Mistelbacher Bürgermeisterkette

In der Sitzung vom 20. September 1907 beschloss der Niederösterreichische Landtag anlässlich des im darauffolgenden Jahr bevorstehenden 60-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph I. die Stiftung der sogenannten Bürgermeister-Medaille.1 Diese an einem blau-gelben Stoffband angebrachte, vergoldete Silbermedaille zeigt auf ihrer Vorderseite das Porträt des Kaisers mit den Jahreszahlen 1848-1908, umrandet von dem Schriftzug: „Die Grundfeste des freien Staates ist die freie Gemeinde“ – der ersten allgemeinen Bestimmung des im Jahr 1849 mittels kaiserlichem Patent erlassenen provisorischen Gemeindegesetzes. Auf der Rückseite ist das Wappen des Erzherzogtums Österreich unter der Enns abgebildet mit dem Vermerk „gewidmet vom Land Nieder-Österreich“. Diese Medaille wurde allen im Jahr 1908 im Amt befindlichen niederösterreichischen Bürgermeistern verliehen. Im Beitrag „Bürgermeister im Jubiläumsjahr 1908“, der Ausschnitte aus dem ebenfalls anlässlich dieses Regierungsjubiläums erschienenen Bürgermeisteralmanachs zeigt, sind auch die Bürgermeister der heutigen Katastralgemeinden als Träger dieser Medaille abgebildet.

Vorderseite der vom Landtag gestifteten Bürgermeister-MedailleRückseite der vom Landtag gestifteten Bürgermeister-Medaille


Der damalige Mistelbacher Bürgermeister Thomas Freund, der im Jahr 1908 sein zwanzigjähriges Amtsjubiläum feierte, nahm diese Medaille als Anlass für die Anschaffung einer Bürgermeisterkette und lies auf eigene Kosten eine solche anfertigen. Auch andere Städte (u.a. Amstetten, Klosterneuburg, Waidhofen a.d. Ybbs) nutzen die Medaille als Basis für die Schaffung von Bürgermeisterketten. Im Februar 1908 beauftragte Freund die Gold- und Silberwarenfabrik Johann Bauer in Wien-Neubau mit der Herstellung dieser ebenfalls aus vergoldetem Silber bestehenden Kette.2

Die Bürgermeisterkette im Originalzustand auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1991Die Bürgermeisterkette im Originalzustand auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1991

Die folgend dargestellten Kettenglieder sind miteinander durch vergoldeten Silberdraht verbunden:

Den Abschluss der Kette an der die Bürgermeister-Medaille befestigt ist, bildet eine Darstellung des Mistelbacher Wappens, umrandet von dem Schriftzug „Mistelpach“ in Anlehnung an die älteste überlieferte Darstellung eines Gemeindesiegel aus dem frühen 17. Jahrhundert. Auf der Rückseite findet sich folgende Gravur: Stifter der Kette Bürgermeister Thomas Freund 1888-1911

Das bis 1974 gebräuliche Wappen der Stadt MistelbachRückseite des Wappenstücks der Kette


Auf Medaillons mit jeweils 4 cm Durchmesser sind die Dreifaltigkeitssäule, die Pfarrkirche, die Elisabethkirche und das Rathaus abgebildet. Die beiden letztgenannten Wahrzeichen wurden in der Amtszeit von Bürgermeister Freund erbaut.

DreifaltigkeitssäulePfarrkirche mit Karner

RathausElisabethkirche


Sechs einander jeweils paarweise gegenüberliegende Kettenglieder mit Farbeinfassungen: schwarz-gelb für das Kaisertum Österreich bzw. das Haus Habsburg, blau-gelb für das Land Niederösterreich, grün-gelb für die Stadt Mistelbach, bilden neben der am oberen Ende angebrachten Schließe, die weiteren Kettenglieder. Die Gesamtlänge der Kette misst rund 85 Zentimeter bei einem Gewicht von etwa 280 Gramm.

Bürgermeister Freund 1908 abgebildet im BürgermeisteralmanachIm Rahmen der Gemeinderatssitzung vom 26. April 1908 präsentierte Freund die Kette und übergab sie in den Besitz der Gemeinde.3 Im Bild rechts: Bürgermeister Freund im Jahr 1908 mit der von ihm gestifteten Bürgermeisterkette.

Bürgermeister Franz Bayer gab die Kette am 23. August 1950 in die Obhut des städtischen Museums, da er sie offenbar für nicht mehr zeitgemäß hielt. In dem im Barockschlössl untergebrachten Museum wurde die Bürgermeisterkette derart „sicher verwahrt“, dass sie jahrelang als verschollen galt und erst am 18. November 1983 in einem dort befindlichen barocken Tabernakelschrank wieder aufgefunden wurde.4 Seither wird sie zu besonderen, offiziellen Anlässen – bspw. dem jährlichen Neujahrsempfang – vom Bürgermeister getragen. Da der Glanz der Kette im Laufe der Jahrzehnte verblasst war und das Metall Patina angesetzt hatte, gab es bereits bald nach dem Wiederauffinden die Idee, die Kette restaurieren zu lassen. Dieses Vorhaben wurde jedoch aus finanziellen Gründen immer wieder aufgeschoben, bevor es schlussendlich 1998 unter Bürgermeister Resch realisiert werden konnte. Im Zuge dieser Restaurierung wurde auch das Aussehen der Kette etwas verändert, indem die Vergoldung des Stadtwappens und jene der die Wahrzeichen der Stadt zeigenden Medaillons entfernt wurde, sodass diese sich nun im Silberglanz zeigen.

Die Bürgermeisterkette in ihrem heutigen Erscheinungsbild, die Rückseite der Bürgermeister-Medaille zeigend:

Die Bürgermeisterkette im Jahr 2019, nach der Überarbeitung Anfang der 2000er Jahre und die Rückseite der Bürgermeister-Medaille zeigend

Fotos:
-) Göstl-Archiv
-) zVg von der Stadtgemeinde Mistelbach

Quellen:
-) Exl, Mag. Engelbert: „Die Mistelbacher Bürgermeisterkette“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 29f
-) Mistelbacher Bote, Nr. 18/1908, S. 3f
-) Auskunft Bgm. a.D. RegR Alfred Weidlich

  1. Wiener Abendpost – Beilage zur Wiener Zeitung vom 20. September 1907, S. 2f (ONB: ANNO)
  2. Mistelbacher Bote, Nr. 9/1908, S. 3
  3. Protokoll der Gemeinderatssitzung 26.4.1908, Mistelbacher Bote, Nr. 18/1908, S. 3
  4. Göstl, Georg/ Leithner, Johann/ Weidlich, Alfred/ Steiner, Oskar/ Kummer, Johann: Mistelbacher Chronik von 1914 bis 1988, Band IV (1989) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 102
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