Oberhoferstraße

Die Entstehung der Oberhoferstraße ist wohl in die Zeit der Gründung Mistelbachs zu verorten bzw. muss sie bald danach angelegt worden sein. Wahrscheinlich reicht die Geschichte dieser Straße jedoch noch weiter zurück, denn entlang von Flüssen und Bächen verliefen seit jeher Wege. Das weltliche und geistliche Machtzentrum der im 11. Jahrhundert gegründeten Ansiedlung Mistelbach befand sich auf dem Kirchenberg. Für die Errichtung von Bauernhöfen in der damals üblichen Form eignete sich eine Hanglage allerdings nicht und daher entstand im Tal, das der Mistelbach in den Höhenrücken des Zayatals schneidet, der bäuerlich geprägte Ortsteil – das sogenannte „Dorf“.

Die Höfe wurden zeilenförmig angeordnet und sofern nicht bereits im Zeitpunkt der Gründung so angelegt, entwickelte sich bald die damals übliche Form eines Angersdorfs, das aus zwei gegenüberliegenden Häuserzeilen – der linken Seite der Oberhoferstraße (ungerade Hausnummern) und der rechten Seite der Waldstraße (gerade Hausnummern) – bestand. Der weitläufige, von der Mistel durchflossene Anger dazwischen, diente einerseits als Hochwasserschutz und wurde andererseits auch für (Obst)gärten und als Auslauffläche für Hühner und Gänse genutzt.1 Das „Dorf“ erstreckte sich zwischen der Steinernen Brücke (Kreuzung Oberhoferstraße/Waldstraße) – dem nördlichen Ortsende – und dem im Süden angrenzenden Wiedenviertel. Die (obere) Franz Josef-Straße und die (obere) Winzerschulgasse bildeten als „Hintausstraßen“ die Grenzen der Höfe, wo sich die zugehörigen Scheunen und Keller befanden. Im 16. und 17. Jahrhundert erfolgte schrittweise die weitgehende Verbauung des alten Dorfangers mit Kleinhäusern und damit erhielt die Oberhoferstraße ihre rechte Häuserzeile bzw. ihre endgültige Form.2

Univ.-Prof. Dr. Adalbert Klaar vertritt in seinem Beitrag „Die Siedlungsform von Mistelbach“ im anlässlich der Feierlichkeiten zu „100-Jahre-Stadterhebung“ erschienenen Buch „Mistelbach Geschichte Band I“ die These, dass die Oberhoferstraße und die Kreuzgasse ursprünglich ein zusammenhängender Straßenzug gewesen seien.3 Für diese plausible Theorie spricht die Tatsache, dass die Oberhoferstraße sonst im Nirgendwo geendet hätte, denn der heutige Mistelbacher Hauptplatz wurde erst im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts neu angelegt. Der zuvor genutzte alte Marktplatz lag am Kirchenberg in unmittelbarer Nähe zur Burg. Das abrupte Ende der ebenfalls sehr alten Kreuzgasse bei ihrer Einmündung in die Kirchengasse wirkt ebenfalls unvermittelt und die Tatsache, dass sich problemlos eine Verbindung zwischen diesen Straßen denken bzw. wie unten sichtbar, auch darstellen lässt, scheint diese These zu stützen. Ein durchgehender Straßenzug bestehend aus Kreuzgasse und Oberhoferstraße als wichtige Nord-Süd-Achse hätte durch ihren Verlauf auch eine direkte Anbindung an die Straße Richtung Wilfersdorf geboten.

Bildeten die Oberhoferstraße und die Kreuzgasse vor der Entstehung des Mistelbacher Hauptplatzes einen gemeinsamen Straßenzug?

■ Oberhoferstraße
■ Kreuzgasse
■ Verbindung zwischen Oberhoferstraße und Kreuzgasse

Der planmäßig angelegte „neue“ Markt, also die Häuser am Hauptplatz, war von einer in die Gebäude integrierten Befestigungsmauer umgeben, deren Hauptzweck weniger die Verteidigung, sondern vielmehr der Schutz vor Dieben und anderen dubiosen Gestalten war. Natürlich verfügte diese Mauer an den Zufahrtsstraßen zum Markt über Tore und eines der großen Tore befand sich in der Oberhoferstraße. Da die Oberhoferstraße in früherer Zeit als „Staatzer Straße“ bezeichnet wurde, nannte man diesen zwischen den einander gegenüberliegenden Häusern Oberhoferstraße Nr. 5 und Nr. 16 gelegenen Eingang zum Markt „Staatzer Tor“ oder auch „Oberes Markttor“. 1843 wurden sämtliche Tore der mittlerweile unzeitgemäßen und den Markt einengenden Befestigungsmauern entfernt.4

Erst im Jahre 1898 wurden in Mistelbach offiziell Straßenbezeichnungen eingeführt und die Straße, die Gegenstand dieses Beitrags ist, wurde nach dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Lederermeister und Marktrichter Paul Oberhoffer benannt.5 Natürlich gab es auch bereits zuvor informelle Straßenbezeichnungen, die der Orientierung dienten, allerdings war die Benennung nach Personen gänzlich unüblich. Eine Ausnahme scheint hier die Oberhoferstraße zu bilden, deren erste Erwähnung bereits für die 1880er Jahre belegt ist.6 Da Prof. Spreitzer, der die Urbarien der Grundherrschaften und die Grundbücher ausgiebig untersucht hat, als ältere Bezeichnung für diese Straße in seinen Arbeiten lediglich die Namen „Staatzer Straße“ bzw. „beim Staatzertor“ anführt, bleiben die Anfänge des Namens „Oberhoferstraße“ bzw. dessen zeitliche Entstehung unklar. Marktrichter Oberhoffer hatte sich große Verdienste in einem langwierigen Rechtsstreit mit der liechtensteinischen Herrschaft um den Mistelbacher Gemeindewald erworben und da die gegenständliche Straße aus dem Markt in Richtung des Waldes führte, bot sich diese Namensgebung zum Gedenken an Oberhoffer an.

Um die Jahrhundertwende findet sich oftmals die Schreibweise Oberhofferstraße, weil man der Meinung war, dass der Marktrichter aus dem 17. Jahrhundert sich so schrieb, aber tatsächlich finden sich auch zu seinen Lebzeiten Schreibweisen mit nur einem f und auch eine frühe Erwähnung der Bezeichnung „Oberhoferstraße“ aus dem Jahre 1890 findet sich ohne die Doppelung. Die Straße ist bis heute Teil der zentralen Nord-Süd-Achse durch die Stadt und aufgrund ihrer Lage ließen sich zahlreiche Gewerbetreibende, insbesondere im unteren Teil der Straße, nieder. Die Oberhoferstraße war also über Jahrhunderte eine der bedeutendsten Geschäftsstraßen Mistelbachs, hat diese Stellung im Zuge tiefgreifender Veränderungen in Handel und Gewerbe, die sich weder auf Mistelbach noch auf die Oberhoferstraße beschränken, in den letzten Jahren jedoch verloren.7

Nachfolgend ein paar Anmerkungen zu geschichtsträchtigen Häusern in der Oberhoferstraße:

Oberhoferstraße 1a: ursprünglich gehört dieser Grund zum Gasthaus „zum goldenen Ochsen“, dass 1900 zwecks Errichtung des neuen Rathauses am Nordende des Hauptplatzes abgerissen wurde. Im Zuge des Abbruchs des Gasthauses kam es zu einer Grundteilung und auf dem hinteren Areal wurde schließlich 1908 das k.k. Eichamt errichtet.8 Das Eichamt übersiedelte später und 1977 wurde das alte Gebäude abgebrochen, um Parkplätze für die Bezirkshauptmannschaft zu schaffen.

Die untere Oberhoferstraße im Jahre 1908 auf einer Ansichtskarte aus dem Verlag Anton Kapitan. Auf der rechten Seite mit dem schönen Giebel (grau mit weißem Dekor) das alte Eichamt, und dahinter in seiner ursprünglichen roten Farbe das RathausDie untere Oberhoferstraße im Jahre 1908 auf einer Ansichtskarte aus dem Verlag Anton Kapitan. Auf der rechten Seite mit dem schönen Giebel (grau mit weißem Dekor) das alte Eichamt, und dahinter in seiner ursprünglichen roten Farbe das Rathaus

Oberhoferstraße 6: hier befand sich ab 1890 die Buchdruckerei Krapfenbauer (später Kränzle bzw. Hornung) und über die meiste Zeit ihres Bestands befand sich hier die Verwaltung und Redaktion der Lokalzeitung „Mistelbacher Bote“. Als die Druckerei 1958 aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste, kam auch das Ende des „Mistelbacher Bote“. Zwischen den Häusern Oberhoferstraße Nr. 2-4 und Nr. 6 verläuft der Rollerweg, dessen Entstehungsgeschichte ausführlich im verlinkten Beitrag behandelt wurde.

Oberhoferstraße Nr. 15: Das Gasthaus „zur goldenen Krone“ bestand jedenfalls bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts und hatte seit der Zeit Maria Theresias das Recht die Krone im Gasthausschild zu führen. Ähnlich dem Gasthaus „zum weißen Rössl“ lag es einst vor einem der großen Markttore und damit außerhalb des eigentlichen Marktes. 1929 wurde das Gasthaus ausgebaut und von der Familie Heindl das erste Tonkino der Stadt eröffnet. Der Kinosaal war über viele Jahrzehnte der größte Veranstaltungsraum in Mistelbach und wurde vielfältig genutzt. Mehr zur Entstehung dieses Kinos im Beitrag: Kino in Mistelbach

Oberhoferstraße Nr. 16: hier befand sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein Gast- bzw. Kaffeehaus. Es handelte sich um das erste Kaffeehaus in Mistelbach und nähere Informationen dazu finden sich im Beitrag Kaffeehaus – Bahnstraße Nr. 5. Das Gasthaus existierte bis in das Jahr 1976.

Oberhoferstraße Nr. 41: Die „Milchkammer“ – Sitz der offenbar 1908 gegründeten Mistelbacher Milch- bzw. Molkereigenossenschaft. Nach der 1927 erfolgten Eröffnung der großen Zentralgenossenschafts-Molkerei in der Nähe des Staatsbahnhofs, dürfte die alte Milchkammer nur mehr als Milchsammelstelle für die im „Dorf“ befindlichen Höfe gedient haben bzw. wurden hier bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auch bestimmte Erzeugnisse, wie zB Molke (zum Verzehr oder als Futtermittel) vertrieben.

Oberhoferstraße Nr. 99: Das von Forstmeister Martin Sklenař jun. errichtete Haus war bis 1957 auch Sitz der Forstverwaltung der Gemeinde. Mehr zur Geschichte der Försterdynastie findet sich im Beitrag Försterfamilie Sklenař

Oberhoferstraße Nr. 115-117: Etwas nach hinten versetzt und aufgrund eines dicht bewachsenen, weitläufigen (Vor)Gartens von der Straße aus nicht einsehbar befindet sich eine 1908 vom damaligen Direktor der Landeswinzerschule Johann Kargl errichtete Villa, der einst auch ein landwirtschaftlicher Betrieb angeschlossen war. Mehr Informationen zur Entstehungs- bzw. Besitzgeschichte dieser Villa findet sich im Beitrag zur Dr. Körner-Straße

Wo befindet sich die Oberhoferstraße?

 

Bildnachweis:
Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer

Quellen:

  1. Klaar, Univ.-Prof. Dr. Adalbert: “Die Siedlungsform von Mistelbach” In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: Mistelbach Geschichte Band I (1974), S. 11f
  2. Spreitzer, Prof. Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert (Hrsg.): Mistelbach Geschichte I (1974), S. 224f
  3. Klaar, Univ.-Prof. Dr. Adalbert: “Die Siedlungsform von Mistelbach” In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: Mistelbach Geschichte Band I (1974), S. 12;
    Auch Spreitzer deutet in einem 1970 erschienen Beitrag bereits an, dass die Entstehung der Marktviertels, die ursprüngliche Siedlungsstruktur veränderte: Spreitzer, Prof. Hans: „Beim oberen Markttor (Staatzertor)“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band II (1970), S. 51
  4. Spreitzer, Prof. Hans: „Beim oberen Markttor (Staatzertor)“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band II (1970), S. 49
  5. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach, Bd. I. (1901), S. 238
  6. Untermanhartsberger Kreis-Blatt, Nr. 7/1884, S. 3;
    weitere Erwähnung 1890: Bote aus Mistelbach, Nr. 24/1890, S. 6
  7. Spreitzer, Prof. Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert (Hrsg.): Mistelbach Geschichte I (1974), S. 219-225
  8. Spreitzer, Prof. Hans: „Beim oberen Markttor (Staatzertor)“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band II (1970), S. 49
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