Sobek, Leopoldine

Leopoldine Sobek

* 7.4.1904, MistelbachLeopoldine Sobek im Alter von 90 Jahren
† 8.6.1996, Mistelbach

Leopoldine Sobek wurde 1904 als Tochter des Bahnbediensteten Franz Sobek und dessen Gattin Anna, geb. Bergauer, in Mistelbach geboren.1 In den Einträgen der Pfarrbücher zu ihrer Familie findet sich der Familienname stets in der Schreibweise „Soubek“, später scheint jedoch ausschließlich die Schreibweise ohne „u“ auf.2 Gemeinsam mit vier jüngeren Geschwistern, drei Schwestern und einem Bruder, wuchs sie am Wohnsitz der Familie im Haus Kreuzgasse Nr. 3 auf. Sobek absolvierte ihre Pflichtschulbildung in Mistelbach und nach einer Schneiderlehre, machte sie sich bereits 1924 im Alter von 20 Jahren als Schneidermeisterin selbstständig.3

Für die damalige Zeit wenig überraschend war Sobeks Vater als Eisenbahner auch Sozialdemokrat und scheint zu Beginn der 1930er Jahre als Funktionär der Mistelbacher Lokalorganisation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP) auf.4 Ihre weltanschaulich-politische Prägung erhielt Leopoldine Sobek jedoch offenkundig nicht väterlicherseits, sondern durch ihre Mitgliedschaft im von völkischer Ideologie und Antisemitismus geprägten Deutschen Turnverein Mistelbach. Der Deutsche Turnverein war in der Zeit von Ende des 19. Jahrhunderts bis zu Beginn der 1920er Jahre, de facto der einzige Verein in Mistelbach in dem man sich sportlich betätigen konnte. Zwar gab es vereinzelt auch schon andere Sportvereine (bspw. Tennisverein, Radfahrverein), doch waren diese Sportarten sehr exklusiv und bedurften teurer Ausrüstung. Im Deutschen Turnverein waren hingegen alle Klassen und Stände vertreten, ganz im Sinne der nationalen Idee der  „Volksgemeinschaft“. Juden, die zuvor sehr wohl auch diesem Verein angehört hatten, waren bereits ab dem Jahr 1893 von einer Mitgliedschaft ausgeschlossen. Es wundert also nicht, dass beim Deutschen Turnverein keineswegs die sportliche Betätigung im Vordergrund stand, sondern die Mission der deutschen Turnbewegung war vor allem auch die ideologische Erziehung und Charakterbildung im Sinne des deutschen Volkstums. Der Deutsche Turnverein nutzte seine Alleinstellung – erst während der 1. Republik entstanden auch sozialdemokratische und christlich-soziale Turnvereine in Mistelbach – und war sehr stark in der Jugendarbeit präsent und so wurden Generationen sport- und bewegungsbegeisterter Kinder und Jugendlicher bereits in jungen Jahren mit antisemtischer und deutsch-nationaler Ideologie indoktriniert. Die Deutschen Turnvereine waren ideologische Wegbereiter des Nationalsozialismus und viele Vereine, so etwa auch jener in Mistelbach, wurden 1934 nach einer Welle von Nazi-Terroranschlägen aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus vom Dollfuß-Regime verboten. Etwa um die Zeit des 1. Weltkriegs, trat Sobek in jungen Jahren diesem Verein bei und blieb ihr ganzes Leben dem Turnen treu.5 Besonders begeisterte sie sich für das Geräteturnen und sie nahm in der Zwischenkriegszeit bei Turnfesten in Österreich und im Deutschen Reich an Wettkämpfen teil. Jedenfalls war Sobek bereits Anfang der 1930er Jahre als Vorturnerin der Turnerinnenabteilung6 aktiv und scheint 1933 auch als Leiterin der Mädchenabteilung des Vereins auf.7 Diese Funktionen dürfte sie bis zum bereits oben erwähnten Verbot des Deutschen Turnvereins Mistelbach im Jahre 1934 bekleidet haben.

Der Umbruch in den Tagen des sogenannten „Anschlusses“ im März 1938 vollzog sich sehr rasch, und schon am Abend des 11. März, also bevor am nächsten Morgen Truppen der deutschen Wehrmacht die österreichische Grenze überschritten, rissen die Nationalsozialisten bereits vielerorts die Macht an sich – auch in Mistelbach. In ganz Österreich wurden daher die einmarschierenden deutschen Truppen schon am 12. März mit einem Meer von Hakenkreuzfahnen begrüßt. Dass es so wirkte, als hätte ganz Österreich nur auf den Einmarsch der Deutschen gewartet, dazu trugen viele fleißige Hände bei und in Mistelbach soll Leopoldine Sobek ihren Beitrag dazu geleistet haben. Wie man sich noch heute hinter vorgehaltener Hand erzählt, soll Sobek die ganze Nacht von 11. auf den 12. März hindurch Fahnen genäht haben, und somit (gemeinsam mit anderen) maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ganz Mistelbach am folgenden Tag bereits im „Hakenkreuzschmuck erstrahlte“. Aufgrund ihrer Sozialisierung und weltanschauliche Prägung im Deutschen Turnverein und ihres handwerklichen Könnens erscheint diese Erzählung sehr plausibel. Sobek war nicht Mitglied der NSDAP8, allerdings war eine Parteimitgliedschaft von Frauen auch eher unüblich, da politische Arbeit nach nationalsozialistischer Weltanschauung kein Betätigungsfeld für Frauen war. Laut Zeitzeugenberichten war Sobek, die zur Zeit der NS-Herrschaft bereits Mitte/Ende dreißig war, auch als Führerin beim Bund deutscher Mädel (BdM), der weiblichen Teilorganisation der Hitlerjugend, aktiv. Dies ist insofern ein wenig außergewöhnlich, als in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen allgemein der Grundsatz „Jugend führt Jugend“ galt, der natürlich dem Ziel diente die Kinder und Jugendlichen durch Übernahme von Verantwortung und Fernhalten etwaiger anderer Einflüsse so eng wie möglich an das Regime und seine Ideologie zu binden. Da Sobek zeitlebens unverheiratet blieb, und somit keine familiären Verpflichtungen hatte, und in der nationalen Jugendarbeit aus ihrer Zeit beim Deutschen Turnverein über große Erfahrung verfügte, war ihre Mitwirkung in der nationalsozialistischen Jugendbewegung zweifellos willkommen. 1939 scheint sie dann außerdem in der Vertretung ihres Berufsstandes in der Handwerkskammer St. Pölten als Obermeisterin der Damenschneiderinneninnung für den Kreis Mistelbach auf.9 Wenig später dürfte es jedoch zu einer Strukturänderung gekommen sein und die neue „Kreishandwerkschaft Mistelbach“ umfasste nunmehr die Kreise Mistelbach, Nikolsburg und Gänserndorf und das Amt der Obermeisterin wurde von einer anderen Person bekleidet.10

Auf den Untergang des Nationalsozialismus, der in seinen letzten Wochen Krieg und Zerstörung auch ins Weinviertel brachte, folgte sowjetische Besatzung und große Not in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der es an allem mangelte. Unter Verweis auf die herrschende Materialknappheit wurde 1945 seitens der an der Stadtverwaltung beteiligten Kommunisten, und mit Unterstützng der Besatzungsmacht, versucht Zentralwerkstätten in verschiedenen Wirtschaftszweigen einzurichten. Manche sahen darin den Versuch der Einführung eines kollektiven Wirtschaftssystems nach sowjetischem Vorbild. Tatsächlich wurden im Sommer 1945 laut einem kommunistischen Zeitungsbericht eine Zentralschneiderei und eine Schuhmacherzentrale in Mistelbach eingerichtet, in der alle Schneider bzw. Schuster der Stadt tätig waren.11 Energisch kämpfte Schneidermeisterin Sobek gemeinsam mit ihrer Berufskollegin Maria Römer beim Bürgermeister und Bezirkshauptmann gegen diese zentralistischen Strukturen an.12 Es ist unklar, wie lange die Zentralwerkstätten Bestand hatten, aber möglicherweise hatte Sobek durch ihren Protest daran Anteil, dass diese jedenfalls nicht zu einer dauerhaften Einrichtung wurden.

Aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus konnten sich die ehemaligen Vereine des stramm-nationalen „Deutschen Turnerbundes (DTB)“ während der Besatzungszeit nicht wiederbegründen. Erst später konnten sie sich zum Teil wieder konstituieren und im Nachfolgeverband „Österreichischer Turnerbund (ÖTB)“, der bis heute der FPÖ nahe steht, sammeln. In Mistelbach kam es nicht dazu, da sich (führende) ehemalige Mitglieder des Deutschen Turnvereins Mistelbach, bereits zuvor der Turn- und Sportunion angeschlossen hatten. Die Turn- und Sportunion war Nachfolgeorganisation der christlich-deutschen Turnerschaft, und stand der ÖVP nahe. Auch Leopoldine Sobek gehörte Ende des Jahres 1948 zu den Gründern der Turn- und Sportunion Mistelbach. Über Jahrzehnte hinweg war sie später im Vorstand dieses Vereins engagiert, bekleidete das Amt der Obmann-Stellvertreterin und war bis 1990 (im Alter von 86 Jahren!) Vorturnerin und Leiterin der Damenriege. Schon 1974 wurde ihr als erstem Mitglied der Mistelbacher Turn- und Sportunion vom Verband das Ehrenzeichen in Gold für ihr jahrzehntelanges Wirken verliehen.

Leopoldine Sobek (rotes x) bei einem Ausflug der Turn- und Sportunion Mistelbach ins Burgenland im Jahre 1969Leopoldine Sobek (rotes x) bei einem Ausflug der Turn- und Sportunion Mistelbach ins Burgenland im Jahre 1969

Nachdem sich die von ihr geführte Schneiderei zuvor in der Bahnstraße befunden hatte, verlegte sie diese später an die Adresse Karl-Fitzka-Gasse Nr. 9, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Gatten, Forstmeister Ing. Oskar Sklenar, lebte. 1964, nach vierzig Jahren beruflicher Selbstständigkeit, während der sie rund 30 Lehrmädchen ausbildete, tratt Sobek in den Ruhestand über.13 Bis ins hohe Alter körperlich ausgesprochen fit und als Vorturnerin aktiv, erlitt sie 1990 beim Schwimmen einen Schlaganfall, der sie dazu zwang ruhiger zu treten.14 Am 8. Juni 1996 verstarb Leopoldine Sobek im Alter von 92 Jahren und ihre sterblichen Überreste wurden auf dem Mistelbacher Friedhof beigesetzt.

Sobeks letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher FriedhofSobeks letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher Friedhof

Der Mistelbacher Gemeinderat beschloss in seiner Sitzung vom 21. September 2004, eingedenk von Sobeks Einsatz für die körperliche Ertüchtigung, die neben dem 2006 eröffneten Turnsaal in der Gartengasse verlaufende, neu geschaffene Straße Leopoldine Sobek-Gasse zu benennen.

Wo befindet sich die Leopoldine Sobek-Gasse?

Quellen:
-) Archiv Sportunion Mistelbach (Dank an Herrn Gerhard Öhler)

  1. Pfarre Mistelbach: Taufbuch (1899-1906), Fol. 275
    Eintrag Taufbuch Pfarre Mistelbach (matricula online)
  2. beispielsweise: Pfarre St. Brigitta-Wien: Trauungsbuch (1902), Fol. 119
    Eintrag Taufbuch Pfarre St. Brigitta-Wien (matricula online)
  3. NÖN Mistelbach, Nr. 15/1984, S. 5;
    siehe auch bspw.: Mosse, Rudolf (Hrsg.): Adressbuch von Österreich für Industrie, Handel Gewerbe und Landwirtschaft 1931, S. 324;
    Adressbuch der Ostmark für Industrie, Handel und Gewerbe 1939, S. 329
  4. Volksbote, Nr. 16/1930, S. 6
  5. Weinviertler Nachrichten, Nr. 15/1964, S. 2 (Anm.: in diesem Beitrag aus Anlass ihres sechzigsten Geburtstags wird erwähnt, dass sie bereits seit 50 Jahren aktive Turnerin sei. Allerdings wird auch anlässlich ihres 65. Geburtstags ebenfalls berichtet, dass sie seit 50 Jahren ausübende Turnerin sei.)
  6. Mistelbacher Bote Nr. 9/1933, S. 5
  7. Mistelbacher Bote Nr. 15/1934, S. 5
  8. diese Tatsache ergab eine Anfrage im Bundesarchiv in Berlin
  9. Informationsbeilage der Handwerkskammer St. Pölten In: Donauwacht, Nr. 14/1939;
    siehe auch Beilage St. Pöltner Zeitung, Nr. 14/1939 (ONB: ANNO)
  10. Amtskalender für den Reichsgau Niederdonau 7. Teil, S. 10
  11. Neues Österreich, 29. August 1945, S. 3 (ONB: ANNO)
  12. Jakob, Christa: Frauenhaar und Frauenzimmer (2011), S. 93, Band XI. der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart
  13. NÖN Mistelbach, Nr. 15/1984, S. 5
  14. Sportunion Nö aktuell, Folge 4, Jg. 1996, S. 4
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