Der „Rubensdiebstahl“ von Mistelbach

„Der Rubens von Mistelbach geraubt“ lautete eine Überschrift in der katholisch-konservativen Tageszeitung Reichspost vom 30. September 1922 und auch andere Blätter berichteten Ende September/Anfang Oktober 1922 zumindest in Randnotizen über den Diebstahl eines Gemäldes des Heiligen Sebastian aus der Mistelbacher Pfarrkirche.1 Dabei soll es sich um ein Werk des flämischen Meisters Peter Paul Rubens oder zumindest eines seiner frühen Schüler gehandelt haben. Die Einschätzung, dass es sich um ein Werk Rubens gehandelt habe basiert auf einer Notiz in der Pfarrchronik aus dem Jahr 1852 die vom damaligen Barnabiten-Propst Don Anton Maria Pfeiffer stammt. Pfeiffer soll ein Kunstkenner gewesen sein und die Eintragung steht in Zusammenhang mit der in diesem Jahr erfolgten Neugestaltung der Sebastianikapelle (Seitenaltar im linken Kirchenschiff) und bei dem gegenständlichen Kunstwerk handelte es sich um das Altarbild dieser Kapelle. 1914 wurde die Sebastianikapelle abermals renoviert und der akad. Maler Prof. Josef Reich wurde mit der Restaurierung des Gemäldes des hl. Sebastians betraut. Laut seiner fachkundigen Einschätzung soll es sich bei dem Bild hingegen um ein Werk von Tizian, Rubens großem Vorbild, gehandelt haben.2 Somit bleibt die Urheberschaft des Werks ungeklärt. Faktum ist allerdings, dass es sich um ein Werk von außergewöhnlichem künstlerischen (und damit wohl auch finanziellem) Wert gehandelt haben dürfte. Wie und wann das Bild in den Besitz der Pfarre kam, dazu ist nichts überliefert. Der namentlich nicht genannte Autor des oben bereits erwähnten Reichspost-Artikels vermutete eine Stiftung durch die Fürstenfamilie Liechtenstein und konstruierte auch eine Verbindung mit der einst dem heiligen Sebastian geweiht gewesenen Gruftkapelle, die bis 1784 zwischen der Pfarrkirche und der Katharinenkapelle (Karner) stand. Die Gruftkapelle, die unter der vermutlich ursprünglichen, im romanischen Stile erbauten, Pfarrkirche lag, war dem heiligen Sebastian geweiht, und erlangte Mitte des 18. Jahrhunderts als Ziel von Wallfahrten aufgrund einer wundertätigen Marienstatue unter dem Namen „Maria in der Gstetten“ (oder auch Maria in der Gruft) letztmalig Ruhm ehe sie den Reformen von Kaiser Josef II. zum Opfer fiel. Ob das Bild einst tatsächlich in der Gruftkapelle hing bzw. ein Zusammenhang mit dem ebenfalls Ende des 15. Jahrhunderts vom Mistelbacher Marktrichter Schrembs gestifteten und für einige Jahrhunderte bestehenden Sebastiani-Benefizium existierte, kann nicht mehr geklärt werden.3

Der Diebstahl dürfte sich am Sonntag, den 17. September 1922, und zwar in den Nachmittagsstunden bzw. der Nacht dieses Tages ereignet haben. Es wurde vermutet, dass der oder die Täter sich versteckt in der Kirche einsperren ließen, um so ihre Missetat ungestört begehen zu können. Mit einem Messer wurde das Bild aus dem Rahmen geschnitten, wobei zunächst offenbar versucht wurde das gesamte Bild aus dem Rahmen zu schneiden, letztlich beschränkten die Kunstdiebe sich dann jedoch auf die Abbildung des Heiligen und ein an den Ecken abgerundeter Abschnitt im oberen Bereich des Bildes blieb im Rahmen zurück. Darauf ist ein Engel zu sehen der dem Heiligen Kranz und Palmzweig – zwei ikonographische Attribute von Märtyrern – überreichte.

Der klägliche Rest vom „Mistelbacher Rubens-Bild“Der klägliche Rest vom „Mistelbacher Rubens-Bild“

Die Täter entkamen schließlich mithilfe einer in der Kirche befindlichen Leiter auf die Kanzel und gelangten von hier durch das Aufbrechen einer  Türe in den Kirchenturm. Im Zuge des Messeläutens am nächsten Morgen entkamen sie offenbar unentdeckt ins Freie.4 Aufgrund der versteckten Lage in einem Seitenaltar wurde der Diebstahl erst eine Woche später durch Kirchenbesucher bemerkt und dies erklärt auch die Verzögerung mit der diese Nachricht in die Zeitungen gelangte. Den Tätern wird Fachkenntnis attestiert, da sie sich ganz gezielt diesem etwas versteckten, und auf den ersten Blick eher unscheinbaren Gemälde widmeten und andere wertvolle Gegenstände in der Kirche unberührt ließen. Aus diesem Grund wurde auch gemutmaßt, dass es sich um organisierten Kunstraub mit Verbindungen in den Kunsthandel gehandelt haben könnte.

Die Tat konnte nie aufgeklärt werden, und ebenso wie die Urheberschaft des Werks bleibt auch die Frage weshalb der oder die Täter letztlich nicht das gesamte Bild aus dem Rahmen schnitten bis heute unbeantwortet.

Zwecks Veranschaulichung, nachfolgend Darstellungen des heiligen Sebastian von den beiden oben erwähnten Meistern in bedeutenden Kunstsammlungen:

wikipedia/wiki-commons (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sebastian-rubens.jpg)Peter Paul Rubens: St. Sebastian (Gemäldegalerie Berlin)

 

Tizian: St. Sebastian (Eremitage St. Petersburg)

Bildnachweis:
Rest des „Mistelbacher Rubens“: zur Verfügung gestellt von Frau Christa Jakob
wikipedia/wiki-commons (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sebastian-rubens.jpg)
wikipedia/wiki-commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Titian_sebastian.jpg)

Quellen:

 

  1. Reichspost, 30. September 1922 (29. Jg. – Nr. 259), S. 4 (ONB: ANNO);
    Volksblatt für Stadt und Land, 8. Oktober 1922 (53. Jg. – Nr. 40), S. 8 (ONB: ANNO)
    Neues Wiener Tagblatt, 30. September 1922 (56. Jg. – Nr. 259), S. 8 (ONB: ANNO)
  2. Jakob, Christa u. Cantonati, Benjamino: „500 Jahre Pfarrkirche Mistelbach“, Band XIV (2016) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 80, 85
  3. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach Band I (1901), S. 93 bzw. 122
  4. Mistelbacher Bote, Nr. 41/1922, S. 2
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