Devenne, Bürgerfamilie

Am Schicksal des Mistelbacher Zweigs der Familie Devenne (in verschiedenen Schreibweisen überliefert: Devenna, De Venne, von der Venne, etc.) lässt sich über mehrere Generationen hinweg der Aufstieg und Fall einer wohlhabenden Bürgerfamilie im 17. bzw. 18. Jahrhundert beobachten. Die Mitglieder dieser Familie prägten Mistelbach  in ihrer Zeit nicht nur als Unternehmer und gewählte Gemeindevertreter (Ratsbürger bzw. Marktrichter), sondern darüber hinaus durch den Bau des Barockschlössls, dass der letzte Vertreter dieser Familie als seinen Wohnsitz erbauen ließ.

Michael Devenne (1611-1664)

Die Geschichte der Devenne in Mistelbach beginnt mit Michael Devenne, der als Apothekergeselle nach Mistelbach kam, wo er am 12. Mai 1641 Maria Schütz (Schücz), die Witwe des sieben Monate zuvor verstorbenen Apothekers Johann Baptist Schütz, ehelichte.1 Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es in Mistelbach eine Landschaftsapotheke, die von der damaligen politischen Vertretung des Landes – den Landständen – errichtet und betrieben wurde und die das östliche Weinviertel versorgen sollte. Diese befand sich zur Zeit als Devenne hierher kam im Besitz von Hans Simon Kelter (Khelter, Käldterer) und jedenfalls zu Beginn des 17. Jahrhunderts existierte auch eine zweite Apotheke im Besitz von Johann B. Schütz. Die Witwe Schütz war die Tochter des Apothekers Kelter und somit hatte Devenne durch die Eheschließung mit ihr nicht nur in eine Apotheke eingeheiratet, sondern hatte auch die Aussicht die Landschaftsapotheke seines Schwiegervaters mit seiner zu vereinigen. Im Zuge der einige Jahre dauernden Abhandlung der Verlassenschaft nach dem Tod von Kelter im Jahre 1646 dürfte dies auch so geschehen sein und in den folgenden Jahrhunderten bestand stets nur eine Apotheke in Mistelbach.2 Prof. Spreitzer mutmaßt wohl zu Recht, dass Devenne wahrscheinlich bereits einige Zeit bei seinem künftigen Schwiegervater oder dem ersten Ehegatten seiner Frau beschäftigt gewesen sein dürfte bzw. im Zuge der damals in vielen Berufen üblichen Wanderschaft nach Mistelbach gekommen war. Apotheken zählten damals als Gewerbe und beim Beruf des Apothekers handelte es sich also um einen Lehrberuf.

Michael Devenne wurde am 30. September 1611 in Regensburg protestantisch getauft und sein Vater Cornelius Devenne war zunächst Spitalsschreiber und später Spitalsverwalter und Stadtgerichtsbeisitzer in Regensburg. Der Großvater von Michael Devenne, der Maler Hieronymus Devenne, stammte aus der Stadt Mechelen im Herzogtum Brabant, damals Teil der im Besitz der spanischen Habsburger stehenden Niederlande (heute: Belgien), und hatte 1564 in eine Regensburger Bürgerfamilie eingeheiratet. Michael Devenne hatte neun Geschwister die allesamt angesehene Stellungen erlangten, und auch einer seiner Brüder, Cornelius jun., wurde Apotheker in Regensburg.3

Wappen der "Devene" aus Regensburg im großen Weiglschen Wappenbuch des Jahres 1734 - in den Farben rot und silber gehaltenWappen der „Devene“ aus Regensburg im großen Weiglschen Wappenbuch des Jahres 1734 – in den Farben Rot und Silber gehalten4

Aus der Ehe mit Maria, verwitwete Schütz bzw. geb. Kelter, entstammten drei Kinder: die 1643 geborene Tochter Anna Maria, die später im Alter von 16 Jahren den um 30 Jahre älteren Witwer und Oberbeamten der Liechtensteinischen Herrschaftsverwaltung in Wilfersdorf, Peter Antreich, ehelichte; den 1648 geborenen Sohn Martin Andreas – zu dem später noch ausführlich berichtet wird;  die 1651 geborene Tochter Susanna Elisabeth, die später Johann Martin Dracht, kaiserlichen Land- und Stadtgerichtsbesitzer zu Wien, heiratete. 1653 erwarben Michael und Maria Devenne das Haus Hauptplatz Nr. 5 (Konskr.Nr. 70), dass 1900 dem Bau des neuen Amtsgebäudes (Rathaus und Bezirkshauptmannschaft) weichen musste. Unklar ist, ob sich die Apotheke schon zuvor – eventuell eingemietet – hier befand bzw. seit wann, da leider Informationen zu den Standorten der Apotheke(n) in früherer Zeit fehlen. Wie eingangs beschrieben war der Apothekerberuf damals ein Gewerbe, doch gab es bereits damals erste Bestrebungen, die Qualifikation für diesen wichtigen Beruf zu vereinheitlichen und jede Apotheke musste von einem an der Universität geprüften Apotheker geführt werden. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte war es dann notwendig nach absolvierter Lehre, für eine gewisse Zeit auch Kurse an der Universität zu besuchen und Prüfungen abzulegen, ehe gegen Mitte des 19. Jahrhunderts das Pharmaziestudium als verpflichtende Berufsvoraussetzung geschaffen wurde. Auch Devenne unterzog sich am 4. November 1653 erfolgreich einer solchen Prüfung vor einem Gremium der medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Das Haus Hauptplatz Nr. 5 (rotes X) in dem sich jedenfalls in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Apotheke befand.Das Haus Hauptplatz Nr. 5 (rotes X) in dem sich jedenfalls in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Mistelbacher Apotheke befand. Das Haus musste 1900 dem Neubau des Rathauses weichen. Das Foto zeigt den nördlichen Hauptplatz noch mit dem Alten Rathaus (heute Erste Bank), das 1874 abgebrochen wurde.

Am 11. Dezember 1664 wurde Michael Devenne5 in Mistelbach begraben und 1666 heiratete seine Witwe, nunmehr in dritter Ehe den dritten Apotheker und zwar Mathias Graß (Groß), der ebenfalls aus Bayern stammte.

Martin Andreas Devenne (1648-1701)

Martin Andreas Devenne wurde am 11. November 1648 in Mistelbach getauft6, nachdem sein Vater Michael Devenne, dessen Familie in Regensburg eigentlich evangelisch war, augenscheinlich zum katholischen Glauben konvertiert war. Laut den Angaben bei Spreitzer scheint er zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters, also im Alter von 16 Jahren, bereits in der Lehre zum Kaufmann gestanden haben. Eine Ausbildung zum geprüften Apotheker dürfte er in der Folge nicht absolviert haben, wie später noch dargelegt werden sollte. Am 7. Februar 1673 ehelichte er, der im Trauungsbuch als Handelsmann bezeichnet wird, Maria Secunda, die Tochter des verstorbenen „kaiserlichen Traid- und Fleischaufschlagnehmers“ in Mistelbach Jacob Stepperger.7 Dieser Ehe entstammten zwölf Kinder, acht Söhne und vier Töchter, von denen allerdings wohl nur sechs Kinder überlebt haben dürften und als Taufpaten dieser Kinder fungierten die angesehensten und wohlhabendsten Bewohner der Stadt. Noch im Jahr ihrer Eheschließung erwarben Martin Andreas und Maria Secunda Devenne 1673 das Haus Hauptplatz Nr. 37 (Konskr.Nr. 56) (heute: Raiffeisenbank) samt den zugehörigen Gründen. Auf diesem Haus betrieb Martin Andreas Devenne sein Handelsgeschäft und da spätere Besitzer hier Eisenwarenhandlungen betrieben, liegt die Vermutung nahe, dass auch Devenne in diesem Geschäftsbereich tätig war bzw. diese Geschäftstradition begründete.8

Das Haus Hauptplatz Nr. 37 (rote Markierung) in dem Martin Andreas Devenne Ende des 17. Jahrhunderts eine Eisenwarenhandlung betrieb (heute: Raiffeisenbank)Das Haus Hauptplatz Nr. 37 (rote Markierung) in dem Martin Andreas Devenne Ende des 17. Jahrhunderts eine Eisenwarenhandlung betrieb (heute: Raiffeisenbank)

Nach dem Tod der Mutter und des Stiefvaters seiner Gattin erbte das Ehepaar Devenne das Haus Museumsgasse Nr. 3 (heute: Malermeister Bacher), samt zugehörigem Stadel, Garten und Ziegelstadel. Solche Ziegelstadel wurden einst dazu genutzt um luftgetrocknete Lehmziegel herzustellen, und damit dürfte der Grundstock für die spätere Tätigkeit der Familie Devenne im Bereich der Ziegelherstellung gelegt worden sein. Auch das Amt seines verstorbenen Schwiegervaters als Traid-(=Getreide-) und Fleischaufschlagseinnehmer (=Steuereinnehmer für diese Waren), dürfte er bald nach 1670 übernommen haben. Die Heirat mit der Tochter vorherigen Amtsinhabers und die Schwägerschaft mit dem Wilfersdorfer Oberbeamten dürfte ihn für dieses Amt empfohlen haben, wie Spreitzer vermutet.

Durch Erbschaft vermehrte sich sein Besitz neuerlich und zwar gelangte nach dem Tod seines Stiefvaters Graß sein Vaterhaus an der Adresse Hauptplatz Nr. 5 samt der dort befindlichen Apotheke in sein Eigentum und Martin Andreas Devenne wurde mit 24. Jänner 1685 zum Landschaftsapotheker in Mistelbach bestellt. Im Bestellungsrevers nennt er sich selbst einen fürstlichen Ratsbürger, und dies bedeutet er gehörte dem Marktrat (auch „Marktgericht“ genannt) an, dem damaligen gewählten Vertretungs- bzw. Verwaltungsgremium der Marktgemeinde. Da er selbst nicht über die entsprechende Ausbildung verfügte, verpflichtete er sich in diesem Dokument, die ihm durch Testament zugefallene Apotheke durch einen geprüften Apotheker als Provisor führen zu lassen. Im September 1687 verkaufte das Ehepaar Devenne schließlich das Haus Hauptplatz Nr. 37, auf dem es ein Handelsgewerbe geführt hatte, dem Eisenhändler Mathias Antreich aus Poysdorf. Die Devennes finden sich danach auf das von seiten der Familie der Gattin ererbte Haus Museumsgasse Nr. 3, dass bis 1704 im Besitz der Familie blieb. Neben seiner Tätigkeit als Apothekenbesitzer war Martin Andreas Devenne wirtschaftlich vielseitig tätig: um 1694 scheint er als Pächter der Mistelbacher Maut auf; bis 1698 hatte er auch den Handel mit Juchtenleder, dass insbesondere zur Herstellung von Schuhen und Stiefel genutzt wurde, inne; außerdem dürfte er wohl einen oder mehrere Ziegelöfen besessen haben, denn für den Bau des Barnabitenkollegiums (Kloster) lieferte er 1698 24.200 gebrannte Mauerziegel. Es gibt Hinweise, dass ihm der Ziegelofen, der sich einst am Standort des heutigen Stadtkindergartens in der Gewerbeschulgasse befand, gehörte.9  1699, im Zuge der Korrespondenz bezüglich einer Beanstandung seiner Führung der Apotheke nach einer Visitation, bekundete Devenne die Absicht sich solange einen Provisor für die Apotheke zu halten, bis sein Sohn (Ferdinand Maximilian) im medizinischen Studium soweit unterwiesen und von der Universität zur Führung entsprechend approbiert worden sei. Die korrekte Führung der Apotheke wurde durch den Viertelsmedikus Dr. Achazi und das Markgericht bestätigt und damit war die Angelegenheit erledigt.10

Martin Andreas Devenne verstarb im Alter von 53 Jahren und wurde am 30. September 1701 in Mistelbach zu Grabe getragen.11 Die Witwe und die jüngeren Kinder des Paares scheinen in der Folge nicht mehr in Mistelbach auf, weshalb angenommen werden kann, dass sich die hinterbliebene Gattin auswärts erneut vermählt haben dürfte.

Ferdinand Maximilian Devenne (1681-ca.1759)

Ferdinand Maximilian Devenne (oft auch nur Maximilian oder Max genannt) wurde am 2. Februar 1681 in Mistelbach getauft12 und durch eine Seuche, die im Frühsommer des Jahres 1686 binnen weniger Tage vier seiner Geschwister (darunter drei ältere Brüder) hinwegraffte, dürfte er schließlich zum ältesten überlebenden Sohn von Martin Andreas Devenne geworden sein.13 Ein medizinisches Studium, dass sein Vater in einer Korrespondenz mit der niederösterreichischen Landschaft im Jahre 1699 für ihn ins Auge gefasst hat, scheint sich nicht verwirklicht zu haben. Augenscheinlich interessierte er sich mehr für das Steuereinnehmeramt seines Vaters als für den Apothekerberuf und so ging die in der Familie vererbte Landschaftsapotheke nach dem Ableben von Martin Andreas Devenne schließlich 1702 in den Besitz des bisherigen Provisors über, der im Jahr darauf zum neuen Landschaftsapotheker bestellt wurde. In der Folge kam die Apotheke zunächst auf Haus Hauptplatz Nr. 23, bald darauf auf Hauptplatz Nr. 31 und um 1740 schließlich an ihren heutigen Standort Hauptplatz Nr. 36.14

Am 29. Jänner 1708 vermählte sich Maximilian Devenne in Mistelbach mit Anna Maria Eva, der Tochter des Petrus Georg Wadl aus Wilfersdorf und dieser Ehe entstammten acht Kinder. Von 1716 bis etwa 1723 scheint er mehrfach als Pächter der (Wasser-)gefälle entlang der Zaya im Abschnitt von Hüttendorf bis Wilfersdorf 15 auf. Er war damit berechtigt von den dort ansässigen Müllern Abgaben einzuheben. 1719 scheint er als “bestellter Weinaufschlag-Einnehmer”, also so etwas wie ein Zollabschnittsleiter für den Handel mit Wein.16 In den Jahren 1724 bis 1738 wird er mehrfach als Oberaufschläger angeführt und 1747 bzw. 1750 als „k.k. Ober-Collectant des Mistelbacher k.k. Aufschlagsamtes“ bezeichnet.17 Der Heimatforscher Franz Thiel berichtet unter Bezug auf Wilfersdorfer Herrschaftsakten davon, dass sich Devenne Steuergelder unterschlagen haben soll und 1750 daher mit Schimpf und Schande des Amtes als Steuereinnehmer enthoben wurde. Allerdings können die konkreten Gründe bzw. Umstände seines Ausscheidens aus dem Amt des Steuereinnehmers aufgrund der kryptischen Angaben bei Thiel kaum als endgültig geklärt betrachtet werden. (Ferdinand) Max Devenne kämpfte leidenschaftlich für sein Recht und führte im Laufe seines Lebens mehrere teils langwierige Prozesse. Über zehn Jahre hinweg zog sich etwa ein Rechtsstreit mit seiner Schwester Katharina in dem es um die Verlassenschaft nach seinem Vater ging.18 Aber insbesondere aus seiner beruflichen Tätigkeit als Steuereinnehmer ergaben sich zahlreiche Prozesse betreffend ihm vorenthaltener Abgaben und Mautgebühren. Um zurückgehaltene Aufschläge für Fleisch, Getreide und Pferde ging es auch in einem bereits seit längerer Zeit schwelenden Konflikt mit dem Barnabitenkolleg in Mistelbach, der ab 1738 vor Gericht ausgetragen wurde. Der mehrere Jahre währende Rechtsstreit ging schließlich zu Gunsten von Devenne aus, allerdings wurde dem Barnabitenkolleg letztlich ein Zahlungsaufschub bzw. eine Begleichung der Außenstände in kleinen Raten und über eine lange Laufzeit zugestanden. Schon zuvor gab es Grundstreitigkeiten zwischen Devenne und den Barnabiten, doch mit diesem Rechtsstreit bzw. dessen Ergebnis hatte Devenne den Unmut des Barnabitenordens auf sich gezogen, der 1743 gegen Devenne eine Klage einbrachte betreffend eines Grundkaufs durch seinen Vater der 60 Jahre zurücklag. Es handelte sich um einen mangelnde (grundbücherliche) Besicherung im Zuge des Ankaufs eines Ackers und die Causa endete in einem Vergleich im Zuge dessen Devenne auf einen Teil der gestundeten Schulden des Barnabitenkollegiums aus dem vorangegangenen Rechtsstreit verzichtete.19

Auch in der Gemeindevertretung, dem sogenannten Marktrat, war (Ferdinand) Max Devenne aktiv und scheint wie schon sein Vater (jedenfalls) 1724 als Ratsbürger auf.20 Die überlieferten Informationen zur Amtszeit der Marktrichter sind leider lückenhaft, für 1729-1734 und 1747-1748 ist (Ferdinand) Max Devenne jedoch jedenfalls als Mistelbacher Marktrichter überliefert. Dieses Amt brachte einen Interessenkonflikt mit sich, da der Amtsinhaber einerseits Oberhaupt der Marktgemeinde und damit Vertreter deren Interessen war bzw. andererseits Vollzugsorgan der Liechtensteinischen Grundherrschaft und dabei auch selbst Untertan war. Laut den von Thiel eingesehenen Akten der Herrschaft Wilfersdorf sollen sich die Mistelbacher 1732 darüber beklagt haben, dass der Marktrichter Devenne sein Amt eigennützig verwalte, sich bei jeder Gelegenheit Geld verschaffe, eigenmächtig Rechnung lege und Holz aus dem Gemeindewald beanspruche. Bedingt durch mangelnde Kontrolle waren Misswirtschaft und Veruntreuungen im Bereich der Gemeindefinanzen auch unter seinen Vorgängern und Nachfolgern verbreitet, doch dürfte Devenne selbst das damals übliche Maß überschritten haben. Bei einer weiteren Kandidatur für das Amt des Marktrichters im Jahre 1755 unterlag er einem Konkurrenten.

Devenne besaß mehrere kleine Zinshäuschen, Holzgärten, Weingärten, Wiesen und Äcker und verfügte auch über Grundbesitz in Wilfersdorf. 1724 errichtete er über einem ihm gehörigen Keller in der Museumsgasse ein Presshaus und erwarb in den Folgejahren die umliegenden Gründe bzw. gelang es ihm durch Ankäufe von hintaus gelegenen Gartengründen an der Nordseite des Hauptplatzes eine Verbindung zu seinem Haus Hauptplatz Nr. 5 herzustellen. 1731/32 erwirkte er bei der Marktgemeinde bzw. der Herrschaft für das Grundstück in der Museumsgasse und für die darauf aufzuführenden Aufbauten eine Befreiung von allen öffentlichen Lasten (Steuern, Abgaben, Robot, etc.). Im Gegenzug für dieses Privileg, damals als „Begabungsinstrument“ bezeichnet, verpflichtete sich Devenne zu einer Abschlagszahlung. Die Abgabenfreiheit hatte auch für sämtliche Besitznachfolger Gültigkeit und die Urkunde hierüber befand sich laut Fitzka noch im Jahre 1900 im Besitz von Frau Gspann, der damaligen Eigentümerin des Schlössls. Heute gilt dieses Dokument leider als verschollen. Spreitzer wies durch seine Veröffentlichungen zur Familie Devenne schlüssig nach, dass das Schlössl-Ensemble (Museumsgasse Nr. 4), bestehend aus Presshaus, Scheune, Stall, „Vorhöfl“, Wohngebäude und einer diese Gebäude umgebenden Einfriedungsmauer zwischen 1730 und 1740 von Maximilian Devenne erbaut wurde. Eine erste urkundliche Erwähnung des „neuen Wohngebäudes“ von Devenne stammt aus dem Jahre 1742.21 Den Bau des Schlössl als repräsentativen Sitz soll Devenne in der Hoffnung auf eine Erhebung in den Adelsstand errichten haben lassen, schließlich hatte es Devenne zu erheblichem Wohlstand gebracht und bekleidete zahlreiche (öffentliche) Ämter. Es war zweifellos praktisch, dass die Vorarbeiten für die Errichtung des Barockschlössls – die Grundkäufe von der Marktgemeinde bzw. der Herrschaft und die Abgabenbefreiung des Grundstücks – in jene Zeit fielen in der er als Marktrichter der Gemeinde vorstand.22

Laut Feststellung des Österreichischen Bundesdenkmalamtes aus dem Jahr 1963 wurde das Barockschlössl von einem durch den großen Barockbaumeister Lukas von Hildebrand beeinflussten unbekannten Barockbaumeister geschaffen.23 Doch liegt eine durchaus schlüssige These betreffend den Baumeister des Barockschlössls vor: Dr. Wilhelm Gegorg Rizzi vermutet das Franz Anton Pilgram der zur Zeit der Erbauung des Barockschlössls das nahegelegene Schloss Prinzendorf, ursprünglich als Konvent für den Kamaldulenser Orden konzipiert, erbaute, auch das Barockschlössl im Auftrag von Devenne geschaffen haben könnte. Es erscheint durchaus wahrscheinlich, dass der angesehene Barockbaumeister Pilgram, der über seinen Onkel auch in Kontakt mit Hildebrandt stand, die Gelegenheit für einen Nebenauftrag nutzte.24

Im Vordergrund das als "Jagdschlösschen" bezeichnete Barockschlössl samt den es umgebenden Wirtschaftsgebäuden etwa um 1910Im Vordergrund das als „Jagdschlösschen“ bezeichnete Barockschlössl samt den es umgebenden Nebengebäuden etwa um 1910

 

Ansicht aus dem Innenhof aufgenommen im Jahre 1952Ansicht aus dem Innenhof aufgenommen im Jahre 1952

 

Das Schlössl in der Außenansicht im Jahre 1952Das Schlössl in der Außenansicht im Jahre 1952

Bei Fitzka findet sich die mündlich überlieferte Information, dass schon vor dem Schlössl an selber Stelle ein bedeutendes Haus gestanden habe, in dem bereits Rudolf I. auf seiner Weiterreise nach der Marchfeldschlacht übernachtet haben soll.25 Leider wird trotzdem viele Dinge die bei Fitzka zu lesen sind, in den letzten 120 Jahren bereits widerlegt wurden, immer noch, auch in jüngster Zeit auf diese teilweise falschen bzw. veralteten Informationen zurückgegriffen. Spreitzer hat schon Ende der 1950er eindeutig nachgewiesen, dass das Schlössl auf einem zuvor “öden Flecken” erbaut wurde, und dass sich vor der Errichtung durch Max Devenne hier kein (herrschaftliches) Gebäude befand. Rudolf I. soll tatsächlich in Mistelbach gewesen sein, zumindest scheint seine Anwesenheit durch Zeugenschaft in einer Urkunde belegt, und sollte er tatsächlich hier übernachtet haben, dann wohl in der vor Jahrhunderten abgekommenen Burg neben der Pfarrkirche.26

 

Steinernes Wappen über den Eingang in den Hauptsaal des 1. Stockwerks im BarockschlösslSteinernes Wappen über den Eingang in den Hauptsaal des 1. Stockwerks im Barockschlössl

 

Detailansicht des Wappens der Familie DevenneDetailansicht des Wappens der Familie Devenne (dieses entspricht der obigen Darstellung aus dem Wappenbuch)

Die oben beschriebenen kostenintensiven Rechtsstreitigkeiten bzw. der dabei errungene Pyhrrussieg im Streit mit dem Barnabiten und zweifellos auch die Errichtung des Schlössls dürften Devenne finanziell überfordert haben.27 Wahrscheinlich waren die sich abzeichnenden finanziellen Probleme auch der Grund für die Untreuevorwürfe betreffend seine Tätigkeit als Marktrichter und Steuereinnehmer. Devenne musste Teile seines Besitzes verkaufen und zuletzt sogar sein Silber an das Barnabitenkolleg versetzen um seine Schulden bedienen zu können. Schlussendlich sah er sich 1756, auch aufgrund seines bereits hohen Alters, dazu gezwungen auf die ihm gerichtlich zugesprochene (Rest)forderung gegenüber den Barnabiten zu verzichten, um das versetzte Silber wieder auszulösen. Das Ende des finanziell heruntergekommenen vormaligen Marktrichters Ferdinand Max Devenne liegt im Dunkeln – er dürfte 1757 oder 1758 verstorben sein, allerdings nicht in Mistelbach, denn in den Pfarrbüchern findet sich kein Hinweis mehr zu ihm.28

Um die hinterlassenen Schulden abdecken zu können, wurde am 31. Jänner 1759 der Beschluss gefasst die Verlassenschaft im Lizitationswege verkauft.29 Der Witwe gelang es zwar das Haus Hauptplatz Nr. 5 aus der Erbmasse herauszukaufen, der restliche Besitz (Ziegelofen (zu dessen Lage widersprüchliche Informationen vorliegen), Schlössl samt Garten, Äcker etc.) ging jedoch in fremden Besitz über. 1767 verstarb schließlich die Witwe Anna Maria Devenne und als ihre Universalerbinnen (Töchter oder Enkelinnen) scheinen Anna Maria und Johanna auf, die das Haus Hauptplatz Nr. 5 an die Familie Raffesberg verkauften. Diese beiden Personen, sind die letzten bekannten Nachfahren der Devenne, und sie treten später in Mistelbach nicht mehr in Erscheinung. Der Mistelbacher Zweig der Devenne dürfte also mit dem Tod des vormaligen Marktrichters Ferdinand Max Devenne ausgestorben sein. Aufgrund der damals variierenden Namensschreibweisen wurde immer wieder spekuliert, ob es sich bei wenig später in Mistelbacher Pfarrmatriken auftauchenden Personen mit dem Familiennamen Defeni (zB dem Maurermeister Johann Defeni) um Nachkommen der Devenne handelt.30 Tatsächlich kann eine Verbindung zur Familie Devenne ausgeschlossen werden.

Das Barockschlössl befand sich in weiterer Folge dann im Privatbesitz mehrere Liechtensteinischer Herrschaftsbeamter, und kam über die Familie Küttner, im Heiratsweg in den Besitz der Lehrerfamilie Gspann. Der Immobilienhändler und Gemeinderat Johann Burgmann sollte während des Ersten Weltkriegs im Auftrag der Sparkasse den Ankauf von den Erben der Familie Gspann verhandeln, schlug aber selbst zu und schied aufgrund dieses Vorfalls in weiterer Folge aus dem Vorstand der Sparkasse aus. 1929 erwarb die Sparkasse das Haus von ihm gegen einen Leibrentenvertrag31 Ab 1931 befand sich hier für viele Jahrzehnte das Mistelbacher Heimatmuseum, und später auch die Städtische Bücherei. Seit den 1980er Jahren dient das Barockschlössl als Zentrum für Kulturveranstaltungen. In der Sitzung vom 14. November 1974 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine kleine Seitengasse in der erweiterten Stadtwald-Siedlung De Venne-Weg zu benennen.32

 

Wo befindet sich der De Venne-Weg?

 

Bildnachweis:
-) Fotos des Schlössls aus den Jahren 1952 und alte Ansichten Hauptplatz: Göstlarchiv
-) Ansichtskarten Barockschlössls (Jagdschlösschen) aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Wappen im Barockschlössl: Thomas Kruspel (2021)

Quellen:
-) Spreitzer, Hans: “Das Mistelbacher Museumsgebäude und die Devenna” – 7-teilige Beitragsreihe In: Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 18, 20, 22-25, 29/1957;
-) Spreitzer, Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof.  Dr. Herbert: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 215f
-) Thiel, Franz: „Die Familie de Venna in Mistelbach“ (1965) In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1962-1969), S. 276, 278-281 (Anm.: die Angaben bei Thiel sind teilweise recht kryptisch und widersprechen in vielen Punkten den späteren Forschungsergebnissen von Prof. Spreitzer. Allerdings hatte Thiel bei seinen heimatkundlichen Forschungen in der Zwischenzeit auch Zugang zu Herrschaftsakten im damals in Wien befindlichen Hausarchiv der Fürstenfamilie Liechtenstein. Diese Bestände waren Spreitzer nicht zugänglich, da diese später für mehr als 60 Jahre im Fürstentum aufbewarht wurden und erst Anfang der 2000er Jahre nach Wien zurückkehrten.)

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Schwechater Bierdepot – Hausgeschichte Oserstraße 9

Ursprünglich stand an der Stelle an der sich heute die Elisabethkirche und die sie umgebende kleine Grünanlage befindet das Haus mit der Konskriptionsnummer 375 (altes „Hausnummer“-System) zu dem auch ein angrenzendes Gartengrundstück gehörte. Dieses Haus bestand jedenfalls bereits vor 1600 und laut alten Verzeichnissen (Urbarien) der Liechtensteinischen Herrschaft handelte es sich gemäß dem damals gebräuchlichen Kategorisierungsschema für landwirtschaftliche Güter um eine halbe Hofstatt.1 Häufig findet sich in der Literatur die Information, dass es sich bei einer Hofstatt um ein Haus mit wenig bzw. lediglich geringfügigem landwirtschaftlichen Grundbesitz handelt. Die Sache ist jedoch etwas komplexer, da damals für die Einstufung ausschließlich Ackerland berücksichtigt wurde und auch nur jenes welches sich im Gemeindegebiet befand. Sogenannte Überlandäcker, also etwa in angrenzenden Gemeinden gelegene Gründe, und auch Weingärten und Wiesen zählten beispielsweise nicht zum dabei berücksichtigten landwirtschaftlichen Grundbesitz. Insofern können alleine auf Basis dieser Einteilung kaum Schlüsse betreffend die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eigentümer gezogen werden.

Gegenüber dem Haus Nr. 375 (bzw. der heutigen Elisabethkirche), an jener Stelle an der Mitte der 2010er Jahre eine Wohnhausanlage errichtet wurde, befand sich einst das alte Mistelbacher Spital, eine von den Herren von Mistelbach zu Beginn des 14. Jahrhunderts gestiftete Sozialeinrichtung, die bis 1932 existierte. Da sich auf den zum Spital gehörigen Gründen, die sich von der Gartengasse/Bahnstraße bis zum Beginn der Barnabitenstraße erstreckten, ansonsten lediglich Wirtschafts- und Nebengebäude befanden, vermutet Prof. Hans Spreitzer, dass es sich bei dem Haus das Gegenstand dieses Beitrags ist möglicherweise in früherer Zeit um die Dienstwohnung des Spitalsverwalters gehandelt haben könnte.2 Als ältesten Besitzer konnte Spreitzer den Kürschnermeister Niklas Müllner, der 1624 auf dieses Haus kam, ausfindig machen. Nach dessen Tod heiratete seine Witwe 1646 den aus Schlesien stammenden Kürschner Georg Klaiber (Kleber), der hier bis 1690 aufscheint. Danach folgte ab 1705 die Familie Selbach (auch Selba oder Selwach geschrieben), deren Vertreter sich zunächst als Schneider und später als Weinbauern verdingten und die laut Einträgen in den Pfarrmatriken bis Ende des 19. Jahrhunderts Besitzer dieses Hauses waren.3 1896 scheint hier schließlich laut einem Zeitungsinserat im „Bote aus Mistelbach“ der Anstreicher, Zimmer- und Dekorationsmaler Albert Voit auf, allerdings lässt dieses Inserat keine Rückschlüsse über die Besitzverhältnisse zu.4

Fitzkas Häuserverzeichnis listet das Haus im Jahre 1900 als Wohnhaus auf, dass zu diesem Zeitpunkt im Besitz des Kaufmanns und Gemeinderats Heinrich Westermayer stand, der jedoch auch andere Häuser in Mistelbach besaß und somit weder hier wohnte, noch sein Geschäft betrieb.5 Anfang des 20. Jahrhunderts wurde seitens der Gemeindeverwaltung ein Plan zur Regulierung bzw. zum Ausbau des Straßennetzes der Stadt gefasst. Zwecks Ausbau der Mitschastraße als südlicher Einfahrtsstraße sollte unter anderem der Abbruch der alten Elisabethkirche erfolgen, die sich nach heutigen Gegebenheiten etwa in der Mitte der Mitschastraße im Bereich zwischen Postamt und dem ehemaligen Lokal „Pizzeria Al Capone“ befunden hat, und an der sich die alte Mitschastraße vorbeizwängte. Auch die nahe gelegene Florianikapelle, die sich etwa im heutigen Kreuzungsbereich von Oser- und Mitschastraße befand, wurde aus diesem Grund abgebrochen. Die 1316 erbaute Kirche war Teil des bereits eingangs erwähnten Spitalskomplexes und bereits sehr baufällig. Um die Elisabethkirche nahe ihrem alten Standort wieder neu errichten zu können, hatte die Stadt das Eckhaus Mitschastraße Nr. 7/Oserstraße Nr. 9 (Konskr.Nr. 375) angekauft und ließ selbiges abtragen, um Platz für das neue Kirchengebäude zu schaffen. 1904 wurde die alte Elisabethkirche schließlich abgebrochen und bereits im Jahr darauf konnte der modern ausgeführte Neubau mit Unterstützung des Fürsten Liechtenstein, dessen Familie das Patronat über das Spital seit Jahrhunderten innehatte, fertiggestellt und 19. November 1905 feierlich geweiht werden. Auch die Errichtung einer kleinen Grünanlage rund um die Kirche war von Anbeginn vorgesehen. Der Rest des ehemals zum Haus Nr. 375 gehörigen Grundstücks wurde abgetrennt und sollte gemäß dem Beschluss des Gemeindeausschusses (=Gemeinderat) im Lizitationswege veräußert werden.6 Doch offenbar war das Interesse an dem Grundstück zunächst eher gering bzw. wollten sich offenbar nicht jene Gebote finden, die sich die Gemeinde erwartet hatte.7

Zwei Jahre dauerte es bis sich 1908 schließlich in der Person von Victor Mautner Ritter von Markhof, Mitglied der berühmten Industriellendynastie und Besitzer der St. Marxer Brauerei, ein Käufer für das Grundstück fand, der hier 1909 ein Bierdepot seiner Brauerei errichten ließ.8 Nachdem die Kirche keine reguläre Adresse zugeteilt bekam, wurde die zuvor im abgetragenen Eckhaus vereinte doppelte Adressbezeichnung, nunmehr aufgeteilt: Das Bierdepot erhielt die Adresse Oserstraße 9 und die Ende der 1920er Jahre auf einem unbebauten Grundstück rechts neben der Kirche errichtete Steinbauervilla sollte später die Adresse Mitschastraße 7 erhalten. Beginnend in den 1880er Jahren eröffneten Brauereien in größeren Gasthäusern an verkehrstechnisch günstig gelegenen Orten sogenannte Bierdepots. Die Gasthäuser verfügten in der Regel über die benötigte Kühleinrichtung in Form von großen Eiskellern und wurden Vertriebspartner der Brauereien, bei denen die Gastwirte aus der Umgebung ihren Bierbedarf deckten. Der Flaschenbierverkauf an Privatpersonen sollte erst später eine, und bei Gesamtbetrachtung eher untergeordnete Rolle, spielen. Um die Jahrhundertwende beherbergten also einige Mistelbacher Gasthäuser (zB.: Gasthaus Massinger/Panzer (heute: „GH zur Linde“), Gasthaus Putz (heute: Schillingwirt), Gasthaus Schnass (heute: Spiel-/Schreibwaren Harrer), Gasthaus Kainz (heute: „Krone Restaurant“)) Bierdepots von böhmischen und Wiener Brauereien.9 Noch im Jahr 1904 informierte der Besitzer des Gasthauses Schnass („Zum goldenen Hirschen“, Hauptplatz Nr. 16), dass er zusätzlich zur der seit vielen Jahren innegehabten Vertretung der Liesinger Brauerei, nun auch jene der St. Marxer Brauerei übernommen habe.10 Doch bereits im Februar des darauffolgenden Jahres hatte die St. Marxer Brauerei ein eigenständiges Bierdepot, das zwar im Hof des Gasthauses „Zum Schwarzen Adler“ untergebracht war, aber von der Brauerei selbst mit eigenem Personal betrieben wurde, eröffnet.11 Der „Schwarze Adler“ befand sich an der Adresse Kaiser Franz Josef-Straße Nr. 17 (heute: HypoNÖ) und augenscheinlich nutzte man den hier vorhandenen großen Keller ins sogenannte „Schwarzbergl“ (Erhebung zwischen Franz Josef-Straße und Bahnzeile) als geräumiges und kühles Lager. Einen weiteren Vorteil bot die Tatsache, dass sich nebenan die Spedition Eybel befand und somit auch regelmäßige Lieferungen vom bzw. Retouren ins Wiener Stammhaus möglich waren.

Eröffnungsinserat im „Bote aus Mistelbach“ im Februar 1905Eröffnungsinserat im „Bote aus Mistelbach“ im Februar 1905

Als Leiter des Depots, zunächst am Standort Franz Josef-Straße und ab 1909 in der Oserstraße, scheint jedenfalls in den Jahren 1907 bis 1910 Heinrich Kosnapfl auf.12 Kosnapfl stammte aus Wien und war ein Cousin von Helene Mautner von Markhof, geb. Kosnapfl, der Gattin des Brauereibesitzers. Er war begeisterter Musiker und im gesellig-musikalischen Leben der Stadt sehr engagiert, und auch einige Jahre später, als er bereits in einer anderen Niederlassung in Wien wirkte, scheint sein Name gelegentlich bei Berichten über musikalische Veranstaltungen auf, sodass die Verbindung zu Mistelbach über die Zeit seiner beruflichen Tätigkeit hier augenscheinlich hinausging.

Als nun das neue Bierdepot der Brauerei St. Marx an der Adresse Oserstraße Nr. 9 im Jahre 1909 errichtet wurde, wäre wohl anzunehmen, dass damit die ursprüngliche Niederlassung an der Adresse Franz Josef-Straße Nr. 17 aufgegeben wurde. Allerdings scheint noch im Jahre 1913, als die Brauereien Simmering, St. Marx und Schwechat zu den „Vereinigten Brauereien – Schwechat, St. Marx, Simmering“ und somit die Braudynastien Meichl, Mautner-Markhof und Dreher vereint wurden, ein Hinweis in den Gewerbemeldungen im Amts-Blatt der k.k. Bezirkshauptmannschaft Mistelbach auf, der nahelegt, dass die Gewerbeberechtigung für den alten Standort bis zum Zeitpunkt der Fusion aktiv bestanden haben dürfte. Auch die Brauerei Schwechat (damals noch Klein-Schwechat) hatte bereits ab 1906 ein Bierdepot in Mistelbacher und zwar im Gasthaus „Zum goldenen Hirschen“ der Familie Schnass an der Adresse Hauptplatz Nr. 16 (heute: Harrer) eingerichtet.13 Schon bald nach der Fusion wurden die Brauereien St. Marx und Simmering geschlossen und ab Mitte der 1930er Jahre war die Familie Mautner-Markhof im Besitz der Aktienmehrheit und in weiterer Folge wurde der Name des Unternehmens auf Brauerei Schwechat AG geändert.

Bereits in den 1920er Jahren erfolgten kleinere Grundzukäufe und zahlreiche Aus- und Zubauten am Depot in der Oserstraße, von denen jene des Jahres 1929 die bedeutendsten und umfangreichsten waren: es wurde eine Wohnung für den Depotleiter errichtet (später sollte noch eine weitere Dienstwohnung für einen der Chauffeure hinzukommen), ein Holzlager, eine Garage, sowie die Vergrößerung und Modernisierung des Kühlraumes vorgenommen. Diese baulichen Veränderungen dokumentieren auch den technologischen Wandel der damaligen Zeit: statt Eiskellern (und dazugehörigen Eisteichen außerhalb der Stadt) erfolgte die Kühlung nun durch elektrische Kühlanlagen und statt den Pferdeställen wurden Garagen errichtet, weil die Lieferfahrten statt mit Pferd und Kutsche nunmehr mittels Lastkraftwagen erfolgten. Schon im Jahre 1918 wurde eine Zweigniederlassung des Mistelbacher Bierdepots in Ernstbrunn eingerichtet14 und in den 1930er Jahren folgte eine weitere Niederlassung in Drösing. 1927 übernahmen die Vereinigte Brauereien Simmering – Schwechat – St. Marx auch die Brauerei Hütteldorf, die im Jahr zuvor ein eigenes Bierlager in Mistelbach und zwar angrenzend an das Gasthaus bzw. Hotel Putz-Filippinetti (heute Gasthaus Schilling) erbaut hatte und diese modernen Kühlräume gehörten nunmehr ebenfalls zum Mistelbacher Bierdepot. In weiterer Folge, möglicherweise nach dem Ausbau der Kapazitäten im Haupthaus im Jahre 1929, dürfte das Gebäude an das Gasthaus Putz-Filippinetti verkauft worden sein.

Das Bierdepot der Hütteldorfer Brauerei (rote Markierung) auf einer Aufnahme aus der zweiten Hälfte der 1920er JahreDas Bierdepot der Hütteldorfer Brauerei (rote Markierung) unmittelbar neben dem Gasthaus Putz-Filippinetti auf einer Aufnahme aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre (bei einer hochaufgelösten Version des Bildes ist auch die Inschrift Brauerei Hütteldorf zu erkennen)

Während der kurzen aber heftig geführten Kampfhandlungen in Mistelbach im April des Jahres 1945 wurde auch das Schwechater Bierdepot beschädigt, doch konnten die Schäden bald behoben werden und durch die in den folgenden Jahren vorgenommenen Schließungen der Zweigniederlassung in Ernstbrunn, des Bierdepots in Zistersdorf und des ebenfalls zum Konzern gehörenden Bierdepots der Brauerei Nußdorf in Poysdorf wurde der Mistelbacher Standort bedeutend aufgewertet.15 Am 18. August 1953 ereignete sich nachts ein großer Brand im Mistelbacher Bierdepot, der durch einen Kurzschluss in der Elektrik eines Steyr LKWs in der Garage ausgelöst wurde. Die Feuerwehren von Mistelbach und Lanzendorf kämpften gegen die Flammen, doch wurden die Löscharbeiten durch Verschlammung des Bachbetts der Mistel, aus dem das Löschwasser herbeigeschafft werden sollte, erschwert. Auch der Tankwagen der Besatzungsmacht war im Einsatz und nach 45 Minuten konnte der Brand schließlich gelöscht werden.16 Die Garage, mehrere LKWs und rund 1000 Liter Bier wurden vom Feuer zerstört und der großteils durch Versicherung gedeckte Sachschaden belief sich auf 170.000 Schilling. Nachdem ein Neubau der Garagen notwendig war, wurde der Anlass genutzt das Gelände des Bierdepot durch Grundzukäufe (im wesentlichen der Garten des Hauses Mitschastraße Nr. 7, damals noch im Besitz von Dr. Gustav Steinbauer) bedeutend zu erweitern und 1954 wurde der Garagenzubau und eine eigene Leergutrampe im hinteren Teil des erweiterten Geländes errichtet.

 

Anfang 1950er Jahre: Den Transport von der Zentrale in Schwechat in die Mistelbacher Niederlassung besorgte die ebenfalls in der Oserstraße ansässige Spedition Niecham Anfang 1950er Jahre: Den Transport von der Zentrale in Schwechat in die Mistelbacher Niederlassung besorgte die ebenfalls in der Oserstraße ansässige Spedition Niecham

 

Die Verladerampe vor dem Kühlhaus (heute Gastraum und Terrasse des Lokals) noch ohne dem später errichteteten Flugdach, etwa Anfang der 1950er Jahre vor dem Grundstückszukauf und dem GaragenzubauDie Verladerampe vor dem Kühlhaus (heute Gastraum bzw. Terrasse des Lokals „Altes Depot“) noch ohne das später errichtete Flugdach, etwa Anfang der 1950er Jahre vor dem Grundstückszukauf und dem Garagenausbau

 

Die Belegschaft des Schwechater Bierdepots in Mistelbach im Jahre 1966Die Belegschaft des Schwechater Bierdepots in Mistelbach samt Fuhrpark im Jahre 1966 – in der Bildmitte Depotleiter Franz Dirr, weiters auf dem Bild: Franz Degen, Friedrich Rieder, Lambert Pernold, Othmar Höfling, Johann Pfarrhofer, Josef Mewald, Josef Renzhofer, Josef Traupmann und Karl Stuiber

 

Das Schwechater Bierdepot war beim Festzug aus Anlass 100 Jahre Stadterhebung, im Jahre 1974 mit einer traditionellen Bierkutsche vertretenDas Schwechater Bierdepot war beim Festzug anlässlich 100 Jahre Stadterhebung im Jahre 1974 mit einer traditionellen Bierkutsche vertreten

 

1990: Außenansicht nach bereits erfolgter Schließung des Bierdepots1990: Außenansicht nach bereits erfolgter Schließung des Bierdepots

Als Depotleiter konnten neben dem oben bereits erwähnten Heinrich Kosnapfl (1907-1910), noch folgende weitere Personen in Erfahrung gebracht werden: Andreas Teis (1920), August Riedel (mind. 1923-1924)17, Johann Langer (1924-mind. 1937)18, Vinzenz Chemlicek (um 1953)19 und Franz Dirr (1964-1975) – allesamt keine Mistelbacher. Nachdem die Brauerei Schwechat 1978 Teil des Brauunion-Konzerns wurde, hatten unternehmensinterne Umstrukturierungen zur Folge das Ende Jahres 1989 das Bierlager geschlossen wurde. Mit der Eröffnung des Lokals „Altes Depot“ am 4. Oktober 1991 in den Räumlichkeiten des Schwechater Bierdepots sorgt Reinhard Kruspel dafür, dass die Biertradition dieser Örtlichkeit auf andere Weise fortgeführt wird.

Bildnachweis:
-) Hotel/Gasthaus Putz: zVg von Herrn Fritz Petsch
-) Bierkutsche Festumzug 1974: Stadtmuseumsarchiv Mistelbach (zVg von Frau Gerlinde Zodtl)
-) Außenansicht Bierdepot nach der Schließung: Göstl-Archiv
-) sonstige Bilder: im Besitz von Herrn Reinhard Kruspel

Quellen:

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Grubenmühlstraße (Lanzendorf)

Entlang der Zaya existierten einst zahlreiche Mühlen und auf dem Gebiet der heutigen Großgemeinde Mistelbach befanden sich einige Getreidemühlen. Dazu zählte auch die Lanzendorfer Grubmühle die am Weg nach Ebendorf gelegen war und von der sich der heutige Name dieser Straße ableitet.

Westlich von Lanzendorf (vor der „Schiffermühle“) teilte sich die Zaya in zwei Flussarme: den Gießbach und den Mühlbach. Diese beiden nebeneinander verlaufenden Arme der Zaya vereinigten sich hinter der Ebendorfer Rohrmühle wieder in ein Bachbett, waren jedoch auf der Strecke des zweigeteilten Verlaufs immer wieder durch Kanäle miteinander verbunden. Heute verläuft die Zaya im Bachbett des einstigen Gießbachs und während der Mühlbach-Seitenarm im Gebiet der Katastralgemeinde Lanzendorf trockengelegt wurde, besteht dieser in Ebendorf bis heute und zweigt nunmehr unmittelbar nach der Misteleinmündung ab. Entlang dem heute nicht mehr existenten Lanzendorfer Teil des Mühlbachs, an der Adresse Grubenmühlstraße Nr. 29/31/31a-b (schräg vis-a-vis vom ehemaligen Gelände der Winzergenossenschaft), befand sich die Grubmühle.1 Die älteste urkundliche Erwähnung dieser Mühle findet sich in einem Urbar der Herrschaft Wilfersdorf und reicht zurück bis ins Jahr 1395. Aus einer Auflistung der Besitzer und Pächter der Grubmühle, erstellt von Hans Spreitzer, geht hervor, dass sich die Mühle auch immer wieder im Besitz von wohlhabenden Mistelbacher Bürgern befand und es dürfte sich um die „Hausmühle“ der liechtensteinischen Marktgemeinde Mistelbach gehandelt haben.2

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde ein Wirtshaus nahe der Mühle errichtet, schließlich galt es für die Kunden der Mühle häufig Wartezeiten zu überbrücken. Doch auch Prostitution soll hier ausgeübt worden sein, zumindest laut den Schilderungen eines in den 1980er Jahren erschienen Buches über die Weinviertler Mühlen.3 Eine Angabe konkreter Quellen zu diesem „Nebengewerbe“ fehlt zwar in der Publikation, allerdings tauchen Mühlen, wohl auch aufgrund ihrer meist abgeschiedenen Lage, bis in die Antike zurückreichend immer wieder als Orte auf in deren Umgebung Prostitution ausgeübt wurde und allgemein galt der Berufsstand der Müller in früherer Zeit oft als anrüchig und ehrlos.4 Laut Mitscha-Märheim gehörte das sogenannte „Öhrlwirtshaus“ oder „Lamplwirtshaus“ im Gegensatz zu anderen (jüngeren) Darstellungen zunächst nicht zur Mühle, sondern war vom damaligen Besitzer der Herrschaft Ebendorf 1726 erbaut worden.5 Auch Spreitzer erwähnt es in seinem Beitrag zur Mühle nicht und somit dürfte außer der Nachbarschaft und gemeinsamer Kundschaft zunächst keine weitere Verbindung zwischen Mühle und Wirtshaus bestanden haben. 1815 kam die Mühle in den Besitz der Zayamühlen-Dynastie Binder (ihr gehörten auch die nachfolgend gelegene Schloßmühle und Rohrmühle) und 1826 erwarb der Müllermeister Johann Binder auch das Wirtshaus, dass er verpachtete. Das Wirtshaus hatte sich im Laufe der Jahre jedoch zu einem Treffpunkt von Kriminellen entwickelt und hier wurde auch mit aus der Mühle gestohlenen Erzeugnissen gehandelt. Durch diese für Geschäft und Ruf abträgliche Entwicklung sah sich Binder genötigt das Wirtshaus (vermutlich in den 1840er Jahren) abzureißen. 1874 übernahm Rupert Fürnkranz, ein Vertreter der Asparner Müllerdynastie Fürnkranz, die Mühle und nachdem er sie bereits 1885 offenbar erfolglos zum Verkauf angeboten hatte6, erwarb 1887 der Ebendorfer Gutsbesitzer Dr. Josef Ritter Mitscha von Märheim die Grubmühle. Dieser Kauf scheint strategischer Natur gewesen zu sein, denn Mitscha von Märheim ließ den Mahlbetrieb wenig später einstellen. Schließlich war er bereits zuvor in den Besitz der Schloßmühle gelangt und durch die Stilllegung der Grubmühle konnte ein Konkurrenzbetrieb in unmittelbarer Umgebung ausgeschalten werden und durch den Erwerb des mit der vorgelagerten Mühle verbundenen Wasserrechts war auch eine bessere Nutzung der Wasserkraft in der Schloßmühle möglich.

Der nunmehr Grubenhof genannte Gebäudekomplex wurde fortan zur Unterbringung von Saisonarbeitskräften der Gutsverwaltung des Schlosses Ebendorf genutzt und war zuletzt dem Verfall preisgegeben. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts dürfte das Mühlgebäude schließlich abgetragen worden sein und auf dem Gelände wurden später zwei Einfamilienhäuser errichtet. Übrig blieb als einziger Teil des Mühlensembles ein altes rückwärtig gelegenes einstöckiges Wohnhaus, dass jedoch in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre der Errichtung einer Wohnhausanlage weichen musste.

Zur Mühle gehörten einst Wohn- und Wirtschaftsgebäude (Stadel, Ställe, Keller), ein Teich und mehrere in einem Haus untergebrachte Fischtanks, Gärten, Wiesen und Äcker.7 Fotos der Grubmühle sind nicht überliefert, nachfolgend daher eine Darstellung der Grubmühle und der dazugehörigen Anlagen auf dem franzeischen Kataster aus dem Jahre 1821:

Auf der obenstehenden Abbildung sind der u-förmige Mühlhof (Nr. 1), das bis vor kurzem bestandene Wohngebäude (Nr. 2), die Gärten (Nr. 3) und der Teich (Nr. 4) zu erkennen. Die letztgenannten Einrichtungen (2-4) befanden sich auf einer Art Insel, da der rechte Seitenarm der Zaya knapp 200 Meter oberhalb der Grubmühle nochmals geteilt wurde. Der untere gerade und künstlich angelegte Bachlauf führte unter der Mühle hindurch und trieb das Mühlrad an, während der obere eigentliche, natürliche Bachlauf als Umlaufgerinne diente. Da das oben erwähnte Wirtshaus auf dieser Darstellung nicht erkennbar ist, stellt sich die Frage, ob dieses zuletzt vielleicht in den Gebäudekomplex des Mühlhofes integriert war.

Der Weg zwischen Lanzendorf und Ebendorf hatte abgesehen von der Verbindung dieser beiden Orte keine übergeordnete verkehrstechnische Bedeutung und war daher bis Ende des 19. Jahrhunderts kaum ausgebaut. Somit war die Grubmühle insbesondere mit Fuhrwerk einst nur von Lanzendorf aus erreichbar. Vor der Errichtung der Ebendorfer Schule besuchten die Ebendorfer Kinder die Schule in Lanzendorf und der schlechte Zustand dieses als Feldweges, der aufgrund der nahegelegenen Au oft sumpfig war und von dem man insbesondere im Winter leicht abkommen konnte, war ein Grund für die Errichtung einer eigenen Schule. Nachdem Mitscha von Märheim die Ebendorfer Schule 1880 auf eigene Kosten errichtet hatte, ließ er schließlich 1886 den Weg nach Lanzendorf befahrbar ausbauen und wandelte die umliegende Au in eine Parkanlage mit mehreren Teichen um.8 Obzwar die namensstiftende Mühle stets „Grubmühl“ hieß, wurde im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Lanzendorf der an ihrem einstigen Standort vorbeiführende Verbindungsstraße nach Ebendorf mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 27. Juni 1979 der Name „Grubenmühlstraße“ gegeben.9

Wo befindet sich die Grubenmühlstraße?

 

Quellen:

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Der „Rubensdiebstahl“ von Mistelbach

„Der Rubens von Mistelbach geraubt“ lautete eine Überschrift in der katholisch-konservativen Tageszeitung Reichspost vom 30. September 1922 und auch andere Blätter berichteten Ende September/Anfang Oktober 1922 zumindest in Randnotizen über den Diebstahl eines Gemäldes des Heiligen Sebastian aus der Mistelbacher Pfarrkirche.1 Dabei soll es sich um ein Werk des flämischen Meisters Peter Paul Rubens oder zumindest eines seiner frühen Schüler gehandelt haben. Die Einschätzung, dass es sich um ein Werk Rubens gehandelt habe basiert auf einer Notiz in der Pfarrchronik aus dem Jahr 1852 die vom damaligen Barnabiten-Propst Don Anton Maria Pfeiffer stammt. Pfeiffer soll ein Kunstkenner gewesen sein und die Eintragung steht in Zusammenhang mit der in diesem Jahr erfolgten Neugestaltung der Sebastianikapelle (Seitenaltar im linken Kirchenschiff) und bei dem gegenständlichen Kunstwerk handelte es sich um das Altarbild dieser Kapelle. 1914 wurde die Sebastianikapelle abermals renoviert und der akad. Maler Prof. Josef Reich wurde mit der Restaurierung des Gemäldes des hl. Sebastians betraut. Laut seiner fachkundigen Einschätzung soll es sich bei dem Bild hingegen um ein Werk von Tizian, Rubens großem Vorbild, gehandelt haben.2 Somit bleibt die Urheberschaft des Werks ungeklärt. Faktum ist allerdings, dass es sich um ein Werk von außergewöhnlichem künstlerischen (und damit wohl auch finanziellem) Wert gehandelt haben dürfte. Wie und wann das Bild in den Besitz der Pfarre kam, dazu ist nichts überliefert. Der namentlich nicht genannte Autor des oben bereits erwähnten Reichspost-Artikels vermutete eine Stiftung durch die Fürstenfamilie Liechtenstein und konstruierte auch eine Verbindung mit der einst dem heiligen Sebastian geweiht gewesenen Gruftkapelle, die bis 1784 zwischen der Pfarrkirche und der Katharinenkapelle (Karner) stand. Die Gruftkapelle, die unter der vermutlich ursprünglichen, im romanischen Stile erbauten, Pfarrkirche lag, war dem heiligen Sebastian geweiht, und erlangte Mitte des 18. Jahrhunderts als Ziel von Wallfahrten aufgrund einer wundertätigen Marienstatue unter dem Namen „Maria in der Gstetten“ (oder auch Maria in der Gruft) letztmalig Ruhm ehe sie den Reformen von Kaiser Josef II. zum Opfer fiel und abgetragen wurde. Ob das Bild einst tatsächlich in der Gruftkapelle hing bzw. ein Zusammenhang mit dem ebenfalls Ende des 15. Jahrhunderts vom Mistelbacher Marktrichter Schrembs gestifteten und für einige Jahrhunderte bestehenden Sebastiani-Benefizium existierte, kann nicht mehr geklärt werden.3

Der Diebstahl dürfte sich am Sonntag, den 17. September 1922, und zwar in den Nachmittagsstunden bzw. der Nacht dieses Tages ereignet haben. Es wurde vermutet, dass der oder die Täter sich versteckt in der Kirche einsperren ließen, um so ihre Missetat ungestört begehen zu können. Mit einem Messer wurde das Bild aus dem Rahmen geschnitten, wobei zunächst offenbar versucht wurde das gesamte Bild aus dem Rahmen zu schneiden, letztlich beschränkten die Kunstdiebe sich dann jedoch auf die Abbildung des Heiligen und ein an den Ecken abgerundeter Abschnitt im oberen Bereich des Bildes blieb im Rahmen zurück. Darauf ist ein Engel zu sehen der dem Heiligen Kranz und Palmzweig – zwei ikonographische Attribute von Märtyrern – überreichte.

Der klägliche Rest vom „Mistelbacher Rubens-Bild“Der klägliche Rest vom „Mistelbacher Rubens-Bild“

Die Täter entkamen schließlich mithilfe einer in der Kirche befindlichen Leiter auf die Kanzel und gelangten von hier durch das Aufbrechen einer  Türe in den Kirchenturm. Im Zuge des Messeläutens am nächsten Morgen entkamen sie offenbar unentdeckt ins Freie.4 Aufgrund der versteckten Lage in einem Seitenaltar wurde der Diebstahl erst eine Woche später durch Kirchenbesucher bemerkt und dies erklärt auch die Verzögerung mit der diese Nachricht in die Zeitungen gelangte. Den Tätern wird Fachkenntnis attestiert, da sie sich ganz gezielt diesem etwas versteckten, und auf den ersten Blick eher unscheinbaren Gemälde widmeten und andere wertvolle Gegenstände in der Kirche unberührt ließen. Aus diesem Grund wurde auch gemutmaßt, dass es sich um organisierten Kunstraub mit Verbindungen in den Kunsthandel gehandelt haben könnte.

Die Tat konnte nie aufgeklärt werden, und ebenso wie die Urheberschaft des Werks bleibt auch die Frage weshalb der oder die Täter letztlich nicht das gesamte Bild aus dem Rahmen schnitten bis heute unbeantwortet.

Zwecks Veranschaulichung, nachfolgend Darstellungen des heiligen Sebastian von den beiden oben erwähnten Meistern in bedeutenden Kunstsammlungen:

wikipedia/wiki-commons (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sebastian-rubens.jpg)Peter Paul Rubens: St. Sebastian (Gemäldegalerie Berlin)

 

Tizian: St. Sebastian (Eremitage St. Petersburg)

Bildnachweis:
Rest des „Mistelbacher Rubens“: zur Verfügung gestellt von Frau Christa Jakob
wikipedia/wiki-commons (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sebastian-rubens.jpg)
wikipedia/wiki-commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Titian_sebastian.jpg)

Quellen:

 

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Wedragasse (Eibesthal)

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Eibesthal beschloss der Mistelbacher Gemeinderat mit Beschluss vom 18. März 1983 die zur ehemaligen Wedra-Villa führende Zufahrtsstraße nach deren einstigen Besitzer Rudolf Wedra – Eibesthaler Oberlehrer, Begründer der Passionsspiele und später Reichsratsabgeordneter – zu benennen.

Wo befindet sich die Wedragasse?

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Brunauer-Dabernig, Dr. Anton

Erzbischöflicher Konsistorialrat Dr. Anton Brunauer-Dabernig

* 21.4.1891, Lochen (Bezirk Braunau)Dr. Anton Brunauer-Dabernig Ende der 1960er Jahre
† 8.4.1973, Eibesthal

Anton Brunauer-Dabernig wurde als Sohn des Kaufmanns und Uhrmachers Anton Braunauer-Dabernig senior und dessen Gattin Elisabeth, geb. Stadler, in Lochen im oberösterreichischen Innviertel geboren.1 Der Doppelname stammt von seinem Vater, der als uneheliches Kind geboren wurde und später wurde dem Nachnamen der ledigen Mutter der Name seines Adoptivvaters vorangestellt. Beim Gebrauch des Namens schwankte sein Sohn je nach Kontext und Zeit zwischen der vollständigen Form und der Kurzvariante „Brunauer“. Um Verwirrungen zu vermeiden wird in diesem Beitrag stets der vollständige Name verwendet. Im Alter von zwölf Jahren verlor er seinen Vater der schon seit längerer Zeit an Tuberkulose litt.2 Der Tod des Ernährers der Familie bedeutete zweifellos eine schwierige wirtschaftliche Lage für die hinterbliebene Witwe, die bald darauf das Haus der Familie verkaufte, um für sich, ihren Sohn Anton und dessen fünf jüngere Schwestern das Auslangen zu finden. Mit Beginn des Schuljahres 1904/05, also im Alter von bereits 13 Jahren, trat Brunauer-Dabernig als Zögling in das Knabenseminar Kollegium Petrinum in Linz-Urfahr ein und besuchte das dort bestehende bischöfliche Privatgymnasium.3 Nach dem Absolvieren der acht Jahrgänge dieser Schule legte er hier Anfang Juli 1912 die Reifeprüfung erfolgreich ab4 und trat im Anschluss daran in den „Franziskaner“-Orden (Orden der minderen Brüder) ein.5

Er wählte den Ordensnamen „Bernardin“, zog in das Haus des Ordens in Salzburg und studierte an der dortigen theologischen Fakultät aus der knapp 50 Jahre später die Universität Salzburg hervorgehen sollte. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Theologiestudiums empfing Brunauer-Dabernig am 3. September 1916 in Salzburg das Sakrament der Priesterweihe und feierte fünf Tage später die Primiz in seinem Heimatort Lochen.6 Als Geistlicher war er vom Militärdienst im damals herrschenden Ersten Weltkrieg befreit, und ab dem Sommer 1918 scheint er im Innsbrucker Ordenskloster als Lehramtskandidat auf und schloss ein entsprechendes Studium an der Innsbrucker Universität im Jahre 1923 mit der Promotion zum Dr.phil. ab.7 Auch in Rom soll Brunauer-Dabernig einige Zeit wissenschaftlich gearbeitet haben, allerdings sind die Quellen hierzu uneindeutig. Laut einem Nachruf in der Wiener Kirchenzeitung soll er in Rom auch studiert haben8, anderen Angaben zufolge einige Zeit an einem vatikanischen Institut tätig gewesen sein9. Sofern diese Informationen zutreffend sind, dürfte dies zeitlich in die Zeit seines Doktoratstudiums zu verorten sein. Nach dem Abschluss seiner Studien blieb er bis etwa 1925 in Innsbruck, wobei er immer wieder verschiedene Aufgaben im Gebiet der Ordensprovinz (Tirol-Salzburg), bspw. in der Volksmission, übernahm.10 Nach seiner Rückkehr in die Stadt Salzburg ab etwa 1925 wirkte Brunauer-Dabernig in der Arbeiterseelsorge, als Diözesan-Präses der Kolping-Familie und als Lektor an der theologischen Fakultät und er wurde als begabter Prediger auch über die Grenzen seiner Ordensprovinz hinaus geschätzt.11

Anfang des Jahres 1928 wurde Dr. Brunauer-Dabernig von Kardinal Piffl zum Generaldirektor des „Katholischen Schulvereins für Österreich“ und damit nach Wien berufen.12 Zweck dieser Organisation war es Einfluss auf die Schulpolitik im Sinne der Kirche zu nehmen und außerdem fungierte der Verein als Trägergesellschaft katholischer Privatschulen. Er lebte fortan im Konvent des Ordens am Franziskanerplatz in der Wiener Innenstadt13 und wurde 1930 auch als Notar an das erzbischöfliche Diözesangericht berufen.14 Im November des Jahres 1931 erkrankte er schwer und musste sich mehreren Operationen an Blinddarm und Galle unterziehen15, doch Brunauer-Dabernig, der am Krankenbett auch vom Kardinal besucht wurde16, erholte sich bald darauf wieder.

Im Herbst des Jahres 1934 trat Dr. Brunauer-Dabernig aus nicht überlieferten Gründen nach mehr als 20 Jahren aus dem Franziskaner-Orden aus und wurde nunmehr als Weltgeistlicher in die Erzdiözese Wien aufgenommen.17 Er bekleidete weiterhin das Amt des Generaldirektors des katholischen Schulvereins bis dessen Aufgaben im Frühjahr des Jahres 1936 auf andere Organisationen übertragen wurden und der Verein seine Tätigkeit einstellte.18 Im Anschluss wurde Dr. Brunauer-Dabernig für wenige Wochen als Kooperator in die Pfarre Pillichsdorf entsandt19, bevor er in selber Funktion in die Pfarre St. Johann von Nepomuk in Wien-Leopoldstadt wechselte.20 Mit 1. Juli 1939 wurde er zum Lokalprovisor in Eibesthal berufen21 und mit 1. Februar 1940 schließlich zum Pfarrer von Eibesthal investiert22. Noch 1937 scheint er weiterhin als Notar, zuletzt mit dem Titel eines erzbischöflichen Gerichtsrats, beim Diözesangericht auf, doch wohl spätestens mit dem Wechsel nach Eibesthal dürfte diese Tätigkeit geendet haben.23

Schwere Not brachten die Kriegstage im April des Jahres 1945 mit sich als heftige Kämpfe in und um Eibesthal wüteten. Es gelang Pfarrer Brunauer-Dabernig gerade noch rechtzeitig das Allerheiligste aus der Pfarrkirche zu retten, ehe diese schwer durch den Beschuss von Stalinorgeln getroffen wurde und später völlig ausbrannte bzw. einstürzte (siehe hierzu den Beitrag Alte Pfarrkirche von Eibesthal). Mutig nahm er in dieser Zeit seine Pflichten als Seelsorger wahr und leistete sterbenden Soldaten Beistand, spendete den Verzweifelten und Verängstigten Trost und setzte sich in der Folge auch gegen die Gewalt und Willkür der sowjetischen Truppen gegenüber der Bevölkerung ein.24

1967: Dr. Brunauer-Dabernig (Bildmitte) bei der Weihe des Eibesthaler Heimkehrerdenkmals1967: Dr. Brunauer-Dabernig (Bildmitte) bei der Weihe des Eibesthaler Heimkehrerdenkmals

Im Zuge der Kämpfe um Eibesthal im Frühjahr 1945 spendete Dr. Brunauer-Dabernig einem sterbenden italienischen Soldaten das Sterbesakrament und die von ihm getragene  Stola wurde dabei mit dem Blut des Soldaten getränkt. Er bewahrte diese zur Erinnerung an die Schrecken des Krieges auf und trug sie bei der obenstehend abgebildeten Einweihung des Gedenksteins der Heimkehrer aus den beiden Weltkriegen im Jahre 1967.25

Nachdem wie bereits oben erwähnt die Eibesthaler Pfarrkirche im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde, bedeutete der Wiederaufbau des Pfarrlebens in Ermangelung eines Gotteshauses natürlich eine besondere Herausforderung und verschiedene Räumlichkeiten mussten als Übergangslösungen dienen. Demgemäß wurde der Neubau der Pfarrkirche bald in Angriff genommen und während der gebürtige Eibesthaler Prälat Fried der große Gönner, Förderer und Initiator des Kirchenneubaus war, war Dr. Brunauer-Dabernig der stille Arbeiter und Organisator dieses gewaltigen Projekts, dass nach einiger Verzögerung aufgrund von Baustoffmangel schließlich im Jahre 1951 fesrtiggestellt konnte.26

In den 1950er und 1960er Jahren bekleidete er auf Ebene des Dekanats Wilfersdorf das Amt des Dekanatskämmerers und unterstützte in dieser Funktion den Dechant bei der kirchlichen Vermögensverwaltung.27 Für sein langjähriges Wirken und seine Verdienste um die Gemeinde wurde Dr. Brunauer-Dabernig mit Beschluss des Eibesthaler Gemeinderats vom 1. September 1951 zum Ehrenbürger ernannt.28 Dass die Gemeinden früher nicht immer den Überblick über die von Ihnen vergebenen Ehrungen hatten, zeigt ein Gemeinderatsbeschluss vom 7. September 1971 der Dr. Brunauer-Dabernig aus Anlass seines bevorstehenden 80. Geburtstags die Ehrenbürgerschaft verlieh, vorbehaltlich dessen, dass ihm selbiges nicht schon bereits verliehen worden war.29 Auch mit zahlreichen kirchlichen Ehrentiteln wurden Brunauer-Dabernigs Verdienste gewürdigt: so dürfte er früh (bereits während seiner Zeit in Wien) zum Ehrenkanonikus ernannt worden sein und 1966 wurde ihm für das nach 1945 aufgebaute und als mustergültig geltende aktive Pfarrleben in Eibesthal seitens der Diözese der Titel eines erzbischöflichen Konsistorialrates verliehen.30

1971: Pfarrer Dr. Brunauer-Dabernig gratuliert Bürgermeister Josef Strobl zu dessen 50. Geburtstag1971: Pfarrer Dr. Brunauer-Dabernig gratuliert Bürgermeister Josef Strobl zu dessen 50. Geburtstag

Dr. Brunauer-Dabernig war begeisterter Sammler (Briefmarken, Flaschen und Bücher) und auch das Holzschnitzen zählte zu seinen Leidenschaften. An der Fassade des Pfarrkellers ist heute noch eine von ihm geschnitzte Marienstatute zu sehen und auch Brautpaaren die er traute, schenkte er solche von ihm geschaffenen Statuen.31
Bis zu seinem Tod, und damit knapp 44 Jahre lang, wirkte er trotzdem er schon seit einiger Zeit unter gesundheitlichen Problemen litt unermüdlich als Pfarrer von Eibesthal, und prägte den Ort und dessen Bevölkerung nicht nur durch die den Neubau der Pfarrkirche nachhaltig.32 Die letzten Wochen bereits schwer leidend verstarb Dr. Anton Brunauer-Dabernig um die Mittagszeit des 8. April 1973 im 82. Lebensjahr und wurde am 12. April im Priestergrab auf dem Eibesthaler Friedhof unter großer Anteilnahme – es dürfte eine der größten Beerdigungen in der Geschichte von Eibesthal gewesen sein – beigesetzt.

1973: Dr. Brunauer-Dabernigs sterbliche Überreste auf dem Weg zur Beisetzung im Priestergrab auf dem Eibesthaler Friedhof1973: Dr. Brunauer-Dabernigs sterbliche Überreste auf dem Weg zur Beisetzung im Priestergrab auf dem Eibesthaler Friedhof

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Eibesthal fasste der Mistelbacher Gemeinderat am 18. März 1983 den Beschluss einer neben der von ihm geschaffenen Eibesthaler Pfarrkirche verlaufenden Gasse den Namen (Dr.-)Brunauer-Gasse zu geben.

 

Wo befindet sich die Dr.-Brunauer-Gasse?

 

Bildnachweise:
sämtliche Fotos: Wilhelm Mliko – Stadtmuseumsarchiv Mistelbach

Quellen:

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Roller, Felix

Gemeinderat Ökonomierat Felix Roller

* 18.6.1871, MistelbachFelix Roller im Jahre 1905
† 8.8.1957, Mistelbach

Felix Roller wurde als Sohn des Webermeisters Felix Roller sen. und dessen Gattin Franziska, geb. Brožek, in Mistelbach geboren.1 Seine Eltern stammten aus Böhmen und sein Vater hatte sich 1852 als Webermeister in Ebendorf niedergelassen. 1857 erwarb Roller senior das Haus Hauptplatz Nr. 9 und verlegte Wohnsitz und Betrieb an diese Adresse.2 Vorausblickend dürfte er die Entwicklungen in der Handweberei, die sich durch die zunehmende Industrialisierung im Niedergang befand, erkannt haben und diversifizierte seine Geschäftstätigkeit indem er 1875 zusätzlich in den Weinhandel einstieg. Als Felix Roller elf Jahre alt war, verlor er seine Mutter, die an Komplikationen bei der Geburt seines jüngsten Bruders Franz verstarb, und gemeinsam mit seinen älteren Geschwistern kümmerte er sich um die jüngeren Geschwister und insbesondere die Betreuung und Erziehung des jüngsten Bruders bewerkstelligten die Geschwister gemeinsam. Zusammen mit drei Brüdern und drei Schwestern, unter denen es allerdings große Altersunterschiede gab, wuchs er in Mistelbach auf und erlernte später das Weberhandwerk im väterlichen Betrieb. Als er das Familienunternehmen bestehend aus Weberei und Weinhandel 1895 übernahm, dürfte letzterer bereits die wesentlich bedeutendere Rolle gespielt haben. Nichtsdestotrotz wird er in den Taufbucheinträgen seiner Töchter, zuletzt im Jahr 1900, als Webermeister angeführt.3 Bald darauf dürfte er den Geschäftszweig der handwerklichen Weberei, dessen ganze Branche bereits im Verschwinden begriffen war, an den in Mistelbach ansässigen Tuchmachermeister Emanuel Kallina verkauft haben, denn bereits im Österreichischen Zentralkataster sämtlicher Handels-, Industrie- und Gewerbebetriebe des Jahres 1903 (bzw. 1908) scheint dieser als einziger Weber in Mistelbach auf und Roller wird ausschließlich als Weinhändler erwähnt.4

Am 15. September 1895 heiratete er die Landwirtstochter Maria Trestler (1876-1941) in Mistelbach und dieser Ehe entstammten zwei Töchter.5

Die Familie Roller (Felix Roller samt Gattin Marie und den Töchtern Therese und Maria Hilda) in den ihr gehörigen Weingärten oberhalb der Liechtensteinstraße (etwa im Bereich des heutigen Krankenhauszubaus)Die Familie Roller (Felix Roller samt Gattin Marie und den Töchtern Therese und Maria) in den ihr gehörigen Weingärten oberhalb der Liechtensteinstraße (etwa im Bereich des heutigen Krankenhauszubaus)

Die weitläufigen Weingärten der Familie Roller am Kirchenberg wurden um 1910 sogar auf Ansichtskarten verewigt.Die weitläufigen Weingärten der Familie Roller am Kirchenberg wurden um 1910 sogar auf Ansichtskarten verewigt.

Das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Roller an der Adresse Hauptplatz Nr. 9 (heute: Schuhhaus Artner) etwa 1938/39 während einer NS-FeierDas Wohn- und Geschäftshaus der Familie Roller an der Adresse Hauptplatz Nr. 9 (heute: Schuhhaus Artner) etwa 1938/39 während einer NS-Feier

Nachdem schon Rollers Vater dem Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) im Zeitraum 1888 bis 1894 angehörte, wurde auch Roller selbst im Jahre 1900 als Gemeindebeirat („einfaches“ Mitglied des Gemeindeausschusses) in den Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) gewählt.6 In der Zeit vor der Republiksgründung wurden bei Wahlen stets Personen gewählt und nicht etwa Parteilisten, sodass Parteien im heutigen Verständnis insbesondere auf Gemeindeebene eine eher untergeordnete Rolle spielten. Eine gesonderte Kandidatur war nicht notwendig, denn wer die damals im Wesentlichen an die Steuerleistung anknüpfende Voraussetzung für das aktive Wahlrecht erfüllte, konnte auch gewählt werden – ja musste so dies geschah die Wahl auch tatsächlich annehmen, sofern nicht Ausnahmegründe geltend gemacht werden konnten. Nichtsdestotrotz wirkten die großen politischen Strömungen auch bis auf die Ebene der Gemeindepolitik hinein und Wahlwerber mit ähnlichen ideologischen Ansichten und politischen Zielsetzungen bildeten mehr oder minder lose Zusammenschlüsse zum Zwecke gemeinsamer Wahlwerbung. Felix Roller gehörte zu den Deutsch-Nationalen, die damals mit Thomas Freund bereits seit zwei Jahren den Mistelbacher Bürgermeister stellten und sich auch bei der Wahl im Jahre 1900 gegen die Christlich-Sozialen und Liberalen mehrheitlich durchsetzen konnten.

Mit der Einführung des 4. Wahlkörpers in bestimmten, größeren Gemeinden in Niederösterreich vor der Gemeindeausschusswahl des Jahres 1905, wurde das (jedoch nach wie vor ungleiche) Wahlrecht nun auf weite Teile der männlichen Bevölkerung und somit auch auf die Arbeiterschaft ausgedehnt. Als Reaktion darauf traten in Mistelbach die deutsch-nationalen und christlich-sozialen Kandidaten als „Vereinigte Bürgerpartei“ gemeinsam auf, um beim erstmaligen Antreten von sozialdemokratischen Kandidaten kein Risiko einzugehen, und deren Einzug in den Gemeindeausschuss konnte ebenso wie jener der Liberalen erfolgreich verhindert werden. Als Vertreter der „Bürgerpartei“, die nach dem damaligen Bürgermeister auch „Freundpartei“ genannt wurde, wurde Roller nach dieser Wahl in den Gemeindevorstand gewählt und war als Gemeinderat (= heutiger Stadtrat) für die Leitung der für Schule und Unterricht zuständigen Sektion (=Ausschuss) verantwortlich.7 Darüber hinaus war er als Gemeindekämmerer bei der Haushaltsplanung involviert und bekleidete das Amt des Marktkommissärs, der seitens des Gemeindeausschusses auf die Einhaltung der Marktordnung während der Jahr- und Wochenmärkte zu achten hatte.8 Das Zweckbündnis zwischen Deutsch-Nationalen und Christlich-Sozialen bekam schon bei der Landtagswahl 1908 deutliche Risse und bei der Reichsratswahl 1911  bekämpften die beiden politischen Lager einander äußerst heftig. Die Deutsch-Freiheitlichen (die zu dieser Zeit in Mistelbach vorherrschende Strömung in der damals wie heute chronisch zersplitterten Deutsch-Nationalen-Bewegung) obsiegten nicht nur bei der Reichsratswahl mit ihrem Kandidaten Rudolf Wedra, sondern triumphierten auch bei der im selben Jahr abgehaltenen Gemeindeausschuss-Ergänzungswahl, bei der sie unter dem Namen „Wirtschafspartei“ antraten. Deren Kandidat Roller konnte nach Josef Dunkl, dem neugewählten Bürgermeister, die meisten Wählerstimmen auf sich vereinigen und wurde somit klar wiedergewählt.9 Auf Grund einer letztlich abgewiesenen Wahlanfechtung konnte die Konstituierung des Gemeindeausschusses erst mit zweimonatiger Verzögerung erfolgen, aber Anfang Dezember 1911 wurde Roller schließlich erneut in den Gemeindevorstand gewählt und leitete als Obmann fortan die Sektion (=Ausschuss) für Unterrichts-, Humanitäts- und Armenanstalten.10 Nachdem sich die Sparkasse Mistelbach im Eigentum der Stadt befand, war auch deren Leitung eng mit der politischen Führung der Gemeinde verknüpft und die Leitungsgremien wurden vom Gemeindeausschuss beschickt. Im Dezember 1911 wurde Roller in den Sparkassenausschuss entsandt und bei dessen konstituierender Sitzung auch in der Funktion des Kanzleivorstands in das fünfköpfige Direktorium dieser Institution gewählt.11 Turnusgemäß abzuhaltende Wahlen für alle Gebietskörperschaften fanden während des Ersten Weltkriegs nicht statt, doch als die sechsjährige Amtszeit des Sparkassenausschusses im Dezember des Jahres 1917 endete, kam es zu großen Unstimmigkeiten zwischen den Mitgliedern des Gemeindeausschusses betreffend die Neuwahl des Sparkassenausschusses und Roller, der zwar mit einer Stimme Mehrheit wiedergewählt wurde, verzichtete schließlich auf die Annahme dieses Amt.12

Zunächst waren die Mitglieder des Gemeindevorstandes (damals als Gemeinderäte bezeichnet = heutige Stadträte) von der Kriegsdienstleistung im Ersten Weltkrieg befreit, doch aufgrund der Fortdauer des Krieges und der damit einhergehenden Verluste wurden diese Ausnahmeregelungen sukzessive aufgehoben. 1915 wurde auch der Mistelbacher Bürgermeister und die Gemeinderäte gemustert und da Roller als tauglich befunden wurde und sein Enthebungsgesuch – zunächst – abgelehnt wurde, musste er zu Beginn des Jahres 1916 einrücken.13 Tatsächlich konnte er sich wenig später – wohl noch während der Ausbildungsphase – dem Militärdienst entziehen, ebenso wie auch der Rest des Gemeindevorstandes eine Einrückung trotz Tauglichkeit verhindern konnte. Diese Tatsache ist dadurch belegt, dass Roller (und seine Amtskollegen inkl. dem Bürgermeister) bei den bis Kriegsende folgenden Gemeindeausschusssitzungen stets als anwesend angeführt wurden. Nachdem Roller seit 1900 dem Gemeindeausschuss und seit 1905 als Gemeinderat dem Gemeindevorstand angehört hatte, legte er im Dezember 1918 seine Funktion als Gemeinderat zurück und im Februar 1919 schließlich sein Mandat im Gemeindeausschuss nieder.14 Hintergrund dieses Verzichts war ein Beschluss des Staatsrates der eben aus der Taufe gehobenen Republik, der vorsah, dass bereits vor den erst 1919 stattfindenden ersten allgemeinen und gleichen Wahlen Arbeitervertreter entsprechend ihrem Anteil an der Gemeindebevölkerung in Städten und Industrieorten in die Gemeindeausschüsse aufzunehmen waren, und es somit notwendig war Mandate „freizumachen“.15

Nach dem Ausscheiden aus seinen Funktionen im öffentlichen Leben konnte sich Roller voll und ganz auf seinen Betrieb konzentrieren und trotz der zunächst schwierigen Nachkriegsjahre konnte er rasch wieder an den Erfolg aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg anknüpfen und sein Betrieb avancierte zum Weingroßhandel. Schon vor dem Krieg exportierte Roller Weine in viele Landesteile Österreich-Ungarns und auch ins Deutsche Reich und später konnte er an diese Exporterfolge nunmehr in den Nachfolgestaaten der Monarchie (zB Ungarn und Jugoslawien) anknüpfen. Von seinem großen wirtschaftlichen Erfolg zeugt auch die Tatsache, dass Roller ab den 1920er Jahren sukzessive alle verfügbaren Kellerflächen der Stadt anmietete bzw. ankaufte, darunter auch den großen Klosterkeller, und somit verfügte er in der Spitze über mehr als 600.000 Liter Lagerkapazität. Schon 1903 ließ Roller einen großen Keller („Presshauskeller“) in der Franz Josef-Straße Nr. 51 erbauen, der alleine rund 190.000 Liter Fassungsvermögen bot, und beim Anlegen einer für den Bau benötigten Kalkgrube wurde ein sensationeller archäologischer Siedlungsfund aus der mittleren Bronzezeit (1500 – 1300 v. Chr.) freigelegt, der in der Fachkreisen seither als „Rollerfund“ bekannt ist.16

Der von Roller Anfang des 20. Jahrhunderts in der Franz Josef-Straße errichtete große Weinkeller bei der Anlieferung eines neuen Fasses im Jahre 1925Der von Roller Anfang des 20. Jahrhunderts in der Franz Josef-Straße errichtete große Weinkeller bei der Anlieferung eines neuen Fasses im Jahre 1925. Die vor dem Fass abgebildeten Fassbinder mussten selbiges zerlegen und im Keller neu zusammensetzen.

ca. 1910: Roller im Kreise seiner Kellereiarbeiter im Hof des Kellers in der Franz Josef-Straße Nr. 51ca. 1910: Roller im Kreise seiner Mitarbeiter im Hof des Kellers in der Franz Josef-Straße Nr. 51

Roller war jedoch nicht nur Weinhändler, sondern auch selbst Landwirt und Weinbauer und als solcher gehörte er 1898 auch zu den Gründern der landwirtschaftlichen Genossenschaft Mistelbach, die im Jahr darauf ihr Lagerhaus am heutigen Standort eröffnete.  1917 hatten er und seine Gattin den Minichhof, einen landwirtschaftlichen Gutshof in der Gemeinde Haidershofen (Bez. Amstetten) nahe der Grenze zwischen Nieder- und Oberösterreich, erworben und bauten diesen zu einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus.17 Roller wurde aufgrund seiner Unterstützung der Gemeinde und Pfarre, unter anderem wohl beim Anschluss der Gemeinde an das Telefonnetz Mitte der 1920er, zum Ehrenbürger der Gemeinde Haidershofen ernannt.18 1951 veräußerte er diesen Besitz wieder. Im Jahre 1922 gründete er mit seinem Bruder Franz auch eine Firma zum Handel mit Brenn-, Schnitt- und Bauholz, wobei allerdings unklar ist, ob und wie lange dieses Unternehmen aktiv war.19 Im Sommer des Jahres 1935 wurde Roller, der auch in verschiedenen berufsständischen Fachgremien und -kommissionen tätig war, der Berufstitel Ökonomierat verliehen.

Oekonomierat Felix Roller im Jahre 1935Ökonomierat Felix Roller im Jahre 1935

Nachdem Rollers Gattin 1942 verstorben war, sollten ihn im April 1945 als der Zweite Weltkrieg kurz aber grausam im Weinviertel wütete noch weitere besonders tragische Schicksalsschläge ereilen. Unmittelbar nach der Eroberung Mistelbachs durch die Rote Armee, verübten deren Soldaten massenhaft Vergewaltigungen an der weiblichen Bevölkerung der Stadt, und aus Angst vor diesem Schicksal (oder nach dieser erlittenen Pein) flüchteten sich die beiden Töchter Rollers in den Selbstmord. Kurz darauf wurde Rollers Schwiegersohn Friedrich Haas, der Gesellschafter der Weinhandlung war und wohl auch zu Rollers Nachfolger als Firmenchef auserkoren war20, von den russischen Soldaten verhaftet und im Gasthaus Putz-Filippinetti festgehalten. Die Umstände seines wenig später folgenden Todes sind nicht ganz eindeutig – er soll hier Selbstmord durch Erhängen begangen haben. Die verscharrten sterblichen Überreste von Rollers Schwiegersohn wurden erst 1955 bei den Bauarbeiten zur Errichtung des Finanzamts, das zum Teil im Garten des oben erwähnten Gasthauses errichtet wurde, entdeckt.21 Zwar war Haas NSDAP-Mitglied, sogar bereits in der illegalen Zeit, doch lässt sich seine Verhaftung alleine durch die Parteimitgliedschaft nicht erklären, wie Beispiele anderer (teils hochrangiger) Nazis belegen. Der zweite verwitwete Schwiegersohn war der später noch lange Jahre in Mistelbach tätige Tierarzt Dr. Gottlieb. Neben der familiären Tragödie wurde in den Kriegstagen auch Rollers unternehmerische Existenz schwerst geschädigt, denn trotz des Krieges lagerten rund 2.900 Hektoliter Wein in seinen Kellern, die von den sowjetischen Soldaten geplündert wurden und vollständig deren Trunksucht und Zerstörungswut zum Opfer fielen. Auch hunderte Transportfässer wurden zerstört oder verschleppt. Während der Kampfhandlungen wurde außerdem der Wohn- und Geschäftssitz am Hauptplatz schwer beschädigt und als die Schäden ausgebessert waren, bezogen russische Offiziere darin Quartier und erst 1955 nach deren Abzug konnte Roller sein Haus wieder frei nutzen.22

Auch Rollers jüngster Bruder Franz zu dem er aus den eingangs geschilderten Umständen ein besonderes Verhältnis pflegte hatte während des Krieges bei einem Bombenangriff auf Wien seine Familie und die unternehmerische Existenz verloren und kehrte zu seinem Bruder nach Mistelbach zurück. Nach dem Krieg versuchten sie gemeinsam den Weinhandel wieder aufzubauen, doch von den im Krieg erlittenen Schäden konnte sich das Unternehmen nie mehr wirklich erholen.23 Felix Roller verstarb am 8. August 1957 an den Folgen eines Gehirnschlages und wurde in der Familiengruft auf dem Mistelbach Friedhof beigesetzt. Sein Bruder Franz Roller führte den Weinhandel noch bis zum Abschluss der Verlassenschaftsverhandlung und danach wurde das Unternehmen liquidiert.

Die Gruft der Familie Roller auf dem Mistelbacher FriedhofDie Gruft der Familie Roller auf dem Mistelbacher Friedhof

Auf Anregung von Franz Roller beschloss der Mistelbacher Gemeinderat 1958 den in der Nordostecke des Hauptplatzes gelegenen Verbindungsweg zwischen Oberhoferstraße und Mistelsteig nach dem im Jahr zuvor verstorbenen langjährigen Gemeindevertreter und Vorstandsmitglied der städtischen Sparkasse Felix Roller, Rollerweg zu benennen. Im Protokoll dieser Sitzung findet sich die Anmerkung, dass Roller sich durch die kostenlose Grundabtretung für die Errichtung dieses Weges große Verdienste erworben habe. Wie im Beitrag zum Rollerweg detailliert geschildert wird, bleibt ungeklärt in welcher Weise Roller konkret zur Wiedereröffnung dieses alten Verbindungswegs beitrug.

Wo befindet sich der Rollerweg?

 

Bildnachweise:
Portraitfotos: Stadt-Museumsarchiv Mistelbach
Fotos Weinkeller Franz Josef-Straße und Haus Hauptplatz Nr. 9: Göstl-Archiv
Familienfoto Roller: Eminger, Erwin: „Bei Schweiß und Mühe nur gedeih‘ ich recht …“ – Zeitbilder zur Geschichte des Weinbaus von 1900 bis 1970 aus dem östlichen Weinviertel (2000), S. 168
Grab: Thomas Kruspel 2018

Quellen:
-) Sonderbeilage des Mistelbacher Bote aus dem September 1935 aus Anlass 60 Jahre Weinkellerei Roller und 40jährigem Berufsjubiläum Felix Roller
-) Weinviertler Nachrichten, Nr. 4/1963, S. 4
-) Bayer, Franz/Spreitzer, Prof. Hans: Der Mistelbacher Gemeinderat seit der Stadterhebung In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1964), S. 169f, 193 (Anm.: die Angabe zur Amtszeit von Roller sen. als Mitglied des Gemeindeausschussses ist nicht korrekt, dieser schied bereits 1894 aus der Gemeindevertretung aus – siehe: Bote aus Mistelbach, Nr. 50/1904, S. 3)
-) Eminger, Erwin: Felix Roller jun. – Vom Weber zum Weinhändler In: Heimat im Weinland, Band XV (2011), S. 40-42 (Eminger übernimmt die fehlerhaften Angaben zum Zeitpunkt der Übernahme des väterlichen Unternehmens bzw. des Verkaufs der Weberei aus dem weiter oben angeführten Bericht der Weinviertler Nachrichten).

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Ergebnis der Volksabstimmung über den EU-Beitritt Österreichs 1994

Am 12. Juni 1994 war die österreichische Bevölkerung dazu aufgerufen über eine Verfassungsänderung abzustimmen, die den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union ermöglichen sollte. Nachdem die vom Nationalrat bereits beschlossene Änderung der Verfassung durch die Volksabstimmung bestätigt wurde, erfolgte Österreichs Beitritt zur EU am 1. Jänner 1995. Nachfolgend das Ergebnis der Volksabstimmung in der Großgemeinde Mistelbach. Mit Ausnahme von Siebenhirten war damals in allen Katastralgemeinden eine klare Mehrheit für den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union.

abgegeb. Stimmen ungültig gültig JA-Stimmen % NEIN-Stimmen %
Mistelbach 3724 51 3673 2638 71,8% 1035 28,2%
Ebendorf 343 6 337 244 72,4% 93 27,6%
Eibesthal 506 7 499 276 55,3% 223 44,7%
Frättingsdorf 212 7 205 145 70,7% 60 29,3%
Hörersdorf 280 4 276 181 65,6% 124 33,6%
Hüttendorf 333 2 331 190 57,4% 141 42,6%
Kettlasbrunn 372 3 369 245 66,4% 124 33,6%
Lanzendorf 598 5 593 422 71,2% 171 28,8%
Paasdorf 447 11 436 280 64,2% 156 35,8%
Siebenhirten 294 5 289 140 48,4% 149 51,6%
Gesamt 7109 101 7008 4761 67,9% 2247 32,1%

Quelle:
Gemeindezeitung – Amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 7/1994, S. 1

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Weiß, Theresia

Theresia Weiß

* 28.12.1917, Asparn a.d. Zaya
† 9.2.1977, Asparn a.d. Zaya

Theresia Weiß wurde 1917 als Tochter des ursprünglich aus Frättingsdorf stammenden Landwirte-Ehepaares Ferdinand und Theresia (geb. Fritz) Pichler in Asparn an der Zaya geboren.1 Gemeinsam mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder wuchs sie hier auf und absolvierte ihre Pflichtschulbildung. Später dürfte sie bis zu ihrer Verehelichung in der elterlichen Wirtschaft mitgearbeitet haben. Am 1. August 1943 schloss sie den Bund der Ehe mit dem aus Garmanns stammenden Lagerhausangestellten Alois Weiß (1914-1944) in Asparn.2 Zum Zeitpunkt der Eheschließung diente Weiß als Unteroffizier in der deutschen Wehrmacht und die Hochzeit erfolgte während eines Fronturlaubes. Schon wenige Monate nach der Trauung, im März 1944, fiel Weiß bei Kämpfen mit Partisanen in der Nähe des kroatischen Dorfs Krasno-Polje. Tief getroffen vom Tod ihres Mannes fasste sie den Entschluss ihr Leben in den Dienst der katholischen Kirche zu stellen.

Noch im Mai 1945, also unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs wurde in Wien die „Wiener Diözesanschule für Seelsorgehilfe und Caritas“ (später „Seminar für kirchliche Frauenberufe“ genannt) gegründet und erster Sitz dieser Schule war das Salesianerkloster am Wiener Rennweg. Im Oktober 1945 startete dort der erste Ausbildungsjahrgang zur Seelsorgehelferin (=Pastoralassistentin) und an diesem nahm Theresia Weiß teil.3 Die vier Semester dauernde Ausbildung bereitete die Teilnehmerinnen auf spätere Tätigkeiten im Bereich Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Sakramentspastoral, Religionsunterricht an Pflichtschulen und Caritasarbeit vor. Im Juni 1947 absolvierte sie die Abschlussprüfung vor der diözesanen Prüfungskommission erfolgreich und Kardinal Innitzer nahm ihr und den anderen Absolventinnen das Berufsversprechen ab bzw. erteilte ihnen den kirchlichen Sendungsauftrag. Das Berufsversprechen umfasste unter anderem die Verpflichtung zur Ehelosigkeit und zu mehrjähriger Dienstleistung an jenem Dienstort an den sie der Bischof hinschicken würde. Zunächst war Weiß als Jugendsekretärin für die Landjugend in der Diözesanführung in Wien tätig4 und zu ihren Aufgaben zählte unter anderem die Organisation von Kursen für die Katholische Jugend. Im Zuge der Betreuung von Führungskursen für Jungscharführerinnen im Bildungszentrum der Erzdiözese in Neuwaldegg kam es zu einer ersten Zusammenarbeit mit dem Priester Dr. Martin Stur. Eine Bekanntschaft die für ihr weiteres Lebens von prägender Bedeutung war. Weiß und Stur ergänzten einander sehr gut in ihren Arbeitsweisen, verfolgten die selben Ziele in ihrer Bildungsarbeit und vermochten die Jugend für ihre Ideen begeistern.5

Als Dr. Stur 1951 mit der Leitung des neu gegründeten  „Katholischen Volksbildungsheimes“ in Ulrichskirchen betraut wurde, begleitete Weiß ihn bei dieser neuen Aufgabe. Zwei Jahre später wurde das Volksbildungsheim schließlich nach Großrußbach verlegt. Getrennt nach Geschlechtern wurde die bäuerliche Jugend der Region in Kursen auf ihre spätere Tätigkeit vorbereitet und im katholischen Sinne weltanschaulich geprägt.6 Während Weiß in den Kursen für Burschen nur im Bereich „Bäuerliche Sachkultur“ unterrichte, umfasste ihre Vortragstätigkeit bei den Mädchen-Kursen weite Teile des Unterrichts. Die Mädchen sollten möglichst gut für ihre Aufgaben in Ehe & Familie bzw. die Arbeit am Bauernhof vorbereitet werden und wurden daher etwa in den Bereichen: Bauernkunde,  Haus- und Gartenarbeit, Kochen, Handarbeiten, Erziehung, Lebensgestaltung – aber auch in den Fächern Religiöse Bildung, Gesellschaftskunde, Brauchtum, Literarische Bildung und Heimatkunde unterrichtet. In bestimmten Fächern wie etwa Säuglings- und Krankenpflege, Schriftverekehr und Umgangsformen wurden externe Fachreferenten bzw. Lehrer aus der Umgebung beigezogen. Den jungen Mädchen sollte im Rahmen dieser Kurse Selbstbewusstsein und Kraft für die ihnen bevorstehenden Aufgaben mitgegeben werden und ihnen weiters ein positives Standesbewusstein in Bezug auf ihre bäuerliche Herkunft und deren Traditionen vermittelt werden.7 Besonderes Anliegen war Weiß die bereits oben erwähnte „bäuerliche Sachkultur“ – ein umfangreiches Themengebiet, dass von Dorfbild und Hausbau, über bäuerliche Handarbeiten, Alltags- und Festgestaltung bis hin zur Herstellung und Pflege von Bekleidung reichte. Unter diesem Titel veröffentliche sie auch ein Skriptum, dass 1957 seitens des Ministeriums ausgezeichnet wurde, und auf dem ihre praktisch orientierte und anschauliche Kulturvermittlung inhaltlich basierte.8

Doch war die Zusammenarbeit mit Dr. Stur nicht immer einfach, da er seine Mitarbeiter mit Pedanterie, Starrsinn und Kontrollzwang oft in den Wahnsinn treiben konnte. Nach dem ersten Kurs (damals noch in Ulrichskirchen) war Weiß nervlich  völlig überlastet, da es ihr nicht gelang den perfektionistischen Ansprüchen von Stur zu genügen und sie dies sehr belastete. Zur Behandlung unterzog sie sich einer Elektroshock-Therapie bei der ihr Arm jedoch irreparabel verletzt wurde.9 Es war allerdings keineswegs so, dass Weiß sich nicht auch durchzusetzen wusste und ob der jahrzehntelangen Zusammenarbeit entwicklte sie auch großen Einfluss auf Stur und sie fanden trotz mancher Gegensätze schließlich einen Weg für ein gedeihliches Miteinander.10

1964 legte Dr. Stur nach dreizehn Jahren die Leitung des Bildungshauses zurück und wurde Pfarrer in Paasdorf. Theresia Weiß – seine Haushälterin, treue Mitarbeiterin und Umsetzerin seiner Ideen – begleitete ihn auch an seinen neuen Dienstort und wirkte hier als Pastoralassistentin. Gerade bei der Tätigkeit als Pfarrer ist ein guter Zugang zu den Menschen in der Gemeinde wichtig, doch hierbei hatte Stur aufgrund seines distanzierten Wesens und eines gewissen Standesbewussteins als promovierter Akademiker, seine Schwierigkeiten. Schon in Großrußbach hatte sich Weiß mit ihrer volksnahen Art als Kontakt zu den Leuten und Umsetzerin seiner Ideen bewährt und diese Rolle übernahm sie nun auch in Paasdorf.11

Im Frühjahr 1966 gründete sich auf ihre und Dr. Sturs Initiative ein aus etwa 30 Personen bestehendes „Komitee zur Dorfverschönerung“, und dabei soll es sich um den ersten derartigen Zusammenschluss in einer ländlichen Gemeinde in Niederösterreich gehandelt haben. Das Komitee arbeitete unter tatkräftiger Beteiligung von Weiß sehr fleißig und in den folgenden Jahren konnte viele Ideen des Zweigespanns Stur und Weiß zur Hebung der Lebensqualität und Pflege der Dorfkultur in Paasdorf mustergültig umgesetzt werden: Parkanlagen (Brunnengarten), Schaffung von Gehsteigen im Ortsgebiet, Aufstellen von Sitzbänken, zahlreiche Baum- und Strauchpflanzungen, Baumpflanzung und Pflege des Cholerafriedhofs, Anlage von Spiel- und Sportplätzen, Renovierung von Marterln, die Revitalisierung des Kellerrundplatzes und dessen Nutzung als Veranstaltungsort (auch dies war eine Initiative von Stur und Weiß), etc. 12 Erst 1971 und damit sechs Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit konstituierte sich die Dorfverschönerung in der Form eines Vereins und Theresia Weiß bekleidete ab diesem Zeitpunkt das Amt der Schriftührerin13 Auch bei der Organisation von Veranstaltungen, Vorträgen und Ausstellungen war sie stets führend beteiligt und wurde somit zu einer zentralen Figur im Gemeinschaftsleben in Paasdorf und prägte den Ort und seine Bevölkerung in den dreizehn Jahren ihres Wirkens nachhaltig. Zur Fortsetzung ihrer Bildungsarbeit gründete sie 1970 schließlich das Bildungswerk der Pfarre Paasdorf. Neben der sehr intensiven Arbeit in den Bereichen Dorfverschönerung und  Kulturvermittlung (u.a. bäuerliche Kultur & Traditionen) zählte auch die Betreuung der Jungschar zu den Aufgaben, die sie neben der Unterstützung für Pfarrer Stur, sehr eigenständig gestalten konnte.14

Theresia Weiß verstarb am 9. Februar 1977 und wurde 8 Tage später im Familiegrab auf dem Asparner Friedhof beigesetzt. 1980 widmete der Verschönerungsverein Paasdorf seiner Gründerin einen Gedenkstein und auch der 1999 errichtete Urbanusbildstock am alten Postweg wurde zur Erinnerung an Monsignore Dr. Stur und Frau Weiß errichtet15

Der Theresia Weiß gewidmete Gedenkstein im Park bei der Paasdorfer PfarrkircheDer Theresia Weiß gewidmete Gedenkstein im Park bei der Paasdorfer Pfarrkirche

Mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 26. März 1998 wurde eine Straße in einem neu aufgeschlossenen Siedlungsgebiet zur Erinnerung an die Gründerin und führende Persönlichkeit des Dorfverschönerungsvereins  Theresia Weiß-Ring benannt.16 Ihr wurde damit die Ehre zuteil, die erste Frau zu sein nach der eine Verkehrsfläche in der Großgemeinde Mistelbach benannt wurde.

 

Wo befindet sich der Theresia Weiß-Ring?

 

Bildnachweis:

Portrait: Ausschnitt aus deinem Gruppenfoto der 2. Vollversammlung am 8. Mai 1957 im bäuerlichen Bildungshof Pöckstein – dankenswerterweise zur Verfüfung gestellt von Herrn Dir. Franz Knittelfelder (Bildungshaus Großrußbach)
Gedenkstein: Thomas Kruspel 2020

Quellen: 

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Kainz, Engelbert

Engelbert Kainz

* 28.6.1874, Siebenhirten
† 18.3.1954, Paasdorf

Engelbert Kainz wurde im Jahre 1874 als Sohn des Leopold Kainz und dessen Gattin Elisabeth, geb. Donner, in Siebenhirten geboren.1 Seine aus Paasdorf stammenden Eltern standen damals als Knecht und Magd bei Siebenhirtner Bauern im Dienst.2 Der Familienname Kainz scheint in Paasdorf ab dem Ende des 17. Jahrhunderts auf, doch entwickelten sich die Schicksale der Mitglieder dieser Familie im Laufe der Jahre und Jahrhunderte sehr unterschiedlich. Während etwa ein Teil der Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gemischtwarenhandlung führte, lebte und arbeitete der Familienzweig dem Engelbert Kainz entstammte stets in sehr bescheidenen Verhältnissen. Schon in jungen Jahren, spätestens 1879 wie durch die Geburt seines Bruders Ägydius belegt ist3, übersiedelte Engelbert Kainz mit seinen Eltern wieder zurück nach Paasdorf, wo er aufwuchs.

Am 24. Jänner 1899 ehelichte er die aus dem südmährischen Grusbach stammende, jedoch in Atzelsdorf als Dienstmagd beschäftigte, Maria Ertl (1874-1960) in der Paasdorfer Pfarrkirche. Kainz wird im Zeitpunkt der Eheschließung als Pferdeknecht der Gutsverwaltung des Grafen Skrbensky geführt.4 Der Ehe entstammte eine Tochter und im Zeitpunkt von deren Geburt im Jahre 1903 scheint er als „Kleinhäusler“ (= Landwirt mit nur geringem Grundbesitz) an der Adresse Paasdorf Nr. 28 (heute im Bereich der Schloßzeile) auf5 und auch im Jahre 1937 wird sein Berufsstand derart bezeichnet6.

Am Ersten Weltkrieg nahm Kainz als Soldat der 2. Feldkompanie im Landsturm-Infanterie-Regiment Nr. 23 teil, wie durch in der Zeitung veröffentlichte Grüße aus dem Felde belegt ist.7 Rund 30 Jahre engagierte sich Kainz als Kirchenvater, also als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Pfarre, der gemeinsam mit dem Pfarrer das Vermögen der Pfarre verwaltete. Aufgrund dieses jahrzehntelangen uneigennützigen Wirkens wurde ihm aus Anlass der Feier der Goldenen Hochzeit im Jahre 1949 vom Paasdorfer Gemeinderat die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde verliehen. Seitens der Pfarre wurde ihm aus diesem Anlass und eingedenk seiner Verdienste der Titel „Ehrenkirchenvater“ verliehen.8

Die letzten Jahre seines Lebens schwer an Rheuma leidend, verstarb Engelbert Kainz 1954 im 80. Lebensjahr und wurde auf dem Paasdorfer Ortsfriedhof bestattet.9

Die letzte Ruhestätte von Engelbert Kainz, seiner Gattin, Tochter und SchwiegersohnDie letzte Ruhestätte von Engelbert Kainz und seinen nächsten Angehörigen (Gattin, Tochter und Schwiegersohn) auf dem Paasdorfer Friedhof

Am 26. März 1998 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine Straße im an der Atzelsdorfer Straße gelegenen Siedlungsgebiet in Erinnerung an den Paasdorfer Ehrenbürger Kainzstraße zu benennen.

Wo befindet sich die Kainzstraße?

 

Bildnachweis:
Foto Grab der Familie Kainz – Thomas Kruspel (2022)

Quellen:

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