarteten, empfindlichen Niederlage im Mistelbacher Städtewahlkreis bei den  Reichsratswahlen im Juni 1911, wendete sich das Blatt gegen Freund und um der sich abzeichnenden schweren Niederlage bei den bevorstehenden Gemeinderatswahlen zu entgehen, legte Freund das Amt des Bürgermeisters mit 2. August 1911 zurück. Tatsächlich wurde die Gemeinderatswahl im September desselben Jahres für die Christlichsozialen zu einer vernichtenden Niederlage, während die Deutsch-Freiheitlichen, die auch bei der Reichratswahl obsiegten, erneut triumphierten und deren Kandidat Josef Dunkl jun. wurde zum neuen Bürgermeister gewählt. Es war dies das wenig ruhmreiche Ende seiner 23 Jahre währenden Tätigkeit als Bürgermeister und Direktor der städtischen Sparkasse, ohne die anlässlich des Ausscheidens sonst üblichen Ehrungen und Würdigungen seiner Verdienste. Doch wirkte Freund weiterhin als Landtagsabgeordneter für die Stadt Mistelbach und auch nach dem Ende seiner politischen Mandate war er unter anderem im Bezirksschulrat, als Obmann des Landeskindergartens und als Funktonär in Gewerbeverbänden für das Gemeinwohl aktiv.  Pfarrmatrikeneinträge belegen, dass Freund noch knapp vor dem Ersten Weltkrieg bzw. spätestens in den ersten Kriegsjahren einen Prachtbau auf dem Grundstück Mitschastraße 11 errichten ließ – seinen Alterssitz, die sogenannte „Freundvilla“ (heute: Dr. Schwelle/Dr. Götzendorfer).

1927 wurde er zum Ehrenbürger Mistelbachs ernannt und in diesem Jahr feierte er auch die goldene Hochzeit mit seiner Gattin Anna (siehe Bild links). Am 20. Jänner 1937 verstarb Altbürgermeister Thomas Freund im Alter von 86 Jahren in seiner Villa und wurde drei Tage später auf dem Mistelbacher Friedhof beerdigt.7 Das Warenhaus „Thomas Freund“ wurde von 1914 bis 1942 von seinem Sohn Rudolf geführt und danach von dessen Witwe Elsa.8 1955 übernahm schließlich Freunds Enkeltochter Hilda (verehelichte Kautz) den Betrieb von ihrer Mutter und wandelte diesen 1957 in die Möbelhandlung „Freund & Kautz“ um, die bis etwa 1986 bestand.9

Ob die frühere Schulgasse noch in seinen letzten Lebensjahren oder erst unmittelbar nach seinem Ableben in Thomas Freund-Gasse benannt wurde, ließ sich bisher leider nicht eruieren. Eine Umbenennung kann erst nach 1934 erfolgt sein, aber bereits in einem Nachruf im Mistelbacher Bote (1937) wird der neue Name der Gasse erwähnt.

Wo befindet sich die Thomas Freund-Gasse?

Quellen:

-) Eintrag zu Thomas Freund im Biographischen Handbuch des NÖ Landtages 1861–1921
(Die Information, dass Freund als Abgeordenter zunächst der Deutschen Volkspartei angehörte und erst später zur christlichsozialen Partei wechselte ist unter Anbetracht der Umstände seiner Kandidatur, die durch zahlreiche Zeitungsberichte dokumentiert ist, als falsch anzusehen. Er stellte sich zur Wahl als Kandidat der christlichsozialen Partei, und trat dieser unmittelbar nach seiner erfolgreichen Wahl auch bei.)
-) Deutsches Volksblatt, 10. September 1908, S. 17 (ONB-ANNO)
-) Grazer Tagblatt, 10. September 1908, S. 19 (ONB-ANNO)
-) Salzburger Chronik, 12. September 1908, S. 1f (ONB-ANNO)
-) Arbeiter Zeitung, 13. September 1908, S. 6 (ONB-ANNO)
-) Neue Wiener Tagblatt, 24. August 1911, S. 5 (ONB-ANNO)
-) Deutsches Volksblatt, 12. August 1911, S. 3 (ONB-ANNO)
-) Montagsblatt, 28. August 1911, S. 1 (ONB-ANNO)
-) Spreitzer, Prof. Hans: „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“ in: Mistelbacher-Laaer Zeitung, 24. September 1955, S. 2 (Die Angabe, dass die gegenwärtige Bezeichnung erst seit 1945 eingeführt wurde, ist falsch.)

-) Wiener Zeitung, 13. September 1930, S.  1 (ONB-ANNO)
-) Mistelbacher Bote, Nr. 5/1937, S. 4
-) Prof. Spreitzer, Hans: Der Bezirk Mistelbach und seine Abgeordneten im nö. Landtag in Heimat im Weinland – Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach (1961), S. 56ff

Bildnachweis:
-) Portrait: Museumsarchiv der Stadt Mistelbach
-) Warenhaus Freund: Ausschnitt einer Ansichtskarte von L. Forstner, aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Bürgermeisterkette: zVg Stadtgemeinde Mistelbach
-) Freund im Jahr 1908: Tenger, Ignaz: Österreichischer Bürgermeister-Almanach – 1848 – 1908; Jubiläums-Widmung zur Feier des 60jährigen Regierungs-Jubiläums Sr. k.u.k. a. M. Franz Josef I. (1908) (Digitalisat NÖ Landesarchiv)
-) Freund mit Gattin: Das interessante Blatt, 24. Februar 1927, S. 8 (ONB-ANNO)

  1. Pfarre Laa/Thaya: Taufbuch (1842-1858), Fol. 118
    Eintrag Taufbuch Pfarre Laa/Thaya
  2. Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 30. Mai 1900, S. 724 (ONB: ANNO);
    Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 8. August 1901, S. 155 (ONB: ANNO)
  3. Pfarre Mistelbach: Trauungsbuch (1874-1897), Fol. 30
    Eintrag Trauungsbuch Pfarre Mistelbach
  4. Untermanhartsberger Kreis-Blatt, Nr. 13/1885, S. 5;
    Mistelbacher Zeitung, Nr. 7/1885, S. 3
  5. Bote aus Mistelbach, Nr. 32/1906, S. 2f
  6. Bote aus Mistelbach, Nr. 31/1902, S. 6
  7. Pfarre Mistelbach: Sterbebuch (1934-1938), Fol. 92
    Eintrag Sterbebuch Pfarre Mistelbach
  8. Handels-Compass 1946/47, S. 477;
    Handels-Compass 1955, S. 608
  9. Handels-Compass 1958, S. 635 (Anm.: da die Unternehmensverzeichnisse immer zu Ende des Vorjahres bzw. Beginn des Jahres erscheinen, scheint die neue Firma erst in der Ausgabe 1958 auf);
    Handels-Compass 1986/87, S. 896;
    Weinviertler Nachrichten, Nr. 13/1965, S. 9 – Anm.: zwar übernahm 1955 Hilda Kautz das Unternehmen, zur Möbelhandlung wurde das Unternehmen jedoch erst 1957
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