Wegert, Josef

Von Thomas Kruspel 21. Juli 2024 Aus

Bürgermeister Josef Wegert

geb. 13.10.1880, Paasdorf
gest. 9.2.1964, Paasdorf

Josef Wegert wurde 1880 als zweites Kind des Landwirte-Ehepaares Leopold und Theresia (geb. Schmatzberger) Wegert in Paasdorf geboren.1 Er wuchs hier gemeinsam mit zwei Brüdern und einer Schwester auf und erhielt seine Schulbildung zweifellos in der hiesigen Volksschule. Am 31. Mai 1908 schloss er mit der Paasdorfer Landwirtstochter Klara Kuselbauer (1881-1965) den Bund der Ehe2 und nach der Eheschließung bestätigte er der Vater deren knapp sechs Monate zuvor geborenen unehelichen Tochter zu sein und durch diesen Akt wurde der „Makel ihrer unehelichen Geburt“ nachträglich geheilt.3 Es erscheint allerdings fraglich, ob Wegert tatsächlich der leibliche Kindsvater war. Eine uneheliche (=“illegitime“) Geburt war damals in den katholisch-konservativ geprägten Dörfern eine große Schande und sorgte stets für Gerüchte und Spekulationen, wer denn der Vater sei. „Illegitime“ Geburten kamen insbesondere unter den ärmeren Schichten der Dorfbevölkerung (Mägde, Knechte, Kleinbauern und Tagelöhnern) häufiger vor, denen es oft schlicht an Geld für eine Hochzeit fehlte oder deren Dienstgeber von einer Heirat (und den damit begründeten Verpflichtungen ihres Personals) nichts wissen wollten. Sowohl die Familie Wegert als auch die Familie Kuselbauer zählten als „Halblehner“ – sie besaßen als Bauern ein halbes Lehen – wohl zur Mittelschicht des Dorfes. Das triftigste Argument, das an der Vaterschaft Wegerts zweifeln lässt, ist die Tatsache, dass Wegert und seine spätere Gattin die uneheliche Geburt einer gemeinsamen Tochter schlicht durch eine ein paar Monate früher erfolgte Eheschließung abwenden hätten können. Es sind keine Gründe (wie zB Minderjährigkeit etc.) gegeben, die gegen eine frühere Eheschließung gesprochen hätten. Es könnte daher auch so gewesen sein, dass Wegert Klara Kuselbauer ehelichte und sich nachträglich lediglich als Vater ausgab, um sie aus einer gesellschaftlich sehr misslichen Lage zu befreien. Ein solches Vorgehen war durchaus nicht ungewöhnlich und dem Brautwerber wurde für diese Hilfe in der Regel natürlich eine außergewöhnliche Ausstattung bzw. sofern keine anderen anspruchsberechtigten Kinder vorhanden waren, auch die Übernahme der Wirtschaft der Schwiegereltern in Aussicht gestellt. Letzteres war bei Wegert – trotz der Tatsache, dass es sich bei ihm „nur“ um den zweitgeborenen Sohn handelte – nicht notwendig und er übernahm die Wirtschaft seiner Eltern an der Adresse Paasdorf Nr. 150 (heute Schwemmzeile Nr. 41). Abgesehen von der bereits erwähnten und nachträglich „legitimierten“ Tochter entstammten der Ehe keine weiteren Kinder.

Dem Dienst in der k. u. k. Armee im Ersten Weltkrieg scheint er entgangen zu sein – vielleicht aufgrund Untauglichkeit, möglicherweise aber auch durch eine der mit Kriegsverlauf zusehends restriktiver werdenden Ausnahmen für Landwirte, deren Arbeitskraft schließlich die Ernährung von Volk und Armee sicherte.4 Nachdem er bereits seit 1914 dem Vorstand der im Jahre 1905 gegründeten Paasdorfer Milchgenossenschaft angehört hatte5, stand Wegert der Genossenschaft von 1917 bis 1922 als Obmann vor.6 Darüber hinaus zählte Wegert 1924 zu den Gründungsmitgliedern der Paasdorfer Ortsgruppe des „Deutschen Schulvereins“.7 Beim „Deutschen Schulverein“ handelte es sich um einen sogenannten Schutzverein, die sich Ende des 19. Jahrhunderts gegründet hatten, und deren Ziel die Unterstützung deutscher Minderheiten in den Kronländern bzw. später in den Nachfolgestaaten der Monarchie, sowie generell die Pflege des „Deutschtums“ war. Entsprechend dem Namen war insbesondere der Betrieb bzw. die Erhaltung von Schulen an Standorten, an denen es für eine staatliche Schule mit deutscher Unterrichtssprache zu wenige Kinder mit deutscher Muttersprache gab, ein Hauptanliegen. Tatsächlich wurden diese Vereine im Laufe der Jahre jedoch zu bedeutenden Trägern deutsch-völkischer Ideologie und trugen im Zusammenspiel mit anderen nationalistischen Organisationen wesentlich zum vergifteten Klima zwischen den Nationalitäten (besonders gegenüber den slawischen Völkern) in den letzten Jahrzehnten der Monarchie bei.

Schon Wegerts Vater war als Ersatzmann bei Gemeindeausschusswahlen Ende des 19. Jahrhunderts gewählt worden, und er selbst engagierte sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Gemeindepolitik. Es ist unklar, ob Wegert bereits dem ersten 1919 gewählten Gemeinderat angehörte, da die damalige Gemeindevertretung nur fragmentarisch überliefert ist. Bereits zu Beginn des Jahres 1921 wurde der Paasdorfer Gemeinderat jedoch aus heute nicht mehr bekannten Gründen durch die Landesregierung aufgelöst und somit Neuwahlen angeordnet. Spätestens im Zuge dieser Wahlen gelangte Wegert als Kandidat einer gemeinsamen Liste von Großdeutschen und Sozialdemokraten in den Gemeinderat und diese politische Zweckgemeinschaft konnte sich mit einem Mandat Vorsprung die Mehrheit gegenüber den Christlichsozialen sichern. Wegert, der als Vertreter der Großdeutschen auf dieser Liste stand, wurde schließlich in der konstituierenden Sitzung vom 5. Mai 1921 zum Bürgermeister der Gemeinde Paasdorf gewählt. Bei den nächsten regulären Gemeinderatswahlen 1924 traten die Großdeutschen in Paasdorf dann nicht mehr in Erscheinung und augenscheinlich war man den Aufrufen in christlichsozialen Parteiblättern zwecks Bildung sogenannter „Einheitslisten“ gefolgt und hatte sich dieser Partei angeschlossen. Das Ergebnis der Wahl brachte einen klaren Sieg der Christlichsozialen gegen die Sozialdemokraten und neuerlich wurde Josef Wegert zum Bürgermeister gewählt – nunmehr als Christlichsozialer.8 Bei der Wahl 1929 kam es zu einer Spaltung im bäuerlich-konservativen Lager in Paasdorf und es traten mit der Christlichsozialen Partei und der Mittleren Bauernpartei zwei Wahllisten an, die um die Gunst der Wähler warben. Nach der Wahl bildete sich eine Koalition aus Mittlerer Bauernpartei und Sozialdemokraten und damit endete Wegerts (erste) Amtszeit als Bürgermeister, während der 1922 das Kriegerdenkmal errichtet, eine Genossenschaft für elektrisches Licht gegründet und die Straßenbeleuchtung elektrifiziert wurde. Die finanzielle Lage der Gemeinde war in der Zwischenkriegszeit jedenfalls sehr angespannt und Wegerts Art und Weise der Führung der Gemeindegeschäfte scheint durchaus umstritten gewesen zu sein, wie nicht nur kritische (und teils zweifellos parteipolitisch motivierte) Berichte im sozialdemokratischen Regionalblatt „Volksbote“ belegen, sondern auch durch die durch Neuwahlen und Parteispaltungen gekennzeichneten, unsteten Verhältnisse in Paasdorf erwiesen scheint. Schon wenige Monate nach der Wahl erzwangen die Christlichsozialen durch Rücklegung ihrer Mandate eine Auflösung des Gemeinderats durch die Landesregierung. Die Christlichsozialen errangen bei der folgenden Neuwahl im April 1930 wieder die Mehrheit und auch der Bürgermeister, der zuvor für die Mittlere Bauernpartei die Gemeinde geführt hatte, kehrte wieder in den Schoß der Christlichsozialen Partei zurück. Aber Ende des Jahres 1930 bzw. spätestens Anfang des Jahres 1931 endete dessen Amtszeit und Wegert feierte seine Rückkehr an die Spitze der Gemeinde. Von 1931 bis 1936 war Wegert außerdem Obmann des Ausschusses zur Verwaltung des Gemeindewaldes9. Im Zuge des im März 1938 erfolgten sogenannten „Anschlusses“ an das Deutsche Reich wurde Bürgermeister Wegert abgesetzt und der Schlossbesitzer Ing. Richard Claß als Gemeindeverwalter eingesetzt. Nicht in allen Katastralgemeinden der heutigen Großgemeinde Mistelbach kamen es unmittelbar nach dem „Anschluss“ zu einem Wechsel an der Spitze der Gemeindevertretung. Zum einen waren die Bürgermeister als Autorität in der Dorfgemeinschaft angesehen, und trotz Parteiangehörigkeit mit der überregionalen Politik oftmals nur lose verbunden – überdies fehlte es den Nazis schlicht an eigenen Leuten in den Dörfern. Im Falle Paasdorfs ist es also nicht ganz klar, ob Wegert – der (ursprünglich) selbst großdeutsch gesinnt war – abgesetzt wurde, weil sich zu einem so prononcierten Vertreter der Christlichsozialen bzw. der Vaterländischen Front entwickelt hatte, sodass er für die Nazis als Symbol der Dollfuß-/Schuschnigg-Ära untragbar war oder weil es in Paasdorf in Person des Schloss- und Gutsbesitzers Ing. Claß einen wohl bereits langjährigen Anhänger der Nationalsozialisten gab, auf den man zurückgreifen konnte. Von etwaigen Repressalien gegenüber Wegert ist jedenfalls nichts überliefert.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurde Wegert auf Vorschlag der neu gegründeten ÖVP von der niederösterreichischen Landesregierung in den provisorischen Gemeinderat berufen. Hier wurde er dann schließlich neuerlich zum Bürgermeister gewählt und aus Gemeinderatsprotokollen ist belegt, dass er dieses Amt jedenfalls bereits im September 1945 wieder bekleidete. Die großen Herausforderungen der schweren Nachkriegszeit zehrten an seinen Kräften und im Frühjahr 1948 legte Wegert sein Amt als Bürgermeister aus Altersgründen zurück, blieb allerdings weiterhin als Mandatar im provisorischen Gemeinderat, und zwar bis zum Jahr 1950, als erstmals in Niederösterreich wieder Gemeinderatswahlen abgehalten wurden. Im Amt als Bürgermeister folgte ihm Josef Heinisch, der mit einer Nichte Wegerts verheiratet war. Dass ein Altbürgermeister später nochmals Bürgermeister wird, war früher keineswegs unüblich und ist auch aus anderen Katastralgemeinden überliefert. Drei voneinander getrennte Amtsperioden, wie sie Wegert vorweisen konnte, sind jedoch außergewöhnlich und ein Paasdorfer Spezifikum, das aufgrund der weiterhin unsteten politischen Verhältnisse übrigens auch sein Nachfolger Heinisch zuwege brachte. In diesem Zusammenhang sei auf die ausführliche Darstellung im Beitrag Gemeindevertretung Paasdorf (1850-1971) verwiesen. Wegert war nicht nur Mitglied, sondern auch Funktionär des Niederösterreichischen Bauernbundes, der in der Zwischenkriegszeit eine Teilorganisation der Christlichsozialen Partei war bzw. seit 1945 Teil der Österreichischen Volkspartei ist.10

Laut einem Nachruf pflegte Wegert seinen Weingarten bis ins hohe Alter und diese Arbeit hielt ihn fit. Darüber hinaus wird er als vorbildlicher Landwirt gerühmt. Über Jahrzehnte hinweg und bis zu seinem 75. Lebensjahr war er in der Kirchenmusik aktiv, zuletzt als Geigenspieler bzw. früher auch als Bläser.11

Anlässlich des Jubiläums der Goldenen Hochzeit, das er mit seiner Gattin im Jahre 1958 feierte, wurde Altbürgermeister Wegert durch den Gemeinderat zum Ehrenbürger Paasdorfs ernannt.12 Am 9. Februar 1964 verstarb Josef Wegert im Alter von 83 Jahren und wurde drei Tage später am Aschermittwoch unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Paasdorfer Friedhof zur letzten Ruhe gebettet.

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in der Katastralgemeinde Paasdorf beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 26. März 1998 die Hintausstraße zur Schloßzeile „Josef Wegert-Straße“ zu benennen, um somit dem langjährigen Bürgermeister ein bleibendes Andenken zu bewahren.

Wo befindet sich die Josef Wegert-Straße (Paasdorf)?

 

Quellen:

Adolf Schärf-Straße

Von Thomas Kruspel 13. Juli 2024 Aus

Als 2009 unterhalb der Dr. Körner-Straße ein neues Siedlungsgebiet geschaffen wurde, beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die dort zu errichtenden Straßen nach Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen. Unter den Namenspaten befand sich auch Dr. Adolf Schärf (1890-1965), der von 1957 bis zu seinem Tod 1965 Bundespräsident der Republik Österreich war. Der im südmährischen Nikolsburg geborene Jurist war von 1918 bis 1934 Sekretär des sozialdemokratischen Abgeordnetenklubs im Nationalrat, ehe seine politische Karriere mit der Abschaffung der Demokratie und dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durch Dollfuß jäh beendet wurde. Nach 1945 gehörte er den Konzentrationsregierungen der unmittelbaren Nachkriegszeit bzw. den darauffolgenden Regierungskoalitionen zwischen ÖVP und SPÖ als Vizekanzler an. Wie übrigens der Beitrag Ergebnisse der Bundespräsidentenwahlen in Mistelbach zeigt, konnte sich Dr. Schärf bei der Wahl 1957 von allen damals selbständigen und heute zur Großgemeinde Mistelbach gehörenden Katastralgemeinden lediglich in Ebendorf, Frättingsdorf und Lanzendorf (mit absoluter Mehrheit) als Sieger durchsetzen. Bei seiner Wiederwahl im Jahr 1963 gelang ihm dies in Lanzendorf, Mistelbach und Paasdorf. Dass Schärf (wenn auch knapp) in Mistelbach obsiegte ist insofern außergewöhnlich, als es bis heute das einzige Mal darstellt, dass sich hier ein SPÖ-Kandidat bei gleichzeitigem Antritt eines Konkurrenten aus der ÖVP (damals immerhin der Staatsvertragskanzler Julius Raab) gegen diesen durchzusetzen vermochte.

Das  „90 Jahr-Jubiläum der Stadterhebung“ wurde 1964 im Rahmen der 3. Mistelbacher Heimatwoche gefeiert und aus diesem Anlass waren am 13. Juni 1964 Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl als Ehrengäste in Mistelbach anwesend. Nachdem der Beschluss über die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an die beiden verdienten Politiker bereits am 8. Mai 1964 erfolgt war, wurden ihnen im Rahmen einer Festsitzung des Gemeinderates im (Kino-)Saal des Gasthauses „Zur goldenen Krone“  die Ehrenbürgerurkunden überreicht.13

1964: Feierlichkeiten zu "90 Jahre Stadterhebung" - v.l.n.r. die Festgäste Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl sowie Bürgermeister Bayer. Ort dieser Aufnahme ist die Oberhoferstraße.1964: Feierlichkeiten zu „90 Jahre Stadterhebung“ – v.l.n.r. die Festgäste Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl sowie Bürgermeister Bayer. Ort dieser Aufnahme ist die Oberhoferstraße.

Bereits für das Jahr 1947 ist (erstmalig?) ein Besuch des damaligen Vizekanzlers Dr. Schärf bei einer SPÖ-Bezirkskonferenz in Mistelbach belegt.14

Wie schon eingangs erwähnt beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 25. März 2009 einer Straße den Namen Adolf Schärf-Straße zu geben.15

Wo befindet sich die Adolf Schärf-Straße?

 

Bildnachweis:
-) StadtMuseumsarchiv Mistelbach

Quellen:

Ein Brauhaus in Mistelbach (… und wohl kein Brauhaus in Ebendorf)

Von Thomas Kruspel 11. Juli 2024 Aus

Obwohl inmitten einer Weinbaugegend gelegen und trotz der Tatsache, dass der Weinbau auch in Mistelbach einst einen bedeutenden Wirtschaftszweig darstellte, wurde Bier, seitdem dieses Getränk in unseren Breiten bekannt war, zu allen Zeiten auch in Mistelbach konsumiert. Die Weinbauern waren darüber naturgemäß wenig erfreut, und wurden nicht müde die Vorzüge ihres Produkts gegenüber dem abschätzig als „gesottenes Wasser“ bezeichneten Bier herauszustreichen. Aufgrund des niedrigeren Preises im Vergleich zu Wein war dieses Getränk dennoch sehr beliebt.

Laut einem Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung von Mistelbach verfasst von Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch war es im Mittelalter allen Hausbesitzern gestattet Bier herzustellen und zu verkaufen. Die Herrschaften schränkten dieses Recht jedoch zusehends ein, sodass schließlich nur mehr sie selbst Bier brauen durften und auch der Ausschank durfte nur in bestimmten Schenkhäusern erfolgen. Unter Bier verstand man in unserer Gegend damals ausschließlich Weizenbier, da Gerste hier früher kaum angebaut wurde und sich diese Feldfrucht erst ab dem 18. Jahrhundert etablierte. Die Marktgemeinde Mistelbach (ohne die selbstständige Pfarrholdengemeinde) war nach dem Aussterben der Herren von Mistelbach über Umwege in den Besitz der Liechtensteiner gekommen, und deren Herrschafts- und Verwaltungszentrum für das östliche Weinviertel befand sich in Wilfersdorf. Daher bezog Mistelbach sein Bier aus den liechtensteinischen Brauhäusern in Wilfersdorf und Hohenau, sowie von den Brauereien der Herrschaften Asparn a.d. Zaya und Ernstbrunn. Da das Asparner Bier sehr beliebt war, hatte die Asparner Herrschaft in Mistelbach jedenfalls Anfang des 18. Jahrhunderts sogar einen Keller als Bierdepot angemietet. Natürlich musste für dieses Privileg ein Entgelt an die Liechtensteiner Herrschaftsverwaltung entrichtet werden und auch die Herrschaft Ernstbrunn soll in Mistelbach über ein Bierlager verfügt haben. Oftmals waren die Schenkhäuser bzw. Gemeinden zur Abnahme des Bieres ihrer Herrschaft verpflichtet – diese Pflicht wurde „Bierfürlegen“ genannt. Der liechtensteinische Markt Mistelbach war etwa 1637 verpflichtet, der Brauerei Wilfersdorf wöchentlich 16 Eimer Bier – ein Eimer sind rund 57 Liter – abzunehmen. Da die Qualität des Wilfersdorfer Bieres regelmäßig zu wünschen übrig ließ, wurde seitens der Bevölkerung trotz des Preisvorteils oft der Wein bevorzugt.16 Mistelbach war bis 1850 in zwei Gemeinden geteilt, den liechtensteinischen Markt und die Pfarrholdengemeinde (ursprünglich kaiserlicher Besitz), und in beiden Gemeinden soll je ein Bierhaus bestanden haben.

Obwohl Mistelbach wie bereits geschildert seit Ende des 14. Jahrhunderts kein Herrschaftssitz mehr war, ist erstaunlicherweise später, und zwar zu Beginn des 17. Jahrhunderts dennoch die Existenz eines Brauhauses belegt. Prof. Hans Spreitzer fand in einem alten Grundbuch den Hinweis, dass sich ein Brauhaus einst an der Adresse Waldstraße Nr. 23 (Konskr.Nr. 206) befunden hat. Es handelt sich hierbei um ein Eckhaus im Kreuzungsbereich Waldstraße/Mitterhofstraße, das rückwärtig an die Mistel angrenzt. Als damaliger Besitzer scheint der zeitweilige Marktrichter Vinzenz Präß, von Beruf Fleischhauer und einer der reichsten Mistelbacher Ende des 16. bzw. Anfang des 17. Jahrhunderts, auf. Ein Teil von Präß‘ Reichtum und Grundbesitz bildete übrigens die Basis für den Wohlstand der Familie Devenne, da der Begründer der „Mistelbacher Linie“ dieser Familie, Michael Devenne, eine Urenkelin von Präß heiratete. Es ist unklar, wie lange das Brauhaus existierte, vielleicht stand das damals nach wie vor sehr exklusive Braurecht in Zusammenhang mit dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Mitterhof (heute: MAMUZ), einem alten Freihof, dessen historische Wurzeln in die Zeit der Gründung Mistelbachs zurückreichen. Gegen eine derartige Verbindung (die bei Spreitzer und Koch erstaunlicherweise nicht einmal angedacht wird) spricht, dass ein Brauhaus in den zum Mitterhof überlieferten Dokumenten nie Erwähnung findet. Aber auch sonst gibt es kaum Spuren des Mistelbacher Brauhauses, was für eine eher kurze Bestandsdauer sprechen dürfte. Das Brauhaus scheint um 1620 abgekommen zu sein und an seiner Stelle wurden zwei halbe Hofstätten gestiftet, die später zu einer Hofstatt vereinigt wurden.17 Im 18. und 19. Jahrhundert existierten in weiteren umliegenden Orten, bspw. Ladendorf, Poysdorf und Zistersdorf Brauhäuser, sodass für eine Wiedererstehung des Mistelbacher Brauhauses wohl kein Bedarf bestand.

Laut Franz Thiel und Fritz Bollhammer finden sich jedoch bereits in den Jahren 1361 bzw. 1414 Erwähnungen von Hopfengärten in Mistelbach und Bollhammer mutmaßt, dass es wohl schon vor 1400 Brauhäuser in Mistelbach, Laa a.d. Thaya und Hohenau gegeben habe.18 Für diesen gewagten Schluss finden sich allerdings keine weiteren Anhaltspunkte.

In den 1890er Jahren, sicherlich befeuert durch den großen wirtschaftlichen Aufschwung Mistelbachs, hegten „einige maßgebende Personen der Stadt“ Gedanken betreffend die Gründung einer Brauerei in Mistelbach. Nachdem diese Idee bereits seit einigen Jahre gewälzt wurde, fanden sich schließlich am 4. Dezember 1897 dreiunddreißig Personen zu einer Versammlung im Hotel Rathaus ein, um über die Möglichkeit der Errichtung eines Brauhauses zu beraten. Es wurde beschlossen, einen Fonds zu bilden, aus dem die Kosten für die Vorarbeiten zu diesem Unterfangen beglichen werden sollten. Außerdem wurde beschlossen Untersuchungen bzgl. der Quantität und Qualität des verfügbaren Wassers durchführen zu lassen, die natürlich eine bedeutende Voraussetzung für den Erfolg eines solchen Unternehmens darstellten. Es muss angenommen werden, dass die Ergebnisse dieser Analysen nicht vielversprechend waren, denn von der Absicht in Mistelbach ein Brauhaus zu errichten war in der Folge nie wieder zu lesen.19

In Bollhammers Beitrag über Handwerk und Innungen im Heimatbuch des Verwaltungsbezirks Mistelbach – Band II findet sich die Information, dass zur Ebendorfer Herrschaft einst auch eine Schlossbrauerei gehört haben soll, die allerdings lediglich lokale Bedeutung gehabt hätte. Diese soll vor 1645, als durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg auch Schloss Ebendorf und das zugehörige Gut schwer beschädigt und verwüstet wurde, bestanden haben.20 Wohl bezugnehmend auf diese Quelle findet sich der Hinweis auf die Schlossbrauerei Ebendorf auch im von Engelbert Exl herausgegebenen Buch „Mistelbach 125 Jahre Stadt – Ein Lesebuch“ aus dem Jahr 1999.21 Auf welche Quellen sich Bollhammer bei seinen Ausführungen stützte ist wie auch betreffend den oben bereits erwähnten Hopfengarten im 14. Jahrhundert leider unbekannt. Die Authentizität dieser Information darf allerdings insofern angezweifelt werden, als im 1971 erschienenen Werk von Univ.-Prof. Dr. Herbert Mitscha-Märheim zur Herrschafts- und Ortsgeschichte von Ebendorf („Eine kleine Geschichte von Ebendorf bei Mistelbach“) eine Brauerei mit keinem Wort erwähnt wird. Mitscha-Märheim, der selbst aus der Familie entstammt, in deren Besitz sich das Schloss Ebendorf samt seiner Güter seit vielen Jahren befand, kannte wie kein anderer die Geschichte dieser Herrschaft und der einst hier existierenden Betriebe. Mit den Vorarbeiten für sein ursprünglich viel umfangreicher geplantes Buch zu Ebendorf hatte er bereits in der Zwischenkriegszeit begonnen, doch im Krieg gingen viele historische Unterlagen und ein großer Teil seiner Vorarbeiten unwiederbringlich verloren. Trotz dieser Widrigkeiten erscheint es mehr als unwahrscheinlich, dass der äußerst gewissenhafte Forscher Mitscha-Märheim ausgerechnet auf die Erwähnung der Brauerei vergessen hätte oder ihm diese bei seinen Recherchen entgangen wäre, zumal er auch detailliert die durch die Schweden angerichteten Zerstörungen beschreibt. Ohne Zweifel war ihm auch der 1959 erschienene zweite Band des Heimatbuchs und damit auch Bollhammers Beitrag bekannt, und die Tatsache, dass er die darin enthaltene, bisher nirgends sonst aufscheinende Erkenntnis betreffend eine Schlossbrauerei in Ebendorf nicht aufgriff, kann wohl dahingehend gedeutet werden, dass auch Mitscha-Märheim dieser Information keinen Glauben schenkte.

Auch in den sonstigen Katastralgemeinden der Großgemeinde Mistelbach dürften keine weiteren Brauhäuser existiert haben.

Quellen:
-) Thiel, Franz: „Unsere Brauhäuser“ In: „Heimat im Weinland – Heimatkundliches Beiblatt zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach“, Band X (1963), S. 169-172
-) Brautopo – Österreichische historische Brauereitopographie (besonderer Dank an Herrn Springer für die Auskunft bzgl. der Quelle betreffend die (vermeintliche) Schlossbrauerei Ebendorf)  

Dr. Körner-Straße

Von Thomas Kruspel 10. Juli 2024 Aus

Die Errichtung der 1870 eröffneten Staatseisenbahnstrecke läutete für Mistelbach in vielerlei Hinsicht ein neues Zeitalter ein, hatte aber auch buchstäblich einschneidende Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Landschaft. Nicht nur Felder wurden durch den Verlauf der Strecke geteilt, sondern zum Teil auch seit Jahrhunderten bestehende Wege abgeschnitten. Zwar konnte die Bahnstrecke zu Fuß mehr oder minder problemlos überwunden werden, mit für die Feldarbeit benötigten Fuhrwerken bzw. Zugtieren war dies nunmehr jedoch nur an einigen wenigen Stellen möglich. Diese Bahnübergänge fanden sich entlang der Strecke verteilt und waren mit einem Bahnwächter besetzt, der für die Sicherheit auf einem bestimmten Streckenabschnitt zu sorgen hatte. Auf Höhe der Kreuzung Dr. Körner-Straße und Oberhoferstraße mündete einst ein alter Feldweg, der die spätere Bahnstrecke schräg kreuzte und der zum alten Weg nach Hüttendorf führte. Nachdem dieser Weg nach Eröffnung der Bahnstrecke nicht mehr benutzbar sein würde und um insbesondere den Bauern den Zugang zu den jenseits der Bahnstrecke gelegenen Feldern zu ermöglichen wurde im Zuge des Bahnbaus ein neuer, gerade verlaufenden Weg von der Oberhoferstraße zur Bahnstrecke errichtet. Der damals geschaffene Weg entspricht exakt der heutigen Dr. Körner-Straße, doch es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis dieser Weg eine Straßenbezeichnung erhielt. Der hier errichtete Bahnübergang wurde mit dem Bahnwächterposten Nr. 34 besichert und die ersten Jahrzehnte, jedenfalls bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, versah hier das Ehepaar Brandmeier seinen Dienst als Bahnwächter (siehe hierzu auch Mistelbach in der Zeitung Teil 2 (1901-1904)).

Das Bahnwächter-Ehepaar Brandmeier im Jahre 1902 vor ihrem Dienst- und Wohnsitz, dem Bahnwächterhäuschen Nr. 34 am Bahnübergang in der heutigen Dr. Körner-StraßeDas Bahnwächter-Ehepaar Franz und Therese Brandmeier im Jahre 1902 vor ihrem Dienst- und Wohnsitz, dem Bahnwächterhäuschen Nr. 34 am Bahnübergang in der heutigen Dr. Körner-Straße

Zum Zeitpunkt des Bahnbaus, also Ende der 1860er Jahre war dieser neu geschaffene Weg noch recht weit außerhalb des bebauten Gebiets gelegen. Dies hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts bereits geändert und die Oberhoferstraße war bis zur Kreuzung mit der Franz Josef-Straße bereits (linksseitig) bebaut. 1908 dürfte der Direktor der Landeswinzerschule in Mistelbach, Johann Kargl, der selbst eine größere Landwirtschaft nebenbei betrieb, sich hier im Kreuzungsbereich Oberhoferstraße und Dr. Körner-Straße niedergelassen haben. Etwas zurückversetzt von der Oberhoferstraße, unter der heutigen Hausnummer 115-117, erbaute er eine kleine Villa samt einigen Gebäuden für seinen landwirtschaftlichen Betrieb.22 Die Kargl-Villa – die nicht mit dem ebenfalls im Besitz des Winzerschuldirektors stehenden und später ebenso bezeichneten Haus Winzerschulgasse Nr. 20 zu verwechseln ist – war also, abgesehen vom Bahnwächterhäuschen, das erste Gebäude, das entlang dieses Straßenzugs errichtet wurde und dessen weitläufiges Grundstück einen erheblichen Teil der linken Straßenseite einnahm. Anfang der 1920er Jahre ging das Anwesen dann schließlich in den Besitz des zugezogenen vormaligen Gutspächters Ökonomierat Rudolf Krehlik über, dessen Familie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hier lebte und später stand es viele Jahre im Besitz der Landwirtsfamilie Lehner.

Das nächste in der Dr. Körner-Straße errichtete Bauwerk, das bis heute maßgeblich ihr Erscheinungsbild prägt, war der im Mai 1946 eröffnete Friedhof für die gefallenen Soldaten der Roten Armee.23 Nach den im April bzw. Mai des Jahres 1945 im Weinviertel tobenden letzten Gefechten im Zweiten Weltkrieg wurden die getöteten Sowjetsoldaten entweder an ihrem Sterbeort begraben oder an prominenter Stelle – meist in den Ortszentren unter einem mehr oder minder improvisierten Denkmal – bestattet. Auch am Südende des Mistelbacher Hauptplatzes waren unmittelbar nach den Kämpfen viele Sowjetsoldaten begraben worden. Im Einvernehmen mit der Besatzungsmacht sollten die gefallenen Krieger exhumiert und gesammelt an einem Ort bestattet werden und hierfür wurde seitens der Stadtgemeinde der am Ortsrand gelegene Soldatenfriedhof geschaffen. In den folgenden Jahren wurden die Toten aus Mistelbach bzw. der Umgebung exhumiert und hier bestattet, sodass letztlich mehr als 900 russische Soldaten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

In der Nachkriegszeit herrschte große Wohnungsnot und daher gab es in den 1950er Jahre regen Siedlungsbau, den der Mistelbacher Gemeinderat unter anderem durch seinen im Jahre 1957 gefassten Beschluss betreffend die Parzellierung der bislang unverbauten rechte Seite der heutigen Dr. Körner-Straße unterstützte.24 In den folgenden Jahren entstand eine für die damalige Zeit typische Doppelhaussiedlung und am 14. Oktober 1958 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die dort befindliche Straße nach dem im Jahr zuvor verstorbenen Bundespräsidenten Dr. h.c. Theodor Körner (1873-1957) zu benennen.25 Körner war einst General in der k. u. k. Armee und hatte sich in der Zwischenkriegszeit den Sozialdemokraten angeschlossen, vertrat diese im Bundesrat und war Berater beim Aufbau des republikanischen Schutzbundes – der Wehrformation der Sozialdemokraten. Von 1945 bis 1951 war er Bürgermeister der Stadt Wien und nach dem Tod von Dr. Karl Renner wurde Körner 1951 der erste durch das Volk gewählte Bundespräsident – ein Amt das er bis zu seinem Tode ausüben sollte. Bundespräsident Körner war im Juni 1954 Ehrengast bei den Feierlichkeiten anlässlich „80 Jahre Stadterhebung“ und im Rahmen eines Festakts wurde er damals zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.26 Wie übrigens der Beitrag Ergebnisse der Bundespräsidentenwahlen in Mistelbach zeigt konnte sich Körner bei der Wahl 1951 von allen damals selbständigen und heute zur Großgemeinde Mistelbach gehörenden Katastralgemeinden lediglich in Lanzendorf im ersten Wahlgang mit relativer und im zweiten Wahlgang mit absoluter Mehrheit als Sieger durchsetzen.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zu 80 Jahre Stadterhebung im Jahr 1954 konnte Bürgermeister Franz Bayer (Bildmitte) Bundespräsident Körner (l.) und Landeshauptmann Steinböck (r.) als Ehrengäste begrüßen.Im Rahmen der Feierlichkeiten zu „80 Jahre Stadterhebung“ im Jahr 1954 konnte Bürgermeister Franz Bayer (Bildmitte) Bundespräsident Körner (l.) und Landeshauptmann Steinböck (r.) als Ehrengäste begrüßen.

Im Rahmen einer Festsitzung des Gemeinderats im (Kino)Saal des Gasthauses "Zur goldenen Krone" wurde Bundespräsident Körner die Ehrenbürgerwürde verliehen. Auf diesem Foto ist die Übergabe dersEhrenbürgerdekrets an Körner (Bildmitte) durch Bürgermeister Bayer (links) festgehalten. Rechts im Vordergrund: Bezirkshauptmann Dr. Karl Mattes, der so wie auch Landeshauptmann Steinböck an diesem Tag zum Ehrenbürger ernannt wurde.Im Rahmen einer Festsitzung des Gemeinderats im (Kino)Saal des Gasthauses „Zur goldenen Krone“ wurde Bundespräsident Körner die Ehrenbürgerwürde verliehen. Auf diesem Foto ist die Übergabe des Ehrenbürgerdekrets an Körner (Bildmitte) durch Bürgermeister Bayer (links) festgehalten. Rechts im Vordergrund: Bezirkshauptmann Dr. Karl Mattes, der so wie auch Landeshauptmann Steinböck an diesem Tag ebenfalls zum Ehrenbürger ernannt wurde.

 

Auf der linken Straßenseite der Dr. Körner-Straße befanden sich bis zur Jahrtausendwende lediglich die ehemalige Kargl/Krehlik-Villa und der sowjetische Friedhof. Erst danach haben sich die Freiflächen auf dieser Straßenseite durch ein Einfamilienhaus, eine Wohnhausanlage sowie den 2019 eröffneten Generationenspielplatz sukzessive reduziert. Angelehnt an das Beispiel der Dr. Körner-Straße beschloss der Mistelbacher Gemeinderat im Jahre 2009 als das an diesen Straßenzug angrenzende, südlich gelegene Areal als Siedlungsgebiet aufgeschlossen wurde, die dort zu errichtenden Straßen nach weiteren Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen.27

Wo befindet sich die Dr. Körner-Straße?

 

Bildnachweis:
-) Bahnwächterhäuschen Nr. 34: Leopold Forstner – Illustrirtes Wiener Extrablatt, 19. Februar 1902 (Nr. 49), S. 5 (ONB: ANNO)
-) Bundespräsident Körner in Mistelbach: Göstl-Archiv

Quellen:

Haydngasse

Von Thomas Kruspel 7. Juli 2024 Aus

Die erste Etappe der heutigen Haydngasse wurde in Form einer Verbindungsstraße von der Mitschastraße bis zur Mistel 1903 nach dem Ankauf eines Grundstreifens aus dem Gelände der Gärtnerei Nowak (heute Gärtnerei Öhler) geschaffen.27 Die für die Weiterführung über die Mistel bzw. Anbindung an die Liechtensteinstraße notwendige Brücke dürfte jedoch erst im Zuge der Mistelregulierung in den Jahren 1912-1915 errichtet worden sein.

Mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 30. April 1932 wurde diese bis dahin namenlose Verbindungsstraße nach dem österreichischen Komponisten Joseph Haydn (1732-1809) benannt, dessen Geburtstag sich wenige Wochen zuvor zum zweihundertsten Mal gejährt hatte.28 Interessanterweise lautete der Beschluss im Wortlaut: „Den Straßenzug von der Mitschastraße bis zur Mistelbrücke und von dort zur Liechtensteinstraße Haydngasse zu benennen.“ Das ist insofern verwunderlich, als der Abschnitt zwischen (überdeckter) Mistel und Liechtensteinstraße eigentlich seit jeher als Teil der Zayagasse gilt. Der Beschluss für die Namensgebung der Zayagasse, die im Zuge der Aufschließung von Baugründen neben der ehemaligen Flüchtlingsstation im Jahre 1925 entstand, bezeichnete als Zayagasse lediglich den entlang der Mistel verlaufenden Straßenzug.29 Einen offiziellen Beschluss zu einer Namensänderung betreffend des gegenständlichen Abschnitts der Haydngasse dürfte es nicht gegeben haben, sondern in Unkenntnis der tatsächlichen Beschlüsse dürfte der Name Zayagasse schlicht auf diesen Straßenabschnitt erstreckt worden sein.30

Der Zeitpunkt der Benennung steht zweifellos mit dem Bau der Doppelhäuser Haydngasse Nr. 4/6 und 8/10 in Zusammenhang, schließlich brauchten diese Häuser in der zuvor unverbauten und namenlosen Straße eine Adresse. Auf der linken Seite (theoretisch ungerade Hausnummern) verlief die Straße zum Zeitpunkt der Entstehung auf ihrer gesamten Länge entlang des Gärtnereibetriebs Nowak und daran hat sich bis heute auch nichts geändert, abgesehen von der Tatsache, dass die Gärtnerei nunmehr seit vielen Jahrzehnten von der Familie Öhler geführt wird. Die rechte Seite der Haydngasse ist wiederum maßgeblich durch die seit 1937 hier bestehende und an die erwähnten Wohnhäuser anschließende Kaserne des österreichischen Bundesheeres geprägt.

Auf dieser Luftbildaufnahme aus der Zeit Mitte der 1930er Jahre (ca. 1932-1936) ist die Haydngasse gemäß dem Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 1932 farblich eingezeichnet: Gelb der heute noch als Haydngasse bezeichnete Teil - von der Mitschastraße bis zur Einmündung in die Zayagasse und grün der gemäß diesem Beschluss auch zur Haydngasse gehörige Teil, der allerdings seit jeher als Verlängerung der Zayagasse angesehen wurde. Der links von der Mitschastraße gelegene Teil der Haydngasse entstand erst Jahrzehnte später.Auf dieser Luftbildaufnahme aus der Zeit Mitte der 1930er Jahre (ca. 1932-1936) ist die Haydngasse gemäß dem Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 1932 farblich eingezeichnet: Gelb der heute noch als Haydngasse bezeichnete Teil – von der Mitschastraße bis zur Einmündung in die Zayagasse und grün der gemäß diesem Beschluss auch zur Haydngasse gehörige Teil, der allerdings seit jeher als Verlängerung der Zayagasse angesehen wurde. Der links von der Mitschastraße gelegene Teil der Haydngasse entstand erst Jahrzehnte später.

Die Erzherzog Carl-Kaserne (seit 1967: Bolfras-Kaserne) in der Haydngasse. Das Kürzel N.D. für Niederdonau weist zwar auf die NS-Zeit hin, das für die Ansichtskarte verwendete Foto dürfte jedoch noch aus der Zeit vor dem sogenannten "Anschluss" stammen, da auf dem Kasernengebäude der "Doppeladler mit Heiligenschein" - das Wappen Österreichs von 1934-1938 - erkennbar ist.Die Erzherzog Carl-Kaserne (seit 1967: Bolfras-Kaserne) in der Haydngasse. Das Kürzel N.D. für Niederdonau weist zwar auf die NS-Zeit hin, das für die Ansichtskarte verwendete Foto dürfte jedoch noch aus der Zeit vor dem sogenannten „Anschluss“ stammen, da auf dem Kasernengebäude der „Doppeladler mit Heiligenschein“ – das Wappen Österreichs von 1934-1938 – erkennbar ist.

Viele Jahre später, vermutlich in den 1970er Jahren wurde die Bezeichnung „Haydngasse“ auch auf den jenseits der Mitschastraße entstandenen Straßenzug erstreckt, der zum Teil dem Verlauf der Lokalbahnstrecke folgend bis zur Kreuzung mit der Gartengasse reicht.

Wo befindet sich die Haydngasse?

 

Bildnachweis:
-) Ansicht 1930er Jahre: Ausschnitt aus einer Ansichtskarte aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Ansichtskarte Kaserne: Göstl-Archiv

Quellen:

Ergebnis der Volksabstimmung Kernkraftwerk Zwentendorf

Von Thomas Kruspel 21. Juni 2024 Aus

Am 5. November 1978 fand in Österreich die „Volksabstimmung über die friedliche Nutzung der Kernenergie“ statt, bekanntermaßen jedoch erst nach der Fertigstellung des Kernkraftwerks Zwentendorf – dem ersten von mehreren geplanten Kraftwerken. Bei dieser Abstimmung ging es jedoch nicht nur um die Nutzung von Kernenergie, sondern die Abstimmung war zum (Partei-)Politikum geworden, als der damals mit absoluter Mehrheit regierende sozialistische Bundeskanzler Kreisky in Verkennung der Stimmung in der Bevölkerung sein politisches Schicksal mit dem positiven Ausgang dieser Abstimmung verknüpft hatte. Die ÖVP, die dieser Form der Energiegewinnung grundsätzlich sehr wohlwollend gegenüberstand, vollzog, nachdem während ihrer Alleinregierung in den 1960er Jahren das österreichische Atomprogramm und der Bau des Kraftwerks beschlossen worden waren, eine programmatische Kehrtwende mit dem Ziel die sich bietende Chance Kreisky loszuwerden zu nutzen. Eine im Gesamtergebnis knappe Mehrheit von 50,5 % stimmte schließlich gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf, doch aufgrund des engen Ergebnisses wollte Kreisky von dem für den Fall einer Niederlage angekündigten Rücktritt nun nichts mehr wissen und blieb weitere Jahre im Amt. Das Kernkraftwerk wurde noch über viele Jahre in konservierendem Betrieb geführt, um im Falle einer Änderung der (politischen) Stimmungslage doch noch eine Inbetriebnahme zu ermöglichen, aber dazu kam es nicht und Zwentendorf gilt heute nicht nur in Österreich, sondern weltweit als Kuriosum der Nukleargeschichte und einziges Kernkraftwerk der Welt, dass nie auch nur ein Watt an Strom erzeugte.

Bei dieser ersten Volksabstimmung in der Geschichte der Zweiten Republik – übrigens dem einzigen in der österreichischen Bundesverfassung vorgesehenen direktdemokratischen Instrument, dessen Ergebnis im Gegensatz zu Volksbefragung und -begehren bindende Wirkung entfaltet – waren in der Großgemeinde Mistelbach 7000 Personen stimmberechtigt und von diesen haben 4749 (Wahlbeteiligung: 67,8 %) ihr Stimmrecht ausgeübt. Die 4532 gültig abgegebenen Stimmen verteilten sich wie folgt:

JA-Stimmen: 2263 (49,93 %)

NEIN-Stimmen: 2269 (50,07 %)

Das Ergebnis in Mistelbach war somit noch knapper als das bundesweite Votum und die Nein-Stimmen obsiegten hier mit einem hauchdünnen Vorsprung von lediglich sechs Stimmen. Interessant ist, dass Mistelbach, das ansonsten bei Landtags- bzw. Bundeswahlen verlässlich ein Spiegelbild des Ergebnisses des schwarzen Kernlands Niederösterreich abgibt, bei dieser Abstimmung vom Landestrend abwich. Niederösterreichweit stimmte eine Mehrheit von 50,8 % für „JA“ und damit gegen die (geänderte) ÖVP-Parteilinie.

Quelle:
-) Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 208 (Dezember 1978), S. 7

Hofrat Thurner-Promenade

Von Thomas Kruspel 16. April 2024 Aus

Mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderats vom 11. Dezember 2003 erhielt die bis dahin namenlose, entlang der Mistel verlaufende Verlängerung der „Grünen Straße“ zwischen Michael Hofer-Zeile und Industrieparkstraße den Namen „Walter Thurner-Promenade“. Tatsächlich findet sich auf den Straßenschildern jedoch die Bezeichnung „Hofrat Thurner-Promenade“ und daher wird dieser Weg – der Macht des Faktischen folgend – auch auf diesem Blog so bezeichnet. Hofrat Dipl.-Ing. Walter Thurner war bei der niederösterreichischen Landesregierung im Bereich Wasserbau tätig und unter maßgeblicher Mitwirkung des gebürtigen Mistelbachers erfolgte in den Jahren 1973-1982 die Regulierung und Überdeckung des Mistelbachs im Stadtgebiet. Das unansehnliche, triste Gerinne der Mistel war damit aus dem Stadtbild verschwunden und in weiterer Folge konnte mit der „Grünen Straße“, eine sich durch die ganze Stadt ziehende Nord-Süd-Achse für Fußgänger, Radfahrer und Erholungssuchende geschaffen werden. Den Weg, der die Mistel vom Ende ihrer Eindeckung bis zur Einmündung in die Zaya begleitet, benannte man eingedenk seiner großen Verdienste um dieses Jahrhundertprojekt nach Hofrat Thurner.

Wo befindet sich die Hofrat Thurner-Promenade?