Michael Hofer-Zeile

Am 4. April 1925 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die Einführung von Straßennamen in der ehemaligen Flüchtlingsstation bzw. der umliegend entstandenen neuen Siedlung. Zum Gedenken an den Architekten dieser als Villenkolonie ausgeführten Flüchtlingsunterkünfte, Ingenieur im Staatsbaudienst Michael Hofer, wurde die Straße, die die Siedlung gegen die Landesbahnstrecke hin abschließt „Michael Hofer-Zeile“ benannt. Seit auch das Gebiet östlich der Ebendorfer Straße bzw. unterhalb der Liechtensteinstraße zusehends verbaut wurde, trägt die Straße längs der Landesbahn auch jenseits der Ebendorfer Straße den Namen Hofers.

Wo befindet sich die Michael Hofer-Zeile?

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Hofer, Ing. Michael

Hofrat Ing. Michael Hofer

* 31.7.1879, Lichtenwörth (Bez. Wr. Neustadt)
† 10.1.1958, Wien

Michael Hofer wurde 1879 als Sohn des Müllermeisters und Wirtschaftsbesitzers Michael Hofer sen. und dessen Gattin Christina, geb. Lehn, in Lichtenwörth bei Wiener Neustadt geboren.1 Die an der Warmen Fischa, außerhalb des Ortsgebiets von Lichtenwörth, gelegene Steinfeldmühle kam 1813 in den Besitz der Familie Hofer und wird bis heute von dieser geführt.2 Seine Mutter entstammte der Bierbrauerfamilie Lehn, die die Piestinger Brauerei bald nach ihrer Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts übernahm und bis in die 1990er Jahre besaß. Der Vater, Michael Hofer sen., war erfolgreicher Unternehmer, Gönner der hiesigen Pfarre und engagierte sich auch im öffentlichen Leben unter anderem als erster Hauptmann der Lichtenwörther Freiwilligen Feuerwehr.3 Zu seinem Andenken trägt die Richtung Wiener Neustadt bzw. zur Mühle führende Straße seit vielen Jahren den Namen „Michael Hofer-Straße“.

Michael Hofer jun. wuchs mit vier Schwestern und einem um ein Jahr älteren Bruder namens Carl auf, der dazu auserkoren war dem Vater als Mühlenbesitzer nachzufolgen. Somit konnte er von 1890 bis 1897 die sieben Jahrgänge umfassende Landes-Oberrealschule in Wiener Neustadt besuchen4, und legte hier im Sommer 1897 erfolgreich die Reifeprüfung ab. Bereits während der Schulzeit dürfte in ihm der Wunsch nach einer technischen Berufslaufbahn gereift sein, denn in der im Jahresbericht der Oberrealschule enthaltenen Liste der Maturanten des Jahres 1897 wird bei Hofer der Berufswunsch „Techniker“ angeführt.5 Diesem Wunsch folgend inskribierte er sich mit Beginn des Wintersemesters 1897/98 an der Bauschule der Technischen Hochschule Wien (heute: Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien) für das Studienfach Hochbau. Bis zum Wintersemester 1903/04 besuchte er dort Lehrveranstaltungen und schloss sein Studium – vermutlich nach zwischenzeitlicher Ableistung des Militärdienstes – schließlich am 28. Juli 1905 mit der Zweiten Staatsprüfung erfolgreich ab.6 Anfang November 1905 begann er seine Berufslaufbahn als Baupraktikant im Staatsbaudienst bei der k.k. niederösterreichischen Statthalterei in Wien. Der Staatsbaudienst für Niederösterreich dessen Wiener Diensträume sich an der Mariahilferstraße befanden war Teil der durch die Statthalterei ausgeübten gesamtstaatlichen Verwaltung und ist nicht zu verwechseln mit dem nö. Landesbauamt.

Schon zuvor, am 10. Oktober 1905, schloss Hofer mit Maria Muzzanelli (1880-1982), der aus Wiener Neustadt stammenden Tochter eines kaufmännischen Angestellten7, den Bund der Ehe. Diese Verbindung blieb kinderlos. Bis zum Beginn des 1. Weltkriegs hatte Hofer die übliche Laufbahn im Staatsbaudienst absolviert und war in den Rang eines Bau-Ingenieurs aufgestiegen.8 In dieser Funktion wurde er bald nach Kriegsausbruch damit beauftragt ein in Gmünd gelegenes Gelände bezüglich dessen Tauglichkeit zur Errichtung eines großangelegten Flüchtlingslagers zu begutachten, denn durch die gleich zu Beginn des Krieges erlittenen Gebietsverluste im Osten des Reichs (Bukowina und Galizien) wurden vielerorts rasch Quartiere für die große Zahl an Flüchtlingen geschaffen. Die ursprünglich vorgesehenen Äcker wurden von ihm als nicht geeignet angesehen, allerdings fiel Hofer bei seiner Besichtigung ein Areal nahe dem Gmünder Bahnhof der Franz-Josefs-Bahn auf, dass er für deutlich geeigneter hielt. Seiner Empfehlung zur Errichtung eines Barackenlagers an dieser Stelle wurde Folge geleistet und schließlich wurde er auch mit der Leitung der Ausführung dieses Bauvorhabens betraut.9 Binnen kürzester Zeit konnte der Bau realisiert werden und bereits Anfang des Jahres 1915 wurden die ersten Flüchtlinge aufgenommen. Das Lager bestand während der gesamten Kriegsdauer und in der Spitze waren hier rund 30.000 Flüchtlinge, mehrheitlich aus Galizien und der Bukowina untergebracht, weshalb diese „Barackenstadt“ auch „Ukrainisch-Gmünd“ genannt wurde. Das Lager beherbergte ein Vielfaches der Einwohnerzahl von Gmünd und verfügte dementsprechend über eine eigene Infrastruktur (Kirche, Friedhof, Schule, Spital, Postamt, E-Werk, Schlachterei, Gendarmerieposten, Sommertheater, etc.). Aufgrund der kriegsbedingt herrschenden Personalknappheit wurde Hofer, nachdem er seinen unten näher geschilderten Auftrag in Mistelbach erfüllt hatte, gegen Ende des Jahres 1915 der Verwaltung dieses Flüchtlingslagers (k.k. Barackenverwaltung Gmünd) dienstzugeteilt und er fungierte ab Beginn des Jahres 1918 als einer von zwei Lagerleiter-Stellvertretern.10 Kurzzeitig dürfte Hofer auch bei der Verwaltung des Flüchtlingslagers Mitterndorf eingesetzt gewesen sein, zumindest deuten die Angaben im Niederösterreichischen Amtskalender des Jahres 1916 (erschienen zu Ende des Jahres 1915) darauf hin.11

Das unter der Leitung von Ing. Michael Hofer in kurzer Frist erbaute Barackenlager Gmünd umfasste 144 Wohnbaracken, die ingesamt bis zu 30.000 Personen aufnehmen konnten, und zahlreiche soziale, gewerbliche und technische EinrichtungenDas unter der Leitung von Ing. Michael Hofer in kurzer Frist erbaute Barackenlager Gmünd umfasste 144 Wohnbaracken, die ingesamt bis zu 30.000 Personen aufnehmen konnten, und zahlreiche soziale, gewerbliche und technische Einrichtungen

Das Gebäude der Barackenverwaltung samt dessen Vorstand anlässlich eines Besuchs des nö. Statthalters - mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte auch Michael Hofer zu den darauf abgeildeten Personen zählen (leider ist keine Fotografie von ihm überliefert)Das Gebäude der Barackenverwaltung samt dessen Vorstand anlässlich eines Besuchs des nö. Statthalters – mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte auch Michael Hofer zu den darauf abgeildeten Personen zählen (leider ist keine Fotografie von ihm überliefert)

Die Errichtung des Flüchtlingslagers in Gmünd bedeutete nicht nur einen Aufschwung für die lokale Wirtschaft, sondern die Gemeindevertreter erkannten früh auch die für die weitere Stadtentwicklung bedeutende Entscheidung von Hofer bezüglich Errichtung und Lage des Flüchtlingslagers, und verliehen ihm im Dezember 1916 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Gmünd.12 Das Lager wurde nach Ende des Ersten Weltkriegs für verschiedene Zwecke und immer wieder auch als Notunterkunft genutzt und im Laufe der Jahre entstand hier auf Grundlage der Infrastruktur des Flüchtlingslagers der Stadtteil Gmünd-Neustadt. Am 23. Oktober 1957 beschloss der Gmünder Gemeinderat eine Straße in der Neustadt in Erinnerung an den Mitbegründer dieses Stadtteils „Michael-Hofer-Gasse“ zu benennen.13

Im September 1915 wurde auch in Mistelbach mit der Errichtung einer Flüchtlingsstation auf dem Areal unterhalb des Krankenhauses begonnen und mit der Planung und Bauleitung wurde Ing. Hofer, der sich durch seine Leistung in Gmünd empfohlen hatte, betraut.14 Die Quartiere wurden für Flüchtlinge aus Südtirol errichtet, da nach dem Kriegseintritt Italiens 1915 auf Seiten der Entente auch an der südwestlichen Reichsgrenze Kämpfe tobten und die Zivilbevölkerung im Kampfgebiet fliehen musste. Im Unterschied zu Gmünd war die Flüchtlingsstation in Mistelbach jedoch deutlich kleiner angelegt und auch in punkto Qualität der Unterbringung wurden neue Maßstäbe gesetzt, denn Hofer plante die Flüchtlingsunterkünfte im Stile einer für damalige Verhältnisse luxuriösen Villenkolonie. Schon im April 1916 wurden die ersten Flüchtlinge aufgenommen und ein Jahr nach Baubeginn war die Flüchtlingsstation mit 47 Ein- und Zweifamilienhäuser, die in der Spitze 750 Personen beherbergen sollten, drei Gemeinschaftsgebäuden (Schule, Verwaltungsgebäude, Restaurant) und zwei Magazine fertiggestellt.15 Für Mistelbach bedeutete die Schaffung dieses neuen Stadtteils einen großen Entwicklungsschritt, schließlich wurde hier auf Staatskosten Wohnraum und Infrastruktur  geschaffen, die nach der Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat, im Elend und der Wohnungsnot der Zwischenkriegszeit dringend gebraucht werden konnten. Die Flüchtlingsstation diente nach dem Krieg kurzzeitig der Unterbringung von Truppen der Volkswehr, der ersten Armee der jungen Republik, bzw. wurde ein Teil der Wohnhäuser später von der Wiener Polizei für Erholungsaufenthalte von Polizisten bzw. deren Angehörigen genutzt. Im Laufe der Zwischenkriegszeit gingen die Gebäude schrittweise in den Besitz der Stadt über und wurden von dieser an Privatpersonen verkauft. Westlich der Flüchtlingsstation wurden ab den 1920er Jahren weitere Grundstücke aufgeschlossen und im Zuge der Einführung von Straßennamen in der ehemaligen Flüchtlingsstation bzw. der sich daraus nun entwicklenden Siedlung beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 4. April 1925 die längs der Landesbahnstrecke verlaufende und die Siedlung südlich abschließende Gasse nach dem Architekten der Flüchtlingsstation „Michael Hofer-Zeile“ zu benennen. In der Begründung wird Hofers Einsatz dafür hervorgehoben, dass die Flüchtlingsstation nicht als Barackensiedlung, sondern in Form einer modernen Villenkolonie erbaut wurde.16

Die in Form einer Villenkolonie erbaute Flüchtlingsstation samt dem Verwaltungsgebäude im Vordergrund - aus der Perspektive des gegenüberliegenden Krankenhauses gesehen.Die in Form einer Villenkolonie erbaute Flüchtlingsstation samt dem Verwaltungsgebäude im Vordergrund – aus der Perspektive des gegenüberliegenden Krankenhauses gesehen.

Ansicht der Flüchtlingsstation aus südwestlicher RichtungAnsicht der Flüchtlingsstation aus südwestlicher Richtung

Eine Aufnahme der ehemaligen Flüchtlingsstation von südlicher Richtung, die auf der Ansichtskarte als Villenviertel bezeichnet wird. Bei der vor den ersten Häusern verlaufenden Straße (nächst der Landesbahnstrecke) handelt es sich um die Michael Hofer-ZeileEine Aufnahme der ehemaligen Flüchtlingsstation von südlicher Richtung, die auf der Ansichtskarte als Villenviertel bezeichnet wird. Bei der vor den ersten Häusern verlaufenden Straße (nächst der Landesbahnstrecke) handelt es sich um die Michael Hofer-Zeile

Nach dem Ende der Monarchie und der bald darauf folgenden Schließung des Flüchtlingslages in Gmünd kehrte Hofer wieder nach Wien an seine Dienststelle, nunmehr Staatsbaudienst bei der niederösterreichischen Landesregierung, zurück.17 Im Oktober 1933 trat seine Dienststelle kumulativ der Vaterländischen Front, der Einheitspartei des autoritären Dollfuß-Regimes, bei. Solcherart von oben angeordnete und orchestrierte Massenbeitritte ließen die Mitgliederzahlen dieser neuen „Volksbewegung“ auf mehrere Millionen ansteigen, lassen jedoch kaum Schlüsse auf die tatsächliche politische Einstellung einer Vielzahl der Mitglieder zu. Schon Mitte der 1930er Jahren zum Hofrat ernannt stieg Hofer im Zuge einer Organisationsreform 1937 schließlich zum Leiter des Referats 9A „Allgemeine technische Angelegenheiten des Bundesbaudienstes, Hochbau, etc.“ im Landesamt I der nö. Landesregierung auf18 und hatte dieses Amt bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand inne.19 In dieser Funktion, möglicherweise aber auch aufgrund persönlicher Verbundheit zu Mistelbach, übernahm er als Vertreter des Landes die Obmannschaft im Bauauschuss betreffend den Zu- bzw. Ausbau des Bezirkskrankenhauses Mistelbach, der auch aufgrund seines Einsatzes nach nur wenigen Monaten Bauzeit fertiggestellt und im Oktober 1937 eröffnet werden konnte.20 Im Jahr darauf führte Hofer bspw. auch die Bauleitung beim Bau eines neuen Gerichts- und Amtsgebäudes in Neunkirchen.21 Hofer war nicht Mitglied der NSDAP, war jedoch laut eigenen Angaben in Personalfragebögen während den Jahren 1938-1945 Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und der ebenfalls der Partei angeschlossenen berufsständischen Vertretungen Nationalsozialistischer Bund Deutscher Technik (NSBDT) und Reichsbund der Deutschen Beamten (RDB).

Im Sommer 1946 scheint Hofrat Hofer noch als Leiter der Abteilung Hochbau beim Landesbauamt auf, seine Versetzung in den Ruhestand dürfte jedoch Ende 1946 bzw. spätestens in den ersten Monaten des Jahres 1947 erfolgt sein.22 Hofrat Ing. Michael Hofer verstarb am 10. Jänner 1958 im 79. Lebensjahr in Wien und wurde im Familiengrab in Lichtenwörth bestattet.

Die letzte Ruhestätte von Hofrat Michael Hofer im Grab der Familie Hofer auf dem Lichtenwörther FriedhofDie letzte Ruhestätte von Hofrat Michael Hofer im Grab der Familie Hofer auf dem Lichtenwörther Friedhof

 

Wo befindet sich die Michael Hofer-Zeile?

 

Bildnachweis:
-) Ansichtskarten der Flüchtlingsstation Mistelbach aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl – digitalisiert und zur Verfügung gestellt von Herrn Otmar Biringer
-) Foto des Gebäudes der Barackverwaltung Gmünd: Wiener Bilder, 10. Oktober 1915 (20. Jg. – Nr. 41), S. 10f (ONB: ANNO);
-) Foto Barackenlager Gmünd: Das interessante Blatt, 30. September 1915 (34. Jg. – Nr. 39, S. 7 (ONB: ANNO)
-) Familiengrab Hofer: dankenswerterweise zVg von Herrn Franz Ofner-Winkler (2022)

Quellen:
-) Standesblatt Michael Hofer (Niederösterreichisches Landesarchiv)
-) Personalfragebögen zu Michael Hofer aus der NS-Zeit (Niederösterreichisches Landesarchiv)
-) diverse Ausgaben des Niederösterreichischen Amtskalenders, Niederösterreichischen Almanachs, Österreichischen Amtskalenders

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Josef Strasser-Gasse

Diese Gasse entstand gemeinsam mit der Karl Fitzka-Gasse zu Beginn der 1910er Jahre als die zuvor im Besitz der Familie Strasser befindlichen Gründe zwischen Mistelufer und Mitschastraße baulich erschlossen wurden. Der berühmteste Vertreter der Familie Strasser, die unweit dieser Gasse, nämlich am Beginn der Liechtensteinstraße, mit ihrem Gerbereibetrieb ansässig war, ist Josef Strasser. Er stand der Gemeinde Mistelbach von 1867 bis 1888 als Bürgermeister vor und trug maßgeblich zum Aufschwung Mistelbachs bei, der sich auch in der Stadterhebung im Jahre 1874 widerspiegelt. Am 31. Oktober 1913 beschloss der Mistelbacher Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) diese Gasse nach dem verdienten Bürgermeister und Ehrenbürger der Stadt zu benennen. Zunächst wurden lediglich auf der linken Straßenseite (ungerade Hausnr.) Häuser errichtet, erst Jahrzehnte später erfolgte auch die Bebauung der rechten Straßenseite dieser Sackgasse.

Wo befindet sich die Josef Strasser-Gasse?

 

Quellen:
-) Verhandlungsschrift über die öffentliche Gemeindeausschusssitzung vom 31. Oktober 1913 In: Mistelbacher Bote, Nr. 45/1913, S. 5;
-) Spreitzer, Prof. Hans: Mistelbachs Straßen- und Gassennamen In: Mistelbacher Laaer Zeitung, Nr. 38/1955, S. 2f

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De Venne-Weg

Devenne (auch Devenna bzw. verschiedenste andere Schreibweisen) lautete der Name einer im 17. und 18. Jahrhundert in Mistelbach ansässigen Bürgerfamilie, deren erster Vertreter aus Regensburg zuwanderte. Die Mitglieder dieser ursprünglich allerdings aus dem Brabant (heute ein Teil von Belgien) stammenden Familie brachten es hier als Apotheker, Handelsleute und Steuereinnehmer zu großem Wohlstand und der letzte (bekannte) Vertreter der Mistelbacher Linie, Ferdinand Maximilian Devenne, bekleidete auch das Amt des Marktrichters. Er war es auch der Mitte des 18. Jahrhunderts das Barockschlößl als seinen Wohnsitz erbauen ließ und somit bleibende Spuren im Mistelbacher Stadtbild hinterlassen hat. In der Sitzung vom 14. November 1974 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine Gasse in der erweiterten Stadtwald-Siedlung nach der Familie des Erbauers des Barockschlößls zu benennen.

Wo befindet sich der De Venne-Weg?

 

Quellen:
-) Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: „Zur Herkunft der Familie des Mistelbacher Markrtichters Devenne“ In: Weinviertler Nachrichten, Nr. 16/1964, S. 5
-) Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 183, Jänner 1975, S. 5

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Sobek, Leopoldine

Leopoldine Sobek

* 7.4.1904, MistelbachLeopoldine Sobek im Alter von 90 Jahren
† 8.6.1996, Mistelbach

Leopoldine Sobek wurde 1904 als Tochter des Bahnbediensteten Franz Sobek und dessen Gattin Anna, geb. Bergauer, in Mistelbach geboren.1 In den Einträgen der Pfarrbücher zu ihrer Familie findet sich der Familienname stets in der Schreibweise „Soubek“, später scheint jedoch ausschließlich die Schreibweise ohne „u“ auf.2 Gemeinsam mit vier jüngeren Geschwistern, drei Schwestern und einem Bruder, wuchs sie am Wohnsitz der Familie im Haus Kreuzgasse Nr. 3 auf. Sobek absolvierte ihre Pflichtschulbildung in Mistelbach und nach einer Schneiderlehre, machte sie sich bereits 1924 im Alter von 20 Jahren als Schneidermeisterin selbstständig.3

Für die damalige Zeit wenig überraschend war Sobeks Vater als Eisenbahner auch Sozialdemokrat und scheint zu Beginn der 1930er Jahre als Funktionär der Mistelbacher Lokalorganisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP) auf.4 Ihre weltanschaulich-politische Prägung erhielt Leopoldine Sobek jedoch offenkundig nicht väterlicherseits, sondern durch ihre Mitgliedschaft im von völkischer Ideologie und Antisemitismus geprägten Deutschen Turnverein Mistelbach. Der Deutsche Turnverein war in der Zeit von Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn der 1920er Jahre, de facto der einzige Verein in Mistelbach in dem man sich sportlich betätigen konnte. Zwar gab es vereinzelt auch schon andere Sportvereine (bspw. Tennisverein, Radfahrverein), doch waren diese Sportarten sehr exklusiv und bedurften teurer Ausrüstung. Im Deutschen Turnverein waren hingegen alle Klassen und Stände vertreten, ganz im Sinne der nationalen Idee der  „Volksgemeinschaft“. Juden, die zuvor sehr wohl auch diesem Verein angehört hatten, waren bereits ab dem Jahr 1893 von einer Mitgliedschaft ausgeschlossen. Es wundert also nicht, dass beim Deutschen Turnverein keineswegs die sportliche Betätigung im Vordergrund stand, sondern die Mission der deutschen Turnbewegung war vor allem auch die ideologische Erziehung und Charakterbildung im Sinne des deutschen Volkstums. Der Deutsche Turnverein nutzte seine Alleinstellung – erst während der 1. Republik entstanden auch sozialdemokratische und christlich-soziale Turnvereine in Mistelbach – und war sehr stark in der Jugendarbeit präsent und so wurden Generationen sport- und bewegungsbegeisterter Kinder und Jugendlicher bereits in jungen Jahren mit antisemtischer und deutsch-nationaler Ideologie indoktriniert. Die Deutschen Turnvereine waren ideologische Wegbereiter des Nationalsozialismus und viele Vereine, so etwa auch jener in Mistelbach, wurden 1934 nach einer Welle von Nazi-Terroranschlägen aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus vom Dollfuß-Regime verboten. Etwa um die Zeit des 1. Weltkriegs, trat Sobek in jungen Jahren diesem Verein bei und blieb ihr ganzes Leben dem Turnen treu.5 Besonders begeisterte sie sich für das Geräteturnen und sie nahm in der Zwischenkriegszeit bei Turnfesten in Österreich und im Deutschen Reich an Wettkämpfen teil. Jedenfalls war Sobek bereits Anfang der 1930er Jahre als Vorturnerin der Turnerinnenabteilung6 aktiv und scheint 1933 auch als Leiterin der Mädchenabteilung des Vereins auf.7 Diese Funktionen dürfte sie bis zum bereits oben erwähnten Verbot des Deutschen Turnvereins Mistelbach im Jahre 1934 bekleidet haben.

Der Umbruch in den Tagen des sogenannten „Anschlusses“ im März 1938 vollzog sich sehr rasch, und schon am Abend des 11. März, also bevor am nächsten Morgen Truppen der deutschen Wehrmacht die österreichische Grenze überschritten, rissen die Nationalsozialisten bereits vielerorts die Macht an sich – auch in Mistelbach. In ganz Österreich wurden daher die einmarschierenden deutschen Truppen schon am 12. März mit einem Meer von Hakenkreuzfahnen begrüßt. Dass es so wirkte, als hätte ganz Österreich nur auf den Einmarsch der Deutschen gewartet, dazu trugen viele fleißige Hände bei und in Mistelbach soll Leopoldine Sobek ihren Beitrag dazu geleistet haben. Wie man sich noch heute hinter vorgehaltener Hand erzählt, soll Sobek die ganze Nacht von 11. auf den 12. März hindurch Fahnen genäht haben, und somit (gemeinsam mit anderen) maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ganz Mistelbach am folgenden Tag bereits im „Hakenkreuzschmuck erstrahlte“. Aufgrund ihrer Sozialisierung und weltanschauliche Prägung im Deutschen Turnverein und ihres handwerklichen Könnens erscheint diese Erzählung sehr plausibel. Sobek war nicht Mitglied der NSDAP8, allerdings war eine Parteimitgliedschaft von Frauen auch eher unüblich, da politische Arbeit nach nationalsozialistischer Weltanschauung kein Betätigungsfeld für Frauen war. Laut Zeitzeugenberichten war Sobek, die zur Zeit der NS-Herrschaft bereits Mitte/Ende dreißig war, auch als Führerin beim Bund deutscher Mädel (BdM), der weiblichen Teilorganisation der Hitlerjugend, aktiv. Dies ist insofern ein wenig außergewöhnlich, als in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen allgemein der Grundsatz „Jugend führt Jugend“ galt, der natürlich dem Ziel diente die Kinder und Jugendlichen durch Übernahme von Verantwortung und Fernhalten etwaiger anderer Einflüsse so eng wie möglich an das Regime und seine Ideologie zu binden. Da Sobek zeitlebens unverheiratet blieb, und somit keine familiären Verpflichtungen hatte, und in der nationalen Jugendarbeit aus ihrer Zeit beim Deutschen Turnverein über große Erfahrung verfügte, war ihre Mitwirkung in der nationalsozialistischen Jugendbewegung zweifellos willkommen. 1939 scheint sie dann außerdem in der Vertretung ihres Berufsstandes in der Handwerkskammer St. Pölten als Obermeisterin der Damenschneiderinneninnung für den Kreis Mistelbach auf.9 Wenig später dürfte es jedoch zu einer Strukturänderung gekommen sein und die neue „Kreishandwerkschaft Mistelbach“ umfasste nunmehr die Kreise Mistelbach, Nikolsburg und Gänserndorf und das Amt der Obermeisterin wurde von einer anderen Person bekleidet.10

Auf den Untergang des Nationalsozialismus, der in seinen letzten Wochen Krieg und Zerstörung auch ins Weinviertel brachte, folgte sowjetische Besatzung und große Not in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der es an allem mangelte. Unter Verweis auf die herrschende Materialknappheit wurde 1945 seitens der an der Stadtverwaltung beteiligten Kommunisten, und mit Unterstützng der Besatzungsmacht, versucht Zentralwerkstätten in verschiedenen Wirtschaftszweigen einzurichten. Manche sahen darin den Versuch der Einführung eines kollektiven Wirtschaftssystems nach sowjetischem Vorbild. Tatsächlich wurden im Sommer 1945 laut einem kommunistischen Zeitungsbericht eine Zentralschneiderei und eine Schuhmacherzentrale in Mistelbach eingerichtet, in der alle Schneider bzw. Schuster der Stadt tätig waren.11 Energisch kämpfte Schneidermeisterin Sobek gemeinsam mit ihrer Berufskollegin Maria Römer beim Bürgermeister und Bezirkshauptmann gegen diese zentralistischen Strukturen an.12 Es ist unklar, wie lange die Zentralwerkstätten Bestand hatten, aber möglicherweise hatte Sobek durch ihren Protest daran Anteil, dass diese jedenfalls nicht zu einer dauerhaften Einrichtung wurden.

Aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus konnten sich die ehemaligen Vereine des stramm-nationalen „Deutschen Turnerbundes (DTB)“ während der Besatzungszeit nicht wiederbegründen. Erst später konnten sie sich zum Teil wieder konstituieren und im Nachfolgeverband „Österreichischer Turnerbund (ÖTB)“, der bis heute der FPÖ nahe steht, sammeln. In Mistelbach kam es nicht dazu, da sich (führende) ehemalige Mitglieder des Deutschen Turnvereins Mistelbach, bereits zuvor der Turn- und Sportunion angeschlossen hatten. Die Turn- und Sportunion war Nachfolgeorganisation der christlich-deutschen Turnerschaft, und stand der ÖVP nahe. Auch Leopoldine Sobek gehörte Ende des Jahres 1948 zu den Gründern der Turn- und Sportunion Mistelbach. Über Jahrzehnte hinweg war sie später im Vorstand dieses Vereins engagiert, bekleidete das Amt der Obmann-Stellvertreterin und war bis 1990 (im Alter von 86 Jahren!) Vorturnerin und Leiterin der Damenriege. Schon 1974 wurde ihr als erstem Mitglied der Mistelbacher Turn- und Sportunion vom Verband das Ehrenzeichen in Gold für ihr jahrzehntelanges Wirken verliehen.

Leopoldine Sobek (rotes x) bei einem Ausflug der Turn- und Sportunion Mistelbach ins Burgenland im Jahre 1969Leopoldine Sobek (rotes x) bei einem Ausflug der Turn- und Sportunion Mistelbach ins Burgenland im Jahre 1969

Nachdem sich die von ihr geführte Schneiderei zuvor in der Bahnstraße befunden hatte, verlegte sie diese später an die Adresse Karl-Fitzka-Gasse Nr. 9, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Gatten, Forstmeister Ing. Oskar Sklenar, lebte. 1964, nach vierzig Jahren beruflicher Selbstständigkeit, während der sie rund 30 Lehrmädchen ausbildete, tratt Sobek in den Ruhestand über.13 Bis ins hohe Alter körperlich ausgesprochen fit und als Vorturnerin aktiv, erlitt sie 1990 beim Schwimmen einen Schlaganfall, der sie dazu zwang ruhiger zu treten.14 Am 8. Juni 1996 verstarb Leopoldine Sobek im Alter von 92 Jahren und ihre sterblichen Überreste wurden auf dem Mistelbacher Friedhof beigesetzt.

Sobeks letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher FriedhofSobeks letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher Friedhof

Der Mistelbacher Gemeinderat beschloss in seiner Sitzung vom 21. September 2004, eingedenk von Sobeks Einsatz für die körperliche Ertüchtigung, die neben dem 2006 eröffneten Turnsaal in der Gartengasse verlaufende, neu geschaffene Straße Leopoldine Sobek-Gasse zu benennen.

Wo befindet sich die Leopoldine Sobek-Gasse?

Quellen:
-) Archiv Sportunion Mistelbach (Dank an Herrn Gerhard Öhler)

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Alte Pfarrkirche von Eibesthal

Eibesthal dürfte seit der Etablierung diözesaner Strukturen in unserer Gegend im 11. Jahrhundert eine Filiale (später Vikariat) der Großpfarre Mistelbach gewesen sein, als solche scheint sie jedenfalls bereits in Urkunden aus der Mitte des 13. Jahrhunderts auf. Somit muss auch bereits früh eine Kapelle vorhanden gewesen sein, von der allerdings keine Spuren erhalten geblieben sind. Vermutlich bestand diese erste Kapelle aus Holz und wurde später durch einen massiveren Bau aus Stein an selber Stelle ersetzt. Diese wohl aus dem 14. Jahrhundert stammende steinerne Kapelle war im gotischen Stil erbaut und bildete später das Presbyterium (=Altarraum) des im Laufe der folgenden Jahrhunderte sukzessive erweiterten Kirchengebäudes. Am Presbyterium anliegend befand sich der ursprüngliche Kirchturm, der eine Glocke aus dem Jahre 1373 beherbergte. Vermutlich seit ihren Anfängen, jedenfalls seit dem Zeitpunkt als diese Glocke gegossen wurde, war die Eibesthaler Kirche der Heiligen Maria Magdalena geweiht.1

1661 wurde Eibesthal zur Pfarre erhoben, blieb jedoch weiterhin im Einflussbereich der Pfarre Mistelbach bzw. des fortan dort wirkenden Barnabitenordens. Die Fertigstellung einer ersten bedeutenden Erweiterung durch Anbau eines Mittelschiffs an die Kapelle dürfte 1675 erfolgt sein. In Zusammenhang mit diesen beiden Ereignissen dürfte die Neuweihe stehen, die zwischen 1666 und 1675 stattgefunden haben muss, und als neuer Kirchenpatron scheint nunmehr der Heilige Markus auf.2 Derartige Patronatswechsel sind zwar selten, allerdings auch nicht gänzlich ungewöhnlich (bspw. Patronatswechsel der Kettlasbrunner Pfarrkirche Ende des 18. Jahrhunderts). Die Hintergründe dazu sind  jedoch leider nicht überliefert. Da der Wechsel gerade in jene Zeit fällt als kurz zuvor der Barnabitenorden die Mistelbacher Pfarre und auch die Zuständigkeit für Eibesthal übernahm, lautet eine Theorie, dass die Neuweihe von den neuen Pfarrherren durchgesetzt wurde, da der Heilige Markus in Oberitalien, dem Ursprungsort des Barnabitenordens, besonders verehrt wurde.3 Die These, dass die Neuweihe und Änderung des Patroziniums Mitte des 17. Jahrhunderts mit der Rückkehr der Eibesthaler zum katholischen Glauben, nach einer kurzen Phase des Protestantismus, in Zusammenhang stünde, erscheint hingegen nicht schlüssig, da die Rekatholisierung Eibesthals jedenfalls bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts einsetzte und bereits einige Jahrzehnte vor der Neuweihe abgeschlossen gewesen sein dürfte. Somit scheint der notwendige zeitliche Zusammenhang nicht gegeben.4 Der Zeitpunkt der Neuweihe in Verbindung mit dem Umbau war allerdings wohl kein Zufall, denn vermutlich dürfte der alte Hauptaltar (den wohl das Bildnis Hl. Maria Magdalena zierte) für die vergrößerte Kirche nun zu klein gewesen sein, und da somit eine Neuanschaffung notwendig war, nutzte man diese Gelegenheit zum Wechsel des Kirchenpatrons. Die vormalige Kirchenpatronin wurde später in einem Glasfenster neben dem Seitenaltar verewigt5 und der ihr geweihte Altar möglicherweise als Seitenaltar weiterverwendet. Schon wenige Jahrzehnte nach dem Anbau des Kirchenschiffs wurde dieses um 1700 aufgrund des Platzbedarfs erneut erweitert und 1743 erfolgte schließlich der Zubau einer Sakristei.6

Der alte Kirchturm wurde aufgrund seiner Baufälligkeit zu einer Gefahr und als 1818 ein Teil des Turms einstürzte und auch das Gewölbe des Presbyteriums als einsturzgefährdet galt, wurde der Abbruch des alten und der Bau eines neuen Turms beschlossen und im Zuge dieser Arbeiten sollte das Kirchengebäude neuerlich ausgebaut werden. Das Gewölbe des Presbyteriums, dass beim Abbruch des Turms zum Teil einstürzte, wurde wiederhergestellt und das Gotteshaus durch einen Zubau an der rückwärtigen Seite erweitert, der eine Chorempore umfasste und über diesem Gebäudetrakt wurde der neue Kirchturm erbaut. Während der Bauzeit fanden die Gottesdienste zunächst kurzzeitig in der Sakristei und danach in einem Stadel statt und die Kirchenglocken wurden auf einem Gerüst auf dem Schenkberg aufgestellt. Im Zuge dieses Zu- bzw. Umbaus, der erst 1827 fertiggestellt werden konnte, wurde auch das Kirchendach mit Ziegeln neu eingedeckt (zuvor Holzschindeln). Der zunächst nur mit Schindeln gedeckte niedrige Helm des neuen Kirchenturm erhielt erst 1890 sein spitzes Blechdach und damit sein charakteristisches, den Ort bis zur Zerstörung 1945 prägendes, Erscheinungsbild.7

Da das Mauerwerk der Kirche feucht war, hegte Pfarrer Franz Riedling schon zu Ende des 19. Jahrhunderts die Idee für einen Neubau. So sollten etwa auch die von Riedling initiierten Passionsspiele, die in Eibesthal in unregelmäßigen Abständen in den Jahren 1898 bis 1911 stattfanden, Mittel für einen Kirchenneubau lukrieren.8 Doch ließ sich dieses Vorhaben aus finanziellen Gründen schließlich nicht realisieren.

Die alte Pfarrkirche wie sie von 1890 bis zur ihrer Zerstörung 1945 aussah, hier auf einer Aufnahme aus den 1930er JahrenDie alte Pfarrkirche wie sie von 1890 bis zur ihrer Zerstörung 1945 aussah, hier auf einer Aufnahme aus den 1930er Jahren

 

Um 1935: Rückansicht der Pfarrkirche auf der der ältesten Teil des Bauwerks, das Presbyterium, gut erkennbar istUm 1935: Rückansicht der Pfarrkirche auf der der ältesten Teil des Bauwerks, das Presbyterium, gut erkennbar ist

Das Innere der alten Pfarrkirche wird in einem Zeitungsartikel anlässlich der Eröffnung des Nachfolgebaus wie folgte beschrieben9: „Die Kirche war kein Prachtbau, aber doch war sie uns lieb und vertraut. Wenn der Besucher in sie eintrat, fühlte er sich sogleich heimisch und geborgen. Der erste Blick fiel auf den in gotischem Stil gehaltenen Holzaltar, der im ältesten Teil der Kirche, dem Presbyterium, stand. Dieses war durch ein schmiedeeisernes Speisgitter vom breiteren Mittelschiff getrennt. Durch kleine Fenster, die rot und blau gemalte Bildnisse von Heiligen trugen fiel das Licht in den verhältnismäßig niederen Raum des Mittelschiffes. Weißgetünchte Wände, zwei einfache Deckengemälde, ein bunter Wandsockel gaben der Kirche ein sauberes Aussehen. Links und rechts an den Wänden standen je fünf Statuen, dazwischen die Bilder der Kreuzwegstationen und Gedenktafeln für die Gefallenen des Weltkrieges. An der linken Stirnseite des Mittelschiffes stand der Marienaltar, an der rechten die Kanzel. Unter dieser der Beichtstuhl, auf den eine sehr alte, wunderbar ergreifende Pietà gestellt war.“

Die Kämpfe in der näheren Umgebung von Eibesthal währten bereits zwei Tage als der Ort am 18. April 1945 vormittags durch „Stalinorgeln“ (Raketenwerfer) beschossen wurde und die Kirche erste Schäden erlitt. Am Tag darauf lag der Ort erneut unter Beschuss und kurz nachdem sich Truppenteile der Waffen-SS am frühen Nachmittag aus Eibesthal zurückzogen, schlugen plötzlich beim Choraufgang Flammen aus dem Kirchendach. An Löscharbeiten war während der andauernden Kampfhandlungen nicht zu denken und so kam es, dass das Gewölbe des Mittelschiffs und abends schließlich auch der Dachstuhl des Kirchenturms brennend in sich zusammenstürzten. Während das Presbyterium samt Hoch- und Marienaltar auf wundersame Weise verschont blieben, wurde alle sonstige Einrichtung: Bänke, Orgel, Bilder und Statuen ein Raub der Flammen. Die Monstranz mit dem Allerheiligsten konnte von Pfarrer Dr. Anton Brunauer-Dabernig noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Durch die Kampfhandlungen entstanden im Ort große Schäden und neben der Pfarrkirche wurden zahlreiche weitere Gebäude ein Raub der Flammen und unter der Zivilbevölkerung gab es Todesopfer zu beklagen. Wahrscheinlich durch verdeckte Glutnester brach drei Tage später erneut ein Feuer auf dem Dach des verschont gebliebenen Presbyteriums aus, das jedoch gelöscht werden konnte.10

Die ausgebrannte Kirche im Jahre 1945

 

Rückansicht der zerstörten Pfarrkirche mit Resten des Dachstuhls des PresbyteriumsRückansicht der zerstörten Pfarrkirche mit Resten des Dachstuhls des Presbyteriums

Die Kirchenruine war mit Schutt gefüllt und um sie herum lag eine Unzahl von zerborstenen Dachziegeln. Zunächst wurden die Sonntagsgottesdienste im Pfarrstadel abgehalten, bis die Dorfjugend vor dem Pfingstfest 1945 den Schutt aus der Ruine entfernte, sodass am Pfingstsonntag der erste Gottesdienst in der Kirchenruine stattfand. Auch ein Geläut wurde mit zwei Panzerplatten von Wracks im unteren Teil der Ruine des Turms improvisiert. Dieser Notbetrieb in der Ruine wurde für die schöne Jahreszeit aufrechterhalten, und ab Beginn des Winters wurde dann in einem leeren Klassenzimmer eine Notkapelle eingerichtet, die bis Ostern 1949 genutzt wurde.11

Die mit Schutt gefüllte Kirchenruine

Die mit Schutt gefüllte Kirchenruine

 

Das vom Schutt befreite Innere der zerstörten Kirche in der im Sommer 1945 wieder Messen unter freiem Himmel abgehalten wurden

Das vom Schutt befreite Innere der zerstörten Kirche in der im Sommer 1945 wieder Messen unter freiem Himmel abgehalten wurden

Mit dem Abtragen der Kirchenruine wurde im Frühjahr 1946 begonnen und im Mai 1946 war dies vollständig geschehen. Die Pläne für die neue Kirche wurden von Architekt Hans Plank und Prälat Jakob Fried ausgearbeitet und im Herbst 1946 wurde mit den Aushubarbeiten für die Unterkirche, die auch als Veranstaltungsraum dienen sollte, begonnen. Der eigentliche Baubeginn verzögerte sich aufgrund des in der Zeit des Wiederaufbaus herrschenden Baustoffmangels um eineinhalb (!) Jahre, und konnte erst im April 1948 erfolgen. Nachdem die Grundmauern der Unterkirche fertiggestellt waren, konnte am 29. Juni 1948 die Grundsteinlegung für den Bau der Kirche durch Prälat Fried, der die treibende Kraft hinter dem Kirchenneubau war, erfolgen. Ab dem Frühjahr 1949 konnten die Gottesdienste fortan in der bereits fertiggestellten Unterkirche stattfinden und nach ihrer Fertigstellung wurde die neuerbaute Pfarrkirche schließlich am 15. August 1951 durch Kardinal Innitzer geweiht.12

Die 1951 fertiggestellte neue Pfarrkirche von EibesthalDie 1951 fertiggestellte neue Pfarrkirche von Eibesthal

Bildnachweis:
-) sämtliche historische Fotos der Eibesthaler Pfarrkirche: Göstl-Archiv
-) Foto der neuen Pfarrkirche: Thomas Kruspel (2018)

Quellen:

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Leopoldine Sobek-Gasse

Schon seit langem waren die im Gebäude der beiden Neuen Mittelschulen (vormals Hauptschulen) in der Thomas Freund-Gasse für den Turnunterricht vorhandenen Räumlichkeiten unzureichend und aus Raumnot mussten viele Klassen auf die etwas entfernt gelegene Sporthalle in der Bahnzeile ausweichen. Durch die Errichtung eines neuen Turnsaals inkl. Freigelände in der nahegelegenen Gartengasse, der im Jahre 2006 eröffnet wurde, konnte diese Problematik gelöst und außerdem zusätzlicher Raum für die Sportvereine der Stadt geschaffen werden.1

Neben dem Turnsaal enstand eine von der Gartengasse abzweigende und parallel zur Oserstraße verlaufende Gasse mit vielen Parkplätzen und diese Gasse wurde mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 21. September 2004 nach der begeisterten Turnerin, und Mitbegründerin bzw. langjährigen Funktionärin der Sportunion Mistelbach, Leopoldine Sobek benannt.2

Wo befindet sich die Leopoldine Sobek-Gasse?

 

Quellen:

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Milchhausstraße (Kettlasbrunn)

Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die Idee genossenschaftlicher Organisation schließlich auch in unseren Breiten durch und im Februar 1888 wurde in Ebendorf eine „Spar- und Darlehenskasse“ nach dem Vorbild des vom Genossenschaftspionier Friedrich Wilhem Raiffeisen in Deutschland entwickelten Systems gegründet – der erste Zusammenschluss dieser Art im östlichen Weinviertel.1 Bald darauf kam es zur Gründung zahlreicher weiterer Raiffeisenkassen und auch in Kettlasbrunn wurde 1891 eine solche Institution gegründet.2 Im Gefolge dieser Gründungen wurde der Zusammenschluss in Form einer Genossenschaft von den Bauern nicht nur im Bereich der Finanzierung, sondern auch für die gemeinsame Vermarktung ihrer Erzeugnisse angewandt. Inbesondere für die Milchwirtschaft war diese Idee prädestiniert, da die Milch(-erzeugnisse) spezieller Lagerbedingungen (Hygiene und Kühlung) bedurfte und insbesondere da die Viehwirtschaft im Weinviertel, abseits herrschaftlicher Schäfereien in früheren Jahrhunderten, stets nur eine untergeordnete Rolle spielte und die einzelnen landwirtschaftlichen Betriebe nur wenige Milchkühe besaßen. Trotz dieser kleinen Strukturen war der aus dem Milchverkauf erzielbare Erlös ein willkommener Zuverdienst und in der engeren Umgebung schlossen sich 1889 in Eibesthal erstmals die Landwirte zusammen um ihre Milch gemeinschaftlich an Molkereien in Wien zu verkaufen.3

In allen heutigen Katastralgemeinden von Mistelbach bildeten sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten Milchgenossenschaften oder wie im Falle von Kettlasbrunn 1905 sogar eine Molkereigenossenschaft.4 Letztere sammelte, lagerte und tranportierte die Milch nicht nur zwecks gemeinschaftlichem Verkauf, sondern hatte auch das Recht Milchprodukte (Butter, Käse, Molke) selbst herzustellen und zu vertreiben. Inwieweit die Herstellung von eigenen Milchprodukten überhaupt und inbesondere nach der Gründung der Mistelbacher Genossenschafts-Zentralmolkerei im Jahre 1927 wirtschaftlich war, ist jedoch fraglich. Aufgrund der oben bereits erwähnten besonderen Lagerbedürfnisse wurden allerorts eigene Milchhäuser errichtet und wie der Name bereits vermuten lässt, befand sich das Kettlasbrunner Milchhaus in der heutigen Milchhausstraße. Das erste (kleinere) Milchhaus, das wohl unmittelbar nach der Genossenschaftsgründung entstand, befand sich nächst der Einmündung in die Kettlasbrunner Hauptstraße und zwar rechterhand auf dem spitzförmigen Grundstück zwischen den Gerinnen von Kettlasbach und Gießbach, die unmittelbar dahinter zusammenfließen.

Blick auf Kettlasbrunn vom Kirchturm aus um etwa 1909: der Pfeil markiert das alte (ursprüngliche) Milchhaus, etwas verdeckt durch Bäume. Dieses befand bei der Einmündung der Milchhaustraße in die Kettlasbrunner Hauptstraße.Blick auf Kettlasbrunn vom Kirchturm aus um etwa 1909:
der Pfeil markiert das alte (ursprüngliche) Milchhaus, etwas verdeckt durch Bäume. Dieses befand bei der Einmündung der Milchhaustraße in die Kettlasbrunner Hauptstraße.

Doch bald darauf, jedenfalls spätestens Anfang der 1920er Jahre5, wurde auf der anderen Seite dieser Straße und zwar an der Ecke zur Herrenzeile ein neues deutlich größeres Milchhaus errichtet. Aus naheliegenden Gründen wurden in den 1950er Jahren die Gebäude der Gemeinschafts-Kühlanlage des Ortes nebenan errichtet.6 Zwar war die Milchwirtschaft im Weinviertel grundsätzlich stets von untergeordneter wirtschaftlicher Bedeutung, allerdings ist an nachfolgender Statistik zum Rinderbestand in Kettlasbrunn deren Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ebenso der später folgende völlige Bedeutungsverlust gut ablesbar7:

Jahr Rindviehbestand in Kettlasbrunn
1834 171
1934 517
1981 36
1987 6

Die umfassenden Umwälzungen, die sich in der Landwirtschaft ab den 1960er Jahren vollzogen, läuteten langsam aber sicher auch das Ende der Milchwirtschaft als Nebenerwerbszweig vieler Betriebe ein und die Milchgenossenschaften lösten sich meist in den 1970er bzw. 1980er Jahren auf. Auch die beiden Kettlasbrunner Milchhäuser existieren heute nicht mehr: an der Stelle des „neuen“ Milchhauses, dass etwa 1989 abgebrochen wurde, steht heute ein Wohnhaus und an der Stelle des „alten“ Milchhauses befindet sich seit einigen Jahren der „offene Bücherschrank“ und ein Rastplatz.

Das Das „neue“ Milchhaus an der Einmündung der Milchhausstraße in die Herrenzeile im Jahr 1980 als die Milchgenossenschaft bereits aufgelöst war. An der Fassade ist schwach noch der Schriftzug „Gegründet im Jahre 1906“ zu erkennen. Wie durch mehrere Quellen jedoch eindeutig belegt, erfolgte die Gründung tatsächlich bereits 1905. Möglicherweise wurde das alte Milchhaus erst im Jahr nach der Gründung der Genossenschaft in Betrieb genommen.

Im Zuge der Einführung offizieller Straßennamen in Kettlasbrunn im Jahre 2004 erhielt diese Gasse, den schon zuvor informell gebräuchlichen Namen „Milchhausstraße“.8

Wo befindet sich die Milchhausstraße?

 

Bildnachweis:
Verwendung der Fotos mit freundlicher Genehmigung des Besitzers Herrn Stadtrat a.D. Josef Rath bzw. Dank an das Team der Topothek Mistelbach/Kettlasbrunn

Quellen:

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Klezl von Norberg, Dr. Alfons

Hofrat Dr. Alfons Freiherr Klezl von Norberg

* 8.8.1858, Hietzing bei Wien
† 22.12.1942, Wien

Alfons von Klezl wurde 1858 als Sohn des Eduard von Klezl, k.k. Hofrat im Ministerium des Äußeren und dessen Gattin Therese, geb. Freiin von Testa, in der damals noch selbstständigen niederösterreichischen Gemeinde Hietzing bei Wien geboren.1

Er entstammt einer Familie, die auf eine lange Tradition als Beamte im diplomatischen Dienst zurückblicken kann und deren Mitglieder über viele Jahre in der österreichischen Vertretung in Konstantinopel, der sogenannten Internuntiatur, ihren Dienst leisteten. Bereits sein Urgroßvater Franz Klezl sen. (*1737, †1809) absolvierte die k.k. Orientalische Akademie und soll bereits zeitweilig in der Hauptstadt des Osmanischen Reichs tätig gewesen sein, ehe er später als k.k. Grenzdolmetscher in Peterwardein und Lemberg tätig war. Auch sein Großvater Franz Klezl jun. (*1772, †1826) besuchte die Orientalische Akademie und wurde später als Internuntiatur-Dolmetscher in Konstantinopel eingesetzt und aufgrund seiner treuen und verdienstvollen Leistungen in dieser Funktion wurde er 1826 von Kaiser Franz I. in den erblichen Adelsstand erhoben und somit durften sich er und seine Nachfahren nunmehr „Edler von Klezl“ (bzw. kurz schlicht „von Klezl“) nennen. In eben diesem Jahr schloss der Vater, Eduard von Klezl (*1805, †1874), an der orientalischen Akademie seine Ausbildung ab und folgte seinem Vater auch an die Internuntiatur nach, wo er schließlich bis zum k.k. Legationsrat aufstieg und von 1850 bis 1853 sogar die vertretungsweise Leitung der österreichischen Gesandschaft innehatte. Anschließend wurde er nach kurzer Dienstleistung in Griechenland, schließlich als Ministerialrat in das Ministerium des Äußeren nach Wien zurückberufen. In Konstantinopel hatte Eduard von Klezl auch seine Gattin, die Tochter des Legationssekretärs der Internuntiatur, Freiherrn Anton von Testa, kennengelernt und der dort geschlossenen Ehe entstammten sechs Kinder (vier Töchter und zwei Söhne). Alfons von Klezl war das jüngste dieser Kinder und während seine Schwestern allesamt in Konstantinopel das Licht der Welt erblickten, wurden er und sein Bruder nach der Rückkehr nach Österreich in Hietzing geboren. Im Ruhestand wurde sein Vater, Eduard von Klezl, aufgrund seiner Verdienste im diplomatischen Dienst, unter Verleihung des Prädikats „von Norberg“ im Jahre 1874 von Kaiser Franz Josef I. in den Freiherrenstand erhoben.2 Übrigens waren darüber hinaus auch weitere Mitglieder der Familie von Klezl im diplomatischen Dienst in Konstantinopel tätig.3

Alfons Freiherr Klezl von Norberg absolvierte das Wiener Schottengymnasium, wo er zu Ende des Schuljahres 1876/77 die Reifeprüfung mit Auszeichnung ablegte.4 Im Anschluss nahm er das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien auf. Er dürfte dieses jedoch für seinen Militärdienst, den er als Einjährig-Freiwilliger im Feldjäger-Batallion Nr. 21 leistete, unterbrochen haben. Im Dezember 1879 wurde er schließlich als Leutnant der Reserve ausgemustert und dem Reservestand des Feldjäger-Batallions Nr. 27 zugeteilt. Während noch laufendem Studium, allerdings wohl nach absolvierter erster Staatsprüfung, trat er 1880 in den Landesdienst ein und wurde zur Dienstleistung der niederösterreichischen Statthalterei in Wien zugeteilt. Seine Studien schloss Freiherr Klezl von Norberg schließlich 1882 mit der Promotion zum Dr.iur. ab und war danach bis 1886 als Praktikant bei der Bezirkshauptmannschaft Sechshaus (heute Teil des XV. Wiener Gemeindebezirks) tätig. In den Jahren 1886 bis 1888 diente er schließlich als Konzipist bei der Bezirkshauptmannschaft Horn und danach zum Abschluss seines Aufenthalts im Waldviertel 1888 kurzzeitig als Lokalkommissär für agrarische Operationen in Allentsteig. Danach war Dr. Klezl von Norberg ab April des Jahres 1889 als Bezirks-Kommissär bei der Bezirkshauptmannschaft Groß Enzersdorf tätig, ehe er von 1892-1895 in selber Funktion an der Bezirkshauptmannschaft Krems wirkte. Im Zeitraum 1895-1899 wurde er zur Dienstleistung in das Präsidialbureau bzw. das Department für Kultuswesen der niederösterreichischen Statthalterei berufen und stand schließlich von 1899 bis 1909 dem Verwaltungsbezirk Mistelbach als Bezirkshauptmann vor.

Während seiner Amtszeit als Bezirkshauptmann von Mistelbach erfolgte die langwierige Planung und der Bau des Bezirkskrankenhauses (Eröffnung 1909), zu dessen Errichtung er neben seiner Tätigkeit als oberstes Verwaltungsorgan des Bezirks auch als Initiator und Obmann des 1901 gegründeten „Vereins zur Erbauung des öffentlichen Krankenhauses in Mistelbach“ tatkräftig, insbesondere als eifriger Spendensammler, beitrug.5 1907 wurde im Rahmen eines Musikabends zugunsten des Krankenhausbaufonds ein von Heinrich Kosnapfl komponierter und dem Bezirkshauptmann gewidmeter „Freiherr von Norberg-Marsch“ uraufgeführt, der auch bei einem Wiener Verlag in Druck gelegt wurde, und dessen Verkaufserlös ebenfalls dem Krankenhausbau zugute kam.6 Weiters war Bezirkshauptmann Klezl von Norberg von 1904 bis 1910 auch Obmann des landwirtschaftlichen Bezirksvereines Mistelbach7 und wurde im Jahre 1904 zum Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Mistelbach ernannt.8 Als Bezirkshauptmann war er zugleich auch Vorsitzender des Bezirksschulrates und untersützte die (leider lange vergeblichen) Bemühungen um die Errichtung einer Mittelschule in Mistelbach und gehörte dem Ausschuss des 1901 gegründeten „Vereins zur Gründung einer Mittelschule“ an.9

Besuch von Erzherzog Leopold Salvator in der Pinselfabrik Mühl im Jahre 1906: 3. v.l. Erzherzog Leopold Salvator, in der Bildmitte Fabriksgünder Ignaz Mühl sen. und seine beiden Söhne, 2. v.r. (siehe rotes X) Freiherr Klezl von Norberg, ganz rechts: Bgm. Thomas FreundBesuch von Erzherzog Leopold Salvator in der Pinselfabrik Mühl im Jahre 190610: 3. v.l. Erzherzog Leopold Salvator, in der Bildmitte Fabriksgünder Ignaz Mühl sen. und seine beiden Söhne, 2. v.r. (siehe rotes X) Freiherr Klezl von Norberg, ganz rechts: Bgm. Thomas Freund

Wenige Wochen nach der Grundsteinlegung für den Krankenhausbau beschloss der Mistelbacher Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) am 16. September 1908 Dr. Klezl von Norberg für sein verdienstvolles Wirken als langjähriger Bezirkshautpmann und seinen Einsatz bei der Errichtung des Bezirkskrankenhauses zum Ehrenbürger der Stadt Mistelbach zu ernennen.11 Neben Mistelbach verliehen ihm auch die Gemeinden Olgersdorf (1902), Eibesthal (1904) (Ehrenbürger der Katastralgemeinden) und Neudorf bei Staatz (1909) die Ehrenbürgerwürde.12

1909 folgte sein allseits bedauerter Abschied aus Mistelbach, da Dr. Klezl von Norberg zu höheren Weihen in die niederösterreichischen Statthalterei nach Wien berufen wurde. Die Mistelbacher Bevölkerung verabschiedete sich mit einem imposanten Fackelzug zu Ehren des populären Bezirkshauptmanns, der in ein großes Abschiedsfest im Gasthaus „Zum weißen Rössl“ überging und die Gemeinden des Bezirks würdigten seine Verdienste in einer gemeinsamen Dankadresse.13 Zunächst als Statthaltereirat, und später als Hofrat hatte er von 1909 bis März 1918, dem Zeitpunkt seines Übertritts in den Ruhestand, die Leitung des Departments für Kultuswesen in der niederösterreichischen Statthalterei inne. Ende der 1920er Jahre verfasste er eine juristische Abhandlung zur umstrittenen „Dispensehe“, der Wiederverheiratung geschiedener Katholiken, einer nicht unbedeutenden Rechtsthematik in der Zeit vor Einführung der Zivilehe.14

Der während und nach seiner Laufbahn mit zahlreichen Orden und Auszeichnungen dekorierte Beamte blieb zeit seines Lebens unverheiratet und kinderlos. Hofrat Freiherr Klezl von Norberg verstarb am 22. Dezember 1942 im Alter von 84 Jahren und wurde in der Familiengruft auf dem Hietzinger Friedhof bestattet.

Bildnachweis:
-) sämtliche Bilder: Stadtmuseumsarchiv Mistelbach
Zum Bild des Besuchs von Erzherzog Leopold Salvator ist anzumerken, dass sich dieses im 1999 erschienenen Buch „125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch“ (S. 260) fälschlicherweise mit der Bildunterschrift „Besuch von Erzherzog Franz Salvator in der Pinselfabrik Mühl“ abgedruckt findet

Quellen:
-) Standesblatt des Präsidiums der niederösterreichschen Statthalterei zu Klezl von Norberg, K 2/02-0049, Niederösterreichisches Landesarchiv
-) Reichspost, 8. August 1928 (35. Jg. – Nr. 219), S. 4 (ONB: ANNO)

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Das Werden der Großgemeinde Mistelbach 1966-1972

Im nachfolgenden Beitrag sollen die historischen Hintergründe und schließlich das nicht ganz friktionsfreie Werden der Großgemeinde Mistelbach, die seit dem 1.1.1972 aus den zehn Katastralgemeinden Ebendorf, Eibesthal, Frättingsdorf, Hörersdorf, Hüttendorf, Kettlasbrunn, Lanzendorf, Mistelbach, Paasdorf und Siebenhirten besteht, veranschaulicht werden.

Frühere Versuche Gemeindezusammenlegungen durchzusetzen1

Schon bei der Entstehung der Gemeinden als selbstständige und unabhängige Körperschaften und kleinste Verwaltungseinheit im Staatsgefüge durch das im Gefolge der Revolution von 1848 erlassene provisorische Gemeindegesetz vom 17. März 1849, wurde durch dieses Gesetz auch bereits die Möglichkeit für den Zusammenschluss mehrerer Gemeinden zu einer Ortsgemeinde geschaffen. Seitens des Ministerium des Inneren bzw. der Landesverwaltung war man schon zum Zeitpunkt als dieses Gesetzes erlassen wurde, bestrebt möglichst wenige und dafür große Gemeinden zu schaffen, und das für unsere Gegend zuständige Kreisamt für das Viertel des unter dem Manhartsberg (=Weinviertel) in Korneuburg legte einen Entwurf vor, der die 564 Gemeinden in diesem Viertel mittels Zusammenschlüssen auf 138 zu reduzieren trachtete. Dieser Entwurf beinhaltete damals etwa den Vorschlag die Gemeinden Siebenhirten, Hörersdorf und Frättingsdorf zur neuen Großgemeinde Hörersdorf zusammenzulegen bzw. alternativ sollten sich Hüttendorf, Hörersdorf und Frättingsdorf mit Asparn a.d. Zaya vereinigen und Lanzendorf und Siebenhirten sollten mit Mistelbach fusioniert werden. Dieses Ansinnen seitens der Landesverwaltung stieß jedoch allgemein auf heftige Ablehnung, denn augenscheinlich wollten die Gemeinden ihre eben gewonnene Selbstständigkeit und Freiheit nicht in größeren Gemeindeverbänden verlieren und dieser Vorschlag ließ außerdem seit Jahrhunderten gepflogene Rivalitäten und Animositäten zwischen Nachbarorten außer Acht. Darüber hinaus sah das provisorische Gemeindegesetz auch klar vor, dass Gemeinden sofern sie in der Lage waren die im Gesetz angeführten Aufgaben zu erledigen, nicht gegen ihren Willen mit anderen vereinigt werden konnten und somit war dieses Vorhaben bereits im Voraus zum Scheitern verurteilt und alleine in den Gerichtsbezirken Mistelbach, Poysdorf, Feldsberg, Laa a.d. Thaya und Zistersdorf, die zur kurzlebigen Bezirkshauptmannschaft Poysdorf gehörten (ab 1868 befand sich der Sitz der Bezirkshauptmannschaft dann in Mistelbach) entstanden schließlich 110 Gemeinden.2

Im Zuge einer Änderung der Gemeindewahlordnung im Jahre 1904 wurde auch über die strukturelle, wirtschaftliche und demografische Zusammensetzung der Gemeinden debattiert und damit erschien das Thema Gemeindezusammenlegungen nach mehr als 50 Jahren erneut auf der Agenda der Landesregierung. Die damaligen Pläne sahen vor, die Anzahl der niederösterreichweit bestehenden Gemeinde auf 438 zu reduzieren, doch erneut scheiterten diese Bestrebungen an politischen Widerständen.

In der Zeit zwischen dem sogenannten Anschluss im März 1938 und dem Kriegsbeginn im Jahr darauf kam es unter den Nationalsozialisten nicht nur zur Eingemeindung zahlreicher Gemeinden im Umland der vormaligen österreichischen Hauptstadt zu „Groß-Wien“, sondern auch zu weiteren vereinzelten Gemeindefusionen, allerdings in anderen Teilen von „Niederdonau“. Diese zwangsweisen Zusammenlegungen orientierten sich ausschließlich an der Bevölkerungzahl und klammerten sonstige Aspekte, etwa wirtschaftliche, völlig aus. Hätte das „1000-jährige Reich“ in Österreich länger als sieben Jahre gewährt, wäre es wohl zu weiteren Gemeindezusammenlegungen gekommen, da die Gemeinden hierorts aufgrund der historischen Entwicklung wesentlich kleinteiliger strukturiert waren/sind, als im Deutschen Reich. Die unter dem NS-Regime erfolgten Zusammenlegungen wurden nach 1945 wieder rückgängig gemacht, wirkten jedoch als abschreckendes Beispiel noch lange negativ nach.

Niederösterreichische Kommunalstrukturverbesserung3

Als sich Anfang der 1960er Jahre der umfassende sozio-ökonomische Strukturwandel weg von der agrarisch geprägten Gesellschaft hin zur Produktions- und Dienstleistungsgesellschaft deutlich abzeichnete, hatte dies natürlich auch Auswirkungen auf die Gemeinden. Die Aufgabengebiete der Gemeinden wuchsen stetig an, ebenso die notwendigen Investitionen in Schaffung und Erhaltung der Infrastruktur (Straßenasphaltierung, Erhaltung von Schule bzw. Kindergarten, Kanalisierung, etc.), doch standen diesem steigenden Finanzbedarf keine entsprechenden finanziellen Mittel als Einnahmen gegenüber. Diese Entwicklung und auch die Änderung der rechtlichen Rahmenbedigungen durch die Gemeindeverfassungs-Novelle 1962 wurden von der Landesregierung als Bestätigung und Anlass genommen die Thematik Gemeindezusammenlegung ab Mitte der 1960er Jahre nun unter dem Titel „NÖ. Kommunalstrukturverbesserung“ zu forcieren. Über die Bezirkshauptmannschaften regte die Landesregierung freiwillige Gemeindezusammenlegungen an und den Gemeinden, die sich zu solchen Zusammenschlüssen bereit erklärten, wurden zusätzliche finanzielle Mittel in Aussicht gestellt. In jenen Fällen in denen die Vermittlungsversuche für das Zustandekommen von freiwilligen Zusammenschlüssen ohne Erfolg blieben, wurde nach Auslaufen der finanziellen Anreize mit Ende des Jahres 1970, der Druck seitens des Landes auf die nicht kooperationswilligen Gemeinden intensiviert und man beabsichtigte die neue Gemeindestruktur auch zwangsweise durchzusetzen. Schon die Erwägung dieses Vorgehens (und erst recht die Schaffung einer rechtlichen Grundlage dazu im November 1971) sorgte bei den betroffenen Gemeinden niederösterreichweit für Empörung und diese schlossen sich im Sommer des Jahres 1971 zum überparteilichen „Aktionskomitee der niederösterreichischen Bürgermeister“ zusammen. Diese Protestgemeinschaft hoffte durch Protestnoten an Bundeskanzler Kreisky bzw. Landeshauptmann Maurer die zwangsweise Vereinigungen abwenden zu können bzw. beabsichtigte diese notwendigenfalls rechtlich zu bekämpfen. Letzlich blieben diese Bemühungen jedoch vergeblich und die in der Folge von einigen betroffenen Gemeinden beim Verfassungsgerichtshof eingebrachten Beschwerden hatten keinen Erfolg, ebenso wie diesbezüglich vorgebrachte Beschwerden bei der Europäischen Menschenrechtskommission. Als die Reform gegen alle Widerstände Anfang der 1970er Jahre im Wesentlichen abgeschlossen war, hatte sich die Zahl der niederösterreichischen Gemeinde von 1652 auf 559 reduziert. Zwar wurden einzelne Zusammenlegungen später wieder aus verschiedenen Gründen rückgängig gemacht, aber es wurde damit nachhaltig die Basis für eine effiziente Gemeindeverwaltung geschaffen.

Nachfolgend wird der Prozess der Gemeindezusammenlegung im Falle von Mistelbach und seinen heutigen Katastralgemeinden beschrieben.

1966-1970 freiwillige Gemeindezusammenlegung

In einem ersten Schritt wurde ein Zusammenschluss von Lanzendorf, Ebendorf, Hüttendorf und Siebenhirten mit Mistelbach angeregt. Kettlasbrunn sollte gemeinsam mit Bullendorf und Hobersdorf nach Wilfersdorf eingemeindet werden.

Lanzendorf und Ebendorf, die in unmittelbarer Nähe zu Mistelbach lagen und seit jeher auch Teil der Pfarre Mistelbach waren, wurden auf Basis von im Sommer 1966 gefassten einstimmigen Beschlüssen ihrer Gemeindevertretungen ab 1. Jänner 1967 mit Mistelbach vereinigt.4 Dem Ende ihrer Selbstständigkeit stimmten auch die Vertreter dieser Gemeinden nicht mit Begeisterung zu, sondern vielmehr sah man pragmatisch, dass man so für die künftigen Herauforderungen im Gemeinwesen besser gerüstet sei. Unter der Bevölkerung von Lanzendorf und Ebendorf stießen diese Beschlüsse keineswegs auf ungeteilte Zustimmung, doch schließlich fanden Ende des Jahres 1966 bereits die Wahlen für den neuen Mistelbacher Gemeinderat unter Beteiligung der Bevölkerung von Ebendorf und Lanzendorf statt. In Hüttendorf ging die am 29. August 1966 im Gemeinderat abgehaltene Abstimmung über eine freiwillige Vereinigung mit 8 Nein-Stimmen zu 7 Ja-Stimmen denkbar knapp aus und ein freiwilliger Zusammenschluss war damit gescheitert.5 Trotz des knappen Ausgangs der Abstimmung wurde auch in folgenden Jahren an diesem Beschluss festgehalten und ein freiwilliger Zusammenschluss nicht weiter erwogen. Auch eine Einbindung Siebenhirtens war bereits Teil dieser ersten auf freiwilliger Vereinigung basierenden Pläne für eine Großgemeinde Mistelbach. Doch der Gemeinderat von Siebenhirten lehnte dieses Vorhaben ab, ebenso wie sich der Kettlasbrunner Gemeinderat gegen die oben bereits erwähnte Eingemeindung nach Wilfersdorf einstimmig aussprach.6

Die Anregung zur Vereinigung mit Mistelbach wurden in Folge auch auf Paasdorf und Eibesthal ausgeweitet, wobei auch deren Gemeindevertretungen einstimmig (im Falle von Paasdorf allerdings mit einigen Enthaltungen) gegen einen freiwilligen Zusammenschluss mit Mistelbach votierten.7 Neben Siebenhirten lehnten auch Hörersdorf und Frättingsdorf eine Vereinigung mit Mistelbach ab und unter Vermittlung von Landesrat Matthias Bierbaum fanden Beratungen über die Zusammenlegung dieser drei Gemeinden im Herbst des Jahres 1970 statt. Dass damit ein mehr als 120 Jahre alter Vorschlag aufgriffen wurde (siehe weiter oben) dürfte den Gemeindevertretern vermutlich nicht bewusst gewesen sein. Zwar fassten Hörersdorf und Frättingsdorf im November 1970 den Beschluss sich gemeinsam mit Siebenhirten unter dem Namen Hörersdorf (dem künftigen Sitz der gemeinsamen Gemeindeverwaltung) mit Wirkung vom 1.1.1971 zusammenzuschließen, aber die Einbindung Siebenhirtens wurde durch einen bereits im Vorfeld der Beratungen mit 2/3-Mehrheit gefassten Beschluss des Siebenhirtner Gemeinderates, der sich gegen jedewede Vereinigung aussprach, vereitelt.8 Der Frättingsdorfer Gemeinderat regte bei der Beschlussfassung über die Zusammenlegung mit Hörersdorf und Siebenhirten übrigens den neuen Namen „Mistellauf“ an, da alle drei Gemeinden am Lauf des Mistelbachs gelegen seien.9 Zwar waren freiwillige Gemeindezusammenlegung bis Ablauf des Jahres 1970 möglich, da sich allerdings nur zwei der drei Gemeinden zu einem Zusammenschluss durchringen konnten und seitens der Landesregierung ohnehin die Schaffung deutlich größere Gemeindeinheiten beabsichtigt war, wurde diese Initiative seitens der Landesverwaltung ignoriert und die gefassten Gemeinderatsbeschlüsse über die Zusammenlegung schließlich nicht vollzogen. In Hörersdorf und Frättingsdorf war man über diese Reaktion seitens des Landes verärgert und verwies bei weiteren Vorstößen in Bezug auf eine Vereinigung mit Mistelbach stets auf die im November 1970 gefassten (gültigen) Beschlüsse.10

Zwangsweise Zusammenlegung mit Jahresbeginn 1972

Eine im Juli 1971 in Eibesthal abgehaltene Volksbefragung bezüglich der „drohenden Zwangszusammenlegung“ brachte folgendes Ergebnis: für den Erhalt der Selbstständigkeit 373 Stimmen, für eine Zusammenlegung mit Mistelbach 48 Stimmen, für eine Zusammenlegung mit Wilfersdorf 12 Stimmen.11 Auch in Siebenhirten wurde am 4. Juli 1971 eine Volksbefragung durchgeführt, die folgendes Ergebnis brachte: von den 253 Wahlberechtigten übten 223 Personen ihr Stimmrecht aus (88,1% Beteiligung), davon sprachen sich 145 (65%) gegen und 76 (35%) für eine freiwillige Zusammenlegung mit einer anderen Gemeinde aus. Für den Fall, dass man doch zu einer Zusammenlegung gezwungen würde stimmten 72 Personen für Hörersdorf und 68 für Mistelbach – der Rest äußerte keine Präferenz bzw. wollte sich mit einem solchen Szenario offenbar nicht auseinandersetzen.12 In Kettlasbrunn war der Gemeinderat bis zuletzt davon überzeugt, dass die Gemeinde aufgrund der vorhandenen Infrastruktur auch alleine erfolgreich weiterbestehen könne und man war der Auffassung, dass das bäuerlich geprägte Dorf auch von der Bevölkerungstruktur nicht zu Wilfersdorf passe.13 Die ab Sommer 1971 vorgesehene Zusammenlegung mit Mistelbach wurde mit der selben Argumentation abgelehnt und schließlich sei auch die Mehrheit der Kettlasbrunner Bevölkerung gegen diese Zusammenlegung.14 Laut dem Raumordnungsprogramm war für die künftige Großgemeinde Mistelbach eine bestimmte Bevölkerungsanzahl vorgesehen und diese sollte um jeden Preis durch die Eingemeindung vieler kleinerer Ortschaften erreicht werden, weshalb auch weiter entfernte Orte wie Frättingsdorf und Kettlasbrunn einbezogen wurden, so die Kritiker der Zwangszusammenlegungen. Tatsächlich erhielten aufgrund eines angepassten Verteilungsschlüssels Gemeinden mit über 10.000 Einwohnern deutlich höher dotierte Mittel aus dem Finanzausgleich zugeteilt und das Mistelbach diesen Grenzwert nach den Zusammenlegungen knapp überschritt dürfte wohl kein Zufall gewesen sein. Trotzdem wenig Aussicht auf Erfolg herrschte kämpften insbesondere die Gemeinden Eibesthal, Siebenhirten, Frättingsdorf und Paasdorf bis Ende des Jahres 1971 gegen die mit Jahreswechsel bevorstehende Eingemeindung an.15 Diese Gemeinden, die sich auch dem bereits oben erwähnten „Aktionskomitee“ angeschlossen hatten, nahmen auch Kontakt mit Rechtsvertretern auf, mussten letztlich jedoch akzeptieren, dass der Beschwerdeweg vor den Verfassungsgerichtshof wenig aussichtsreich und ihr Kampf somit vergebens war.16

Mistelbachs Bürgermeister Franz Bayer übernahm interimistisch als Regierungskommissär die Verwaltung der ab 1.1.1972 neu nach Mistelbach eingemeindeten Gemeinden bis im März 1972 der Gemeinderat der Großgemeinde neu gewählt wurde. Es dauerte ein wenig bis sich alle Ortschaften samt ihren Einwohnern in der neuen Rolle als Teil eines größeren Ganzen zurechtfanden und manch einer machte gar unter Verwechslung von Ursache und Wirkung und Negierung allgemeiner tiefgreifender Entwicklungen diese Reform für den Niedergang von Strukturen in den nunmehrigen Katastralgemeinden verantwortlich. Knapp fünfzig Jahre nach Umsetzung dieser Reform ist deren Erfolg jedoch unbestreitbar.

Quellen:

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