Weimarergasse

Durch die Errichtung der Flüchtlingsstation (Südtirolersiedlung) während des Ersten Weltkriegs entstand unterhalb des Krankenhauses ein neuer Stadtteil, und erst mit einiger Verzögerung, nämlich im April 1925, erfolgte die Benennung der dort neu entstandenen Straßenzüge. Die Mutmaßung[1], dass die Namensgebung der Weimarergasse wohl in Zusammenhang mit der gleichzeitigen Benennung der in umittelbarer Nachbarschaft gelegenen Goethe- und Schillergasse stünde, klingt plausibel – ist aber falsch. In dem im Mistelbacher Bote auszugsweise veröffentlichten Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 4. April 1925 heißt es betreffend die Namensgebung dieser Gasse: „Zur Erinnerung an Weimar, der Geburtsstätte des Anschlusswillens an Deutschland“.[2] Es handelt sich also um eine Reverenz an jenen Ort an dem die verfassungsgebende Nationalversammlung der deutschen Republik in den Jahren 1919-1920 tagte. Dieser Straßenname ist damit Ausdruck des während der Ersten Republik quer durch alle politischen Lager und Bevölkerungsschichten weit verbreiteten Wunsches nach dem Anschluss an das Deutsche Reich, der jedoch im Friedensvertrag von Saint-Germain untersagt wurde.

Die Ideologie des Nationalsozialismus war durch einen besonderen, mit großem Pathos inszenierten Totenkult geprägt, der seinen Anfang bei den Gefallenen des gescheiterten Putschversuches von 1923 nahm und der die Toten der Partei zu Märtyrern hochstilisierte. Ganz im Sinne dieser Totenverehrung wurde im November 1938 durch Beschluss des vom NS-Regime eingesetzten Gemeindeverwalters Adolf Schödl, die Weimarergasse, die die Nazis an die ihnen verhasste Weimarer Republik erinnerte, in „(Ernst) vom Rath-Straße“[3] umbenannt. Knapp zwei Wochen zuvor war der deutsche Diplomat und Botschaftssekretär Ernst vom Rath von Herschel Grynszpan, einem in Deutschland geborenen Sohn jüdisch-polnischer Eltern, in Paris erschossen worden. Die NS-Führung nutzte dieses Attentat als Anlass für die Novemberpogrome in der Nacht vom 9. November 1938, und stellte in ihrer Propaganda diese planmäßig durchgeführten und von höchster Stelle angeordneten Terrormaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung als „spontane Erhebung des Volkszorns“ dar. Die Bekanntgabe der Neubenennung erfolgte im Rahmen einer Kundgebung des Gauleiters Dr. Jury in Mistelbach am 20. November 1938 und gleichzeitig wurden auch die neuen Straßennamen Wilhelm Gustloff-Straße (Franz Josef Straße) und Adalbert Schwarz-Gasse (Gspanngasse) eingeführt, die ebenfalls nach getöteten Nationalsozialisten benannt wurden.[4] 1945 erhielt die Gasse wieder ihren ursprünglichen Namen.

Wo befindet sich die Weimarergasse?

 

Quellen (und Anmerkungen):
1 Spreitzer, Prof. Hans: „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“ in: Mistelbacher-Laaer Zeitung, 24. September 1955, S. 2f; Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 256
(Spreitzer schrieb bereits, dass die Benennung entweder in Zusammenhang mit der Goethegasse stünde, oder mit dem Ort an dem nach dem Ersten Weltkrieg die „deutsche Verfassung gezimmert wurde“. Auch Exl führt beide Möglichkeiten an, hielt jedoch die zweite, letztendlich richtige Variante für höchst unwahrscheinlich.)
2 Mistelbacher Bote, Nr. 16 /1925, S. 2
3 In der Grenzwacht lautet der Name „Ernst von (sic!) Rath-Straße“, im kleinen Volksblatt: „Vom Rath-Straße“
4 Grenzwacht, Nr. 11/1938, S. 9; Das kleine Volksblatt, 22. November 1938, S. 8 (ONB-ANNO)

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