Schulgasse (Ebendorf)

Die Geschichte des hier verlaufenden Weges reicht weit zurück bevor die namensgebende Schule errichtet wurde.1 Dieser zunächst schlichte Feldweg diente bereits vor dem Anfang des 18. Jahrhunderts auf kaiserliche Anordnung erfolgten Ausbau der Brünner Straße zu einer der Hauptverkehrsachsen des Reichs, als Zubringer dieser Straße bzw. Verbindungsweg nach Schrick. Das Bestehen dieses Weges ist auch durch das Schicksal des Ebendorfer Landwirts Weinert überliefert, der 1679 mit seinem Pferdegespann aus Wien zurückkehrte. Damals wütete die Pest in der Hauptstadt und als er erste Krankheitssymptome kurz vor Erreichen seines Heimatortes bemerkte, schickte Weinert sein Fuhrwerk alleine weiter, um die tödliche Krankheit nicht nach Ebendorf einzuschleppen. Bei der damals angeblich bereits bestehenden, vor dem Ortsgebiet gelegenen und aus Holz erbauten Marienkapelle („Maria unter den Linden“), soll er fromm betend sein tödliches Schicksal erwartet haben. Zum Gedenken an sein vorausschauendes Handeln und zum Dank dafür, dass sie diesmal von der Pest verschont blieben, ließen die Ebendorfer die Kapelle neu aus Stein errichten und Weinert wurde bei der Kapelle begraben.2 So lautet die Geschichte laut Darstellungen aus der Zeit zu Ende des 19. Jahrhunderts (im Wesentlichen die Topographie von Niederösterreich (herausgegeben vom Verein für Landeskunde)).  Univ.-Prof. Dr. Herbert Mitscha-Märheim – zweifellos der profundeste Kenner der Geschichte Ebendorfs – schildert die damalige Begebenheit in seiner 1971 erschienenen „Kleinen Geschichte Ebendorfs“ geringfügig anders: laut ihm hieß der Ebendorfer Landwirt Weiner und die Kapelle sei erst nach dem Ableben Weiners entstanden. Nachdem die Kapelle im Jahr nach Weiners Tod neben dessen Grab zunächst als Holzbau errichtet worden war, soll sie erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Steinbau ausgeführt worden sein.3

Ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt die Kapelle allerdings erst im Zuge eines von Gutsbesitzer Dr. Josef Mitscha von Märheim initiierten und finanzierten Neubaus, der schließlich im Jahre 1904 geweiht wurde. Die Kapelle wurde damals deutlich vergrößert und im Zuge von Fundamentierungsarbeiten wurde ein Skelett gefunden, bei dem es sich wohl um die Gebeine Weiner(t)s gehandelt haben dürfte. Sein Ableben lässt sich in den zu diesem Zeitpunkt bereits geführten Pfarrmatriken leider nicht nachvollziehen – allerdings haben Recherchen von Prof. Mitscha-Märheim belegt, dass es zu jener Zeit mehrere Personen mit diesem Nachnamen in Ebendorf gab. Das Sterbebuch aus jener Zeit ist zwar überliefert und nach den damals zur Pfarre Mistelbach gehörenden Gemeinden gegliedert, allerdings finden sich zu jener Zeit lediglich Einträge zu Mistelbach, Siebenhirten, Hüttendorf und Lanzendorf – Ebendorf fehlt.

Die Kapelle „Maria unter den Linden“ am oberen Ende der Ebendorfer Schulgasse unmittelbar nach ihrer Neuerrichtung im Jahre 1904 (Ausschnitt einer Postkarte aus dem Verlag Thomas Freund)Die Kapelle „Maria unter den Linden“ am oberen Ende der Ebendorfer Schulgasse unmittelbar nach ihrer Neuerrichtung im Jahre 1904 (Ausschnitt einer Postkarte aus dem Verlag Thomas Freund)

Die Ebendorfer Kinder besuchten bis in die 1870er die Schule in Lanzendorf. Da aber der Schulweg zwischen Ebendorf und Lanzendorf, die heutige Grubenmühlstraße, nur sehr schlecht befestigt war und die Kinder – von denen viele keine Schuhe hatten – oftmals durch die umliegende feuchte Au ausweichen mussten, bestand schon seit langem der Wunsch nach einer eigenen Schule. Die finanziellen Mittel der Gemeinde Ebendorf reichten dafür nicht aus und die Situation änderte sich erst als der bereits erwähnte Dr. Josef Ritter Mitscha von Märheim 1874 das Ebendorfer Schloss samt dem zugehörigen Gut erwarb. Er erklärte sich 1879 bereit die Kosten für die Errichtung eines Schulgebäudes und dessen Innenausstattung zu übernehmen. Schon im darauffolgenden Jahr konnte das Schulgebäude bestehend aus einem Klassenzimmer und einer Lehrerwohnung eingeweiht werden. Zehn Jahre später überstieg die Anzahl der Kinder den im Klassenraum verfügbaren Platz bereits deutlich und daher wurde die alte Lehrerwohnung in einen zweiten Klassenraum umgebaut sowie eine neue Lehrerwohnung zugebaut. Ab den 1920er Jahren sank die Zahl der Schulkinder und Anfang der 1930er Jahre wurde die Schule schließlich nur mehr einklassig geführt. Aufgrund Lehrermangels fand von 1941 bis 1945 in der Ebendorfer Schule kein Unterricht statt und die Kinder wurden der Mistelbacher Schule zugewiesen. 1945 gab es dann kurzzeitig gemeinsamen halbtägigen Unterricht abwechselnd in Lanzendorf und Ebendorf, ehe ab November 1945 dann wieder eigenständiger Unterricht in Ebendorf stattfand. Während die Schule von 1947 bis 1953 wieder zweiklassig geführt wurde, wurden die wenigen Schüler danach wieder zu einer einzigen Schulklasse zusammengefasst. 1966 folgte schließlich das Ende der Ebendorfer Schule, die wie viele andere kleine Dorfschulen im Zuge einer Schulreform geschlossen wurde und seither besuchen die Ebendorfer Kinder die Schule in Mistelbach.4

Die Ebendorfer Schule auf einer Ansichtskarte aus den 1930er JahrenDie Ebendorfer Schule auf einer Ansichtskarte aus den 1930er Jahren

Nachdem die umliegenden Dorfschulen geschlossen wurden und aufgrund starken Geburtenjahrgänge, herrschte in den Mistelbacher Pflichtschulen, die in der Bahnstraße (Mädchen) und Thomas-Freund-Gasse (Knaben) untergebracht waren, große Raumnot. Daher wurden Ende der 1960er Jahre auch die Räumlichkeiten der ehemaligen Ebendorfer Schule von der Mistelbacher Knaben-Hauptschule genutzt, bevor schließlich die Eröffnung eines eigenen Volksschulgebäudes in der Bahnzeile im Jahre 1971 Entlastung brachte. Ihre Rolle als Raumreserve für Mistelbacher Bildungseinrichtungen erfüllte die Ebendorfer Schule abermals im Schuljahr 1976/77 als die neu eröffnete Mistelbacher Handelsakademie und Handelsschule – zunächst lediglich eine Expositur der BHAK und BHAS Korneuburg – in der alten Ebendorfer Schule untergebracht war. Dieses Provisorium überbrückte den Zeitraum bis zur Übersiedlung in das damals noch in Bau befindliche Bundesschulzentrum, das mit dem darauffolgenden Schuljahr eröffnet werden konnte.5

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Ebendorf mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 27. Juni 1979 erhielt diese Straße, den zweifellos seit Ende des 19. Jahrhunderts umgangssprachlich gebräuchlichen Namen „Schulgasse“ nunmehr offiziell.6 Die alte Ebendorfer Schule wird seit Jahrzehnten von verschiedenen Ebendorfer Vereinen genutzt und dient auch als Veranstaltungsort.

Der auf Höhe des Schulgebäudes beginnende und parallel zur Schulgasse verlaufende Promenadenwege zur Marienkapelle wurde im Zuge des Neubaus der Kapelle im Jahre 1904 angelegt. An markanten Gebäuden weist die Schulgasse zum einen den als Wahrzeichen Ebendorfs fungierenden, 1879 errichteten, Glockenturm an der Einmündung zur Ebendorfer Hauptstraße auf, sowie eine 1903 im damaligen Stil von Gutsbesitzer Dr. Josef Mitscha von Märheim errichtete Villa an der Adresse Schulgasse Nr. 11 auf.7 Außerdem befindet sich neben dem Schulgebäude das 1922 errichtete Kriegerdenkmal.

Wo befindet sich die Schulgasse (Ebendorf)?

 

Bildnachweis:
-) Sammlung des Autors

Quellen:

  1. Anmerkung: Interessanterweise findet sich lediglich der obere Teil des Weges in der Josephinischen Landesaufnahme aus den 1770er Jahren verzeichnet – die Anbindung an den Ort fehlt. Allerdings deutet die dargestellte Anordnung der Häuser im Kreuzungsbereich der Schulgasse mit der Ebendorfer Hauptstraße darin bereits deutlich auf das Bestehen eines Weges hin. Auch die weiter unten geschilderte Überlieferung des Pestkranken Weiner(t) setzt voraus, dass hier schon im 17. Jahrhundert ein fahrbarer Weg bestanden haben muss. In der knapp 50 Jahre später geschaffenen Franziszeischen Landesaufnahme (1821) lässt sich der Verlauf der Straße hingegen gut erkennen.
  2. Becker, Moritz Alois Ritter von: Art. Ebendorf in: Topographie von Niederösterreich (hrsg. Verein für nö. Landeskunde) Band II, Heft 10 (1883), S. 398-400 (Online NÖ Landesarchiv);
    Glier, Josef: Der politische Bezirk Mistelbach – Ein Beitrag zur Heimatkunde für Schule und Haus (1889), S. 67 (Online verfügbar in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek);
    Bote aus Mistelbach, Nr. 21/1904, S. 5 (ONB: ANNO)
    Anm.: die beiden letztgenannten Quellen dürften sich ausschließlich auf die Angaben in der Topographie von Niederösterreich stützen.
  3. Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: Eine kleine Geschichte von Ebendorf bei Mistelbach (1971), S. 50f
  4. Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: Eine kleine Geschichte von Ebendorf bei Mistelbach (1971), S. 48f
  5. Festschrift anlässlich der Eröffnung und Segnung der neuen Gebäude der Schulstandortgemeinschaft Mistelbach am 17. November 1978 (1978), S. 31
  6. Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 212, Oktober 1979 (ohne Seitennummerierung)
  7. Bote aus Mistelbach, Nr. 21/1904, S. 5 (ONB: ANNO)
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