Vereine in Mistelbach im Jahre 1884

Vereine sind bis heute maßgebliche Träger des Gemeinschaftslebens in Österreich, auch wenn sich in diesem Bereich gegenwärtig bereits große Umbrüche durch geändertes Sozial- bzw. Freizeitverhalten und demografischen Wandel abzeichnen. Das uns bekannte Vereinswesen entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber natürlich gab es bereits zuvor organisierte Formen von Gemeinschaft, die einen ideellen Zweck verfolgten, auch wenn ihre Zahl deutlich geringer und ihr Wirkungsbereich weniger vielfältig war. Die Zünfte als Handwerkervereinigungen bzw. Standesvertretungen und ebenso die religiösen Bruderschaften (nicht mit geistlichen Orden zu verwechseln), die es auch in Mistelbach über Jahrhunderte hinweg gab, können als frühe Formen institutionalisierter Zusammenschlüsse angeführt werden. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde die behördliche Genehmigung von Vereinigungen sehr restriktiv gehandhabt und dies änderte sich erst als im Zuge der Revolution des Jahres 1848 viele Freiheitsrechte, darunter auch das Vereinigungs- und Versammlungsrecht, errungen wurden. Die Revolution wurde niedergeschlagen und die Rechte in der Folge wieder eingeschränkt, doch die einmal genossenen Freiheiten konnten dem Volk nun nicht mehr auf Dauer vorenthalten werden. Das Vereinspatent des Jahres 1852 und schließlich das im Jahr 1867 erlassene Staatsgrundgesetz, das den Bürgern umfassende Grund- und Freiheitsrechte gewährte, stellten die Basis für das spätere Aufblühen des Vereinswesens dar.

Eine im Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach veröffentlichte Liste der 87 Vereine, die im Jahr 1884 im gesamten politischen Bezirk Mistelbach1 existierten, gibt einen interessanten Einblick und zeigt, dass die Entwicklung des Vereinswesens damals noch am Anfang stand.

Folgende Vereine bestanden damals in der Stadt Mistelbach:2

-) Landwirthschaftlicher Bezirks-Verein Mistelbach
-) Casino-Verein Mistelbach (Anm.: hierbei handelt es sich um einen landwirtschaftlichen Genossenschaftsverein, dessen Schwerpunkt vor allem in der Weiterbildung der Landwirte lag)
-) Militär-Veteranen-Verein Mistelbach
-) 1. Mistelbacher Militär-Veteranen-Kranken-Unterstützungs-Verein
-) Freiwilliger Feuerwehr-Verein Mistelbach
-) Bezirks-Feuerwehr Verband Mistelbach
-) Bezirks Feuerwehr-Unterstützungs-Cassa für die Feuerwehren des politischen Bezirks Mistelbach
-) Ortsgruppe Mistelbach und Umgebung des Deutschen Schulvereins Wien
-) Zweigverein des Patriotischen Frauen-Hilfs-Vereins für Nieder-Oesterreich Mistelbach
-) Zweigverein des Bienenzüchter-Vereines Wien Mistelbach
-) Lehrer-Verein für den Schulbezirk Mistelbach
-) Zayawasser-Werks-Verein
-) Verschönungs-Verein von Mistelbach und Umgebung
-) Männer-Spar-Verein Mistelbach
-) Männer-Gesangs-Verein Mistelbach
-) Schützen-Gesellschaft der Stadt Mistelbach
-) Eislauf-Verein Mistelbach

In den heutigen Katastralgemeinden existierte mit der Freiwilligen Feuerwehr Eibesthal damals lediglich ein Verein.

Der älteste Verein dürfte mit ziemlicher Sicherheit der 1852 gegründete “Landwirthschaftliche Bezirks-Verein Mistelbach” gewesen sein, der bis zum Jahr 1925 bestand, als er im Zuge der damals erfolgten Schaffung der Landwirtschaftskammern aufgelöst wurde.3

Der älteste heute noch bestehende Verein Mistelbachs ist der Stadtchor, der in seinen Wurzeln auf den 1864 gegründeten Männergesangsverein zurückgeht. Tatsächlich erfolgte im Jahr 1864 lediglich die vereinsmäßige Gründung, der Chor selbst soll sich bereits 1855 gebildet haben.4

Quellen:

  1. Der Bezirk Mistelbach umfasste damals die Gerichtsbezirke Mistelbach, Laa, Feldsberg und Zistersdorf. Poysdorf war damals noch kein eigenständiger Gerichtsbezirk und gehörte zu Feldsberg und der Gerichtsbezirk Zistersdorf wurde schließlich im Jahre 1899 an den neu geschaffenen Bezirk Gänserndorf abgetreten. Der Gerichtsbezirk Wolkersdorf wurde hingegen erst 1938 Teil des Bezirks Mistelbach
  2. Amts-Blatt der k.k. Bezirkshauptmannschaft Mistelbach, 3. Jg. – Nr. 16 (18. April 1885), S. 64f (Online verfügbar in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek)
  3. Mistelbacher Bote, Nr. 15/1925, S. 4 (ONB: ANNO)
  4. Mistelbacher Bote, Nr. 39/1924, S. 3 (ONB: ANNO)
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