Steinbauer, Dr. Gustav

Dr. Gustav Steinbauer

* 30.5.1889, WienDr. Gustav Steibauer Bürgermeister Mistelbach Rechtsanwalt Nürnberger Prozesse
† 14.4.1961, Wien

Steinbauer wurde 1889 als eines von sechs Kindern des Bankangestellten Gustav Steinbauer und dessen Gattin Adelheid, einer Konzertsängerin, in Wien-Leopoldstadt geboren.[1] Seine Reifeprüfung absolvierte er am Jesuitengymnasium in Kalksburg und danach inskribierte er sich für ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Nach seiner Promotion im Jahr 1913 entschied sich Steinbauer für eine Laufbahn als Rechtsanwalt und trat 1916 in eine Anwaltskanzlei in Innsbruck ein. Im April 1917 wurde er zum Infanterieregiment Nr. 73 – Egerländer Hausregiment, nach Prag einberufen und war als Fähnrich – der Krieg endete vor seiner Beförderung zum Leutnant – an der Isonzofront im Einsatz.

Nach dem Krieg war Dr. Steinbauer zunächst als Beamter bei der Hauptanstalt für Sachdemobilisierung beschäftigt, die die Aufgabe hatte das Sachvermögen der ehemaligen k. u. k. Armee abzuwickeln bzw. zu verwerten.[2] Ab 1921 war er als Rechtsanwalt in Wien zugelassen, und eröffnete seine Kanzlei in der Brandstätte in der Wiener Innenstadt.[3] Bereits im Jahr darauf verlegte er sein Anwaltsbüro an die Adresse Jordangasse/Ecke Judenplatz.[4] Im Oktober 1922 heiratete er die aus Hohenau a.d. March stammende Rosa Schweinberger und dieser Verbindung entstammten zwei Töchter und ein Sohn, der spätere ÖVP-Generalsekretär und Nationalratsabgeordnete Heribert Steinbauer.[5] In der Zwischenkriegszeit war Steinbauer Mitglied im antisemitischen und antisozialistischen Geheimbund „die Burg“, der sich hinter dem Tarnverein „Deutsche Gemeinschaft“ verbarg, und dessen Ziel der Kampf gegen das „Ungeradentum“ (Judentum, Liberalismus, Kommunismus, Sozialismus, etc.) war. Diese Vereinigung rekrutierte sich hauptsächlich aus Mitgliedern deutsch-nationaler und katholischer Studentenverbindungen, die in  logenartigen Gruppen zusammengeschlossen waren. Durch die streng hierarchische und konspirative Struktur dieses Geheimbundes, dem viele prominente Politiker angehörten, wussten nur die höherrangigen Mitglieder wer zu den „Burgbrüdern“ zählte und durch die Vergabe wichtiger Schlüsselpositionen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft an Mitglieder sicherte sich der Geheimbund Einfluss in der Ersten Republik.[6]

1927 übersiedelte Steinbauer mit seiner Familie nach Mistelbach, wo er sich in der heute noch bestehenden und von ihm in Auftrag gegebenen Steinbauer-Villa (neben der Elisabeth Kirche) niederließ.[7] Seine Rechtsanwaltskanzlei befand sich während seiner gesamten Mistelbacher Zeit an der Adresse Hafnerstraße 3 (heue: Libro).[8] Seit seiner Studienzeit war Dr. Steinbauer Mitglied der katholischen Studentenverbindung Franco-Bavaria Wien im Cartellverband (CV), der er zeitlebens verbunden war und diese enge Bindung zu seinen Bundes- und Cartellbrüdern, ist der auch Grund für zahlreiche Besuche hoher politischer Würdenträger in der Villa Steinbauer. So besuchten ihn beispielsweise Bundespräsident Dr. Miklas und Bundeskanzler Dr. Dollfuß, die beide ebenfalls Verbindungen des Cartellverbandes angehörten, immer wenn sie ein Termin in die nähere Umgebung Mistelbachs führte. Auch im Vereinsleben der Stadt war Dr. Steinbauer während seiner Mistelbacher Zeit äußerst aktiv, so war er Initiator und Präsident des Vereines der Freunde des städtischen Museums, Obmann des örtlichen christlich-deutschen Turnvereins, Obmann des Wohltätigkeitsvereines und bei zahlreichen weiteren Vereinigungen aktiv.

Die Steinbauervilla in der Mitschastraße

Er engagierte sich darüber hinaus in der Kommunalpolitik, zuerst für die christlich-soziale Partei, und später in der Vaterländischen Front, deren Bezirksführer er war. In dieser Funktion war er natürlich das erklärte Feindbild der (illegalen) Mistelbacher Nazis und wurde in dem von diesen ab 1933 veröffentlichten „Kampfblatt gegen das jüdisch-klerikale System”, dem „Mistelbacher Beobachter”, stets heftig angegriffen, beschmipft und verleumdet. Von 1929 bis 1938 war Dr. Steinbauer Vizebürgermeister der Stadt Mistelbach und aufgrund des Ablebens von Bgm. Josef Dunkl, wurde er im Februar 1938, in einer knappen Abstimmung im Gemeinderat, in der die NS-Gesinnung vieler Gemeindevertreter bereits offen zutage trat, mit einer Stimme Vorsprung zum letzten Bürgermeister Mistelbachs vor dem „Anschluss“ gewählt. De facto übte er aber aufgrund der schweren fortdauernden Erkrankung Dunkls bereits seit Sommer 1936, als dessen Stellvertreter das Amt des Bürgermeisters aus. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich wurde er noch in der Nacht auf den 12. März 1938 gezwungen sein Amt als Stadtoberhaupt niederzulegen und es folgten und eine sechswöchige Schutzhaft, Verhöre und mehrere Hausdurchsuchungen. Im Mai 1938 zog Dr. Steinbauer mit seiner Familie wieder zurück nach Wien.[9] In weiterer Folge wurde ihm seine Zulassung als Rechtsanwalt entzogen und er stand weiterhin unter Beobachtung der Gestapo. Während dieser Zeit verdingte er sich als Konzipient in der Kanzlei eines Freundes und nach der Wiedereintragung als Anwalt zu Ende des Jahres 1939[10], wirkte er vorwiegend als Verteidiger vor dem Sondergericht Wien und dem Wiener Militärgerichtshof. Zunächst als „wehrunwürdig“ eingestuft, wurde Dr. Steinbauer dann 1944 doch noch zur Wehrmacht eingezogen, aber aufgrund seines politischen Engagements für „nicht-offizierswürdig” befunden und so verbrachte er das letzte Kriegsjahr als Unteroffizier, bevor er nach Kriegsende für kurze Zeit in amerikanische Gefangenschaft geriet. Ab August 1945 war er dann als Pflichtverteidiger vor dem Wiener Volksgerichtshof tätig, unter anderem wirkte er dort später auch als Verlassenschaftskurator von Edmund Glaise-Horstenau.

Beginnend im November 1945 wurde die Führungsriege des NS-Regimes, so sie sich nicht bereits durch den Freitod aus ihrer Verantwortung davongestohlen hatte, in Nürnberg im Rahmen eines aufwändigen Gerichtsverfahrens zur Rechenschaft gezogen. Auch Dr. Arthur Seyß-Inquart, eine wichtige Person rund um den „Anschluss“ Österreichs und kurzzeitig Bundeskanzler in jenen Tagen des März 1938, war beim Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg angeklagt. Die Anklagepunkte für die er sich zu verantworten hatte, standen in Zusammenhang mit seiner Rolle beim „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, aber insbesondere mit seiner späteren Tätigkeit als Reichskommissar in den Niederlanden und seiner Mitwirkung bei der Auslöschung der dortigen jüdischen Bevölkerung. Der frühere Wiener Rechtsanwalt Seyß-Inquart wandte sich an die Wiener Rechtsanwaltskammer, ob diese ihm einen Verteidiger vermitteln könne. Der zunächst vorgeschlagene Dr. Zornlaib, der Seyß-Inquart auch persönlich bekannt war, sagte jedoch aus Krankheitsgründen ab. Schließlich wurde aus einer von der Rechtsanwaltskammer erstellten Liste mit sechs Wiener Anwälten Steinbauer von einem amerikanischen Vertreter des Militärtribunals ausgewählt. Zwischen dem Verteidiger und seinem Mandanten gab es zahlreiche Parallelen: beide studierten etwa zeitgleich an der Universität Wien Rechtswissenschaften, sie wurden beide am 23. August 1921 als Rechtsanwälte zugelassen[11], beide gehörten der antisemitischen Vereinigung „Deutsche Gemeinschaft“ (siehe oben) an und in den 20er Jahren befanden sich ihre Kanzleien in der Wiener Innenstadt in geringer Entfernung zueinander.[12] Laut Steinbauer kannten sie einander auch von Theaterbesuchen.

Oktober 1946: Dr. Steinbauer (links) mit dem im Hauptkriegsverbrecherprozess freigesprochenen früheren Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht und dessen Verteidigern Dr. Dix und Dr. Kraus
(photo credit: Robert H. Jackson Center, Jamestown, NY, USA)

Folgend ein Video vom 151. Verhandlungstag in Nürnberg, dass Dr. Steinbauer bei der Befragung von Seyß-Inquart zeigt. Leider ist die Tonqualität sehr schlecht und Dr. Steinbauer steht mit dem Rücken zur Kamera.

(Quelle: Youtube-Kanal Robert H. Jackson Center)

Obwohl Dr. Steinbauer in Opposition zum Nationalsozialismus stand und auch selbst Repressalien zu erleiden hatte, nahm er seine Tätigkeit als Verteidiger dennoch ernst und versuchte professionell seinen Mandanten bestmöglichst zu verteidigen. Aufgrund Seyß-Inquarts führender Beteiligung bei der Deportierung der niederländischen Juden, lautete das am 1. Oktober 1946 verkündete Urteil auf Tod durch den Strang und dieses Urteil wurde am 16. Oktober 1946 vollstreckt. Die Erfahrungen und  Einblicke, die er insbesondere über die Vorbereitung bzw. die Phase des Anschlusses, im Rahmen des Prozesses gewonnen hatte, schrieb Dr. Steinbauer in dem 1950 erschienen Buch „Ich war Verteidiger in Nürnberg” nieder. Im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses, 1946/47, wurde er erneut als Verteidiger beigezogen, diesmal für den österreichischen NS-Arzt Wilhelm Beiglböck, der „medizinische” Versuche an Insassen des KZ Dachau durchgeführt hatte.

Später setze er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt in Wien fort und war von 1954 bis 1961 Obmann des Rechtsanwaltsklubs „Wiener Rechtsanwälte“. Im Jahr 1953 verkaufte Dr. Steinbauer sein Haus in der Mitschastraße 7 an die Handelskammer, die dort ihre Zweigniederlassung einrichtete. 1961 verstarb Dr. Gustav Steinbauer im 72. Lebensjahr und wurde auf dem Friedhof Wien-Neustift zur letzten Ruhe gebettet.

Quellen (& Anmerkungen):
1 Pfarre Wien-St. Leopold: Taufbuch (1889), Fol. 150
Eintrag Taufbuch Pfarre Wien-St. Leopold
2 Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger, Jg. 62, 1920, Band 2, S. 1303 (Wienbibliothek digital)
3 Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 22. Jänner 1925, Generalanzeiger S. 48 (ONB: ANNO);
Reichspost 28. August 1921, S. 6 (ONB: ANNO)
4 Deutsches Volksblatt, 22. Juli 1922, S. 6 (ONB: ANNO)
5 Pfarre Mistelbach: Trauungsbuch (1922), Fol. 209
Eintrag Trauungsbuch Pfarre Wien-St. Leopold
6 Rosar, Dr. Wolfgang: Deutsche Gemeinschaft – Seyss-Inquart und der Anschluß (1971), S. 33
7 Sauer, Barbara u. Reiter-Zatloukal, Ilse: Advokaten 1938 – das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (2010), S. 329
8 Herold Verlag (Hrsg.): Adressbuch von Österreich – für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft (1928), S. 326;
Herold Verlag (Hrsg.): Adressbuch von Österreich – für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft (1938), S. 357 (online abrufbar auf „Findbuch für Opfer des Nationalsozialismus: findbuch.at)
9 Salzburger Volksblatt, 7. Mai 1938, S. 8 (ONB: ANNO)
Sauer, Barbara u. Reiter-Zatloukal, Ilse: Advokaten 1938 – das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (2010), S. 329 (hier wird aufgrund von Akten der Rechtsanwaltkammer der Zeitpunkt der Übersiedlung erst mit Jahr 1940 angegeben – dies widerspricht jedoch eindeutig obigem Zeitungsbericht und den Darstellungen seines Sohnes bei Schramml; in Lehmanns Wohnungsanzeiger scheint Rosa Steinbauer erstmalig 1941 auf (Wiener Adreßbuch – Lehmanns Wohnungsanzeiger 1941, Bd. 1, S. 1294))
10 Sauer, Barbara u. Reiter-Zatloukal, Ilse: Advokaten 1938 – das Schicksal der in den Jahren 1938 bis 1945 verfolgten österreichischen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte (2010), S. 329
11 Amtsblatt zur Wiener Zeitung, 31. August 1921, S. 767 (ONB: ANNO)
12 Koll, Dr. Johannes: Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940 – 1945) (2015), S. 584ff

-) Schrammel, Mag. Karl-Wolfgang: Dr. Gustav Steinbauer v. Giselher, F-B (1889-1961) – Erster Fuchs der Franco-Bavaria und Verteidiger Seyß-Inquarts im Nürnberger Prozess. Manuskript 2011
-) Gespräch mit Nationalratsabg. a.D. Heribert Steinbauer (Sohn) im August 2014
-) Eintrag zu Dr. Steinbauer im Biographischen Lexikon des Österreichischen Cartellverbandes
-) Fritz, Herbert u. Krause, Dr. Peter (Hrsg.): Farben tragen, Farbe bekennen 1938-1945 – Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung, S. 535f
-) Artikel auf DiePresse.com vom 29.7.2011 über Dokumente aus dem Nachlass von Dr. Steinbauer, die die grausamen Verbrechen des NS-Arztes Dr. Beiglböck belegen

(Anm.: Die Information Dr. Steinbauer sei Angehöriger der jüdischen Gemeinde in Mistelbach gewesen, wie dies im Buch von Fr. Prof. Olga Höfler: Die jüdischen Gemeinde im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen, 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach (2017), Band 2, S. 551 dargestellt wird, ist eindeutig falsch, wie zahlreiche der oben angeführten Quellen (zB Taufbucheintrag, Trauungsbucheintrag, etc.), die Recherche seines Stammbaumes und seine gesamte Lebensgeschichte belegen.)

Bildnachweis:
-) Foto aus den Beständen des Museumsarchivs der Stadt Mistelbach
-) Villa Steinbauer: Jakob, Christa u. Steiner, Oskar: Mistelbach in alten Ansichten, Band 2 (2001)
-) Wiener Kurier, 21. März 1946, S. 6
-) Grabstein: eigene Aufnahme

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