Alte Pfarrkirche von Eibesthal

Eibesthal dürfte seit der Etablierung diözesaner Strukturen in unserer Gegend im 11. Jahrhundert eine Filiale (später Vikariat) der Großpfarre Mistelbach gewesen sein, als solche scheint sie jedenfalls bereits in Urkunden aus der Mitte des 13. Jahrhunderts auf. Somit muss auch bereits früh eine Kapelle vorhanden gewesen sein, von der allerdings keine Spuren erhalten geblieben sind. Vermutlich bestand diese erste Kapelle aus Holz und wurde später durch einen massiveren Bau aus Stein an selber Stelle ersetzt. Diese wohl aus dem 14. Jahrhundert stammende steinerne Kapelle war im gotischen Stil erbaut und bildete später das Presbyterium (=Altarraum) des im Laufe der folgenden Jahrhunderte sukzessive erweiterten Kirchengebäudes. Am Presbyterium anliegend befand sich der ursprüngliche Kirchturm, der eine Glocke aus dem Jahre 1373 beherbergte. Vermutlich seit ihren Anfängen, jedenfalls seit dem Zeitpunkt als diese Glocke gegossen wurde, war die Eibesthaler Kirche der Heiligen Maria Magdalena geweiht.1

1661 wurde Eibesthal zur Pfarre erhoben, blieb jedoch weiterhin im Einflussbereich der Pfarre Mistelbach bzw. des fortan dort wirkenden Barnabitenordens. Die Fertigstellung einer ersten bedeutenden Erweiterung durch Anbau eines Mittelschiffs an die Kapelle dürfte 1675 erfolgt sein. In Zusammenhang mit diesen beiden Ereignissen dürfte die Neuweihe stehen, die zwischen 1666 und 1675 stattgefunden haben muss, und als neuer Kirchenpatron scheint nunmehr der Heilige Markus auf.2 Derartige Patronatswechsel sind zwar selten, allerdings auch nicht gänzlich ungewöhnlich (bspw. Patronatswechsel der Kettlasbrunner Pfarrkirche Ende des 18. Jahrhunderts). Die Hintergründe dazu sind  jedoch leider nicht überliefert. Da der Wechsel gerade in jene Zeit fällt als kurz zuvor der Barnabitenorden die Mistelbacher Pfarre und auch die Zuständigkeit für Eibesthal übernahm, lautet eine Theorie, dass die Neuweihe von den neuen Pfarrherren durchgesetzt wurde, da der Heilige Markus in Oberitalien, dem Ursprungsort des Barnabitenordens, besonders verehrt wurde.3 Die These, dass die Neuweihe und Änderung des Patroziniums Mitte des 17. Jahrhunderts mit der Rückkehr der Eibesthaler zum katholischen Glauben, nach einer kurzen Phase des Protestantismus, in Zusammenhang stünde, erscheint hingegen nicht schlüssig, da die Rekatholisierung Eibesthals jedenfalls bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts einsetzte und bereits einige Jahrzehnte vor der Neuweihe abgeschlossen gewesen sein dürfte. Somit scheint der notwendige zeitliche Zusammenhang nicht gegeben.4 Der Zeitpunkt der Neuweihe in Verbindung mit dem Umbau war allerdings wohl kein Zufall, denn vermutlich dürfte der alte Hauptaltar (den wohl das Bildnis Hl. Maria Magdalena zierte) für die vergrößerte Kirche nun zu klein gewesen sein, und da somit eine Neuanschaffung notwendig war, nutzte man diese Gelegenheit zum Wechsel des Kirchenpatrons. Die vormalige Kirchenpatronin wurde später in einem Glasfenster neben dem Seitenaltar verewigt5 und der ihr geweihte Altar möglicherweise als Seitenaltar weiterverwendet. Schon wenige Jahrzehnte nach dem Anbau des Kirchenschiffs wurde dieses um 1700 aufgrund des Platzbedarfs erneut erweitert und 1743 erfolgte schließlich der Zubau einer Sakristei.6

Der alte Kirchturm wurde aufgrund seiner Baufälligkeit zu einer Gefahr und als 1818 ein Teil des Turms einstürzte und auch das Gewölbe des Presbyteriums als einsturzgefährdet galt, wurde der Abbruch des alten und der Bau eines neuen Turms beschlossen und im Zuge dieser Arbeiten sollte das Kirchengebäude neuerlich ausgebaut werden. Das Gewölbe des Presbyteriums, dass beim Abbruch des Turms zum Teil einstürzte, wurde wiederhergestellt und das Gotteshaus durch einen Zubau an der rückwärtigen Seite erweitert, der eine Chorempore umfasste und über diesem Gebäudetrakt wurde der neue Kirchturm erbaut. Während der Bauzeit fanden die Gottesdienste zunächst kurzzeitig in der Sakristei und danach in einem Stadel statt und die Kirchenglocken wurden auf einem Gerüst auf dem Schenkberg aufgestellt. Im Zuge dieses Zu- bzw. Umbaus, der erst 1827 fertiggestellt werden konnte, wurde auch das Kirchendach mit Ziegeln neu eingedeckt (zuvor Holzschindeln). Der zunächst nur mit Schindeln gedeckte niedrige Helm des neuen Kirchenturm erhielt erst 1890 sein spitzes Blechdach und damit sein charakteristisches, den Ort bis zur Zerstörung 1945 prägendes, Erscheinungsbild.7 Bereits 1814 war der einst die Kirche umgebende Friedhof an seinen heutigen Standort, und damit außerhalb des damaligen Ortsgebiets, verlegt worden.8

Da das Mauerwerk der Kirche feucht war, hegte Pfarrer Franz Riedling schon zu Ende des 19. Jahrhunderts die Idee für einen Neubau. So sollten etwa auch die von Riedling initiierten Passionsspiele, die in Eibesthal in unregelmäßigen Abständen in den Jahren 1898 bis 1911 stattfanden, Mittel für einen Kirchenneubau lukrieren.9 Doch ließ sich dieses Vorhaben aus finanziellen Gründen schließlich nicht realisieren.

Die alte Pfarrkirche wie sie von 1890 bis zur ihrer Zerstörung 1945 aussah, hier auf einer Aufnahme aus den 1930er JahrenDie alte Pfarrkirche wie sie von 1890 bis zur ihrer Zerstörung 1945 aussah, hier auf einer Aufnahme aus den 1930er Jahren

 

Um 1935: Rückansicht der Pfarrkirche auf der der ältesten Teil des Bauwerks, das Presbyterium, gut erkennbar istUm 1935: Rückansicht der Pfarrkirche auf der der ältesten Teil des Bauwerks, das Presbyterium, gut erkennbar ist

Das Innere der alten Pfarrkirche wird in einem Zeitungsartikel anlässlich der Eröffnung des Nachfolgebaus wie folgte beschrieben10: „Die Kirche war kein Prachtbau, aber doch war sie uns lieb und vertraut. Wenn der Besucher in sie eintrat, fühlte er sich sogleich heimisch und geborgen. Der erste Blick fiel auf den in gotischem Stil gehaltenen Holzaltar, der im ältesten Teil der Kirche, dem Presbyterium, stand. Dieses war durch ein schmiedeeisernes Speisgitter vom breiteren Mittelschiff getrennt. Durch kleine Fenster, die rot und blau gemalte Bildnisse von Heiligen trugen fiel das Licht in den verhältnismäßig niederen Raum des Mittelschiffes. Weißgetünchte Wände, zwei einfache Deckengemälde, ein bunter Wandsockel gaben der Kirche ein sauberes Aussehen. Links und rechts an den Wänden standen je fünf Statuen, dazwischen die Bilder der Kreuzwegstationen und Gedenktafeln für die Gefallenen des Weltkrieges. An der linken Stirnseite des Mittelschiffes stand der Marienaltar, an der rechten die Kanzel. Unter dieser der Beichtstuhl, auf den eine sehr alte, wunderbar ergreifende Pietà gestellt war.“

Die Kämpfe in der näheren Umgebung von Eibesthal währten bereits zwei Tage als der Ort am 18. April 1945 vormittags durch „Stalinorgeln“ (Raketenwerfer) beschossen wurde und die Kirche erste Schäden erlitt. Am Tag darauf lag der Ort erneut unter Beschuss und kurz nachdem sich Truppenteile der Waffen-SS am frühen Nachmittag aus Eibesthal zurückzogen, schlugen plötzlich beim Choraufgang Flammen aus dem Kirchendach. An Löscharbeiten war während der andauernden Kampfhandlungen nicht zu denken und so kam es, dass das Gewölbe des Mittelschiffs und abends schließlich auch der Dachstuhl des Kirchenturms brennend in sich zusammenstürzten. Während das Presbyterium samt Hoch- und Marienaltar auf wundersame Weise verschont blieben, wurde alle sonstige Einrichtung: Bänke, Orgel, Bilder und Statuen ein Raub der Flammen. Die Monstranz mit dem Allerheiligsten konnte von Pfarrer Dr. Anton Brunauer-Dabernig noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Durch die Kampfhandlungen entstanden im Ort große Schäden und neben der Pfarrkirche wurden zahlreiche weitere Gebäude ein Raub der Flammen und unter der Zivilbevölkerung gab es Todesopfer zu beklagen. Wahrscheinlich durch verdeckte Glutnester brach drei Tage später erneut ein Feuer auf dem Dach des verschont gebliebenen Presbyteriums aus, das jedoch gelöscht werden konnte.11

Die ausgebrannte Kirche im Jahre 1945

 

Rückansicht der zerstörten Pfarrkirche mit Resten des Dachstuhls des PresbyteriumsRückansicht der zerstörten Pfarrkirche mit Resten des Dachstuhls des Presbyteriums

Die Kirchenruine war mit Schutt gefüllt und um sie herum lag eine Unzahl von zerborstenen Dachziegeln. Zunächst wurden die Sonntagsgottesdienste im Pfarrstadel abgehalten, bis die Dorfjugend vor dem Pfingstfest 1945 den Schutt aus der Ruine entfernte, sodass am Pfingstsonntag der erste Gottesdienst in der Kirchenruine stattfand. Auch ein Geläut wurde mit zwei Panzerplatten von Wracks im unteren Teil der Ruine des Turms improvisiert. Dieser Notbetrieb in der Ruine wurde für die schöne Jahreszeit aufrechterhalten, und ab Beginn des Winters wurde dann in einem leeren Klassenzimmer eine Notkapelle eingerichtet, die bis Ostern 1949 genutzt wurde.12

Die mit Schutt gefüllte Kirchenruine

Die mit Schutt gefüllte Kirchenruine

 

Das vom Schutt befreite Innere der zerstörten Kirche in der im Sommer 1945 wieder Messen unter freiem Himmel abgehalten wurden

Das vom Schutt befreite Innere der zerstörten Kirche in der im Sommer 1945 wieder Messen unter freiem Himmel abgehalten wurden

Mit dem Abtragen der Kirchenruine wurde im Frühjahr 1946 begonnen und im Mai 1946 war dies vollständig geschehen. Die Pläne für die neue Kirche wurden von Architekt Hans Plank und Prälat Jakob Fried ausgearbeitet und im Herbst 1946 wurde mit den Aushubarbeiten für die Unterkirche, die auch als Veranstaltungsraum dienen sollte, begonnen. Der eigentliche Baubeginn verzögerte sich aufgrund des in der Zeit des Wiederaufbaus herrschenden Baustoffmangels um eineinhalb (!) Jahre, und konnte erst im April 1948 erfolgen. Nachdem die Grundmauern der Unterkirche fertiggestellt waren, konnte am 29. Juni 1948 die Grundsteinlegung für den Bau der Kirche durch Prälat Fried, der die treibende Kraft hinter dem Kirchenneubau war, erfolgen. Ab dem Frühjahr 1949 konnten die Gottesdienste fortan in der bereits fertiggestellten Unterkirche stattfinden und nach ihrer Fertigstellung wurde die neuerbaute Pfarrkirche schließlich am 15. August 1951 durch Kardinal Innitzer geweiht.13

Die 1951 fertiggestellte neue Pfarrkirche von EibesthalDie 1951 fertiggestellte neue Pfarrkirche von Eibesthal

Bildnachweis:
-) sämtliche historische Fotos der Eibesthaler Pfarrkirche: Göstl-Archiv
-) Foto der neuen Pfarrkirche: Thomas Kruspel (2018)

Quellen:

  1. Riedling, Franz: Regesten zur Geschichte der Pfarre Eibesthal (erschienen als Fortsetzungreihe im Wiener Diözesanblatt 1909), S. 60 (in der auf diesem Blog veröffentlichten Zusammenfassung der Regesten);
    Spreitzer, Prof. Hans: „Eibesthal“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart (1972), Band II, S. 121ff;
    Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 29/1951, S. 3;
    Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 27/1951, S. 6
  2. Riedling, Franz: Regesten zur Geschichte der Pfarre Eibesthal (erschienen als Fortsetzungreihe im Wiener Diözesanblatt 1909), S. 61 (in der auf diesem Blog veröffentlichten Zusammenfassung der Regesten);
  3. Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 29/1951, S. 5 (Anm.: hier wird der Zeitpunkt der Übernahme der Pfarre Mistelbach durch die Barnabiten allerdings fälschlicherweise mit 1651 angegeben – korrekt ist hingegen 1661)
  4. Auf diese Tatsache weist bereits Riedling in seinen Regesten zur Geschichte der Pfarre explizit hin.
  5. Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 29/1951, S. 5
  6. Riedling, Franz: Regesten zur Geschichte der Pfarre Eibesthal (erschienen als Fortsetzungreihe im Wiener Diözesanblatt 1909), S. 62 (in der auf diesem Blog veröffentlichten Zusammenfassung der Regesten);
  7. Riedling, Franz: Regesten zur Geschichte der Pfarre Eibesthal (erschienen als Fortsetzungreihe im Wiener Diözesanblatt 1909), S. 64-66 (in der auf diesem Blog veröffentlichten Zusammenfassung der Regesten);
    Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 27/1951, S. 6 (Anm.: Im Beitrag dieses ungenannten Verfassers wird der Anbau des Mittelschiffs bereits mit 1600 angegeben, tatsächlich dürfte dieser jedoch erst einige Jahrzehnte später erfolgt sein.
  8. Riedling, Franz: Regesten zur Geschichte der Pfarre Eibesthal (erschienen als Fortsetzungreihe im Wiener Diözesanblatt 1909), S. 80 (in der auf diesem Blog veröffentlichten Zusammenfassung der Regesten);
    Mistelbacher Bote, Nr. 27/1951, S. 2 (ONB: ANNO) Anm.: hier ist von einer Errichtung des Friedhofs erst 1816 zu lesen – allerdings darf zweifellos den auf pfarrlichen Quellen basierenden Regesten von Riedling größeres Vertrauen geschenkt werden.
  9. Mistelbacher Bote, Nr. 43/1907, S. 1;
    Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 31/1951, S. 3;
  10. Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 27/1951, S. 6
  11. Volkspresse Nr. 23/1951, S. 6;
    Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 29/1951, S. 5;
    Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 31/1951, S. 3;
  12. Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 29/1951, S. 5;
    Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 30/1951, S. 5
  13. Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 31/1951, S. 3;
    Volks-Presse – Wochenblatt für das Viertel unter dem Manhartsberg, Nr. 30/1951, S. 5
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