Schreiber, Andreas

Von Thomas Kruspel 28. Februar 2021 Aus

Gemeinderat Andreas Schreiber

geb. 19.12.1869, Mistelbach1
gest. 1.6.1950, Mistelbach

Andreas Schreiber wurde 1869 als Sohn des Gast- und Landwirts Andreas Schreiber und dessen dritter Gattin Klara, geb. Trestler, im Gasthaus „Zum goldenen Ochsen“ (Hauptplatz Nr. 6) geboren. Sein Vater war seit 1851 Besitzer dieser ältesten Gastwirtschaft der Stadt, deren Spuren bis in das 14. Jahrhundert zurückreichen, und der zugehörigen Landwirtschaft.2 Schreiber senior, der in der Zeit von 1864 bis 1867 auch Bürgermeister der Stadt Mistelbach3 war, verstarb 1892 und sein gleichnamiger Sohn folgte ihm als Gastwirt im „goldenen Ochsen“ und auch als Landwirt nach. Zur Erbschaft nach dem Vater gehörte auch ein Ziegelofen, der weit außerhalb des Ortsgebiets in Richtung Siebenhirten lag.4 Wie lange er das Gasthaus tatsächlich selbst führte ist unklar, denn jedenfalls in den Jahren 1895-1897 hatte er selbiges verpachet.5

Das Gasthaus "Zum goldenen Ochsen" der Familie Schreiber am Mistelbacher Hauptplatz im Jahr 1900,Das Gasthaus „Zum goldenen Ochsen“ der Familie Schreiber am Mistelbacher Hauptplatz im Jahr 1900. Es scheint sehr wahrscheinlich, das sich unter den in den Fenstern des ersten Stockwerks erkennbaren Herren auch der Hausbesitzer Andreas Schreiber befindet. (Foto: Göstl-Archiv)

Am 12. Februar 1900 ehelichte er Anna Pfeil, die Tochter eines Mistelbacher Gerbereigehilfen, in der Pfarre Mariahilf in Wien6 und dieser Verbindung entstammten sieben Kinder, von denen drei jedoch bereits im Säuglingsalter verstarben7. Im selben Jahr verkaufte Schreiber das Gasthaus „Zum Goldenen Ochsen“ an die Gemeinde, die die Häuser Nr. 4 und 6 am Nordende des Hauptplatzes abbrach und an dieser Stelle das neue Amtsgebäude für Gemeinde, Bezirkshauptmannschaft und Sparkasse errichtete. Auch im einstigen Spitalsviertel (etwa im Bereich Mitschastraße/Oserstraße/Thomas Freund-Gasse/Gspanngasse) kam es zu Ende des 19. Jahrhunderts zu einer räumlichen und baulichen Neuordnung und noch 1900 errichtete Schreiber hier an der Adresse Schulgasse (heute: Thomas Freund-Gasse) Nr. 6 ein Wohnhaus samt Wirtschaftsgebäuden.8 Schreiber widmete sich fortan (ausschließlich) der Landwirtschaft und gehörte zu den wohlhabendsten Bauern der Stadt.9 Wie lange er die oben erwähnte Ziegelei weiterbetrieb ist unklar, möglicherweise war deren Fortbetrieb nach der 1899 erfolgten Gründung des großen Ziegelwerks links der Bahnstrecke nicht mehr rentabel.

Er wurde 1905 als Kandidat der von Bürgermeister Thomas Freund angeführten „Vereinigten Bürgerpartei“ (Wahlbündnis aus Deutschnationalen & Christlichsozialen) in den Mistelbacher Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) gewählt und erreichte im 1. Wahlkörper die meisten Stimmen.10 Bei der Ergänzungswahl Ende August 1908 wurde er erneut als Mitglied des Gemeindeausschusses bestätigt11 und gehörte schließlich von 1911 bis 1919 auch dem Gemeindevorstand (=Stadtrat) an, dessen Mitglieder, abgesehen vom Bürgermeister, damals als Gemeinderäte bezeichnet wurden.12 Nachdem Schreiber anlässlich der Reichsratswahl 1911 als Mitglied des Deutschfreiheitlichen Wahlausschusses aufscheint, ist seine politische Gesinnung als Deutschnationaler klar belegt und schon sein Aufstieg zum Gemeinderat nach der Gemeindeausschusswahl 1911, bei der die Deutschnationalen triumphierten, legte diesen Schluss nahe.13 Während seiner Zeit als Gemeinderat stand er der „Sektion für Bewirtschaftung der Gemeindeweingärten, Viehhirt und Stiererhaltung, Schutz der Bodenkultur“ des Gemeindeausschusses als Obmann vor.14 Während des Ersten Weltkriegs fanden keine Wahlen statt und somit erstreckte sich die Amtsperiode des zuletzt gewählten Gemeindeausschusses bis zu den ersten Gemeindewahlen in der neu gegründeten Republik im Jahr 1919, anlässlich derer sich Schreiber aus der Gemeindevertretung zurückzog. Weiters gehörte Schreiber von 1911 bis 1917 als von der Gemeinde entsandter Vertreter auch dem Ausschuss der Sparkasse Mistelbach an.15 Zu Beginn des Weltkriegs wurden die grundsätzlich musterungspflichtigen Mitglieder des Gemeindevorstands (=Bürgermeister und Gemeinderäte) zunächst von der Stellungspflicht enthoben, doch aufgrund des Kriegsverlaufs wurden auch sie im Februar 1916 schließlich der Musterung unterzogen und sollten alsbald einrücken.16 Auch Schreiber war für tauglich befunden worden, doch da er in seinem landwirtschaftlichen Betrieb unabkömmlich war und die Lebensmittelproduktion in der Heimat aufrechterhalten werden musste, konnte er sich durch ein Enthebungsgesuch dem Kriegsdienst entziehen.17

Bei der ersten Wahl zur neu geschaffenen niederösterreichischen Landwirtschaftskammer bzw. den Bezirksbauernkammern im Mai 1922 kandidierte Schreiber auf dem ersten Listenplatz des “Großdeutschen Hauer- und Bauernbundes” für den Gerichtsbezirk Mistelbach. Die großdeutschen Bauernvertreter blieben im Gerichtsbezirk Mistelbach allerdings selbst hinter den Bauernvertretern der Sozialdemokraten weit zurück, ganz zu schweigen vom klaren Sieger der Wahl – dem christlich-sozialen Niederösterreichischen Bauernbund, und somit konnte Schreiber kein Mandat erringen.18

Andreas Schreiber verstarb am 1. Juni 1950 und wurde zwei Tage später im Familiengrab auf dem Mistelbacher Friedhof beigesetzt.19

Schreibers letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher FriedhofSchreibers letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher Friedhof

Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren Schreibers Nachfahren noch in der Landwirtschaft tätig bzw. im Besitz von Ackerland in Mistelbach und langwierige Verhandlungen betreffend einen Grundankauf zwecks Ausbau der Industrieparkstraße zu einer durchgängigen Verbindungsstraße zwischen Mitschastraße und Ebendorfer Straße waren zunächst erfolglos geblieben. Schließlich konnte durch den damaligen Bürgermeister Ing. Resch eine Einigung erzielt werden, indem vereinbart wurde, dass eine Straße im Gemeindegebiet nach jener Person benannt werden sollte, der dieser Beitrag gewidmet ist. Daher beschloss der Gemeinderat im März 2001 einer bis dahin noch namenlosen Seitengasse am Ende der Bahnstraße den Namen Andreas Schreiber-Straße zu geben.20

Wo befindet sich die Andreas Schreiber-Straße?

 

Quellen (und Anmerkungen):

Andreas Schreiber-Straße

Von Thomas Kruspel 27. Januar 2021 Aus

Im Zuge von Grundankaufsverhandlungen der Stadtgemeinde mit einem Nachfahren von Andreas Schreiber wurde vereinbart eine Straße zum Gedenken an den einstigen Gemeinde- bzw. Stadtrat (1905-1919) zu benennen. Der Mistelbacher Gemeinderat beschloss in der Sitzung vom 7. März 2001 die Namensgebung für diese am Ende der Bahnstraße gelegene Zufahrtsstraße.

Wo befindet sich die Andreas Schreiber-Straße?

Mag. Baumgartner-Gasse (Kettlasbrunn)

Von Thomas Kruspel 13. Januar 2021 Aus

Als mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 14. Dezember 2004 in Kettlasbrunn Straßenbezeichnungen eingeführt wurden, wurde diese Gasse nach dem ehemaligen Kettlasbrunner Pfarrer Mag. Norbert Baumgartner benannt.

Wo befindet sich die Mag. Baumgartner-Gasse?

Die Spanische Grippe in Mistelbach

Von Thomas Kruspel 5. Januar 2021 Aus

Zwar ist die Quellenlage eher bescheiden, aber dennoch können aus den vorhandenen Zeitdokumenten einige interessante Schlüsse zu den Auswirkungen der größten Pandemie des 20. Jahrhunderts in Mistelbach gezogen werden.

Der „Mistelbacher Bote“ berichtet in seiner Ausgabe vom 18. Oktober 1918 davon, dass die Spanische Grippe nun auch in Mistelbach angekommen sei. Es wird von vielen Erkrankungen berichtet und insbesondere Kinder seien sehr zahlreich betroffen, allerdings habe es laut diesem Bericht bislang kaum schwere Krankheitsverläufe gegeben.21

Das Virus fand damals in den durch den Ersten Weltkrieg bedingten Bewegungen von Menschenmassen, der schlechten Versorgungslage und den katastrophalen hygienischen Verhältnissen nach vier Kriegsjahren, insbesondere unter den Soldaten, ideale Verbreitungsbedingungen. Die Annahme, dass die Krankheit erstmalig durch verwundete Soldaten bzw. Kriegsgefangene nach Mistelbach gelangt sein könnte, erscheint durchaus plausibel. In dem auf mehrere Standorte (Krankenhaus, Kindergarten, Turnsaal, ehem. Notspital in der Hochgasse, später auch die Knabenschulgebäude) verteilten hiesigen Reservespital des Roten Kreuzes wurden neben den eigenen Verwundeten auch verletzte Kriegsgefangene versorgt. Im Jahr 1917 umfasste das Mistelbacher Reservespital insgesamt 541 Betten und es ist davon auszugehen, dass diese mit Fortdauer des Krieges auch in hohem Ausmaß belegt waren.22 Darüber hinaus befanden sich auch zumeist russische Kriegsgefangene in Mistelbach, die Zwangsarbeit in der Landwirtschaft verrichten mussten. Zwei italienische Kriegsgefangene, die am 21. Oktober 1918 im Reservespital verstarben, waren die ersten Todesopfer der Spanischen Grippe in Mistelbach. Bis Ende Oktober erlagen laut dem Sterbebuch der Pfarre fünf weitere italienische bzw. russische Kriegsgefangene dieser Krankheit im Vereins-Reservespital und im Mistelbacher Krankenhaus verstarben eine ältere Frau aus Schleinbach23 bzw. ein Kind aus Eibesthal. Unter der Mistelbacher Bevölkerung gab es im Oktober 1918 keine Todesopfer zu beklagen.24

Am 2. November 1918 berichtete der Mistelbacher Korrespondent der in Krems herausgegebenen „Österreichische Land-Zeitung“ in der Beilage „Unterm Manhartsberg“ (Anm. damalige Bezeichnung für das Weinviertel) davon, dass die Spanische Grippe nun auch in Mistelbach wüte.25 Kritisch bemerkt der Berichterstatter, dass pandemiebedingt zwar seit Anfang Oktober die Schulen geschlossen seien, aber etwa das Kino weiterhin geöffnet habe. Auch laut diesem Bericht habe es hier bislang noch keine bösartigen Krankheitsverläufe gegeben – die bis dahin verstorbenen Kriegsgefangenen bzw. auswärtigen Todesopfer wurden hier wohl bewusst ausgeklammert. Oftmals seien ganze Haushalte von der Erkrankung betroffen, doch sei das mittlerweile weit verbreitete Auftreten von Gliederschmerzen unter den bleichgesichtigen Kranken bereits als Zeichen für das Abklingen der Erkrankung zu deuten. Die Einschätzung bzw. Hoffnung des Berichterstatters, dass „die Seuche bereits im Abflauen“ sei, spiegelt sich in den Todesfällen des Monats November allerdings nicht wider, da in diesem Monat laut dem Sterbebuch der hiesigen Pfarre der Höchststand mit 23 Grippe-Todesfällen26 erreicht wurde. Unter diesen 23 Toten befanden sich: drei Soldaten, drei Kriegsgefangene, vier Flüchtlinge (Südtiroler Flüchtlingsstation), zehn (vermutlich) im Pfarrgebiet (Mistelbach, Lanzendorf, Ebendorf) wohnhafte Personen27 und drei Personen aus der weiteren Umgebung, die im Krankenhaus an den Folgen der Grippe verstarben. Im Dezember forderte die Pandemie fünf weitere Menschenleben (eine Person davon aus Mistelbach) und in den Monaten Jänner und April 1919 starb jeweils eine Person bzw. im März 1919 drei Personen an den Folgen dieser Erkrankung. Mit Ausnahme eines Todesopfers stammten alle im Frühjahr 1919 an der Grippe Verstorbenen aus Mistelbach.

Die obige Statistik zeigt bereits, dass die Zahl der Todesfälle in Mistelbach grundsätzlich durch die vorhandenen medizinischen bzw. sozialen Einrichtungen (Krankenhaus, Landessiechenanstalt, Waisenhaus), in denen Personen aus der näheren und weiteren Umgebung betreut bzw. untergebracht waren, verzerrt wird und diese nicht mit der Anzahl der Todesfälle unter den Bewohnern der Stadt gleichzusetzen ist. Damals erhöhten zusätzlich noch die in Mistelbach untergebrachten Südtiroler-Flüchtlinge und die zahlreichen verwundeten Soldaten und Kriegsgefangenen im Reserve-Spital die Zahl der in Mistelbach weilenden Personen und damit einhergehend stieg auch bereits zuvor die Zahl der nicht durch die Pandemie bedingten Todesfälle überproportional zur Einwohnerzahl der Stadt. Unabhängig davon woher die Toten stammten, wurde deren Ableben im Sterbebuch der Pfarre Mistelbach festgehalten. Die insgesamt fünfzehn Todesopfer unter den Einwohnern Mistelbachs deckten das gesamte Altersspektrum vom Säugling bis ins Greisenalter ab und auch in Ermangelung eines aufgrund der besonderen Umstände zu Kriegsende tauglichen Vergleichszeitraums, lässt deren vergleichsweise geringe Zahl wohl den Schluss zu, dass im Zeitraum November 1918 bis April 1919 keine signifikante Übersterblichkeit gegeben war.

Auch in den übrigen heutigen Katastralgemeinden gab es nur wenige Grippe-Tote zu beklagen, wie folgende auf Basis der Sterbebücher erstellte Übersicht zeigt:

Eibesthal: sieben Grippe-Tote im Zeitraum Oktober bis Dezember 1918 (drei davon verstarben in Mistelbach:  ein Kind (Okt.) und zwei Soldaten (Nov.) und diese werden oben bereits erwähnt und scheinen sowohl im Mistelbacher, als auch im Eibesthaler Sterbebuch auf.)28

Frättingsdorf: ein Grippe-Toter im November 191829
In seiner 1998 erschienenen „Heimatgeschichte von Frättingsdorf“ berichtet Johann Neckam davon, dass die spanische Grippe auch in Hörersdorf und Frättingsdorf, die damals eine gemeinsame Pfarre bildeten, einige Todesopfer forderte. In der Zeile darunter findet sich die Angabe, dass 26 Personen an der Grippe gestorben seien. Im selben Satz berichtet er außerdem von der Anzahl der im Jahr 1918 stattgefundenen Trauungen und Geburten und tatsächlich handelte es sich bei der angeführten Zahl der Toten um um sämtliche Sterbefälle des Jahres 1918 in der gemeinsamen Pfarre. Dieser Irrtum ließ sich durch einen Blick in das Sterbebuch der Pfarre leicht aufklären.30

Hörersdorf: vier Grippe-Todesfälle im Zeitraum November bis Dezember 191831

Hüttendorf: keine Todesfälle in Zusammenhang mit der Spanischen Grippe.
Zwar gab es eine Influenza-Tote im August 1918, doch handelte es sich hierbei zweifellos um eine „gewöhnliche“ Grippe-Erkrankung mit Todesfolge, und nicht um einen frühen Fall der Spanischen Grippe, die sich erst später in der Region verbreitete.

Kettlasbrunn: ein Grippe-Toter im November 191832; des Weiteren verstarb noch ein Kleinkind aus Kettlasbrunn im November 1918 im Mistelbacher Krankenhaus

Paasdorf: zwei Grippe-Todesfälle im Oktober bzw. November 191833

Siebenhirten: Laut der Chronik von Prälat Stubenvoll erkrankten auch in Siebenhirten viele an der Spanischen Grippe, allerdings verlief die Erkrankung nur in zwei Fällen tödlich (beide im November 1918)34

Es ist fraglich, ob die Medizin bzw. konkret die Pathologie mit den ihr damals zur Verfügung stehenden technischen Mitteln auch tatsächlich alle an der Spanischen Grippe verstorbenen Menschen korrekt als solche identifizieren konnte. Schließlich zählten in damaliger Zeit Atemwegserkrankungen (Lungenentzündung, Bronchitis, Tuberkulose, …) allgemein zu den häufigsten Todesursachen und genau deren Auftreten im Zuge des Krankheitsverlaufs war dann die tatsächliche Todesursache der Opfer der Spanischen Grippe, wie klar aus den Einträgen im Sterbebuch hervorgeht. Bei den ersten drei Todesfällen wurde im Sterbebuch neben der Todesursache Lungenentzündung/Grippe in Klammern auch „morbus iberica“ (=spanische Krankheit) angemerkt, wohl um den als Todesursache neuen Terminus „Grippe“ näher zu beschreiben.  Erstaunlicherweise listete das von der Pfarre geführte Sterbebuch nicht nur Verstorbene der christlichen Konfessionen (inkl. russisch-orthodox) auf, tatsächlich finden sich darin auch Einträge zu zwei damals verstorbenen muslimischen Kriegsgefangenen aus Russland. Jüdische Opfer dieser Krankheit wären wohl in den Matriken der jüdischen Gemeinde Mistelbach festgehalten worden, allerdings gingen diese nach Auflösung der Gemeinde 1938 leider verloren, sodass etwaige jüdische Opfer der Spanischen Grippe in Mistelbach nicht nachverfolgt werden können. Allerdings finden sich in dem sehr umfangreichen und detailliert recherchierten Werk35 von Frau Prof. Ida Olga Höfler zu den Biografien der  jüdischen Bevölkerung des Bezirks Mistelbach keine Informationen zu an dieser Krankheit verstorbenen Personen unter der jüdischen Bevölkerung Mistelbachs.

Quellen (und Anmerkungen):

Kuntner, Emil

Von Thomas Kruspel 12. Oktober 2020 Aus

Landesrat Emil KuntnerLandesrat Emil Kuntner

geb. 31.5.1902, Breitenlee bei Wien (heute: Teil von Wien-Donaustadt)
gest. 12.4.1999, Wiener Neustadt

Kuntner wurde 1902 als Sohn des Emil Kuntner, eines Buchhalters in der Stadlauer Lackfabrik, und dessen Gattin Theresia, geb. Mörth, einer Schmiedemeisterstochter in der damals noch eigenständigen niederösterreichischen Gemeinde Breitenlee bei Wien (1938 nach Wien eingemeindet) geboren.36 Nachdem sein Vater 1907 an Tuberkulose verstorben war, wuchs er als einziges Kind seiner Eltern – ein jüngerer Bruder verstarb im Säuglingsalter – im Elternhaus der Mutter auf. Kuntner besuchte die Volksschule in Breitenlee und Hirschstetten und nach dem Absolvieren der Bürgerschule in Stadlau setzte er seine Ausbildung ab 1916 an der Lehrerbildungsanstalt in Wiener Neustadt fort. Da tägliches Pendeln große finanzielle und zeitliche Opfer bedeutet hätte, wohnte Kuntner den Großteil seiner Studienzeit in dem im Wiener Neustädter Neukloster untergebrachten Konvikt. Die autoritäre Führung und der stark konfessionelle Einfluss in Schule und Konvikt widerstrebten Kuntner und er wurde ein Anhänger des sozialdemokratischen Schulreformers Otto Glöckel, dessen Ideen ihn in seiner freisinnigen Weltanschauung bestärkten. Politische Betätigung war an der streng geführten Schule nicht möglich, doch schon bald nach der 1921 mit ausgezeichnetem Erfolg abgelegten Reifeprüfung, führte ihn sein Weg zur Sozialdemokratie.37

Ab 1922 war er als Volksschullehrer zunächst in Ringelsdorf, kurz darauf in Hohenau und ab 1923 bereits in Rabensburg38 tätig. Sein niedriges Junglehrergehalt, insbesondere in Zeiten der damals herrschenden Hyperinflation, besserte sich Kuntner auf, indem er privat zusätzlich Geigenunterricht erteilte.39 Am 24. August 1926 ehelichte er die aus Hohenau stammende und an der dortigen Schule tätige, vier Jahre ältere Lehrerkollegin Maria Hubinger in der Pfarre Maria Treu in Wien-Josefstadt.40 Nach dem Ablegen der Lehrbefähigungsprüfung für Bürgerschulen im Jahre 1927 unterrichtete Kuntner fortan an der Hohenauer Bürgerschule bzw. dem Nachfolger dieses Schultyps: der Hauptschule.41

Bereits 1921 trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP)42, der Vorläuferpartei der heutigen SPÖ, bei und während seiner Zeit in Rabensburg war er als Schriftführerstellvertreter (1925) bzw. Schriftführer (1926) der dortigen Lokalorganisation (=Ortspartei in der damaligen Parteidiktion) aktiv.43 Später nach seinem Wechsel an die Hohenauer Bürgerschule bekleidete er in der dortigen Lokalorganisation ebenfalls diese Funktion.44 Der damalige sozialdemokratische Bürgermeister von Hohenau und Landtagsabgeordnete Franz Popp, von Beruf ebenfalls in Wiener Neustadt ausgebildeter Lehrer, wurde zu Kuntners politischem Mentor. Kuntner zog im Zuge der Gemeinderatswahl 1929 für die Sozialdemokraten in den Gemeinderat ein und übernahm hier bereits in jungen Jahren die wichtige Funktion des Finanzreferenten der Gemeinde Hohenau.45 Kuntners erste Funktionsperiode als Gemeinderat endete jedoch bereits nach sechs Monaten, da die Mandatare der „Vereinigten Volkspartei“ – zu der sich Christlichsoziale und Großdeutsche zusammengeschlossen hatten – ihre Mandate niederlegten und so eine Auflösung des Gemeinderates durch die Landesregierung erzwangen. Doch die seitens der Bürgerlichen gegen den Bürgermeister erhobenen Vorwürfe des Amtsmissbrauchs, mit der sie ihre Mandatsniederlegung zu rechtfertigen suchten, erwiesen sich als haltlos und das wahltaktische Manöver in der Hoffnung die absolute Mehrheit der Sozialdemokraten zu brechen, blieb erfolglos. Die Neuwahl Ende Juli 1930 brachte lediglich eine geringfügige Stimmenverschiebung, die auf die Mandatsverteilung keinerlei Auswirkung hatte und natürlich wurde Kuntner abermals in den Gemeinderat gewählt.46 In der Folge stieg Kuntner innerhalb der Partei 1931 zum geschäftsführenden Bezirksobmann der Bezirksorganisation Hohenau-Zistersdorf auf47, und gehörte ab 1932 dem neu gegründeten Gebietsausschuss der SDAP für das Marchfeld an.48 All dies endete jäh durch die Geschehnisse des 12. Februar 1934, als ausgehend von Linz der Widerstand des Republikanischen Schutzbundes – der sozialdemokratischen Wehrformation – gegen eine polizeiliche Hausdurchsuchung zu einem einige Tage währenden blutigen Bürgerkrieg eskalierte. Auf Anordnung des Landesgerichts für Strafsachen II in Wien wurden noch an jenem 12. Februar die führenden Sozialdemokraten in Hohenau, ebenso wie der Parteikader in allen anderen Teilen Österreichs, festgenommen.49 Kuntner wurde wegen Landesverrats in das Bezirksgericht Zistersdorf eingeliefert, da gegen ihn der Verdacht „der Beihilfe zum Waffenschmuggel“ erhoben wurde. Schon nach dem Verbot der NSDAP und der KPÖ im Jahr 1933 wurden unter dem nach Ausschaltung des Parlamentarismus diktatorisch regierenden Kanzler Dollfuß sogenannte Anhaltelager eingerichtet, in denen das Führungspersonal dieser Bewegungen, zumindest zeitweilig, festgehalten wurde. Nach dem auf die Februarkämpfe folgenden Verbot der sozialdemokratischen Partei und ihrer Organisationen entstanden, neben dem zum Synonym gewordenen Anhaltelager in Wöllersdorf (Bezirk Wiener Neustadt), österreichweit eine Vielzahl kleiner und kurzzeitig genutzter Anhaltelager. Auch in Zistersdorf war ein solches Anhaltelager im Frühjahr 1934 im Gasthof Wallner eingerichtet worden und Kuntner wurde im Anschluss an die monatelange Untersuchungshaft im Arrest des Bezirksgerichts dorthin überstellt und von 24. Mai bis 6. Juni 1934 unter Gendarmeriebewachung weiter festgehalten50. Aus Mangel an Beweisen wurde letztlich keine Anklage gegen ihn erhoben, doch auch nach seiner Freilassung stand Kuntner weiterhin unter Polizeiaufsicht.51

Während der Untersuchungshaft wurde er mit 1. April 1934 aus politischen Gründen als Lehrer zwangspensioniert und damit seiner Existenzgrundlage beraubt. Den engen Zusammenhalt der Wiener Neustädter Lehrer, auch in schwierigen Zeiten, zeigt jedoch die Tatsache, dass Kuntner aufgrund der Fürsprache des damaligen niederösterreichischen Landesschulinspektors Dr. Heinrich Güttenberger – seines ehemaligen Klassenvorstands in Wiener Neustadt – ab 1. Oktober 1934 als Hauptschullehrer an der Volks- und Hauptschule für Mädchen in Bruck a.d. Leitha wieder in den Schuldienst aufgenommen werden konnte.52 1936 übernahm er aufgrund der Erkrankung des Direktors der Brucker Knabenschule deren (provisorische) Leitung bis er am 13. März 1938, dem Tag nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich, seitens der neuen nationalsozialistischen Machthaber der Leitung enthoben wurde.53 In der Folge unterrichtete Kuntner wieder als Hauptschullehrer an der Mädchenschule, und übernahm während des Krieges zeitweilig auch deren provisorische Leitung, bevor er 1941 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Zunächst an der französischen Westküste eingesetzt, leistete er später an der 1943 von der deutschen Kriegsmarine in St. Wolfgang im Salzkammergut eingerichteten „Seeberufsfachschule“, die der Heranbildung von Marine-Unteroffizieren diente, seinen Dienst.54 Zu Kriegsende geriet Kuntner in amerikanische Kriegsgefangenschaft aus der er 1946 nach Bruck an der Leitha zurückkehrte, wo er seine Tätigkeit als Lehrer wieder aufnahm. Hier engagierte er sich in der Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten und wurde 1948 als Vertreter der SPÖ in den Bezirksleitungsausschuss entsandt.55

Auf eigenes Ersuchen an den Landesschulrat konnte er im Februar 1949 wieder an die Hohenauer Hauptschule zurückkehren56 und übernahm mit Beginn des Schuljahres 1951/52, als eine Teilung der Schule in eine Knaben- und eine Mädchenhauptschule erfolgte, die Leitung der Knabenhauptschule.57 Nach seiner Rückkehr nach Hohenau engagierte er sich vielseitig in der Partei und ihren Teilorganisationen:
er beteiligte sich im Juni 1949 an der Wiedergründung des ursprünglich 1923 gegründeten Arbeiter-Gesangsvereins „Freiheit“ und war über viele Jahre dessen Chormeister58; ab 1951 war er langjähriger Obmann der Bezirksgruppe Gänserndorf des Sozialistischen Lehrerverein Österreichs59; er gehörte ab 1950 dem Ausschuss der Gänserndorfer Bezirks-SPÖ an60, war ab 1953 stellvertretender61 bzw. später geschäftsführender Obmann der Bezirksorganisation62;
Kuntner der bereits Anfang der 30er Jahre als Sportwart im Arbeitersportverein Hohenau aktiv war63, führte den Verein in den 1950er als Obmann und damit zu jener Zeit als dessen Fußballsektion in der Staatsliga B, der zweithöchsten Spielklasse, spielte.64 In weiterer Folge war er darüber hinaus als langjähriger Bezirksobmann der sozialistischen Gemeindevertreter und Mitglied im Kontrollausschuss des Gänserndorfer Bezirksfürsorgeverbandes aktiv.65

Im Zuge der ersten Gemeinderatswahlen nach dem Krieg, 1950, wurde Kuntner abermals in den Hohenauer Gemeinderat gewählt und in der konstituierenden Gemeinderatssitzung zum geschäftsführenden Gemeinderat (Vorsitz im Finanz- und Rechtsausschuss) und Vizebürgermeister gewählt.66 Nach dem plötzlichen Tod von Bürgermeister Thomas Hawlin im Juni 1954 wurde Kuntner schließlich am 14. Juli dieses Jahres zum Bürgermeister der Marktgemeinde Hohenau gewählt.67 Während seiner Amtszeit wurde die Infrastruktur der Gemeinde in Form von Wasserleitungs-, Kanal- und Straßenbau und dem Anlegen von Gehsteigen massiv ausgebaut und zahlreiche Projekte, wie etwa die Errichtung des Kinderbades, des Feuerwehrzeughauses und der Leichenhalle, sowie der Zubau zu Rathaus bzw. Hauptschule und der Ausbau des gemeindeeigenen Kinos konnten realisiert werden. Durch die Förderung des sozialen Wohnbaus und der Errichtung von Siedlungen verdoppelte sich die Anzahl der Gebäude in Hohenau während seiner Amtszeit.68

1960: Landeshauptmannstellvertreter Franz Popp (l.) mit seinem politischen Ziehsohn und Nachfolger als Schul- u. Kulturreferent der Landesregierung Emil Kuntner1960: Landeshauptmannstellvertreter Franz Popp (l.) mit seinem politischen Ziehsohn und Nachfolger als Schul- u. Kulturreferent der Landesregierung Emil Kuntner

Im Oktober 1954 wurde Kuntner als Kandidat der SPÖ auch in den niederösterreichischen Landtag gewählt und war ab diesem Zeitpunkt als Direktor der Knabenhauptschule beurlaubt. In Anerkennung seiner Verdienste als Lehrer und Direktor wurde ihm im Dezember 1956 durch eine der letzten Amtshandlungen des kurz darauf verstorbenen Bundespräsidenten Theodor Körner der Berufstitel Oberschulrat verliehen.69 Als sich sein Mentor Franz Popp, der 1945 zum Landeshauptmannstellvertreter aufgestiegen war, 1960 aus Altergründen aus der Landespolitik zurückzog, folgte ihm Kuntner als Mitglied der Landesregierung nach und übernahm auch die von ihm geführten Bereiche Bildung und Kultur. Als Landesrat70 war Kuntner für die Leitung des Schul- und des Kulturreferats, des Kindergartenreferats sowie für die Leitung des von seinem Vorgänger ins Leben gerufenen Schulbaufonds, mittels dem während Kuntners Amtszeit hunderte neue Schulgebäude in ganz Niederösterreich errichtet werden konnten, verantwortlich. Weiters oblag ihm die Umsetzung der 1962 auf Bundesebene beschlossenen, umfassenden Schulreformen in Niederösterreich. Als Kulturlandesrat förderte er den Ausbau der Heimatmuseen und die Kulturträger auf dem Land in Form der Chöre, Musikvereine und Theatergesellschaften.71 In den 1960er Jahren gehörte Kuntner auch dem Vorstand der SPÖ Niederösterreich an72 und war als Vertreter seiner Partei weiters Mitglied in verschiedenen Gremien in der Einflusssphäre des Landes, wie etwa im Aufsichtsrat der NIOGAS (heute: EVN), oder dem Kuratorium der Landeshypothekenanstalt für Niederösterreich an.73 Anfang Juni 1967, unmittelbar nach seinem 65. Geburtstag, und nach 13 Jahren an der Spitze der Gemeinde zog er sich aus der Kommunalpolitik zurück74, und beendete zu diesem Zeitpunkt auch offiziell seinen Dienst als Schulleiter, von dem er seit seiner Wahl zum Landtagsabgeordneten beurlaubt war. Aufgrund seiner herausragenden Verdienste um das Wohl der Gemeinde wurde er anlässlich dieses halbrunden Geburtstages zum Ehrenbürger Hohenaus ernannt.75 Auch zahlreiche weitere Ehrungen, wie etwa die Verleihung der großen Victor Adler-Plakette durch seine Partei wurden ihm zu diesem Anlass zuteil.76

1967: Landesrat Kuntner (l.) bei der Verleihung der Ehrenbürgerurkunde durch den Mistelbacher Vizebürgermeister Leithner (r.)1967: Landesrat Kuntner (l.) bei der Überreichung der Ehrenbürgerurkunde durch den Mistelbacher Vizebürgermeister Johann Leithner (r.)

Während eines Besuchs im Mistelbacher Heimatmuseum im Jahr 1962 erörterte ihm der damalige Museumsleiter Direktor Fritz Bollhammer die Pläne für die Erweiterung und Erneuerung des damals im Barockschlössl untergebrachten Museums, die auch eine Sanierung des Gebäudes umfasste. Kuntner sicherte seine Unterstützung zu und wenige Jahre später konnte dieses umfangreiche Projekt dank großzügiger finanzieller Unterstützung seitens des Landes realisiert und das neue Heimatmuseum im Juni 1967 im Beisein des zuständigen Landesrates eröffnet werden.77 Auch den Ausbau der Pflichtschulen und den Weg Mistelbachs zur Schulstadt im östlichen Weinviertel unterstützte er nach Kräften. Anfang Juli 1967 beschloss daher der Mistelbacher Gemeinderat „in Würdigung seiner besonderen Verdienste um die kulturellen und schulischen Belange der Stadtgemeinde Mistelbach und in Dankbarkeit für die Unterstützung bei der Neugestaltung des Heimatmuseums“ einstimmig die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Landesrat Kuntner.78 Aus ähnlichen Gründen wurde ihm im Jahr darauf auch das Ehrenbürgerrecht der Stadt Gmünd verliehen79 und vermutlich wurden ihm noch viele weitere Auszeichnungen dieser Art zuteil.

Im Juli 1969 schied Kuntner schließlich nach knapp neun Jahren aus der Landesregierung und der aktiven Politik aus. Von 1971 bis 1984 folgt er einmal mehr seinem Freund und Mentor Franz Popp in einer Funktion nach, und zwar als Obmann der Absolventenvereinigung „Allzeitgetreu – Verein der in Wiener Neustadt und Baden herangebildeten Lehrer und Lehrerinnen“, der er seit Abschluss seiner Ausbildung, 1921, angehörte. Anlässlich seines Ausscheidens aus dem Vorstand dieses Vereins wurde er in Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenobmann ernannt.80

Nach der Scheidung seiner ersten Ehe 1973, ehelichte er zwei Jahre später Regierungsrätin Edith Wildmann, geb. Schanzer (1917-2012). Auch seine zweite Gattin war ausgebildete Lehrerin, später Schuldirektorin und Bezirksschulinspektorin in Mödling und über Jahrzehnte als SPÖ-Mandatarin Mitglied des Mödlinger Gemeinderats und von 1980 bis 1985 Vizebürgermeisterin der Stadt.81 Hier in Mödling verbrachte Kuntner auch seine letzten Lebensjahre.

Das Porträt Kuntners im Sitzungssaal des Hohenauer RathausesDas Porträt Kuntners im Sitzungssaal des Hohenauer Rathauses

Laut dem 2001 in aktualisierter Form neu herausgegebenen Hohenauer Heimatbuch wurde seine einstige Wirkungsstätte, das Hauptschulgebäude, im Zuge der Wiedereröffnung nach einem umfassenden Umbau 1980 „Emil Kuntner-Hauptschule“ benannt.82 Weiters wurde Altbürgermeister Kuntner 1992, anlässlich seines 90. Geburtstags, auch der Ehrenring der Gemeinde Hohenau verliehen.

Auch heute noch ist der Name Kuntners auf dem (früheren) Hauptschulgebäude, in dem mittlerweile die Neue Mittelschule beheimatet ist, verewigt.Auch heute noch ist der Name Kuntners auf dem (früheren) Hauptschulgebäude, in dem mittlerweile die Neue Mittelschule beheimatet ist, verewigt.

Nach längerer Krankheit verstarb Emil Kuntner am 12. April 1999 im 97. Lebensjahr im Wiener Neustädter Krankenhaus und wurde am 27. April 1999 auf dem Mödlinger Friedhof bestattet. In der Sitzung vom 26. März 2009 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine im neu erschlossenen Siedlungsgebiet unterhalb der Dr. Körner-Straße angelegte Straße Emil Kuntner-Straße zu benennen.83

Wo befindet sich die Emil Kuntner-Straße?

 

Bildnachweise:
-) Fotoausschnitt Franz Popp und Emil Kuntner: Niederösterreichischer Volksbote Nr. 43/1960, S. 3
-) Foto Verleihung Ehrenbürgerurkunde: Bildbote – Nö. Volksbote Nr. 38/1967, S 3
-) Porträtgemälde Gemeindesitzungssaal: zur Verfügung gestellt vom Amtsleiter der Gemeinde Hohenau Herrn Erwin Gradner

Quellen:
-) Eintrag zu Emil Kuntner In: Biografisches Handbuch des NÖ Landtages und der NÖ Landesregierung 1921 – dato
-) Niederösterreichische Landeskorrespondenz, 28. April 1999, Blatt 10
-) Aglas, Erwin H.: Die Zweite Österreichische Republik und ihre Repräsentanten – politische Leistung im Spiegel des wirtschaftlichen Erfolges (1960), S. 116, 233
-) Niederösterreichische Lehrerstimme – Mitteilungsblatt der Landesgruppe Niederösterreich des Sozialistischen Lehrervereines Österreichs, Jg. 17, Nr. 5, Mai 1962, S. 3f
-) Weinviertler Nachrichten, Nr. 23/1962, S. 3
-) Mitteilung des „Allzeitgetreu“ – Verein der in Wiener Neustadt und Baden herangebildeten Lehrer und Lehrerinnen, Jg. 62, Nr. 3, März 1967, S. 2 (Anm.: fälschlicherweise wird hier erwähnt, dass Kuntner erst ab 1924 als Volksschullehrer unterrichtete, ebenso falsch ist die Angabe Kuntner sei bereits 1946 Hauptschuldirektor in Hohenau geworden)
-) Volksbote, Nr. 21/1967, S. 1
-) Mitteilung des „Allzeitgetreu“ – Verein der in Wiener Neustadt und Baden herangebildeten Lehrer und Lehrerinnen, Jg. 67, Nr. 2, April 1972, S. 1f (Anm.: fälschlicherweise wird hier angeführt Kuntner sei von 1956 is 1969 Bürgermeister von Hohenau gewesen)
-) Inform des Vereins „Allzeit getreu“ der Absolventen der Lehrerbildungsanstalt des musisch-pädagogischen Realgymnasiums und des Bundesoberstufenrealgymnasiums Wr. Neustadt, Jg. 92, Nr. 2, Juni 1999, S. 10 (Anm.: fälschlicherweise wird hier erwähnt, dass Kuntner erst ab 1924 als Volksschullehrer unterrichtete)
-) Schultes, Anton/Zelesnik, Robert/Kremsmayer, Ulla: Hohenau – Ein Heimatbuch (2001), S. 266

Ein Paasdorfer legt sich mit Bismarck an – eine Annonce mit Folgen im Jahr 1866

Von Thomas Kruspel 28. August 2020 Aus

Im Sommer des Jahres 1866 eskalierte der bereits seit einiger Zeit zwischen Österreich und Preußen schwelende Konflikt um die Vorherrschaft im Deutschen Bund schließlich zum deutschen Bruderkrieg. Am 14. Juni 1866, dem Tag der Kriegserklärung, wurde in der in Wien herausgegebenen und bei Gewerbetreibenden und Kleinbürgern populären, katholisch-zentralistisch ausgerichteten „Gemeinde-Zeitung“ folgende Einsendung veröffentlicht:69

„Geehrte Redaction!
Von Ihrem Patriotismus überzeugt, bitte ich um gefällige Aufnahme folgender Zeilen in Ihr sehr verbreitetes Blatt:
Nachdem der Herr Minister Bismarck sich der preußischen Landwehr anschließen und gegen Österreich kämpfen will, so gebe ich demjenigen Österreicher 20 Gulden (österr. Währung), der dem Unheilstifter und Verpester der Moral – Bismarck – eine Ohrfeige applizirt, und 50 Gulden (österr. Währung), dem, der ihm in offenem Kampfe seinen Glatzkopf durchlöchert.

Mit Hochachtung zeichnet
ergebenst
Franz Xav. Rößler, Realitätenbesitzer Nr. 79, Paasdorf bei Mistelbach N.-Oe., 8. Juni 1866“

Der Paasdorfer Kaufmann und Wirtschaftsbesitzer Franz Xaver Rößler, hätte sich wohl nicht träumen lassen, welche Konsequenzen diese in patriotischem Übermut in der aufgeheizten Stimmung des Säbelrasselns zwischen Österreich und Preußen verfasste Einsendung schon kurze Zeit später haben sollte. Anfang Juli erlitten Österreich und seine Verbündeten bei Königgrätz eine vernichtende Niederlage, die den Krieg frühzeitig entschieden hatte. Die Preußen stießen nach ihrem Triumph rasch weiter Richtung Wien vor und zogen am Morgen des 17. Juli 1866 von Paasdorf kommend in Mistelbach ein. Zu Kampfhandlungen in der Umgebung kam es nicht mehr, da sich die österreichischen Truppen zurückgezogen hatten und ab 22. Juli herrschte bereits Waffenstillstand, aufgrund des Beginns der Verhandlungen zum Vorfrieden von Nikolsburg. Vor dem Heranrücken der Preußen herrschte große Unsicherheit und viele Menschen flüchteten in die Keller und Wälder und versteckten ihre Wertsachen. Es zeigte sich jedoch, dass die Zivilbevölkerung von den Feindestruppen keine Übergriffe zu fürchten hatte. Trotzdem litt die Bevölkerung unter der wochenlang dauernden Einquartierung von tausenden Soldaten (zu Spitzenzeiten rund 9000(!) alleine in Mistelbach, Lanzendorf und Ebendorf) und der damit einhergehenden Verpflegung dieser Truppen, die alle Vorräte verschlang, und nicht zuletzt durch die eingeschleppte Cholera, die viele Menschenleben fordern sollte.84

Auch Rößler, der besonderen Grund zur Furcht vor den Preußen hatte, versteckte sich vorsichtshalber zunächst vor dem herannahenden Feind, doch wähnte er sich wohlmeinender Warnungen zum Trotz zu früh in Sicherheit und verließ sein Versteck. Die außergewöhnliche, jedoch unbedeutende Annonce wäre in den Kriegswirren zweifellos untergegangen, hätte nicht der Landwirt Mathias Fink aus Atzelsdorf dafür gesorgt, dass die Preußen Kenntnis von dieser Veröffentlichung erhielten. Seine geschäftliche Tätigkeit hatte Rößler immer wieder auch als Kläger vor Gericht geführt85 und da Finks Bruder Michael zwei Jahre zuvor einen Rechtsstreit gegen Rößler verloren hatte, der letztlich die gerichtliche Feilbietung der Wirtschaft der Familie Fink zur Folge hatte86, nutzte Mathias Fink diese Gelegenheit für seine Familie Rache zu nehmen87.

Am 29. Juli 1866, und bereits nach Abschluss des Vorfriedens, zogen der geschmähte preußische Kanzler Otto von Bismarck und der preußische König und nachmalige deutsche Kaiser Wilhelm I., auch durch Mistelbach und bei einem Halt vor dem Gasthaus „Zum Weißen Rössl“, also im Kreuzungsbereich Mitschastraße/Bahnstraße („Frohnerkreuzung“), hielten sie eine kurze Lagebesprechung mit Offizieren ab.88 Wenige Stunden zuvor war Bismarck während eines kurzen Zwischenstopps in Poysdorf nur knapp einem Schussattentat entgangen, dass von Angehörigen des verhinderten Schützen Franz Korschan – von den Preußen unbemerkt – in letzter Sekunde noch vereitelt werden konnte.89

Es ist wohl kein Zufall, dass Rößler genau an jenem Tag an dem Bismarck sich in Mistelbach aufhielt bzw. ihn sein Weg nach Ladendorf wohl auch durch Paasdorf führte,  in Gewahrsam genommen wurde. Er wurde bei der Feldarbeit festgenommen, nach Mistelbach gebracht und verhört. Anschließend wurde er geknebelt und auf einem Wagen nach Wilfersdorf gebracht. Die Nacht über sperrte man ihn dort in einen Keller vor dem Wachen postiert wurden und anderntags wurde er auf einem Pferd festgebunden Richtung Nikolsburg fortgebracht. Von hier aus durfte Rößler seinen Angehörigen schreiben, und teilte ihnen mit, dass er nach Berlin gebracht würde. Über Wochen folgte vorerst kein weiteres Lebenszeichen von ihm. Rößlers ungewisses Schicksal wurde von mehreren Zeitungen aufgegriffen90 und beschäftigte auch den niederösterreichischen Landesausschuss im Rahmen eines Berichts des Landtagsabgeordneten Czedik von Bründelsberg, der von den Zuständen während der Zeit der Besatzung bzw. Übergriffen der preußischen Truppen handelte91.

Tatsächlich wurde Rößler bis 2. August in Nikolsburg festgehalten und in den folgenden Wochen vom 2. Bataillon des pommer‘schen Infanterie-Regiments Nr. 61 bis nach Böhmisch Neustadtl an der österreichisch-preußischen Grenze als Kriegsgefangener mitgeschleppt. Außer zu den Mahlzeiten (nur Wasser und Brot) bzw. während der Verrichtung der Notdurft war Rößler permanent gefesselt und wurde von den Preußen geschlagen und beschimpft („Du österreichischer Hund, Du „Benedek“! – Anm: Benedek war der Heerführer der geschlagenen Truppen in der Schlacht bei Königgrätz). Zuletzt wurde er in der Wachstube des Rathauses von Böhmisch-Neustadtl gefangen gehalten und schließlich als die Preußen Richtung Görlitz über die Grenze abrückten, wurde Rößler von einem preußischen Offizier mit den Worten „er soll sich nachhause packen“ am 2. September 1866 nach mehr als einmonatigen Martyrium freigelassen.92 Auf seinem Rückweg wurde Rößler große Hilfe und Anteilnahme der Bevölkerung zuteil, sodass er bald darauf wieder seinen Heimatort erreichte.

Anderslautende Zeitungsberichte, etwa dass Rößler in der schlesischen Festung Glogau in Kerkerhaft gewesen sei93 und trotz der harten Marter mit seiner standhaften patriotischen Gesinnung die Preußen so beeindruckt habe, dass man ihn schließlich, nachdem ihm Kanzler Bismarck großmütig seine Beleidigung vergeben habe, laufen ließ, beruhen auf Fehlinformationen bzw. erscheinen als Versuch patriotischer Glorifizierung94. Es ist wohl eher auszuschließen, dass Bismarck in diesen für ihn und Preußen so bedeutenden Tagen mit solch einer Bagatelle belästigt worden wäre, sondern Rößlers Leidensgeschichte dürfte ebenso wie die kurzzeitige Verhaftung der Beamten des Mistelbacher Bezirksamts wegen Spionageverdachts95 auf den Übereifer preußischer Offiziere zurückzuführen sein. Offenbar wollte man an Rößler ein Exempel statuieren, doch wie dessen unspektakuläre und plötzliche Freilassung zeigt, wussten Rößlers Peiniger, auch in Anbetracht des kurz zuvor geschlossenen Prager Friedens, letztlich nicht was sie mit ihrem Gefangenen weiter anfangen sollten. Insofern scheint es auch unwahrscheinlich, dass die in einzelnen Zeitungsberichten erwähnten Interventionsversuche, des wenig zuvor kurzzeitig festgenommenen k.k. Bezirksvorstehers in Mistelbach Jakob Nebeski zu Rößlers Freilassung beigetragen haben.

Den Denunzianten Mathias Fink bestrafte das Schicksal und er verstarb kurz vor Rößlers Rückkehr an der Cholera.96 Den Strick, mit dem er geknebelt war, soll Rößler als Andenken an jene schicksalshaften Wochen im Sommer des Jahres 1866 aufbewahrt haben. Er verstarb 1876 im Alter von 57 Jahren in seinem Heimatort Paasdorf.97

1906 erschien unter dem Titel „Vierzig Jahre nach Custozza und Königgrätz“ im „Neuigkeits Welt Blatt“ – dem Nachfolgeblatt der Gemeinde-Zeitung – ein Beitrag über das damalige Kriegsgeschehen, und auch Rößlers damalige Einsendung wurde als Kuriosum nochmals abgedruckt.98 Die Preußen haben in Form des außerhalb des Ortes gelegenen Cholerafriedhofs, in dem 32 preußische Krieger beigesetzt wurden, bis heute Spuren in Paasdorf hinterlassen.

 

Quellen:

Emil Kuntner-Straße

Von Thomas Kruspel 4. August 2020 Aus

Der Mistelbacher Gemeinderat beschloss in der Sitzung vom 26. März 2009, die in dem neu aufgeschlossenen Siedlungsgebiet südlich des sowjetischen Soldatenfriedhofs angelegten Straßen nach Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen. Unter anderem wurde eine dieser Straßen nach dem ehemaligen Landtagsabgeordneten und Landesrat Emil Kuntner benannt.

Wo befindet sich die Emil Kuntner-Straße?

 

Quellen:
-) Protokoll der Sitzung des Mistelbacher Gemeinderates vom 26.03.2009