Die Spanische Grippe in Mistelbach

Zwar ist die Quellenlage eher bescheiden, aber dennoch können aus den vorhandenen Zeitdokumenten einige interessante Schlüsse zu den Auswirkungen der größten Pandemie des 20. Jahrhunderts in Mistelbach gezogen werden.

Der „Mistelbacher Bote“ berichtet in seiner Ausgabe vom 18. Oktober 1918 davon, dass die Spanische Grippe nun auch in Mistelbach angekommen sei. Es wird von vielen Erkrankungen berichtet und insbesondere Kinder seien sehr zahlreich betroffen, allerdings habe es laut diesem Bericht bislang kaum schwere Krankheitsverläufe gegeben.1

Das Virus fand damals in den durch den Ersten Weltkrieg bedingten Bewegungen von Menschenmassen, der schlechten Versorgungslage und den katastrophalen hygienischen Verhältnissen nach vier Kriegsjahren, insbesondere unter den Soldaten, ideale Verbreitungsbedingungen. Die Annahme, dass die Krankheit erstmalig durch verwundete Soldaten bzw. Kriegsgefangene nach Mistelbach gelangt sein könnte, erscheint durchaus plausibel. In dem auf mehrere Standorte (Krankenhaus, Kindergarten, Turnsaal, ehem. Notspital in der Hochgasse, später auch die Knabenschulgebäude) verteilten hiesigen Reservespital des Roten Kreuzes wurden neben den eigenen Verwundeten auch verletzte Kriegsgefangene versorgt. Im Jahr 1917 umfasste das Mistelbacher Reservespital insgesamt 541 Betten und es ist davon auszugehen, dass diese mit Fortdauer des Krieges auch in hohem Ausmaß belegt waren.2 Darüber hinaus befanden sich auch zumeist russische Kriegsgefangene in Mistelbach, die Zwangsarbeit in der Landwirtschaft verrichten mussten. Zwei italienische Kriegsgefangene, die am 21. Oktober 1918 im Reservespital verstarben, waren die ersten Todesopfer der Spanischen Grippe in Mistelbach. Bis Ende Oktober erlagen laut dem Sterbebuch der Pfarre fünf weitere italienische bzw. russische Kriegsgefangene dieser Krankheit im Vereins-Reservespital und im Mistelbacher Krankenhaus verstarben eine ältere Frau aus Schleinbach3 bzw. ein Kind aus Eibesthal. Unter der Mistelbacher Bevölkerung gab es im Oktober 1918 keine Todesopfer zu beklagen.4

Am 2. November 1918 berichtete der Mistelbacher Korrespondent der in Krems herausgebenen „Österreichische Land-Zeitung“ in der Beilage „Unterm Manhartsberg“ (Anm. damalige Bezeichung für das Weinviertel) davon, dass die Spanische Grippe nun auch in Mistelbach wüte.5 Kritisch bemerkt der Berichterstatter, dass pandemiebedingt zwar seit Anfang Oktober die Schulen geschlossen seien, aber etwa das Kino weiterhin geöffnet habe. Auch laut diesem Bericht habe es hier bislang noch keine bösartigen Krankheitsverläufe gegeben – die bis dahin verstorbenen Kriegsgefangenen bzw. auswärtigen Todesopfer wurden hier wohl bewusst ausgeklammert. Oftmals seien ganze Haushalte von der Erkankung betroffen, doch sei das mittlerweile weit verbreitete Auftreten von Gliederschmerzen unter den bleichgesichtigen Kranken bereits als Zeichen für das Abklingen der Erkrankung zu deuten. Die Einschätzung bzw. Hoffnung des Berichterstatters, dass „die Seuche bereits im Abflauen“ sei, spiegelt sich in den Todesfällen des Monats November allerdings nicht wieder, da in diesem Monat laut dem Sterbebuch der hiesigen Pfarre der Höchststand mit 23 Grippe-Todesfällen6 erreicht wurde. Unter diesen 23 Toten befanden sich: drei Soldaten, drei Kriegsgefangene, vier Flüchtlinge (Südtiroler Flüchtlingsstation), zehn (vermutlich) im Pfarrgebiet (Mistelbach, Lanzendorf, Ebendorf) wohnhafte Personen7 und drei Personen aus der weiteren Umgebung, die im Krankenhaus an den Folgen der Grippe verstarben. Im Dezember forderte die Pandemie fünf weitere Menschenleben (eine Person davon aus Mistelbach) und in den Monaten Jänner und April 1919 starb jeweils eine Person bzw. im März 1919 drei Personen an den Folgen dieser Erkrankung. Mit Ausnahme eines Todesopfers stammten alle im Frühjahr 1919 an der Grippe Verstorbenen aus Mistelbach.

Die obige Statistik zeigt bereits, dass die Zahl der Todesfälle in Mistelbach grundsätzlich durch die vorhandenen medizinischen bzw. sozialen Einrichtungen (Krankenhaus, Landessiechenanstalt, Waisenhaus), in denen Personen aus der näheren und weiteren Umgebung betreut bzw. untergebracht waren, verzerrt wird und diese nicht mit der Anzahl der Todesfälle unter den Bewohnern der Stadt gleichzusetzen ist. Damals erhöhten zusätzlich noch die in Mistelbach untergebrachten Südtiroler-Flüchtlinge und die zahlreichen verwundeten Soldaten und Kriegsgefangenen im Reserve-Spital die Zahl der in Mistelbach weilenden Personen und damit einhergehend stieg auch bereits zuvor die Zahl der nicht durch die Pandemie bedingten Todesfälle überproportional zur Einwohnerzahl der Stadt. Unabhängig davon woher die Toten stammten wurde deren Ableben im Sterbebuch der Pfarre Mistelbach festgehalten. Die insgesamt fünfzehn Todesopfer unter den Einwohnern Mistelbachs deckten das gesamte Alterspektrum vom Säugling bis ins Greisenalter ab und auch in Ermangelung eines aufgrund der besonderen Umstände zu Kriegsende tauglichen Vergleichszeitraums, lässt deren vergleichsweise geringe Zahl wohl den Schluss zu, dass im Zeitraum November 1918 bis April 1919 keine signifikante Übersterblichkeit gegeben war.

Auch in den übrigen heutigen Katastralgemeinden gab es nur wenige Grippe-Tote zu beklagen, wie folgende auf Basis der Sterbebücher erstellte Übersicht zeigt:

Eibesthal: sieben Grippe-Tote im Zeitraum Oktober bis Dezember 1918 (drei davon verstarben in Mistelbach:  ein Kind (Okt.) und zwei Soldaten (Nov.) und diese werden oben bereits erwähnt und scheinen sowohl im Mistelbacher, als auch im Eibesthaler Sterbebuch auf.)8

Frättingsdorf: ein Grippe-Toter im November 19189

Hörersdorf: vier Grippe-Todesfälle im Zeitraum November bis Dezember 191810

Hüttendorf: keine Todesfälle in Zusammenhang mit der spanischen Grippe.
Zwar gab es eine Influenza-Tote im August 1918, doch handelte es sich hierbei zweifellos um eine „gewöhnliche“ Grippe-Erkrankung mit Todesfolge, und nicht um einen frühen Fall der Spanischen Grippe, die sich erst später in der Region verbreitete.

Kettlasbrunn: ein Grippe-Toter im November 191811; desweiteren verstarb noch ein Kleinkind aus Kettlasbrunn im November 1918 im Mistelbacher Krankenhaus

Paasdorf: zwei Grippe-Todesfälle im Oktober bzw. November 191812

Siebenhirten: Laut der Chronik von Prälat Stubenvoll erkrankten auch in Siebenhirten viele an der Spanischen Grippe, allerdings verlief die Erkrankung nur in zwei Fällen tödlich (beide im November 1918)13

Es ist fraglich, ob die Medizin bzw. konkret die Pathologie mit den ihr damals zur Verfügung stehenden technischen Mitteln auch tatsächlich alle an der Spanischen Grippe verstorbenen Menschen korrekt als solche identifizieren konnte. Schließlich zählten in damaliger Zeit Atemwegserkrankungen (Lungenentzündung, Bronchitis, Tuberkulose, …) allgemein zu den häufigsten Todesursachen und genau deren Auftreten im Zuge des Krankheitsverlaufs war dann die tatsächliche Todesursache der Opfer der Spanischen Grippe, wie klar aus den Einträgen im Sterbebuch hervorgeht. Bei den ersten drei Todesfällen wurde im Sterbebuch neben der Todesursache Lungenentzündung/Grippe in Klammern auch „morbus iberica“ (=spanische Krankheit) angemerkt, wohl um den als Todesursache neuen Terminus „Grippe“ näher zu beschreiben.  Erstaunlicherweise listete das von der Pfarre geführte Sterbebuch nicht nur Verstorbene der christlichen Konfessionen (inkl. russisch-orthodox) auf, tatsächlich finden sich darin auch Einträge zu zwei damals verstorbenen muslimischen Kriegsgefangenen aus Russland. Jüdische Opfer dieser Krankheit wären wohl in den Matriken der jüdischen Gemeinde Mistelbach festgehalten worden, allerdings gingen diese nach Auflösung der Gemeinde 1938 leider verloren, sodass etwaige jüdische Opfer der Spanischen Grippe in Mistelbach nicht nachverfolgt werden können. Allerdings finden sich in dem sehr umfangreichen und detailliert recherchierten Werk14 von Frau Prof. Ida Olga Höfler zu den Biografien der  jüdischen Bevölkerung des Bezirks Mistelbach keine Informationen zu an dieser Krankheit verstorbenen Personen unter der jüdischen Bevölkerung Mistelbachs.

Quellen (und Anmerkungen):

  1. Mistelbacher Bote, Nr. 42/1918, S. 4
  2. Frauenhaar und Frauenzimmer (2011), S. 64f Band XI der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart;
    Bericht über die Nutzung der Knabenschule als Teil des Vereins-Reservespitals: Neues Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 32/1918, S. 7
  3. möglicherweise war die als „Armenpfrüdnerin“ bezeichnete gebürtige Schleinbacherin bereits zuvor in einer Mistelbacher Sozialeinrichtung untergebracht
  4. Pfarre Mistelbach: Sterbebuch (1915-1920), Fol. 159
    Einträge im Sterbebuch der Pfarre Mistelbach
  5. Beilage „Unterm Manhartsberg zur Österreichische Land-Zeitung Nr. 44, 2. November 1918 (ONB: ANNO)
  6. Eine Mistelbacherin, Else Ribing, die sich bei ihrem Freiwilligendienst als Krankenschwester in einem Lazarett mit der Grippe infizierte und in Wien verstarb, wird natürlich aufgrund ihrer Beisetzung auf dem Mistelbacher Friedhof im Sterbebuch der Pfarre angeführt. Für die Zwecke der hier geführten Statistik, als „nicht in Mistelbach erkrankte Person“ und damit nicht in der Zahl der Todesfälle berücksichtigt
  7. Die Identifkation der in Mistelbach wohnhaften Toten ist aufgrund der spärlichen Angaben im Sterbebuch bzw. der damals gültigen Heimatzuständigkeit (die über den Wohn- bzw. Dienstort nicht zwingend etwas aussagte) schwierig. Sofern die Person nicht im Krankenhaus verstarb, wurde im Zweifel eine lokale Adresse als Todesort, als Indiz für einen gewöhnlichen Aufenthalt in Mistelbach gewertet.
  8. Pfarre Eibesthal: Sterbebuch 1899-1932, Fol. 69
    Einträge im Sterbebuch der Pfarre Eibesthal
  9. Pfarre Hörersdorf: Sterbebuch 1897-1918, Fol. 58
    Eintrag im Sterbebuch der Pfarre Hörersdorf
    Anm.: Frättingsdorf gehörte damals zur Pfarre Hörersdorf
  10. Pfarre Hörersdorf: Sterbebuch 1897-1918, Fol. 58
    Einträge im Sterbebuch der Pfarre Hörersdorf
  11. Pfarre Kettlasbrunn: Sterbebuch 1899-1938, Fol. 68
    Eintrag im Sterbebuch der Pfarre Kettlasbrunn
  12. Pfarre Paasdorf: Sterbebuch 1899-1938, Fol. 90
    Einträge im Sterbebuch der Pfarre Paasdorf
  13. Stubenvoll, Franz: Siebenhirten bei Mistelbach – Eine Geschichte des Ortes, seiner Herrschaften und seiner Pfarre (1986), Band I, S. 435;
    Pfarre Siebenhirten: Sterbebuch 1916-1938, Fol. 7
    Einträge im Sterbebuch der Pfarre Siebenhirten
  14. Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017)
Dieser Beitrag wurde unter Ereignisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.