Seit jeher bildete die heutige Josef Dunkl-Straße in Verbindung mit der Bahnstraße die Ein- bzw. Ausfahrtsstraße Richtung Westen und sie ist damit Teil der Ost-West-Verkehrsachse durch die Stadt. Erst nach der Eröffnung der Bahnstrecke im Jahre 1870 wurde die bis dahin nur spärlich verbaute Bahnstraße sukzessive baulich erschlossen und in der Josef Dunkl-Straße entstanden erste Bauten schließlich in den 1890er Jahren.1 In letzterer zählten dazu Holzhandlungen mit großen Lagerplätzen (auf den heutigen Nr. 9 und 11: Josias Eißler und Söhne, auf Nr. 17 und 19: Ludwig Abeles/Berthold Pisk), die sich ursprünglich im Bereich der unteren Bahnstraße befanden und die aufgrund der wachsenden Stadt nun etwas weiter außerhalb neu angelegt wurden. Näheres zur Geschichte der Holzhandlung Josias Eißler findet sich übrigens im Beitrag zur Quergasse. Prof. Hans Spreitzer schreibt in einem 1955 in der Mistelbacher-Laaer Zeitung erschienenen Artikel unter dem Titel „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“, dass für die heutige Josef Dunkl-Straße früher (wann genau erwähnt er nicht) der heute anderweitig vergebene Name „Hüttendorfer Weg“ gebräuchlich gewesen sei.2 Natürlich führt die Straße Richtung Hüttendorf, doch den kürzesten Weg in den Nachbarort bildete der heutige „Hüttendorfer Weg“ – ein Feldweg der tatsächlich oberhalb des Hüttendorfer Wegs verläuft – also die Fortsetzung des Differtenwegs und der heute unter der Bezeichnung „Am Auweg“ im Kreuzungsbereich am Ortseingang von Hüttendorf endet. Für (schwere) Fuhrwerke war dieser über einen Höhenrücken führende Weg wohl nur mäßig geeignet, aber als Fußweg stellt er bis heute die schnellste Verbindung zwischen Hüttendorf und Mistelbach dar. In den 1890er Jahren findet sich für die bereits erwähnten Holzhandlungen gelegentlich die Adressbezeichnung „Paasdorferstraße“3, doch erhielt die heutige Josef Dunkl-Straße im Zuge der Einführung offizieller Straßennamen und der Etablierung eines Orientierungsnummernsystems im Jahre 1898 den Namen „Wienerstraße“ (gelegentlich auch in der Schreibweise „Wiener Straße).4 Der Postverkehr führte in früherer Zeit tatsächlich über Hüttendorf, Paasdorf und weiter über das Kreuttal Richtung Wien – ähnlich der Bahnstrecke – und somit liegt es nahe, dass dieser Name auch bereits früher gebräuchlich war. Trotzdem einst auch die in Richtung Wilfersdorf, und damit zur Brünner Straße, führende Liechtensteinstraße zeitweilig als „Wiener Straße“ bezeichnet wurde, war die Route über die heutige Josef Dunkl-Straße bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Verkehrsweg Richtung Wien.
Erst mit der Errichtung des Gaswerks im Jahre 1902 und der Eröffnung Landesbahn im Jahre 1906 nahm die bauliche Erschließung der damaligen Wienerstraße langsam an Fahrt auf. Ursprünglich endete die Bahnstraße linksseitig an jenem Punkt an dem die heutige Josef Dunkl-Straße abzweigt, also auf Höhe des Hauses Bahnstraße Nr. 41 (nunmehr Teil eines großen Wohnbaukomplexes), und ihre fortlaufende Nummerierung setzte sich dann mit der Bahnhofsrestauration (zuletzt Gasthaus Zur Linde) mit der Adresse Bahnstraße Nr. 43 fort. Somit entsprach die Adresse der heutigen Häuser Bahnstraße 43, 45 und 47 ursprünglich den Hausnummern 1, 3 und 5 in der Wienerstraße (Josef Dunkl-Straße). Dies änderte sich zu einem nicht näher überlieferten Zeitpunkt zwischen 1900 und 1912 sorgte dafür, dass sich die bis dahin vergebenen linksseitigen (= ungeraden) Hausnummern in der Wienerstraße nachträglich jeweils um die Zahl sechs reduzierten (z.B. wurde aus der Hausnummer 19, die Hausnummer 13).5
Anlässlich des 25-jährigen Amtsjubiläums von Bürgermeister Josef Dunkl jun. wurde im November 1936 die Wienerstraße in Josef-Dunkl-Straße umbenannt.6 Zahlreiche Bauwerke entlang dieser Straße (so wie beinahe alle bedeutenden Bauwerke in Mistelbach aus der Zeit zwischen 1890 und 1938) wurden von Dunkl, der im Zivilberuf Baumeister war, errichtet bzw. zum Teil auch geplant. Fälschlicherweise ging man bisher davon aus, dass die Benennung der Straße nach Dunkl erst nach dessen Tod im Jahre 1938 erfolgt sei.7
Einige bedeutende und zum Teil abgekommene Bauwerke in der Josef Dunkl-Straße werden nachfolgend aufgelistet:
Nr. 1: Anlässlich des 60-jährigen Bestandsjubiläums errichtete die Sparkasse Mistelbach im Jahre 1929 hier ein modern gestaltetes Wohngebäude für ihre Angestellten.8
Das Wohnhaus der Sparkasse Anfang der 1930er Jahre (damals noch Wienerstr. 1), im Hintergrund die Häuser Nr. 3 und Nr. 5
Nr. 2: Das 1958 errichtete Gebäude der Arbeiterkammer, das seither mehrfach ausgebaut bzw. erweitert wurde.
Das Gebäude der Arbeiterkammer zu Beginn der 1970er Jahre (Foto: Wilhelm Mliko/Stadtmuseumsarchiv Mistelbach)
Nr. 4: Das 1906 erbaute und zum Bahnkomplex gehörende Gebäude der Streckenleitung, das später auch Wohngebäude für Eisenbahnerfamilien diente.9
Nr. 10 bzw 10a: 1897 ließ sich hier der Holzhändler und Vorsteher der Israeltischen Kultusgemeinde Mistelbach Ludwig Abeles eine Villa errichten. Diese verkaufte er 1917 an seinen Schwager Berthold Pisk, der selbige im Jahre 1937 an den Krankenhausleiter Primarius Dr. Otto Bsteh verkaufte.10 Während der Kampfhandlungen im April 1945 geriet die “Bsteh-Villa” in Brand und wurde völlig zerstört. Das Grundstück wurde in weiterer Folge geteilt und während auf Nr. 10a in den Jahren 1964-65 zwei Häuser der Wohnbaugenossenschaft Frieden errichtet wurden, entstand auf Nr. 10 das Geschäft des Büchsenmachers Zimmermann.11
Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 zeigt den Landesbahnpark, der sich einst auf beiden Seiten der heutigen Josef Dunkl-Straße erstreckte. Im Vordergrund am linken Bildrand ist ein Teil der Villa mit der Hausnummer 10 zu erkennen.
Landesbahnpark: diese 1908 errichtete Parkanlage erstreckte sich bis in die 1960er Jahre auf beiden Seiten der Straße. Mehr dazu bzw. zur Entstehung dieser Anlage findet sich im Beitrag Landesbahnpark
Nr. 12, 14, 16: Diese Wohnhäuser wurden von Baumeister Josef Dunkl etwa im Zeitraum 1906 bis 1912 errichtet.
Von rechts nach links: die Häuser Josef Dunkl-Straße 12, 14 und 16 auf einer vom Buchhändler Anton Kapitan herausgegebenen Ansichtskarte um 1910.
Nr. 24: Hier befand sich einst das 1902 errichtete städtische Gaswerk. Mittels Kohlevergasung wurde aus Steinkohle Leuchtgas hergestellt, dass zur Beleuchtung von Straßenlaternen, sowie in Wohnhäusern als Lichtquelle, zum Heizen sowie zum Kochen verwendet wurde. Mit der zunehmenden Verbreitung der Elektrizität als Lichtquelle in der Zwischenkriegszeit und mit dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Energiequelle durchsetzenden Erdgas zog die Stadt Mistelbach die Konsequenzen und veräußerte das Gaswerk 1957 an die NIOGAS (einen der Vorläufer der heutigen EVN) und Versorgung erfolgte nunmehr ausschließlich mit Erdgas. Das Gelände wird bis heute von EVN bzw. Netz NÖ genutzt, aber von den Gebäuden des Gaswerks existiert heute keines mehr. Die Geschichte des Gaswerks wird im Zuge des Beitrags zur Gaswerkstraße näher behandelt.
Wo befindet sich die Josef Dunkl-Straße?
Bildnachweis:
-) sämtliche Ansichtskarten: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer -) Foto der Arbeiterkammer: Wilhelm Mliko, Fotoarchiv Mliko im Stadtmuseumsarchiv Mistelbach
Quellen:
Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 424, 451 ↩︎
Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 277 – Das rund 30 Jahre nach der Einführung der Straßenbezeichnungen erbaute Haus Wienerstraße (Josef Dunkl-Straße) erhielt die Hausnummer 1, während in Fitzkas erstem Band noch das heutige Haus Bahnstraße Nr. 43 diese Nr. aufweist. Dadurch lässt sich auch die Verschiebung der Hausnummern betreffend die Bahnhofsrestauration (zuletzt Gasthaus Zur Linde) erklären, die in Fitzkas erstem Band noch die Adresse Bahnstraße 43 hat, heute jedoch die Adresse Bahnstraße 49 führt. Diese Adressänderung muss bereits vor 1912 erfolgt sein, weil das erst nach der Jahrhundertwende erbaute Haus Bahnstraße Nr. 47 (ursprünglich war für dieses Grundstück die Hausnr. Wiener Straße 5 vorgesehen) in Fitzkas zweitem Band bereits mit seiner heutigen Adresse aufscheint. Bei der nachträglichen Änderung der Häusernummerierung handelt es sich auch um keinen Einzelfall – siehe hierzu das Haus Oserstraße Nr. 15 im Beitrag zu den Meeß-Häusern↩︎
Mistelbacher Bote, Nr. 49/1938, S. 4 (ONB: ANNO) ↩︎
Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 245; Spreitzer, Johann: „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“ In: Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 38/1955, S. 2 (Anm.: Spreitzer vermutete eine Bennung erst im Jahre 1945) ↩︎
Englisch, Alfred (Stadt-Museumsarchiv Mistelbach): 150 Jahre Ostbahn in Mistelbach – 1870-2020 (2020), S. 95 ↩︎
Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 424 ↩︎
Bei Göstl, Georg/ Leithner, Johann/ Weidlich, Alfred/ Steiner, Oskar/ Kummer, Johann: „Mistelbacher Chronik von 1914 bis 1988“, Band IV (1989) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 47 findet sich die Information, dass die „Frieden“-Wohnhäuser in der Josef Dunkl-Straße 10a bereits 1962 erbaut worden seien. Dies ist falsch oder zumindest irreführend, denn fertiggestellt wurden sie jedenfalls erst 1964/65 – siehe hierzu die Ausführungen im Beitrag zum Landesbahnpark↩︎
Die Steggasse verbindet die Annagasse mit der Kreuzgasse und verläuft zum Teil entlang des alten Pfarrstadels und des Pfarrgartens. Sie begrenzt damit das in seiner heutigen Form Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts entstandene Pfarrhofareal in nördlicher Richtung. Wie bereits erwähnt verläuft die Steggasse teils an der Mauer des Pfarrgartens und dessen Einfriedung wurde unter Pfarrer Jakob Lambert bereits in den 1590er Jahren errichtet.1
Vor der Überdeckung der Mistel im Ortsgebiet (1973-1982) und der bald darauf folgenden Schaffung der „Grünen Straße“ existierten mehrere Brücken, Stege und vor der Mistelregulierung sogar eine Furt, die eine Überquerung des Bachs ermöglichten. Wie der Name bereits nahelegt, führte die Steggasse über einen Steg und ein solcher war im Gegensatz zu Brücken ausschließlich für Fußgänger benutzbar. Die schmale Steggasse, die heute die „Grüne Straße“ kreuzt, war also seit jeher – mit Ausnahme der Möglichkeit von Zufahrten im Bereich des Pfarrstadels – nicht (durchgängig) befahrbar.
Ein alter Plan des Pfarrhofgeländes aus dem Jahr 1737: zur besseren Orientierung wurde neben der Steggasse (grün), auch die Berggasse, die Annagasse und die Kirchengasse farblich markiert.
Obiger Plan zeigt den bis heute unveränderten Verlauf der Steggasse und belegt, dass auch damals an dieser Stelle ein kleiner Steg über die Mistel führte. Große verkehrstechnische Bedeutung kam dieser Überquerungsmöglichkeit wohl nicht zu, denn in unmittelbarer Umgebung gab es auch Brücken in der Kirchengasse und Barnabitenstraße sowie die Furt in der Wiedenstraße, wo sich ein weiterer Steg befand.
Auf einer von Feuerwehrhauptmann August Lubovienski angefertigten und in der Wiener Feuerwehr-Zeitung veröffentlichte Skizze zu einem Brand in der Kreuzgasse im Jahre 1881 findet sich in der Bildmitte der (aus Fließrichtung) rechts der Mistel gelegene Teil der Steggasse („G.“) samt der namensgebenden Überquerungshilfe.
Offiziell erhielt die Steggasse ihren, zweifellos bereits zuvor gebräuchlichen, Namen im Zuge der Einführung der Straßenbezeichnungen samt Orientierungsnummern im Jahre 1898.2 Für Verbindungswege nicht unüblich gibt es kein Haus, dass die Adressbezeichnung Steggasse führt.
Wo befindet sich die Quergasse?
Bildnachweis:
-) Brandskizze: Wiener Feuerwehr-Zeitung, 1. Juni 1881 (XI. Jg. – Nr. 11) (Google Books) -) Alter Plan des Klosterareals: Garms, Jörg: „Materialien zur Kunsttätigkeit der gegenreformatorischen Orden in Österreich und in anderen Ländern der Habsburgermonarchie bis 1800“ – III. Die Archive des Theatiner- und des Barnabitenordens. In: Römische Historische Mitteilungen 38 (1996), S. 269-306; Abb. 20
Quellen:
Spreitzer, Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 185 ↩︎
Das gesellschaftliche Leben in früherer Zeit fand vor allem in den Gasthäusern statt und Großveranstaltungen wurden vornehmlich in den geräumigen Sälen der auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickenden Gasthäuser „zum weißen Rössl“ (Hafnerstraße, heute: Asia Restaurant) und „zur goldenen Krone“ (Oberhoferstraße, heute: Kronen-Kino) abgehalten. Unter den übrigen Mistelbacher Gasthäusern verfügten insbesondere das erst 1860 gegründete Gasthaus „zum Rebhuhn“ (Oserstraße, heute: GH Schilling) sowie die 1870 eröffnete Bahnhofsrestauration (zuletzt GH „zur Linde“) über geräumige Säle um beispielsweise große Tanzveranstaltungen abzuhalten.1 Eine besondere Rolle nahm jedoch das gemeindeeigene Gasthaus im alten Rathaus (heute: Erste Bank) ein. Im sogenannten „Rathaussaal“ – dem über Jahrhunderte größten Saal in Mistelbach – fanden neben den Sitzungen des Gemeinderats (zuvor Gemeindeausschuss bzw. Marktgericht) und sonstiger offiziellen Festakte, auch viele weitere große Veranstaltungen statt. Das alte Rathaus wurde 1874 abgetragen und die letzte große Feierlichkeit, die im ursprünglichen Rathaussaal stattfand, war die Festtafel anlässlich der Stadterhebung im Juni dieses Jahres. 1875 wurde schließlich der Nachfolgebau errichtet, und das dort untergebrachte Gasthaus nannte sich nunmehr „Hotel Rathaus“ . Selbstverständlich verfügte auch dieses über einen geräumigen Saal und zahlreiche weitere Nebenräume, die in Veranstaltungsankündigungen oftmals als „Rathauslokalitäten“ bezeichnet wurden. Einen Eindruck vom Rathaussaal bietet untenstehende Aufnahme anlässlich einer 1903 abgehaltenen Lehrlingsarbeiten-Ausstellung, die leider nur in schlechter Qualität überliefert ist (siehe auch Mistelbach in der Zeitung – Teil 1 (1901-1905). In den 1960er Jahren wurde das alte Rathaus abgebrochen und an seiner Stelle ein neues Gebäude für die Mistelbacher Sparkasse errichtet.
Ein Blick in den Saal des „Hotel Rathaus“ im Jahre 1903
Einen weiteren großen Raum, der allerdings nur gelegentlich für Großveranstaltungen genutzt wurde, bot der Ende März 1889 eröffnete Turnsaal neben dem Schulgebäude. Im Zuge des Umbaus des Pflichtschulzentrums – heute befinden sich dort die Mistelbacher Mittelschulen – wurde dieses Gebäude rund 100 Jahre nach seine Errichtung abgetragen. Eine Innenansicht des Turnsaals bei einer Veranstaltung ist uns durch eine Illustration von der Weinausstellung des Jahres 1905 überliefert (siehe auch Mistelbach in der Zeitung – Teil 1 (1901-1905).
Innenansicht des alten Turnsaals in der Thomas Freund-Gasse bei der Weinausstellung des Jahres 1905. Der Saal wirkt auf diesem Bild sehr viel geräumiger, als er tatsächlich war.
Wie bereits erwähnt, handelte es sich beim Rathaussaal lange Zeit um den größten Veranstaltungsraum der Stadt. Dies änderte sich jedenfalls als im Jahre 1929 das Gasthaus „zur goldenen Krone“ ausgebaut und um einen Kinosaal erweitert wurde. Dieser neue Saal konnte etwa 500 Personen fassen und war als nunmehr größter Saal der Stadt im Laufe der folgenden Jahrzehnte Schauplatz von Bällen, Turnübungen, Modenschauen, Festsitzungen des Gemeinderates, Vorträgen und weiteren Veranstaltungen.
Überlegungen zu einem Stadthaus in Mistelbach
Der ursprünglich 1884 gegründete und im Jahre 1946 wieder entstandene Verschönerungsverein der Stadt Mistelbach trat im August 1947 mit einer einwöchigen Ausstellung in der damaligen gewerblichen Fortbildungsschule (heute: Polytechnische Schule) unter dem Titel „Mistelbach gestern, heute, morgen (Mistelbach in Plan und Bild)“ in Erscheinung. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die sich wie der Name nahe legt auch mit der künftigen Entwicklung der Stadt befasste, wurde unter anderem das Fehlen eines geeigneten Veranstaltungszentrums thematisiert. Daher wurde die Errichtung eines „Stadthauses“ angeregt und diese sollte in einer idealtypischen Form folgende Einrichtungen bieten:
-) einen großen Saal mit Fassungsvermögen von 800 bis 1000 Personen -) Nebenräume für Gast- und Kaffeehausbetrieb, die bei entsprechenden Großveranstaltungen weitere 1000 Personen aufnehmen könnten -) einen (abteilbaren) Stadtkeller, der ebenfalls 800 bis 1000 Personen fassen sollte und bspw. für Weinmärkte und -messen genutzt werden könnte -) mehrere kleinere Räume für Tagungen, Vereinsbesprechungen, Vorträge und Kurse -) außerdem sollte es Gästezimmer umfassen, weil es in Mistelbach an großen Beherbergungsbetriebe fehle
Der Verschönerungsverein hatte im Vorfeld die beiden Architekten Elly Schneider (die Tochter einer Mistelbacher Baumeisterfamilie) und Karl Karafiat (bis Anfang der 1950er Jahre am Bauamt der Stadt beschäftigt) ersucht sich Gedanken über mögliche Standorte und die Ausgestaltung eines solchen Stadthauses zu machen. Die dabei entstandenen Entwürfe wurden im Rahmen der Ausstellung präsentiert und es sollte damit ein konstruktiver Diskurs zu diesem Thema angestoßen werden. Als Standorte wurden der damals freie Platz hinter der Gewerbeschule (heute: hinterer Gebäudeteile der Polytechnischen Schule und Stadtkindergarten), der weitläufige Gebäudekomplex Hafnerstraße 2/Hauptplatz 27 samt den Häusern Hauptplatz 28 und Marktgasse 1-3 sowie die Grundstücke Hauptplatz 11-15 inkl. Kirchengasse 1-3 erwogen. Bei den meisten der genannten Häuser handelte es sich um Kriegsruinen und es bot sich damals die seltene Gelegenheit vergleichsweise unkompliziert ein großes Bauprojekt im Zentrum zu realisieren und brachliegende Flächen sinnvoll zu nutzen. Außerdem boten die beiden Standorte am Hauptplatz die Möglichkeit einer Baulinienbereinigung. Anzumerken ist, dass es sich bei einigen der genannten Liegenschaften um enteigneten jüdischen Besitz handelte und die Eigentumsverhältnisse erst gerichtlich geklärt werden mussten. Wie der Verschönerungsverein klarstellte, war an eine Realisierung eines solchen Vorhabens natürlich erst zu denken, wenn die Kriegsspuren in der Stadt behoben seien und Baumaterialien nicht mehr Mangelware sind. Letzterer Punkte sollte jedoch bis in die 1950er Jahre dauern und sorgte auch für Verzögerungen bei anderen Großbauten, bspw. dem Neubau der Eibesthaler Pfarrkirche. Der Bau und später der Betrieb sollten von einer eigens zu gründenden Stadthausgesellschaft – also einer eigenen Körperschaft – abgewickelt werden. Einen bedeutenden Aspekt bildete natürlich auch die Frage der Finanzierung dieses Vorhabens und hierfür wurde unter anderem eine Art „crowdfunding“ vorgeschlagen, bei dem die Mistelbacher Bevölkerung Anteilsscheine an der „Stadthaus“-Gesellschaft zeichnen sollten.2
Die Anregung dieser Diskussion – trotz der damals wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit – zeugte vom Weitblick des Verschönerungsvereins, der die Bevölkerung um Rückmeldungen zu diesem Vorschlag ersuchte.Das Projekt wurde nie umgesetzt und es finden sich abgesehen von dieser Veranstaltung auch keine weiteren Hinweise darauf, dass die Idee noch weiter verfolgt wurde. Die Ruinen im Zentrum erinnerten teils Jahrzehnte später noch an die Schrecken des Krieges und es sollte mehr als 40 Jahre dauern bis mit dem Stadtsaal eine Einrichtung geschaffen wurde, wie sie der Verschönerungsverein damals ersann.
Markthalle/Stadthalle
Jeden Montag fand in Mistelbach ein Ferkelmarkt statt, der seit den 1930er Jahren in einer zum Areal des Gemeindegasthauses „Hotel Rathaus“ gehörenden Scheune in der Franz Josef-Straße stattfand. Ab Ende der 1940er Jahre stieg der Ferkelauftrieb sehr stark an, sodass der Bau einer Markthalle erwogen wurde. Bereits 1934 gab es erste Gedanken zum Bau eines solchen Gebäudes, aber die schlechte wirtschaftliche Lage bzw. die politisch turbulenten Folgejahre verunmöglichten die Realisierung eines solchen Vorhabens. Anfang der 1950er Jahre war der lange Zeit währende Baustoffmangel der Nachkriegszeit endlich überwunden, sodass an ein derartiges Bauprojekt gedacht werden konnte. Daher fasste der Mistelbacher Gemeinderat im Jahre 1952 den Beschluss zur Errichtung einer Markthalle neben dem Stadtpark3, doch die Klärung von Fragen der Finanzierung bzw. der konkreten Ausgestaltung sollten die Umsetzung dieses Beschlusses verzögern. Der Bau sollte neben dem Stadtpark bzw. vor der städtischen Badeanstalt ausgeführt werden, allerdings befand sich dort das alte Zeughaus der Feuerwehr, das erst abgetragen werden musste. Der Bau der Markthalle war von Beginn an umstritten, allerdings war der Ferkelmarkt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der regelmäßig eine Vielzahl an Bauern aus der Umgebung nach Mistelbach lockte und von diesen Besuchern profitierten Gewerbe und Handel in der Stadt.
Mit der Planung der Markthalle, die schließlich am 2. Oktober 1955 feierlich eröffnet werden konnte, war der Wiener Architekt Dr. Martin Cäsar beauftragt worden. Die Kosten der Errichtung beliefen sich schlussendlich auf rund 730.000 Schilling und überstiegen die Planungskosten erheblich, was für aufgeregte Berichterstattung in der Lokalpresse und Auseinandersetzungen im Gemeinderat sorgte. Letztlich war es notwendig ein weiteres Darlehen zur Bedeckung der Mehrkosten in Höhe von 160.000 Schilling aufzunehmen.4
Die Markthalle im Jahr 1962 an einem Ferkelmarkttag
Aufgrund der Nutzung für den „Ferkelmarkt“ bürgerte sich bald der despektierliche Name „Sauhalle“ ein. Allerdings war die neue Halle laut einhelliger Meinung viel zu schön ausgestaltet, um nur für den Ferkelmarkt genutzt zu werden, und daher erfolgte schon bald eine vielseitige Nutzung als Mehrzweckhalle. Beispielsweise nutzte derKleintierzüchterverein die Markthalle für seine Ausstellungen und auch die Sportvereine nutzten die Halle als Trainingsraum in der Wintersaison.
Eine Ausstellung des Kleintierzüchtervereins in der Markthalle im Jahre 1968 und somit noch vor dem Umbau zur Stadthalle
1968 erfolgte dann der Ausbau der Markthalle zu einer richtigen Mehrzweckhalle, die ab diesem Zeitpunkt den Namen „Stadthalle“ trug – ein Versuch den alten, unliebsamen Namen hinter sich zu lassen. Anstoß für den großzügigen Umbau lieferten nicht zuletzt die Mistelbacher Sportvereine: der Aufstieg der Basketballmannschaft UKJ Mistelbach in die Staatsliga A sowie die Erfolge der Mistelbacher Hand- und Faustballmannschaften, denen die neue Halle bessere Möglichkeiten zur Ausübung ihres Sports bieten sollte. Die Halle wurde um den Zubau einer Publikumstribüne, sowie um einen rückwärtig gelegenen Heizraum, Lagerräume und Kabinen samt Sanitäreinrichtungen erweitert. Außerdem wurde ein spezieller sporttauglicher Bodenbelag verbaut, das Beleuchtungssystem erneuert und der Schankraum ausgebaut. Die Anschaffung einer transportablen Bühne sorgte dafür, dass die Halle auch für Konzerte und sonstige Aufführungen genutzt werden konnte. Die Umbauarbeiten wurden im Frühjahr 1969 abgeschlossen und für diese Umgestaltung waren im Zuge der Planung rund 1,5 Millionen Schilling veranschlagt worden. 1987 wurde die Stadthalle schließlich abgebrochen, um Platz für die Errichtung des Stadtsaals zu schaffen.5
Die seit Ende der 1960er Jahre in dieser Form bestehende Stadthalle, kurz vor ihrem Abbruch im Jahre 1987
Die Rückansicht der Stadthalle im Jahre 1987
Der ab den 1960er Jahren einsetzende, kontinuierliche Rückgang an bäuerlichen Kleinbetrieben, von denen die meisten einst Schweinezucht betrieben, führte auch dazu, dass der Mistelbacher Ferkelmarkt im Laufe der Jahre an Bedeutung verlor. 1984 war der Ferkelauftrieb schließlich so gering, dass dieser traditionsreiche wöchentliche Markt in eine kleine Scheune in der Kirchengasse 7 verlegt wurde, ehe er im Folgejahr mangels Bedarfs eingestellt wurde.6
Stadtsaal
Trotz des 1968 erfolgten Umbaus genügte die Stadthalle, die in ihrem Grundriss aus den 1950er Jahren stammte und eigentlich als Markthalle konzipiert war, nicht den Anforderungen eines modernen Veranstaltungszentrums. 1985 beauftragte daher der Mistelbacher Gemeinderat das Institut für Gebäudelehre an der Technischen Universität Wien mit der Ausarbeitung einer Gebäudestudie für einen neuen Stadtsaal. Im Zuge dieser Studie wurde mehrere Standorte untersucht und verschiedene Entwürfe für dessen mögliche Ausgestaltung erarbeitet, die schließlich der Öffentlichkeit im Rahmen von Informationsveranstaltungen vorgestellt wurden. Der Standort im Stadtpark – also jener der bisherigen Stadthalle – wurde unter den in Betracht gezogenen Flächen aufgrund seiner zentralen Lage als am günstigsten bewertet und somit setzte sich dieser Standort klar durch. Ende 1986 wurden Entwürfe von drei Architekten präsentiert, von denen schließlich jener von Prof. Anton Schweighofer die größte Zustimmung fand. Sein Konzept eines von antiken Bauformen inspirierten „Gartentempels“ – der Name leitet sich vom Zusammenspiel mit dem unmittelbar angrenzenden Stadtpark ab – wies eine Nutzfläche von 1250 m² auf drei Ebenen auf und bot mit allen Räumlichkeiten inkl. Foyer ein Fassungsvermögen von 1000 Personen. Natürlich musste für diesen Bau die alte Stadthalle weichen, aber die dahinter gelegene alte städtische Badeanstalt aus dem Jahr 1899, die seit den 1960er Jahren immer wieder als Ausweichquartier für die unter Raumnot leidenden Schulen der Stadt diente und daher auch „Parkschule“ genannt wurde, wurde saniert und baulich in den neuen Stadtsaal integriert.7
Die nachfolgenden Bilder dokumentieren den Baufortschritt dieses Großprojekts:
Die einstige städtische Badeanstalt neben dem Stadtpark, die seit den 1960er Jahren als Schulraumreserve („Parkschule“) diente, wurde in den neuen Stadtsaal baulich integriert. Im Vordergrund die Aushubarbeiten für den Stadtsaalbau im September 1987
Die Vorderseite des Stadtsaals im April 1988
Stand der Bauarbeiten im April 1988
Die dem Stadtpark zugewandte Seite des Stadtsaals im September 1988
Erneut die Stadtparkseite im November 1988
Die Vorderseite des Stadtsaals im November 1988
Die Gesamtkosten für die Errichtung des Stadtsaals beliefen sich auf rund 75 Millionen Schilling, wobei es bei den Baukosten zu einer Steigerung von rund 20 % gegenüber den Plankosten kam. Die Mehrkosten wurden durch nachträglich vorgenommene Änderungen am Projekt (u.a. vollständige Unterkellerung, die ursprünglich nicht vorgesehene Unterbringung der Stadtbücherei, höherwertige Einrichtung) sowie Schwierigkeiten bei der Fundamentierung (man stieß auf unbekannte Keller) verursacht.8 Zwar fand die feierliche Eröffnung erst am 21. November 1989 im Beisein von Landeshauptmann Siegfried Ludwig statt, doch schon wenige Wochen zuvor war mit den Puppentheatertagen erstmals eine Veranstaltung im neuen Stadtsaal abgehalten worden.
Der Stadtsaal beherbergt neben der Stadtbücherei auch eine Jugendberatungsstelle und die Volkshochschule Mistelbach.
Im Zuge der Feierlichkeiten zu „125 Jahre Stadt Mistelbach“ wurden im Juni 1999 die beiden Säle nach berühmten Künstlern aus Mistelbach benannt. Der große Saal wurde nach dem Dirigenten Oswald Kabasta benannt und der kleine Saal erhielt den Namen des Secessionskünstlers Wilhelm Bernatzik.9 In seiner Sitzung vom 12. Oktober 2016 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat den großen Saal in Alfred-Šramek-Saal umzubenennen. Die offizielle Neubenennung fand im Rahmen eines Festakts im März 2017 statt, der zu Ehren des im Jahr zuvor verstorbenen Kammersängers abgehalten wurde.10
Bildnachweis: -) Foto Lehrlingsausstellung: Ilustrirtes Wiener Extrablatt, 5. Oktober 1903, S. 1 (ONB-ANNO) -) Foto Weinausstellung: Neuigkeits-Welt-Blatt, 23. Februar 1905, 9. Bogen des Neuigkeits-Welt-Blatts (ONB-ANNO) -) Bilder der alten Markt- bzw. Stadthalle sowie des Stadtsaalbaus: Göstl-Archiv
Quellen:
einen guten Einblick in die damals verfügbaren Saallokalitäten ergibt ein Blick in den Ballkalender im Mistelbacher Bote in den Jahren 1888-1896 bzw. die Ankündigungen von Ballveranstaltungen im Untermanhartsberger Kreis-Blatt im Zeitraum 1882-1888 ↩︎
Verschönerungsverein der Stadt Mistelbach (Hrsg.): Programmheft Ausstellung „Mistelbach gestern, heute, morgen (Mistelbach in Plan und Bild)“ (1947), S. 6-9; Mistelbacher Bote, Nr. 26/1947, S. 3 (ONB: ANNO) ↩︎
Mistelbacher Bote, Nr. 26/1952, S. 3 (ONB: ANNO); ↩︎
Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 45/1955, S. 1; Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 46/1955, S. 1; Mistelbacher Bote, Nr. 41/1955, S. 1 (ONB: ANNO); ↩︎
Weinviertler Nachrichten, Nr. 28/1968, S. 2; Weinviertler Nachrichten, Nr. 6/1969, S. 3 ↩︎
Göstl, Georg/ Leithner, Johann/ Weidlich, Alfred/ Steiner, Oskar/ Kummer, Johann: „Mistelbacher Chronik von 1914 bis 1988“, Band IV (1989) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 110 ↩︎
Festschrift anlässlich der Stadtsaaleröffnung (1989) ↩︎
Gemeindezeitung – amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistlelbach, Folge 9/1992 (Juli), S. 10; Mistelbacher Rundschau, 19. Jg. – Nr. 3 (Juli 1992) (ohne Seitennummerierung); ↩︎
Festprogramm 125 Jahre Mistelbach (25-Stunden-Fest der Gemeinschaft) ↩︎
Stadtgemeindezeitung Mistelbach – amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 2 (April) 2017, S. 7 ↩︎
Am 26. Juli 1910 besichtigte Zarin1 Eleonore – die Gattin des bulgarischen Herrschers Ferdinand I. – das erst im Jahr zuvor eröffnete Kaiser-Franz-Josef-Bezirks-Krankenhaus in Mistelbach. Empfangen wurde sie von Bürgermeister Thomas Freund und dem Leiter der Anstalt Dr. Fritz Höllrigl, der sie durch die gesamte Einrichtung führte. Die Zarin, die selbst ausgebildete Krankenpflegerin war und wenige Jahre zuvor im russisch-japanischen Krieg freiwillig die Leitung einer russischen Sanitätsabteilung übernommen hatte2, folgte der Führung mit großem Interesse und Fachverständnis. Zarin Eleonore verbrachte drei Stunden im Mistelbacher Krankenhaus und unterhielt sich auch mit einigen Patienten bzw. erkundigte sich nach deren Befinden. Am Ende ihres Besuches war sie voll des Lobes für diese den modernsten medizinischen Standards entsprechende Einrichtung und gratulierte den Verantwortlichen, die „… hier ein edles Werk der Nächstenliebe geschaffen [hätten] …“. Obwohl das Krankenhaus erst seit wenigen Monaten in Betrieb war, befand es sich bereits in einer schwierigen finanziellen Lage, denn die Errichtung und der Betrieb waren für die Stadt nur schwer zu stemmen und die umliegenden Gemeinden wollten die Leistungen des Krankenhauses zwar gerne für ihre Einwohner nutzen, zierten sich allerdings bei der Leistung eines finanziellen Beitrags. Bürgermeister Freund wusste diese Thematik taktvoll anzusprechen und Zarin Eleonore stimmte zu, dass solche Institutionen nicht ausschließlich Aufgabe der Gemeinden sein können, sondern auch Staat und Land zu deren Erhaltung und Betrieb beitragen müssten. Vor ihrem Abschied spendete die hoheitliche Besucherin dem Krankenhaus einen größeren Geldbetrag und ließ sich außerdem die Kontaktdaten jener Firmen geben, die das Krankenhaus ausgestattet hatten, da sie selbst die Gründung eines Krankenhauses in der bulgarischen Hauptstadt Sofia beabsichtigte.
Das Bezirks-Krankenhaus kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1909
Wie kam es, dass die bulgarische Zarin Mistelbach besuchte?
Die spätere Zarin Eleonore wurde 1860 als Prinzessin des alten deutschen Adelsgeschlechts Reuß, genauer der jüngeren Linien „Reuß zu Köstritz“, geboren. Etwa dreißig Jahre vor ihrer Geburt waren die Güter Hagenberg und Ernstbrunn im Erbwege in den Besitz ihrer Familie gelangt und die unverheiratete Prinzessin Eleonore, die sich vornehmlich sozialen Aufgaben widmete – einige Zeit wirkte sie als Diakonisse (= eine Art evangelischer Ordensschwester) – lebte später bei ihrem Bruder auf Schloss Ernstbrunn. Deutsche Adelige saßen im 19. Jahrhundert auf vielen europäischen Thronen und 1887 wurde der in Wien geborene Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha zum Fürsten („Knjaz“) von Bulgarien – das sich als weiterhin tributpflichtiges Fürstentum aus dem osmanischen Reich herauslöste – eingesetzt. Der Titel „Zar“ geht so wie auch der Titel „Kaiser“ auf den römischen Begriff „Caesar“ zurück und der erste Träger des Titels „Zar“ war tatsächlich ein bulgarischer Herrscher im 9. Jahrhundert, der damit die Nachfolge der oströmischen Kaiser beanspruchte. Nach der endgültigen Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1908 knüpfte Ferdinand I. von Bulgarien an diese Tradition an und nannte sich nunmehr Zar. Im selben Jahr und somit neun Jahre nach dem Tod seiner ersten Gattin ehelichte der bulgarische Herrscher schließlich Prinzessin Eleonore Reuß zu Köstritz, die aus einem zuvor eher zurückgezogenen Leben plötzlich und in bereits fortgeschrittenem Alter zur Gattin eines europäischen Herrschers aufstieg. Eleonore, die bis zu ihrer Verehelichung in Ernstbrunn gelebt hatte, erfreute sich aufgrund ihres großzügigen und sozial eingestellten Wesens großer Beliebtheit bei der dortigen Bevölkerung und für die damalige Zeit und ihren Stand ungewöhnlich, pflegte sie auch Kontakte zu den einfachen Leuten.
Gemälde der Zarin Eleonore von Bulgarien, geschaffen von Georgi Evstatiev (Public domain, via Wikimedia Commons)
Diese Verbundenheit zu alten Bekanntschaften aus Ernstbrunn zeigte sich auch durch die Tatsache, dass Zarin Eleonore bei ihrem Besuch im Mistelbacher Krankenhaus vom Ernstbrunner Gemeindearzt Dr. Steiner begleitet wurde und insbesondere dadurch, dass sie vor der Besichtigung des Krankenhauses die Mistelbacher Glasermeistersgattin Elise Eybel in deren Haus in der Hafnerstraße besucht hatte. Bei Frau Eybel handelte es sich um eine Schwester des fürstlichen Rentmeisters (=leitenden Gutsverwalters) Swolensky in Ernstbrunn. Über das Geschehen in der Region informierte sich Eleonore durch den Mistelbacher Bote, den sie sich an den Zarenhof schicken ließ. Es überrascht daher nicht, dass 1917 nach ihrem Ableben auch im Mistelbacher Bote mehrere Meldungen zum Tod der auch in Bulgarien äußert populären Zarin erschienen.3
Bildnachweis: -) Ansichtskarte des Krankenhauses: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer -) Gemälde Zarin Eleonore von Georgi Evstatiev, Public domain – Wikimedia Commons
Quellen: -) Mistelbacher Bote, Nr. 31/1910, S. 2f (ONB: ANNO) -) Fitzka, Karl: Ergänzungs- und Nachtragsband zur Geschichte der Stadt Mistelbach (1912), S. 194ff -) Tscherkassky, Waldemar: „Aus der Chronik des a.o. Kaiser-Franz-Josef-Bezirkskrankenhauses in Mistelbach“ In: Festschrift anlässlich der Erweiterung und Eröffnung des allgemeinen öffentlichen Kaiser Franz Josef Bezirkskrankenhauses in Mistelbach, am 17. Oktober 1937 (1937), S. 32
Nachdem dieser Blog in ein paar Wochen sein 10-jähriges Bestehen feiert, war es höchste Zeit für eine zeitgemäßere Optik.
In den nächsten Tagen müssen noch einige Anpassungen vorgenommen, die die Lesbarkeit bzw. das sich zurechtfinden erleichtern sollen.
Vereine sind bis heute maßgebliche Träger des Gemeinschaftslebens in Österreich, auch wenn sich in diesem Bereich gegenwärtig bereits große Umbrüche durch geändertes Sozial- bzw. Freizeitverhalten und demografischen Wandel abzeichnen. Das uns bekannte Vereinswesen entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber natürlich gab es bereits zuvor organisierte Formen von Gemeinschaft, die einen ideellen Zweck verfolgten, auch wenn ihre Zahl deutlich geringer und ihr Wirkungsbereich weniger vielfältig war. Die Zünfte als Handwerkervereinigungen bzw. Standesvertretungen undebenso die religiösen Bruderschaften (nicht mit geistlichen Orden zu verwechseln),die es auch in Mistelbach über Jahrhunderte hinweg gab, können als frühe Formen institutionalisierter Zusammenschlüsse angeführt werden. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde die behördliche Genehmigung von Vereinigungen sehr restriktiv gehandhabt und dies änderte sich erst als im Zuge der Revolution des Jahres 1848 viele Freiheitsrechte, darunter auch das Vereinigungs- und Versammlungsrecht, errungen wurden. Die Revolution wurde niedergeschlagen und die Rechte in der Folge wieder eingeschränkt, doch die einmal genossenen Freiheiten konnten dem Volk nun nicht mehr auf Dauer vorenthalten werden. Das Vereinspatent des Jahres 1852 und schließlich das im Jahr 1867 erlassene Staatsgrundgesetz, das den Bürgern umfassende Grund- und Freiheitsrechte gewährte, stellten die Basis für das spätere Aufblühen des Vereinswesens dar.
Eine im Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach veröffentlichte Liste der 87 Vereine, die im Jahr 1884 im gesamten politischen Bezirk Mistelbach4 existierten, gibt einen interessanten Einblick und zeigt, dass die Entwicklung des Vereinswesens damals noch am Anfang stand.
Folgende Vereine bestanden damals in der Stadt Mistelbach:5
-) Landwirthschaftlicher Bezirks-Verein Mistelbach
-) Casino-Verein Mistelbach (Anm.: hierbei handelt es sich um einen landwirtschaftlichen Genossenschaftsverein, dessen Schwerpunkt vor allem in der Weiterbildung der Landwirte lag)
-) Militär-Veteranen-Verein Mistelbach
-) 1. Mistelbacher Militär-Veteranen-Kranken-Unterstützungs-Verein
-) Freiwilliger Feuerwehr-Verein Mistelbach
-) Bezirks-Feuerwehr Verband Mistelbach
-) Bezirks Feuerwehr-Unterstützungs-Cassa für die Feuerwehren des politischen Bezirks Mistelbach
-) Ortsgruppe Mistelbach und Umgebung des Deutschen Schulvereins Wien
-) Zweigverein des Patriotischen Frauen-Hilfs-Vereins für Nieder-Oesterreich Mistelbach
-) Zweigverein des Bienenzüchter-Vereines Wien Mistelbach
-) Lehrer-Verein für den Schulbezirk Mistelbach
-) Zayawasser-Werks-Verein
-) Verschönungs-Verein von Mistelbach und Umgebung
-) Männer-Spar-Verein Mistelbach
-) Männer-Gesangs-Verein Mistelbach
-) Schützen-Gesellschaft der Stadt Mistelbach
-) Eislauf-Verein Mistelbach
In den heutigen Katastralgemeinden existierte mit der Freiwilligen Feuerwehr Eibesthal damals lediglich ein Verein.
Der älteste Verein dürfte mit ziemlicher Sicherheit der 1852 gegründete “Landwirthschaftliche Bezirks-Verein Mistelbach” gewesen sein, der bis zum Jahr 1925 bestand, als er im Zuge der damals erfolgten Schaffung der Landwirtschaftskammern aufgelöst wurde.6
Der älteste heute noch bestehende Verein Mistelbachs ist der Stadtchor, der in seinen Wurzeln auf den 1864 gegründeten Männergesangsverein zurückgeht. Tatsächlich erfolgte im Jahr 1864 lediglich die vereinsmäßige Gründung, der Chor selbst soll sich bereits 1855 gebildet haben.7
Frühe Darstellungen Mistelbachs aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert sind rar und die beiden ältesten überlieferten Abbildungen wurden bereits im Beitrag Älteste bildliche Darstellungen von Mistelbach behandelt. Bei untenstehender Abbildung handelt es sich also nicht um die älteste, aber um die älteste detaillierte Darstellung Mistelbachs und sie zeigt den Blick auf den Markt aus westlicher Richtung. Sie findet sich auch auf den ersten Seiten – noch vor der Titelseite – von Fitzkas 1901 erschienener Geschichte der Stadt Mistelbach, allerdings mit der falschen Bildbeschreibung „Alt-Mistelbach zu Ende des XVII. Jahrhundertes (sic!)“9. Tatsächlich ist sie um 100 Jahre jünger und stammt aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts – frühestens aus dem Jahr 1784.
Eine der bekanntesten und gleichzeitig die detaillierteste überlieferte historische Ansicht Mistelbachs aus der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts (Bildausschnitt aus den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs)
Anfang der 1950er Jahre ging auch der verdiente Mistelbacher Heimatforscher Prof. Hans Spreitzer noch davon aus, dass die Datierung bei Fitzka korrekt sei bzw. übernahm er diese unhinterfragt10, doch in einer im Jahre 1957 erschienenen Beitragsreihe zum Thema “Das Mistelbacher Museumsgebäude und die Devenna“ belegte Spreitzer eindeutig, dass obige Darstellung erst Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sein kann. Das Fehlen der 1784 gemäß kaiserlichem Erlass abgetragenen Wallfahrtskirche „Maria in der Gruft“ – es handelte sich dabei wohl um die ursprüngliche, alte Pfarrkirche auf dem Berg, die sich zwischen der heutigen Pfarrkirche und dem Karner befand – ist ein stichhaltiges Argument für die zeitliche Einordnung der Darstellung. Zumal die Sakralbauten, sowie einige Denkmäler auf dem Kirchenberg ausgesprochen detailliert dargestellt sind. (nähere Details zu „fehlenden“ Kirche siehe: Wallfahrtsort Mistelbach – die alte romanische Pfarrkirche)
Prof. Spreitzer führt anhand von Details der Darstellung noch weitere Argumente an, weshalb die Ansicht keinesfalls aus der Zeit zu Ende des 17. Jahrhunderts stammen kann11:
-) Links neben der Kirche ist das Plateau (fälschlicherweise auch als „Tumulus“ bezeichnet) erkennbar auf dem sich einst die Mistelbacher Burg befand und hinter diesem lugen einige Häuser hervor. Prof. Spreitzer meint darin die Verbauung des alten Marktplatzes (im Bereich obere Neustiftgasse/Josefigasse/Hochgasse/Mittelgasse/Kellergasse/Engegasse/obere Berggasse) zu erkennen, die jedenfalls erst nach 1700, vor allem jedoch um 1720 erfolgte sei.
-) „das Kollegsgebäude erhielt erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die im Bild festgehaltene – heutige Gestalt“
-) „die Kirchenstiege bekam erst um 1725 die Form, die das Bild zeigt“
-) „die Häuser „hinter dem Markt“ – rechter Bildrand unten – wurden erst nach 1710 errichtet“
-) „verschiedene Häuser auf dem Bilde wurden erst um 1720-1740 erbaut“
Neben all den von Spreitzer bereits angeführten Argumenten, findet sich noch ein Detail in der Darstellung der Pfarrkirche, das eine frühere Entstehung der Darstellung widerlegt: Erst in den 1740er Jahren wurde dem Kirchturm in Form eines Kuppeldaches ein würdiger Abschluss aufgesetzt – bis dahin war der Kirchturm kaum höher als das restliche Kirchengebäude und schloss ohne besonderen Dachaufbau ab. Ein Blitzschlag im Jahr 1752 bzw. Sturmschäden in den Folgejahren zerstörten den Turm, sodass dieser Ende der 1750er Jahre erneuert werden musste. Im Rahmen dieser Renovierung wurde der Turm deutlich höher gebaut und er erhielt ein pyramidenförmiges Form – so wie es auf der gegenständlichen Ansicht zu erkennen ist.12 Die heutige Zwiebelform erhielt das Kirchturmdach übrigens erst nach dem verheerenden Kirchenbrand des Jahres 1835.
Die Inhalte von Spreitzers heimatgeschichtlichen Beitragsreihen in verschiedenen Lokalblättern gerieten, da sie bedauerlicherweise nur zum Teil später auch in Schriftenreihen bzw. Buchform publiziert wurden, teilweise in Vergessenheit. Doch spätestens in dem 1974, anlässlich der Feierlichkeiten zu „100 Jahre Stadterhebung“ herausgegeben Buch „Mistelbach Geschichte I“ wurde schlüssig und öffentlichkeitswirksam dargelegt weshalb die gegenständliche Abbildung frühestens zu Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sein kann. Allerdings beschränkte sich die Argumentation in diesem Buch, an dessen Entstehen Spreitzer maßgeblichen Anteil hatte und das ursprünglich als mehrbändiges Werk konzipiert war, auf das augenscheinlichste Argument – das Fehlen der alten Wallfahrtskirche.13 Dennoch hält sich die falsche Angabe Fitzkas betreffend die Entstehungszeit dieser Darstellung – wie auch manch andere Fehlinformation aus seinen beiden Geschichtsbänden – sehr hartnäckig und diese bereits seit Jahrzehnten widerlegte Datierung wird teils auch in jüngst erschienenen Publikationen noch weiterverbreitet.14
Der obige Kupferstich entstammt dem Vordruck einer sogenannten „Handwerkskundschaft“ der Fleischackerzunft des „hochfürstlich-liechtensteinischen Marktes Mistelbach“. Bei derartigen „Kundschaften“ handelte es sich um Bestätigungen mittels denen Gesellen, die sich auf der damals obligatorischen Wanderschaft („Walz“) befanden, die Ausübung des Handwerks und das Wohlverhalten vom Vorstand der hiesigen Zunft bestätigt wurde. Diese ursprünglich handschriftlich ausgestellten Bestätigungen wurden später durch vorgedruckte Formulare ersetzt und ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es durchaus üblich, dass diese auch eine bildliche Darstellung der Stadt bzw. des Marktes zierte, an der die jeweilige Zunft ihren Sitz hatte. Die Verwendung der Vordrucke machte es darüber hinaus auch schwieriger diese Dokumente zu fälschen.
Eine Handwerkskundschaft der Mistelbacher Fleischhauerzunft aus dem Jahre 1820, die sich in den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs erhalten hat – Originalformat: ca. 40 x 50 cm
Ein leeres Exemplar dieses Vordrucks hat den Lauf der Zeit in den Beständen der topografischen Sammlung der niederösterreichischen Landesbibliothek überdauert15 und eine für den Fleischhackerknecht (=Geselle) Andreas Hobersdorfer am 26. April 1820 ausgestellte Urkunde findet sich heute in den online zugänglichen Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs16. Eine Fleischhauerzunft in Mistelbach wird urkundlich bereits im Jahre 1414 erwähnt und dieser „Zeche“ gehörte ein Großteil der Fleischhauer des nordöstlichen Niederösterreichs an. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gehörten zumindest zeitweilig auch Fleischhauer jenseits der March sowie in Südmähren zur Mistelbacher Zunft.17
Der aus Ameis stammende Andreas Hobersdorfer wird in der oben abgebildeten „Kundschaft“ als 22 Jahre alt, von mittlerer Statur und mit schwarzem Haar beschrieben. Auch sein Dienstgeber, der Walterskirchner Fleischhackermeister Mathias Prokisch, gehörte der Mistelbacher Zunft an, und es wurde bestätigt, dass Hobersdorfer in den 26 Wochen, in denen er bei Prokisch beschäftigt war, gute Arbeit geleistet und Fleiß gezeigt hat.
Neben dem Altvater (=Vorstand) der Mistelbacher Fleischhackerzunft Joseph Kautz, unterzeichnete auch der in Mistelbach ansässige Fleischhackermeister Franz Koch als „Verordneter“ die Urkunde und darüber hinaus auch der Syndikus des damals bestehenden Mistelbacher Magistrats. Nachdem die Mistelbacher Fleischhackerzunft sehr bedeutend war und einige ihrer Mitglieder sehr wohlhabend waren, ist es jedenfalls denkbar, dass sie einen Künstler mit der Anfertigung dieses Kupferstichs eigens beauftragt haben.
Vieles an dieser Ansicht wirkt vertraut und ist leicht erkennbar: im Bildzentrum der weitläufige Hauptplatz mit der (etwas zu groß dargestellten) Dreifaltigkeitssäule, die Pfarrkirche samt Karner und dem umliegenden Friedhof – damals noch von einer massiven Befestigungsmauer umgeben, die Markt- und Pfarrstiege, das Barnabitenkolleg, die Bögen die den Durchgang zur Kirchengasse zieren und vieles mehr. Interessant ist auch die Darstellung von kleinen Bachläufen am rechten Bildrand im Bereich der Frohnerkreuzung bzw. in der Mitscha- und Wiedenstraße. Im Spitalsviertel (rund um die Elisabethkirche) gab es damals mehrere solcher kleinen Rinnsale, die in die Mistel bzw. die Zaya mündeten und sicherlich auch als Vorläufer einer Kanalisation zweckentfremdet wurden. Im Bereich hinter der rechten Häuserzeile der Mitschastraße (stadtauswärts) findet sich übrigens auch heute noch ein kleines Bächlein, das ab der Haydngasse verrohrt und unterirdisch in die Zaya fließt.
Nicht korrekt erscheint hingegen die Darstellung des Südendes des Hauptplatzes: Das untere Markttor wird sehr breit dargestellt und die Hafnerstraße wirkt lediglich wie ein etwas schmalerer Fortsatz des Hauptplatzes. Es ist jedoch gut dokumentiert, dass die Hafnerstraße in ihrem heutigen Verlauf bereits seit Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit der Anlage des neuen Marktes (=Hauptplatz) an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert in dieser Form besteht. Gut erkennbar ist auch die Befestigungsmauer, die das Marktviertel damals umgab. Die Stadtmauer diente übrigens weniger der Verteidigung – im Angriffsfall zog man sich in die von starken Befestigungsmauern umgebene Pfarrkirche zurück bzw. floh in die umliegenden Wälder – sondern vielmehr der Sicherheit vor Dieben und anderen unerwünschten Eindringlingen. Das Marktviertel war über folgende Tore zugänglich: das „obere Markttor“ (auch „Staatzer Tor“ genannt) in der Oberhoferstraße befand zwischen den einander gegenüberliegenden Häusern Oberhoferstraße Nr. 5 und Nr. 16, das bereits erwähnte „untere Markttor“ (auch „Wiedentor“ genannt) lag an der Einmündung der Hafnerstraße in die „Frohner“-Kreuzung, sodass das über Jahrhunderte bestehende Gasthaus „zum weißen Rössl“ (heute: Asia Restaurant) bereits außerhalb der Stadtmauer lag. Weitere (kleinere) Tore befanden sich in der Museumsgasse (damals Dienergassl genannt), an der Einmündung der Kirchengasse zum Hauptplatz und neben dem alten Rathaus (heute: Erste Bank) auf der Westseite des Hauptplatzes sowie in der Marktgasse. 1843 wurden die Tore der Stadtmauer abgebrochen und da die Stadtmauer sonst nirgendwo frei stand und in die Hausmauern integriert war bzw. später wurde, existieren heute keinerlei sichtbar Spuren mehr.18
Nachfolgend werden einige interessante Details aus der Darstellung herausgegriffen. Die sehr genau dargestellte, 1680 errichtete, Dreifaltigkeitssäule wird dabei bewusst ausgespart, da sie sich im Lauf der Jahrhunderte nur wenig verändert hat und weiterhin den Hauptplatz ziert.
Pranger
Der auf der Ansicht abgebildete Pranger (Schandsäule) inmitten des Hauptplatzes soll im 16. Jahrhundert errichtet worden sein, doch nachdem Mistelbach jedoch bereits Jahrhunderte zuvor Gerichtssitz war, dürfte auch zuvor bereits ein Pranger existiert haben – möglicherweise aus Holz. Das Prangerstehen war mit öffentlicher Demütigung und Ehrverlust verbunden und folgende Vergehen wurden damit bestraft: Diebstahl von Feldfrüchten/Tieren/Holz, Raufereien, Fluchen, Gotteslästerung, Ehebruch, Unzucht, Trunkenheit. Je nach Straftat wurden die „Missetäter“ dann noch öffentlich vom Gerichtsdiener bzw. Freimann malträtiert oder verstümmelt. Die links am Pranger hängende Steinkugel hieß „Bagstein“ und wurde samt der Kette dem Delinquenten angelegt. Es handelte sich dabei laut Franz Thiel vor allem um eine Strafe für „streitsüchtige, zänkische Weiber, die ein loses Mundwerk“ hatten. Später wurde statt dem Bagstein die Brechel („Schandgeige“) zur Bestrafung kleinerer Vergehen eingesetzt. Rechts am Prager ist eine aus Blech gefertigte Fahne zu erkennen, und dieses sogenannte Freiungzeichen wurde zwei Wochen vor einem Jahrmarkt am Pranger angebracht und blieb dort auch die beiden Wochen danach. Es signalisiert, dass in diesem Zeitraum begangene Straftaten im doppelten Ausmaß bestraft wurden. Jahrmärkte mit vielen auswärtigen Händlern lockten naturgemäß viele Besucher aus nah und fern an, und dies bot wiederum allerhand Gelegenheit für Diebstahl, Gewaltdelikte und Betrügereien. Durch die Erhöhung des Strafmaßes in dieser Zeit sollten Kriminelle abgeschreckt werden.
Im Jahre 1776 wurden die Prangerstrafen in Österreich abgeschafft, doch blieb der Pranger bis 1855, als er schließlich abgetragen wurde, auf dem Mistelbacher Hauptplatz stehen. Baumaterial war kostbar und wurde gerne wiederverwendet, aber der Pranger galt über Jahrhunderte als mit Verbrechen verknüpft und selbst eine Berührung als unehrenhaft. Es mag also sein, dass sich lange Zeit niemand für den abgetragenen Schandsäule interessierte und erst Jahrzehnte später sollen seine Überreste 1890 zu Stufen im alten Kasino verarbeitet worden sein. Beim Kasino handelte es sich um das ehemalige Schießstattgebäude beim Stadtpark, das in den 1960er Jahren abgebrochen wurde und an dessen Stelle das Feuerwehrhaus bzw. dessen Nebengebäude (ehemalige Bücherei) errichtet wurden. Nach mühsamen Recherchen des unter der Leitung von OSR Fritz Bollhammer stehenden Kultur- und Verschönerungsvereins soll es in den 1950er gelungen sein, die im Kasino verbauten Reste des Prangers wieder aufzufinden und zu bergen. Nach einer aufwändigen Rekonstruktion, gestaltete sich die Standortsuche wider Erwarten als schwierig, denn offenbar wollte niemand den Pranger, der an dunkle Zeiten der Gerichtsbarkeit erinnerte, in seiner Nähe haben. Schließlich fiel die Wahl auf den Stadtpark und der wiedererrichtete Pranger soll zu 60 % aus dem Steinmaterial des historischen Prangers bestehen. Die Authentizität dieser Angabe bzw. die Geschichte des glücklichen Wiederauffindens des Prangers wurde von Zeitgenossen durchaus in Zweifel gezogen, und beispielsweise in einem kleinen Gedicht in der Mistelbacher-Laaer-Zeitung – in dem auch die „schwierige“ Standortsuche Erwähnung findet – spöttisch thematisiert.19
Der rekonstruierte Pranger im Mistelbacher Stadtpark im Jahre 1987
Gemeindebrunnen & Feuergeräteschuppen
Am Südende des Hauptplatzes sehen wir den Gemeindebrunnen („Pavillon“ mit Seilzug) dargestellt, und davor den Feuergeräteschuppen, in dem Leitern, Feuerhaken und Eimer für Löschwasser aufbewahrt wurden.20 Zur Entwicklung des Feuerwehrwesens darf in diesem Zusammenhang auf den Beitrag zum Florianiplatz verwiesen werden.
Altes Rathaus
Etwa um 1580 kauften die Mistelbacher der liechtensteinischen Herrschaft das Gemeindeschenkhaus ab und ließen einen Turm an das Gebäude anbauen, das jedenfalls ab diesem Zeitpunkt auch Sitz der Gemeindeverwaltung war. Dieses alte Rathaus mit seinem Turm wurde 1874 abgebrochen und durch das „Hotel Rathaus“ ersetzt, dass wiederum in den 1960er Jahren dem Neubau der Sparkasse Mistelbach (heute: Erste Bank) weichen musste. Bereits im Jahre 1901 war die Gemeindeverwaltung in das neuerrichtete Amtsgebäude am Nordende des Hauptplatzes übersiedelt. Die Form des Daches bzw. der Spitze des alten Rathausturms diente als Vorbild bei der Neugestaltung des gegenwärtigen Rathauses durch Architekt Viktor Kraft im Jahre 1974.21
vor 1874: Die nordwestliche Ecke des Mistelbacher Hauptplatzes mit dem alten Rathaus und der Dreifaltigkeitssäule
Ölberggruppe, Kreuzigungsgruppe, Kapelle an der Pfarrstiege
Ölberggruppe (1), Kreuzigungsgruppe (2), Kapelle der heiligen Familie an der Pfarrstiege (3)
Ölberggruppe22 Der Mistelbacher Bildhauer Johannes Frantz schuf im Jahre 1682 diese Figurengruppe, die Christus beim Gebet am Ölberg, umgeben von schlafenden Jüngern sowie einen Engel, zeigt. Die Sandsteinfiguren waren ursprünglich mit Ölfarben bunt bemalt. Gestiftet wurde dieses Denkmal von dem pfarrholdischer Grundrichter und Fleischhauer Tobias Grätzer, der damit seine Dankbarkeit zum Ausdruck brachte, dass er von der Pest verschont geblieben war. Die Ölbergszene ist ebenso wie die Kreuzigungsgruppe Teil des Kreuzwegs am Kirchenberg, zu dem außerdem die nahe gelegenen Figuren kreuztragenden Christus sowie Christus als Schmerzensmann (früher vorm Benefiz) gehören.
Christus am Ölberg mit schlafenden Jüngern – Figurengruppe am Kirchenberg
Der bereits erwähnte Bildhauer Frantz schuf diese Figurengruppe im Jahre 1675 im Auftrag des Lederermeisters und zeitweiligen Marktrichters Jakob Zerritsch und dessen Gattin Maria. Erstaunlich ist, dass das Kreuz mit dem Corpus Christi aus Holz geschaffen wurde und nicht wie die übrigen Figuren (Maria, Maria Magdalena und Johannes) aus Stein.
Kreuzigungsgruppe unterhalb der Pfarrkirche
Kapelle der heiligen Familie24
Diese etwa auf halber Höhe der Pfarrstiege befindliche Kapelle stammt aus dem Jahr 1679.
Die 1679 errichtete Kapelle „Zur Heiligen Familie“ bei der Pfarrstiege
Barockschlössl
Das in den 1730er Jahren von dem Steuereinnehmer und Marktrichter Maximilian Devenne errichtete Barockschlössl samt dem daneben befindlichen Presshaus ist am linken unteren Bildrand zu erkennen. Nähere Details zur Entstehung dieses Gebäudes bzw. zu seinem Errichter findet sich im Beitrag zur Mistelbacher Bürgerfamilie Devenne
Etwas unscheinbar, rechts unten im Bild zeigt uns die Ansicht den ursprünglichen Standort der Pestsäule auf einer kleinen Anhöhe, die heute in Gärten bzw. Höfen von Häusern zwischen Franz Josef-Straße/Gewerbeschulgasse/Quergasse/Bahnstraße liegt. Die Bebauung der Bahnstraße entwickelte sich zunächst langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts und nahm erst nach der Errichtung der Eisenbahnlinie 1870 an Fahrt auf. Früher lag also auch der untere Bereich der Bahnstraße außerhalb des Ortsgebiets und hier wurde die Pesttoten begraben. Grabungsarbeiten in diesem Bereich brachten zahlreiche, fein säuberlich nebeneinander bestattete menschliche Skelette zum Vorschein, und überhaupt dürfte diese Anhöhe, die Ende des 19. Jahrhunderts umgangsprachlich auch „Ewinger-Bergl“ genannt wurde, erst durch Anschüttungen im Zuge der Beisetzung der zahlreichen Toten entstanden sein. Die auch „Totenleuchte“ genannte Säule im gotischen Stil, deren Entstehung auf die Zeit zu Anfang des 15. Jahrhunderts datiert wird, war also den Pesttoten gewidmet bzw. markierte den Pestfriedhof. 1898 wurde die Pestsäule schließlich auf die Franz Josefs-Höhe in der neu Liechtensteinanlage auf dem Kirchenberg versetzt (siehe hierzu Kaiser Franz Joseph I. und Mistelbach). 1985 wurde die Säule aufwändig renoviert und befindet sich seither auf dem Europaplatz (vormals Conrad von Hötzendorf-Platz) vor der heutigen Polytechnischen Schule und damit unweit ihres ursprünglichen Standorts.
Die Pestsäule an ihrem Standort bei der Franz Josefs-Höhe in der Liechtensteinanlage auf dem Kirchenberg, vermutlich im Jahr 1898
Die Pestsäule an ihrem heutigen Standort vor der Polytechnischen Schule am Europaplatz
Die in frühgotischem Stile zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtete Spitalskirche (= Elisabethkirche) findet sich am rechten Bildrand und sie ist im Vergleich zu den anderen Kirchengebäuden sehr vereinfacht und wenig detailliert dargestellt. Ihre Ausrichtung und Lage inmitten der Fahrbahn der heutigen Mitschastraße ist jedoch akkurat dargestellt. Die alte, bereits baufällige Kirche wurde im Jahre 1904 abgebrochen und aus verkehrstechnischen Gründen etwas versetzt und in modernem Stil im Jahre 1905 im Kreuzungsbereich Mitschastraße/Oserstraße wiedererrichtet. Während des Zweiten Weltkriegs fanden hier erstmals evangelische Gottesdienste statt und 1965 erwarb die evangelische Gemeinde die Elisabethkirche von der Stadtgemeinde Mistelbach. Ursprünglich eine katholische Kirche und Teil des von einem der Herren von Mistelbach gestifteten Spitals (=Fürsorgeanstalt), diente bereits die alte Spitalskirche während der Reformationszeit zeitweilig als evangelisches Gotteshaus.
Rätselhaftes Gebäude am linken Bildrand
Mittig am äußersten linken Bildrand findet sich ein rätselhaftes, großes Gebäude mit Dreieckgiebel und einem kleinen Türmchen (ähnlich dem Kollegsgebäude). Gemäß der Darstellung müsste sich dieses Gebäude in der Oberhoferstraße befunden haben, allerdings kann die Existenz eines solchen Gebäudes hier definitiv ausgeschlossen werden. Handelt es sich möglicherweise um eine etwas südwärts ins Bild gerückte Darstellung des Mitterhofes, eines Freihofs, der sich einst auf dem Areal des heutigen Museumszentrums, befand?
Die in diesem Beitrag behandelte Darstellung wurde im Laufe der Zeit immer wieder zur Illustration der Geschichte Mistelbachs herangezogen:
Etwa 1901 als Teil dieser Ansichtskarte. Interessanterweise bereits damals (also zum Zeitpunkt des Erscheinens der Geschichte der Stadt Mistelbach) mit akkurater Datierung
Vom Mistelbacher Heimatmuseum 1953 herausgegebene Ansichtskarte, die eine kolorierte Version des Kupferstichs zeigt27. Gemäß den obigen Ausführungen darf die falsche zeitliche Zuordnung (ca. 1650) nicht verwundern.
Der Kupferstich diente auch als Vorbild für ein von Prof. Kaindl geschaffenes Mosaik, dass die Fassade des an das Feuerwehrhaus angrenzenden Gebäudes, in dem früher die Stadtbücherei vor ihrer Übersiedlung in den Stadtsaal untergebracht war, ziert.28
Fälschlicherweise ist hier das Jahr 1750 angeführt, wie obenstehend ausführlich dargestellt zeigt es das Erscheinungsbild des Marktes zu Ende des 18. Jahrhundert.
Bildnachweise:
-) Handwerkskundschaft: Online verfügbar in den Beständen des Stadt- und Landesarchivs Wien – Signatur 2.8.A1.2.40
-) die beiden Ansichtskarten: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Foto Pranger 1987 und alte Ansicht Hauptplatz 1874: Göstl-Archiv
-) Abbildung Pestsäule 1898: Geschichte der Stadt Mistelbach von Karl Fitzka
-) Fotos Kreuzigungsgruppe, Familienkapelle, Ölberggruppe sowie das Mosaik am Nebengebäude des Feuerwehrhauses: Thomas Kruspel