Josef Dunkl-Straße
Seit jeher bildete die heutige Josef Dunkl-Straße in Verbindung mit der Bahnstraße die Ein- bzw. Ausfahrtsstraße Richtung Westen und sie ist damit Teil der Ost-West-Verkehrsachse durch die Stadt. Erst nach der Eröffnung der Bahnstrecke im Jahre 1870 wurde die bis dahin nur spärlich verbaute Bahnstraße sukzessive baulich erschlossen und in der Josef Dunkl-Straße entstanden erste Bauten schließlich in den 1890er Jahren.1 In letzterer zählten dazu Holzhandlungen mit großen Lagerplätzen (auf den heutigen Nr. 9 und 11: Josias Eißler und Söhne, auf Nr. 17 und 19: Ludwig Abeles/Berthold Pisk), die sich ursprünglich im Bereich der unteren Bahnstraße befanden und die aufgrund der wachsenden Stadt nun etwas weiter außerhalb neu angelegt wurden. Näheres zur Geschichte der Holzhandlung Josias Eißler findet sich übrigens im Beitrag zur Quergasse. Prof. Hans Spreitzer schreibt in einem 1955 in der Mistelbacher-Laaer Zeitung erschienenen Artikel unter dem Titel „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“, dass für die heutige Josef Dunkl-Straße früher (wann genau erwähnt er nicht) der heute anderweitig vergebene Name „Hüttendorfer Weg“ gebräuchlich gewesen sei.2 Natürlich führt die Straße Richtung Hüttendorf, doch den kürzesten Weg in den Nachbarort bildete der heutige „Hüttendorfer Weg“ – ein Feldweg der tatsächlich oberhalb des Hüttendorfer Wegs verläuft – also die Fortsetzung des Differtenwegs und der heute unter der Bezeichnung „Am Auweg“ im Kreuzungsbereich am Ortseingang von Hüttendorf endet. Für (schwere) Fuhrwerke war dieser über einen Höhenrücken führende Weg wohl nur mäßig geeignet, aber als Fußweg stellt er bis heute die schnellste Verbindung zwischen Hüttendorf und Mistelbach dar. In den 1890er Jahren findet sich für die bereits erwähnten Holzhandlungen gelegentlich die Adressbezeichnung „Paasdorferstraße“3, doch erhielt die heutige Josef Dunkl-Straße im Zuge der Einführung offizieller Straßennamen und der Etablierung eines Orientierungsnummernsystems im Jahre 1898 den Namen „Wienerstraße“ (gelegentlich auch in der Schreibweise „Wiener Straße).4 Der Postverkehr führte in früherer Zeit tatsächlich über Hüttendorf, Paasdorf und weiter über das Kreuttal Richtung Wien – ähnlich der Bahnstrecke – und somit liegt es nahe, dass dieser Name auch bereits früher gebräuchlich war. Trotzdem einst auch die in Richtung Wilfersdorf, und damit zur Brünner Straße, führende Liechtensteinstraße zeitweilig als „Wiener Straße“ bezeichnet wurde, war die Route über die heutige Josef Dunkl-Straße bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Verkehrsweg Richtung Wien.
Erst mit der Errichtung des Gaswerks im Jahre 1902 und der Eröffnung Landesbahn im Jahre 1906 nahm die bauliche Erschließung der damaligen Wienerstraße langsam an Fahrt auf. Ursprünglich endete die Bahnstraße linksseitig an jenem Punkt an dem die heutige Josef Dunkl-Straße abzweigt, also auf Höhe des Hauses Bahnstraße Nr. 41 (nunmehr Teil eines großen Wohnbaukomplexes), und ihre fortlaufende Nummerierung setzte sich dann mit der Bahnhofsrestauration (zuletzt Gasthaus Zur Linde) mit der Adresse Bahnstraße Nr. 43 fort. Somit entsprach die Adresse der heutigen Häuser Bahnstraße 43, 45 und 47 ursprünglich den Hausnummern 1, 3 und 5 in der Wienerstraße (Josef Dunkl-Straße). Dies änderte sich zu einem nicht näher überlieferten Zeitpunkt zwischen 1900 und 1912 sorgte dafür, dass sich die bis dahin vergebenen linksseitigen (= ungeraden) Hausnummern in der Wienerstraße nachträglich jeweils um die Zahl sechs reduzierten (z.B. wurde aus der Hausnummer 19, die Hausnummer 13).5
Anlässlich des 25-jährigen Amtsjubiläums von Bürgermeister Josef Dunkl jun. wurde im November 1936 die Wienerstraße in Josef-Dunkl-Straße umbenannt.6 Zahlreiche Bauwerke entlang dieser Straße (so wie beinahe alle bedeutenden Bauwerke in Mistelbach aus der Zeit zwischen 1890 und 1938) wurden von Dunkl, der im Zivilberuf Baumeister war, errichtet bzw. zum Teil auch geplant. Fälschlicherweise ging man bisher davon aus, dass die Benennung der Straße nach Dunkl erst nach dessen Tod im Jahre 1938 erfolgt sei.7
Einige bedeutende und zum Teil abgekommene Bauwerke in der Josef Dunkl-Straße werden nachfolgend aufgelistet:
Nr. 1: Anlässlich des 60-jährigen Bestandsjubiläums errichtete die Sparkasse Mistelbach im Jahre 1929 hier ein modern gestaltetes Wohngebäude für ihre Angestellten.8

Nr. 2: Das 1958 errichtete Gebäude der Arbeiterkammer, das seither mehrfach ausgebaut bzw. erweitert wurde.

Nr. 4: Das 1906 erbaute und zum Bahnkomplex gehörende Gebäude der Streckenleitung, das später auch Wohngebäude für Eisenbahnerfamilien diente.9
Nr. 10 bzw 10a: 1897 ließ sich hier der Holzhändler und Vorsteher der Israeltischen Kultusgemeinde Mistelbach Ludwig Abeles eine Villa errichten. Diese verkaufte er 1917 an seinen Schwager Berthold Pisk, der selbige im Jahre 1937 an den Krankenhausleiter Primarius Dr. Otto Bsteh verkaufte.10 Während der Kampfhandlungen im April 1945 geriet die “Bsteh-Villa” in Brand und wurde völlig zerstört. Das Grundstück wurde in weiterer Folge geteilt und während auf Nr. 10a in den Jahren 1964-65 zwei Häuser der Wohnbaugenossenschaft Frieden errichtet wurden, entstand auf Nr. 10 das Geschäft des Büchsenmachers Zimmermann.11

Landesbahnpark: diese 1908 errichtete Parkanlage erstreckte sich bis in die 1960er Jahre auf beiden Seiten der Straße. Mehr dazu bzw. zur Entstehung dieser Anlage findet sich im Beitrag Landesbahnpark
Nr. 12, 14, 16: Diese Wohnhäuser wurden von Baumeister Josef Dunkl etwa im Zeitraum 1906 bis 1912 errichtet.

Nr. 24: Hier befand sich einst das 1902 errichtete städtische Gaswerk. Mittels Kohlevergasung wurde aus Steinkohle Leuchtgas hergestellt, dass zur Beleuchtung von Straßenlaternen, sowie in Wohnhäusern als Lichtquelle, zum Heizen sowie zum Kochen verwendet wurde. Mit der zunehmenden Verbreitung der Elektrizität als Lichtquelle in der Zwischenkriegszeit und mit dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Energiequelle durchsetzenden Erdgas zog die Stadt Mistelbach die Konsequenzen und veräußerte das Gaswerk 1957 an die NIOGAS (einen der Vorläufer der heutigen EVN) und Versorgung erfolgte nunmehr ausschließlich mit Erdgas. Das Gelände wird bis heute von EVN bzw. Netz NÖ genutzt, aber von den Gebäuden des Gaswerks existiert heute keines mehr. Die Geschichte des Gaswerks wird im Zuge des Beitrags zur Gaswerkstraße näher behandelt.
Wo befindet sich die Josef Dunkl-Straße?
Bildnachweis:
-) sämtliche Ansichtskarten: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Foto der Arbeiterkammer: Wilhelm Mliko, Fotoarchiv Mliko im Stadtmuseumsarchiv Mistelbach
Quellen:
- Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 424, 451 ↩︎
- Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 38/1955, S. 2 ↩︎
- Bote aus Mistelbach, Nr. 16/1896, S. 14 (ONB: ANNO) ↩︎
- Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 238 ↩︎
- Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 277 – Das rund 30 Jahre nach der Einführung der Straßenbezeichnungen erbaute Haus Wienerstraße (Josef Dunkl-Straße) erhielt die Hausnummer 1, während in Fitzkas erstem Band noch das heutige Haus Bahnstraße Nr. 43 diese Nr. aufweist. Dadurch lässt sich auch die Verschiebung der Hausnummern betreffend die Bahnhofsrestauration (zuletzt Gasthaus Zur Linde) erklären, die in Fitzkas erstem Band noch die Adresse Bahnstraße 43 hat, heute jedoch die Adresse Bahnstraße 49 führt. Diese Adressänderung muss bereits vor 1912 erfolgt sein, weil das erst nach der Jahrhundertwende erbaute Haus Bahnstraße Nr. 47 (ursprünglich war für dieses Grundstück die Hausnr. Wiener Straße 5 vorgesehen) in Fitzkas zweitem Band bereits mit seiner heutigen Adresse aufscheint. Bei der nachträglichen Änderung der Häusernummerierung handelt es sich auch um keinen Einzelfall – siehe hierzu das Haus Oserstraße Nr. 15 im Beitrag zu den Meeß-Häusern ↩︎
- Mistelbacher Bote, Nr. 49/1938, S. 4 (ONB: ANNO) ↩︎
- Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 245;
Spreitzer, Johann: „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“ In: Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 38/1955, S. 2 (Anm.: Spreitzer vermutete eine Bennung erst im Jahre 1945) ↩︎ - Festschrift 100 Jahre Sparkasse der Stadt Mistelbach In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart (1968), S. 518 ↩︎
- Englisch, Alfred (Stadt-Museumsarchiv Mistelbach): 150 Jahre Ostbahn in Mistelbach – 1870-2020 (2020), S. 95 ↩︎
- Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 424 ↩︎
- Bei Göstl, Georg/ Leithner, Johann/ Weidlich, Alfred/ Steiner, Oskar/ Kummer, Johann: „Mistelbacher Chronik von 1914 bis 1988“, Band IV (1989) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 47 findet sich die Information, dass die „Frieden“-Wohnhäuser in der Josef Dunkl-Straße 10a bereits 1962 erbaut worden seien. Dies ist falsch oder zumindest irreführend, denn fertiggestellt wurden sie jedenfalls erst 1964/65 – siehe hierzu die Ausführungen im Beitrag zum Landesbahnpark ↩︎