Überblick über einen Teil der Einwohnerschaft Mistelbachs im Jahre 1797

Von Thomas Kruspel 12. August 2024 Aus

Listen von Hausbesitzern, wie sie uns für Mistelbach durch Fitzkas Geschichte der Stadt Mistelbach für die Jahre 1799 und 1900 überliefert sind, bilden nur einen kleinen Teil der damaligen Einwohnerschaft ab. Menschen ohne Haus- bzw. Grundbesitz im Ort: die Geistlichkeit, Lehrer, Handwerksgesellen, Tagelöhner, Pfründner in Sozialeinrichtungen wie dem Mistelbacher Spital, Kinder, Inwohner und Ausgedinger (=idR besitzlose Angehörige eines Bauern), Mägde und Knechte scheinen in diesen Listen nicht auf bzw. Frauen zumeist nur dann wenn sie im Erbwege Eigentümerin eines Hauses geworden sind. Detaillierter sind hingegen die früher von der Grundherrschaft penibel geführten Urbarien, einem Vorläufer der Grundbücher und einer Art Besitzstandsverzeichnis der Herrschaft. In diesen waren auch die Untertanen erfasst, die schließlich auch zur Leistung von Arbeitsdiensten („Robot“) zugunsten der Herrschaft verpflichtet waren und auch über dieses „Eigentumsrecht“ und seine Ableistung wurde Buch geführt. Diese Verzeichnisse konzentrieren sich jedoch hauptsächlich auf die bestifteten Bauern und ihre Familien, also auf die Zehent- und Robotpflichtigen, während Zugezogene, also „nicht nach Mistelbach zuständige“ zumeist Handwerker und Tagelöhner darin nicht erfasst waren.

Einen interessanten, weil anderen, allerdings ebenso unvollständigen Einblick in die Bevölkerungsstruktur gewährt eine Liste von Spendern aus Mistelbach, die  durch ihre Geldspenden die Führung des Ersten Koalitionskriegs gegen Napoleon (1792-1797) unterstützen. Diese im September des Jahre 1797 in der Wiener Zeitung unter der Überschrift „Verzeichnis deren im Markt Mistelbach sich befindlichen Bürgern und Inwohnern dann Zünften, welche sich zu einem freywilligen Kriegsbeytrag erkläret, und auch abgereichet haben“ veröffentlichte Liste nennt rund 360 Spender quer durch alle Bevölkerungsschichten aus Mistelbach und deren Unterstützung für das bedrängte Vaterland reichte von Kleinstbeträgen von 2 Kreuzern bis zur größeren Spenden in Höhe von 9 Gulden. Auch in der Schule wurde gesammelt und die Lehrer, Katecheten sowie die Schuljugend beteiligten sich durch eine Gemeinschaftsspende, weshalb sie nicht einzeln angeführt werden. Selbiges gilt auch für die Zünfte der Schuhmacher, Seiler, Lederer, Tischler und Kürschner, die korporativ ebenfalls namhafte Beträge spendeten.1

Laut Schweickhardt lebten den 1830er Jahren in Mistelbach etwa 2500 Personen und wenn man davon ausgeht, dass es rund vier Jahrzehnte zuvor etwas weniger gewesen sein dürften, so scheint es plausibel, dass diese Liste etwa 15-20% der damaligen Bewohner umfasst. Es ist jedoch unklar, ob sich ausschließlich Bewohner des liechtensteinischen Markts an dieser Spendenaktion beteiligten oder auch Bewohner der unter barnabitischer Grundherrschaft stehenden Pfarrholdengemeinde.

Die in der Spenderliste angeführten Personen in alphabetischer Reihenfolge:

A

Ametschläger, Schmiedmeister
Amon Andrä, Hauer
Amon Anton Tischlergesell
Amon Johann, Hauer
Amon Leopold, Hauer
Amon Theresia
Antler Joseph, Hauer
Antreich Helena
Apel Christian, Eisenhändlersohn
Arthaber Johann Georg
Arthaber Josepha, Kaufmannstochter
Arthaber Juditha, Kaufmannstochter
Arthaber Klara, Handelsfrau
Arthaber Klara, Kaufmannstochter
Augustin Barbara
Augustin Friedrich, Nadlergesell
Augustin Jakob, Hauer
Augustin Joseph, Hauer

B

Bacher Martin
Bader Georg, Kleinhäusler/Inwohner
Bader Georg, Kupferschmidgesell
Bader Thomas, Zimmermeister
Beinhart, Hauer
Berger Franz, Kleinhäusler/Inwohner
Bernhard, Hafnermeister
Bichler Lorenz, Hauer
Bichler Mathias, Hauer
Bichler Michael, Hauer
Bichler Paul, Hauer
Bileck Jakob, Strickergesell
Bock Anna Maria
Brenner Mathias, Magistratsrath & Färbermeister
Brenner Michael, Hafnermeister
Brenner Theresia
Bruckner Johann, Hauer
Bruckner, Klampfer(=Messerschmiede)meister
Brunner Adam, Kleinhäusler/Inwohner
Brunner Franz, Hauer
Brunner Paul, Hauer
Bschließmayer, Hauer

D

Dichy Wenzel, Hutmachergesell
Diel Johann, Schuhknecht
Dietz Franz, Sattlersohn
Dietz, Sattlermeister
Donlovi Joseph, Eisenhandlungsdiener
Doppler, Kupferschmidmeister

E

Eckstein, Hauer
Eibel Michael, Hauer
Eigel Vinzenz, Handlungsdiener

F

Fabian, Tischlermeister
Faulhuber, Wagnermeister
Feitzinger, Buchbindermeister
Felkner Bernhard, Kleinhäusler/Inwohner
Fibig, Witwe Kleinhäusler/Inwohner
Fink Georg, Kleinhäusler/Inwohner
Fink Rosalia
Fischer Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Fottner, Hauer
Frank Franz, Hauer
Fürst

G

Gartner Theresia
Gaßl Anna Maria
Gebert Martin, Hauer
Georg Wanderer, Hauer
Gfrerer Michael, Hafnergesell
Gmeiner Elisabeth
Gotwald Anna Maria
Gruber Johann, Handlungsdiener
Gschlent, Schneidermeister

H

Haberler Georg, Kleinhäusler/Inwohner
Hacker Leopold, Hauer
Harbich Johann, Hauer
Harbich, Hauer
Harl Helena
Hartel Martin, Kleinhäusler/Inwohner
Harwich Magdalena
Hatschka Georg, Kleinhäusler/Inwohner
Hauer Theresia
Hauer, Wagnermeister
Hautzmayer, Zimmermeister
Hebert Barbara, Hauer
Hebert Franz, Hauer
Hebert Georg, Hauer
Heidler Thomas, Schlossergesell
Heimpl Anna Maria
Hellnwein, Hauer
Henhapel Franz, Tischlergesell
Herz Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Himmelhann
Hipp Franz, Schmidgesell
Hock Johann
Hofer Joseph, Sieberersohn
Hofer, Silberermeister
Höfling, Glasermeister
Hofmann, Hauer
Huber Jakob, Kleinhäusler/Inwohner
Huber Markus, Kleinhäusler/Inwohner
Hübel Mathias, Hauer

J

Jakowitz Anna Maria
Jechtel, Handschuhmachermeister
Jechtl Barbara
Jesner Sophia

K

Kainz Anton, Hauer
Kainz Ignaz, Gastwirt
Kainz Joseph, Fleischhauermeister
Kaltenbruner Alexander
Kaltenbruner Johann, Hauer
Kaltenbruner Joseph, Hauer
Kandler Ignaz, Schuhknecht
Kellner Franz, Kleinhäusler/Inwohner
Kellner Lorenz, Kleinhäusler/Inwohner
Kern Joseph, Hauer
Ketterer, Schuhmachermeister
Kirchlehner Bernhard, Lederersohn
Kirchlehner Bernhard, Magistratsrath & Lederermeister
Kirchlehner Leopold, Lederersohn
Kirchmauer, Witwe
Kirchmayer Barbara
Kisselek Franz, Schneidergesell
Klee, Hauer
Klingisch Georg, Hauer
Kofler Georg, Ledererknecht
Kölbel Ignaz, Grießler
Kölbl Johanna
Kölbl Theresia
Kolhamer Georg
Kolich Rosina
Kolich Theresia, Verwalterin im Barnabiten Kollegium
König Franz, Kleinhäusler/Inwohner
Köpfer, Goldarbeiter
Kottmayer Anton, Kleinhäusler/Inwohner
Kottmayer Leopold, Hauer
Kramer Konrad, Marktrichter
Kranz Mathias, Hauer
Kraußler Georg, Magistratsrath
Kraußler Joseph, Sieberersohn
Krenner Johann, Seifensiedergesell
Küml Antonia
Kümmel
Kutsch Anna Maria
Kutscher, Grießler
Küttner Anna Maria, Hutmachertochter
Küttner Eleonora, Hutmachertochter
Küttner Josepha, Hutmachertochter
Küttner Mathias, Hutmachersohn
Küttner, Hutmachermeister

L

Laab, Tischlermeister
Lachnit David, Kürschnersohn
Lachnit, Kürschnermeister
Langer Elisabeth
Langer, Hauer
Langer, Schuhmachermeister
Lausch, Schlossermeister
Leberfinger Mathias, Schustersohn
Leberfinger, Schuhmachermeister
Ledermann, Lederermeister
Lehner Martin, Hauer
Leitl Johann, Kleinhäusler/Inwohner
Loibl Florian, Hauer
Loibl Joseph, Hauer
Loibl Leopold
Loibl Martin junior
Loibl Mathias, Hauer
Loibl Michael, Hauer
Loibl Paul, Hauer
Lorenz Wolfgang, Posamentirergesell

M

Marchtrenker Martin, Hauer
Maurer Martin, Kleinhäusler/Inwohner
May, Färbermeister
Mayer Joseph
Mayer Rosalia
Mayer, Kässtecher
Meixner Johann, Hauer
Michel Bartholomä, Bäckerjung
Misch Franz, Hauer
Molas, Weißgerbermeister
Moser Johann, Hauer
Moßmayer, Hauer
Mozard Johann Michael, Badergesell
Müllner Friedrich, Schneidersohn
Müllner Theresia
Müllner, Witwe
Münich Johann Friedrich , Nadlergesell
Musch Franz, Kleinhäusler/Inwohner
Musch Gotthard, Hauer
Mutz Joseph, Hauer
Mutz Michael, Hauer

N

Nehamer, Eisenhändler
Neidhart
Neidhart Johann, Bürgersohn
Neidhart Mathias, Bürgersohn
Nekam Elisabeth
Nekam Katharina
Neuhauser Anna
Neuhauser, Gastwirt
Neuhofer Magdalena
Nowerka, Leinwandhändler
Nowerka, Witwe

O

Ohlinger Martin, Hauer
Ostermayer Georg, Kammmachermeister
Ott, Witwe Kleinhäusler/Inwohner

P

Pacher Anna Maria
Pacher Antonia
Pacher Franz, Hauer
Pacher Jakob, Hauer
Pacher Joseph, Hauer
Pacher Lorenz, Hauer
Pacher Martin, Hauer
Paluschka, Witwe
Pamer
Panschab Franz, Fleischhauersohn
Panschab Johann, Fleischhauersohn
Panschab Joseph, Fleischhauersohn
Panzer Helena
Patek, Hauer
Pelzelmayer Joseph, Hauer
Pelzlmayer Anton, Hauer
Penitschka, Hauer
Pezold Anton, Seilersohn
Pezold Helena
Pezold, Seilermeister
Pfann Andrä, Hauer
Pfann Joseph, Hauer
Pfeifer Alexander
Pfeiffer, Drechslermeister
Pichler Johann, Kleinhäusler/Inwohner
Piller, Grießler
Pillwein Markus, Hauer
Pillwein Sabina
Piringer Stephan
Piwalt Theresia
Platschka Franz, Kleinhäusler/Inwohner
Platschka Johann, Hauer
Platschka Leopold, Hauer
Platt Anton, Hauer
Platt Johann, Hauer
Plauer, Witwe
Pleyl Melchior, Sattlersohn
Pleyl, Sattlermeister
Pock Anna Maria
Poller, Maurermeister
Präs Magdalena, Kleinhäusler/Inwohner
Pucher Mathias, Kleinhäusler/Inwohner
Pum Anton, Hauer
Puntschert, Lebzeltermeister
Rachenzentner, Lebzeltermeister
Ramstorfer, Weißgerbermeister

R

Reidlinger Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Reidlinger Simon, Kleinhäusler/Inwohner
Reiser Theresia, Eisenhändlertochter
Rieder Klara, Kleinhäusler/Inwohner
Rigelbauer Franz, Hauer
Rößler Jakob, Schneidergesell

S

Schabmann, Hauer
Schacher Joseph, Hauer
Schacher Martin, Hauer
Schalk, Witwe Kleinhäusler/Inwohner
Schallamayer Franz, Schneidermeister
Schaller Rosalia
Scheiner
Schenk Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Scherf Johann, Spenglergesell
Scherzer Joseph, Strumpfstrickermeister
Scherzer Wenzel, Strickersohn
Schild Leopold, Hauer
Schleininger, Hauer
Schmidhofer Joseph
Schmidhofer Maria Anna
Schmidmayer Katharina
Schmidmayer Michael
Schmirl Joseph, Hafnergesell
Schnabel Johann, Ledererknecht
Schnir Rosalia
Schodl Anna Maria
Schodl Georg, Hauer
Schodl Jakob, Hauer
Schodl Joseph, Hauer
Schodl Michael, Hauer
Schön Antonia, Witwe
Schornbeck
Schornbeck, Strumpfstrickermeister
Schreiber Georg, Hauer
Schrickmayer Anna
Schrickmayer Klara
Schrickmayer, Schmiedmeister
Schubert Anton
Schubert Joseph Anton, Magistratsrath und Syndikus
Schwabl Theresia
Schwarz
Schwebskirchl Johann, Bäckersohn
Schwebskirchl, Bäckermeister
Sebacher Joseph, Apothekersubjekt
Seidelhuber Franz, Kleinhäusler/Inwohner
Seidlhuber Elisabeth
Selbach Ferdinand, Schneidermeister
Selbach Joseph, Schneidermeister
Simperl, Hauer
Solomon Johann, Kleinhäusler/Inwohner
Spies Anna Maria
Stacher Apolonia
Stadler Josepha, Apothekertochter
Stadler, Landschaftsapotheker
Staindl Michael, Kleinhäusler/Inwohner
Stank Mathias, Ledererknecht
Steinkellner, Witwe
Stichholzer Christina
Stichholzer Katharina
Stilitz Johann, Schneidergesell
Stocker Theresia
Stöger Adam, Kleinhäusler/Inwohner
Strasser Peter, Lederermeister
Strobel Alexander, Hauer
Strobel Franz
Strobel Franz, Hauer
Strobel Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Strobel Peter, Hauer
Strobl Leopold, Hauer
Sydy Joseph, Schuhknecht

T

Tatzer Andrä, Hauer
Tatzer Joseph, Hauer
Testler, Hauer
Thalhamer Sebastian, Wagnergesell
Theresia Gutmann
Tichel Joseph, Handschuhmachergesell
Tillbaum
Titzl Magdalena
Togl Sebastian, Ledererknecht
Tomer Tobias, Kleinhäusler/Inwohner
Trinkler Leopold, Hauer
Trögl Peter, Hauer
Türk Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Tuscheck Wenzel, Pferdeknecht

U

Uhl, Schlossermeister
Uiblein Ignaz, Färbersohn

W

Waberer Andrä, Hauer
Waberer Andrä, Inwohner
Waberer Barbara
Waberer Elisabeth
Waberer Jakob, Hauer
Waberer Johann, Hauer
Waberer Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Waberer Katharina
Waberer Lorenz, Hauer
Waberer Philipp, Hauer
Wadel Sebastian, Kleinhäusler/Inwohner
Wadl Joseph, Hafnergesell
Walter, Chirurg
Wanderer Florian, Kleinhäusler/Inwohner
Wanderer Georg, Kleinhäusler/Inwohner
Warschanek Anton
Weber Joseph, Sattlergesell
Weber, Bindermeister
Weghofer, Hauer
Weinmayer, Hauer
Weiser Joseph, Kleinhäusler/Inwohner
Weiß Jakob, Kleinhäusler/Inwohner
Weissenberger Benedikt, Ledererknecht
Wild Georg, Kleinhäusler/Inwohner
Wilfing Anton, Glasergesell
Willmann Gallus
Wimmer Johann, Hauer
Windhab Leopold, Schneidergesell
Wintersteiner Ferdinand, Handelsmann
Wintersteiner Ignaz
Wintersteiner Theresia, Kaufmannstochter
Wintersteiners Ferdinand, Kaufmannssohn
Wolf Eleonora
Wolf Theresia
Wolf, Kleinhäusler/Inwohner
Wolf, Seifensiedemeisterin

Z

Zankhel Sebastian, gewester fürstl. Liechtensteinischer Amtmann
Zehetmayer Anton, Kleinhäusler/Inwohner
Zehetmayer Joseph
Zenner, Gastwirt
Zirkl Katharina
Zisch Joseph, Hauer
Zisch Mathias, Kleinhäusler/Inwohner
Zollner, Kleinhäusler/Inwohner
Zweck Johann, Schneidersohn

Quellen:

Berggasse

Von Thomas Kruspel 24. Juli 2024 Aus

Die Berggasse zählt zweifellos zu den ältesten Straßenzügen Mistelbachs – schließlich nahm die Besiedelung ihren Anfang rund um den Kirchenberg, den die Berggasse auf der der Stadt zugewandten Seite umfasst. Alle Aufstiege von der Stadt zur Kirche nehmen in der Berggasse ihren Anfang: die Pfarrstiege und die Marktstiege, der Steig am Ende der Barnabitenstraße sowie der im Bereich der Bruderhofgasse gelegene Weg.

Die beiden Stiegen, die in der Berggasse ihren Anfang nehmen: links die Marktstiege mit den Statuen des hl. Martin und hl. Florian; rechts die Pfarrstiege mit den Statuen des hl. Petrus und hl. PaulusDie beiden Stiegen, die in der Berggasse ihren Anfang nehmen: links die Marktstiege mit den Statuen des hl. Martin und hl. Florian; rechts die Pfarrstiege mit den Statuen des hl. Petrus und hl. Paulus

Doch nicht nur am Weg zur Kirche führte sprichwörtlich kein Weg an dieser langgezogene Gasse vorbei – eine herausragende Rolle kam ihr zweifellos als Verbindungsstraße zwischen dem geistlichen Machtzentrum – dem alten Pfarrhof, der einst anstelle des Kollegs stand – und dem weltlichen Machtzentrum – dem alten Marktplatz (im Bereich Kellergasse/Mittelgasse/Neustiftgasse/Kanalgasse/obere Neustiftgasse/Josefigasse) mit dem angrenzenden Schloss der Herren von Mistelbach, zu.

Trotz dieser prominenten Lage beherbergte die Berggasse, wie überhaupt das gesamte Kirchenbergareal, stets die ärmeren Bevölkerungsgruppen: Handwerksgesellen, Hilfsarbeiter, Tagelöhner samt ihren Familien wohnten hier zumeist in Kleinhäuser bzw. in zu Wohngebäuden umgebauten Presshäusern. Dazu passt, dass an der Adresse Berggasse Nr. 7 im Jahre 1865 das neu errichtete Gemeinde-Armenhaus eröffnet wurde. Anfangs zum Teil aus Mitteln des Pfarr-Armenfonds finanziert, übernahm die Gemeinde wenig später die Verwaltung und Kosten für den Betrieb dieser bis 1936 hier bestehenden Einrichtung, vollständig.

Der Name dieser Gasse ist aufgrund ihrer Lage naheliegend und daher sicherlich bereits Jahrhunderte vor der offiziellen Einführung von Straßennamen im Jahre 1898 gebräuchlich gewesen.

Wo befindet sich die Berggasse?

 

Bildnachweis:
Ansichtskarte aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer

Quellen:
Spreitzer, Prof. Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 186, 226;

Gemeindevertretung Mistelbach – Teil 1 (1850-1919)

Von Thomas Kruspel 23. Juli 2024 Aus

Bereits im Jahr 1964 wurde anlässlich der Feierlichkeiten zu „90 Jahre Stadterhebung“ im Rahmen der Schriftenreihe „Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart“ eine Auflistung der Gemeinderäte der Stadt Mistelbach veröffentlicht. In Ermangelung von Quellenmaterial beschränkte man sich allerdings auf eine Rekonstruktion ab dem Jahr 1874 (dem Jahr der Stadterhebung) und die Autoren Prof. Hans Spreitzer und Bürgermeister Franz Bayer wiesen schon im Vorwort auf zahlreiche Lücken aufgrund der bescheidenen Quellenlage hin. Tatsächlich konnten durch umfangreiche Recherchen zu diesem Beitrag viele Lücken geschlossen bzw. so manches richtiggestellt werden. Nachdem eine Darstellung der Mistelbacher Gemeindevertretungen bzw. der Wahlen, die diesen in der Regel vorausgingen, recht umfangreich werden wird, erfolgt die Veröffentlichung in drei Teilen und wird sich vorerst auf den Zeitraum 1850 bis 2000 beschränken. Der vorliegende Beitrag behandelt den Zeitraum von 1850 bis 1919, also jener Gemeindevertretungen, die in die Zeit der Monarchie fielen. Zwecks Begriffserläuterung bzw. Darstellung der Entwicklung der gewählten Organe der Gemeindevertretung im Laufe der Zeit und des damit verbundenen Wahlrechts wird ein gesonderter Beitrag auf diesem Blog erscheinen.

1850-18612
Die ersten Gemeindewahlen in Mistelbach begannen mit den Wahlen im 3. Wahlkörper, die am 2. Juli 1850 stattfanden. Von den 426 Wahlberechtigten in diesem Wahlkörper machten allerdings lediglich 40 Personen und damit weniger als 10 Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Die Wahlen im 1. und 2. Wahlkörper fanden am Tag darauf statt und zeigten laut einem historischen Beitrag („Chroniken erzählen …“) im „Mistelbacher Bote“ hingegen eine starke Wahlbeteiligung.3 Weitere Details zur Wahl sind leider nicht überliefert, aber nach der konstituierenden Sitzung setzte sich der Gemeindeausschuss wie folgt zusammen:

Bürgermeister: Franz Hafner, Lebzelter
Gemeinderäte: Johann Brandstetter (auch Prandstetter), Bäcker; Josef Hummel, Wundarzt; Josef Biberich, Drechsler;
weiters gehörten dem Gemeindeausschuss an: Josef Strasser sen., Lederer; Karl Hauk, Kaufmann; Karl Ruprecht, Kaufmann; Josef Küttner, Hutmacher; Lorenz Heindl, Wirtschaftsbesitzer; Johann Wolf, Greißler; Franz Diem, Fleischer; Franz Artner, Fleischer; Johann Michl (auch Michel), Sattler; Ignaz Tischer, Schneider; Ludwig Schmidt, Wundarzt; A. Schneider, Tischler; Karl Melbinger, Buchbinder; M. Heß, Viktualienhändler

1859 scheint Gemeinderat Josef Hummel als Wundarzt in Wilhelmsdorf bei Poysdorf auf und ein Wegzug aus dem Gemeindegebiet bedeutete jedenfalls das Ausscheiden aus dem Gemeindeausschuss. Hummel dürfte sich jedoch bereits deutlich früher aus Mistelbach verabschiedet haben. Diesen Schluss legt zumindest der zwischen Staatsverwaltung und Gemeinde geschlossene Vertrag betreffend die Errichtung des Gerichtsgebäudes (Hauptplatz Nr. 2) aus dem Jahr 1852 nahe. Seitens der Gemeinde wurde dieser Vertrag von den Mitgliedern des Gemeindevorstands (Bürgermeister und Gemeinderäte) unterzeichnet, und tatsächlich scheint Hummels Unterschrift hier nicht mehr auf, dafür aber jene von Johann Michl. Scheinbar dürfte also Johann Michel bereits Anfang der 1850er Jahre als Nachfolger von Hummel – nach dessen Wegzug – in den Gemeindevorstand gewählt worden sein.4

Da die 1850 gewählten Mitglieder des Gemeindeausschusses, und auch der Bürgermeister, ihre Ämter nur aus triftigen Gründen zurücklegen durften, ist ansonsten davon auszugehen, dass die weiteren  Mitglieder des Gemeindeausschusses bis zur mehr als zehn Jahre später stattfindenden Wahl in ihren Ämtern verlieben.

1861-18645
Bürgermeister: Johann Schwarz sen., Landwirt
1. Gemeinderat: Ferdinand Eisenhut, Landwirt
2. Gemeinderat: Josef Küttner, Hutmacher
3. Gemeinderat: Josef Fischer, Gastwirt und Fleischhauer;
weiters gehörten dem Gemeindeausschuss an: Karl Bruckner; Franz Czinglar sen., Kaufmann; Josef Schürz; Anton Schön; Franz Artner, Fleischhauer; Anton Steiner, Tischler; Karl Weingartshofer; Martin Schodl, Landwirt; Dominik Kothmayer; Michael Misch; Mathias Misch; Philipp Sünder; Josef Schmelzer; Johann Krames
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper).

1864-18676
Bürgermeister: Andreas Schreiber sen., Gastwirt
1. Gemeinderat: Martin Schodl, Wirtschaftsbesitzer
2. Gemeinderat: Ferdinand Eisenhut, Wirtschaftsbesitzer
Dem Gemeindeausschuss dürfte jedenfalls auch der Kaufmann Franz Czinglar sen. angehört haben.7
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper).

Im Jahr der Wahl kam es dann noch zu einem Wechsel an der Spitze der Gemeindevertretung und der 1. Gemeinderat Martin Schodl übernahm interimistisch das Amt des Bürgermeisters bis zur planmäßigen Neuwahl.

1867-18708
Nachdem laut den Recherchen von Spreitzer/Bayer die Zeit von 1850 bis 1867 von einer bäuerlich-konservativen Mehrheit im Gemeindeausschuss geprägt war, ändert sich dies nun im Zuge der Wahl des Jahres 1867 bei der erstmals liberale Kräfte triumphierten und eine klare Mehrheit erringen konnten. Mehr als 20 Jahre sollten die Liberalen, die sich im Wesentlichen aus Gewerbetreibenden und Beamten zusammensetzten, unter der Führung von Bürgermeister Josef Strasser die Geschicke Mistelbachs bestimmen. Nach der Gemeindeausschusswahl konstituierte sich die neue Gemeindevertretung am 21. Juli 1867 wie folgt:
Bürgermeister: Josef Strasser, Lederer
1. Gemeinderat: Franz Czinglar sen., Kaufmann
2. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäcker
3. Gemeinderat: Martin Schodl, Wirtschaftsbesitzer
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters an: Dr. Innocenz von Schluetenberg, Arzt; Franz Kainz, Schuhmacher; Franz Koblischek sen., Kaufmann und Postmeister; Adalbert Hackl, Eisenhändler; August Lubovienski, Apotheker; Josef Eibl (Nr. 146), Landwirt; Georg Trestler; Ignaz Simperler; Karl Weingartshofer; Johann Schwarz sen., Fruchthändler; Franz Hafner, Lebzelter; Johann Krames; Josef Bacher; Franz Geyer
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper).

Die liberale Gesinnung des Gemeindeausschusses geht auch aus einer Zeitungsmeldung der „Neuen Freien Presse“ aus dem Oktober 1867 hervor, die davon berichet, dass sich dessen Mitglieder mit lediglich einer Ausnahme (Koblischek) für die Aufhebung des Konkordats von 1855 (Vertrag zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl betreffend die Stellung der katholischen Kirche) aussprachen und beabsichtigten in Kürze einen gleichlautenden formellen Beschluss im Gemeindeausschuss zu fassen.9

1870-187310
Bürgermeister: Josef Strasser, Lederer
1. Gemeinderat: Franz Czinglar sen., Kaufmann
2. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäcker
3. Gemeinderat: Martin Schodl, Wirtschaftsbesitzer
4. Gemeinderat: Franz Koblischek sen., Kaufmann und Postmeister
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper), zu diesen gehörte u.a. August Lubovienski

1873-187611
Zum Ergebnis der Gemeindeausschusswahl vom 26. Juni 1873 liegen zwar keine detaillierten Informationen vor, allerdings wurden laut einem Bericht in der Zeitung „Neues Wiener Blatt“ ausschließlich Kandidaten der liberalen, verfassungstreuen Partei – also der „Strasser-Partei“ – gewählt.12 Zu diesem Schluss kommt auch der Eintrag von Spreitzer und Bayer zu dieser Wahl, der auch die nachstehend vorgenommene politische Zuordnung des Gemeindevorstands ermöglichte und darüber hinaus eine „beispiellos geringe Wahlbeteiligung“ erwähnt.13 Nach der konstituierenden Sitzung vom 6. Juli 1873 setzte sich der Gemeindeausschuss wie folgt zusammen14 :
Bürgermeister: Josef Strasser, Lederwarenfabrikant (liberal)
1. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäcker (liberal)
2. Gemeinderat: Franz Koblischek sen., Kaufmann und Postmeister (liberal)
3. Gemeinderat: Martin Schodl, Wirtschaftsbesitzer (konservativ)
4. Gemeinderat: Leopold Kipp, k.k. Notar (liberal)
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper), zu diesen gehörte u.a. August Lubovienski

1876-187915
War schon beim vorangegangenen Wahlgang eine äußerst niedrige Wahlbeteiligung zu beklagen, erreichte diese 1876 mit 59 Wählern in allen drei Wahlkörpern zusammen ihren absoluten Tiefpunkt. Die niedrige Wahlbeteiligung war natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass außer Strasser und seinen liberalen Gefolgsleuten keine Gegenpartei kandidierte. Dies ließ das Interesse an einer Beteiligung an der Wahl deutlich sinken.

Im 3. Wahlkörper wurden gewählt: Josef Strasser, Josef Edhofer, Leopold Kipp, Franz Schram, Mathias Neckam und Josef Spieß.

Im 2. Wahlkörper wurden gewählt: Michael Hacker, Franz Koblischek sen., Michael Hofecker, Leopold Hacker, Paul Frank (Frank war nachgerückt, nachdem der eigentlich gewählte August Lubovienski auf die Annahme der Wahl verzichtet hatte), Josef Dunkl sen.

Im 1. Wahlkörper wurden gewählt: Dr. Rudolf Schaschetzy, Georg Trestler, Franz Czinglar sen. (nachdem dieser auf die Wahl verzichtet hatte, rückte Franz Schodl nach), Josef Steininger, Adalbert Hackl und Michael Selbach

Es herrschte damals ein Persönlichkeitswahlrecht und es existierte keine Kandidatenliste, sondern die Wahlberechtigten konnten einfach mehrere Namen (idR wurden sechs Personen pro Wahlkörper gewählt) auf die Wahlzettel schreiben. Natürlich gab es Personen, die gemeinschaftlich mit anderen um die Wählergunst warben, und wenig überraschend kam es auch vor, dass Personen gewählt wurden, die an einer Betätigung im Gemeindeausschuss kein Interesse hatten. Grundsätzlich war man damals allerdings verpflichtet eine erfolgte Wahl anzunehmen und nur unter strengen Voraussetzungen wurde einem das Recht zugebilligt, auf das Mandat verzichten zu können. Beispielsweise konnte man die Annahme der Wahl verweigern, wenn man bereits in der Vergangenheit für zwei Perioden dem Gemeindeausschuss angehört hatte. Genau dies traf bei Lubovienski und Czinglar sen. zu und daher verzichteten sie auf ihre Mandate. Dadurch rückten die beiden im Wahlergebnis nächst gereihten Kandidaten nach und hierbei handelte es sich um Paul Frank und Franz Schodl.

Nach der konstituierenden Sitzung setzte sich der Gemeindeausschuss wie folgt zusammen:
Bürgermeister: Josef Strasser, Lederwarenfabrikant
1. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäcker
2. Gemeinderat: Franz Koblischek sen., Kaufmann und Postmeister
3. Gemeinderat: Michael Hacker, Wirtschaftsbesitzer
4. Gemeinderat: Leopold Kipp, k.k. Notar
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters an: Franz Schram, Wirtschaftsbesitzer; Mathias Neckam, Wirtschaftsbesitzer; Josef Spieß, Wirtschaftsbesitzer; Michael Hofecker, Wirtschaftsbesitzer; Leopold Hacker, Wirtschaftsbesitzer; Paul Frank; Josef Dunkl sen., Baumeister; Dr. Rudolf Schaschetzy, Advokat; Georg Trestler, Wirtschaftsbesitzer; Franz Schodl; Josef Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Adalbert Hackl, Eisenhändler; Michael Selbach, Riemer;
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper).

1879-188216
In einem Bericht der Zeitung „Die Presse“ über den Wahlausgang in Mistelbach steht zu lesen: „… trotz aller Agitation gegen den streng verfassungstreuen Bürgermeister Strasser, erlitt die Gegenpartei eine vollständige Niederlage und konnte mit keinem einzigen Kandidaten eine Majorität erzielen. Es wurde seitens der Gegenpartei Protest gegen die Wahl erhoben, der jedoch seitens der niederösterreichischen Statthalterei abgewiesen wurde.“
Unklar bleibt, um wen es sich bei der erwähnten „Gegenpartei“ handelte. War es der erste und zu diesem Zeitpunkt außergewöhnlich frühe Auftritt deutschnationaler Vertreter, die binnen des folgenden Jahrzehnts sukzessive die Mehrheit im Mistelbacher Gemeindeausschuss eroberten? Nahezu auszuschließen ist ein Comebackversuch konservativer Kräfte. Möglicherweise handelte es sich (zunächst noch) gar nicht um eine Gegenpartei im politisch-ideologischen Sinne, sondern vielleicht waren persönliche Differenzen die Ursache für die neu auftretende Konkurrenz.

Im Zeitraum 1879-1882 stellte sich der Gemeindeausschuss jedenfalls wie folgt dar:
Bürgermeister:
Josef Strasser, Lederwarenfabrikant
1. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäcker
2. Gemeinderat: Franz Koblischek sen., Kaufmann und Postmeister
3. Gemeinderat: Michael Hacker, Wirtschaftsbesitzer
4. Gemeinderat: Leopold Kipp, k.k. Notar
5. Gemeinderat: Michael Selbach, Riemer
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters an: Rudolf Schaschetzy, Advokat; Adalbert Hackl, Eisenhändler; Franz Czinglar jun., Kaufmann; Josef Eibel, Glasermeister; Josef Eibel, Wirtschaftsbesitzer; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Anton Trestler, Wirtschaftsbesitzer; Georg Trestler, Wirtschaftsbesitzer; Jakob Kothmeier, Wirtschaftsbesitzer; Josef Eibl, Wirtschaftsbesitzer; Franz Schram, Wirtschaftsbesitzer; Josef Dunkl sen., Maurer- und Zimmermeister;
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (6 aus dem 1., 6 aus dem 2. und 6 aus dem 3. Wahlkörper).

1882-188517
Bei der Gemeindeausschusswahl Ende Juni 1882 setzten sich neuerlich mehrheitlich Strasser und seine Liberalen durch.

Im dritten Wahlkörper wurden gewählt: Josef Strasser, Josef Edhofer, Michael Hofecker, Michael Hacker und Adalbert Hackl, Franz Koblischek sen.; als Ersatzleute: Paul Frank und Josef Weber

Im zweiten Wahlkörper wurden gewählt: Josef Hacker (Nr. 72), Josef Eibl (Nr. 148), Josef Eibl (Nr. 146), Martin Steininger, Martin Weiß und Josef Gössinger; als Ersatzleute: Friedrich Hacker und Josef Pölzlmayer

Im ersten Wahlkörper wurden gewählt: Heinrich Westermayer, Leopold Kipp, Josef Eibel, Josef Dunkl sen., Georg Trestler und Dr. Rudolf Schaschetzy; als Ersatzleute: Karl Ibel und Bernhard Steiner

Nach der konstituierenden Sitzung am 9. Juli 1882 setzte sich der Gemeindeausschuss wie folgt zusammen:
Bürgermeister: Josef Strasser, Lederwarenfabrikant
1. Gemeinderat: Franz Koblischek sen., Kaufmann und Postmeister
2. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäcker
3. Gemeinderat: Leopold Kipp, k.k. Notar
4. Gemeinderat:
Michael Hacker, Wirtschaftsbesitzer
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters an: Michael Hofecker, Wirtschaftsbesitzer; Adalbert Hackl, Eisenhändler; Josef Hacker (Nr. 72), Wirtschaftsbesitzer; Josef Eibl (Nr. 148), Wirtschaftsbesitzer; Josef Eibl (Nr. 146), Wirtschaftsbesitzer; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Martin Weiß, Wirtschaftsbesitzer; Josef Gössinger, Schlossermeister; Heinrich Westermayer, Kaufmann; Josef Eibel, Glasermeister; Josef Dunkl sen., Maurer- und Zimmermeister; Georg Trestler, Wirtschaftsbesitzer; Dr. Rudolf Schaschetzy, Advokat;
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern.

Ersatzmänner: Paul Frank, Josef Weber, Friedrich Hacker, Josef Pölzlmayer, Karl Ibel, Bernhard Steiner, Tischlermeister

1885-188818
Bei der Gemeindeausschusswahl vom 18. Juni 1885 standen sich zwei Parteien gegenüber: die Liberalen um den langjährigen Bürgermeister Strasser und die Deutschnationalen. Es gab 18 Mandate in drei Wahlkörpern zu vergeben. Bei geringer Wahlbeteiligung entfielen zehn Mandate auf die Liberalen und acht Mandate auf die Deutschnationalen. Ein letztes Mal konnten Strasser und seine liberalen Gefolgsleute also noch die Mehrheit im Gemeindeausschuss erringen. Die Wiederwahl Strassers im Zuge der konstituierenden Sitzung gestaltete sich schwieriger als nach den letzten Wahlen – Strasser wurde lediglich mit 10 Stimmen – also mit einer Stimme Mehrheit – zum Bürgermeister gewählt. Angeblich soll er vor der Wahl die Annahme der Bürgermeisterstelle von einer einstimmigen Wahl abhängig gemacht haben und das Quorum nach der Wahl bzw. vor der konstituierenden Sitzung auf eine große Mehrheit revidiert haben. Letzten Endes musste er sich dann mit einer knappen einfachen Mehrheit zufriedengeben. Auch ansonsten gab es ein paar Besonderheiten bei dieser ersten Gemeindeausschusssitzung nach der Wahl: Bernhard Steiner der damals eigentlich zu den Liberalen um Strasser zählte, paktierte insgeheim mit der Gegenpartei (= den Deutschnationalen) und wurde mit deren Hilfe (und der eines weiteren Liberalen) zum 1. Gemeinderat gewählt. Dass er auf diese Art den von seinen Parteifreunden nominierten Kandidaten Edhofer ausstach, brachte ihm garantiert keine Sympathien ein. Tatsächlich verhielt er sich auch gegenüber den Deutschnationalen wortbrüchig, denn diesen hatte er seine Stimme für ihre Kandidaten zugesagt, sofern sie ihn bei der Wahl zum 1. Gemeinderat unterstützen. Die Deutschnationalen hielten die Vereinbarung ein, Steiner nicht. Doch sollte diese Begebenheit einer weiteren Annäherung Steiners an die Deutschnationalen nicht im Wege stehen, schließlich wurde er nach der Wahl 1888 als deren Kandidat zum Bürgermeister gewählt. Der 4. Gemeinderat wurde seitens der Mehrheitspartei offenbar den Deutschnationalen überlassen, da für diese Stelle ausschließlich Deutschnationale nominiert wurden. Schließlich setzte sich Josef Hacker gegen seinen parteiinternen Konkurrenten durch.

Im 3. Wahlkörper waren 570 Personen wahlberechtigt, es erschienen jedoch lediglich 291 Personen zur Wahl. Gewählt wurden folgende Personen: Josef Strasser, Josef Edhofer, Karl Ibel, Josef Dunkl sen., Bernhard Steiner, Josef Eibl; als Ersatzmänner: Franz Filippinetti, Ludwig Gspann

Von den 126 Wahlberechtigten im 2. Wahlkörper, machten 75 Personen von ihrem Wahlrecht Gebrauch und wählten folgende Personen in den Gemeindeausschuss: Martin Weiß, Michael Hofecker, Josef Eibl (Nr. 148), Josef Hacker, Anton Keltscher, Josef Gobitschek; als Ersatzmänner: Alois Koch, Martin Steininger

Im 1. Wahlkörper erschienen 29 von 43 Wählern und gewählt wurden: Hugo Riedel, Leopold Kipp, Heinrich Westermayer, Franz Czinglar jun., Thomas Freund, August Lubovienski; als Ersatzmänner: Karl Lehner, Johann Schwarz jun.

Nach der konstituierenden Sitzung vom 29. Juni 1885 setzte sich der Mistelbacher Gemeindeausschuss wie folgt zusammen19:
Bürgermeister: Josef Strasser, Lederwarenfabrikant (liberal)
1. Gemeinderat: Bernhard Steiner, Tischlermeister (liberal)
2. Gemeinderat: Leopold Kipp, k.k. Notar (liberal)
3. Gemeinderat: Josef Edhofer, Bäckermeister (liberal)
4. Gemeinderat: Josef Hacker, Wirtschaftsbesitzer (deutschnational)
Gemeindeausschüsse: Franz Czinglar jun., Kaufmann (deutschnational); Josef Dunkl sen., Maurer- und Zimmermeister (liberal); Josef Eibel (Nr. 36), Glasermeister (liberal); Josef Eibl (Nr. 148), Wirtschaftsbesitzer (deutschnational); Thomas Freund, Kaufmann (deutschnational); Josef Gobitschek, Pfaidler (=Hemdenmacher/-händler) (deutschnational); Michael Hofecker, Wirtschaftsbesitzer (deutschnational); Karl Ibel, Eisenhändler (liberal); Anton Keltscher, Schmiedemeister (liberal); August Lubovienski, Apotheker (deutschnational); Hugo Riedel, Landes-Ingenieur (liberal); Martin Weiß, Wirtschaftsbesitzer (deutschnational); Heinrich Westermayer, Kaufmann (liberal);
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 18 Mitgliedern (jeweils 6 aus jedem der 3 Wahlkörper).

Als Ersatzmänner wurden gewählt: Karl Lehner, Wirtschaftsbesitzer; Johann Schwarz jun., Hausbesitzer; Alois Koch, Fleischhauer; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Franz Filippinetti, Rauchfangkehrermeister; Ludwig Gspann, pens. Volksschullehrer;

Laut einem Bericht im stramm deutsch-nationalen und somit Strasser kritisch gegenüberstehenden “Untermanhartsberger Kreis-Blatt” soll Strasser Anfang April 1886 aufgrund einer Nichtigkeit der Gemeindevertretung seinen Rücktritt als Bürgermeister mitgeteilt haben. Im Zuge einer außerordentlichen Gemeindeausschusssitzung wurde diese Abdankung jedoch nicht angenommen. Stattdessen stimmte die Mehrheit im Gemeindeausschuss, bei zwei Gegenstimmen (Lubovienski und Gobitschek), dafür den Bürgermeister für sechs Wochen, also bis Ende Mai 1886, zu beurlauben. Es sollte ihm damit augenscheinlich Gelegenheit gegeben werden diese Entscheidung nochmals zu überdenken. Das Untermanhartsberger Kreis-Blatt äußerte sich kritisch zur Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens, denn man könne einen gemäß eigener Erklärung zurückgetretenen Bürgermeister nicht beurlauben.20 Naturgemäß war Bürgermeister Strasser über die gegen ihn gerichtete Berichterstattung des „Untermanhartsberger Kreis-Blattes“ nicht erfreut. Das Blatt forderte ihn sogar auf, sollte es Unwahrheiten verbreitet haben, dagegen zu klagen und Berichtigung zu fordern. Hinweise zu einer gerichtlichen Auseinandersetzungen in diesem Fall liegen nicht vor.21

Nach Ablauf der Periode seiner Beurlaubung hat Strasser das Amt des Bürgermeisters wieder übernommen, was seitens des Untermanhartsberger Kreis-Blatts zynisch kommentiert wurde.22 Diese Episode zeigt, dass Strasser, der viele Jahre die uneingeschränkte Unterstützung in der Bevölkerung und im Gemeindeausschuss genoss, mit der Tatsache, dass er sich seit den 1885 abgehaltenen Wahlen lediglich auf eine sehr knappe Mehrheit stützte, nur schwer zurechtkam. Spätestens seit dieser Begebenheit dürfte er als Bürgermeister angezählt gewesen sein.

Als Hugo Riedel im Sommer des Jahres 1886 aus beruflichen Gründen nach Wien übersiedelte, schied er zweifellos auch aus dem Mistelbacher Gemeindeausschuss aus. An seiner Stelle dürfte der als Ersatzmann im ersten Wahlkörper gewählte Karl Lehner in den Gemeindeausschuss nachgerückt sein.

1888-189123
Bei den am 13. und 14. Juni 1888 stattgefundenen Gemeindeausschusswahlen gelang den Deutschnationalen ein großer Triumph, der gleichzeitig das Ende der Amtszeit des liberalen Bürgermeisters Strasser mit sich brachte. Alle Mandate in den drei Wahlkörpern gingen an die bisherige Opposition (Deutschnationale mit Unterstützung der Bauern), sodass sich die Liberalen im 1. Wahlkörper schließlich gar keiner Wahl mehr stellten.

Tatsächlich handelte es sich bei den Siegern der Wahl 1888 um die Kandidaten eines “antiliberalen” Wahlbündnisses, bestehend aus konservativ-klerikalen bäuerlichen Kandidaten und deutschnationalen Beamten und Gewerbetreibenden, das von letzteren angeführt wurde. Beide Gruppierungen standen den Liberalen, die von ihnen als “Judenpartei” bezeichnet wurden, feindselig gegenüber. Die konservative Kremser Zeitung berichtete mit Bezug auf die Mistelbacher Gemeindeausschusswahl von den “… durchgefallenen Kandidaten der Judenpartei…” einerseits und andererseits davon, dass es bei den Neugewählten “… durchwegs [um] Männer mit christlicher Gesinnung …” handle.24 Wichtig ist dabei das Wort Gesinnung: es wurde hiermit eine klare Abgrenzung zwischen liberal (jüdisch) und christlich (klerikal-konservativ und deutschnational) propagiert. Jüdische Kandidaten gab es bei den Liberalen in Mistelbach übrigens nicht, wohl aber natürlich auf Reichsratsebene bzw. unter den Herausgebern und Redakteuren dieser politischen Strömung nahestehender großer (Tages-)Zeitungen.

Im dritten Wahlkörper machten von 421 Wahlberechtigten 329 Personen von ihrem Wahlrecht Gebrauch und wählten: Johann Schwarz jun., Heinrich Westermayer, Thomas Freund, Franz Czinglar jun., Josef Eibl (Nr. 148) und Karl Simperler

Im zweiten Wahlkörper beteiligten sich von 119 Wahlberechtigten 79 Personen an der Wahl und wählten: Karl Lehner, Jakob Augustin, Josef Gobitschek, Martin Steininger, Felix Roller sen. und Josef Fally

Im ersten Wahlkörper nahmen 23 von 40 Wahlberechtigten ihr Wahlrecht wahr und wählten: Leopold Kipp, Rudolf Schaschetzy, Josef Edhofer, Bernhard Steiner, Karl Katschthaler und August Lubovienski

Die größte Zustimmung in allen drei Wahlkörpern erzielte der Kaufmann Heinrich Westermayer, was ihn zum Kandidaten für das Bürgermeisteramt prädestinierte und als weiterer Favorit galt der Bäckermeister Edhofer. Doch nachdem Westermayer erklärte für dieses Amt nicht zur Verfügung zu stehen, konstituierte sich der Gemeindeausschuss im Juni 1888 schließlich wie folgt25:
Bürgermeister: Bernhard Steiner, Tischlermeister
1. Gemeinderat: Heinrich Westermayer, Kaufmann
2. Gemeinderat: Leopold Kipp, k.k. Notar
3. Gemeinderat: August Lubovienski, Apotheker
4. Gemeinderat: Karl Lehner, Wirtschaftsbesitzer
5. Gemeinderat: Franz Czinglar jun., Kaufmann
Gemeindeausschüsse: Jakob Augustin, Wirtschaftsbesitzer; Josef Eibl, Wirtschaftsbesitzer (Nr. 148); Josef Edhofer, Bäckermeister; Josef Fally, Wirtschaftsbesitzer; Thomas Freund, Kaufmann; Josef Gobitschek, Pfaidler (=Hemdenmacher/-händler); Karl Katschthaler, Volksschullehrer; Felix Roller sen., Webermeister; Dr. Rudolf Schaschetzy, Advokat; Johann Schwarz jun., Hausbesitzer; Karl Simperler, Wirtschaftsbesitzer; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer;

Als Ersatzmänner wurden gewählt: Josef Steininger, Wirtschaftsbesitzer (Nr. 192); Mathias Nekam, Wirtschaftsbesitzer; Franz Schallgruber, Schmiedmeister; Alois Koch, Fleischer; Franz Mühl, Bürstenmacher; Emil Hackl, Eisenhändler;

Bereits am 7. Oktober 1888, also knapp drei Monate nach seiner Wahl, legte Bürgermeister Steiner sein Amt zurück, da er schon nach kurzer Zeit den Rückhalt im Gemeindeausschuss und insbesondere bei seinen deutsch-nationalen Gesinnungsgenossen verloren hatte. Beispielsweise wurde der von ihm eingebrachte Antrag seinem Amtsvorgänger Josef Strasser für seine 21-jährige Tätigkeit als Bürgermeister Dank auszusprechen von der Mehrheit abgelehnt – ein Affront nicht nur gegenüber dem verdienten Altbürgermeister. Wenig später wurde er erneut desavouiert, als eine von ihm gegebene Zusage für die Nutzung des Saales des Hotel Rathauses von der Mehrheit des Gemeindeausschusses widerrufen wurde. Auch sonst zeigten sich viele der bei der Wahl siegreichen Strasser-Gegner mit der Amtsführung Steiners unzufrieden und somit blieb ihm kaum eine andere Wahl als zu demissionieren. Zu seinem Nachfolger wurde schließlich Thomas Freund gewählt, der erst seit 1876 als Kaufmann in Mistelbach ansässig war und ursprünglich aus Laa a.d. Thaya stammte.26 Bestimmt hätte damals niemand gedacht, dass Freunds – wohl nur als Interregnum gedachte – Amtszeit als Bürgermeister letztlich 23 Jahre dauern würde.

Josef Gobitschek, der bereits seit einiger Zeit schwer herzkrank war, schied am 17. Juni 1889 freiwillig aus dem Leben.27 Welcher der Ersatzmänner ihm in den Gemeindeausschuss nachfolgte ist unklar.

1891-189428
Im Zuge des Wahlkampfs kam es zu heftiger Agitation zwischen den beiden kandidierenden Gruppierungen: den Deutschnationalen und den Liberalen. Dabei hatte es zunächst seitens der Deutschnationalen ein Angebot an die Liberalen betreffend einem Wahlkompromiss – also eine Einigung auf gemeinsame Kandidaten – gegeben. Die Liberalen, die bei der letzten Wahl eine verheerende Niederlage erlitten hatten, zeigten sich grundsätzlich offen für Verhandlungen, blieben aber skeptisch, ob es sich bei diesem Angebot nicht um eine Wahlfinte handelte. Noch während der Verhandlungen zum Kompromiss dürfte das Vertrauen durch aggressive Agitation mit persönlichen Vorwürfen durch die Deutschnationalen zerstört worden sein. Laut dem den Liberalen nahestehenden „Bote aus Mistelbach“ soll das Kompromissangebot der Deutschnationalen damit in Zusammenhang gestanden sein, dass sie im Vorfeld den Bauern für ihre Stimmen bereits so viele Mandate zugesagt hatten, sodass die bäuerlichen Vertreter die Mehrheit im Gemeindeausschuss gestellt hätten. Dies gedachte man durch einen bürgerlichen Kompromiss mit den Liberalen zu verhindern, aber die Liberalen sahen sich schlussendlich in der Vermutung eines Wahlkampfmanövers bestätigt.29 Letztlich scheint man mit den Bauern doch handelseins geworden zu sein bzw. dürften die Sorgen vor einem Comebackversuch Strassers zu groß gewesen sein und daher ließ das Wahlkomitee rund um Bürgermeister Freund im Zuge des Wahlkampfes Plakate und Flugblätter verbreiten, die den Liberalen während ihrer bis 1888 währenden Vorherrschaft im Gemeindeausschuss Unregelmäßigkeit bzw. Verfehlungen bei der Finanzgebarung und der Führung der städtischen Sparkasse vorwarfen.30 Damit waren die Kompromissbemühungen natürlich gescheitert und einige Wochen nach der Wahl mussten sich Freund und vierzehn seiner Parteigänger in dieser Angelegenheit in Korneuburg vor Gericht verantworten. Freund konnte offenbar überzeugend vermitteln in diese Sache nicht involviert gewesen zu sein und als Bürgermeister gab er sich als über dem Parteigeplänkel stehend. In erster Instanz wurde Bürgermeister Freund freigesprochen, aber die vierzehn Mitangeklagten zunächst zu geringfügigen Geldstrafen verurteilt. In einem Berufungsverfahren wurde das erstinstanzliche Urteil lediglich insofern abgeändert, als drei weitere Personen freigesprochen wurden, ansonsten wurde der Urteilsspruch bestätigt.31

Tatsächlich konnten sich die Deutschnationalen erneut mit großer Mehrheit durchsetzen, sodass die Liberalen zwar im Gemeindeausschuss vertreten waren, allerdings konnte sich bei der Wahl der Gemeinderäte (also dem Gemeindevorstand) im Rahmen der konstituierenden Sitzung keines ihrer Mitglieder durchsetzen:
Bürgermeister: Thomas Freund, Kaufmann (deutschnational)
1. Gemeinderat: Franz Czinglar jun., Kaufmann (deutschnational)
2. Gemeinderat: Dr. Rudolf Schaschetzy, Advokat (deutschnational)
3. Gemeinderat: Heinrich Westermayer, Kaufmann (deutschnational)
4. Gemeinderat: Karl Lehner, Wirtschaftsbesitzer (deutschnational)
5. Gemeinderat: Johann Schwarz jun., Fruchthändler (deutschnational)
6. Gemeinderat: Josef Eibl (Nr. 148), Wirtschaftsbesitzer (deutschnational)
Weiters gehörten dem Gemeindeausschuss an: Josef Eibl (Nr. 146), Wirtschaftsbesitzer; Josef Fally, Wirtschaftsbesitzer; Josef Hacker, Wirtschaftsbesitzer; Leopold Hacker, Wirtschaftsbesitzer; Franz Koblischek jun., k.k. Postmeister; Alois Koch, Fleischhauer; Johann Lechner, Kürschnermeister; Michael Ollinger, Wirtschaftsbesitzer; Franz Reumann, Fleischhauer; Felix Roller sen., Webermeister; Franz Schallgruber, Schmiedemeister; Karl Simperler, Wirtschaftsbesitzer; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Josef K. Strasser (Nr. 24 u. 25), Gerbermeister
Der Gemeindeausschuss bestand aus 21 Mitgliedern

Die Wahlen im Gemeindevorstand erfolgten allesamt mit 20 von 21 Stimmen, was tatsächlich wenig Interpretationsspielraum für liberale Mitglieder im Gemeindeausschuss lässt. Nach der konstituierenden Sitzung begaben sich die Mitglieder des Gemeindeausschusses zu einer kleinen Feier in den Rathausgarten (=Stadtpark). Im Gegensatz zu dieser friedlich verlaufenen Feier, scheint es dann später im Gemeindegasthaus (=Hotel Rathaus – heute: Erste Bank) noch zu einer Auseinandersetzung gekommen zu sein – hierzu heißt es in der deutschnationalen „Oesterreichischen Land-Zeitung“ wörtlich: “Es hatte nur ein kleines Nachspiel im Gastzimmer des Gemeindegasthauses, wo nach dem Eindringen einiger Gegner ein regelrechter Bürgerkrieg entstand.”32

Als Ersatzmänner wurden gewählt: Jakob Kothmayer, Wirtschaftsbesitzer; Josef Steiniger (Nr. 192), Wirtschaftsbesitzer; Josef Loibl, Wirtschaftsbesitzer; Mathias Neckam, Wirtschaftsbesitzer; Anton Schnaß, Gastwirt; Eduard Schindler, Seifensieder; Leopold Hobersdorfer, Schmiedmeister; Josef Steininger (Nr. 87), Wirtschaftsbesitzer; Josef Eibl (Nr. 17), Vergolder;

1894-190033
Die Liberalen dürften aufgrund der aussichtslosen Ausgangslage von vorneherein auf eine Kandidatur verzichtet haben34 und in Ermangelung einer Gegenpartei konnten sich Freund und die Deutschnationalen alle Mandate sichern. In der Berichterstattung zur Wahl schlich sich bei der liberalen „Neuen Freien Presse“ ein kapitaler Fehler ein, da dort der Sieg von Freund als „glänzender Erfolg für die Fortschrittspartei“ – also für die Liberalen – vermeldet wurde.35 Dies sorgte für Spott bei der christlich-sozialen Tageszeitung „Reichspost“, doch erfahren wir aus diesem vor Antisemitismus strotzenden Zeitungsbericht, dass die liberale Zeitung „Wiener Tagblatt“ die bisherige (und im Zuge der Wahl bestätigte) Mistelbacher Gemeindevertretung als „antisemitisch“ bezeichnete.36 Dies belegt schon früh, dass obwohl aus dem nationalen Lager kommend, Freund bzw. die Gemeindevertretung, der er vorstand, in ihrer politischen Ausrichtung zwischen deutschnational und christlichsozial schwankte.

Im dritten Wahlkörper wurden folgende Personen gewählt: Thomas Freund, Franz Czinglar jun., Josef Eibl, Johann Schwarz jun., Karl Simperler, Josef Konrad Strasser, Michael Ollinger

Nach der konstituierenden Sitzung am 29. Juli 1894 setzte sich der Gemeindeausschuss wie folgt zusammen37:
Bürgermeister: Thomas Freund, Kaufmann
1. Gemeinderat: Franz Czinglar jun., Kaufmann
2. Gemeinderat: Johann Schwarz jun., Fruchthändler
3. Gemeinderat: Heinrich Westermayer, Kaufmann
4. Gemeinderat: Dr. Rudolf Schaschetzy, Advokat
5. Gemeinderat: Karl Lehner, Wirtschaftsbesitzer
6. Gemeinderat: Josef Eibl, Wirtschaftsbesitzer
weiters gehörten dem Gemeindeausschuss an: Josef Eibl (Nr. 106), Wirtschaftsbesitzer; Josef Fally, Wirtschaftsbesitzer; Franz Filippinetti, Kaminfegermeister; Josef Hacker, Wirtschaftsbesitzer; Leopold Hacker, Wirtschaftsbesitzer; Karl Ibel, Eisenhändler; Franz Koblischek jun., k.k. Postmeister; Alois Koch, Fleischhauer; Johann Lechner, Kürschnermeister; Michael Ollinger, Wirtschaftsbesitzer; Franz Schallgruber, Schmiedemeister; Karl Simperler, Wirtschaftsbesitzer; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Josef Konrad Strasser (Nr. 24), Gerbermeister
Der Gemeindeausschuss bestand aus insgesamt 21 Personen.

Als Ersatzmänner wurden gewählt: Josef Schmelzer, Wirtschaftsbesitzer; Josef Loibl, Wirtschaftsbesitzer; Jakob Kothmaier, Wirtschaftsbesitzer; Michael Hofecker, Wirtschaftsbesitzer; Johann Fally, Wirtschaftsbesitzer; Mathias Neckam, Wirtschaftsbesitzer; Gustav Edhofer, Hausbesitzer; Eduard Schindler, Seifensieder; Josef Dunkl jun., Baumeister

1900-190538
Informationen zum Ausgang der Gemeindeausschusswahl 1900 sind uns lediglich aus einem Bericht im sozialdemokratischen Regionalblatt „Volksbote“ überliefert. Schließlich warb bei dieser Wahl zum ersten Mal auch ein sozialdemokratischer Kandidat im 3. Wahlkörper um Stimmen. Aufgrund des damaligen Wahlsystems waren jedoch lediglich drei Mistelbacher Arbeiter wahlberechtigt und daher handelte es sich bei dieser Kandidatur mehr um einen symbolischen Akt bzw. ein Ausloten des Wählerpotenzials. Im 3. Wahlkörper (der damals untersten Wählerklasse) dürften von 700 Wahlberechtigten lediglich etwas mehr als 400 Personen von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Die abgegebenen Stimmen verteilten sich wie folgt: auf die Bauernpartei entfielen 250 Stimmen, die Partei der Geschäftsleute erreichte 150 Stimmen und der sozialdemokratische Kandidat erhielt zwölf Stimmen. Die Strategie die Wähler im dritten Wahlkörper wieder mit Freibier und Gratiswürstel zu gewinnen, soll neuerlich großen Erfolg gebracht haben. Im zweiten und ersten Wahlkörper obsiegten ausschließlich die Kandidaten der „Freund-Partei“ – die seitens der Sozialdemokraten in einem größeren politischen Kontext großteils der Deutschen Volkspartei zugeordnet wurden. Erfolglos blieb die Agitation der Geistlichkeit, die die Bauernpartei massiv unterstützt hatte.39

Bürgermeister: Thomas Freund, Kaufmann
1. Gemeinderat: Franz Koblischek jun., k.k. Postmeister
2. Gemeinderat:
Johann Schwarz jun., Fruchthändler
3. Gemeinderat: Heinrich Westermayer, Kaufmann
4. Gemeinderat: Jakob Augustin, Wirtschaftsbesitzer
5. Gemeinderat: Dr. Rudolf Schaschetzy, Advokat
6. Gemeinderat: Josef Konrad Strasser, Lederfabrikant
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters an: Josef Dunkl jun., Baumeister; Gustav Edhofer, Bäckermeister; Michael Eibl, Vergoldermeister; Adam Friedrich, Bürgerschullehrer; Matthias Grabler, Wirtschaftsbesitzer; Heinrich Gussenbauer, k.k. Bezirksrichter; Friedrich Hacker, Wirtschaftsbesitzer; Emil Hackl, Kaufmann; Michael Heindl, Bäckermeister; Ignaz Mühl jun., Pinselfabrikant; Leopold Penitschka, Wirtschaftsbesitzer; Felix Roller jun., Weinhändler; Matthias Schamann, Wirtschaftsbesitzer; Martin Waberer, Wirtschaftsbesitzer

Der Mistelbacher Gemeindeausschuss im Jahre 1904 mit dem Gemeindesekretär - sitzend: v. l. n. r.: Ignaz Mühl jun., Josef Konrad Strasser, Franz Koblischek, Bgm. Thomas Freund, Heinrich Westermayr, Dr. Rudolf Schaschetzy, Michael Eibl (?); stehend: v. l. n. r.: Emil Hackl, Jakob Augustin (?), Gustav Edhofer, der spätere Bürgermeister Josef Dunkl, Heinrich Gussenbauer, Gemeindesekretär Alexander Zickl, Adam Friedrich, Mathias Grabler, Felix Roller, Michael Heindl, Friedrich Hacker, Martin Waberer, Mathias SchamannBürgermeister Thomas Freund und die Mitglieder des Mistelbacher Gemeindeausschusses mit dem Gemeindesekretär im Jahre 190440
 – sitzend: v. l. n. r.: Ignaz Mühl jun., Josef Konrad Strasser, Franz Koblischek, Bgm. Thomas Freund, Heinrich Westermayr, Dr. Rudolf Schaschetzy, Michael Eibl (?); stehend: v. l. n. r.: Emil Hackl, Jakob Augustin (?), Gustav Edhofer, der spätere Bürgermeister Josef Dunkl, Heinrich Gussenbauer, Gemeindesekretär Alexander Zickl, Adam Friedrich, Mathias Grabler, Felix Roller, Michael Heindl, Friedrich Hacker, Martin Waberer, Mathias Schamann

Fototafel der Mitglieder des Gemeindeausschusses für die Periode 1900 bis 1905 - außerdem finden sich darauf auch der Stadtsekretär und der Gemeindeförster abgebildet.Fototafel der Mitglieder des Gemeindeausschusses für die Periode 1900 bis 1905 – außerdem finden sich darauf auch der Stadtsekretär und der Gemeindeförster abgebildet

1905-191141
Turnusgemäß wären die nächsten Gemeindeausschusswahlen erst im Jahre 1906 vorgesehen gewesen, aber der niederösterreichische Landtag beschloss im Juli 1904 eine Änderung der niederösterreichischen Gemeindeordnung, die Änderungen für die großen Orte – darunter auch Mistelbach – brachte (zu den Details siehe unten) und deshalb fanden die aufgrund des neuen Gesetzes notwendig gewordenen Wahlen bereits im September 1905 statt.
Bei dieser Wahl traten die Mistelbacher Christlichsozialen und Deutschnationalen gemeinsam in einem Wahlbündnis unter der Bezeichnung „Vereinigte Bürgerpartei“ oder „Freund-Partei“ – benannt nach ihrem Spitzenkandidaten – an. Außerdem traten liberale Kandidaten unter Führung des Weinhändlers und Ziegelwerksbesitzers Josef Fritsch jun. an, die als „Fritsch-Partei“  bzw. Wirtschaftspartei bezeichnet wurde, und im (neu geschaffenen) 4. Wahlkörper stellten sich auch sozialdemokratische Kandidaten zur Wahl.42

Im sozialdemokratischen Regionalblatt „Volksbote“ wird berichtet, dass im vierten Wahlkörper von den 599 abgegebenen Stimmen teils bis zu 133 Stimmen auf die sozialdemokratischen Kandidaten entfielen. Dies war zwar ein Achtungserfolg, aber von der absoluten Mehrheit, die laut dem damals gültigen Wahlrecht für ein Mandat notwendig war,  weit entfernt. Weiters wurde der „Freund-Partei“ einmal mehr vorgeworfen, sich mittels leerer Versprechungen und vor allem durch ausgiebige Trink- und Fressgelage die Stimmen vieler einfältiger Wähler der „unteren“ Wahlkörper erkauft zu haben. Diese und andere unfaire Wahlkampfpraktiken der finanziell potenten „Freund-Partei“ wurden laut den Sozialdemokraten auch von der „Fritsch-Partei“ kritisiert.43

Die Kandidaten der „Vereinigten Bürgerpartei“ setzten sich jedoch klar in allen Wählerklassen durch. Auch Informationen zur Wahlbeteiligung sind überliefert44:
IV. Wahlkörper: von 744 Wahlberechtigten haben 599 gewählt (80,5%);
III. Wahlkörper: von 375 Wahlberechtigten haben 207 gewählt (55%);
II. Wahlkörper 215 abgegebene Stimmen;
I. Wahlkörper: von 230 Wahlberechtigten haben 184 gewählt (80%)

Bürgermeister: Thomas Freund, Kaufmann
1. Gemeinderat: Josef Dunkl jun., Baumeister
2. Gemeinderat:
Josef Konrad Strasser, Lederfabrikant
3. Gemeinderat: Franz Mühl, Pinselfabrikant;
4. Gemeinderat: Jakob Augustin, Wirtschaftsbesitzer
5. Gemeinderat: Felix Roller jun., Weinhändler
6. Gemeinderat: Dr. Max Oberhuber, Rechtsanwalt
7. Gemeinderat: Gustav Edhofer, Bäckermeister
8. Gemeinderat: Michael Heindl, Bäckermeister
9. Gemeinderat: Mathias Grabler, Wirtschaftsbesitzer
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters als Gemeindebeiräte an: Mathias Schaman, Wirtschaftsbesitzer; Ignaz Mühl jun., Pinselfabrikant; Josef Pollak, Handschuhmachermeister; Josef Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Johann Burgmann, Privatier; Georg Pelzlmayer, Wirtschaftsbesitzer; Michael Ullram, Wirtschaftsbesitzer; Johann Pemsel, Kaufmann; Adam Friedrich, Bürgerschullehrer; Michael Eibl, Vergolder; Franz Kothmayer, Wirtschaftsbesitzer; Franz Schallgruber, Schmiedemeister; Johann Kargl, Winzerschuldirektor; Andreas Schreiber jun., Wirtschaftsbesitzer; Martin Waberer, Wirtschaftsbesitzer; Josef Strasser jun. (Nr. 421), Lederfabrikant; Andreas Bacher, Wirtschaftsbesitzer und Emil Hackl, Eisenhändler

Die Wahl von Ersatzmännern war gemäß der neuen Gemeindewahlordnung für bestimmte Gemeinden, darunter auch Mistelbach, nicht mehr vorgesehen.

Gemäß der Gemeindewahlordnung belief sich die Amtszeit der gewählten Vertreter auf sechs Jahre, allerdings war gemäß der neuen Gemeindeordnung in Gemeinden bestimmter Größe nach der Hälfte der Amtszeit die Hälfte der Mitglieder des Gemeindeausschusses neu zu wählen. Mistelbach zählte zu diesen Gemeinden und die Gemeindeausschussmitglieder, die ausschieden bzw. sich einer Neuwahl zu stellen hatten, wurden per Los bestimmt. Es war aber nicht der gesamte Gemeindeausschuss betroffen, sondern lediglich die in den ersten drei Wahlkörpern gewählten Ausschussmitglieder und auch der Bürgermeister war von dieser Regelung explizit ausgenommen.

Der Gemeindebeirat Emil Hackl musste infolge schwerer Erkrankung im Mai 1906 aus dem Gemeindeausschuss ausscheiden. Für Hackl, der im Jahr darauf seiner Krankheit erlag, wurde kein Ersatz in den Gemeindeausschuss berufen – das freie Mandat sollte in Übereinstimmung mit der neuen Gemeindeordnung erst mit den nächsten Ergänzungswahlen im Jahre 1908 neu besetzt werden.45

1908 kam es zu den ersten Ergänzungs- bzw. Ersatzwahlen gemäß der neuen Gemeindewahlordnung. Folgende Mitglieder des Gemeindeausschusses mussten sich aufgrund eines Losentscheids einer neuerlichen Wahl stellen46:
im dritten Wahlkörper: Michael Ulram, Josef Pollak, Michael Heindl, Johann Burgmann
im zweiten Wahlkörper: Johann Pemsel, Johann Kargl, Michael Eibl, Friedrich Adam
im ersten Wahlkörper: Andreas Bacher, Emil Hackl (bereits 1906 aus dem Gemeindeausschuss ausgeschieden – das Mandat wurde augenscheinlich nicht nachbesetzt), Franz Mühl, Andreas Schreiber jun.

Die Ersatzwahlen fanden von 27. bis 29. August 1908 statt und ein großer Teil der Personen, die bereits 1905 in den Gemeindeausschuss gewählt wurden, wurde im Amt bestätigt. Die neu in den Gemeindeausschuss eingezogenen Kandidaten sind in der nachfolgenden Übersicht der Wahlsieger im Vergleich zu den „wiedergewählten Kandidaten“ durch Fettdruck hervorgehoben. Gewählt wurden:47:
im dritten Wahlkörper: Michael Heindl, Bäckermeister; Johann Burgmann, Realitätenverkehrsanstalt-Inhaber; Josef Pollak, Handschuhmachermeister; Johann Fally, Wirtschaftsbesitzer
im zweiten Wahlkörper: Michael Eibl, Vergolder; Johann Kargl, Winzerschuldirektor; Adam Friedrich, Bürgerschuldirektor; Adolf Schödl sen., Fleischhauer
im ersten Wahlkörper: Franz Mühl, Pinselfabrikant; Andreas Schreiber jun., Wirtschaftsbesitzer; Ignaz Karl, Eisenhändler; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer

Ab dem September 1908 setzte sich der Gemeindeausschuss daher wie folgt zusammen:

Bürgermeister: Thomas Freund, Kaufmann
1. Gemeinderat: Josef Dunkl jun., Baumeister (Deutschfreiheitlich)
2. Gemeinderat:
Josef K. Straßer, Lederfabrikant (Deutschfreiheitlich)
3. Gemeinderat: Franz Mühl, Pinselfabrikant (Christlichsozial)
4. Gemeinderat: Jakob Augustin, Wirtschaftsbesitzer (Deutschfreiheitlich)
5. Gemeinderat: Felix Roller jun., Weinhändler (Deutschfreiheitlich)
6. Gemeinderat: Dr. Max Oberhuber, Rechtsanwalt (Deutschfreiheitlich)
7. Gemeinderat: Gustav Edhofer, Bäckermeister (Christlichsozial)
8. Gemeinderat: Michael Heindl, Bäckermeister (Christlichsozial)
9. Gemeinderat: Mathias Grabler, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial)
Dem Gemeindeausschuss gehörten weiters als Gemeindebeiräte an: Mathias Schaman (Christlichsozial), Ignaz Mühl jun., Pinselfabrikant; Josef Pollak, Handschuhmachermeister und Cafetier; Josef Steininger (Christlichsozial); Johann Burgmann, Realitätenverkehrsanstalt-Inhaber (Deutschfreiheitlich); Georg Pelzlmayer, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Johann Fally, Wirtschaftsbesitzer; Adolf Schödl sen., Fleischhauer (Deutschfreiheitlich?); Adam Friedrich, Bürgerschuldirektor; Michael Eibl, Vergolder (Christlichsozial); Franz Kothmayer, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Franz Schallgruber, Schmiedemeister; Johann Kargl, Winzerschuldirektor; Andreas Schreiber jun., Wirtschaftsbesitzer (Deutschfreiheitlich), Martin Waberer, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Josef Strasser jun. (Nr. 421), Lederfabrikant (Deutschfreiheitlich); Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer; Ignaz Karl, Eisenhändler (Deutschfreiheitlich)

Bei jenen Personen, bei denen keine „Partei“ angeführt ist, sind keine Informationen bzw. Indizien für ihre politische Zugehörigkeit überliefert.

1911-191948
Eine Niederlage für Bürgermeister Freund, der im Zuge des Landtagswahlkampfs 1908 zu den Christlichsozialen gewechselt war, zeichnete sich bereits nach der Reichsratswahl im Juni ab, bei der die Christlichsozialen durch den Sieg des deutschfreiheitlichen (eine der vielen Strömungen bzw. Untergruppierungen der Deutschnationalen) Kandidaten, des pensionierten Eibesthaler Oberlehrers Rudolf Wedra, eine gewaltige Wahlschlappe erlitten. Durch seinen Parteiwechsel bzw. die Geschehnisse rund um seine angebliche „Kompromisskandidatur“ für den Landtag hatte Bürgermeister Freund den Zorn seiner vormaligen, sich nunmehr auch deutschfreiheitlich nennenden, Mistelbacher Gesinnungsgenossen auf sich gezogen und er erkannte, dass auch ihm ein Wahldebakel bei den Ergänzungswahlen zum Gemeindeausschuss im September drohte. Freund trat daher die Flucht nach vorne an und legte sein Amt als Bürgermeister sowie sein Mandat im Gemeindeausschuss am 2. August 1911 nieder. Die Amtsgeschäfte führte daraufhin der 1. Gemeinderat Josef Dunkl jun. weiter.49 Wie bereits bei der Reichsratswahl wurde auch im Vorfeld dieser Wahl eine heftige Agitation entwickelt, die abermals in Aufrufen zum Boykott bestimmter Geschäfte in Mistelbach einen unwürdigen Höhepunkt fand.

Der Gemeindeausschuss von Mistelbach setzte sich aus 28 Mitglieder zusammen, und nachdem sich im Jahre 1908 gemäß der oben bereits erwähnten „Hälfteregelung“ 12 Mitglieder einer Wiederwahl hatten stellen müssen, endete nunmehr die Amtsdauer der restlichen 16 Mandatare, die seit 1905 im Amt waren. Es gelangten bei der Ergänzungswahl 1911 daher 16 Mandate zur Besetzung – vier in jedem der vier Wahlkörper. Tatsächlich sollten die Deutschfreiheitlichen mit zehn von sechzehn Mandaten gegenüber sechs Mandaten für die Christlichsozialen klar als Wahlsieger und damit als die Mehrheitsfraktion im neuen Gemeindeausschuss hervorgehen.

Trotz des hitzigen Wahlkampfs verliefen die mit den Wahlen im 4. Wahlkörper am 12. September 1911 beginnenden Wahlgänge ohne Zwischenfälle. Im 4. Wahlkörper stellten sich Kandidaten der Deutschfreiheitlichen (=Deutschnationalen), die unter dem Namen „Wirtschaftspartei“ antraten, und der Christlichsozialen, sowie mit dem Mistelbacher Arbeiterführer Leopold Kleindesner auch ein Vertreter der Sozialdemokraten der Wahl.  Im vierten Wahlkörper konnten sich mit Josef Dunkl jun., Felix Roller jun. und Johann Kocholl drei Vertreter der Deutschfreiheitlichen sowie der Christlichsoziale Franz Kothmayer durchsetzen, wobei dies letzterem erst durch im Wege einer Stichwahl gelang.

Am 14. September fand die Wahl im dritten Wahlkörper statt und bei schwacher Wahlbeteiligung wurden der Deutschfreiheitliche Josef Strasser jun. (Nr. 421) und die Christlichensozialen Philipp Winter jun., Michael Lang und Mathias Schamann gewählt.

Am 15. September 1911 wurden im zweiten Wahlkörper folgende Personen gewählt: die Deutschfreiheitlichen Othmar Schürer Ritter von Waldheim, Franz Haller und Josef Schmelzer sen. sowie der Christlichsoziale Georg Schacher. In diesem Wahlkörper beteiligten sich 250 Wähler an der Wahl.

Seinen Abschluss fand der Wahlreigen mit dem Wahlgang im ersten Wahlkörper am 16. September 1911, der folgendes Ergebnis zeitigte: die Deutschfreiheitlichen Dr. Fritz Höllrigl, Dr. Max Oberhuber und Josef K. Strasser und der Christlichsoziale Martin Waberer wurden gewählt. 218 Wähler machten in diesem Wahlkörper von ihrem Stimmrecht Gebrauch.

Die Christlichsozialen legten nach dieser Wahlniederlage bei der zuständigen niederösterreichischen Statthalterei Beschwerde gegen den Wahlausgang ein und so kam es, dass die konstituierende Sitzung erst nach Ablehnung des Protests und daher mit einiger Verzögerung am 30. November 1911 erfolgen konnte. Über diesen im Gefolge der Reichsratswahl geschehenen Machtwechsel, der sich im nachfolgendem Ergebnis widerspiegelt, wurde teils auch in großen Tageszeitungen berichtet. Der neue Bürgermeister wurde mit 27 von 28 Stimmen gewählt und der Gemeindeausschuss setzte sich nunmehr wie folgt zusammen:50

Bürgermeister: Josef Dunkl jun., Baumeister (Deutschfreiheitlich)
1. Gemeinderat: Josef Konrad Strasser, Lederfabrikant (Deutschfreiheitlich)
2. Gemeinderat: Franz Mühl, Pinselfabrikant (Christlichsozial)
3. Gemeinderat: Dr. Max Oberhuber, Rechtsanwalt (Deutschfreiheitlich)
4. Gemeinderat: Andreas Schreiber jun., Wirtschaftsbesitzer (Deutschfreiheitlich)
5. Gemeinderat: Felix Roller jun., Weinhändler (Deutschfreiheitlich)
6. Gemeinderat: Michael Heindl, Bäckermeister (Christlichsozial)
7. Gemeinderat: Ignaz Karl, Eisenhändler (Deutschfreiheitlich)
8. Gemeinderat: Josef Pollak, Handschuhmachermeister und Cafetier (Deutschfreiheitlich?)
9. Gemeinderat: Franz Kothmayer, Nutzviehhändler (Christlichsozial)
weiters gehörten dem Gemeindeausschuss als Gemeindebeiräte an: Johann Kocholl, Steueroberverwalter (Deutschfreiheitlich); Philipp Winter jun., Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Michael Lang, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Mathias Schaman, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Dr. Othmar Schürer Ritter von Waldheim, Notar (Deutschfreiheitlich); Franz Haller, Gastwirt (Deutschfreiheitlich); Georg Schacher, Wirtschaftsbesitzer und Schuhmachermeister (Christlichsozial); Josef Schmelzer sen., Wirtschaftsbesitzer (Deutschfreiheitlich); Dr. Fritz Höllrigl, Krankenhausleiter (Deutschfreiheitlich); Martin Waberer, Wirtschaftsbesitzer (Christlichsozial); Josef Strasser jun. (Nr. 421), Lederfabrikant (Deutschfreiheitlich); Michael Eibl, Vergolder (Christlichsozial); Adolf Schödl sen., Fleischhauermeister (Deutschfreiheitlich?); Johann Burgmann, Realitätenverkehrsanstalt-Inhaber (Deutschfreiheitlich); Johann Fally, Wirtschaftsbesitzer; Adam Friedrich, Bürgerschuldirektor; Johann Kargl, Winzerschuldirektor; Martin Steininger, Wirtschaftsbesitzer;

Bei jenen Personen bei denen keine „Partei“ angeführt ist, sind keine Informationen bzw. Indizien für ihre politische Zugehörigkeit überliefert.

Nachdem sich Gemeinderat Franz Mühl im Oktober 1913 aufgrund eines längeren Aufenthalts in Ungarn, wo sein Unternehmen eine Fabrik betrieb, zunächst bis Mai 1914 in seinem Amt beurlauben ließ, legte er Anfang Juli 1914 aufgrund dauerhafter Übersiedlung nach Ungarn seine Stelle als Gemeinderat nieder und schied aus dem Gemeindeausschuss aus. Mühl wurde 1908 in den Gemeindeausschuss gewählt und seine Amtszeit wäre demgemäß 1914 geendet. Damals ging man noch von regulären Gemeindeausschuss- bzw. Ergänzungswahlen im Herbst 1914 aus, im Zuge derer die vakante Stelle nachbesetzt worden wäre. Aufgrund des Krieges fanden jedoch keine Wahlen mehr statt und somit blieben die Mitglieder des Gemeindeausschusses weiter im Amt bzw. Mühls Stelle unbesetzt.51

In der Gemeindeausschusssitzung vom 8. Februar 1916 legte Franz Kothmayer sein Amt als Gemeinderat nieder und schied aus gesundheitlichen Gründen aus dem Gemeindeausschuss aus. Kothmayer war 1911 in den Gemeindeausschuss gewählt worden und seine Amtszeit hätte somit bis 1917 gedauert, doch nachdem bereits die 1914 anstehenden Ergänzungswahlen kriegsbedingt ausgefallen waren und die Amtszeit der Mandatare für die (damals noch nicht absehbare) Dauer des Krieges verlängert wurde, blieb der Sitz im Gemeindeausschuss vakant, ebenso wie die Stelle als Gemeinderat.52

Dr. Othmar Schürer Ritter von Waldheim trat aufgrund von parteiinternen Differenzen bei der Besetzung von lukrativen Posten im Zuge der Sparkassen-Ausschusswahl Anfang des Jahres 1918 aus der „Wirtschaftspartei“ aus, blieb aber weiterhin im Gemeindeausschuss.53 Es darf in diesem Zusammenhang nochmals festgehalten werden, dass die in diesem Beitrag erwähnten „Parteien“ mit den Parteien (Wahllisten) unseres heutigen Verständnisses nicht zu verwechseln sind. Früher wurde einzelne Personen gewählt und bei den „Parteien“ handelte es sich lediglich um lose Zusammenschlüsse von Einzelpersonen. Erst mit der Republiksgründung setzte sich das bis heute gebräuchliche Verhältnis- und Listenwahlrecht durch.

Bald nach der Ausrufung der Republik Deutschösterreich legte der Staatsrat Anfang Dezember 1918 in Form einer Vollzugsanweisung fest, dass für den Zeitraum bis zur Durchführung von Neuwahlen die Gemeindeausschüsse von Städten und Industrieorten in aliquotem Ausmaß durch Arbeitervertreter zu ergänzen seien, um sicherzustellen, dass auch die Interessen dieser Bevölkerungsgruppe vertreten werden. Die Gemeindevertretung war aufgerufen, gemeinsam mit der hiesigen Arbeiterschaft geeignete Personen zu nominieren, die dann durch die Bezirkshauptmannschaft zu Mitgliedern des Gemeindeausschusses ernannt werden sollten.54 Die Anzahl der in den Gemeindeausschuss aufzunehmenden Arbeitervertreter orientierte sich am Anteil der Arbeiter an der Gemeindebevölkerung und daher war man übereingekommen, dass vier Arbeitervertreter in den Gemeindeausschuss aufzunehmen waren. Der Mistelbacher Gemeindeausschuss setzte sich nach der letzten Wahl im Jahre 1911 aus 28 Mitgliedern zusammen, seither waren jedoch zwei Mitglieder ausgeschieden und die Mandate waren nicht nachbesetzt worden. Zu den bisher bereits vakanten zwei Sitzen, mussten also zwei weitere Mitglieder des Gemeindeausschusses ausscheiden, damit die vier Arbeitervertreter aufgenommen werden konnten. Bereits in der Sitzung vom 21. Dezember 1918 hatte Johann Burgmann auf sein Gemeindeausschussmandat zugunsten eines Arbeitervertreters verzichtet55 und auch Felix Roller jun., der bereits zuvor auf die Stelle als Gemeinderat verzichtet hatte, legte am 11. Februar 1919 nunmehr ebenso sein Gemeindeausschussmandat nieder.56 Die Aufnahme von Vertretern der Arbeiterschaft dauerte in Mistelbach vergleichsweise lange und die Zeitspanne zwischen dem ersten und dem zweiten Mandatsverzicht deutet darauf hin, dass um den Verzicht erst gerungen werden musste. Doch nach Rollers freiwilligem Ausscheiden zogen am 11. Februar 1919 schlussendlich vier Vertreter der Arbeiterschaft in den Gemeindeausschuss ein – es handelte sich um: Leopold Böckl, Kondukteur bei der nö. Landesbahn; Leopold Kleindesner, Werkführer in der Pinselfabrik; Emil Stix, Bahnmeister der Staatsbahn und Leopold Stubenvoll, Zimmererpolier. Leopold Kleindesner wurde zum Gemeinderat gewählt, die weiteren Arbeitervertreter gehörten dem Gemeindeausschuss als Gemeindebeiräte an.

Mit den ersten Gemeindewahlen mit allgemeinem und gleichem Wahlrecht endete am 22. Juni 1919 auch die seit 1850 währende Ära des Gemeindeausschusses als Organ der Gemeindevertretung.

Die Fortsetzung folgt im Beitrag „Gemeindevertretung Mistelbach – Teil 2 (1919-1950)“.

Bildnachweis:
-) Foto des Mistelbacher Gemeindeausschusses im Jahre 1904: Das interessante Blatt, 22. Dezember 1904, S. 3 u. S. 6 (ONB-ANNO) (Anm.: Zu den Abgebildeten siehe Fußnote weiter oben)
-) Fototafel der Gemeindevertretung für die Jahre 1900-1905: StadtMuseumsarchiv Mistelbach

Quellen (und Anmerkungen):

Zu dem als Quelle sehr wichtigen Amtskalender ist anzumerken, dass dieser immer bereits im Oktober/November des Vorjahres in Druck gelegt wurde – ein wesentliches Faktum bei der Verwendung dieser Quelle zwecks Rekonstruktion der Amtszeit der Gemeindevertreter.

Bayer, Franz/ Spreitzer, Hans: „Der Mistelbacher Gemeinderat seit der Stadterhebung“ (1964) In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I, S. 166ff

Wegert, Josef

Von Thomas Kruspel 21. Juli 2024 Aus

Bürgermeister Josef Wegert

geb. 13.10.1880, Paasdorf
gest. 9.2.1964, Paasdorf

Josef Wegert wurde 1880 als zweites Kind des Landwirte-Ehepaares Leopold und Theresia (geb. Schmatzberger) Wegert in Paasdorf geboren.57 Er wuchs hier gemeinsam mit zwei Brüdern und einer Schwester auf und erhielt seine Schulbildung zweifellos in der hiesigen Volksschule. Am 31. Mai 1908 schloss er mit der Paasdorfer Landwirtstochter Klara Kuselbauer (1881-1965) den Bund der Ehe58 und nach der Eheschließung bestätigte er der Vater deren knapp sechs Monate zuvor geborenen unehelichen Tochter zu sein und durch diesen Akt wurde der „Makel ihrer unehelichen Geburt“ nachträglich geheilt.59 Es erscheint allerdings fraglich, ob Wegert tatsächlich der leibliche Kindsvater war. Eine uneheliche (=“illegitime“) Geburt war damals in den katholisch-konservativ geprägten Dörfern eine große Schande und sorgte stets für Gerüchte und Spekulationen, wer denn der Vater sei. „Illegitime“ Geburten kamen insbesondere unter den ärmeren Schichten der Dorfbevölkerung (Mägde, Knechte, Kleinbauern und Tagelöhnern) häufiger vor, denen es oft schlicht an Geld für eine Hochzeit fehlte oder deren Dienstgeber von einer Heirat (und den damit begründeten Verpflichtungen ihres Personals) nichts wissen wollten. Sowohl die Familie Wegert als auch die Familie Kuselbauer zählten als „Halblehner“ – sie besaßen als Bauern ein halbes Lehen – wohl zur Mittelschicht des Dorfes. Das triftigste Argument, das an der Vaterschaft Wegerts zweifeln lässt, ist die Tatsache, dass Wegert und seine spätere Gattin die uneheliche Geburt einer gemeinsamen Tochter schlicht durch eine ein paar Monate früher erfolgte Eheschließung abwenden hätten können. Es sind keine Gründe (wie zB Minderjährigkeit etc.) gegeben, die gegen eine frühere Eheschließung gesprochen hätten. Es könnte daher auch so gewesen sein, dass Wegert Klara Kuselbauer ehelichte und sich nachträglich lediglich als Vater ausgab, um sie aus einer gesellschaftlich sehr misslichen Lage zu befreien. Ein solches Vorgehen war durchaus nicht ungewöhnlich und dem Brautwerber wurde für diese Hilfe in der Regel natürlich eine außergewöhnliche Ausstattung bzw. sofern keine anderen anspruchsberechtigten Kinder vorhanden waren, auch die Übernahme der Wirtschaft der Schwiegereltern in Aussicht gestellt. Letzteres war bei Wegert – trotz der Tatsache, dass es sich bei ihm „nur“ um den zweitgeborenen Sohn handelte – nicht notwendig und er übernahm die Wirtschaft seiner Eltern an der Adresse Paasdorf Nr. 150 (heute Schwemmzeile Nr. 41). Abgesehen von der bereits erwähnten und nachträglich „legitimierten“ Tochter entstammten der Ehe keine weiteren Kinder.

Dem Dienst in der k. u. k. Armee im Ersten Weltkrieg scheint er entgangen zu sein – vielleicht aufgrund Untauglichkeit, möglicherweise aber auch durch eine der mit Kriegsverlauf zusehends restriktiver werdenden Ausnahmen für Landwirte, deren Arbeitskraft schließlich die Ernährung von Volk und Armee sicherte.60 Nachdem er bereits seit 1914 dem Vorstand der im Jahre 1905 gegründeten Paasdorfer Milchgenossenschaft angehört hatte61, stand Wegert der Genossenschaft von 1917 bis 1922 als Obmann vor.62 Darüber hinaus zählte Wegert 1924 zu den Gründungsmitgliedern der Paasdorfer Ortsgruppe des „Deutschen Schulvereins“.63 Beim „Deutschen Schulverein“ handelte es sich um einen sogenannten Schutzverein, die sich Ende des 19. Jahrhunderts gegründet hatten, und deren Ziel die Unterstützung deutscher Minderheiten in den Kronländern bzw. später in den Nachfolgestaaten der Monarchie, sowie generell die Pflege des „Deutschtums“ war. Entsprechend dem Namen war insbesondere der Betrieb bzw. die Erhaltung von Schulen an Standorten, an denen es für eine staatliche Schule mit deutscher Unterrichtssprache zu wenige Kinder mit deutscher Muttersprache gab, ein Hauptanliegen. Tatsächlich wurden diese Vereine im Laufe der Jahre jedoch zu bedeutenden Trägern deutsch-völkischer Ideologie und trugen im Zusammenspiel mit anderen nationalistischen Organisationen wesentlich zum vergifteten Klima zwischen den Nationalitäten (besonders gegenüber den slawischen Völkern) in den letzten Jahrzehnten der Monarchie bei.

Schon Wegerts Vater war als Ersatzmann bei Gemeindeausschusswahlen Ende des 19. Jahrhunderts gewählt worden, und er selbst engagierte sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Gemeindepolitik. Es ist unklar, ob Wegert bereits dem ersten 1919 gewählten Gemeinderat angehörte, da die damalige Gemeindevertretung nur fragmentarisch überliefert ist. Bereits zu Beginn des Jahres 1921 wurde der Paasdorfer Gemeinderat jedoch aus heute nicht mehr bekannten Gründen durch die Landesregierung aufgelöst und somit Neuwahlen angeordnet. Spätestens im Zuge dieser Wahlen gelangte Wegert als Kandidat einer gemeinsamen Liste von Großdeutschen und Sozialdemokraten in den Gemeinderat und diese politische Zweckgemeinschaft konnte sich mit einem Mandat Vorsprung die Mehrheit gegenüber den Christlichsozialen sichern. Wegert, der als Vertreter der Großdeutschen auf dieser Liste stand, wurde schließlich in der konstituierenden Sitzung vom 5. Mai 1921 zum Bürgermeister der Gemeinde Paasdorf gewählt. Bei den nächsten regulären Gemeinderatswahlen 1924 traten die Großdeutschen in Paasdorf dann nicht mehr in Erscheinung und augenscheinlich war man den Aufrufen in christlichsozialen Parteiblättern zwecks Bildung sogenannter „Einheitslisten“ gefolgt und hatte sich dieser Partei angeschlossen. Das Ergebnis der Wahl brachte einen klaren Sieg der Christlichsozialen gegen die Sozialdemokraten und neuerlich wurde Josef Wegert zum Bürgermeister gewählt – nunmehr als Christlichsozialer.64 Bei der Wahl 1929 kam es zu einer Spaltung im bäuerlich-konservativen Lager in Paasdorf und es traten mit der Christlichsozialen Partei und der Mittleren Bauernpartei zwei Wahllisten an, die um die Gunst der Wähler warben. Nach der Wahl bildete sich eine Koalition aus Mittlerer Bauernpartei und Sozialdemokraten und damit endete Wegerts (erste) Amtszeit als Bürgermeister, während der 1922 das Kriegerdenkmal errichtet, eine Genossenschaft für elektrisches Licht gegründet und die Straßenbeleuchtung elektrifiziert wurde. Die finanzielle Lage der Gemeinde war in der Zwischenkriegszeit jedenfalls sehr angespannt und Wegerts Art und Weise der Führung der Gemeindegeschäfte scheint durchaus umstritten gewesen zu sein, wie nicht nur kritische (und teils zweifellos parteipolitisch motivierte) Berichte im sozialdemokratischen Regionalblatt „Volksbote“ belegen, sondern auch durch die durch Neuwahlen und Parteispaltungen gekennzeichneten, unsteten Verhältnisse in Paasdorf erwiesen scheint. Schon wenige Monate nach der Wahl erzwangen die Christlichsozialen durch Rücklegung ihrer Mandate eine Auflösung des Gemeinderats durch die Landesregierung. Die Christlichsozialen errangen bei der folgenden Neuwahl im April 1930 wieder die Mehrheit und auch der Bürgermeister, der zuvor für die Mittlere Bauernpartei die Gemeinde geführt hatte, kehrte wieder in den Schoß der Christlichsozialen Partei zurück. Aber Ende des Jahres 1930 bzw. spätestens Anfang des Jahres 1931 endete dessen Amtszeit und Wegert feierte seine Rückkehr an die Spitze der Gemeinde. Von 1931 bis 1936 war Wegert außerdem Obmann des Ausschusses zur Verwaltung des Gemeindewaldes65. Im Zuge des im März 1938 erfolgten sogenannten „Anschlusses“ an das Deutsche Reich wurde Bürgermeister Wegert abgesetzt und der Schlossbesitzer Ing. Richard Claß als Gemeindeverwalter eingesetzt. Nicht in allen Katastralgemeinden der heutigen Großgemeinde Mistelbach kamen es unmittelbar nach dem „Anschluss“ zu einem Wechsel an der Spitze der Gemeindevertretung. Zum einen waren die Bürgermeister als Autorität in der Dorfgemeinschaft angesehen, und trotz Parteiangehörigkeit mit der überregionalen Politik oftmals nur lose verbunden – überdies fehlte es den Nazis schlicht an eigenen Leuten in den Dörfern. Im Falle Paasdorfs ist es also nicht ganz klar, ob Wegert – der (ursprünglich) selbst großdeutsch gesinnt war – abgesetzt wurde, weil sich zu einem so prononcierten Vertreter der Christlichsozialen bzw. der Vaterländischen Front entwickelt hatte, sodass er für die Nazis als Symbol der Dollfuß-/Schuschnigg-Ära untragbar war oder weil es in Paasdorf in Person des Schloss- und Gutsbesitzers Ing. Claß einen wohl bereits langjährigen Anhänger der Nationalsozialisten gab, auf den man zurückgreifen konnte. Von etwaigen Repressalien gegenüber Wegert ist jedenfalls nichts überliefert.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurde Wegert auf Vorschlag der neu gegründeten ÖVP von der niederösterreichischen Landesregierung in den provisorischen Gemeinderat berufen. Hier wurde er dann schließlich neuerlich zum Bürgermeister gewählt und aus Gemeinderatsprotokollen ist belegt, dass er dieses Amt jedenfalls bereits im September 1945 wieder bekleidete. Die großen Herausforderungen der schweren Nachkriegszeit zehrten an seinen Kräften und im Frühjahr 1948 legte Wegert sein Amt als Bürgermeister aus Altersgründen zurück, blieb allerdings weiterhin als Mandatar im provisorischen Gemeinderat, und zwar bis zum Jahr 1950, als erstmals in Niederösterreich wieder Gemeinderatswahlen abgehalten wurden. Im Amt als Bürgermeister folgte ihm Josef Heinisch, der mit einer Nichte Wegerts verheiratet war. Dass ein Altbürgermeister später nochmals Bürgermeister wird, war früher keineswegs unüblich und ist auch aus anderen Katastralgemeinden überliefert. Drei voneinander getrennte Amtsperioden, wie sie Wegert vorweisen konnte, sind jedoch außergewöhnlich und ein Paasdorfer Spezifikum, das aufgrund der weiterhin unsteten politischen Verhältnisse übrigens auch sein Nachfolger Heinisch zuwege brachte. In diesem Zusammenhang sei auf die ausführliche Darstellung im Beitrag Gemeindevertretung Paasdorf (1850-1971) verwiesen. Wegert war nicht nur Mitglied, sondern auch Funktionär des Niederösterreichischen Bauernbundes, der in der Zwischenkriegszeit eine Teilorganisation der Christlichsozialen Partei war bzw. seit 1945 Teil der Österreichischen Volkspartei ist.66

Laut einem Nachruf pflegte Wegert seinen Weingarten bis ins hohe Alter und diese Arbeit hielt ihn fit. Darüber hinaus wird er als vorbildlicher Landwirt gerühmt. Über Jahrzehnte hinweg und bis zu seinem 75. Lebensjahr war er in der Kirchenmusik aktiv, zuletzt als Geigenspieler bzw. früher auch als Bläser.67

Anlässlich des Jubiläums der Goldenen Hochzeit, das er mit seiner Gattin im Jahre 1958 feierte, wurde Altbürgermeister Wegert durch den Gemeinderat zum Ehrenbürger Paasdorfs ernannt.68 Am 9. Februar 1964 verstarb Josef Wegert im Alter von 83 Jahren und wurde drei Tage später am Aschermittwoch unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Paasdorfer Friedhof zur letzten Ruhe gebettet.

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in der Katastralgemeinde Paasdorf beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 26. März 1998 die Hintausstraße zur Schloßzeile „Josef Wegert-Straße“ zu benennen, um somit dem langjährigen Bürgermeister ein bleibendes Andenken zu bewahren.

Wo befindet sich die Josef Wegert-Straße (Paasdorf)?

 

Quellen:

Adolf Schärf-Straße

Von Thomas Kruspel 13. Juli 2024 Aus

Als 2009 unterhalb der Dr. Körner-Straße ein neues Siedlungsgebiet geschaffen wurde, beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die dort zu errichtenden Straßen nach Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen. Unter den Namenspaten befand sich auch Dr. Adolf Schärf (1890-1965), der von 1957 bis zu seinem Tod 1965 Bundespräsident der Republik Österreich war. Der im südmährischen Nikolsburg geborene Jurist war von 1918 bis 1934 Sekretär des sozialdemokratischen Abgeordnetenklubs im Nationalrat, ehe seine politische Karriere mit der Abschaffung der Demokratie und dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durch Dollfuß jäh beendet wurde. Nach 1945 gehörte er den Konzentrationsregierungen der unmittelbaren Nachkriegszeit bzw. den darauffolgenden Regierungskoalitionen zwischen ÖVP und SPÖ als Vizekanzler an. Wie übrigens der Beitrag Ergebnisse der Bundespräsidentenwahlen in Mistelbach zeigt, konnte sich Dr. Schärf bei der Wahl 1957 von allen damals selbständigen und heute zur Großgemeinde Mistelbach gehörenden Katastralgemeinden lediglich in Ebendorf, Frättingsdorf und Lanzendorf (mit absoluter Mehrheit) als Sieger durchsetzen. Bei seiner Wiederwahl im Jahr 1963 gelang ihm dies in Lanzendorf, Mistelbach und Paasdorf. Dass Schärf (wenn auch knapp) in Mistelbach obsiegte ist insofern außergewöhnlich, als es bis heute das einzige Mal darstellt, dass sich hier ein SPÖ-Kandidat bei gleichzeitigem Antritt eines Konkurrenten aus der ÖVP (damals immerhin der Staatsvertragskanzler Julius Raab) gegen diesen durchzusetzen vermochte.

Das  „90 Jahr-Jubiläum der Stadterhebung“ wurde 1964 im Rahmen der 3. Mistelbacher Heimatwoche gefeiert und aus diesem Anlass waren am 13. Juni 1964 Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl als Ehrengäste in Mistelbach anwesend. Nachdem der Beschluss über die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an die beiden verdienten Politiker bereits am 8. Mai 1964 erfolgt war, wurden ihnen im Rahmen einer Festsitzung des Gemeinderates im (Kino-)Saal des Gasthauses „Zur goldenen Krone“  die Ehrenbürgerurkunden überreicht.69

1964: Feierlichkeiten zu "90 Jahre Stadterhebung" - v.l.n.r. die Festgäste Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl sowie Bürgermeister Bayer. Ort dieser Aufnahme ist die Oberhoferstraße.1964: Feierlichkeiten zu „90 Jahre Stadterhebung“ – v.l.n.r. die Festgäste Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl sowie Bürgermeister Bayer. Ort dieser Aufnahme ist die Oberhoferstraße.

Bereits für das Jahr 1947 ist (erstmalig?) ein Besuch des damaligen Vizekanzlers Dr. Schärf bei einer SPÖ-Bezirkskonferenz in Mistelbach belegt.70

Wie schon eingangs erwähnt beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 25. März 2009 einer Straße den Namen Adolf Schärf-Straße zu geben.71

Wo befindet sich die Adolf Schärf-Straße?

 

Bildnachweis:
-) StadtMuseumsarchiv Mistelbach

Quellen:

Ein Brauhaus in Mistelbach (… und wohl kein Brauhaus in Ebendorf)

Von Thomas Kruspel 11. Juli 2024 Aus

Obwohl inmitten einer Weinbaugegend gelegen und trotz der Tatsache, dass der Weinbau auch in Mistelbach einst einen bedeutenden Wirtschaftszweig darstellte, wurde Bier, seitdem dieses Getränk in unseren Breiten bekannt war, zu allen Zeiten auch in Mistelbach konsumiert. Die Weinbauern waren darüber naturgemäß wenig erfreut, und wurden nicht müde die Vorzüge ihres Produkts gegenüber dem abschätzig als „gesottenes Wasser“ bezeichneten Bier herauszustreichen. Aufgrund des niedrigeren Preises im Vergleich zu Wein war dieses Getränk dennoch sehr beliebt.

Laut einem Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung von Mistelbach verfasst von Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch war es im Mittelalter allen Hausbesitzern gestattet Bier herzustellen und zu verkaufen. Die Herrschaften schränkten dieses Recht jedoch zusehends ein, sodass schließlich nur mehr sie selbst Bier brauen durften und auch der Ausschank durfte nur in bestimmten Schenkhäusern erfolgen. Unter Bier verstand man in unserer Gegend damals ausschließlich Weizenbier, da Gerste hier früher kaum angebaut wurde und sich diese Feldfrucht erst ab dem 18. Jahrhundert etablierte. Die Marktgemeinde Mistelbach (ohne die selbstständige Pfarrholdengemeinde) war nach dem Aussterben der Herren von Mistelbach über Umwege in den Besitz der Liechtensteiner gekommen, und deren Herrschafts- und Verwaltungszentrum für das östliche Weinviertel befand sich in Wilfersdorf. Daher bezog Mistelbach sein Bier aus den liechtensteinischen Brauhäusern in Wilfersdorf und Hohenau, sowie von den Brauereien der Herrschaften Asparn a.d. Zaya und Ernstbrunn. Da das Asparner Bier sehr beliebt war, hatte die Asparner Herrschaft in Mistelbach jedenfalls Anfang des 18. Jahrhunderts sogar einen Keller als Bierdepot angemietet. Natürlich musste für dieses Privileg ein Entgelt an die Liechtensteiner Herrschaftsverwaltung entrichtet werden und auch die Herrschaft Ernstbrunn soll in Mistelbach über ein Bierlager verfügt haben. Oftmals waren die Schenkhäuser bzw. Gemeinden zur Abnahme des Bieres ihrer Herrschaft verpflichtet – diese Pflicht wurde „Bierfürlegen“ genannt. Der liechtensteinische Markt Mistelbach war etwa 1637 verpflichtet, der Brauerei Wilfersdorf wöchentlich 16 Eimer Bier – ein Eimer sind rund 57 Liter – abzunehmen. Da die Qualität des Wilfersdorfer Bieres regelmäßig zu wünschen übrig ließ, wurde seitens der Bevölkerung trotz des Preisvorteils oft der Wein bevorzugt.72 Mistelbach war bis 1850 in zwei Gemeinden geteilt, den liechtensteinischen Markt und die Pfarrholdengemeinde (ursprünglich kaiserlicher Besitz), und in beiden Gemeinden soll je ein Bierhaus bestanden haben.

Obwohl Mistelbach wie bereits geschildert seit Ende des 14. Jahrhunderts kein Herrschaftssitz mehr war, ist erstaunlicherweise später, und zwar zu Beginn des 17. Jahrhunderts dennoch die Existenz eines Brauhauses belegt. Prof. Hans Spreitzer fand in einem alten Grundbuch den Hinweis, dass sich ein Brauhaus einst an der Adresse Waldstraße Nr. 23 (Konskr.Nr. 206) befunden hat. Es handelt sich hierbei um ein Eckhaus im Kreuzungsbereich Waldstraße/Mitterhofstraße, das rückwärtig an die Mistel angrenzt. Als damaliger Besitzer scheint der zeitweilige Marktrichter Vinzenz Präß, von Beruf Fleischhauer und einer der reichsten Mistelbacher Ende des 16. bzw. Anfang des 17. Jahrhunderts, auf. Ein Teil von Präß‘ Reichtum und Grundbesitz bildete übrigens die Basis für den Wohlstand der Familie Devenne, da der Begründer der „Mistelbacher Linie“ dieser Familie, Michael Devenne, eine Urenkelin von Präß heiratete. Es ist unklar, wie lange das Brauhaus existierte, vielleicht stand das damals nach wie vor sehr exklusive Braurecht in Zusammenhang mit dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Mitterhof (heute: MAMUZ), einem alten Freihof, dessen historische Wurzeln in die Zeit der Gründung Mistelbachs zurückreichen. Gegen eine derartige Verbindung (die bei Spreitzer und Koch erstaunlicherweise nicht einmal angedacht wird) spricht, dass ein Brauhaus in den zum Mitterhof überlieferten Dokumenten nie Erwähnung findet. Aber auch sonst gibt es kaum Spuren des Mistelbacher Brauhauses, was für eine eher kurze Bestandsdauer sprechen dürfte. Das Brauhaus scheint um 1620 abgekommen zu sein und an seiner Stelle wurden zwei halbe Hofstätten gestiftet, die später zu einer Hofstatt vereinigt wurden.73 Im 18. und 19. Jahrhundert existierten in weiteren umliegenden Orten, bspw. Ladendorf, Poysdorf und Zistersdorf Brauhäuser, sodass für eine Wiedererstehung des Mistelbacher Brauhauses wohl kein Bedarf bestand.

Laut Franz Thiel und Fritz Bollhammer finden sich jedoch bereits in den Jahren 1361 bzw. 1414 Erwähnungen von Hopfengärten in Mistelbach und Bollhammer mutmaßt, dass es wohl schon vor 1400 Brauhäuser in Mistelbach, Laa a.d. Thaya und Hohenau gegeben habe.74 Für diesen gewagten Schluss finden sich allerdings keine weiteren Anhaltspunkte.

In den 1890er Jahren, sicherlich befeuert durch den großen wirtschaftlichen Aufschwung Mistelbachs, hegten „einige maßgebende Personen der Stadt“ Gedanken betreffend die Gründung einer Brauerei in Mistelbach. Nachdem diese Idee bereits seit einigen Jahre gewälzt wurde, fanden sich schließlich am 4. Dezember 1897 dreiunddreißig Personen zu einer Versammlung im Hotel Rathaus ein, um über die Möglichkeit der Errichtung eines Brauhauses zu beraten. Es wurde beschlossen, einen Fonds zu bilden, aus dem die Kosten für die Vorarbeiten zu diesem Unterfangen beglichen werden sollten. Außerdem wurde beschlossen Untersuchungen bzgl. der Quantität und Qualität des verfügbaren Wassers durchführen zu lassen, die natürlich eine bedeutende Voraussetzung für den Erfolg eines solchen Unternehmens darstellten. Es muss angenommen werden, dass die Ergebnisse dieser Analysen nicht vielversprechend waren, denn von der Absicht in Mistelbach ein Brauhaus zu errichten war in der Folge nie wieder zu lesen.75

In Bollhammers Beitrag über Handwerk und Innungen im Heimatbuch des Verwaltungsbezirks Mistelbach – Band II findet sich die Information, dass zur Ebendorfer Herrschaft einst auch eine Schlossbrauerei gehört haben soll, die allerdings lediglich lokale Bedeutung gehabt hätte. Diese soll vor 1645, als durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg auch Schloss Ebendorf und das zugehörige Gut schwer beschädigt und verwüstet wurde, bestanden haben.76 Wohl bezugnehmend auf diese Quelle findet sich der Hinweis auf die Schlossbrauerei Ebendorf auch im von Engelbert Exl herausgegebenen Buch „Mistelbach 125 Jahre Stadt – Ein Lesebuch“ aus dem Jahr 1999.77 Auf welche Quellen sich Bollhammer bei seinen Ausführungen stützte ist wie auch betreffend den oben bereits erwähnten Hopfengarten im 14. Jahrhundert leider unbekannt. Die Authentizität dieser Information darf allerdings insofern angezweifelt werden, als im 1971 erschienenen Werk von Univ.-Prof. Dr. Herbert Mitscha-Märheim zur Herrschafts- und Ortsgeschichte von Ebendorf („Eine kleine Geschichte von Ebendorf bei Mistelbach“) eine Brauerei mit keinem Wort erwähnt wird. Mitscha-Märheim, der selbst aus der Familie entstammt, in deren Besitz sich das Schloss Ebendorf samt seiner Güter seit vielen Jahren befand, kannte wie kein anderer die Geschichte dieser Herrschaft und der einst hier existierenden Betriebe. Mit den Vorarbeiten für sein ursprünglich viel umfangreicher geplantes Buch zu Ebendorf hatte er bereits in der Zwischenkriegszeit begonnen, doch im Krieg gingen viele historische Unterlagen und ein großer Teil seiner Vorarbeiten unwiederbringlich verloren. Trotz dieser Widrigkeiten erscheint es mehr als unwahrscheinlich, dass der äußerst gewissenhafte Forscher Mitscha-Märheim ausgerechnet auf die Erwähnung der Brauerei vergessen hätte oder ihm diese bei seinen Recherchen entgangen wäre, zumal er auch detailliert die durch die Schweden angerichteten Zerstörungen beschreibt. Ohne Zweifel war ihm auch der 1959 erschienene zweite Band des Heimatbuchs und damit auch Bollhammers Beitrag bekannt, und die Tatsache, dass er die darin enthaltene, bisher nirgends sonst aufscheinende Erkenntnis betreffend eine Schlossbrauerei in Ebendorf nicht aufgriff, kann wohl dahingehend gedeutet werden, dass auch Mitscha-Märheim dieser Information keinen Glauben schenkte.

Auch in den sonstigen Katastralgemeinden der Großgemeinde Mistelbach dürften keine weiteren Brauhäuser existiert haben.

Quellen:
-) Thiel, Franz: „Unsere Brauhäuser“ In: „Heimat im Weinland – Heimatkundliches Beiblatt zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach“, Band X (1963), S. 169-172
-) Brautopo – Österreichische historische Brauereitopographie (besonderer Dank an Herrn Springer für die Auskunft bzgl. der Quelle betreffend die (vermeintliche) Schlossbrauerei Ebendorf)  

Dr. Körner-Straße

Von Thomas Kruspel 10. Juli 2024 Aus

Die Errichtung der 1870 eröffneten Staatseisenbahnstrecke läutete für Mistelbach in vielerlei Hinsicht ein neues Zeitalter ein, hatte aber auch buchstäblich einschneidende Auswirkungen auf das Erscheinungsbild der Landschaft. Nicht nur Felder wurden durch den Verlauf der Strecke geteilt, sondern zum Teil auch seit Jahrhunderten bestehende Wege abgeschnitten. Zwar konnte die Bahnstrecke zu Fuß mehr oder minder problemlos überwunden werden, mit für die Feldarbeit benötigten Fuhrwerken bzw. Zugtieren war dies nunmehr jedoch nur an einigen wenigen Stellen möglich. Diese Bahnübergänge fanden sich entlang der Strecke verteilt und waren mit einem Bahnwächter besetzt, der für die Sicherheit auf einem bestimmten Streckenabschnitt zu sorgen hatte. Auf Höhe der Kreuzung Dr. Körner-Straße und Oberhoferstraße mündete einst ein alter Feldweg, der die spätere Bahnstrecke schräg kreuzte und der zum alten Weg nach Hüttendorf führte. Nachdem dieser Weg nach Eröffnung der Bahnstrecke nicht mehr benutzbar sein würde und um insbesondere den Bauern den Zugang zu den jenseits der Bahnstrecke gelegenen Feldern zu ermöglichen wurde im Zuge des Bahnbaus ein neuer, gerade verlaufenden Weg von der Oberhoferstraße zur Bahnstrecke errichtet. Der damals geschaffene Weg entspricht exakt der heutigen Dr. Körner-Straße, doch es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis dieser Weg eine Straßenbezeichnung erhielt. Der hier errichtete Bahnübergang wurde mit dem Bahnwächterposten Nr. 34 besichert und die ersten Jahrzehnte, jedenfalls bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, versah hier das Ehepaar Brandmeier seinen Dienst als Bahnwächter (siehe hierzu auch Mistelbach in der Zeitung Teil 2 (1901-1904)).

Das Bahnwächter-Ehepaar Brandmeier im Jahre 1902 vor ihrem Dienst- und Wohnsitz, dem Bahnwächterhäuschen Nr. 34 am Bahnübergang in der heutigen Dr. Körner-StraßeDas Bahnwächter-Ehepaar Franz und Therese Brandmeier im Jahre 1902 vor ihrem Dienst- und Wohnsitz, dem Bahnwächterhäuschen Nr. 34 am Bahnübergang in der heutigen Dr. Körner-Straße

Zum Zeitpunkt des Bahnbaus, also Ende der 1860er Jahre war dieser neu geschaffene Weg noch recht weit außerhalb des bebauten Gebiets gelegen. Dies hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts bereits geändert und die Oberhoferstraße war bis zur Kreuzung mit der Franz Josef-Straße bereits (linksseitig) bebaut. 1908 dürfte der Direktor der Landeswinzerschule in Mistelbach, Johann Kargl, der selbst eine größere Landwirtschaft nebenbei betrieb, sich hier im Kreuzungsbereich Oberhoferstraße und Dr. Körner-Straße niedergelassen haben. Etwas zurückversetzt von der Oberhoferstraße, unter der heutigen Hausnummer 115-117, erbaute er eine kleine Villa samt einigen Gebäuden für seinen landwirtschaftlichen Betrieb.78 Die Kargl-Villa – die nicht mit dem ebenfalls im Besitz des Winzerschuldirektors stehenden und später ebenso bezeichneten Haus Winzerschulgasse Nr. 20 zu verwechseln ist – war also, abgesehen vom Bahnwächterhäuschen, das erste Gebäude, das entlang dieses Straßenzugs errichtet wurde und dessen weitläufiges Grundstück einen erheblichen Teil der linken Straßenseite einnahm. Anfang der 1920er Jahre ging das Anwesen dann schließlich in den Besitz des zugezogenen vormaligen Gutspächters Ökonomierat Rudolf Krehlik über, dessen Familie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hier lebte und später stand es viele Jahre im Besitz der Landwirtsfamilie Lehner.

Das nächste in der Dr. Körner-Straße errichtete Bauwerk, das bis heute maßgeblich ihr Erscheinungsbild prägt, war der im Mai 1946 eröffnete Friedhof für die gefallenen Soldaten der Roten Armee.79 Nach den im April bzw. Mai des Jahres 1945 im Weinviertel tobenden letzten Gefechten im Zweiten Weltkrieg wurden die getöteten Sowjetsoldaten entweder an ihrem Sterbeort begraben oder an prominenter Stelle – meist in den Ortszentren unter einem mehr oder minder improvisierten Denkmal – bestattet. Auch am Südende des Mistelbacher Hauptplatzes waren unmittelbar nach den Kämpfen viele Sowjetsoldaten begraben worden. Im Einvernehmen mit der Besatzungsmacht sollten die gefallenen Krieger exhumiert und gesammelt an einem Ort bestattet werden und hierfür wurde seitens der Stadtgemeinde der am Ortsrand gelegene Soldatenfriedhof geschaffen. In den folgenden Jahren wurden die Toten aus Mistelbach bzw. der Umgebung exhumiert und hier bestattet, sodass letztlich mehr als 900 russische Soldaten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

In der Nachkriegszeit herrschte große Wohnungsnot und daher gab es in den 1950er Jahre regen Siedlungsbau, den der Mistelbacher Gemeinderat unter anderem durch seinen im Jahre 1957 gefassten Beschluss betreffend die Parzellierung der bislang unverbauten rechte Seite der heutigen Dr. Körner-Straße unterstützte.80 In den folgenden Jahren entstand eine für die damalige Zeit typische Doppelhaussiedlung und am 14. Oktober 1958 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die dort befindliche Straße nach dem im Jahr zuvor verstorbenen Bundespräsidenten Dr. h.c. Theodor Körner (1873-1957) zu benennen.81 Körner war einst General in der k. u. k. Armee und hatte sich in der Zwischenkriegszeit den Sozialdemokraten angeschlossen, vertrat diese im Bundesrat und war Berater beim Aufbau des republikanischen Schutzbundes – der Wehrformation der Sozialdemokraten. Von 1945 bis 1951 war er Bürgermeister der Stadt Wien und nach dem Tod von Dr. Karl Renner wurde Körner 1951 der erste durch das Volk gewählte Bundespräsident – ein Amt das er bis zu seinem Tode ausüben sollte. Bundespräsident Körner war im Juni 1954 Ehrengast bei den Feierlichkeiten anlässlich „80 Jahre Stadterhebung“ und im Rahmen eines Festakts wurde er damals zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.82 Wie übrigens der Beitrag Ergebnisse der Bundespräsidentenwahlen in Mistelbach zeigt konnte sich Körner bei der Wahl 1951 von allen damals selbständigen und heute zur Großgemeinde Mistelbach gehörenden Katastralgemeinden lediglich in Lanzendorf im ersten Wahlgang mit relativer und im zweiten Wahlgang mit absoluter Mehrheit als Sieger durchsetzen.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zu 80 Jahre Stadterhebung im Jahr 1954 konnte Bürgermeister Franz Bayer (Bildmitte) Bundespräsident Körner (l.) und Landeshauptmann Steinböck (r.) als Ehrengäste begrüßen.Im Rahmen der Feierlichkeiten zu „80 Jahre Stadterhebung“ im Jahr 1954 konnte Bürgermeister Franz Bayer (Bildmitte) Bundespräsident Körner (l.) und Landeshauptmann Steinböck (r.) als Ehrengäste begrüßen.

Im Rahmen einer Festsitzung des Gemeinderats im (Kino)Saal des Gasthauses "Zur goldenen Krone" wurde Bundespräsident Körner die Ehrenbürgerwürde verliehen. Auf diesem Foto ist die Übergabe dersEhrenbürgerdekrets an Körner (Bildmitte) durch Bürgermeister Bayer (links) festgehalten. Rechts im Vordergrund: Bezirkshauptmann Dr. Karl Mattes, der so wie auch Landeshauptmann Steinböck an diesem Tag zum Ehrenbürger ernannt wurde.Im Rahmen einer Festsitzung des Gemeinderats im (Kino)Saal des Gasthauses „Zur goldenen Krone“ wurde Bundespräsident Körner die Ehrenbürgerwürde verliehen. Auf diesem Foto ist die Übergabe des Ehrenbürgerdekrets an Körner (Bildmitte) durch Bürgermeister Bayer (links) festgehalten. Rechts im Vordergrund: Bezirkshauptmann Dr. Karl Mattes, der so wie auch Landeshauptmann Steinböck an diesem Tag ebenfalls zum Ehrenbürger ernannt wurde.

Auf der linken Straßenseite der Dr. Körner-Straße befanden sich bis zur Jahrtausendwende lediglich die ehemalige Kargl/Krehlik-Villa und der sowjetische Friedhof. Erst danach haben sich die Freiflächen auf dieser Straßenseite durch ein Einfamilienhaus, eine Wohnhausanlage sowie den 2019 eröffneten Generationenspielplatz sukzessive reduziert. Angelehnt an das Beispiel der Dr. Körner-Straße beschloss der Mistelbacher Gemeinderat im Jahre 2009 als das an diesen Straßenzug angrenzende, südlich gelegene Areal als Siedlungsgebiet aufgeschlossen wurde, die dort zu errichtenden Straßen nach weiteren Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen.83

Wo befindet sich die Dr. Körner-Straße?

 

Bildnachweis:
-) Bahnwächterhäuschen Nr. 34: Leopold Forstner – Illustrirtes Wiener Extrablatt, 19. Februar 1902 (Nr. 49), S. 5 (ONB: ANNO)
-) Bundespräsident Körner in Mistelbach: Göstl-Archiv

Quellen: