Kuntner, Emil

Landesrat Emil KuntnerLandesrat Emil Kuntner in 1960er Jahren

* 31.5.1902, Breitenlee bei Wien (heute: Teil von Wien-Donaustadt)
† 12.4.1999, Wiener Neustadt

Kuntner wurde 1902 als Sohn des Emil Kuntner, eines Buchhalters in der Stadlauer Lackfabrik, und dessen Gattin Theresia, geb. Mörth, einer Schmiedemeisterstochter in der damals noch eigenständigen niederösterreichen Gemeinde Breitenlee bei Wien (1938 nach Wien eingemeindet) geboren.1 Nachdem sein Vater 1907 an Tuberkulose verstorben war, wuchs er als einziges Kind seiner Eltern – ein jüngerer Bruder verstarb im Säuglingsalter – im Elternhaus der Mutter auf. Kuntner besuchte die Volksschule in Breitenlee und Hirschstetten und nach dem Absolvieren der Bürgerschule in Stadlau setzte er seine Ausbildung ab 1916 an der Lehrerbildungsanstalt in Wiener Neustadt fort. Da tägliches Pendeln große finanzielle und zeitliche Opfer bedeutet hätte, wohnte Kuntner den Großteil seiner Studienzeit in dem im Wiener Neustädter Neukloster untergebrachten Konvikt. Die autoritäre Führung und der stark konfessionelle Einfluss in Schule und Konvikt widerstrebten Kuntner und er wurde ein Anhänger des sozialdemokratischen Schulreformers Otto Glöckel, dessen Ideen ihn in seiner freisinnigen Weltanschauung bestärkten. Politische Betätigung war an der streng geführten Schule nicht möglich, doch schon bald nach der 1921 mit ausgezeichnetem Erfolg abgelegten Reifeprüfung, führte ihn sein Weg zur Sozialdemokratie.2

Ab 1922 war er als Volksschullehrer zunächst in Ringelsdorf, kurz darauf in Hohenau und ab 1923 bereits in Rabensburg3 tätig. Sein niedriges Junglehrergehalt, insbesondere in Zeiten der damals herrschenden Hyperinflation, besserte sich Kuntner auf, indem er privat zusätzlich Geigenunterricht erteilte.4 Am 24. August 1926 ehelichte er die aus Hohenau stammende und an der dortigen Schule tätige, vier Jahre ältere Lehrerkollegin Maria Hubinger in der Pfarre Maria Treu in Wien-Josefstadt.5 Nach dem Ablegen der Lehrbefähigungsprüfung für Bürgerschulen im Jahre 1927 unterrichtete Kuntner fortan an der Hohenauer Bürgerschule bzw. dem Nachfolger dieses Schultyps: der Hauptschule.6

Bereits 1921 trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP)7, der Vorläuferpartei der heutigen SPÖ, bei und während seiner Zeit in Rabensburg war er als  Schriftführerstellvertreter (1925) bzw. Schriftführer (1926) der dortigen Lokalorganisation (=Ortspartei in der damaligen Parteidiktion) aktiv.8 Später nach seinem Wechsel an die Hohenauer Bürgerschule bekleidete er in der dortigen Lokalorganisation ebenfalls diese Funktion.9 Der damalige sozialdemokratische Bürgermeister von Hohenau und Landtagsabgeordnete Franz Popp, von Beruf ebenfalls in Wiener Neustadt ausgebildeter Lehrer, wurde zu Kuntners politischem Mentor, und so kam es, dass Kuntner nach der Gemeindewahl 1929 für die Sozialdemokraten in den Gemeindrat einzog und hier bereits in jungen Jahren die Funktion des Finanzreferenten der Gemeinde Hohenau übernahm.10 In der Folge stieg Kuntner innerhalb der Partei 1931 auch zum geschäftsführenden Bezirksobmann der Bezirksorganisation Hohenau-Zistersdorf auf11, und gehörte ab 1932 dem neugegründeten Gebietsausschuss der SDAP für das Marchfeld an.12 All dies endete jäh durch die Geschehnisse des 12. Februar 1934, als ausgehend von Linz der Widerstand des Republikanischen Schutzbundes – der sozialdemokratischen Wehrformation – gegen eine polizeiliche Hausdurchsuchung zu einem einige Tage währenden blutigen Bürgerkrieg eskalierte. Auf Anordnung des Landesgerichts für Strafsachen II in Wien wurden noch an jenem 12. Februar die führenden Sozialdemokraten in Hohenau, ebenso wie der Parteikader in allen anderen Teilen Österreichs, festgenommen.13 Kuntner wurde wegen Landesverrats in das Bezirksgericht Zistersdorf eingeliefert, da gegen ihn der Verdacht „der Beihilfe zum Waffenschmuggel“ erhoben wurde. Schon nach dem Verbot der NSDAP und der KPÖ im Jahr 1933 wurden unter dem nach Ausschaltung des Parlamentarismus diktatorisch regierenden Kanzler Dollfuß sogenannte Anhaltelager eingerichtet in denen das Führungspersonal dieser Bewegungen, zumindest zeitweilig, festgehalten wurde. Nach dem auf die Februarkämpfe folgenden Verbot der sozialdemokratischen Partei und ihrer Organsiationen entstanden, neben dem zum Synonym gewordenen Anhaltelager in Wöllersdorf (Bezirk Wiener Neustadt), österreichweit eine Vielzahl kleiner und kurzzeitig genutzter Anhaltelager. Auch in Zistersdorf war ein solches Anhaltelager im Frühjahr 1934 im Gasthof Wallner eingerichtet worden und Kuntner wurde im Anschluss an die monatelange Untersuchungshaft im Arrest des Bezirksgerichts dorthin überstellt und von 24. Mai bis 6. Juni 1934 unter Gendarmeriebewachung weiter festgehalten14. Aus Mangel an Beweisen wurde letztlich keine Anklage gegen ihn erhoben, doch auch nach seiner Freilassung stand Kuntner weiterhin unter Polizeiaufsicht.15

Während der Untersuchungshaft wurde er mit 1. April 1934 aus politischen Gründen als Lehrer zwangspensioniert und damit seiner Existenzgrundlage beraubt. Den engen Zusammenhalt der Wiener Neustädter Lehrer, auch in schwierigen Zeiten, zeigt jedoch die Tatsache, dass Kuntner aufgrund der Fürsprache des damaligen niederösterreichischen Landesschulinspektors Dr. Heinrich Güttenberger – seines ehemaligen Klassenvorstands in Wiener Neustadt – ab 1. Oktober 1934 als Hauptschullehrer an der Volks- und Hauptschule für Mädchen in Bruck a.d. Leitha wieder in den Schuldienst aufgenommen werden konnte.16 1936 übernahm er aufgrund der Erkrankung des Direktors der Brucker Knabenschule deren (provisorische) Leitung bis er am 13. März 1938, dem Tag nach dem sogenannten „Anschluss“, seitens der neuen nationalsozialistischen Machthaber der Leitung enthoben wurde.17 In der Folge unterrichtete Kuntner wieder als Hauptschullehrer an der Mädchenschule, und übernahm während des Krieges zeitweilig auch deren provisorische Leitung, bevor er 1941 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Zunächst an der französischen Westküste eingesetzt, leistete er später an der 1943 von der deutschen Kriegsmarine in St. Wolfgang im Salzkammergut eingerichteten „Seeberufsfachschule“, die der Heranbildung von Marine-Unteroffizieren diente, seinen Dienst.18 Zu Kriegsende geriet Kuntner in amerikanische Kriegsgefangenschaft aus der er 1946 nach Bruck an der Leitha zurückkehrte, wo er seine Tätigkeit als Lehrer wieder aufnahm. Hier engagierte er sich in der Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten und wurde 1948 als Vertreter der SPÖ in den Bezirksleitungsausschuss entsandt.19

Auf eigenes Ersuchen an den Landesschulrat konnte er im Frühjahr 1949 wieder an die Hohenauer Hauptschule zurückkehren20 und übernahm mit Beginn des Schuljahres 1951/52, als eine Teilung der Schule in eine Knaben- und eine Mädchenhauptschule erfolgte, die Leitung der Knabenhauptschule.21 Nach seiner Rückkehr nach Hohenau engagierte er sich vielseitig in der Partei und ihren Teilorganisationen:
er beteiligte sich im Juni 1949 an der Wiedergründung des ursprünglich 1923 gegründeten Arbeiter-Gesangsvereins „Freiheit“ und war über viele Jahre dessen Chormeister22; ab 1951 war er langjähriger Obmann der Bezirksgruppe Gänserndorf des Sozialistischen Lehrerverein Österreichs23; er gehörte ab 1950 dem Ausschuss der Gänserndorfer Bezirks-SPÖ an24, war ab 1953 stellvertretender25 bzw. später geschäftsführender Obmann der Bezirksorganisation26;
Kuntner der bereits Anfang der 30er Jahre als Sportwart im Arbeitersportverein Hohenau aktiv war27, führte den Verein in den 1950er als Obmann und damit zu jener Zeit als dessen Fußballsektion in der Staatsliga B, der zweihöchsten Spielklasse, spielte.28 In weiterer Folge war er darüber hinaus als langjähriger Bezirksobmann der sozialistischen Gemeindevertreter und Mitglied im Kontrollausschuß des Gänserndorfer Bezirksfürsorgeverbandes aktiv.29

Im Zuge der ersten Gemeinderatswahlen nach dem Krieg, 1950, wurde Kuntner abermals in den Hohenauer Gemeinderat gewählt und in der konstituierenden Gemeinderatssitzung zum geschäftsführenden Gemeinderat (Vorsitz im Finanz- und Rechtsausschuß) und Vizebürgermeister gewählt.30 Nach dem plötzlichen Tod von Bürgermeister Thomas Hawlin im Juni 1954 wurde Kuntner schließlich am 14. Juli  diesen Jahres zum Bürgermeister der Marktgemeinde Hohenau gewählt.31 Während seiner Amtszeit wurde die Infrastruktur der Gemeinde in Form von Wasserleitungs-, Kanal- und Straßenbau und dem Anlegen von Gehsteigen massiv ausgebaut und zahlreiche Projekte, wie etwa die Errichtung des Kinderbades, des Feuerwehrzeughauses und der Leichenhalle, sowie der Zubau zu Rathaus bzw. Hauptschule und der Ausbau des gemeindeeigenen Kinos konnten realisiert werden. Durch die Förderung des Sozialen Wohnbaus und der Errichtung von Siedlungen verdoppelte sich die Anzahl der Gebäude in Hohenau während seiner Amtszeit.32

1960: Landeshauptmannstellvertreter Franz Popp (l.) mit seinem politischen Ziehsohn und Nachfolger als Schul- u. Kulturreferent der Landesregierung Emil Kuntner1960: Landeshauptmannstellvertreter Franz Popp (l.) mit seinem politischen Ziehsohn und Nachfolger als Schul- u. Kulturreferent der Landesregierung Emil Kuntner

Im Oktober 1954 wurde Kuntner als Kandidat der SPÖ auch in den niederösterreichischen Landtag gewählt und war ab diesem Zeitpunkt als Direktor der Knabenhauptschule beurlaubt. In Anerkennung seiner Verdienste als Lehrer und Direktor wurde ihm im Dezember 1956 durch eine der letzten Amtshandlungen des kurz darauf verstorbenen Bundespräsidenten Theodor Körner der Berufstitel Oberschulrat verliehen.33 Als sich sein Mentor Franz Popp, der 1945 zum Landeshauptmannstellvertreter aufgestiegen war, 1960 aus Altergründen aus der Landespolitik zurückzog, folgte ihm Kuntner als Mitglied der Landesregierung nach und übernahm auch die von ihm geführten Bereiche Bildung und Kultur. Als Landesrat34 war Kuntner für die Leitung des Schul- und des Kulturreferats, des Kindergartenreferats sowie für die Leitung des von seinem Vorgänger ins Leben gerufenen Schulbaufonds, mittels dem während Kuntners Amtszeit hunderte neue Schulgebäude in ganz Niederösterreich errichtet werden konnten, verantwortlich. Weiters oblag ihm die Umsetzung der 1962 auf Bundesebene beschlossenen, umfassenden Schulreformen in Niederösterreich. Als Kulturlandesrat förderte er den Ausbau der Heimatmuseen und die Kulturträger auf dem Land in Form der Chöre, Musikvereine und Theatergesellschaften.35 In den 1960er Jahren gehörte Kuntner auch dem Vorstand der SPÖ Niederösterreich an36 und war als Vertreter seiner Partei weiters Mitglied in verschiedenen Gremien in der Einflusssphäre des Landes, wie etwa im Aufsichtsrat der NIOGAS (heute: EVN), oder dem Kuratorium der Landeshyptohekenanstalt für Niederösterreich an.37 Anfang Juni 1967, unmittelbar nach seinem 65. Geburtstag, und nach 13 Jahren an der Spitze der Gemeinde zog er sich aus der Kommunalpolitik zurück38, und beendete zu diesem Zeitpunkt auch offiziell seinen Dienst als Schulleiter, von dem er seit seiner Wahl zum Landtagsabgeordneten beurlaubt war. Aufgrund seiner herausragenden Verdienste um das Wohl der Gemeinde wurde er anlässlich dieses halbrunden Geburtstages zum Ehrenbürger Hohenaus ernannt.39 Auch zahlreiche weitere Ehrungen, wie etwa die Verleihung der großen Victor Adler-Plakette durch seine Partei wurden ihm zu diesem Anlass zuteil.40

1967: Landesrat Kuntner (l.) bei der Verleihung der Ehrenbürgerurkunde durch den Mistelbacher Vizebürgermeister Leithner (r.)1967: Landesrat Kuntner (l.) bei der Überreichung der Ehrenbürgerurkunde durch den Mistelbacher Vizebürgermeister Johann Leithner (r.)

Während eines Besuchs im Mistelbacher Heimtmuseums im Jahr 1962 erörterte ihm der damalige Museumsleiter Direktor Fritz Bollhammer die Pläne für die Erweiterung und Erneuerung des damals im Barockschlössl untergebrachten Museums, die auch eine Sanierung des Gebäudes umfasste. Kuntner sicherte seine Unterstützung zu und wenige Jahre später konnte dieses umfangreiche Projekt dank großzügiger finanzieller Unterstützung seitens des Landes realisiert und das neue Heimatmuseum im Juni 1967 im Beisein des zuständigen Landesrates eröffnet werden.41 Auch den Ausbau des Pflichtschulen und den Weg Mistelbachs zur Schulstadt im östlichen Weinviertel unterstützte er nach Kräften. Anfang Juli 1967 beschloss daher der Mistelbacher Gemeinderat „in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die kulturellen und schulischen Belange der Stadtgemeinde Mistelbach und in Dankbarkeit für die Unterstützung bei der Neugestaltung des Heimatmuseums“ einstimmig die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Landesrat Kuntner.42 Aus ähnlichen Gründen wurde ihm im Jahr darauf auch das Ehrenbürgerrecht der Stadt Gmünd verliehen43 und vermutlich wurden ihm noch viele weitere Auszeichnungen dieser Art zuteil.

Im Juli 1969 schied Kuntner schließlich nach knapp neun Jahren aus der Landesregierung und der aktiven Politik aus. Von 1971 bis 1984 folgt er einmal mehr seinem Freund und Mentor Franz Popp in einer Funktion nach, und zwar als Obmann der Absolventenvereinigung „Allzeitgetreu – Verein der in Wiener Neustadt und Baden herangebildeten Lehrer und Lehrerinnen“, der er seit Abschluss seiner Ausbildung, 1921, angehörte. Anlässlich seines Ausscheidens aus dem Vorstand dieses Vereins wurde er in Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenobmann ernannt.44

Nach der Scheidung seiner ersten Ehe 1973, ehelichte er zwei Jahre später Regierungsrätin Edith Wildmann, geb. Schanzer. Auch seine zweite Gattin war ausgebildete Lehrerin, später Schuldirektorin und Bezirksschulinspektorin in Mödling und über Jahrzehnte als SPÖ-Mandatarin Mitglied des Mödlinger Gemeinderats und von 1980 bis 1985 Vizebürgermeisterin der Stadt.45 Hier in Mödling verbrachte Kuntner auch seine letzten Lebensjahre.

Das Porträt Kuntners im Sitzungssaal des Hohenauer RathausesDas Porträt Kuntners im Sitzungssaal des Hohenauer Rathauses

Laut dem 2001 in aktualisierter Form neu herausgegebenen Hohenauer Heimatbuch wurde seine einstige Wirkensstätte, das Hauptschulgebäude, im Zuge der Wiedereröffnung nach einem umfassenden Umbau 1980 „Emil Kuntner-Hauptschule“ benannt.46 Weiters wurde Altbürgermeister Kuntner 1992, anlässlich seines 90. Geburtstags, auch der Ehrenring der Gemeinde Hohenau verliehen.

Nach längerer Krankheit verstarb Emil Kuntner am 12. April 1999 im 97. Lebensjahr im Wiener Neustädter Krankenhaus und wurde am 27. April 1999 auf dem Mödlinger Friedhof bestattet. In der Sitzung vom 26. März 2009 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine im neu erschlossenen Siedlungsgebiet unterhalb der Dr. Körner-Straße angelegte Straße Emil Kuntner-Straße zu benennen.47

Wo befindet sich die Emil Kuntner-Straße?

 

Bildnachweise:
-) Porträtfoto: Heimatbuch des politischen Bezirkes Korneuburg, Band II
-) Fotoausschnitt Franz Popp und Emil Kuntner: Niederösterreichischer Volksbote Nr. 43/1960, S. 3
-) Foto Verleihung Ehrenbürgerurkunde: Bildbote – Nö. Volksbote Nr. 38/1967, S 3
-) Porträtgemälde Gemeindesitzungssaal: zur Verfügung gestellt vom Amtsleiter der Gemeinde Hohenau Herrn Erwin Gradner

Quellen:
-) Eintrag zu Emil Kuntner In: Biografisches Handbuch des NÖ Landtages und der NÖ Landesregierung 1921 – dato
-) Niederösterreichische Landeskorrespondenz, 28. April 1999, Blatt 10
-) Aglas, Erwin H.: Die Zweite Österreichische Republik und ihre Repräsentanten – politische Leistung im Spiegel des wirtschaftlichen Erfolges (1960), S. 116, 233
-) Niederösterreichische Lehrerstimme – Mitteilungsblatt der Landesgruppe Niederösterreich des Sozialistischen Lehrervereines Österreichs, Jg. 17, Nr. 5, Mai 1962, S. 3f
-) Weinviertler Nachrichten, Nr. 23/1962, S. 3
-) Mitteilung des „Allzeitgetreu“ – Verein der in Wiener Neustadt und Baden herangebildeten Lehrer und Lehrerinnen, Jg. 62, Nr. 3, März 1967, S. 2 (Anm.: fälschlicherweise wird hier erwähnt, dass Kuntner erst ab 1924 als Volksschullehrer unterrichtete, ebenso falsch ist die Angabe Kuntner sei bereits 1946 Hauptschuldirektor in Hohenau geworden)
-) Volksbote, Nr. 21/1967, S. 1
-) Mitteilung des „Allzeitgetreu“ – Verein der in Wiener Neustadt und Baden herangebildeten Lehrer und Lehrerinnen, Jg. 67, Nr. 2, April 1972, S. 1f (Anm.: fälschlicherweise wird hier angeführt Kuntner sei von 1956 is 1969 Bürgermeister von Hohenau gewesen)
-) Inform des Vereins „Allzeit getreu“ der Absolventen der Lehrerbildungsanstalt des musisch-pädagogischen Realgymnasiums und des Bundesoberstufenrealgymnasiums Wr. Neustadt, Jg. 92, Nr. 2, Juni 1999, S. 10 (Anm.: fälschlicherweise wird hier erwähnt, dass Kuntner erst ab 1924 als Volksschullehrer unterrichtete)
-) Schultes, Anton/Zelesnik, Robert/Kremsmayer, Ulla: Hohenau – Ein Heimatbuch (2001), S. 266

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Ein Paasdorfer legt sich mit Bismarck an – eine Annonce mit Folgen im Jahr 1866

Im Sommer des Jahres 1866 eskalierte der bereits seit einiger Zeit zwischen Österreich und Preußen schwelende Konflikt um die Vorherrschaft im Deutschen Bund schließlich zum deutschen Bruderkrieg. Am 14. Juni 1866, dem Tag der Kriegserklärung, wurde in der in Wien herausgegebenen und bei Gewerbetreibenden und Kleinbürgern populären, katholisch-zentralistisch ausgerichteten „Gemeinde-Zeitung“ folgende Einsendung veröffentlicht:1

„Geehrte Redaction!
Von Ihrem Patriotismus überzeugt, bitte ich um gefällige Aufnahme folgender Zeilen in Ihr sehr verbreitetes Blatt:
Nachdem der Herr Minister Bismarck sich der preußischen Landwehr anschließen und gegen Österreich kämpfen will, so gebe ich demjenigen Österreicher 20 Gulden (österr. Währung), der dem Unheilstifter und Verpester der Moral – Bismarck – eine Ohrfeige applizirt, und 50 Gulden (österr. Währung), dem, der ihm in offenem Kampfe seinen Glatzkopf durchlöchert.

Mit Hochachtung zeichnet
ergebenst
Franz Xav. Rößler, Realtitätenbesitzer Nr. 79, Paasdorf bei Mistelbach N.-Oe., 8. Juni 1866“

Der Paasdorfer Kaufmann und Wirtschaftsbesitzer Franz Xaver Rößler, hätte sich wohl nicht träumen lassen, welche Konsequenzen diese in patriotischem Übermut in der aufgeheizten Stimmung des Säbelrasselns zwischen Österreich und Preußen verfasste Einsendung schon kurze Zeit später haben sollte. Anfang Juli erlitten Österreich und seine Verbündeten bei Königgrätz eine vernichtende Niederlage, die den Krieg frühzeitig entschieden hatte. Die Preußen stießen nach ihrem Triumph rasch weiter Richtung Wien vor und zogen am Morgen des 17. Juli 1866 von Paasdorf kommend in Mistelbach ein. Zu Kampfhandlungen in der Umgebung kam es nicht mehr, da sich die österrreichischen Truppen zurückgezogen hatten und ab 22. Juli herrschte bereits Waffenstillstand, aufgrund des Beginns der Verhandlungen zum Vorfrieden von Nikolsburg. Vor dem Heranrücken der Preußen herrschte große Unsicherheit und viele Menschen flüchteten in die Keller und Wälder und versteckten ihre Wertsachen. Es zeigte sich jedoch, dass die Zivilbevölkerung von den Feindestruppen keine Übergriffe zu fürchten hatte. Trotzdem litt die Bevölkerung unter der wochenlang dauernden Einquartierung von tausenden Soldaten (zu Spitzenzeiten rund 9000(!) alleine in Mistelbach, Lanzendorf und Ebendorf) und der damit einhergehenden Verpflegung dieser Truppen, die alle Vorräte verschlang, und nicht zuletzt durch die eingeschleppte Cholera, die viele Menschenleben fordern sollte.2

Auch Rößler, der besonderen Grund zur Furcht vor den Preußen hatte, versteckte sich vorsichtshalber zunächst vor dem herannahenden Feind, doch wähnte er sich wohlmeinender Warnungen zum Trotz zu früh in Sicherheit und verließ sein Versteck. Die außergewöhnliche, jedoch unbedeutende Annonce wäre in den Kriegswirren zweifellos untergegangen, hätte nicht der Landwirt Mathias Fink aus Atzelsdorf dafür gesorgt, dass die Preußen Kenntnis von dieser Veröffentlichung erhielten. Seine geschäftliche Tätigkeit hatte Rößler immer wieder auch als Kläger vor Gericht geführt3 und da Finks Bruder Michael zwei Jahre zuvor einen Rechtsstreit gegen Rößler verloren hatte, der letztlich die gerichtliche Feilbietung der Wirtschaft der Familie Fink zur Folge hatte4, nutzte Mathias Fink diese Gelegenheit für seine Familie Rache zu nehmen5.

Am 29. Juli 1866, und bereits nach Abschluss des Vorfriedens, zogen der geschmähte preußische Kanzler Otto von Bismarck und der preußische König und nachmalige deutsche Kaiser Wilhelm I., auch durch Mistelbach und bei einem Halt vor dem Gasthaus „Zum Weißen Rössl“, also im Bereich der Frohnerkreuzung, hielten sie eine kurze Lagebesprechung mit Offizieren ab.6 Wenige Stunden zuvor war Bismarck während eines kurzen Zwischenstopps in Poysdorf nur knapp einem Schussattentat entgangen, dass von Angehörigen des verhinderten Schützen Franz Korschan – von den Preußen unbemerkt – in letzter Sekunde noch vereitelt werden konnte.7

Es ist wohl kein Zufall, dass Rößler genau an jenem Tag an dem Bismarck sich in Mistelbach aufhielt bzw. ihn sein Weg nach Ladendorf wohl auch durch Paasdorf führte,  in Gewahrsam genommen wurde. Er wurde bei der Feldarbeit festgenommen, nach Mistelbach gebracht und verhört. Anschließend wurde er geknebelt und auf einem Wagen nach Wilfersdorf gebracht. Die Nacht über sperrte man ihn dort in einen Keller vor dem Wachen postiert wurden und anderntags wurde er auf einem Pferd festgebunden Richtung Nikolsburg fortgebracht. Von hier aus durfte Rößler seinen Angehörigen schreiben, und teilte ihnen mit, dass er nach Berlin gebracht würde. Über Wochen gab es folgte zunächst kein Lebenszeichen von ihm. Rößlers ungewisses Schicksal wurde von mehreren Zeitungen aufgegriffen8 und beschäftigte auch den niederösterreichischen Landesausschuss im Rahmen eines Berichts des Landtagsabgeordneten Czedik von Bründelsberg, der von den Zuständen während der Zeit der Besatzung bzw. Übergriffen der preußischen Truppen handelte9.

Tatsächlich wurde Rößler bis 2. August in Nikolsburg festgehalten und in den folgenden Wochen vom 2. Batallion des pommer‘schen Infanterie-Regiments Nr. 61 bis nach Böhmisch Neustadtl an der österreichisch-preußischen Grenze als Kriegsgefangener mitgeschleppt. Außer zu den Mahlzeiten (nur Wasser und Brot) bzw. während der Verrichtung der Notdurft war Rößler permanent gefesselt und wurde von den Preußen geschlagen und beschimpft („Du österreichischer Hund, Du „Benedek“! – Anm: Benedek war der Heerführer der geschlagenen Truppen in der Schlacht bei Königgrätz). Zuletzt wurde er in der Wachstube des Rathauses von Böhmisch-Neustadtl gefangengehalten und schließlich als die Preußen Richtung Görlitz über die Grenze abrückten, wurde Rößler von einem preußischen Offizier mit den Worten „er soll sich nachhause packen“ am 2. September 1866 nach mehr als einmonatigen Martyrium freigelassen.10 Auf seinem Rückweg wurde Rößler große Hilfe und Anteilnahme der Bevölkerung zuteil, sodass er bald darauf wieder seinen Heimatort erreichte.

Anderslautende Zeitungsberichte, etwa dass Rößler in der schlesischen Festung Glogau in Kerkerhaft gewesen sei11 und trotz der harten Marter mit seiner standhaften patriotischen Gesinnung die Preußen so beeindruckt habe, dass man ihn schließlich nachdem ihm Kanzler Bismarck großmütig seine Beleidigung vergeben habe, laufen ließ, beruhen auf Fehlinformationen bzw. erscheinen als Versuch patriotischer Glorifizierung12. Es ist wohl eher auszuschließen, dass Bismarck in diesen für ihn und Preußen so bedeutenden Tagen mit solch einer Bagatelle belästigt worden wäre, sondern Rößlers Leidensgeschichte dürfte ebenso wie die kurzzeitige Verhaftung der Beamten des Mistelbacher Bezirksamts wegen Spionageverdachts13 auf den Übereifer preußischer Offiziere zurückzuführen sein. Offenbar wollte man an Rößler ein Exempel statuieren, doch wie dessen unspektakuläre und plötzliche Freilassung zeigt, wussten Rößlers Peiniger, auch in Anbetracht des kurz zuvor geschlossenen Prager Friedens, letztlich nicht was sie mit ihrem Gefangenen weiter anfangen sollten. Insofern scheint es auch unwahrscheinlich, dass die in einzelnen Zeitungsberichten erwähnten Interventionsversuche, des wenig zuvor kurzzeitig festgenommenen k.k. Bezirksvorstehers in Mistelbach Jakob Nebeski zu Rößlers Freilassung beigetragen haben.

Den Denunziant Mathias Fink bestrafte das Schicksal und er verstarb kurz vor Rößlers Rückkehr an der Cholera.14 Den Strick mit dem er geknebelt war, soll Rößler als Andenken an jene schicksalshaften Wochen im Sommer des Jahres 1866 aufbewahrt haben. Er verstarb 1876 im Alter von 57 Jahren in seinem Heimatort Paasdorf.15

1906 erschien unter dem Titel „Vierzig Jahre nach Custozza und Königgrätz“ im „Neuigkeits Welt Blatt“ – dem Nachfolgeblatt der Gemeinde-Zeitung – ein Beitrag über das damalige Kriegsgeschehen, und auch Rößlers damalige Einsendung wurde als Kuriosum nochmals abgedruckt.16 Die Preußen haben in Form des außerhalb des Ortes gelegenen Cholerafriedhofs, in dem 32 preußische Krieger beigesetzt wurden, bis heute Spuren in Paasdorf hinterlassen.

 

Quellen:

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Emil Kuntner-Straße

Der Mistelbacher Gemeinderat beschloss in der Sitzung vom 26. März 2009, die in dem neu aufgeschlossenen Siedlungsgebiet südlich des sowjetischen Soldatenfriedhofs angelegten Straßen nach Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen. Unter anderem wurde eine dieser Straßen nach dem ehemaligen Landtagsabgeordneten und Landesrat Emil Kuntner benannt.

Wo befindet sich die Emil Kuntner-Straße?

 

Quellen:
-) Protokoll der Sitzung des Mistelbacher Gemeinderates vom 26.03.2009

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Pazdera, Franz

Vizebürgermeister Oberschulrat Franz PazderaOSR Franz Pazdera im Jahr 1955

* 27.6.1900, Brünn (Mähren)
† 17.1.1978, Mödling

Pazdera wurde am 27. Juni 1900 als Sohn des Bauleiters František Pazdera und dessen Gattin Amalie, geb. Oujezdsky, im später eingemeindeten Brünner Vorort Zábrdovice (Obrowitz) geboren und auf den Namen František (tschechisch für Franz) getauft.1 Seine Familie war tschechischer Nationalität und Pazdera wuchs in der damals von Deutschen und Tschechen bewohnten Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Mähren auf.

Nach Absolvierung der Schulpflicht in Form der damals 5-jährigen Volksschule und der 3-jährigen Bürgerschule in Brünn, besuchte er den einjährigen Lehrkurs an der Bürgerschule – die sogenannte „4. Klasse Bürgerschule“, die Bürgerschulabsolventen auf den Wechsel an eine höhere Schule bzw. eine sonstige weiterführende Ausbildung vorbereiten sollte. Anschließend studierte Pazdera ab September 1915 an der Staats-Lehrerbildungsanstalt in seiner Heimatstadt. Während der Beginn seiner Lehrerausbildung noch in der Monarchie lag, erfolgte der Abschluss mit der Reifeprüfung am 25.6.1919 bereits in der neugegründeten Tschechoslowakischen Republik. Über die Zeit unmittelbar nach Beendingung seiner Ausbildung bzw. die ersten beruflichen Stationen konnte leider nichts in Erfahrung gebracht werden.

Durch die starke Zuwanderung aus den Kronländern Böhmen und Mähren verfügte Wien seit Ende des 19. Jahrhunderts über eine große tschechische Bevölkerungsgruppe und der tschechische Schulverein Kosmenský richtete in Wien neben Sprachschulen, die die Kinder nachmittags neben dem regulären Unterricht besuchten, auch Privatschulen mit tschechischer Unterrichtssprache ein. Diesen wurde jedoch aufgrund des sich in den letzten Jahrzehnten der Monarchie zuspitzenden Nationalitätenkonflikts das Öffentlichkeitsrecht verweigert.2 Mit dem Staatsvertrag von St. Germain wurde jedoch auch das Recht der in Österreich ansässigen Minderheiten auf Unterricht an öffentlichen Schulen in deren Muttersprache festgeschrieben. Für die tschechische Minderheit erfolgte die Umsetzung auf Basis des 1920 zwischen der österreichischen und der tschechoslowakischen Regierung geschlossenen „Brünner Vertrags“, in dem die beiden Vertragsstaaten den Umgang mit den wechselseitig vorhandenen Minderheiten zu regeln suchten. In Folge dieser Vereinbarung wurden in Wien auch städtische Schulen mit tschechischer Unterrichtssprache eingerichtet, unter anderem im November 1920 eine Knaben- und Mädchenvolksschule mit tschechischer Unterrichtssprache in der Kuenburgasse 1 in Wien-Floridsdorf.3 Ab Februar 1922 unterrichtete Pazdera dort als Volksschullehrer bzw. an der Expositur dieser Schule, die im Gebäude der Stadlauer Bürgerschule in der Konstaziagasse 50 untergebracht war. Durch Remigration sank die Zahl der tschechischen Schüler und damit auch der Bedarf an Lehrkräften für diese Schulen. Bis 1925 ist Pazderas Tätigkeit an dieser tschechischsprachigen Volksschule belegt4, danach scheint er als Lehrer an regulären (=deutschsprachigen) Hauptschulen im 21. Bezirk auf: jedenfalls ab 1930 an der Hauptschule für Knaben und Mädchen in der Konstanziagasse 50 in Stadlau (bis 1938 Teil des 21. Bezirks)5 und im Jahr 1932 an der Hauptschule für Knaben Deublergasse 19 in Jedlesee.6.

Am 14. Mai 1933 heiratete Pazdera Ernestine Weiß7, die Tochter eines pensionierten Schuldirektors in Mödling, und dieser Ehe entstammten ein Sohn und eine Tochter. Nachdem er zuvor in Wien-Lepoldstadt bzw. im 21. Wiener Gemeindebezirk, teils in Dienstwohnungen, seinen Wohnsitz hatte, übersiedelte er nach der Hochzeit in das Haus seiner Schwiegereltern in Mödling. Ab 1935 scheint er dann als Lehrer an der Volksschule Johann Hofmannplatz 19 in Wien-Meidling auf.8 Nach Ablegen der Lehrbefähigungsprüfung für Hauptschulen wurde Franz Pazdera im September 1940 als provisorischer Hauptschullehrer an die Knabenhauptschule Mödling versetzt bzw. in weiterer Folge nach Guntramsdorf – beide Orte waren damals Teil des 24. Bezirks von Groß-Wien. Im März 1942 wurde er schließlich zur deutschen Wehrmacht eingezogen und leistete bis Kriegsende seinen Dienst als Sanitätsgefreiter.

Im September 1946 wurde Pazdera zunächst provisorisch mit der Leitung der Volks- und Hauptschule für Knaben in Mistelbach betraut, und nachdem er 1950 nunmehr als Direktor in dieser Funktion offiziell bestätigt wurde, leitete er diese Schule bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand im Jahre 1963. Nebenberuflich unterrichtete er auch an der gewerblichen Berufsschule Mistelbach.9 Gleich nachdem er mit seiner Familie an den neuen Dienstort übersiedelt war, engagierte er sich in der hiesigen Lokalorganisation (=Ortspartei in der damaligen Parteidiktion) der Sozialistischen Partei Österreichs10 und übernahm bald parteiinterne Funktionen, etwa im Kontrollausschuss11 und war ab 1948 Kulturreferent und in dieser Eigenschaft von 1948-50 auch Obmann des roten Theatervereins „Bunte Bühne“12.

Bereits seit August 1946 boykottierten die ÖVP-Vertreter des Mistelbacher Gemeinderates dessen Sitzungen, aufgrund ihrer Ablehnung gegen das 1945 von der Besatzungsmacht eingesetzte, und von SPÖ und KPÖ seither gestützte Führungsduo Bürgermeister Max Ehm (SPÖ) und dessen Stellvertreter Fritz Ferdiny (KPÖ). Ehm, zwar SPÖ-Kandidat für die Wahl zum Nationalrat 1945, doch in der hiesigen Lokalorganisation nicht verwurzelt und angeblich vor 1945 auch nicht Parteimitglied, verlor ob seiner engen Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Vizebürgermeister bzw. aufgrund von Malversationsvorwürfen schließlich das Vertrauen seiner Genossen und auch die sozialistischen Gemeinderäte legten ihre Mandate zurück, was faktisch die Auflösung des Gemeinderates bedeutete.13 Erst 1950 fanden in Niederösterreich die ersten Gemeindewahlen statt und bis dahin wurden die provisorischen Gemeinderäte über Vorschlag der jeweiligen Ortsparteien von SPÖ, ÖVP und KPÖ durch die Landesregierung ernannt. Auf diesem Weg wurde Pazdera Mitglied der neuen Mistelbacher Gemeindevertretung14, die erstmalig am 25. Mai 1948 zusammentrat und ihn in ihrer konstitutierenden Sitzung zum 4. geschäftsführenden Gemeinderat (=Stadtrat) zuständig für Schulwesen, wählte.15 Doch bald kam es erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinderatsfraktionen, sodass der Mistelbacher Gemeinderat mit Beschluss vom 23.12.1949 von der Landesregierung aufgelöst und für die Dauer bis zu den Wahlen ein Gemeindeverwalter eingesetzt wurde.16 Im Zuge der ersten Gemeinderatswahlen im Mai 1950 wurde Pazdera als Spitzenkandidat der SPÖ schließlich auch von den Wählern in den Gemeinderat entsandt und dort zum Vizebürgermeister bzw. (erneut) zum Vorsitzenden der Sektion (=Ausschuss) für Schulwesen und Personalangelegenheiten gewählt – beide Ämter bekleidete er auch nach der Wahl 1955 bis zu seinem Ausscheiden aus der Gemeindevertretung 1960. Als Fraktionsführer war er lange Jahre auch für die Organisation und Koordination der politischen Arbeit seiner Partei im Gemeinderat verantwortlich. 

1957 - Vizebürgermeister Pazdera bei der Vertragsunterzeichnung des Gasliefervertrags und Verkaufs des städtischen Gaswerks an die NIOGAS (heute: EVN), Foto: © EVN-Archiv, Maria Enzersdorf1957 – Vizebürgermeister Pazdera bei der Vertragsunterzeichnung des Gasliefervertrags und Verkaufs des städtischen Gaswerks an die NIOGAS (heute: EVN),
Foto: © EVN-Archiv – EVN AG, Maria Enzersdorf

Ab Jänner 1955 stand Franz Pazdera für zwei Jahre der Mistelbacher Lokalorganisation der SPÖ als Obmann vor17 und war im Laufe der Jahre auch in der Bezirkorganisation aktiv, unter anderem 1948 als Obmannstellvertreter18, bzw. später als Mitglied im Bezirksausschuss und Bezirksbildungsreferent19. Er war in zahlreichen Vereinen engagiert, etwa im Kultur- und Verschönerungsverein, dessen Ausschuss er über Jahre hinweg angehörte20, und beteiligte sich 1953 auch an der Wiedergründung des Gesangs- und Musikvereins Mistelbach (heute: Stadtchor)21. Seiner Leidenschaft – dem Schachspiel, ging er im Rahmen des Arbeiterschachbundes Mistelbach nach, bei dessen Zusammenkünften er beispielsweise im Frühjahr 1947 am Demonstrierbrett Vorträge über Eröffnungen hielt.22 Auch an den Ende der 50er bzw. Anfang der 60er Jahre abgehaltenen Mistelbacher Schach-Stadtmeisterschaften nahm Pazdera mit Erfolg teil.

OSR Pazdera 1954 als Kiebitz bei einer SchachpartieDirektor Pazdera 1954 als Kiebitz bei einer Schachpartie

Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Gemeinderat im April 1960 wirkte er zwei Perioden als Vizebürgermeister bzw. knapp zwölf Jahre als Obmann der Schulsektion und leistete der Stadt und ihrer Bevölkerung in diesen Funktionen hervorragende Dienste. Aus diesem Grund wurde Direktor Pazdera am 23.10.1960 im Rahmen der Eröffnungsfeier des Landeskindergartens in der Gewerbeschulgasse – für dessen Errichtung er sich besonders eingesetzt hatte – der Ehrenring der Stadt Mistelbach verliehen.23 Schon Ende 1956 war dem verdienten Schulmann Pazdera durch Entschließung des Bundespräsidenten der Berufstitel Oberschulrat verliehen worden.24

1950er Jahre: v.l.n.r. Lehrer Emil Bruckner, Direktor d. Knabenschule Franz Pazdera, Direktor der Mädchenschule Fritz Bollhammer mit Schülern1950er Jahre: v.l.n.r. Lehrer Emil Bruckner, Direktor der Knabenschule Franz Pazdera, Direktor der Mädchenschule Fritz Bollhammer mit Schülern

Nach seinem Übertritt in den Ruhestand im Jahr 1963 übersiedelte Pazdera zurück nach Mödling, in das Haus seiner Schwiegereltern.25 Kurz vor Weihnachten 1968 ereilte ihn ein schwerer Schicksalsschlag als seine Gattin unweit des gemeinsamen Wohnhauses beim queren eines Schutzweges von einem Fahrzeug erfasst wurde und wenige Tage nach dem Unfall, noch während der Weihnachtsfeiertage, ihren schweren Verletzungen im Mödlinger Krankenhaus erlag.26

Oberschulrat Pazdera verstarb am 17.01.1978 im 78. Lebensjahr in Mödling und wurde am 26.01.1978 auf dem dortigen städtischen Friedhof bestattet. Eingedenk seiner Verdienste um die Stadt Mistelbach wurde mit Beschluss des Gemeinderates vom 15.12.1980 die Pazderagasse nach ihm benannt.27

Wo befindet sich die Pazderagasse?

 

Bildnachweise:
-) Portraitausschnitt aus Foto zVg von Herrn Otmar Biringer
-) Foto mit Schachbrett bzw. Schülergruppe zVg von Herrn Walter Pazdera
-) Foto Vertragsunterzeichnung NIOGAS: Verwendung des Fotoausschnitts mit freundlicher Genehmigung des EVN-Archivs – EVN AG, Maria Enzersdorf

Quellen:
-) Auskunft Ing. Walter Pazdera (Sohn)
-) Standesblatt im Personalakt von Franz Pazdera im Niederösterreichischen Landesarchiv, St. Pölten
-) Mistelbacher Rundschau, Nr. 1 – März 1978, S. 3 (Nachruf)

 

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Rollerweg

Ein in der nordöstlichen Ecke des Hauptplatzes, am Beginn der Oberhoferstraße zwischen den Häusern Nr. 2 und 4, gelegener Verbindungsweg zum Mistelsteig bestand jedenfalls bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert. Dies ist durch das im Bote aus Mistelbach abgedruckte Prokotoll der Gemeindeausschusssitzung vom 7. April 1906 belegt, in dem zu lesen ist, dass „Wegen der Wiedereröffnung des in früheren Zeiten bestandenen Verbindungsweges zwischen Oberhoferstraße und Mistelsteig mit der Hausbesitzerin Theresia Binder in Verhandlungen getreten werden soll“.1 Offenbar war dieser einst von der Allgemeinheit genutzte Weg nicht mehr öffentlich zugänglich. Da jedoch unter diesem Weg auch ein in die Mistel mündender, geziegelter Hauptkanal verlief, wurde in der Sitzung angeregt das Eigentumsrecht der Stadt an diesem Grund notwendigenfalls gerichtlich feststellen zu lassen. Zunächst schien sich im Juni 1906 eine Lösung abzuzeichnen2, letztlich konnte jedoch keine Einigung erzielt werden bzw. sich die Gemeinde nicht mit ihrer Rechtsansicht durchsetzen. Erst im Oktober 1914 konnte die Angelegenheit schließlich einer Lösung zugeführt werden, indem die Besitzer der Häuser Oberhoferstraße Nr. 2 und 4,  kostenlos Grund an die Gemeinde abtraten, sodass ein Weg mit einer Breite von etwa 2,4 Metern entstand. Die Gemeinde verpflichtete sich im Gegenzug zur Erhaltung des Weges und zur Übernahme des Großteils der Kosten der Errichtung der Abgrenzung zu den anliegenden Grundstücken.3

Der noch namenlose Rollerweg (Blickrichtung Oberhoferstraße) auf einem 1945 entstandenen Aquarellgemälde der Malerin Auguste Mlczoch-Gelbert

Der damals noch namenlose Rollerweg (Blickrichtung Oberhoferstraße) in seinem ursprünglichen Zustand, dargestellt in einem Aquarellgemälde der Malerin Auguste Mlczoch-Gelbert aus dem Jahr 1945

Das Haus Oberhoferstraße Nr. 2 befand sich zunächst im Besitz der Familie Rund, und 1920 wurde die Liegenschaft vom jüdischen Gemischtwarenhändler Julius Frisch erworben, der darin bereits seit 1903 sein Warenhaus betrieb. 1938 „arisierte“ Friedrich Tempes die Liegenschaft samt Geschäft und 1950 kam es zur Rückstellung des Besitzes an die Hinterbliebenen der Familie Frisch, die nunmehr in der Schweiz lebten. Nach kurzzeitiger Pacht, konnte Tempes das Unternehmen schließlich käuflich erwerben.4 Schon unter seinem ursprünglichen Besitzer war der Verkauf von Bekleidung und Textilien ein Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit gewesen, und unter Tempes hatte sich der Betrieb zu einem reinen Bekleidungsgeschäft entwickelt. Nach dem Kauf baute Tempes das Geschäftslokal in den 1950er Jahren großzügig aus und unter anderem verfügte das Geschäft über die erste Schaufensterpassage Mistelbachs.


Ökonomierat Felix Roller (1871-1957)Ökonomierat Felix Roller

1958 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat den Verbindungsweg zwischen Oberhoferstraße und Mistelsteig nach dem im Jahr zuvor verstorbenen Weingroßhändler, langjährigen Gemeinde- bzw. Stadtrat und Vorstandsmitglied der städtischen Sparkasse, Ökonomierat Felix Roller zu benennen.5 Im Prokotoll dieser Sitzung findet sich die Anmerkung, dass Roller sich durch die kostenlose Grundabtretung für die Errichtung dieses Weges große Verdienste erworben habe.6 Auch in einem anlässlich seines Ablebens erschienen Nachruf im Mistelbacher Bote wird erwähnt, Roller habe 1915 den Grund für die Schaffung dieses Weges der Gemeinde freiwillig und kostenlos abgetreten.7 Dieser Darstellung widersprechen Quellen aus der Zeit der Abtretung, denn wie weiter oben bereits erwähnt, befand sich das Haus Oberhoferstraße Nr. 2 zum Zeitpunkt der Grundabtretung im Jahr 1914 im Besitz der Familie Rund und noch im Dezember 1913 wohnten im Haus Nr. 4 Mitglieder der Besitzerfamilie Binder8, sodass unklar bleibt inwiefern Roller bei der Grundabtretung involviert war. Möglicherweise hatte Roller, der in Mistelbach über weitreichenden Grundbesitz verfügte, 1914 die Liegenschaft von der Familie Binder bzw. aus deren Nachlass erworben oder er hat sich als Vertreter der Gemeinde bei der Herbeiführung einer Einigung zur kostenlosen Übernahme des Grundes in Gemeindebesitz besondere Verdienste erworben.

 

Links der alte Verlauf des Rollerwegs (zw. Nr. 2 u. 4) auf einem Plan aus dem Jahr 1947, rechts der Verlauf seit 1965 (zw. 2-4 u. 6)

Der Verlauf des Rollerwegs zwischen den Häusern Oberhoferstraße 2 und 4 vor 1963 (links) und heute zwischen den Häusern 2-4 und 6 (rechts)

1963 beabsichtigte Tempes den weiteren Ausbau seines Unternehmens und hatte hierzu bereits zuvor das Haus Oberhoferstraße 4 erworben. Da jedoch zwischen seinen beiden Liegenschaften der Rollerweg verlief, ersuchte er die Stadtgemeinde um Zustimmung zur Verlegung des Weges um etwa 7 Meter, sodass dieser künftig zwischen den zusammengelegten Grundstücken Nr. 2-4 und Nr. 6 verlaufen sollte. Die Gemeinde stimmte der angedachten Verlegung und teilweisen Überbauung des Weges grundsätzlich zu9, die von Tempes angebotene Möglichkeit des Ausbaus des Weges zu einer für den Autoverkehr tauglichen Straße wurde laut einer Zeitzeugin von der Gemeindevertretung damals jedoch abgelehnt.10

 

1963: links Oberhoferstraße Nr. 6; das abgebrochene Haus Oberhoferstraße Nr. 4, ist nur mehr durch den Rest der Gebäudecke in der Bildmitte erkennbar und diese lässt den ursprüngliche Verlauf des Rollerwegs entlang des Hauses Nr. 2 (rechts) erkennenEnde 1963: links Oberhoferstraße Nr. 6; das abgebrochene Haus Oberhoferstraße Nr. 4, ist nur mehr durch den Rest der Gebäudecke in der Bildmitte erkennbar und diese lässt den ursprüngliche Verlauf des Rollerwegs entlang des Hauses Nr. 2 (rechts) erkennen

Im Februar 1965 konnte der Zubau des Geschäftslokal eröffnet werden11 und 1966 folgte schließlich die Übernahme des neuen Rollerwegs ins Gemeindeeigentum.12 Der Name „Rollerweg“ konnte sich nicht wirklich durchsetzen, denn obwohl Tempes das Geschäft 1982 an die Firma Kleiderbauer verkaufte13, war und ist diese Gasse teilweise bis heute umgangssprachlich als „Tempesgassl“ bekannt.

Straßenschild mit falscher Schreibweise – korrekt: „Rollerweg“

Der Rollerweg führt zu einer früher umgangssprachlich als „Rollerplatz“ bzw. „Rollerwiese“ bezeichneten Freifläche im Bereich Mistelsteig/Bruderhofgasse, die heute als Parkplatz genutzt wird. Dieses Grundstück gehörte Felix Roller, dessen Weinhandlung sich in unmittelbarer Nähe an der Adresse Hauptplatz Nr. 9 befand. Wenn früher der Zirkus in Mistelbach gastierte, schlug dieser hier sein Zelt auf bzw. wurde das Areal auch für andere Veranstaltungen genutzt. Nach dem Tod von Roller verpachtete dessen Bruder Franz das Gelände ab 1959 an die Gemeinde14, bevor die „Rollerwiese“ schließlich im Jahr 1961 von der Gemeinde angekauft wurde15. Später erwarb der am Hauptplatz ansässige Auto- und Landmaschinenhändler Jandl das Grundstück und errichtete hier eine große Werkstatthalle. In Folge der Insolvenz dieses Unternehmens im Jahre 199216 kam das Areal wieder in den Besitz der Stadtgemeinde und diese stellte der Jugend in der leerstehenden Halle ab 1997 den „Funpark“, eine Anlage für Skateboarder bzw. Inlineskater, zur Verfügung.17. 2001 wurde die Halle abgetragen und seither wird das Grundstück als öffentlicher Parkplatz genutzt.18

Der "Rollerplatz" Mistelsteig/Bruderhofgasse im Jahr 1938, vermutlich bei einem Schaureiten der berittenen SA. Im Hintergrund ist das Rathaus erkennbarDer „Rollerplatz“ Mistelsteig/Bruderhofgasse im Jahr 1938, vermutlich bei einem Schaureiten der berittenen SA. Im Hintergrund ist das Rathaus erkennbar

 

Wo befindet sich der Rollerweg?

 

Bildnachweise:
-) Rollerweg 1945 (Aquarell) und Tempes 1963: Göstl-Archiv
-) Rollerplatz: Fotosammlung Frau Rehrmbacher
-) Felix Roller: Beilage 50 Jahre Weinhandlung Roller zum Mistelbacher Bote 1935 im Stadtmuseumsarchiv

Quellen:

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Florianiplatz

Mit Gemeinderatsbeschluss vom 9. März 1965 wurde der Platz vor dem Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr Mistelbach „Florianiplatz“ benannt.1 Noch Ende des 18. Jahrhunderts befanden sich die Feuerlöschrequisiten der Gemeinde in einer Hütte neben dem Gemeindebrunnen im südlichen Teil des Hauptplatzes.2 Vermutlich seit dem frühen 19. Jahrhundert, und jedenfalls lange vor Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Mistelbach im Jahr 1879, wurden die Feuerlöschgeräte der Gemeinde bereits am Standort des heutigen Feuerwehrhauses gelagert. Der neue Aufbewahrungsort scheint auch aufgrund der Nähe zum 1875 abgebrochenen Turm des Alten Rathauses (heute: Erste Bank), der früher auch als Feuerwachturm genutzt wurde, gewählt worden zu sein.

Eine Statute des heiligen Florian, des Schutzpatrons der Feuerwehr, ziert auch das im Rahmen des in Mistelbach abgehaltenen 44. Landes-Feuerwehrtages im Juni 1960 eingeweihte heutige Zeughaus. Diese Statute war ursprünglich Teil der Florianikapelle, die sich im Kreuzungsbereich Oserstraße/Mitschastraße befand, und gemeinsam mit der alten Spitalskirche 1904 abgetragen wurde.3

Ende der 1950er Jahre: Der damals noch namenlose Platz mit dem ehemaligen Schießstattgebäude und dem alten, etwa 1930 erbauten Zeughaus

 

Die St. Florian-Statue am Feuerwehrhaus

 

Wo befindet sich der Florianiplatz?

 

Bildnachweis:
-) Ausschnitt einer Ansichtskarte aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Florianistatue: Thomas Kruspel, 2020

Quellen:

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Österreichischer Zentralkataster sämtlicher Handels-, Industrie- und Gewerbebetriebe (1903 u. 1908)

Im Oktober 1903 erschien erstmalig der Österreichische Zentralkataster sämtlicher Handels-, Industrie- und Gewerbebetriebe, herausgegeben im Volkswirtschaftlichen Verlag A. Dorn und gedruckt von der k.k. Hof- und Staatsdruckerei Wien. Das auf Anregung des k.k. Handelsministeriums erstellte Verzeichnis umfasste zehn Bände, in denen die in der österreichischen Reichshälfte der Doppelmonarchie ansässigen Betriebe nach Orten gegliedert angeführt sind. Die Daten basierten auf den Katastern der Handels- und Gewerbekammern bzw. einer 1902 durchgeführten Betriebszählung und mittels Erlass wurden auch die Gemeindevorstände zur Mitwirkung verpflichtet. Letzteres sorgte für eine besonders hohe Datenqualität und dafür, dass mehr als 25.000 Personen indirekt an dem Projekt beteiligt waren und die bereitgestellten Informationen wurden von einem 40-köpfigen Redaktionsteam verarbeitet. Aufgrund der Verzögerung durch die allgemeine Betriebszählung, des immensen Aufwandes bei der Datenerfassung und sprachlicher Barrieren im Vielvölkerstaat mussten die Herausgeber Dr. Alexander von Dorn und Moriz Pozsonyi die Veröffentlichung mehrfach verschieben, bis schließlich im Juni 1903 der finale Redaktionsschluss erfolgte.

Die im Jahr 1908 in zwanzig Bänden erschienene zweite, aktualisierte Auflage bildete gleichzeitig auch das Ende dieser Publikation.

Dieses eindrucksvolle Verzeichnis ist heute in den Online-Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek (ONB) (1903, 1908) bzw. des Niederösterreichischen Landesarchivs (1903 – Band 2: Niederösterreich) verfügbar und liefert ein interessantes Abbild des lokalen Wirtschaftslebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nachfolgend die Einträge aus den beiden Auflagen zu Mistelbach und seinen heutigen Katastralgemeinden:

Mistelbach

19031 19082











Ebendorf

19033 19084

Eibesthal

19035 19086

Frättingsdorf

19037 19088

Hörersdorf

19039 190810

Hüttendorf

190311 190812

Kettlasbrunn

190313 190814

Lanzendorf

190315 190816

Paasdorf

190317 190818

Siebenhirten

190319 190820
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Maulbertschweg

In der Sitzung vom 14. November 1974 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine in der Siedlung „Am Stadtwald“ neu angelegte Gasse nach dem Maler Franz Anton Maulbertsch (*1724, †1796) zu benennen. Maulbertsch gilt als einer der herausragendesten Künstler des Spätbarock in Österreich und ist besonders für seine Freskengemälde bekannt. Auch das Fresko in der Bibliothek des hiesigen Barnabitenkollegiums wurde von ihm im Jahr 1760 geschaffen.

Ausschnitt des Freskos von Maulbertsch in der Bibliothek des Barnabitenkollegiums

Zur Entstehungsgeschichte des Freskos bzw. den darin dargestellten Motiven sei auf die folgende detaillierte Abhandlung verwiesen:
Hosch, Hubert: Franz Anton Maulbertsch als Maler in Bibliotheksräumen, Teil III Barnabitenkloster Mistelbach (2013) (online verfügbar auf http://www.freieskunstforum.de)

Wo befindet sich der Maulbertschweg?

Quellen:
-) Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 249 (hier als „Maulpertschweg“ bezeichnet)
-) Eintrag zu Maulbertsch im Austria-Forum (austria-forum.org)

Foto: Thomas Kruspel (2015)

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Pazderagasse

Mit Beschluss des Gemeinderates vom 15. Dezember 1980 wurde diese neu angelegte Gasse nach dem ehemaligen Mistelbacher Vizebürgermeister und Direktor der Volks- und Hauptschule für Knaben Oberschulrat Franz Pazdera benannt.

Wo befindet sich die Pazderagasse?

 

Quellen:
-) Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 252 (hier fälschlich als „Pazderaweg“ bezeichnet)

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Der Schneider von Eibesthal – die Geschichte eines Justizmordes

„Eibesthaler, Eibesthaler,
hab’n a enge Gass’n;
hab’n an armen Schneider g’henkt,
den Diab hab’ns rennen lass’n.“

Obiger Spottvers, der Schimpfname „Schneiderhänger“ für die Eibesthaler und der zwischen Mistelbach und Eibesthal gelegene Schneiderberg erinnern an einen Justizmord, der sich samt seiner Vor- bzw. Nachgeschichte im Zeitraum September 1569 bis April 1570 in diesem Dorf ereignete. Bei der Geschichte des unschuldigen Schneiders Hans Rothaller, der unter Folter starb und dessen Leiche anschließend gehenkt wurde, handelt es sich nicht um eine Sage, sondern um ein historisches Ereignis, dass sich tatsächlich zugetragen hat. Nicht nur mündlich wurden die Geschehnisse von damals durch Generationen hinweg überliefert, sondern wie sich im Zuge der Recherchen herausstellte, schon sehr früh auch schriftlich festgehalten. In diesem Beitrag soll die Publikationsgeschichte dieses Gerichts- bzw. Kriminalfalles in umgekehrter chronologischer Reihenfolge dargestellt und die verfügbaren Quellen beleuchtet werden.

1932 veröffentlichte der damalige Kustos des Mistelbacher Heimatmuseums Carl Benesch eine auf Basis im Museum vorhandener Dokumente verfasste Darstellung der Geschichte, die im Mistelbacher Bote in zwei Teilen abgedruckt wurde.1

Zusammenfassung der Geschichte von Benesch aus dem Jahr 1932
(ergänzt um erläuternde Anmerkungen des Blog-Autors)

Bemerkenswert dabei ist die Vorsicht mit der Benesch die Geschichte behandelt – siehe seine Vor- und Nachbemerkung und die Tatsache, dass er die Namen der damaligen Richter verschweigt (in der oben verfügbaren Zusammenfassung wurden die Namen als Anmerkung ergänzt). Dies zeigt, dass die Angelegenheit, obwohl sie Anfang der 1930er Jahre bereits mehr  als 360 Jahre zurücklag, im kollektiven Gedächtnis des Dorfes und der Umgebung noch sehr präsent war und die Schuld, die einige Einwohner auf sich geladen hatten, als unbequemer Teil der Eibesthaler Geschichte gesehen wurde. Provokationen von Auswärtigen durch die Bezeichnung Schneiderhänger oder etwa mit einem Fahrzeug durch das Dorf zu fahren an dem hinten ein Strick baumelte, wurden von den Eibesthalern noch vor nicht allzu langer Zeit mit handfesten Argumenten beantwortet.

Möglicherweise nahm Benesch den einen Jahr zuvor, 1931, von Robert Penz veröffentlichten Artikel „Die Schneidergeschichte von Eibesthal im Jahr 1569 – Ein Justizmord in alter Zeit“ in der vom Verein für Landeskunde herausgegebenen Zeitschrift „Unsere Heimat“ zum Anlass sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Penz stützte sich bei seinem Text auf eine im Pfarrhof Eibesthal aufbewahrte Abschrift dieser Geschichte, die nach seiner Einschätzung wohl aus dem frühen 19. Jahrhundert stammte und vermutlich eine Kopie einer älteren Aufzeichnung darstellte.2 Abgesehen von geringfügigen Unterschieden bspw. betreffend die Namensschreibweisen der handelnden Personen, abweichende Geldbeträge und die widersprüchliche Datumsangabe bei Benesch (siehe Anmerkung bei dieser Fassung), stimmen die Versionen obgleich sie offenkundig auf unterschiedlichen Quellen basieren, inhaltlich überein. Der Artikel von Penz rief einige in „Unsere Heimat“ veröffentlichte Einsendungen hervor, unter anderem vom Volkskundler Anton Mailly, der in der Beschreibung, dass die Leiche als sie von den Richtern berührt wurde, zu bluten begann, Spuren der aus dem Mittelalter bzw. der Zeit davor datierenden Rechtspraxis des Bahrrechts erkannte.3 Beim Bahrrecht wurde die Schuld eines Mörders als erwiesen angesehen, wenn bei Berührung der Leiche durch den Beschuldigten, diese zu bluten begann. Inbesondere wegen dieser Spur des Bahrrechts hatte Mailly die Schneider-Geschichte bereits in sein 1927 erschienenes Büchlein „Sagen aus dem Bezirk Mistelbach“ aufgenommen.4

In den von Mailly herausgegebenen Büchern „Niederösterreichische Sagen“ (1926) und „Sagen aus dem Bezirk Mistelbach“ (1927) findet sich auch die Sage von der Hinrichtung eines Schneiders in Siebenhirten, der mittels einem Strohband gehenkt worden sein soll. Mailly schreibt in den Anmerkungen im Anhang seiner „Niederösterreichische Sagen“ bzw. seiner Einsendung „Zur Schneidergeschichte von Eibesthal“, über diese mündlich überlieferte Erzählung, dass es sich hierbei wohl um eine Adaption eines bekannten Schildaschwanks in Anlehnung an die Geschichte aus Eibesthal handelt.5 Demgemäß dürfte die Geschichte aus Siebenhirten, für die auch sonst keine Quellen vorliegen, keinen eigenständigen historischen Kern aufweisen.

In einer weiteren Einsendung zur Eibesthaler Schneider-Geschichte, die 1932 in „Unsere Heimat“ veröffentlicht wurde, bestätigte ein Herr Dr. Prettenhofer die von Mailly erkannten Spuren des Bahrrechts und er erläuterte dessen Bedeutung und Praxis näher.6

Bereits 1878 war im Znaimer Wochenblatt unter dem Titel „Wie die Eibesthaler gebändigt wurden – eine kulturhistorische Skizze“ eine von den bisher erwähnten Fassungen abweichende Version der Schneider-Geschichte veröffentlicht worden. Der Verfasser „Dr. W.“ ist nicht näher bekannt und ebenso auf welche Quellen er sich stützte. Wie der Titel bereits nahelegt wird in dieser Version der Geschichte auch ein Zusammenhang zwischen den Ereignissen und dem Wesen der Eibesthaler gezogen, deren Charakter – höflich ausgedrückt – als eher rau dargestellt wird. Die Geschichte weicht in mancherlei Hinsicht von den oben dargestellten Fassungen ab – nachfolgend eine kurze Zusammenfassung: Hans Rothaller, ein in Eibesthal ansässiger Botengänger (zwischen Mistelbach und Wien), wird von dem aus Wien stammenden Hans Moser beschuldigt dort 1000 Taler gestohlen zu haben und Moser meldet dies dem Eibesthaler Richter und seinen Geschworenen, die statt den Verdächtigen dem zuständigen Gericht in Falkenstein zu übergeben, die Untersuchung selbst in die Hand nahmen. Auch hier verstirbt Rothaller unter Folter und ebenso findet auch das Bahrrecht explizite Erwähnung. Statt in Falkenstein wollen die Eibesthaler den Toten auf dem in ihrem Ort befindlichen und dem Herrn von Fünfkirchen gehörenden Galgen henken. Der Verwalter des Herrn von Fünfkirchen gestattet dies, unter der Bedingung, dass die Frau des Rothaller, die von den Eibesthalern in einer Scheune gefangen gehalten wurde, freigelassen werde. Schließlich stellt sich heraus, dass der tatsächliche Täter Hans Moser war, der Rothaller den Diebsthal in die Schuhe geschoben hatte. Auch die Verletzung der Gerichtszuständigkeit kam ans Tageslicht und laut den Schilderungen wurde der Fall zu einem großen Justizskandal, der eingehend untersucht wurde und mit ernsten Strafen für alle Beteiligen, auch für den Grundherrn Fünfkirchen, dem das Fehlverhalten seines Verwalters Knörl zugerechnet wurde, endete. Da die Eibesthaler die Annahme ihrer Strafe aber verweigerten wurde laut dieser Erzählung die Hälfte der männlichen Eibesthaler Bevölkerung von Landsknechten nach Wien eskortiert, wo sie in Eisen gelegt mehrere Monate am Festungsbau arbeiten mussten. Dies soll den Trotz der Eibesthaler gebrochen haben und zum Abschluss des Artikels wird der Mistelbacher Dechant Faschang zitiert, der wenige Zeit später berichtet haben soll: „Alleluja! Die Eibesthaler sind lenksam und still wie die Schafe!“7

Im Stadtmuseumsarchiv Mistelbach befindet sich eine handschriftliche Fassung der Geschichte datierend aus dem Jahr 1803, die laut den darin gemachten Angaben ein Protokoll aus dem Besitz des zur Zeit des Geschehens herrschenden Fürsten Wolfgang von Liechtenstein wiedergibt.8 Dieses Dokument entspricht der Fassung von Penz bzw. Benesch, vermutlich bildete es sogar die Quelle für die Fassung von letzterem. Die Tatsache, dass es sich hier offenbar um die Abschrift eines alten Protokolls der Herrschaft Liechtenstein handelt, ist ein weiteres Indiz für die Authentizität der überlieferten Geschichte.

Neben der bereits eingangs erwähnten Abschrift in den Archivbeständen der Pfarre Eibesthal, die etwa Anfang des 19. Jahrhunderts angefertigt worden sein dürfte, sind laut Prälat Jakob Fried auch mehrere Eibesthaler Familien im Besitz alter handschriftlicher Abschriften der Geschichte die von Generation zu Generation weitervererbt werden. Auch im Besitz der Familie des aus Eibesthal stammenden Prälat Fried befand sich eine solche Abschrift, die nach einer in der Gemeindelade vorhandenen Fassung angefertigt wurde (diese enstpricht inhaltlich jener der Pfarre).9 Auf deren Basis veröffentlichte Fried 1946 eine freie literarische Aufbereitung der Schneider-Geschichte in Form einer Erzählung unter dem Titel „Ein Bauerngericht“.

Bereits Mailly schrieb in seinem 1931 eingesandten Beitrag „Zur Schneidergeschichte von Eibesthal“, dass ein von Lorenz Wessel verfasstes Werk zur gegenständlichen Geschichte Ende des 16. Jahrhunderts in Wien in Form fliegender Blätter im Umlauf gewesen sei.10 Maillys Annahme, dass dieses Werk nicht erhalten geblieben ist, konnte im Zuge der Recherche für diesen Beitrag und dank der fortschreitenden Digitalisierung von Bibliotheks- bzw. Archivbeständen glücklicherweise widerlegt werden. Der Meistersinger Lorenz Wessel (*1529, †1576) war ein aus Essen stammender Kürschnermeister, und als einer dieser im 15. und 16. Jahrhundert zunftartig organisierten Dichter und Sänger, in Teilen des heutigen Deutschlands und Österreichs unterwegs.11 Wessel hielt sich im Jahr 1570 einige Zeit in Wien auf, und hörte dort vermutlich von den Ereignissen in Eibesthal – schließlich hatte sich das „Wunder“ des am Galgen hängenden, nicht verwesenden Leichnams herumgesprochen und viele Schaulustige angelockt, und dies veranlasste ihn wohl im August 1570, wenige Monate nach der Beisetzung Rothallers, nach Mistelbach zu reisen. Hier verfasste er am 15. August 1570 sein diese Geschichte behandelndes Meisterlied unter dem Titel „Warhafftige newe Zeitung und grüntliche Beschreybung einer Gerichtshandlung, welche sich im Land Osterreich in einem Dorff, Eybenstal genent, nahent bey Mystelbach, hat zugetragen, wie Paurn oder Raths Herren daselbst einen unschuldigen und frummen Man von eines Diebstals wegen gefengklich haben einzogen, denselbigen in der strengen Frag verhalten, biss sie ihn gar zu todt haben gereckt, nach dem er vier tag todt gewesen ist haben sie in erst an einen galgen hencken lassen. Und wie hernach sein unschuld an tag ist kommen und was für straff die theter diser handlung empfangen und eingenommen haben und ist erbärmklich zu lesen unnd zu singen“.

Im Zuge der Recherchen konnte das Digitalisat eines 1571 in Augsburg gedruckten Exemplars dieses Meisterliedes in den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin entdeckt werden:

Digitalisat der Fassung von Lorenz Wessel vom August 1570 in den Online-Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin

Bei der am Ende des Stücks angegebenen Melodie „Pentzenawer“ handelt es sich um die damals sehr populäre und für viele Lieder genutzte Weise eines aus dem Jahr 1505 stammenden Stückes namens „Benzenauer“, das von der im Jahr zuvor erfolgten Belagerung und erfolgreichen Einnahme Kufsteins durch Kaiser Maximilian I. erzählt und den Namen des geschlagenen, tapferen Verteidigers der Festung trägt. Tatsächlich war diese bei den Meistersingern sehr beliebte Weise schon lange zuvor als „Hönweis“ verbreitet, und die Meistersinger, die sich in der Tradition des Minnesanges sahen, führten diese unter vielen weiteren Namen (u.a. „Bruder Veits Thon“) bekannte Melodie gar auf Wolfram von Eschenbach zurück.12

Die Melodie des „Benzenauer“ in Notendarstellung aus Rochus von Liliencron: „Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert“, Nachtragsband (1869) 13
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Mit diesem verschollen geglaubten Werk, dass wenige Monate nach der Beerdigung Rothallers niedergeschrieben wurde, liegt ein authentischer Bericht des Geschehens aus jener Zeit vor. Der Vergleich des Inhalts dieses Dokuments mit den überlieferten Fassungen zeigt die inhaltliche Übereinstimmung und damit, dass die bis heute bekannte Erzählung über 450 Jahre richtig überliefert wurde und sich wie beschrieben tatsächlich ereignet hat. Dies ist umso bemerkenswerter, als die ältesten bisher bekannten Quellen aus der Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts stammen, bei denen es sich vermutlich bereits um Abschriften von Abschriften, usw. handelt. Einzig die im Znaimer Wochenblatt veröffentlichte Version, die zwar auch im Kern – Diebstahl, Leidensgeschichte und Tod des unschuldigen Rothaller – übereinstimmt, weicht in den Rahmenbedingungen bzw. Folgen von der Geschichte ab, und es fehlen bei dieser Version auch Angaben zur Quelle auf die sich die Erzählung stützt. Allerdings wird wie in dieser Fassung auch bei Wessel ein Verwalter namens Knöell (Knörl) erwähnt, dem in beiden Versionen mangels Einschreitens gegen das Vorgehen der Eibesthaler Versäumnisse betreffend die Pflicht gegenüber seiner Herrschaft vorgeworfen werden.

Wie bei den anderen Fassungen zu lesen ist, beteiligten sich auch die Eibesthaler (namentlich Schöfbeck und Moser) am martern des armen Rothaller, und dies offenbar sehr eifrig, sodass vom Henker folgende Aussage in Wessels Überlieferung dokumentiert ist:
„Die Eybenstaller sein
fleyssiger in der Sache,
dann all die Knechte mein.“

Laut den Angaben bei Wessel dürfte Rothaller am 3. Februar 1570 der Folter erlegen sein.14 In der Fassung von Benesch ist zu lesen, Rothaller sei am Mistelbacher Galgenberg gehenkt worden, im Meisterlied von 1570 heißt es hingegen, dass ein Galgen aufgestellt wurde, wo vorher keiner war: „am Kirchenberg“, der wohl seither unter dem Namen Schneiderberg bekannt ist. Auf untenstehendem Kartenausschnitt aus der Franzisco-Josephinische Landesaufnahme (1869-1887) scheint jedoch auch eine Flurbezeichnung Kirchbergen zwischen Eibesthal und Wilfersdorf auf. Der ehemalige Galgenstandort Mistelbachs hat sich im Flurnamen „Galgengrund“ erhalten und befand sich am selben Höhenzug wie der Schneiderberg, allerdings doch etwas entfernt, nämlich linkerhand an der heutigen Straße nach Wilfersdorf (auf der gegenüberliegenden Seite der M-City).

Im Meisterlied ist weiters festgehalten, dass neben der Bestrafung der beteiligten Eibesthaler durch die kaiserlichen Kommission auch „Pan und Acht“ („Bann und Acht“ – (höhere) Gerichtsbarkeit15) verloren gingen. Es scheint also, dass Eibesthal durch die Causa Rothaller seine eigenständige Gerichtsbarkeit verlor.

Quellen:

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