Die bulgarische Zarin Eleonore zu Besuch in Mistelbach

21. Mai 2026 Aus Von Thomas Kruspel

Am 26. Juli 1910 besichtigte Zarin1 Eleonore – die Gattin des bulgarischen Herrschers Ferdinand I. – das erst im Jahr zuvor eröffnete Kaiser-Franz-Josef-Bezirks-Krankenhaus in Mistelbach. Empfangen wurde sie von Bürgermeister Thomas Freund und dem Leiter der Anstalt Dr. Fritz Höllrigl, der sie durch die gesamte Einrichtung führte. Die Zarin, die selbst ausgebildete Krankenpflegerin war und wenige Jahre zuvor im russisch-japanischen Krieg freiwillig die Leitung einer russischen Sanitätsabteilung übernommen hatte2, folgte der Führung mit großem Interesse und Fachverständnis. Zarin Eleonore verbrachte drei Stunden im Mistelbacher Krankenhaus und unterhielt sich auch mit einigen Patienten bzw. erkundigte sich nach deren Befinden. Am Ende ihres Besuches war sie voll des Lobes für diese den modernsten medizinischen Standards entsprechende Einrichtung und gratulierte den Verantwortlichen, die „… hier ein edles Werk der Nächstenliebe geschaffen [hätten] …“. Obwohl das Krankenhaus erst seit wenigen Monaten in Betrieb war, befand es sich bereits in einer schwierigen finanziellen Lage, denn die Errichtung und der Betrieb waren für die Stadt nur schwer zu stemmen und die umliegenden Gemeinden wollten die Leistungen des Krankenhauses zwar gerne für ihre Einwohner nutzen, zierten sich allerdings bei der Leistung eines finanziellen Beitrags. Bürgermeister Freund wusste diese Thematik taktvoll anzusprechen und Zarin Eleonore stimmte zu, dass solche Institutionen nicht ausschließlich Aufgabe der Gemeinden sein können, sondern auch Staat und Land zu deren Erhaltung und Betrieb beitragen müssten. Vor ihrem Abschied spendete die hoheitliche Besucherin dem Krankenhaus einen größeren Geldbetrag und ließ sich außerdem die Kontaktdaten jener Firmen geben, die das Krankenhaus ausgestattet hatten, da sie selbst die Gründung eines Krankenhauses in der bulgarischen Hauptstadt Sofia beabsichtigte.

Das Bezirks-Krankenhaus kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1909
Das Bezirks-Krankenhaus kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1909

Wie kam es, dass die bulgarische Zarin Mistelbach besuchte?

Die spätere Zarin Eleonore wurde 1860 als Prinzessin des alten deutschen Adelsgeschlechts Reuß zu Köstritz geboren. Etwa dreißig Jahre vor ihrer Geburt waren die Güter Hagenberg und Ernstbrunn im Erbwege in den Besitz ihrer Familie gelangt und die unverheiratete Prinzessin Eleonore, die sich vornehmlich sozialen Aufgaben widmete – einige Zeit wirkte sie als Diakonisse (= eine Art evangelischer Ordensschwester) – lebte später bei ihrem Bruder auf Schloss Ernstbrunn. Deutsche Adelige saßen im 19. Jahrhundert auf vielen europäischen Thronen und 1887 wurde der in Wien geborene Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha zum Fürsten („Knjaz“) von Bulgarien – das sich als weiterhin tributpflichtiges Fürstentum aus dem osmanischen Reich herauslöste – eingesetzt. Der Titel „Zar“ geht so wie auch der Titel „Kaiser“ auf den römischen Begriff „Caesar“ zurück und der erste Träger des Titels „Zar“ war tatsächlich ein bulgarischer Herrscher im 9. Jahrhundert, der damit die Nachfolge der oströmischen Kaiser beanspruchte. Nach der endgültigen Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1908 knüpfte Ferdinand I. von Bulgarien an diese Tradition an und nannte sich nunmehr Zar. Im selben Jahr und somit neun Jahre nach dem Tod seiner ersten Gattin ehelichte der bulgarische Herrscher schließlich Prinzessin Eleonore Reuß zu Köstritz, die aus einem zuvor eher zurückgezogenen Leben plötzlich und in bereits fortgeschrittenem Alter zur Gattin eines europäischen Herrschers aufstieg. Eleonore, die bis zu ihrer Verehelichung in Ernstbrunn gelebt hatte, erfreute sich sie aufgrund ihres großzügigen und sozial eingestellten Wesens großer Beliebtheit bei der dortigen Bevölkerung und für die damalige Zeit und ihren Stand ungewöhnlich, pflegte sie auch Kontakte zu den einfachen Leuten.

Gemälde der Zarin Eleonore von Bulgarien, geschaffen von Georgi Evstatiev (Public domain, via Wikimedia Commons)
Gemälde der Zarin Eleonore von Bulgarien, geschaffen von Georgi Evstatiev (Public domain, via Wikimedia Commons)

Diese Verbundenheit zu alten Bekanntschaften aus Ernstbrunn zeigte sich auch durch die Tatsache, dass Zarin Eleonore bei ihrem Besuch im Mistelbacher Krankenhaus vom Ernstbrunner Gemeindearzt Dr. Steiner begleitet wurde und insbesondere dadurch, dass sie vor der Besichtigung des Krankenhauses die Mistelbacher Glasermeistersgattin Elise Eybel in deren Haus in der Hafnerstraße besucht hatte. Bei Frau Eybel handelte es sich um eine Schwester des fürstlichen Rentmeisters (=leitenden Gutsverwalters) Swolensky in Ernstbrunn. Über das Geschehen in der Region informierte sich Eleonore durch den Mistelbacher Bote, den sie sich an den Zarenhof schicken ließ. Es überrascht daher nicht, dass 1917 nach ihrem Ableben auch im Mistelbacher Bote mehrere Meldungen zum Tod der auch in Bulgarien äußert populären Zarin erschienen.3

Bildnachweis:
-) Ansichtskarte des Krankenhauses: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Gemälde Zarin Eleonore von Georgi Evstatiev, Public domain – Wikimedia Commons

Quellen:
-) Mistelbacher Bote, Nr. 31/1910, S. 2f (ONB: ANNO)
-) Fitzka, Karl: Ergänzungs- und Nachtragsband zur Geschichte der Stadt Mistelbach (1912), S. 194ff
-) Tscherkassky, Waldemar: „Aus der Chronik des a.o. Kaiser-Franz-Josef-Bezirkskrankenhauses in Mistelbach“ In: Festschrift anlässlich der Erweiterung und Eröffnung des allgemeinen öffentlichen Kaiser Franz Josef Bezirkskrankenhauses in Mistelbach, am 17. Oktober 1937 (1937), S. 32

  1. in den zeitgenössischen Berichten, auf denen dieser Beitrag basiert, wird sie in der Regel als Königin bezeichnet
  2. Stoyanovich, Peter: Zar Ferdinand I. (geb. Prinz von Sachen-Coburg und Gotha) (2021), S. 302
  3. Mistelbacher Bote, Nr. 37/1917, S. 3 (ONB: ANNO);
    Mistelbacher Bote, Nr. 40/1910, S. 1 bzw. 6 (ONB: ANNO);
    Mistelbacher Bote, Nr. 39/1917, S. 5 (ONB: ANNO)