von Schluetenberg, Innocenz

Bezirksarzt Dr. Innocenz Edler von Schluetenberg

* 18.11.1832, Negau (Untersteiermark, heute: Slowenien)
† 10.2.1882, Wien

Innocenz Edler von Schluetenberg wurde 1832 als Sohn des Gutsherrn Cajetan von Schluetenberg und dessen Gattin Filizzine, geb. Seutscher im untersteirischen Negau geboren.1 Sein Vater war Pächter und Verwalter der Herrschaft Negau (Negova) und später auch Besitzer des unweit davon gelegenen Guts Tribein (Drvanja) und während des kurzen demokratischen Strohfeuers im Revolutionsjahr 1848/49 Abgeordneter des provisorischen Landtags des Herzogtums Steiermark.2 Bereits der aus Kärnten stammende Großvater Mathias Schluet wurde 1823 für seine langjährigen treuen Dienste in der k.k. illyrischen Dominienverwaltung in Laibach, insbesondere während der schwierigen Zeit der Franzosenkriege bzw. der Besatzung durch die Truppen Napoleons, durch kaiserlichen Entschluss mit dem Prädikat „Edler von Schluetenberg“ in den erblichen Adelsstand erhoben.3 Richtig lautete der Nachname der Familie daher „Schluet Edler von Schluetenberg“, allerdings schon der Großvater führte seinen Namen ausschließlich als „von Schluetenberg“, also unter Weglassung des ursprünglichen Familiennamens von dem sich das Adelsprädikat ableitete und dies wurde später auch von offizieller Seite zumindest für eine andere Linie der Familie so bestätigt.4

Das Wappen der Edlen von Schluetenberg, wie es in einer überarbeiteten Auflage von J. Siebmachers Wappenbuch abgebildet ist.

Das Wappen der Edlen von Schluetenberg, wie es in einer überarbeiteten Auflage von J. Siebmachers Wappenbuch abgebildet ist.5

Jedenfalls vom Wintersemester 1850/51 bis Sommersemester 1855 studierte Innocenz von Schluetenberg an der medizinischen Fakultät der Universität Wien und während dieser Zeit wohnte er an verschiedenen Adressen in der Josefstadt.6 Der Beginn seines Studiums im Jahre 1850 im Alter von 18 Jahren erscheint plausibel, allerdings kann ein etwaig früherer Studienbeginn aufgrund der Tatsache, dass die übersichtlichen Studienkataloge erst für den Zeitraum ab 1850 vorhanden sind, nicht ausgeschlossen werden. Für die damalige Zeit laut Mitarbeitern des Universitätsarchivs nicht ungewöhnlich, wurde er jedoch erst 1858, also drei Jahre nach Ende seiner Studien, zum Doktor der Medizin promoviert.7 Die Chirurgie war damals ein separat geführtes Studienfach, und auch in diesem erwarb von Schluetenberg das Doktorat und konnte somit auch damals bereits als „Doktor der gesamten Heilkunde“ gelten. 1862 wurde er als Mitglied in das Doktorenkollegium der medizinischen Fakultät der Universität Wien aufgenommen.8 Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Zusammenschluss von an der Universität Lehrenden (=Professorenkollegium), sondern um ein Gremium im damaligen Organisationsgefüge der Universitäten, das sich aus den graduierten Doktoren der jeweiligen Fakultät zusammensetzte und das beispielsweise bei der Wahl des Dekans (bzw. Rektors) und bei Prüfungen/Promotionen bestimmte Aufgaben wahrnahm.9

Im Jahre 1858 wurde die Arztstelle in Mistelbach vakant und Dr. von Schluetenberg zog nach Mistelbach und erwarb das in barockem Stil erbaute Eckhaus Oserstraße (Nr. 1)/Wiedenstraße (Nr. 4), auf dem bereits seit vielen Jahren die Mistelbacher (Wund)Ärzte bzw. Chirurgen ansässig waren, von seinem Vorgänger Dr. Franz Pechlaner.10 Dass dieses Haus Sitz der medizinischen Versorgung war hatte einen bestimmten Grund: Erst Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Chirurgie von einem Handwerk zu einer akademischen Ausbildung und die Ausübung des chirurgischen Gewerbes in Mistelbach war nach altem Gewerberecht an dieses Haus gebunden („radiziert“) und diese alten Rechte wirkten bis weit ins 19. Jahrhundert fort und banden später auch die chirurgisch tätigen Ärzte. Am 21. Juni 1862 ehelichte Dr. von Schluetenberg die Tochter des Wilfersdorfer Postmeisters Antonia Gruber in der Pfarrkirche Wilfersdorf11 und dieser Ehe entstammten eine Tochter und ein Sohn.

Neben seiner gewöhnlichen Tätigkeit als Arzt hatte Dr. von Schluetenberg auch zahlreiche weitere ärztliche Ämter inne: Gemeinde-Armenarzt von Mistelbach, ab Eröffnung der Bahnstrecke 1870 war er auch Bahnarzt12 und Mitte der 1860er Jahre scheint Dr. von Schluetenberg weiters als zuständiger Badearzt im damals wohl entstandenen „Eisenbad“ Ladendorf, einem Wannenheilbad, dessen eisen- und schwefelhaltiges Quellwasser besonders zur Linderung von „Frauenkrankheiten“ angespriesen wurde, und das mit Unterbrechnungen bis in die 1930er Jahre existierte.13 Größte berufliche Herausforderung war mit Sicherheit die durch preußische Truppen im Sommer des Jahres 1866 eingeschleppte Cholera-Epidemie, die binnen kurzer Zeit 131 Todesopfer unter der Mistelbacher Bevölkerung forderte.14 Fitzka lobte Dr. von Schluetenberg in seiner „Geschichte der Stadt Mistelbach“ als „menschfreundlichen und opferwilligen Arzt und Diagnostiker ersten Ranges„, der auch abseits seines Berufs eifrig und uneigennützig zum Wohle der Stadt wirkte.15

Jedenfalls von 1867 bis 1870 gehörte er dem Mistelbacher Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) an16, der sich während der Amtszeit von Bürgermeister Josef Strasser mehrheitlich aus Personen zusammensetze, die der liberalen Partei nahestanden. Schließlich prägte die Deutschliberale Partei („Verfassungstreue“) ab Ende der 1860er Jahre auch auf Landes- und Reichsebene maßgeblich das politische Geschehen und nachdem zuvor mittels bürokratischer Hürden versuchte wurde die politische Arbeit eines Vorgängervereins zu vereiteln17, sammelten sich die liberalen politischen Kräfte im Bezirk Mistelbach schließlich im 1872 gegründeten „Deutschen Verein“. Von Schluetenberg wurde zum ersten Obmann dieses politischen Vereins gewählt, lehnte die Annahme dieses Amtes jedoch ab und gehörte stattdessen dem Ausschuss des Vereins an bzw. engagierte sich in der Folge auch immer wieder als Vertreter der vor Wahlen gebildeten liberalen Wahlkomitees.18 Über Jahre hinweg war er auch als Obmann des Ortsschulrates tätig und während seiner Obmannschaft wurde 1873 das neue Volks- und Bürgerschulgebäude in der Bahnstraße (spätere Mädchenschule, heute Teil des Pflichtschulzentrums) errichtet.19 Von der Gründung im Jahre 1869 bis 1871 gehörte er weiters dem Direktorium der städtischen Sparkasse an.20 Im Oktober 1867 zählte Dr. von Schluetenberg zu den Gündungsmitgliedern des Deutschen Turnvereins in Mistelbach, gehörte als Turnrat auch dem ersten gewählten Vereinsvorstand an und leitete in den ersten Monaten des Bestehens des Vereins auch die wöchentlichen Turnübungen.21 In den 1870er Jahren war Dr. von Schlutenberg darüber hinaus in der Interessensvertretung seines Berufsstandes aktiv und zwar als Obmann der Mistelbacher Sektion des „Vereins der Ärzte in Niederösterreich“.22

Aufgrund seiner oben geschilderten Verdienste um das Gemeinwohl und die vorbildliche medizinische Betreuung der Mistelbacher Bevölkerung fasste der Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) am 13. Juli 1871 den einstimmigen Beschluss Dr. von Schluetenberg zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde Mistelbach zu ernennen.23 Die Verleihung dürfte anlässlich seines Abschieds aus Mistelbach erfolgt sein, denn im Sommer des Jahres 1871 kam es zu einer Neuorganisation des Sanitätswesens in Niederösterreich und er wurde zum Bezirksarzt für den Sanitätsbezirk Waidhofen a.d. Thaya berufen24 und war für die Dauer seines Aufenthalts auch ärztlicher Leiter des dortigen Krankenhauses25. Doch als wenige Monate später im Februar 1872 die Stelle des Mistelbacher Bezirksarztes aufgrund des Ablebens von Dr. Komoraus (Feldsberg) frei wurde, kehrte Dr. von Schluetenberg auf eigenen Wunsch in dieser Funktion nach Mistelbach zurück.26 Anlässlich der Übersiedlung nach Waidhofen a.d. Thaya verkaufte Familie von Schluetenberg im Sommer des Jahres 1871 ihren bisherigen Wohnsitz und Praxistandort und mit diesem Verkauf endet auch die mehr als hundertfünfzig Jahre zurückreichende medizinische Nutzung des Eckhauses Oserstraße Nr. 1/Wiedenstraße Nr. 4.27 An welcher Adresse Dr. von Schluetenberg nach seiner Rückkehr wohnte bzw. ordinierte konnte nicht geklärt werden.

Im Herbst 1881 zwang ihn eine schwere Erkrankung, die beinahe zu seiner Erblindung führte, zur Aufgabe des Arztberufs 28 und er übersiedelte gemeinsam mit seiner Familie nach Wien, wo er sich im Stadtteil Landstraße niederließ. Dr. von Schluetenberg verstarb nach längerem Leiden am 10. Feburar 1882 im Alter von nur 49 Jahren an Kehlkopftuberkulose. Seine sterblichen Überreste wurden zwei Tage nach seinem Ableben auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.29

Quellen:

  1. Pfarre Negau (Negova): Taufbuch (1784-1835), Fol. 67
    Eintrag Taufbuch Pfarre Negau (matricula online)
  2. Gatti, F. A.: Die Ereignisse des Jahres 1848 in der Steiermark (1850), S. 211 (Google Books)
  3. Oesterreichischer Beobachter, 1. April 1823 (Nr. 91/1823), S. 400 (ONB: ANNO);
    Goeschen, Oscar (Bearb.): J. Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch  – Kaerntner Adel, Band IV. 8., Heft 2, S. 201 (Google Books)
  4. Letztgültig geklärt dürfte die Namensangelegenheit nicht gewesen sein, denn beim Eintrag im Trauungsbuch der Pfarre Wilfersdorf in der Dr. von Schluetenberg 1862 den Bund der Ehe schloss (siehe weiter unten), wurde im Jahre 1907 – also 45 Jahre nach der Trauung und 25 Jahre nach seinem Tod – mittels Vermerk festgehalten, dass laut einem aus diesem Jahr stammenden Erlass der nö. Statthalterei der Nachname des Bräutigams und seines Vaters korrekt „Schluet Edler von Schluetenberg“ laute.
  5. Goeschen, Oscar (Bearb.): J. Siebmachers großes und allgemeines Wappenbuch  – Kaerntner Adel, Band IV. 8., Tafel 25 (Google Books)
  6. Studienkataloge WS 1850 bis Sommersemester 1855 der medizinischen Fakultät der Universität Wien (Universitätsarchiv Wien)
  7. Nader, Dr. Josef (Hrsg.): Fromme’s Oesterreichischer Medizinal-Kalender 1874 (29. Jahrgang), S. 93 (Google Books)
  8. Wiener Medizinische Wochenzeitschrift, 25. Oktober 1862 (12. Jg. – Nr. 43), S. 687 (ONB: ANNO)
  9. Staudigl-Ciechowicz, Kamilla: Politik und Hochschulrecht 1848-1945 In: Ash, Mitchell et al. (Hrsg): 650 Jahre Universität Wien – Aufbruch ins neue Jahrhundert, Band 2: Universität – Politik – Gesellschaft (2015), S. 432
  10. Nader, Dr. Josef (Hrsg.): Oesterreichischer Medizinal-Schematismus (1859), S. 273 (ONB: ANNO);
    Grundbuch der Barnabitenherrschaft im nö. Landesarchiv (Online Bestände des Landesarchivs)
  11. Pfarre Wilfersdorf: Trauungsbuch (1843-1897), Fol. 91
    Eintrag Trauungsbuch Pfarre Wilfersdorf (matricula online)
  12. Centralblatt für Eisenbahnen und Dampfschifffahrt in Oesterreich, 22. Oktober 1870 (9. Jahrgang – Nr. 84), S. 1003 (ONB: ANNO)
  13. Konstitutionelle Volks-Zeitung, 10. Mai 1865 (1. Jg. – Nr. 24), S. 7 (ONB: ANNO);
    rudimentäre Angaben zum Eisenbad bzw. der Besitzgeschichte nach dessen Schließung finden sich bei: Challupner, Eduard: Chronik Ladendorf (1993), S. 258
  14. Bollhammer, Fritz: „Das Jahr 1866 in Mistelbach“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1966), S. 330
  15. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 218
  16. Mistelbacher Zeitung, Nr. 7/1885, S. 2
  17. Vereins-Blatt – Beilage zur Deutschen Volkszeitung, 21. Juli 1871 (2. Jg. – Nr. 29), S. 11 (ONB: ANNO)
  18. Neue Freie Presse, 14. Mai 1872 (Nr. 2773), S. 3 (ONB: ANNO);
    Neue Freie Presse, 9. April 1873 (Nr. 3099), S. 3 (ONB: ANNO);
    Deutsche Zeitung, 29. Juni 1873 (Nr. 537), S. 2 (ONB: ANNO)
  19. Die Doppel-Volks-und Bürgerschule in Mistelbach. Zur Geschichte des 25-jährigen Bestandes (1898), S. 1;
    Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 113
  20. Festschrift 100 Jahre Sparkasse der Stadt Mistelbach In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1969), S. 508f
  21. Mistelbacher Bote, Nr. 36/1908, S. 4;
    Mistelbacher Bote, Nr. 31/1928, S.3
  22. Neue Freie Presse, 17. Juli 1874 (Nr. 3552), S. 6 (ONB: ANNO);
    Mittheilungen des Vereins der Ärzte in Nieder-Österreich, 15. Dezember 1878 (6. Band – Nr. 24), S. 286 (Google Books)
  23. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 218
  24. Bericht des niederösterreichischen Landes-Ausschusses über seine Amtswirksamkeit vom 1. Juni 1870 bis 31. Mai 1871, S. 167 (Google Books);
    Wiener Medizinische Wochenzeitschrift, Nr. 26/1871, S. 640 (ONB: ANNO);
    Wiener Zeitung, 1. Juli 1871 (Nr. 162/1871), S. 2 (ONB: ANNO)
  25. Weinrich, Dr. Berthold/ Plöckinger, Dipl.-Ing. Erwin: Niederösterreichische Ärztechronik – Geschichte der Medizin und der Mediziner Niederösterreichs (1990), S. 178
  26. Wiener Medizinische Wochenzeitschrift, Nr. 11/1872, S. 265 (ONB: ANNO);
    Bericht des niederösterreichischen Landes-Ausschusses über seine Amtswirksamkeit vom 1. Juni 1871 bis 31. Juli 1872, S. 143 (Google Books);
  27. Grundbuch der Barnabitenherrschaft im nö. Landesarchiv (Online Bestände des Landesarchivs);
    Prof. Spreitzer, Hans: „Aus der Wiedenstraße“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1961-1969), S. 91
  28. Wiener Medizinische Wochenzeitschrift, Nr. 49/1881, S. 1384 (ONB: ANNO)
  29. Pfarre Wien-Landstraße: Sterbebuch (1882-1885), Fol. 9
    Eintrag Sterbebuch Pfarre Wien-Landstraße (matricula online);
    Wiener Zeitung, 16. Februar 1882 (Nr. 38/1882), S. 10 (ONB: ANNO)
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