Mistelbach zu Ende des 18. Jahrhunderts – ein alter Kupferstich

Frühe Darstellungen Mistelbachs aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert sind rar und die beiden ältesten überlieferten Abbildungen wurden bereits im Beitrag Älteste bildliche Darstellungen von Mistelbach behandelt. Bei untenstehender Abbildung handelt es sich also nicht um die älteste, aber um die älteste detaillierte Darstellung Mistelbachs und sie zeigt den Blick auf den Markt aus westlicher Richtung. Sie findet sich auch auf den ersten Seiten – noch vor der Titelseite – von Fitzkas 1901 erschienener Geschichte der Stadt Mistelbach, allerdings mit der falschen Bildbeschreibung „Alt-Mistelbach zu Ende des XVII. Jahrhundertes (sic!)“2. Tatsächlich ist sie um 100 Jahre jünger und stammt aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts – frühestens aus dem Jahr 1784.

Eine der bekanntesten und gleichzeitig die detaillierteste überlieferte historische Ansicht Mistelbachs aus der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts (Bildausschnitt aus den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs)Eine der bekanntesten und gleichzeitig die detaillierteste überlieferte historische Ansicht Mistelbachs aus der Zeit Ende des 18. Jahrhunderts (Bildausschnitt aus den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs)

Anfang der 1950er Jahre ging auch der verdiente Mistelbacher Heimatforscher Prof. Hans Spreitzer noch davon aus, dass die Datierung bei Fitzka korrekt sei bzw. übernahm er diese unhinterfragt3, doch in einer im Jahre 1957 erschienenen Beitragsreihe zum Thema “Das Mistelbacher Museumsgebäude und die Devenna“ belegte Spreitzer eindeutig, dass obige Darstellung erst Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sein kann. Das Fehlen der 1784 gemäß kaiserlichem Erlass abgetragenen Wallfahrtskirche „Maria in der Gruft“ – es handelte sich dabei wohl um die ursprüngliche, alte Pfarrkirche auf dem Berg, die sich zwischen der heutigen Pfarrkirche und dem Karner befand – ist ein stichhaltiges Argument für die zeitliche Einordnung der Darstellung. Zumal die Sakralbauten, sowie einige Denkmäler auf dem Kirchenberg ausgesprochen detailliert dargestellt sind. (nähere Details zu „fehlenden“ Kirche siehe: Wallfahrtsort Mistelbach – die alte romanische Pfarrkirche)

Prof. Spreitzer führt anhand von Details der Darstellung noch weitere Argumente an, weshalb die Ansicht keinesfalls aus der Zeit zu Ende des 17. Jahrhunderts stammen kann4:
-) Links neben der Kirche ist das Plateau (fälschlicherweise auch als „Tumulus“ bezeichnet) erkennbar auf dem sich einst die Mistelbacher Burg befand und hinter diesem lugen einige Häuser hervor. Prof. Spreitzer meint darin die Verbauung des alten Marktplatzes (im Bereich obere Neustiftgasse/Josefigasse/Hochgasse/Mittelgasse/Kellergasse/Engegasse/obere Berggasse) zu erkennen, die jedenfalls erst nach 1700, vor allem jedoch um 1720 erfolgte sei.
-) „das Kollegsgebäude erhielt erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die im Bild festgehaltene – heutige Gestalt“
-) „die Kirchenstiege bekam erst um 1725 die Form, die das Bild zeigt“
-) „die Häuser „hinter dem Markt“ – rechter Bildrand unten – wurden erst nach 1710 errichtet“
-) „verschiedene Häuser auf dem Bilde wurden erst um 1720-1740 erbaut“

Neben all den von Spreitzer bereits angeführten Argumenten, findet sich noch ein Detail in der Darstellung der Pfarrkirche, das eine frühere Entstehung der Darstellung widerlegt: Erst in den 1740er Jahren wurde dem Kirchturm in Form eines Kuppeldaches ein würdiger Abschluss aufgesetzt – bis dahin war der Kirchturm kaum höher als das restliche Kirchengebäude und schloss ohne besonderen Dachaufbau ab. Ein Blitzschlag im Jahr 1752 bzw. Sturmschäden in den Folgejahren zerstörten den Turm, sodass dieser Ende der 1750er Jahre erneuert werden musste. Im Rahmen dieser Renovierung wurde der Turm deutlich höher gebaut und er erhielt ein pyramidenförmiges Form – so wie es auf der gegenständlichen Ansicht zu erkennen ist.5 Die heutige Zwiebelform erhielt das Kirchturmdach übrigens erst nach dem verheerenden Kirchenbrand des Jahres 1835.

Die Inhalte von Spreitzers heimatgeschichtlichen Beitragsreihen in verschiedenen Lokalblättern gerieten, da sie bedauerlicherweise nur zum Teil später auch in Schriftenreihen bzw. Buchform publiziert wurden, teilweise in Vergessenheit. Doch spätestens in dem 1974,  anlässlich der Feierlichkeiten zu „100 Jahre Stadterhebung“ herausgegeben Buch „Mistelbach Geschichte I“  wurde schlüssig und öffentlichkeitswirksam dargelegt weshalb die gegenständliche Abbildung frühestens zu Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sein kann. Allerdings beschränkte sich die Argumentation in diesem Buch, an dessen Entstehen Spreitzer maßgeblichen Anteil hatte und das ursprünglich als mehrbändiges Werk konzipiert war, auf das augenscheinlichste Argument – das Fehlen der alten Wallfahrtskirche.6 Dennoch hält sich die falsche Angabe Fitzkas betreffend die Entstehungszeit dieser Darstellung – wie auch manch andere Fehlinformation aus seinen beiden Geschichtsbänden – sehr hartnäckig und diese bereits seit Jahrzehnten widerlegte Datierung wird teils auch in jüngst erschienenen Publikationen noch weiterverbreitet.7

Der obige Kupferstich entstammt dem Vordruck einer sogenannten „Handwerkskundschaft“ der Fleischackerzunft des „hochfürstlich-liechtensteinischen Marktes Mistelbach“. Bei derartigen „Kundschaften“ handelte es sich um Bestätigungen mittels denen Gesellen, die sich auf der damals obligatorischen Wanderschaft („Walz“) befanden, die Ausübung des Handwerks und das Wohlverhalten vom Vorstand der hiesigen Zunft bestätigt wurde. Diese ursprünglich handschriftlich ausgestellten Bestätigungen wurden später durch vorgedruckte Formulare ersetzt und ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es durchaus üblich, dass diese auch eine bildliche Darstellung der Stadt bzw. des Marktes zierte, an der die jeweilige Zunft ihren Sitz hatte. Die Verwendung der Vordrucke machte es darüber hinaus auch schwieriger diese Dokumente zu fälschen.

Eine Handwerkskundschaft der Mistelbacher Fleischhauerzunft aus dem Jahre 1820, die sich in den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs erhalten hat - Originalformat: ca. 40 x 50 cmEine Handwerkskundschaft der Mistelbacher Fleischhauerzunft aus dem Jahre 1820, die sich in den Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs erhalten hat – Originalformat: ca. 40 x 50 cm

Ein leeres Exemplar dieses Vordrucks hat den Lauf der Zeit in den Beständen der topografischen Sammlung der niederösterreichischen Landesbibliothek überdauert8 und eine für den Fleischhackerknecht (=Geselle) Andreas Hobersdorfer am 26. April 1820 ausgestellte Urkunde findet sich heute in den online zugänglichen Beständen des Wiener Stadt- und Landesarchivs9. Eine Fleischhauerzunft in Mistelbach wird urkundlich bereits im Jahre 1414 erwähnt und dieser „Zeche“ gehörte ein Großteil der Fleischhauer des nordöstlichen Niederösterreichs an. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gehörten zumindest zeitweilig auch Fleischhauer jenseits der March sowie in Südmähren zur Mistelbacher Zunft.10 Der aus Ameis stammende Andreas Hobersdorfer wird in der oben abgebildeten „Kundschaft“ als 22 Jahre alt, von mittlerer Statur und mit schwarzem Haar beschrieben. Auch sein Dienstgeber, der Walterskirchner Fleischhackermeister Mathias Prokisch, gehörte der Mistelbacher Zunft an, und es wurde bestätigt, dass Hobersdorfer in den 26 Wochen, in denen er bei Prokisch beschäftigt war, gute Arbeit geleistet und Fleiß gezeigt hat.

Neben dem Altvater (=Vorstand) der Mistelbacher Fleischhackerzunft Joseph Kautz, unterzeichnete auch der in Mistelbach ansässige Fleischhackermeister Franz Koch als „Verordneter“ die Urkunde und darüber hinaus auch der Syndikus des damals bestehenden Mistelbacher Magistrats. Nachdem die Mistelbacher Fleischhackerzunft sehr bedeutend war und einige ihrer Mitglieder sehr wohlhabend waren, ist es jedenfalls denkbar, dass sie einen Künstler mit der Anfertigung dieses Kupferstichs eigens beauftragt haben.

Vieles an dieser Ansicht wirkt vertraut und ist leicht erkennbar: im Bildzentrum der weitläufige Hauptplatz mit der (etwas zu groß dargestellten) Dreifaltigkeitssäule, die Pfarrkirche samt Karner und dem umliegenden Friedhof – damals noch von einer massiven Befestigungsmauer umgeben, die Markt- und Pfarrstiege, das Barnabitenkolleg, die Bögen die den Durchgang zur Kirchengasse zieren und vieles mehr. Interessant ist auch die Darstellung von kleinen Bachläufen am rechten Bildrand im Bereich der Frohnerkreuzung bzw. in der Mitscha- und Wiedenstraße. Im Spitalsviertel (rund um die Elisabethkirche) gab es damals mehrere solcher kleinen Rinnsale, die in die Mistel bzw. die Zaya mündeten und sicherlich auch als Vorläufer einer Kanalisation zweckentfremdet wurden. Im Bereich hinter der rechten Häuserzeile der Mitschastraße (stadtauswärts) findet sich übrigens auch heute noch ein kleines Bächlein, das ab der Haydngasse verrohrt und unterirdisch in die Zaya fließt.

Nicht korrekt erscheint hingegen die Darstellung des Südendes des Hauptplatzes: Das untere Markttor wird sehr breit dargestellt und die Hafnerstraße wirkt lediglich wie ein etwas schmalerer Fortsatz des Hauptplatzes. Es ist jedoch gut dokumentiert, dass die Hafnerstraße in ihrem heutigen Verlauf bereits seit Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit der Anlage des neuen Marktes (=Hauptplatz) an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert in dieser Form besteht. Gut erkennbar ist auch die Befestigungsmauer, die das Marktviertel damals umgab. Die Stadtmauer diente übrigens weniger der Verteidigung – im Angriffsfall zog man sich in die von starken Befestigungsmauern umgebene Pfarrkirche zurück bzw. floh in die umliegenden Wälder – sondern vielmehr der Sicherheit vor Dieben und anderen unerwünschten Eindringlingen. Das Marktviertel war über folgende Tore zugänglich: das „obere Markttor“ (auch „Staatzer Tor“ genannt) in der Oberhoferstraße befand zwischen den einander gegenüberliegenden Häusern Oberhoferstraße Nr. 5 und Nr. 16, das bereits erwähnte „untere Markttor“ (auch „Wiedentor“ genannt) lag an der Einmündung der Hafnerstraße in die „Frohner“-Kreuzung, sodass das über Jahrhunderte bestehende Gasthaus „zum weißen Rössl“ (heute: Asia Restaurant) bereits außerhalb der Stadtmauer lag. Weitere (kleinere) Tore befanden sich in der Museumsgasse (damals Dienergassl genannt), an der Einmündung der Kirchengasse zum Hauptplatz und neben dem alten Rathaus (heute: Erste Bank) auf der Westseite des Hauptplatzes sowie in der Marktgasse. 1843 wurden die Tore der Stadtmauer abgebrochen und da die Stadtmauer sonst nirgendwo frei stand und in die Hausmauern integriert war bzw. später wurde, existieren heute keinerlei sichtbar Spuren mehr.11

Nachfolgend werden einige interessante Details aus der Darstellung herausgegriffen. Die sehr genau dargestellte, 1680 errichtete, Dreifaltigkeitssäule wird dabei bewusst ausgespart, da sie sich im Lauf der Jahrhunderte nur wenig verändert hat und weiterhin den Hauptplatz ziert.

Pranger

Der Pranger an seinem einstigen Standort inmitten des Mistelbacher Hauptplatzes

Der auf der Ansicht abgebildete Pranger (Schandsäule) inmitten des Hauptplatzes soll im 16. Jahrhundert errichtet worden sein, doch nachdem Mistelbach jedoch bereits Jahrhunderte zuvor Gerichtssitz war, dürfte auch zuvor bereits ein Pranger existiert haben – möglicherweise aus Holz. Das Prangerstehen war mit öffentlicher Demütigung und Ehrverlust verbunden und folgende Vergehen wurden damit bestraft: Diebstahl von Feldfrüchten/Tieren/Holz, Raufereien, Fluchen, Gotteslästerung, Ehebruch, Unzucht, Trunkenheit. Je nach Straftat wurden die „Missetäter“ dann noch öffentlich vom Gerichtsdiener bzw. Freimann malträtiert oder verstümmelt. Die links am Pranger hängende Steinkugel hieß „Bagstein“ und wurde samt der Kette dem Delinquenten angelegt. Es handelte sich dabei laut Franz Thiel vor allem um eine Strafe für „streitsüchtige, zänkische Weiber, die ein loses Mundwerk“ hatten. Später wurde statt dem Bagstein die Brechel („Schandgeige“) zur Bestrafung kleinerer Vergehen eingesetzt. Rechts am Prager ist eine aus Blech gefertigte Fahne zu erkennen, und dieses sogenannte Freiungzeichen wurde zwei Wochen vor einem Jahrmarkt am Pranger angebracht und blieb dort auch die beiden Wochen danach. Es signalisiert, dass in diesem Zeitraum begangene Straftaten im doppelten Ausmaß bestraft wurden. Jahrmärkte mit vielen auswärtigen Händlern lockten naturgemäß viele Besucher aus nah und fern an, und dies bot wiederum allerhand Gelegenheit für Diebstahl, Gewaltdelikte und Betrügereien. Durch die Erhöhung des Strafmaßes in dieser Zeit sollten Kriminelle abgeschreckt werden.

Im Jahre 1776 wurden die Prangerstrafen in Österreich abgeschafft, doch blieb der Pranger bis 1855, als er schließlich abgetragen wurde, auf dem Mistelbacher Hauptplatz stehen. Baumaterial war kostbar und wurde gerne wiederverwendet, aber der Pranger galt über Jahrhunderte als mit Verbrechen verknüpft und selbst eine Berührung als unehrenhaft. Es mag also sein, dass sich lange Zeit niemand für den abgetragenen Schandsäule interessierte und erst Jahrzehnte später sollen seine Überreste 1890 zu Stufen im alten Kasino verarbeitet worden sein. Beim Kasino handelte es sich um das ehemalige Schießstattgebäude beim Stadtpark, das in den 1960er Jahren abgebrochen wurde und an dessen Stelle das Feuerwehrhaus bzw. dessen Nebengebäude (ehemalige Bücherei) errichtet wurden. Nach mühsamen Recherchen des unter der Leitung von OSR Fritz Bollhammer stehenden Kultur- und Verschönerungsvereins soll es in den 1950er gelungen sein, die im Kasino verbauten Reste des Prangers wieder aufzufinden und zu bergen. Nach einer aufwändigen Rekonstruktion, gestaltete sich die Standortsuche wider Erwarten als schwierig, denn offenbar wollte niemand den Pranger, der an dunkle Zeiten der Gerichtsbarkeit erinnerte, in seiner Nähe haben. Schließlich fiel die Wahl auf den Stadtpark und der wiedererrichtete Pranger soll zu 60 % aus dem Steinmaterial des historischen Prangers bestehen. Die Authentizität dieser Angabe bzw. die Geschichte des glücklichen Wiederauffindens des Prangers wurde von Zeitgenossen durchaus in Zweifel gezogen, und beispielsweise in einem kleinen Gedicht in der Mistelbacher-Laaer-Zeitung – in dem auch die „schwierige“ Standortsuche Erwähnung findet – spöttisch thematisiert.12

 

Der rekonstruierte Pranger im Mistelbacher Stadtpark im Jahre 1987Der rekonstruierte Pranger im Mistelbacher Stadtpark im Jahre 1987

Gemeindebrunnen & Feuergeräteschuppen

Gemeindebrunnen & Feuergeräteschuppen

Am Südende des Hauptplatzes sehen wir den Gemeindebrunnen („Pavillon“ mit Seilzug) dargestellt, und davor den Feuergeräteschuppen, in dem Leitern, Feuerhaken und Eimer für Löschwasser aufbewahrt wurden.13 Zur Entwicklung des Feuerwehrwesens darf in diesem Zusammenhang auf den Beitrag zum Florianiplatz verwiesen werden.

 

Altes Rathaus

Das alte Rathaus an der Westseite des Hauptplatzes, das 1874 abgebrochen wurde.

Etwa um 1580 kauften die Mistelbacher der liechtensteinischen Herrschaft das Gemeindeschenkhaus ab und ließen einen Turm an das Gebäude anbauen, das jedenfalls ab diesem Zeitpunkt auch Sitz der Gemeindeverwaltung war. Dieses alte Rathaus mit seinem Turm wurde 1874 abgebrochen und durch das „Hotel Rathaus“ ersetzt, dass wiederum in den 1960er Jahren dem Neubau der Sparkasse Mistelbach (heute: Erste Bank) weichen musste. Bereits im Jahre 1901 war die Gemeindeverwaltung in das neuerrichtete Amtsgebäude am Nordende des Hauptplatzes übersiedelt. Die Form des Daches bzw. der Spitze des alten Rathausturms diente als Vorbild bei der Neugestaltung des gegenwärtigen Rathauses durch Architekt Viktor Kraft im Jahre 1974.14

vor 1874: Die nordwestliche Ecke des Mistelbacher Hauptplatzes mit dem alten Rathaus und der Dreifaltigkeitssäulevor 1874: Die nordwestliche Ecke des Mistelbacher Hauptplatzes mit dem alten Rathaus und der Dreifaltigkeitssäule

Ölberggruppe, Kreuzigungsgruppe, Kapelle an der Pfarrstiege

Kleindenkmäler auf dem Kirchenberg: Ölberggruppe (1), Kreuzigungsgruppe (2), Kapelle der heiligen Familie an der Pfarrstiege (3)Ölberggruppe (1), Kreuzigungsgruppe (2), Kapelle der heiligen Familie an der Pfarrstiege (3)

Ölberggruppe15 Der Mistelbacher Bildhauer Johannes Frantz schuf im Jahre 1682 diese Figurengruppe, die Christus beim Gebet am Ölberg, umgeben von schlafenden Jüngern sowie einen Engel, zeigt. Die Sandsteinfiguren waren ursprünglich mit Ölfarben bunt bemalt. Gestiftet wurde dieses Denkmal von dem pfarrholdischer Grundrichter und Fleischhauer Tobias Grätzer, der damit seine Dankbarkeit zum Ausdruck brachte, dass er von der Pest verschont geblieben war. Die Ölbergszene ist ebenso wie die Kreuzigungsgruppe Teil des Kreuzwegs am Kirchenberg, zu dem außerdem die nahe gelegenen Figuren kreuztragenden Christus sowie Christus als Schmerzensmann (früher vorm Benefiz) gehören.

Jesus am Ölberg mit schlafenden Jüngern - Figurengruppe am KirchenbergChristus am Ölberg mit schlafenden Jüngern – Figurengruppe am Kirchenberg

Kreuzigungsgruppe16 Der bereits erwähnte Bildhauer Frantz schuf diese Figurengruppe im Jahre 1675 im Auftrag des Lederermeisters und zeitweiligen Marktrichters Jakob Zerritsch und dessen Gattin Maria. Erstaunlich ist, dass das Kreuz mit dem Corpus Christi aus Holz geschaffen wurde und nicht wie die übrigen Figuren (Maria, Maria Magdalena und Johannes) aus Stein.

Kreuzigungsgruppe unterhalb der PfarrkircheKreuzigungsgruppe unterhalb der Pfarrkirche

Kapelle der heiligen Familie17
Diese etwa auf halber Höhe der Pfarrstiege befindliche Kapelle stammt aus dem Jahr 1679.

Die 1679 errichtete Kapelle "Zur Heiligen Familie" bei der PfarrstiegeDie 1679 errichtete Kapelle „Zur Heiligen Familie“ bei der Pfarrstiege

 

Barockschlössl

Das in den 1730er Jahren errichtete Barockschlössl samt dem daneben befindlichen Presshaus zu Ende des 18. Jahrhunderts

Das in den 1730er Jahren von dem Steuereinnehmer und Marktrichter Maximilian Devenne errichtete Barockschlössl samt dem daneben befindlichen Presshaus ist am linken unteren Bildrand zu erkennen. Nähere Details zur Entstehung dieses Gebäudes bzw. zu seinem Errichter findet sich im Beitrag zur Mistelbacher Bürgerfamilie Devenne

Pestsäule („Totenleuchte“)18

Die Pestsäule an ihrem ursprünglichen Standort beim alten Pestfriedhof nahe der Bahnstraße

Etwas unscheinbar, rechts unten im Bild zeigt uns die Ansicht den ursprünglichen Standort der Pestsäule auf einer kleinen Anhöhe, die heute in Gärten bzw. Höfen von Häusern zwischen Franz Josef-Straße/Gewerbeschulgasse/Quergasse/Bahnstraße liegt. Die Bebauung der Bahnstraße entwickelte sich zunächst langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts und nahm erst nach der Errichtung der Eisenbahnlinie 1870 an Fahrt auf. Früher lag also auch der untere Bereich der Bahnstraße außerhalb des Ortsgebiets und hier wurde die Pesttoten begraben. Grabungsarbeiten in diesem Bereich brachten zahlreiche, fein säuberlich nebeneinander bestattete menschliche Skelette zum Vorschein, und überhaupt dürfte diese Anhöhe, die Ende des 19. Jahrhunderts umgangsprachlich auch „Ewinger-Bergl“ genannt wurde, erst durch Anschüttungen im Zuge der Beisetzung der zahlreichen Toten entstanden sein. Die auch „Totenleuchte“ genannte Säule im gotischen Stil, deren Entstehung auf die Zeit zu Anfang des 15. Jahrhunderts datiert wird, war also den Pesttoten gewidmet bzw. markierte den Pestfriedhof. 1898 wurde die Pestsäule schließlich auf die Franz Josefs-Höhe in der neu Liechtensteinanlage auf dem Kirchenberg versetzt (siehe hierzu Kaiser Franz Joseph I. und Mistelbach). 1985 wurde die Säule aufwändig renoviert und befindet sich seither auf dem Europaplatz (vormals Conrad von Hötzendorf-Platz) vor der heutigen Polytechnischen Schule und damit unweit ihres ursprünglichen Standorts.

Die Pestsäule an ihrem Standort bei der Franz Josefs-Höhe in der Liechtensteinanlage auf dem Kirchenberg, vermutlich im Jahr 1898Die Pestsäule an ihrem Standort bei der Franz Josefs-Höhe in der Liechtensteinanlage auf dem Kirchenberg, vermutlich im Jahr 1898

 

Die Pestsäule an ihrem heutigen Standort vor der Polytechnischen Schule am EuropaplatzDie Pestsäule an ihrem heutigen Standort vor der Polytechnischen Schule am Europaplatz

alte Spitalskirche19

Die alte Spitalskirche an ihrem Standort, mitten auf der Fahrbahn der heutigen Mitschastraße etwa auf Höhe zwischen Postamt und der mittlerweile abgebrochenen Diskothek "Touch me".

Die in frühgotischem Stile zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtete Spitalskirche (= Elisabethkirche) findet sich am rechten Bildrand und sie ist im Vergleich zu den anderen Kirchengebäuden sehr vereinfacht und wenig detailliert dargestellt. Ihre Ausrichtung und Lage inmitten der Fahrbahn der heutigen Mitschastraße ist jedoch akkurat dargestellt. Die alte, bereits baufällige Kirche wurde im Jahre 1904 abgebrochen und aus verkehrstechnischen Gründen etwas versetzt und in modernem Stil im Jahre 1905 im Kreuzungsbereich Mitschastraße/Oserstraße wiedererrichtet. Während des Zweiten Weltkriegs fanden hier erstmals evangelische Gottesdienste statt und 1965 erwarb die evangelische Gemeinde die Elisabethkirche von der Stadtgemeinde Mistelbach. Ursprünglich eine katholische Kirche und Teil des von einem der Herren von Mistelbach gestifteten Spitals (=Fürsorgeanstalt), diente bereits die alte Spitalskirche während der Reformationszeit zeitweilig als evangelisches Gotteshaus.

Rätselhaftes Gebäude am linken Bildrand

ein mysteriöses Gebäude am linken Bildrand - vielleicht der Mitterhof?

Mittig am äußersten linken Bildrand findet sich ein rätselhaftes, großes Gebäude mit Dreieckgiebel und einem kleinen Türmchen (ähnlich dem Kollegsgebäude). Gemäß der Darstellung müsste sich dieses Gebäude in der Oberhoferstraße befunden haben, allerdings kann die Existenz eines solchen Gebäudes hier definitiv ausgeschlossen werden. Handelt es sich möglicherweise um eine etwas südwärts ins Bild gerückte Darstellung des Mitterhofes, eines Freihofs, der sich einst auf dem Areal des heutigen Museumszentrums, befand?

Die in diesem Beitrag behandelte Darstellung wurde im Laufe der Zeit immer wieder zur Illustration der Geschichte Mistelbachs herangezogen:

Etwa 1901 als Teil dieser Postkarte. Interessanterweise bereits damals (also zum Zeitpunkt des Erscheinens der Geschichte der Stadt Mistelbach) mit akkurater DatierungEtwa 1901 als Teil dieser Ansichtskarte. Interessanterweise bereits damals (also zum Zeitpunkt des Erscheinens der Geschichte der Stadt Mistelbach) mit akkurater Datierung

 

Vom Mistelbacher Heimatmuseum 1953 herausgegebene Ansichtskarte, die eine kolorierte Version des Kupferstichs zeigt<span id='easy-footnote-1-7487' class='easy-footnote-margin-adjust'></span><span class='easy-footnote'><a href='#easy-footnote-bottom-1-7487' title='Mistelbacher Bote, Nr. 18/1953, S. 4 (ONB: ANNO)'><sup>1</sup></a></span>. Gemäß den obigen Ausführungen darf die falsche zeitliche Zuordnung (ca. 1650) nicht verwundern.Vom Mistelbacher Heimatmuseum 1953 herausgegebene Ansichtskarte, die eine kolorierte Version des Kupferstichs zeigt20. Gemäß den obigen Ausführungen darf die falsche zeitliche Zuordnung (ca. 1650) nicht verwundern.

Der Kupferstich diente auch als Vorbild für ein von Prof. Kaindl geschaffenes Mosaik, dass die Fassade des an das Feuerwehrhaus angrenzenden Gebäudes, in dem früher die Stadtbücherei vor ihrer Übersiedlung in den Stadtsaal untergebracht war, ziert.21

Fälschlicherweise ist hier das Jahr 1750 angeführt, wie obenstehend ausführlich dargestellt zeigt es das Erscheinungsbild des Marktes zu Ende des 18. Jahrhundert.Fälschlicherweise ist hier das Jahr 1750 angeführt, wie obenstehend ausführlich dargestellt zeigt es das Erscheinungsbild des Marktes zu Ende des 18. Jahrhundert.

 

Bildnachweise:

-) Handwerkskundschaft: Online verfügbar in den Beständen des Stadt- und Landesarchivs Wien – Signatur 2.8.A1.2.40
-) die beiden Ansichtskarten: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Foto Pranger 1987 und alte Ansicht Hauptplatz 1874: Göstl-Archiv
-) Abbildung Pestsäule 1898: Geschichte der Stadt Mistelbach von Karl Fitzka
-) Fotos Kreuzigungsgruppe, Familienkapelle, Ölberggruppe sowie das Mosaik am Nebengebäude des Feuerwehrhauses: Thomas Kruspel

 

Quellen:

  1. Mistelbacher Bote, Nr. 18/1953, S. 4 (ONB: ANNO)
  2. die Abbildung findet sich auch genauso in der 1934 vom Verschönerungsverein herausgegebenen Werbebroschüre: Lang, Franz/ Bollhammer, Fritz: Die Stadt Mistelbach an der Ostbahn (1934), S. 6
  3. siehe Spreitzers Beiträge im Mistelbacher Bote:
    Mistelbacher Bote, Nr. 25/1954, S. 2 (ONB: ANNO) bzw. die ab Dezember 1953 erschienene Beitragsserie zur Geschichte der Häuser am Mistelbacher Hauptplatz in der er mehrfach auf die „Abbildung vom Ende des 17. Jahrhunderts“ bezugnahm – 1. Beitrag dieser Reihe: Mistelbacher Bote, Nr. 51/1953, S. 2 (ONB: ANNO)
  4. Spreitzer, Hans: “Das Mistelbacher Museumsgebäude und die Devenna – 1. Fortsetzung” In: Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 21/1957, S. 3
  5. Jakob, Christa u. Cantonati, Benjamino: „500 Jahre Pfarrkirche Mistelbach“, Band XIV (2016) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 38
  6. siehe Abbildung im Beitrag von Klaar, Univ.-Prof. Dr. Adalbert: “Die Siedlungsform von Mistelbach” In: Mistelbach Geschichte Band I (1974), S. 10
  7. beispielsweise: Stadtmuseumsarchiv Mistelbach (Hrsg.)/Englisch, Alfred: Bewegung verändert (2013), S. 7;
    Stadtmuseumsarchiv Mistelbach (Hrsg.)/Englisch, Alfred: 150 Jahre Stadt Mistelbach Gesamtband Ausstellung – Bilder der Stadt erzählen (2024), S. 18;
  8. Niederösterreichische Landesbibliothek Sign.: 4.787 (alt D XVI 668);
    Andraschek-Holzer, Ralph: Friedrich Bernhard Werner in Niederösterreich – eine Ausstellung aus den Sammlungen der NÖ Landesbibliothek (31. Mai bis 31. August 2006) (2006), S. 66f
  9. Wiener Stadt- und Landesarchivs Signatur 2.8.A1.2.40
  10. Koch, Univ.-Prof. Dr. Bernhard: Die wirtschaftliche Entwicklung Mistelbachs (bis ins 18. Jahrhundert) In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 265
  11. Spreitzer, Prof. Hans: Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 203
  12. Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 46/47 (April/Mai 1958), Niederschrift über die Gemeinderatssitzung vom 11. April 1958 (keine Seitennummerierung);
    Spreitzer, Prof. Hans: Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 203;
    Mistelbacher-Laaer Zeitung, Folge 36/1955, S. 3;
    Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 272f;
    Thiel, Franz: „Der Pranger in Mistelbach“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1963), S. 79ff;
  13. Spreitzer, Prof. Hans: Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 203f
  14. Spreitzer, Prof. Hans: Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 211
  15. Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 160f
  16. Koch, Univ.-Prof. Dr. Bernhard: Die wirtschaftliche Entwicklung Mistelbachs (bis ins 18. Jahrhundert) In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 268;
    Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 155f
  17. Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 162
  18. Untermanhartsberger Kreis-Blatt, Nr. 10/1885, S. 2;
    Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 52
  19. Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: „Aus Mistelbachs Geschichte im 14. Jahrhundert“ (1962) In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I, S. 1ff;
    Evangelische Pfarrgemeinde Mistelbach (Hrsg.): Festschrift 80 jahre Elisabeth-Kirche (1985), S. 43 bzw. 45
  20. Mistelbacher Bote, Nr. 18/1953, S. 4 (ONB: ANNO)
  21. Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 52
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