Edisongasse

Von Thomas Kruspel 16. April 2021 Aus

Im November 1991 wurde im Gewerbegebiet an der Mitschastraße, hinter dem Baumarkt, das neu errichtete Bezirks-Fernmeldebauzentrum der staatlichen „Post- und Telegraphenverwaltung“ in Betrieb genommen und im darauffolgenden Juni in Anwesenheit des Generaldirektors auch offiziell eröffnet. Bereits in der Sitzung vom 6. März 1991 hatte der Mistelbacher Gemeinderat beschlossen die Zufahrtsstraße zu diesem Betriebsstandort nach dem US-amerikanischen Techniker und genialen Erfinder Thomas Alva Edison zu benennen, der die technische Entwicklung in vielen Bereichen, unter anderem auch in der Telekommunikation, maßgeblich vorantrieb. Nach der Umstrukturierung bzw. Privatisierung der Postbetriebe Ende der 1990er Jahre gehörte die in dieser Gasse befindliche Niederlassung zur A1 Telekom Austria.

Wo befindet sich die Edisongasse?

 

Quellen:
-) Englisch, Egon/Heisinger, Ludwig/Leithner, Johann/Kleibl, Karl: Die Geschichte der Post in Mistelbach – zum Jubiläum 150 Jahre Postamt Mistelbach 1849-1999 (1999), Band VII der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 29
-) Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert M. (Hrsg.): 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 238

Dr.-Brunauer-Gasse (Eibesthal)

Von Thomas Kruspel 9. April 2021 Aus

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Eibesthal fasste der Mistelbacher Gemeinderat am 18. März 1983 den Beschluss, eine neben der Eibesthaler Pfarrkirche verlaufende Gasse nach dem langjährigen Pfarrer und Eibesthaler Ehrenbürger Dr. Anton Brunauer-Dabernig zu benennen. Laut Beschluss lautet der Name schlicht „Brunauer-Gasse“, doch hat sich der Straßenname im Laufe der Zeit zur heutigen Bezeichnung „Dr.-Brunauer-Gasse“ gewandelt. Nachdem Pfarrer Brunauer-Dabernig in Eibesthal oft schlicht als „Herr Doktor“ bezeichnet wurde, erscheint diese Ergänzung stimmig.

Wo befindet sich die Dr.-Brunauer-Gasse?

Neydhart, Johann

Von Thomas Kruspel 7. April 2021 Aus

Bürgermeister Johann Neydhart

geb. 29.7.1891, SiebenhirtenJohann Neydhart, Bürgermeister von Siebenhirten 1945 bis 1955
gest. 8.11.1977, Klosterneuburg

Johann Neydhart wurde 1891 als fünftes von acht Kindern des Landwirts Mathias Neydhart und dessen Gattin Anna, geb. Schodl, in Siebenhirten geboren.1 Neydharts Vater war auch in der Siebenhirtner Gemeindevertretung aktiv und gehörte in den 1890er Jahre dem Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) an.2 Der Name Neydhart (im Laufe der Jahrhunderte in wechselnder Schreibweise) lässt sich in Siebenhirten durch alte Urkunden jedenfalls bis ins Jahr 1414 zurückverfolgen.3 In der von Prälat Franz Stubenvoll verfassten Ortschronik finden sich in der Liste der Dorfrichter – Vorläufer des Bürgermeisters – auch folgende Personen, bei denen es sich wohl um Vorfahren bzw. Verwandte von Neydhart handelte: Matheus Neidhart (1608), Matthias Neidhart (1804-1812), Franz Neidhart sen. (1820), Franz Neidhart jun. (1826, 1830)

Sein Elternhaus, damals Nr. 59 (heute: Johann Neydhart-Weg Nr. 5), befand sich allerdings erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz4 und Neydhart wuchs hier mit einem Bruder (ein weiterer gleichnamiger Bruder starb vor seiner Geburt), und fünf Schwestern auf. Zweifellos absolvierte er die achtjährige Pflichtschulbildung in der damals zweiklassig geführten Volksschule in Siebenhirten. Da sein älterer Bruder Mathias die Wirtschaft der Familie übernahm in die er später einheiratete, war Johann Neydhart zum Nachfolger in der elterlichen Landwirtschaft (Halblehen) bestimmt. Weltpolitisches Geschehen stand dem jedoch zunächst entgegen, denn im Alter von 23 Jahren wurde er nach Ausbruch des 1. Weltkriegs zum k.k. Infanterieregiment Nr. 99 eingezogen und mit der 16. Kompanie dieser Einheit Ende Oktober 1914 an die Ostfront verlegt. Hier erlebte der Infanterist Neydhart kurz darauf seine Feuertaufe im Kampf gegen die Truppen des Zaren in der Schlacht am San in Galizien und wurde im August des Folgejahres verwundet.5 Da der Grad seiner Verwundung nicht überliefert ist, ist unklar, ob sein Kriegseinsatz damit endete oder er nach seiner Genesung wieder an die Front abrücken musste.

Im Zuge einer Doppeltrauung – gemeinsam mit einer seiner Schwestern – ehelichte er am 21. Februar 1922 Anna Maria Trischak (1891-1966), die Tochter eines Siebenhirtner Landwirts.6 Dieser Ehe entstammten eine Tochter und ein Sohn. Johann Neydhart jun. fiel 1944 im Alter von nur 18 Jahren in Frankreich und damit starb der männliche Stammhalter der Familie.7 Johann Neydhart selbst entrann 1938 nur knapp dem Tode als er gemeinsam mit seinem Nachbarn Johann Böhm in dessen Keller aufgrund der Bildung von Gärgas beinahe erstickt wäre.8

Ende Mai 1945 wurde Neydhart von der russischen Besatzungsmacht als Bürgermeister der Gemeinde Siebenhirten eingesetzt9, und in dieser Funktion später auch von dem durch den Drei-Parteien-Ausschuss der niederösterreichischen Landesregierung eingesetzten Gemeinderat offiziell bestätigt.10 Die erste Zeit seiner Tätigkeit als Bürgermeister war durch die Anwesenheit sowjetischer Soldaten im Dorf und der damit einhergehenden Begleiterscheinungen (Übergriffe, Willkür, Requirierungen) geprägt bzw. erschwert, und die Situation entspannte sich erst nachdem die Besatzungssoldaten 1946 aus Siebenhirten abgezogen wurden. Es galt die Kriegsschäden zu beseitigen, die Verwaltung und Versorgung wiederaufzubauen und Bürgermeister Neydhart schaffte dies allen Widrigkeiten der damaligen Zeit zum Trotz mit großem Erfolg. Bei den ersten Gemeinderatswahlen nach dem Krieg im Mai 1950 wurde er als Kandidat der Bauernbund-Liste (einer von zwei im Ort angetretenen ÖVP-Listen) in den Gemeinderat gewählt und schließlich im Amt bestätigt. Nach zehnjähriger Amtszeit als Bürgermeister hatte sich Neydhart entschlossen bei den Gemeinderatswahlen 1955 nicht erneut zu kandidieren und zog sich in weiterer Folge aus der Gemeindepolitik zurück. Die Ankündigung seines Rückzug bzw. die dadurch notwendige Nominierung eines Bürgermeisterkandidaten löste innerhalb der Siebenhirtner Volkspartei bzw. besser gesagt unter den ihr zugehörigen Bünden einige Spannungen aus, die letztlich auch dazu führten, dass die ÖVP bei der Gemeinderatswahl 1955 mit drei verschiedenen Listen antrat.11

Wenig überraschend war Neydhart bereits vor und auch nach seiner Zeit als Bürgermeister vielseitig im Vereins- und Gemeinschaftsleben des Dorfes engagiert: Seit seiner Jugend und letztlich mehr als 60 Jahre hindurch war er in der Chormusik der Pfarre aktiv.12 Weiters gehörte Neydhart seit 1908 der Freiwilligen Feuerwehr Siebenhirten an und war auch in diesem Verein über Jahrzehnte engagiert. Von 1933 bis 1937 war Neydhart außerdem Obmann der Siebenhirtner Milchgenossenschaft.13 Mit Sicherheit gehörte er auch bereits dem in der Zwischenkriegszeit bestehenden Militär-Veteranenverein an, schließlich war er später Obmann des in den 1950er Jahren gegründeten Siebenhirtner Ortsverbands des Österreichischen Kameradschaftsbundes.14 Von etwa 1950 bis 1964 war Johann Neydhart Pächter der Gemeindejagd und als ab 1965 eine Jagdgesellschaft als Pächter auftrat, deren Jagdleiter von 1965 bis 1971.15

1956 wurde ihm aus Anlass seines 65. Geburtstags und aufgrund seiner großen Verdienste als Bürgermeister während der Zeit der Besatzung und des Wiederaufbaus die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde verliehen.16 Auch seitens der Republik Österreich und des Bundeslandes Niederösterreich wurde Neydharts Einsatz für die Allgemeinheit in schwerer Zeit durch die Verleihung von Ehrenzeichen gewürdigt.17

Bereits 1952 hatten er und seine Gattin ihrer Tochter und dem Schwiegersohn das Haus überlassen, nachdem sie in ein im weitläufigen Vorgarten neu errichtetes kleineres Haus (Nr. 59a bzw. nunmehr Johann Neydhart-Weg Nr. 2) übersiedelt waren.18 Neydhart überlebte schließlich Gattin, Tochter und Schwiegersohn und da in der Häuserchronik der Ortsgeschichte von Prälat Stubenvoll ab 1975 andere Hausbesitzer aufscheinen19, liegt der Schluss nahe, dass er die letzten beiden Jahre seines Lebens vermutlich in einer Einrichtung für Senioren verbrachte. Gemäß einem Eintrag in den Pfarrmatriken, verstarb Johann Neydhart im November 1977 in Klosterneuburg, was ebenfalls für die im vorherigen Satz geäußerte Vermutung zu sprechen scheint. Seine sterblichen Überreste wurden im Familiengrab auf dem Siebenhirtner Ortsfriedhof beigesetzt.

Neydharts letzte Ruhestätte auf dem Siebenhirtner OrtsfriedhofNeydharts letzte Ruhestätte auf dem Siebenhirtner Ortsfriedhof

Im Zuge der Einführung von Straßennamen als Adressbezeichnung in der Katastralgemeinde Siebenhirten beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 7. März 2001 die Zufahrtsstraße zu Neydharts Geburtshaus in Erinnerung an den verdienten Altbürgermeister Johann Neydhart-Weg zu benennen.20 Somit tragen die beiden Häuser in denen Neydhart im Laufe seines Lebens wohnte heute seinen Namen in ihrer Adresse.

Wo befindet sich der Johann Neydhart-Weg?

 

Quellen:

Bildnachweis:
Portrait: Abb. 87 aus der Festschrift 200 Jahre Pfarre Siebenhirten (1984)
Foto Grab: Thomas Kruspel (2021)

Johann Neydhart-Weg (Siebenhirten)

Von Thomas Kruspel 6. April 2021 Aus

In der Sitzung vom 7. März 2001 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat im Zuge der Einführung von Straßenbezeichnungen in der Katastralgemeinde Siebenhirten eine Straße nach dem ehemaligen Siebenhirtner Bürgermeister und Ehrenbürger Johann Neydhart zu benennen. Es handelt sich dabei um die Zufahrtsstraße zu Neydharts einstigem Wohnsitz, wobei der ursprünglich vorgesehene u-förmige Straßenverlauf mit zweifacher Einmündung in die Dorfstraße bislang nicht realisiert wurde.

Wo befindet sich der Johann Neydhart-Weg?

 

Lustig, Philipp

Von Thomas Kruspel 3. April 2021 Aus

geschäftsführender Gemeinderat Philipp Lustig

geb. 4.6.1882, Spannberg
gest. 8.5.1938, Mistelbach

Philipp Lustig wurde 1882 als Sohn des Kaufmanns und Altwarenhändlers Nathan Lustig und dessen Gattin Berta (genannt „Mina“), geb. Sonnenmark in Spannberg im Bezirk Gänserndorf geboren. Seine Eltern stammten beide aus Mähren, väterlicherseits aus Eisgrub, und seit etwa 1873 war die jüdische Familie Lustig in Spannberg ansässig. Lustig wuchs mit neun Geschwistern (zwei weitere waren früh verstorben) im bäuerlich geprägten Spannberg auf und da die entsprechenden Bände der Schulchronik leider verloren gingen, kann nur angenommen werden, dass er hier wohl auch seine Pflichtschulbildung erhalten haben dürfte.

In weiterer Folge absolvierte er vermutlich andernorts eine Spenglerlehre, legte in diesem Handwerk erfolgreich die Meisterprüfung ab und eröffnete im Oktober 1907 eine Spenglerei im Haus seiner Eltern an der Adresse Spannberg Nr. 166.18 Im Jahr 1910 verlegte Lustig Wohnsitz und Betrieb von Spannberg nach Mistelbach und eröffnete seine Spenglerei im April 1910 an der Adresse Hauptplatz Nr. 12.19 Vermutlich ab 1912, jedenfalls jedoch noch vor Beginn des Ersten Weltkriegs mietete er sich mit seiner Spenglerei schließlich in der weitläufigen Liegenschaft des Eckhauses Hauptplatz Nr. 27/Hafnerstraße Nr. 2 ein.21 Dieser Gebäudekomplex im Besitz der jüdischen Kaufmannsfamilie Weinmann beheimatete damals (wie auch heute) mehrere Geschäftslokale und jenes von Lustig befand sich etwa in der Mitte des der Hafnerstraße zugewandten Gebäudeteils (heute: ein Teil der Pizzeria Camillo). Das Geschäftslokal diente dem Handel mit Haushalts- und Küchenwaren, den sein Betrieb jedenfalls seit den 20er Jahren mitumfasste, und im Innenhof befand sich die Spenglerwerkstatt. Aber nicht nur die erwähnten Haushalts- und Küchenwaren bestanden damals zumeist aus Blech, Email bzw. sonstigen Metall und waren somit ein naheliegendes Zusatzgeschäft für Spengler, sondern auch viele für den Weinbau, insbesondere zur Schädlingsbekämpfung, benötigte Gerätschaften (Spritzen, Pumpen, Kessel, Wannen, etc.) auf deren Herstellung bzw. Reparatur sich Lustig spezialisiert hatte. Laut Angaben aus den 1920er bzw. 1930er Jahren beschäftigte er drei Arbeiter mit deren Hilfe er für das Spenglerhandwerk typische Arbeiten wie etwa die Herstellung und Montage von Dachrinnen, Blechdacheindeckungen bzw. den Einbau von Dachfenstern ausführte.22 Einen Großauftrag stellte sicherlich die 1928 von ihm vorgenommene Blecheindeckung der Turmzwiebel der Pfarrkirche von Kettlasbrunn dar.23 Vermutlich dürfte auch sein jüngerer Bruder David Lustig, dessen Beruf als Spenglergehilfe angegeben wurde, und der 1918 an der Front fiel, zumindest zeitweilig bei Lustig beschäftigt gewesen sein.

Bei dem zweiten Geschäft vom rechten Bildrand gesehen (siehe Markierung) handelt es sich um das Haushaltswarengeschäft bzw. die Spenglerei von Philpp LustigDas Geschäftslokal von Philipp Lustig in der Hafnerstraße Nr. 2 im Jahre 1928 (zweites Geschäft von rechts – siehe Markierung; erkennbar auch an den ausgestellten Blechwaren)

Auch Philipp Lustig diente im Ersten Weltkrieg als Soldat, wie Zeitungsberichte aus dem Jahr 1914 belegen.24 Unter anderem findet sich eine Kurzmeldung, die berichtet, dass die sechs Söhne und auch ein Schwiegersohn des Herrn Nathan Lustig aus Spannberg in die Armee einberufen wurden.25 Das Außergewöhnliche an dieser Meldung ist, dass sie ausgerechnet in der stramm deutsch-nationalen und antisemitischen „Österreichischen Land-Zeitung“ aus Krems erschien. In der damals herrschenden patriotischen Kriegsbegeisterung und des Zusammenhalts gegen einen äußeren Feind vergaßen offenbar sogar überzeugte Antisemiten kurzzeitig auf die seit Jahrzehnten gepflogenen Ressentiments gegenüber Juden. Im Juli 1916 findet sich erneut eine Meldung in derselben Zeitung, und zwar wird aus Mistelbach berichtet, dass „der hiesige Spenglermeister“ im Zuge eines Verwundetenaustausches aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt sei. Er sei zuvor in Kiew, Odessa, St. Petersburg und Moskau in Spitalsbehandlung gewesen und „spricht nicht lobend über die russischen Zustände“.26 Mangels Angabe eines Namens und da unklar ist, ob zu jener Zeit weitere Spenglermeister in Mistelbach tätig waren, kann nicht mit letzter Sicherheit daraus geschlossen werden, dass es sich um Philipp Lustig handelt. Einige Jahre vor dem Krieg scheinen im „Österreichischer Zentralkataster sämtlicher Handels-, Industrie- und Gewerbebetriebe“ noch mehrere Spenglerbetriebe auf, 1920 bzw. bis Mitte der 1920er Jahre hingegen wird Lustig in diversen Gewerbeverzeichnissen als einziger Spenglermeister in Mistelbach geführt. Das Verschweigen des Namens mutet sonderbar an und könnte als ein bewusster gesetzter Akt interpretiert werden. Es würde der Ideologie des Blattes durchaus entsprechen, dass man sich zwar bemüßigt fühlte diese Neuigkeit zu vermelden, es allerdings vermeiden wollte den jüdischen Namen Lustig zu erwähnen. Leider findet sich im „Mistelbacher Bote“ keine derartige Meldung und auch eine Recherche zu Philipp Lustig in den vom k.u.k. Kriegsministeriums veröffentlichten Verlustlisten (in denen auch die Verwundeten angeführt werden) blieb ohne Ergebnis. Gegen die Vermutung, dass es sich bei erwähntem Spenglermeister um Lustig gehandelt haben könnte, spricht ein Inserat aus dem Jänner 1919 im Mistelbacher Bote in dem Lustig informiert, dass seine Spenglerei wieder in Betrieb sei und sämtliche Spenglerarbeiten übernehme.27 Diese Verlautbarung legt den Schluss nahe, dass Lustig bis Kriegsende gedient haben dürfte und unmittelbar nach seiner Heimkehr den Betrieb, der während seines Fronteinsatzes stillgelegt war, wieder eröffnete.28

Nach zehnjährigem Aufenthalt in der Stadt hatte Lustig Anspruch auf die Verleihung des Heimatrechts in der Gemeinde Mistelbach, das ihm im Mai 1920 mittels Gemeinderatsbeschluss zuerkannt wurde.29
Ein Bruder Lustigs war von 1921 bis 1932 Eigentümer des Hauses Gartengasse Nr. 2230, damals in unmittelbarer Nähe des israelitischen Tempels. Da dieser Bruder jedoch in Spannberg bzw. Dürnkrut lebte, wohnte Philipp Lustig hier gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Barbara („Wetti“/“Betti“) Pleininger (1886-1970).31 Pleininger, in anderen Quellen auch als seine „Lebensbegleiterin und Wirtschafterin“ bezeichnet, stammte ebenfalls aus Spannberg und war die katholische Tochter eines Schusters 32). Die Beziehung zwischen ihr und Lustig blieb kinderlos. 1931 erwarb Lustig das Haus Hafnerstraße Nr. 5 (heute: Optik Janner), das seinem Geschäftslokal gegenüberlag. Dieses Haus beherbergte zwei Geschäftslokale, und eines davon war seit Anfang des 20. Jahrhunderts an den jüdischen Kaufmann David Kasmacher vermietet, der hier eine Gemischtwarenhandlung betrieb und samt seiner Familie auch hier wohnte.33 Ende der 1920er bzw. Anfang der 1930er Jahre befand sich im linken Teil des Gebäudes das Geschäft des Mechaniker- bzw. Elektroinstallateurbetriebs von Karl Rösslers Witwe.34 Bald nach dem Erwerb des Hauses dürfte er seinen Wohnsitz hierher verlegt haben. Bestimmt hatte er den Vorsatz auch seinen Betrieb in das nunmehr ihm gehörige Haus zu verlegen, möglicherweise war er jedoch aufgrund laufender Verträge vorerst daran gehindert dieses Vorhaben zu verwirklichen, sodass sein Geschäft bis 1938 weiterhin an der Adresse Hafnerstr. 2 verblieb.

Diese in der NS-Zeit herausgegebene Postkarte nutzt eine Aufnahme aus der Zeit vor dem "Anschluss" (etwa 1935) und zeigt das Geschäft Lustigs in der Hafnerstraße 2 und das ihm gehörige Haus Hafnerstr. 5 in dem das Geschäft von David Kasmacher erkennbar ist.Diese in der NS-Zeit herausgegebene Postkarte nutzt eine Aufnahme aus der Zeit vor dem „Anschluss“ (etwa 1935) und zeigt das Geschäft Lustigs in der Hafnerstraße 2 und das ihm gehörige Haus Hafnerstr. 5 in dem das Geschäft von David Kasmacher erkennbar ist.

Im Jänner 1928 finden sich erste Belege für Lustigs Engagement in der Lokalorganisation (=Ortspartei in der damaligen Parteidiktion) der Sozialdemokratischen Partei, als er im Zuge der Generalversammlung zum Kontrollor (=Rechnungsprüfer) gewählt wurde.35 In der Zeit von 1930 bis jedenfalls 1933 hatte er die Funktion des Kassierstellvertreters der Lokalorganisation inne.36

Im Zuge der Gemeinderatswahl im November 1929 wurde Lustig als Vertreter der Sozialdemokraten in den Mistelbacher Gemeinderat gewählt und sein Einzug in den Gemeinderat wurde in der christlichsozialen und großdeutschen Regionalpresse von antisemitischen Kommentaren begleitet.37 Nachdem im November 1930 drei sozialdemokratische Gemeinderäte, darunter auch die beiden Vertreter der Partei im Gemeindevorstand (=geschäftsführende Gemeinderäte, heute Stadtrat genannt) ihre Mandate zurücklegten, sollte in der Gemeinderatssitzung vom 30. November 1930 die Ersatzwahl in dieses Gremium stattfinden. Die Sozialdemokraten nominierten als geschäftsführende Gemeinderäte Philipp Lustig und Leopold Kleindesner und diese wurden mit den Stimmen der sozialdemokratischen Mandatare und bei Enthaltung der bürgerlichen Majorität grundsätzlich auch gewählt.38 Nach der Wahl bemängelte die sozialdemokratische Fraktion jedoch, dass diese nicht formal korrekt erfolgt sei. Tatsächlich war die für eine derartige Wahl laut Geschäftsordnung vorgesehene Anwesenheit von drei Vierteln der Gemeinderatsmitglieder zum Zeitpunkt der Wahl nicht gegeben. Aus nachvollziehbaren Gründen hatten die Sozialdemokraten großes Interesse daran, dass ihre Vertreter im Gemeindevorstand formalrechtlich korrekt gewählt werden.  Das Verhältnis der Sozialdemokraten zur bürgerlichen Mehrheit (Christlichsoziale und Nationale) war jedoch äußerst angespannt und es existierte keine gemeinsame Gesprächsbasis, sodass diese Angelegenheit exemplarisch für die Stimmung im Gemeinderat während der Jahre der Ersten Republik gelten kann. Die Mehrheit nahm die Hinweise der Sozialdemokraten nicht ernst und erst aufgrund einer Beschwerde bei der Landeswahlbehörde39, der letztlich Folge gegeben wurde, ordnete die Landesbehörde eine Wiederholung der Wahl an. Diese erfolgte schließlich am 10. März 1931 und es wurden die sozialdemokratischen Gemeinderäte Lustig und Karl Stropek (statt zuvor Kleindesner) in den Gemeindevorstand, und damit zu geschäftsführenden Gemeinderäten (entspricht heute dem Stadtrat) gewählt.40 Ab 1930 gehörte Lustig auch dem Ortsschulrat an41 und 1932 wurde er als einer von mehreren Arbeitgebervertretern in den Vorstand der Gebietskrankenkasse für den Bezirk Mistelbach gewählt.42

Die gewaltsame Auseinandersetzung im Februar des Jahres 1934 mit dem zu diesem Zeitpunkt bereits verbotenen Republikanischen Schutzbund nahm das Dollfuß-Regime zum Anlass für ein Verbot der Sozialdemokratischen Partei und ihrer Teilorganisationen und entzog den gewählten Vertretern dieser Partei die Mandate in allen demokratischen Institutionen. Zwar war Lustig geschäftsführender Gemeinderat und somit einer der wichtigsten Vertreter seiner Partei in der Gemeindepolitik, allerdings hatte er in der Parteiorganisation keinerlei herausragende Stellung inne. Ob er daher, wie viele seiner Genossen in ganz Österreich, zumindest kurzzeitig Repressalien, wie etwa Untersuchungshaft, zu erleiden hatte, ist nicht bekannt. Beispielhaft sei hier das tragische Schicksal des hauptamtlichen Parteisekretärs Karl Stropek erwähnt, der gemeinsam mit Lustig in den Gemeindevorstand gewählt wurde, und der sich nach zweimonatiger Untersuchungshaft im Arrest des hiesigen Bezirksgerichts selbst das Leben nahm.

Aufgrund seiner exponierten Stellung als ehemaliger sozialdemokratischer Gemeinderat jüdischer Herkunft und Unternehmer war Lustig vermutlich besonders als Ziel des nationalsozialistischen Terrors, der unmittelbar mit dem „Anschluss“ einsetzte, prädestiniert. Der durch SA-Männer überwachte Boykott jüdischer Geschäfte bzw. eine absehbar drohende Arisierung seines Unternehmens bedeuteten für ihn zudem eine wirtschaftlich aussichtslose Lage. All dies und schließlich die Angst vor dem was noch kommen würde oder eine Vorahnung dessen, führten dazu, dass Lustig am 8. Mai 1938 in den Selbstmord flüchtete und sich erhängte.43 Ein Wiener Sterbevorsorgeverein kümmerte sich um die Kremierung und Beisetzung der sterblichen Überreste im Urnenhain der Feuerhalle Simmering. Zwanzig Jahre nach seinem Tod wurde das Urnengrab aufgelassen.44

Einige seiner Geschwister verstarben bereits vor 1938 eines natürlichen Todes bzw. fiel ein Bruder im 1. Weltkrieg. Jene fünf Geschwister, die die Herrschaft des Nationalsozialismus miterleben mussten, haben diese nicht überlebt: Ein Bruder flüchtete so wie Philipp Lustig in den Freitod und die anderen vier Geschwister wurden deportiert und ermordet.45

In seinem Testament hatte Lustig Barbara Pleininger als seine Universalerbin (mit Einschränkungen bzgl. der Nacherbschaft) bestimmt46 und diese übernahm das Geschäft, in dem sie seit vielen Jahren mitgearbeitet hatte, mit 8. Juni 1938, beschränkte sich jedoch fortan auf den Handel mit Haushalts- und Küchengeräten. Die Spenglerwerkstatt dürfte sie augenscheinlich an Matthias Strobl verkauft haben, der die Eröffnung seiner Spenglerei an der Adresse Hafnerstr. Nr. 2 mit 15. September 1938 mittels Zeitungsannonce mitteilte.47

Die im Mistelbacher Bote (Nr. 24/1938, S.7) veröffentlichte Anzeige der Geschäftsübernahme nach Abschluss der Verlassenschaftsverhandlung

Die im Mistelbacher Bote (Nr. 24/1938, S.7) veröffentlichte Anzeige der Geschäftsübernahme nach Abschluss der Verlassenschaftsverhandlung

Die Ankündigung der Fortführung „im arischen Sinne“ in obiger Anzeige war eine in Zusammenhang mit Arisierungen übliche Formulierung und ist bestimmt nicht als Ausdruck von Pleiningers Werthaltung zu verstehen. Nachdem Mistelbach bereits im September 1938 als „judenfrei“ galt und somit auch die Familie Kasmacher, die ihr Geschäft in weiser Voraussicht, bevor es arisiert werden konnte, liquidiert und Mistelbach verlassen hatte, war nun für Pleininger die Möglichkeit gegeben das Geschäft in das nunmehr ihr gehörende Haus Hafnerstraße Nr. 5 zu verlegen. Die Übersiedlung des Betriebs an die gegenüberliegende Adresse dürfte vermutlich noch in der zweiten Jahreshälfte 1938 bzw. spätestens im Frühjahr 1939 erfolgt sein. Barbara Pleininger führte den Handel mit Haushalts- und Küchenwaren, untergebracht im linksseitigen Geschäftslokal des Gebäudes, bis 1954.48 Danach dürfte sie das Geschäft an Elisabeth Matsch verpachtet haben, die in Branchenverzeichnissen bis 1961 mit einem Haushaltswaren- und Küchengerätegeschäft an dieser Adresse als ihre Nachfolgerin aufscheint.

Am 26.03.1998 beschloss der Gemeinderat zur Erinnerung an den einzigen jüdischen Stadtrat in Mistelbach und dessen bedauerliches Schicksal eine Straße am oberen Ende der Steinhübelsiedlung Philipp Lustig-Weg zu benennen.49

Wo befindet sich der Philipp Lustig-Weg?

 

Quellen (und Anmerkungen):
-) Eybel, Heinz /Jakob, Christa/Neuburger, Susanne: Verdrängt und Vergessen. Die jüdische Gemeinde in Mistelbach (2003), S.126, 194, 201
-) Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 510f (Anm.: Lustigs Bezug zum jüdischen Glauben ist unklar: Frau Prof. Höfler gibt zu Lustigs Biografie an, dieser sei aus dem Judentum ausgetreten (wobei unklar ist auf welche Quellen sich diese Angabe bezieht). Dem widerspricht jedoch die ebenfalls von ihr als Quelle angeführte Todfallsaufnahme durch den Notar Dr. Gärtner im Mai 1938 in der das Religionsbekenntnis Lustigs als „mosaisch“ angeführt wurde. Dank an Mag. Andreas Kloner für den Hinweis und die Übermittlung des Protokolls der Todfallsaufnahme.)
-) Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Gänserndorf, Band IV (2015), S. 1662f (Anm.: die Mitteilungen von Herrn Mag. Kloner und ebenso der Zeitpunkt der Verleihung des Heimatrechts belegen widerlegen die Annahme von Frau Prof. Höfler, dass Lustig erst 1912 nach Mistelbach übersiedelt sei)
-) Bayer, Franz/Spreitzer, Prof. Hans: „Der Mistelbacher Gemeinderat seit der Stadterhebung“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart – Heimatkundliche Schriftenreihe der Stadtgemeinde Mistelbach, Band I (1964), S. 173, 189 bzw. die aktualisierte Version „Die Bürgermeister Mistelbachs ab 1850, Die Stadträte und Gemeinderäte Mistelbachs seit der Stadterhebung im Jahre 1874“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart – Heimatkundliche Schriftenreihe der Stadtgemeinde Mistelbach, Band III (1982), S. 105;

Bildnachweis:
Fotos Hafnerstraße: digitalisiert und zur Verfügung gestellt von Otmar Biringer aus der Sammlung von Herrn Lichtl

Baumgartner, Mag. Norbert

Von Thomas Kruspel 3. März 2021 Aus

Geistlicher Rat Mag. Norbert Baumgartner

Pfarrer Baumgartner im Jahre 1970
geb. 18.4.1934, Wien
gest. 25.4.1980, Wien

Norbert Baumgartner wurde 1934 in die in Wien-Döbling wohnhafte Familie von Ferdinand und Dr. Grete (geb. Tomek) Baumgartner geboren. Sein Vater betrieb eine Verlagsbuchhandlung, ursprünglich im 8. Bezirk, später im 19. Bezirk, und seine Mutter pausierte ihr Germanistik-Studium zunächst für die Familiengründung und Kinderziehung, promovierte jedoch schließlich 1943.

Baumgartner besuchte das Bundesgymnasium Wien-Döbling, wo er am 30. Juni 1952 die Reifeprüfung ablegte.50 Der spätere SPÖ-Innenminister Karl Blecha war einer seiner Klassenkameraden. Anschließend trat er im Wintersemester 1952/53 in das erzbischöfliche Priesterseminar ein und nahm das Studium der Theologie an der Universität Wien auf.51 Seine Entscheidung für eine geistliche Laufbahn fügt sich in das Bild der stark vom katholischen Glauben geprägten Familie Baumgartner, schließlich verlegte sein Vater hauptsächlich religiöse Literatur und auch Baumgartners älterer Bruder Ferdinand war drei Jahre vor ihm in das Priesterseminar eingetreten, entschied sich jedoch schlussendlich für einen profanen Lebensweg und wurde später Direktor der Universitätsbibliothek der Universität Wien.52

Das Studium schloss Baumgartner im Sommersemester 1957 erfolgreich mit dem Absolutorium (abs.theol.) ab, dem damals üblichen Abschluss für Studien, sofern man kein Doktorat anstrebte. Nachdem Ende der 1960er Jahre das Magisterium auch für Theologen eingeführt wurde, reichte Baumgartner eine Diplomarbeit nach, die die Voraussetzung für die Erlangung des Magister-Titels war, und spondierte zu Ende des Sommersemesters 1974 zum Magister der Theologie.53

Die Priesterweihe empfing er am 29. Juni 1957 und trat am 1. September desselben Jahres in der Stadtpfarre St. Christoph in Baden bei Wien seine erste Stelle als Kaplan an.54 Im Anschluss daran war er von September 1960 bis August 1961 Kaplan in der Stadtpfarre St. Othmar in Mödling55, und war später in seiner Laufbahn kurzzeitig in dieser Funktion auch in der Pfarre Wien-Erdberg tätig.56 Etwa von 1961 bis 1965 war er Sekretär und Zeremoniär bei Erzbischof-Koadjutor Dr. Franz Jáchym57 und ab September 1965 schließlich Kaplan in der Pfarre St. Leopold in Gersthof im 18. Wiener Gemeindebezirk sowie Religionsprofessor am Gymnasium & Realgymnasium 19 (GRG19 – Billrothstr. 26) im 19. Bezirk.58 An dieser Schule, die bis zum Schuljahr 1977/78 als Mädchengymnasium geführt wurde, wirkte er bis zu seinem Tod als engagierter Pädagoge und war auch als Lehrervertreter im Schulgemeinschaftsausschuss aktiv.

1970 wurde er zum Pfarrer in Kettlasbrunn berufen und seine berufliche Tätigkeit umfasste nun zwei räumlich getrennte Wirkungsbereiche: während der Woche war er in Wien bzw. zuletzt in  Klosterneuburg wohnhaft und unterrichtete als Religionsprofessor. An den Wochenenden und Feiertagen bzw. in den Ferien wirkte er mit vollem Einsatz als „Wochenendpfarrer“ in Kettlasbrunn.59

Pfarrer Baumgartner (rotes X) wird 1970 durch Bischofsvikar Prälat Stubenvoll in der Pfarre Kettlasbrunn feierlich installiert (Foto: W. Mliko)Pfarrer Baumgartner (rotes X) wird 1970 durch Bischofsvikar Prälat Stubenvoll in der Pfarre Kettlasbrunn feierlich installiert (Foto: W. Mliko)

Baumgartner schaffte es mit seiner humorvollen und gewinnenden Persönlichkeit, seiner Fähigkeit zu begeistern und seinem Organisationstalent die Kettlasbrunner Bevölkerung zu einer aktiven Pfarrgemeinschaft zu formen und zahlreiche Mitstreiter für die Umsetzung seiner Ideen zu gewinnen. Das erste Projekt, dass er an seinem neuen Dienstort in Angriff nahm war die Außenrenovierung der Pfarrkirche im Jahr nach seiner Ankunft. Zur Finanzierung dieses Vorhabens trug unter anderem der Reinerlös, der von ihm 1971 und 1972 organisierten und sehr erfolgreichen großen Faschingsumzüge im Ort, bei. Wie an diesem Beispiel bereits ersichtlich beschränkte sich Baumgartner keineswegs auf die Seelsorge, sondern brachte sich aktiv ins Gemeinschaftsleben des Dorfes ein und konnte so zahlreiche Projekte anstoßen und verwirklichen. 1973 gründete er den „Verein für Ortsverschönerung und Umweltschutz“, dem er bis zu seinem Ableben als Obmann vorstand.60 Der Verein realisierte beispielsweise die Neugestaltung des Kirchenbergs oder etwa die Renovierung der außerhalb des Ortes gelegenen „Pestsäule“, die auf seine Idee hin mit Mosaikbildern der vier Evangelisten versehen wurde.61 Auch der 1977 vollendete Neubau einer Aufbahrungshalle ging auf die Initiative von Pfarrer Baumgartner zurück. Ein großer Erfolg waren weiters die von ihm organisierten jährlichen Wallfahrten der Pfarrgemeinde. Es gelang ihm darüber hinaus eine Verbindung zwischen seinen beiden beruflichen Wirkungsbereichen herzustellen: So wirkten einige seiner Wiener Schüler und Schülerinnen auch bei der Gestaltung des Pfarrlebens in Kettlasbrunn mit und beteiligten sich etwa an Nikolofeiern, der Schulchor veranstaltete alljährlich ein Adventsingen bzw. wirkten Mitglieder dieses Chores bei der Aufführung von Singmessen in der Kettlasbrunner Pfarrkirche mit.62 Zu diesen Anlässen kümmerte sich Pfarrer Baumgartner um Quartiere für die Wiener Kinder und Jugendlichen und diese wurden von Kettlasbrunner Familien gastfreundlich aufgenommen. Anlässlich einer Pfarrvisitation zeigte sich Kardinal Dr. König vom Wirken Baumgartners derart beeindruckt, dass er ihn 1974 zum „Geistlichen Rat“ ernannte, ein Ehrentitel der Geistlichen sonst oftmals erst zu Ende ihrer Laufbahn verliehen wird.63

Mag. Norbert Baumgartner Anfang der 1970er JahreMag. Norbert Baumgartner Anfang der 1970er Jahre

Das nächste große Projekt wäre die bereits in Planung befindliche Innenrenovierung der Pfarrkirche gewesen, aber leider war es ihm nicht mehr vergönnt sein Werk zu vollenden. Das große Arbeitspensum, dass Pfarrer Baumgartner sich zumutete, forderte seinen Tribut: Während eines Schulausflugs in den Schönbrunner Tiergarten am 25. April 1980 erlitt er einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er wenige Stunden später im Krankenhaus zum göttlichen Heiland verstarb.64 Der plötzliche Tod des erst im 47. Lebensjahr stehenden, charismatischen Pfarrers und Lehrers war ein Schock für Kettlasbrunn und seine Wiener Schule. Sein Leichnam wurde am 30. April 1980 nach Kettlasbrunn überführt, aufgebahrt und Mitglieder der Pfarrgemeinde hielten die Totenwache. Am Tag darauf wurde das Requiem in der Pfarrkirche unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, seiner Lehrerkollegen und Schüler, von Erzbischof-Kodadjutor Dr. Franz Jáchym, dessen enger Mitarbeiter Baumgartner einst war, zelebriert.
Mag. Norbert Baumgartner wurde am 2. Mai 1980 im Familiengrab auf dem Klosterneuburger Martinsfriedhof beigesetzt.

Im Zuge der Einführung von Straßenbezeichnungen in Kettlasbrunn wurde mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 14. Dezember 2004 die Mag. Baumgartner-Gasse zur Erinnerung an sein gedeihliches Wirken in dieser Katastralgemeinde nach ihm benannt.65

Wo befindet sich die Mag. Baumgartner-Gasse (Kettlasbrunn)?

Quellen:
-) Fotos: Wilhelm Mliko – Nachlass Fotoarchiv Mliko im Stadtmuseumsarchiv
-) Informationen aus dem Nationale des Studenten Norbert Baumgartner, lt. Auskunft des Archivs der Universität Wien
-) Wiener Kirchenzeitung, Nr. 19/1980, Jg. 131 (11. Mai 1980), S. 6
-) Leisser, Willibald: Kettlasbrunn im Weinviertel (1989), S. 75f

 

Philipp Lustig-Weg

Von Thomas Kruspel 1. März 2021 Aus

Mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 26. März 1998 wurde diese Straße am oberen Ende der Steinhübel-Siedlung nach dem ehemaligen Gemeinderat bzw. geschäftsführenden Gemeinderat (=Stadtrat) Philipp Lustig benannt. Tatsächlich dürfte die Geschichte dieses Weges aber bereits Jahrhunderte zurückreichen. Ende des 18. Jahrhunderts existierte die heute Richtung Eibesthal führende Waisenhaustraße noch nicht, allerdings zeigen die aus dieser Zeit stammenden Karten der Josephinischen Landesaufnahme, dass zwei Wege in den nahegelegenen Nachbarort führten und beide nahmen ihren Anfang etwa im Kreuzungsbereich Neustiftgasse/Hochgasse. Hier nahe dem vor Jahrhunderten abgekommenen Schloss der Herren von Mistelbach befand sich einst der „Alte Markt“, also das Zentrum Mistelbachs bevor an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert der Hauptplatz bereits in seinen heutigen Ausmaßen als „neuer Markt“ angelegt wurde. Dass wie beschrieben die beiden Wege nach Eibesthal hier ihren Anfang nehmen, kann wohl auch als Hinweis gesehen werden, dass diese Wege schon früh in der Geschichte Mistelbachs entstanden sind. Einer der beiden Wege zweigt kurz nach der beschriebenen Stelle von der Neustiftgasse links ab und dieser Weg, der im Ortsgebiet heute den Namen Christine Nöstlinger-Weg trägt, führt in etwa entlang der auf den historischen Karten verzeichneten Strecke als Güterweg in den Eibesthaler Unterort. Der zweite Weg führte über die Hochgasse in einen heute noch bestehenden Hohlweg, setzte sich entlang des heutigen Philipp Lustig-Wegs fort und zweigte dann via dem oberen Stück des Höhenwegs in jenen Weg ab, der der heute Richtung Eibesthal verlaufenden Straße entspricht.

Wo befindet sich der Philipp Lustig-Weg?