Feuerwehrgasse (Frättingsdorf)

Von Thomas Kruspel 6. Mai 2023 Aus

In Frättingsdorf kam es erst 1909, und damit vergleichsweise spät, zur Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr – siehe hierzu auch die zeitgenössische Berichterstattung über das Gründungsfest der Freiwilligen Feuerwehr Frättingsdorf vom 9. Juli 1909 im Beitrag Mistelbach in der Zeitung Teil 1 1903-1909. Zu diesem Zeitpunkt bestanden bereits in allen heutigen Katastralgemeinden von Mistelbach zum Teil schon seit vielen Jahren Feuerwehren, mit Ausnahme der besonders nahe gelegenen und eng mit Mistelbach verbundenen Orte Lanzendorf und Ebendorf, wo sich erst in den 1920er Jahren eigene Wehren bildeten. Die späte Gründung erstaunt umso mehr, da es sich doch bei Frättingsdorf um den einzigen Industriestandort unter den Katastralgemeinden handelte, der mit seiner Ziegelfabrik noch dazu einen Industriebetrieb von bedeutender Größe beheimatete, bei dem Feuer einen elementaren Bestandteil des Produktionsprozesses bildete. Warum es in Frättingsdorf erst so spät zur Errichtung einer Feuerwehr kam, nachdem die Bezirkshauptmannschaft bereits 1906 die wenigen verbliebenen feuerwehrlosen Orte nachdrücklich zur Errichtung solcher Vereine aufgefordert hatte, ist unklar.1 Die Frättingsdorfer Feuerwehr wurde ab ihrer Gründung von der Familie Steingassner, den Besitzern der Ziegelfabrik, finanziell großzügig unterstützt und Frau Mizzi Steingassner, die Tochter des Firmenchefs, fungierte als Fahnenpatin bei der im Rahmen des Gründungsfests vorgenommenen Fahnenweihe.

Das erste Zeughaus der Freiwilligen Feuerwehr Frättingsdorf dürfte noch im Gründungsjahr errichtet worden sein und selbiges befand sich an der Kreuzung der heutigen Straßen Laternengasse und Marterlweg. Der damals etwas hinter dem Ort gelegene Standort dürfte wohl aufgrund seiner direkten Lage am Mistelbach und der dadurch einfach sichergestellten Versorgung mit Wasser gewählt worden sein.

Das alte Zeughaus der Freiwilligen Feuerwehr FrättingsdorfDas alte Zeughaus der Freiwilligen Feuerwehr Frättingsdorf

Ende der 1980er Jahren war man innerhalb der Frättingsdorfer Feuerwehr übereingekommen, dass ein den geänderten Anforderungen entsprechendes, modernes Zeughaus benötigt wird. Bald wurden die Planungen konkreter und betreffend die Standortfrage fiel die Entscheidung nach intensiven Diskussionen schließlich zugunsten einer Errichtung hinter dem alten Gemeindehaus an der Verbindungsgasse zwischen der Dorfstraße (Anton Haas-Straße bzw. Holzleitenstraße) und der Hintausstraße (Werkstattstraße) aus. Im Herbst 1990 konnte schließlich mit den großteils in Eigenregie vorgenommenen Arbeiten begonnen werden und im Verlaufe der etwa zweieinhalb Jahre währenden Bauzeit wurde auch die nebenan gelegene alte Gemeindescheune renoviert, die seither als zusätzlicher Lagerraum dient. 2

Das neue Feuerwehrhaus konnte schließlich im Mai 1993 feierlich eröffnet werden3 und im Jahr darauf wurde auch das alte Gemeindehaus abgebrochen und an seiner Stelle ein neues Gemeindezentrum mit Postamt und Nahversorger errichtet.4 Das alte Zeughaus wird seither als Lagerraum durch den Dorfverschönerungsverein genutzt.5

Das 1993 eröffnete neue Feuerwehrhaus von dem sich der Name der Feuerwehrgasse ableitetDas 1993 eröffnete neue Feuerwehrhaus, von dem sich der Name der Feuerwehrgasse ableitet

Im Zuge der Einführung von Straßenbezeichnungen in Frättingsdorf beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 6. Mai 2002 der am Feuerwehrhaus vorbeiführenden Straße den Namen Feuerwehrgasse zu geben.6

Wo befindet sich die Feuerwehrgasse (Frättingsdorf)?

 

Quellen:

Mühlweg (Siebenhirten)

Von Thomas Kruspel 18. Dezember 2022 Aus

Die älteste schriftliche Erwähnung dieses Weges findet sich laut dem umfangreichen Werk von Prälat Stubenvoll zur Geschichte Siebenhirtens auf einem Flurplan aus dem Jahr 1727 der ihn als „Schönmühlweg“ bezeichnet, um 1787 scheint er dann auch als „Millweg“ (“Mill” → Mühl) auf.7 Damit wird auch die Bedeutung dieses Weges, der zu den nächstgelegenen Getreidemühlen entlang der Zaya im Bereich Asparn und Hüttendorf führte, klar. Nachdem die Mühlen dort schon lange vor der ersten Erwähnung dieses Wegnamens bestanden und eine verkehrstechnische Anbindung an Getreidemühlen von großer Bedeutung war, kann zweifellos davon ausgegangen werden, dass der Weg unter diesem Namen bereits lange zuvor bestand. Bei der in einer Namensvariante erwähnten Schönmühle handelt es sich um den zwischen Hüttendorf und Asparn/Zaya gelegenen und heute als Lindenhof bekannten Gutshof, der über Jahrhunderte eine Getreidemühle war und noch heute als eines der am vollständigsten erhaltenen Mühlenensembles in diesem Abschnitt der Zaya gilt. Die Schönmühle stand bereits auf dem Gemeindegebiet von Asparn und befand sich (wie auch zahlreiche andere Mühlen flußauf- und abwärts) lange Zeit im Besitz der Familie Breuner – der Asparner Herrschaft.8 Diese verfügte in Siebenhirten zwar nur über sehr wenig Grundbesitz bzw. Untertanen, hatte aber dennoch das Landgericht und die Dorfobrigkeit für den Ort inne. Dieser Einfluss mag neben der räumlichen Nähe auch dazu beitragen haben, dass die an der Zaya gelegenen Mühlen der Herrschaft Asparn bevorzugtes Ziel der Getreidelieferungen der Siebenhirtner Bauern waren und sich so diese Bezeichnung etablierte. Der Mühlweg teilte sich außerhalb des Siebenhirtner Ortsgebiets in einen linken Zweig, der über die Hohlwegkellergasse nach Hüttendorf führte und in einen rechten Zweig der zwischen Schön- und Entenfellnermühle in die Straße zwischen Hüttendorf und Asparn einmündete. Obwohl es auch direkt in Hüttendorf eine Mühle gegeben hat, dürfte wohl der letztgenannte Zweig der eigentliche und für die Namensgebung maßgebliche “Mühlweg” gewesen sein.

Auf obigem Ausschnitt aus der Josephinischen Landesaufnahme (der Niederösterreich-Teil entstand 1773-1881) ist der in seiner Nord-Süd-Ausrichtung relativ gerade verlaufende Verbindungsweg zwischen Siebenhirten und Hüttendorf in der Bildmitte erkennbar. Etwas dünner eingezeichnet, die Abzweigung, die zur Schön-Mühle führte (aus Sicht des Betrachters links daneben). Unter Anwendung einer höheren Zoomstufe ist erkennbar, dass entlang des Weges gleich außerhalb von Siebenhirten einige als (Wein)Keller zu deutende Gebäude verzeichnet sind. Dies ist insofern bemerkenswert als es sich um eine kleine Kellergasse gehandelt haben dürfte, von der heute keine Spur mehr besteht.

Die Bedeutsamkeit dieses Weges ist auch durch die Tatsache belegt, dass an dessen Kreuzung mit der 1870 eröffneten Staatsbahnstrecke ein Bahnwächterhaus (Nr. 36) samt einem beschrankten und für die Überfuhr mit Wagen tauglichen Bahnübergang errichtet wurde. Der ehemalige Mühlweg verlor später seine Bedeutung und dürfte der Kommassierung ab Mitte des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sein, denn heute besteht der Weg nicht mehr. Auch der Bahnübergang wurde stillgelegt und stattdessen etwas weiter nördlich beim Metzenweg eine sichere Bahnunterführung geschaffen. Im Zuge der Einführung von Straßennamen als Adressbezeichnung in der Katastralgemeinde Siebenhirten beschloss der Mistelbacher Gemeinderat am 7. März 2001 dieser nunmehr lediglich bis zur Bahnstrecke reichenden Gasse auch offiziell den überlieferten Namen „Mühlweg“ zu geben.9

Wo befindet sich der Mühlweg?

 

Quellen:

Devenne, Bürgerfamilie

Von Thomas Kruspel 16. Oktober 2022 Aus

Am Schicksal des Mistelbacher Zweigs der Familie Devenne (in verschiedenen Schreibweisen überliefert: Devenna, De Venne, von der Venne, etc.) lässt sich über mehrere Generationen hinweg der Aufstieg und Fall einer wohlhabenden Bürgerfamilie im 17. bzw. 18. Jahrhundert beobachten. Die Mitglieder dieser Familie prägten Mistelbach  in ihrer Zeit nicht nur als Unternehmer und gewählte Gemeindevertreter (Ratsbürger bzw. Marktrichter), sondern darüber hinaus durch den Bau des Barockschlössls, das der letzte Vertreter dieser Familie als seinen Wohnsitz erbauen ließ.

Michael Devenne (1611-1664)

Die Geschichte der Devenne in Mistelbach beginnt mit Michael Devenne, der als Apothekergeselle nach Mistelbach kam, wo er am 12. Mai 1641 Maria Schütz (Schücz), die Witwe des sieben Monate zuvor verstorbenen Apothekers Johann Baptist Schütz, ehelichte.10 Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es in Mistelbach eine Landschaftsapotheke, die von der damaligen politischen Vertretung des Landes – den Landständen – errichtet und betrieben wurde und die das östliche Weinviertel versorgen sollte. Diese befand sich zur Zeit als Devenne hierherkam im Besitz von Hans Simon Kelter (Khelter, Käldterer) und jedenfalls zu Beginn des 17. Jahrhunderts existierte auch eine zweite Apotheke im Besitz von Johann B. Schütz. Die Witwe Schütz war die Tochter des Apothekers Kelter und somit hatte Devenne durch die Eheschließung mit ihr nicht nur in eine Apotheke eingeheiratet, sondern hatte auch die Aussicht die Landschaftsapotheke seines Schwiegervaters mit seiner zu vereinigen. Im Zuge der einige Jahre dauernden Abhandlung der Verlassenschaft nach dem Tod von Kelter im Jahre 1646 dürfte dies auch so geschehen sein und in den folgenden Jahrhunderten bestand stets nur eine Apotheke in Mistelbach.11 Prof. Spreitzer mutmaßt wohl zu Recht, dass Devenne wahrscheinlich bereits einige Zeit bei seinem künftigen Schwiegervater oder dem ersten Ehegatten seiner Frau beschäftigt gewesen sein dürfte bzw. im Zuge der damals in vielen Berufen üblichen Wanderschaft nach Mistelbach gekommen war. Apotheken zählten damals als Gewerbe und beim Beruf des Apothekers handelte es sich also um einen Lehrberuf.

Michael Devenne wurde am 30. September 1611 in Regensburg protestantisch getauft und sein Vater Cornelius Devenne war zunächst Spitalsschreiber und später Spitalsverwalter und Stadtgerichtsbeisitzer in Regensburg. Der Großvater von Michael Devenne, der Maler Hieronymus Devenne, stammte aus der Stadt Mechelen im Herzogtum Brabant, damals Teil der im Besitz der spanischen Habsburger stehenden Niederlande (heute: Belgien), und hatte 1564 in eine Regensburger Bürgerfamilie eingeheiratet. Michael Devenne hatte neun Geschwister, die allesamt angesehene Stellungen erlangten, und auch einer seiner Brüder, Cornelius jun., wurde Apotheker in Regensburg.12

Wappen der "Devene" aus Regensburg im großen Weiglschen Wappenbuch des Jahres 1734 - in den Farben rot und silber gehaltenWappen der „Devene“ aus Regensburg im großen Weiglschen Wappenbuch des Jahres 1734 – in den Farben Rot und Silber gehalten13

Aus der Ehe mit Maria, verwitwete Schütz bzw. geb. Kelter, entstammten drei Kinder: die 1643 geborene Tochter Anna Maria, die später im Alter von 16 Jahren den um 30 Jahre älteren Witwer und Oberbeamten der Liechtensteinischen Herrschaftsverwaltung in Wilfersdorf, Peter Antreich, ehelichte; den 1648 geborenen Sohn Martin Andreas – zu dem später noch ausführlich berichtet wird;  die 1651 geborene Tochter Susanna Elisabeth, die später Johann Martin Dracht, kaiserlichen Land- und Stadtgerichtsbesitzer zu Wien, heiratete. 1653 erwarben Michael und Maria Devenne das Haus Hauptplatz Nr. 5 (Konskr.Nr. 70), dass 1900 dem Bau des neuen Amtsgebäudes (Rathaus und Bezirkshauptmannschaft) weichen musste. Unklar ist, ob sich die Apotheke schon zuvor – eventuell eingemietet – hier befand bzw. seit wann, da leider Informationen zu den Standorten der Apotheke(n) in früherer Zeit fehlen. Wie eingangs beschrieben war der Apothekerberuf damals ein Gewerbe, doch gab es bereits damals erste Bestrebungen, die Qualifikation für diesen wichtigen Beruf zu vereinheitlichen und jede Apotheke musste von einem an der Universität geprüften Apotheker geführt werden.14 Im Laufe der folgenden Jahrhunderte war es dann notwendig, nach absolvierter Lehre, für eine gewisse Zeit auch Kurse an der Universität zu besuchen und Prüfungen abzulegen, ehe gegen Mitte des 19. Jahrhunderts das Pharmaziestudium als verpflichtende Berufsvoraussetzung geschaffen wurde. Auch Devenne unterzog sich am 4. November 1653 erfolgreich einer solchen Prüfung vor einem Gremium der medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Das Haus Hauptplatz Nr. 5 (rotes X) in dem sich jedenfalls in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Mistelbacher Apotheke befand. Es musste 1900 dem Neubau des Rathauses weichen. Diese Foto das Anfang der 1870er Jahre entstand, zeigt den nördlichen Hauptplatz noch mit dem Alten Rathaus (heute: Erste Bank), das 1874 abgebrochen wurde.Das Haus Hauptplatz Nr. 5 (rotes X) in dem sich jedenfalls in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Mistelbacher Apotheke befand. Es musste 1900 dem Neubau des Rathauses weichen. Diese Foto das Anfang der 1870er Jahre entstand, zeigt den nördlichen Hauptplatz noch mit dem Alten Rathaus (heute: Erste Bank), das 1874 abgebrochen wurde.

Am 11. Dezember 1664 wurde Michael Devenne15 in Mistelbach begraben und 1666 heiratete seine Witwe, nunmehr in dritter Ehe den dritten Apotheker, und zwar Mathias Graß (Groß), der ebenfalls aus Bayern stammte.

Martin Andreas Devenne (1648-1701)

Martin Andreas Devenne wurde am 11. November 1648 in Mistelbach getauft16, nachdem sein Vater Michael Devenne, dessen Familie in Regensburg eigentlich evangelisch war, augenscheinlich zum katholischen Glauben konvertiert war. Laut den Angaben bei Spreitzer scheint er zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters, also im Alter von 16 Jahren, bereits in der Lehre zum Kaufmann gestanden haben. Eine Ausbildung zum geprüften Apotheker dürfte er in der Folge nicht absolviert haben, wie später noch dargelegt werden sollte. Am 7. Februar 1673 ehelichte er, der im Trauungsbuch als Handelsmann bezeichnet wird, Maria Secunda, die Tochter des verstorbenen „kaiserlichen Traid- und Fleischaufschlagnehmers“ in Mistelbach Jacob Stepperger.17 Dieser Ehe entstammten zwölf Kinder, acht Söhne und vier Töchter, von denen allerdings wohl nur sechs Kinder überlebt haben dürften und als Taufpaten dieser Kinder fungierten die angesehensten und wohlhabendsten Bewohner der Stadt. Noch im Jahr ihrer Eheschließung erwarben Martin Andreas und Maria Secunda Devenne 1673 das Haus Hauptplatz Nr. 37 (Konskr.Nr. 56) (heute: Raiffeisenbank) samt den zugehörigen Gründen. Auf diesem Haus betrieb Martin Andreas Devenne sein Handelsgeschäft und da spätere Besitzer hier Eisenwarenhandlungen betrieben, liegt die Vermutung nahe, dass auch Devenne in diesem Geschäftsbereich tätig war bzw. diese Geschäftstradition begründete.18

Dieses Foto aus dem Jahr 1874 zeigt das Haus Hauptplatz Nr. 37 (rote Markierung) in dem Martin Andreas Devenne Ende des 17. Jahrhunderts eine Eisenwarenhandlung betrieb (heute: Raiffeisenbank)Dieses Foto aus dem Jahr 1874 zeigt das Haus Hauptplatz Nr. 37 (rote Markierung) in dem Martin Andreas Devenne Ende des 17. Jahrhunderts eine Eisenwarenhandlung betrieb (heute: Raiffeisenbank)

Nach dem Tod der Mutter und des Stiefvaters seiner Gattin erbte das Ehepaar Devenne das Haus Museumsgasse Nr. 3 (heute: Malermeister Bacher), samt zugehörigem Stadel, Garten und Ziegelstadel. Solche Ziegelstadel wurden einst dazu genutzt um luftgetrocknete Lehmziegel herzustellen, und damit dürfte der Grundstock für die spätere Tätigkeit der Familie Devenne im Bereich der Ziegelherstellung gelegt worden sein. Auch das Amt seines verstorbenen Schwiegervaters als Traid-(=Getreide-) und Fleischaufschlagseinnehmer (=Steuereinnehmer für diese Waren), dürfte er bald nach 1670 übernommen haben. Die Heirat mit der Tochter vorherigen Amtsinhabers und die Schwägerschaft mit dem Wilfersdorfer Oberbeamten dürfte ihn für dieses Amt empfohlen haben, wie Spreitzer vermutet.

Durch Erbschaft vermehrte sich sein Besitz neuerlich und zwar gelangte nach dem Tod seines Stiefvaters Graß sein Vaterhaus an der Adresse Hauptplatz Nr. 5 samt der dort befindlichen Apotheke in sein Eigentum und Martin Andreas Devenne wurde mit 24. Jänner 1685 zum Landschaftsapotheker in Mistelbach bestellt. Im Bestellungsrevers nennt er sich selbst einen fürstlichen Ratsbürger, und dies bedeutet er gehörte dem Marktrat (auch „Marktgericht“ genannt) an, dem damaligen gewählten Vertretungs- bzw. Verwaltungsgremium der Marktgemeinde. Da er selbst nicht über die entsprechende Ausbildung verfügte, verpflichtete er sich in diesem Dokument, die ihm durch Testament zugefallene Apotheke durch einen geprüften Apotheker als Provisor führen zu lassen. Im September 1687 verkaufte das Ehepaar Devenne schließlich das Haus Hauptplatz Nr. 37, auf dem es ein Handelsgewerbe geführt hatte, dem Eisenhändler Mathias Antreich aus Poysdorf. Die Devennes finden sich danach auf das von seiten der Familie der Gattin ererbte Haus Museumsgasse Nr. 3, dass bis 1704 im Besitz der Familie blieb. Neben seiner Tätigkeit als Apothekenbesitzer war Martin Andreas Devenne wirtschaftlich vielseitig tätig: um 1694 scheint er als Pächter der Mistelbacher Maut auf; bis 1698 hatte er auch den Handel mit Juchtenleder, dass insbesondere zur Herstellung von Schuhen und Stiefel genutzt wurde, inne; außerdem dürfte er wohl einen oder mehrere Ziegelöfen besessen haben, denn für den Bau des Barnabitenkollegiums (Kloster) lieferte er 1698 24.200 gebrannte Mauerziegel. Es gibt Hinweise, dass ihm der Ziegelofen, der sich einst am Standort des heutigen Stadtkindergartens in der Gewerbeschulgasse befand, gehörte.19  1699, im Zuge der Korrespondenz bezüglich einer Beanstandung seiner Führung der Apotheke nach einer Visitation, bekundete Devenne die Absicht sich so lange einen Provisor für die Apotheke zu halten, bis sein Sohn (Ferdinand Maximilian) im medizinischen Studium soweit unterwiesen und von der Universität zur Führung entsprechend approbiert worden sei. Die korrekte Führung der Apotheke wurde durch den Viertelsmedikus Dr. Achazi und das Markgericht bestätigt und damit war die Angelegenheit erledigt.20

Martin Andreas Devenne verstarb im Alter von 53 Jahren und wurde am 30. September 1701 in Mistelbach zu Grabe getragen.21 Die Witwe und die jüngeren Kinder des Paares scheinen in der Folge nicht mehr in Mistelbach auf, weshalb angenommen werden kann, dass sich die hinterbliebene Gattin auswärts erneut vermählt haben dürfte.

Ferdinand Maximilian Devenne (1681-ca.1759)

Ferdinand Maximilian Devenne (oft auch nur Maximilian oder Max genannt) wurde am 2. Februar 1681 in Mistelbach getauft22 und durch eine Seuche, die im Frühsommer des Jahres 1686 binnen weniger Tage vier seiner Geschwister (darunter drei ältere Brüder) hinwegraffte, dürfte er schließlich zum ältesten überlebenden Sohn von Martin Andreas Devenne geworden sein.23 Ein medizinisches Studium, dass sein Vater in einer Korrespondenz mit der niederösterreichischen Landschaft im Jahre 1699 für ihn ins Auge gefasst hat, scheint sich nicht verwirklicht zu haben. Augenscheinlich interessierte er sich mehr für das Steuereinnehmeramt seines Vaters als für den Apothekerberuf und so ging die in der Familie vererbte Landschaftsapotheke nach dem Ableben von Martin Andreas Devenne schließlich 1702 in den Besitz des bisherigen Provisors über, der im Jahr darauf zum neuen Landschaftsapotheker bestellt wurde. In der Folge kam die Apotheke zunächst auf Haus Hauptplatz Nr. 23, bald darauf auf Hauptplatz Nr. 31 und um 1740 schließlich an ihren heutigen Standort Hauptplatz Nr. 36.24

Am 29. Jänner 1708 vermählte sich Maximilian Devenne in Mistelbach mit Anna Maria Eva, der Tochter des Petrus Georg Wadl aus Wilfersdorf und dieser Ehe entstammten acht Kinder. Von 1716 bis etwa 1723 scheint er mehrfach als Pächter der (Wasser-)gefälle entlang der Zaya im Abschnitt von Hüttendorf bis Wilfersdorf 25 auf. Er war damit berechtigt von den dort ansässigen Müllern Abgaben einzuheben. 1719 scheint er als “bestellter Weinaufschlag-Einnehmer”, also so etwas wie ein Zollabschnittsleiter für den Handel mit Wein.26 In den Jahren 1724 bis 1738 wird er mehrfach als Oberaufschläger angeführt und 1747 bzw. 1750 als „k.k. Ober-Collectant des Mistelbacher k.k. Aufschlagsamtes“ bezeichnet.27 Der Heimatforscher Franz Thiel berichtet unter Bezug auf Wilfersdorfer Herrschaftsakten davon, dass sich Devenne Steuergelder unterschlagen haben soll und 1750 daher mit Schimpf und Schande des Amtes als Steuereinnehmer enthoben wurde. Allerdings können die konkreten Gründe bzw. Umstände seines Ausscheidens aus dem Amt des Steuereinnehmers aufgrund der kryptischen Angaben bei Thiel kaum als endgültig geklärt betrachtet werden. (Ferdinand) Max Devenne kämpfte leidenschaftlich für sein Recht und führte im Laufe seines Lebens mehrere teils langwierige Prozesse. Über zehn Jahre hinweg zog sich etwa ein Rechtsstreit mit seiner Schwester Katharina, in dem es um die Verlassenschaft nach seinem Vater ging.28 Aber insbesondere aus seiner beruflichen Tätigkeit als Steuereinnehmer ergaben sich zahlreiche Prozesse betreffend ihm vorenthaltener Abgaben und Mautgebühren. Um zurückgehaltene Aufschläge für Fleisch, Getreide und Pferde ging es auch in einem bereits seit längerer Zeit schwelenden Konflikt mit dem Barnabitenkolleg in Mistelbach, der ab 1738 vor Gericht ausgetragen wurde. Der mehrere Jahre währende Rechtsstreit ging schließlich zu Gunsten von Devenne aus, allerdings wurde dem Barnabitenkolleg letztlich ein Zahlungsaufschub bzw. eine Begleichung der Außenstände in kleinen Raten und über eine lange Laufzeit zugestanden. Schon zuvor gab es Grundstreitigkeiten zwischen Devenne und den Barnabiten, doch mit diesem Rechtsstreit bzw. dessen Ergebnis hatte Devenne den Unmut des Barnabitenordens auf sich gezogen, der 1743 gegen Devenne eine Klage einbrachte betreffend eines Grundkaufs durch seinen Vater der 60 Jahre zurücklag. Es handelte sich um einen mangelnde (grundbücherliche) Besicherung im Zuge des Ankaufs eines Ackers und die Causa endete in einem Vergleich im Zuge dessen Devenne auf einen Teil der gestundeten Schulden des Barnabitenkollegiums aus dem vorangegangenen Rechtsstreit verzichtete.29

Auch in der Gemeindevertretung, dem sogenannten Marktrat, war (Ferdinand) Max Devenne aktiv und scheint wie schon sein Vater (jedenfalls) 1724 als Ratsbürger auf.30 Die überlieferten Informationen zur Amtszeit der Marktrichter sind leider lückenhaft, für 1729-1734 und 1747-1748 ist (Ferdinand) Max Devenne jedoch jedenfalls als Mistelbacher Marktrichter überliefert. Dieses Amt brachte einen Interessenkonflikt mit sich, da der Amtsinhaber einerseits Oberhaupt der Marktgemeinde und damit Vertreter deren Interessen war bzw. andererseits Vollzugsorgan der Liechtensteinischen Grundherrschaft und dabei auch selbst Untertan war. Laut den von Thiel eingesehenen Akten der Herrschaft Wilfersdorf sollen sich die Mistelbacher 1732 darüber beklagt haben, dass der Marktrichter Devenne sein Amt eigennützig verwalte, sich bei jeder Gelegenheit Geld verschaffe, eigenmächtig Rechnung lege und Holz aus dem Gemeindewald beanspruche. Bedingt durch mangelnde Kontrolle waren Misswirtschaft und Veruntreuungen im Bereich der Gemeindefinanzen auch unter seinen Vorgängern und Nachfolgern verbreitet, doch dürfte Devenne selbst das damals übliche Maß überschritten haben. Bei einer weiteren Kandidatur für das Amt des Marktrichters im Jahre 1755 unterlag er einem Konkurrenten.

Devenne besaß mehrere Zinshäuschen (kleine Mietshäuser), Holzgärten, Weingärten, Wiesen und Äcker und verfügte auch über Grundbesitz in Wilfersdorf. 1724 errichtete er über einem ihm gehörigen Keller in der Museumsgasse ein Presshaus und erwarb in den Folgejahren die umliegenden Gründe bzw. gelang es ihm durch Ankäufe von hintaus gelegenen Gartengründen an der Nordseite des Hauptplatzes eine Verbindung zu seinem Haus Hauptplatz Nr. 5 herzustellen. 1731/32 erwirkte er bei der Marktgemeinde bzw. der Herrschaft für das Grundstück in der Museumsgasse und für die darauf aufzuführenden Aufbauten eine Befreiung von allen öffentlichen Lasten (Steuern, Abgaben, Robot, etc.). Im Gegenzug für dieses Privileg, damals als „Begabungsinstrument“ bezeichnet, verpflichtete sich Devenne zu einer Abschlagszahlung. Die Abgabenfreiheit hatte auch für sämtliche Besitznachfolger Gültigkeit und die Urkunde hierüber befand sich laut Fitzka noch im Jahre 1900 im Besitz von Frau Gspann, der damaligen Eigentümerin des Schlössls. Heute gilt dieses Dokument leider als verschollen. Spreitzer wies durch seine Veröffentlichungen zur Familie Devenne schlüssig nach, dass das Schlössl-Ensemble (Museumsgasse Nr. 4), bestehend aus Presshaus, Scheune, Stall, „Vorhöfl“, Wohngebäude und einer diese Gebäude umgebenden Einfriedungsmauer zwischen 1730 und 1740 von Maximilian Devenne erbaut wurde. Eine erste urkundliche Erwähnung des „neuen Wohngebäudes“ von Devenne stammt aus dem Jahre 1742.31 Den Bau des Schlössl als repräsentativen Sitz soll Devenne in der Hoffnung auf eine Erhebung in den Adelsstand errichten haben lassen, schließlich hatte es Devenne zu erheblichem Wohlstand gebracht und bekleidete zahlreiche (öffentliche) Ämter. Es war zweifellos praktisch, dass die Vorarbeiten für die Errichtung des Barockschlössls – die Grundkäufe von der Marktgemeinde bzw. der Herrschaft und die Abgabenbefreiung des Grundstücks – in jene Zeit fielen, in der er als Marktrichter der Gemeinde vorstand.32

Laut Feststellung des Österreichischen Bundesdenkmalamtes aus dem Jahr 1963 wurde das Barockschlössl von einem durch den großen Barockbaumeister Johann Lucas von Hildebrandt beeinflussten unbekannten Barockbaumeister geschaffen.33 Doch liegt eine durchaus schlüssige These betreffend den Baumeister des Barockschlössls vor: Dr. Wilhelm Gegorg Rizzi vermutet das Franz Anton Pilgram der zur Zeit der Erbauung des Barockschlössls das nahegelegene Schloss Prinzendorf, ursprünglich als Konvent für den Kamaldulenser Orden konzipiert, erbaute, auch das Barockschlössl im Auftrag von Devenne geschaffen haben könnte. Es erscheint durchaus wahrscheinlich, dass der angesehene Barockbaumeister Pilgram, der über seinen Onkel auch in Kontakt mit Hildebrandt stand, die Gelegenheit für einen Nebenauftrag nutzte.34

Im Vordergrund das als "Jagdschlösschen" bezeichnete Barockschlössl samt den es umgebenden Wirtschaftsgebäuden etwa um 1910Im Vordergrund das als „Jagdschlösschen“ bezeichnete Barockschlössl samt den es umgebenden Nebengebäuden etwa um 1910

 

Ansicht aus dem Innenhof aufgenommen im Jahre 1952Ansicht aus dem Innenhof aufgenommen im Jahre 1952

 

Das Schlössl in der Außenansicht im Jahre 1952Das Schlössl in der Außenansicht im Jahre 1952

Bei Fitzka findet sich die mündlich überlieferte Information, dass schon vor dem Schlössl an selber Stelle ein bedeutendes Haus gestanden habe, in dem bereits Rudolf I. auf seiner Weiterreise nach der Marchfeldschlacht übernachtet haben soll.35 Leider wird trotzdem viele Dinge die bei Fitzka zu lesen sind, in den letzten 120 Jahren bereits widerlegt wurden, immer noch, auch in jüngster Zeit auf diese teilweise falschen bzw. veralteten Informationen zurückgegriffen. Spreitzer hat schon Ende der 1950er eindeutig nachgewiesen, dass das Schlössl auf einem zuvor “öden Flecken” erbaut wurde, und dass sich vor der Errichtung durch Max Devenne hier kein (herrschaftliches) Gebäude befand. Rudolf I. soll tatsächlich in Mistelbach gewesen sein, zumindest scheint seine Anwesenheit durch Zeugenschaft in einer Urkunde belegt, und sollte er tatsächlich hier übernachtet haben, dann wohl in der vor Jahrhunderten abgekommenen Burg neben der Pfarrkirche.36

 

Steinernes Wappen über den Eingang in den Hauptsaal des 1. Stockwerks im BarockschlösslSteinernes Wappen über dem Eingang in den Hauptsaal des 1. Stockwerks im Barockschlössl

 

Detailansicht des Wappens der Familie DevenneDetailansicht des Wappens der Familie Devenne (dieses entspricht der obigen Darstellung aus dem Wappenbuch)

Die oben beschriebenen kostenintensiven Rechtsstreitigkeiten bzw. der dabei errungene Pyhrrussieg im Streit mit dem Barnabiten und zweifellos auch die Errichtung des Schlössls dürften Devenne finanziell überfordert haben.37 Wahrscheinlich waren die sich abzeichnenden finanziellen Probleme auch der Grund für die Untreuevorwürfe betreffend seine Tätigkeit als Marktrichter und Steuereinnehmer. Devenne musste Teile seines Besitzes verkaufen und zuletzt sogar sein Silber an das Barnabitenkolleg versetzen um seine Schulden bedienen zu können. Schlussendlich sah er sich 1756, auch aufgrund seines bereits hohen Alters, dazu gezwungen auf die ihm gerichtlich zugesprochene (Rest)forderung gegenüber den Barnabiten zu verzichten, um das versetzte Silber wieder auszulösen. Das Ende des finanziell heruntergekommenen vormaligen Marktrichters Ferdinand Max Devenne liegt im Dunkeln – er dürfte 1757 oder 1758 verstorben sein, allerdings nicht in Mistelbach, denn in den Pfarrbüchern findet sich kein Hinweis mehr zu ihm.38

Um die hinterlassenen Schulden abdecken zu können, wurde am 31. Jänner 1759 der Beschluss gefasst die Verlassenschaft im Lizitationswege verkauft.39 Der Witwe gelang es zwar das Haus Hauptplatz Nr. 5 aus der Erbmasse herauszukaufen, der restliche Besitz (Ziegelofen (zu dessen Lage widersprüchliche Informationen vorliegen), Schlössl samt Garten, Äcker etc.) ging jedoch in fremden Besitz über. 1767 verstarb schließlich die Witwe Anna Maria Devenne und als ihre Universalerbinnen (Töchter oder Enkelinnen) scheinen Anna Maria und Johanna auf, die das Haus Hauptplatz Nr. 5 an die Familie Raffesberg verkauften. Diese beiden Personen, sind die letzten bekannten Nachfahren der Devenne, und sie treten später in Mistelbach nicht mehr in Erscheinung. Der Mistelbacher Zweig der Devenne dürfte also mit dem Tod des vormaligen Marktrichters Ferdinand Max Devenne ausgestorben sein. Aufgrund der damals variierenden Namensschreibweisen wurde immer wieder spekuliert, ob es sich bei wenig später in Mistelbacher Pfarrmatriken auftauchenden Personen mit dem Familiennamen Defeni (zB dem Maurermeister Johann Defeni) um Nachkommen der Devenne handelt.40 Tatsächlich kann eine Verbindung zur Familie Devenne ausgeschlossen werden.

Das Barockschlössl befand sich in weiterer Folge dann im Privatbesitz mehrere Liechtensteinischer Herrschaftsbeamter, und kam über die Familie Küttner, im Heiratsweg in den Besitz der Lehrerfamilie Gspann. Der Immobilienhändler und Gemeinderat Johann Burgmann sollte während des Ersten Weltkriegs im Auftrag der Sparkasse den Ankauf von den Erben der Familie Gspann verhandeln, schlug aber selbst zu und schied aufgrund dieses Vorfalls in weiterer Folge aus dem Vorstand der Sparkasse aus. 1929 erwarb die Sparkasse das Haus von ihm gegen einen Leibrentenvertrag41 Ab 1931 befand sich hier für viele Jahrzehnte das Mistelbacher Heimatmuseum, und später auch die Städtische Bücherei. Seit den 1980er Jahren dient das Barockschlössl als Zentrum für Kulturveranstaltungen. In der Sitzung vom 14. November 1974 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat eine kleine Seitengasse in der erweiterten Stadtwald-Siedlung De Venne-Weg zu benennen.42

 

Wo befindet sich der De Venne-Weg?

 

Bildnachweis:
-) Fotos des Schlössls aus den Jahren 1952 und alte Ansichten Hauptplatz: Göstlarchiv
-) Ansichtskarten Barockschlössls (Jagdschlösschen) aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Wappen im Barockschlössl: Thomas Kruspel (2021)

Quellen:
-) Spreitzer, Hans: “Das Mistelbacher Museumsgebäude und die Devenna” – 7-teilige Beitragsreihe In: Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 18, 20, 22-25, 29/1957;
-) Spreitzer, Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 215f
-) Thiel, Franz: „Die Familie de Venna in Mistelbach“ (1965) In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1962-1969), S. 276, 278-281 (Anm.: die Angaben bei Thiel sind teilweise recht kryptisch und widersprechen in vielen Punkten den späteren Forschungsergebnissen von Prof. Spreitzer. Allerdings hatte Thiel bei seinen heimatkundlichen Forschungen in der Zwischenzeit auch Zugang zu Herrschaftsakten im damals in Wien befindlichen Hausarchiv der Fürstenfamilie Liechtenstein. Diese Bestände waren Spreitzer nicht zugänglich, da diese später für mehr als 60 Jahre im Fürstentum aufbewarht wurden und erst Anfang der 2000er Jahre nach Wien zurückkehrten.)

Schwechater Bierdepot – Hausgeschichte Oserstraße 9

Von Thomas Kruspel 18. September 2022 Aus

Ursprünglich stand an der Stelle, an der sich heute die Elisabethkirche und die sie umgebende kleine Grünanlage befindet, das Haus mit der Konskriptionsnummer 375 (altes „Hausnummer“-System) zu dem auch ein angrenzendes Gartengrundstück gehörte. Dieses Haus bestand jedenfalls bereits vor 1600 und laut alten Verzeichnissen (Urbarien) der Liechtensteinischen Herrschaft handelte es sich gemäß dem damals gebräuchlichen Kategorisierungsschema für landwirtschaftliche Güter um eine halbe Hofstatt.29 Häufig findet sich in der Literatur die Information, dass es sich bei einer Hofstatt um ein Haus mit wenig bzw. lediglich geringfügigem landwirtschaftlichen Grundbesitz handelt. Die Sache ist jedoch etwas komplexer, da damals für die Einstufung ausschließlich Ackerland berücksichtigt wurde und auch nur jenes welches sich im Gemeindegebiet befand. Sogenannte Überlandäcker, also etwa in angrenzenden Gemeinden gelegene Gründe, und auch Weingärten und Wiesen zählten beispielsweise nicht zum dabei berücksichtigten landwirtschaftlichen Grundbesitz. Insofern können alleine auf Basis dieser Einteilung kaum Schlüsse betreffend die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eigentümer gezogen werden.

Gegenüber dem Haus Nr. 375 (bzw. der heutigen Elisabethkirche), an jener Stelle an der Mitte der 2010er Jahre eine Wohnhausanlage errichtet wurde, befand sich einst das alte Mistelbacher Spital, eine von den Herren von Mistelbach zu Beginn des 14. Jahrhunderts gestiftete Sozialeinrichtung, die bis 1932 existierte. Da sich auf den zum Spital gehörigen Gründen, die sich von der Gartengasse/Bahnstraße bis zum Beginn der Barnabitenstraße erstreckten, ansonsten lediglich Wirtschafts- und Nebengebäude befanden, vermutet Prof. Hans Spreitzer, dass es sich bei dem Haus, dass Gegenstand dieses Beitrags ist, möglicherweise in früherer Zeit um die Dienstwohnung des Spitalverwalters gehandelt haben könnte.43 Als ältesten Besitzer konnte Spreitzer den Kürschnermeister Niklas Müllner, der 1624 auf dieses Haus kam, ausfindig machen. Nach dessen Tod heiratete seine Witwe 1646 den aus Schlesien stammenden Kürschner Georg Klaiber (Kleber), der hier bis 1690 aufscheint. Danach folgte ab 1705 die Familie Selbach (auch Selba oder Selwach geschrieben), deren Vertreter sich zunächst als Schneider und später als Weinbauern verdingten und die laut Einträgen in den Pfarrmatriken bis Ende des 19. Jahrhunderts Besitzer dieses Hauses waren.44 1896 scheint hier schließlich laut einem Zeitungsinserat im „Bote aus Mistelbach“ der Anstreicher, Zimmer- und Dekorationsmaler Albert Voit auf, allerdings lässt dieses Inserat keine Rückschlüsse über die Besitzverhältnisse zu.45

Fitzkas Häuserverzeichnis listet das Haus im Jahre 1900 als Wohnhaus auf, dass zu diesem Zeitpunkt im Besitz des Kaufmanns und Gemeinderats Heinrich Westermayer stand, der jedoch auch andere Häuser in Mistelbach besaß und somit weder hier wohnte, noch sein Geschäft betrieb.46 Anfang des 20. Jahrhunderts wurde seitens der Gemeindeverwaltung ein Plan zur Regulierung bzw. zum Ausbau des Straßennetzes der Stadt gefasst. Zwecks Ausbau der Mitschastraße als südlicher Einfahrtsstraße sollte unter anderem der Abbruch der alten Elisabethkirche erfolgen, die sich nach heutigen Gegebenheiten etwa in der Mitte der Mitschastraße im Bereich zwischen Postamt und dem ehemaligen Lokal „Pizzeria Al Capone“ befunden hat, und an der sich die alte Mitschastraße vorbei zwängte. Auch die nahe gelegene Florianikapelle, die sich etwa im heutigen Kreuzungsbereich von Oser- und Mitschastraße befand, wurde aus diesem Grund abgebrochen. Die 1316 erbaute Kirche war Teil des bereits eingangs erwähnten Spitalskomplexes und bereits sehr baufällig. Um die Elisabethkirche nahe ihrem alten Standort wieder neu errichten zu können, hatte die Stadt das Eckhaus Mitschastraße Nr. 7/Oserstraße Nr. 9 (Konskr.Nr. 375) angekauft und ließ selbiges abtragen, um Platz für das neue Kirchengebäude zu schaffen. 1904 wurde die alte Elisabethkirche schließlich abgebrochen und bereits im Jahr darauf konnte der modern ausgeführte Neubau mit Unterstützung des Fürsten Liechtenstein, dessen Familie das Patronat über das Spital seit Jahrhunderten innehatte, fertiggestellt und 19. November 1905 feierlich geweiht werden. Auch die Errichtung einer kleinen Grünanlage rund um die Kirche war von Anbeginn vorgesehen. Der Rest des ehemals zum Haus Nr. 375 gehörigen Grundstücks wurde abgetrennt und sollte gemäß dem Beschluss des Gemeindeausschusses (=Gemeinderat) im Lizitationswege veräußert werden.47 Doch offenbar war das Interesse an dem Grundstück zunächst eher gering bzw. wollten sich offenbar nicht jene Gebote finden, die sich die Gemeinde erwartet hatte.48

Zwei Jahre dauerte es bis sich 1908 schließlich in der Person von Victor Mautner Ritter von Markhof, Mitglied der berühmten Industriellendynastie und Besitzer der St. Marxer Brauerei, ein Käufer für das Grundstück fand, der hier 1909 ein Bierdepot seiner Brauerei errichten ließ.49 Nachdem die Kirche keine reguläre Adresse zugeteilt bekam, wurde die zuvor im abgetragenen Eckhaus vereinte doppelte Adressbezeichnung, nunmehr aufgeteilt: Das Bierdepot erhielt die Adresse Oserstraße 9 und die Ende der 1920er Jahre auf einem unbebauten Grundstück rechts neben der Kirche errichtete Steinbauervilla sollte später die Adresse Mitschastraße 7 erhalten. Beginnend in den 1880er Jahren eröffneten Brauereien in größeren Gasthäusern an verkehrstechnisch günstig gelegenen Orten sogenannte Bierdepots. Die Gasthäuser verfügten in der Regel über die benötigte Kühleinrichtung in Form von großen Eiskellern und wurden Vertriebspartner der Brauereien, bei denen die Gastwirte aus der Umgebung ihren Bierbedarf deckten. Der Flaschenbierverkauf an Privatpersonen sollte erst später eine, und bei Gesamtbetrachtung eher untergeordnete Rolle, spielen. Um die Jahrhundertwende beherbergten also einige Mistelbacher Gasthäuser (zB.: Gasthaus Massinger/Panzer (heute: „GH zur Linde“), Gasthaus Putz (heute: Schillingwirt), Gasthaus Schnass (heute: Spiel-/Schreibwaren Harrer), Gasthaus Kainz (heute: „Krone Restaurant“)) Bierdepots von böhmischen und Wiener Brauereien.50 Noch im Jahr 1904 informierte der Besitzer des Gasthauses Schnass („Zum goldenen Hirschen“, Hauptplatz Nr. 16), dass er zusätzlich zur der seit vielen Jahren innegehabten Vertretung der Liesinger Brauerei, nun auch jene der St. Marxer Brauerei übernommen habe.51 Doch bereits im Februar des darauffolgenden Jahres hatte die St. Marxer Brauerei ein eigenständiges Bierdepot, das zwar im Hof des Gasthauses „Zum Schwarzen Adler“ untergebracht war, aber von der Brauerei selbst mit eigenem Personal betrieben wurde, eröffnet.52 Der „Schwarze Adler“ befand sich an der Adresse Kaiser Franz Josef-Straße Nr. 17 (heute: HypoNÖ) und augenscheinlich nutzte man den hier vorhandenen großen Keller ins sogenannte „Schwarzbergl“ (Erhebung zwischen Franz Josef-Straße und Bahnzeile) als geräumiges und kühles Lager. Einen weiteren Vorteil bot die Tatsache, dass sich nebenan die Spedition Eybel befand und somit auch regelmäßige Lieferungen vom bzw. Retouren ins Wiener Stammhaus möglich waren.

Eröffnungsinserat im „Bote aus Mistelbach“ im Februar 1905Eröffnungsinserat im „Bote aus Mistelbach“ im Februar 1905

Auf dieser 1910 gelaufenen Ansichtskarte ist links gerade noch der Schriftzug "(Bierdepot) der Brauerei St. Marx" erkennbar (siehe vergößertes Detail) und damit ist der Standort beim Gasthaus "Zum schwarzen Adler" in der Franz Josef-Straße auch bildlich dokumentiert.Auf dieser 1910 gelaufenen Ansichtskarte ist links gerade noch der Schriftzug (Bierdepot) „… der Brauerei St. Marx“ erkennbar (siehe vergrößertes Detail) und damit ist der Standort beim Gasthaus „Zum Schwarzen Adler“ in der Franz Josef-Straße auch bildlich dokumentiert.

Als Leiter des Depots, zunächst am Standort Franz Josef-Straße und ab 1909 in der Oserstraße, scheint jedenfalls in den Jahren 1907 bis 1910 Heinrich Kosnapfl auf.53 Kosnapfl stammte aus Wien und war ein Cousin von Helene Mautner von Markhof, geb. Kosnapfl, der Gattin des Brauereibesitzers. Er war begeisterter Musiker und im gesellig-musikalischen Leben der Stadt sehr engagiert, und auch einige Jahre später, als er bereits in einer anderen Niederlassung in Wien wirkte, scheint sein Name gelegentlich bei Berichten über musikalische Veranstaltungen auf, sodass die Verbindung zu Mistelbach über die Zeit seiner beruflichen Tätigkeit hier augenscheinlich hinausging.

Als nun das neue Bierdepot der Brauerei St. Marx an der Adresse Oserstraße Nr. 9 im Jahre 1909 errichtet wurde, wäre wohl anzunehmen, dass damit die ursprüngliche Niederlassung an der Adresse Franz Josef-Straße Nr. 17 aufgegeben wurde. Allerdings scheint noch im Jahre 1913, als die Brauereien Simmering, St. Marx und Schwechat zu den „Vereinigten Brauereien – Schwechat, St. Marx, Simmering“ und somit die Braudynastien Meichl, Mautner-Markhof und Dreher vereint wurden, ein Hinweis in den Gewerbemeldungen im Amts-Blatt der k.k. Bezirkshauptmannschaft Mistelbach auf, der nahelegt, dass die Gewerbeberechtigung für den alten Standort bis zum Zeitpunkt der Fusion aktiv bestanden haben dürfte. Auch die Brauerei Schwechat (damals noch Klein-Schwechat) hatte bereits ab 1906 ein Bierdepot in Mistelbacher und zwar im Gasthaus „Zum goldenen Hirschen“ der Familie Schnass an der Adresse Hauptplatz Nr. 16 (heute: Harrer) eingerichtet.54 Schon bald nach der Fusion wurden die Brauereien St. Marx und Simmering geschlossen und ab Mitte der 1930er Jahre war die Familie Mautner-Markhof im Besitz der Aktienmehrheit und in weiterer Folge wurde der Name des Unternehmens auf Brauerei Schwechat AG geändert.

Bereits in den 1920er Jahren erfolgten kleinere Grundzukäufe und zahlreiche Aus- und Zubauten am Depot in der Oserstraße, von denen jene des Jahres 1929 die bedeutendsten und umfangreichsten waren: es wurde eine Wohnung für den Depotleiter errichtet (später sollte noch eine weitere Dienstwohnung für einen der Chauffeure hinzukommen), ein Holzlager, eine Garage, sowie die Vergrößerung und Modernisierung des Kühlraumes vorgenommen. Diese baulichen Veränderungen dokumentieren auch den technologischen Wandel der damaligen Zeit: statt Eiskellern (und dazugehörigen Eisteichen außerhalb der Stadt) erfolgte die Kühlung nun durch elektrische Kühlanlagen und statt den Pferdeställen wurden Garagen errichtet, weil die Lieferfahrten statt mit Pferd und Kutsche nunmehr mittels Lastkraftwagen erfolgten. Schon im Jahre 1918 wurde eine Zweigniederlassung des Mistelbacher Bierdepots in Ernstbrunn eingerichtet55 und in den 1930er Jahren folgte eine weitere Niederlassung in Drösing. 1927 übernahmen die Vereinigte Brauereien Simmering – Schwechat – St. Marx auch die Brauerei Hütteldorf, die im Jahr zuvor ein eigenes Bierlager in Mistelbach und zwar angrenzend an das Gasthaus bzw. Hotel Putz-Filippinetti (heute Gasthaus Schilling) erbaut hatte und diese modernen Kühlräume gehörten nunmehr ebenfalls zum Mistelbacher Bierdepot. In weiterer Folge, möglicherweise nach dem Ausbau der Kapazitäten im Haupthaus im Jahre 1929, dürfte das Gebäude an das Gasthaus Putz-Filippinetti verkauft worden sein.

Das Bierdepot der Hütteldorfer Brauerei (rote Markierung) auf einer Aufnahme aus der zweiten Hälfte der 1920er JahreDas Bierdepot der Hütteldorfer Brauerei (rote Markierung) unmittelbar neben dem Gasthaus Putz-Filippinetti auf einer Aufnahme aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre (bei einer hochaufgelösten Version des Bildes ist auch die Inschrift Brauerei Hütteldorf zu erkennen)

Während der kurzen aber heftig geführten Kampfhandlungen in Mistelbach im April des Jahres 1945 wurde auch das Schwechater Bierdepot beschädigt, doch konnten die Schäden bald behoben werden und durch die in den folgenden Jahren vorgenommenen Schließungen der Zweigniederlassung in Ernstbrunn, des Bierdepots in Zistersdorf und des ebenfalls zum Konzern gehörenden Bierdepots der Brauerei Nußdorf in Poysdorf wurde der Mistelbacher Standort bedeutend aufgewertet.56 Am 18. August 1953 ereignete sich nachts ein großer Brand im Mistelbacher Bierdepot, der durch einen Kurzschluss in der Elektrik eines Steyr LKWs in der Garage ausgelöst wurde. Die Feuerwehren von Mistelbach und Lanzendorf kämpften gegen die Flammen, doch wurden die Löscharbeiten durch Verschlammung des Bachbetts der Mistel, aus dem das Löschwasser herbeigeschafft werden sollte, erschwert. Auch der Tankwagen der Besatzungsmacht war im Einsatz und nach 45 Minuten konnte der Brand schließlich gelöscht werden.57 Die Garage, mehrere LKWs und rund 1000 Liter Bier wurden vom Feuer zerstört und der großteils durch Versicherung gedeckte Sachschaden belief sich auf 170.000 Schilling. Nachdem ein Neubau der Garagen notwendig war, wurde der Anlass genutzt das Gelände des Bierdepots durch Grundzukäufe (im Wesentlichen der Garten des Hauses Mitschastraße Nr. 7, damals noch im Besitz von Dr. Gustav Steinbauer) bedeutend zu erweitern und 1954 wurde der Garagenzubau und eine eigene Leergutrampe im hinteren Teil des erweiterten Geländes errichtet.

 

Anfang 1950er Jahre: Den Transport von der Zentrale in Schwechat in die Mistelbacher Niederlassung besorgte die ebenfalls in der Oserstraße ansässige Spedition Niecham Anfang 1950er Jahre: Den Transport von der Zentrale in Schwechat in die Mistelbacher Niederlassung besorgte die ebenfalls in der Oserstraße ansässige Spedition Niecham

 

Die Verladerampe vor dem Kühlhaus (heute Gastraum bzw. Terrasse des Lokals "Altes Depot") noch ohne das später errichtete Flugdach, etwa Anfang der 1950er Jahre vor dem Grundstückszukauf und dem GaragenausbauDie Verladerampe vor dem Kühlhaus (heute Gastraum bzw. Terrasse des Lokals „Altes Depot“) noch ohne das später errichtete Flugdach, etwa Anfang der 1950er Jahre vor dem Grundstückszukauf und dem Garagenausbau

 

Die Belegschaft des Schwechater Bierdepots in Mistelbach im Jahre 1966Die Belegschaft des Schwechater Bierdepots in Mistelbach samt Fuhrpark im Jahre 1966 – in der Bildmitte Depotleiter Franz Dirr, weiters auf dem Bild: Franz Degen, Friedrich Rieder, Lambert Pernold, Othmar Höfling, Johann Pfarrhofer, Josef Mewald, Josef Renzhofer, Josef Traupmann und Karl Stuiber

 

Das Schwechater Bierdepot war beim Festzug aus Anlass 100 Jahre Stadterhebung, im Jahre 1974 mit einer traditionellen Bierkutsche vertretenDas Schwechater Bierdepot war beim Festzug anlässlich 100 Jahre Stadterhebung im Jahre 1974 mit einer traditionellen Bierkutsche vertreten

 

1990: Außenansicht nach bereits erfolgter Schließung des Bierdepots1990: Außenansicht nach bereits erfolgter Schließung des Bierdepots

Als Depotleiter konnten neben dem oben bereits erwähnten Heinrich Kosnapfl (1907-1910), noch folgende weitere Personen in Erfahrung gebracht werden: Andreas Teis (1920), August Riedel (mind. 1923-1924)58, Johann Langer (1924-mind. 1937)59, Vinzenz Chmelicek (um 1953)60 und Franz Dirr (1964-1975) – allesamt keine Mistelbacher. Nachdem die Brauerei Schwechat 1978 Teil des Brauunion-Konzerns wurde, hatten unternehmensinterne Umstrukturierungen zur Folge das Ende Jahres 1989 das Bierlager geschlossen wurde. Mit der Eröffnung des Lokals „Altes Depot“ am 4. Oktober 1991 in den Räumlichkeiten des Schwechater Bierdepots sorgt Reinhard Kruspel dafür, dass die Biertradition dieser Örtlichkeit auf andere Weise fortgeführt wird.

Bildnachweis:
-) Hotel/Gasthaus Putz: zVg von Herrn Fritz Petsch
-) Bierkutsche Festumzug 1974: Stadtmuseumsarchiv Mistelbach (zVg von Frau Gerlinde Zodtl)
-) Außenansicht Bierdepot nach der Schließung: Göstl-Archiv
-) Franz Josef-Straße um 1910: Verlag A. Kapitan (Mistelbach) – Sammlung des Autors
-) sonstige Bilder: im Besitz von Herrn Reinhard Kruspel

Quellen:

Grubenmühlstraße (Lanzendorf)

Von Thomas Kruspel 23. Mai 2022 Aus

Entlang der Zaya existierten einst zahlreiche Mühlen und auf dem Gebiet der heutigen Großgemeinde Mistelbach befanden sich einige Getreidemühlen. Dazu zählte auch die Lanzendorfer Grubmühle, die am Weg nach Ebendorf gelegen war und von der sich der heutige Name dieser Straße ableitet.

Westlich von Lanzendorf (vor der „Schiffermühle“) teilte sich die Zaya einstmals in zwei Flussarme: den Gießbach und den Mühlbach. Diese beiden nebeneinander verlaufenden Arme der Zaya vereinigten sich hinter der Ebendorfer Rohrmühle wieder in ein Bachbett, waren jedoch auf der Strecke des zweigeteilten Verlaufs immer wieder durch Kanäle miteinander verbunden. Heute verläuft die Zaya im Bachbett des einstigen Gießbachs und während der Mühlbach-Seitenarm im Gebiet der Katastralgemeinde Lanzendorf trockengelegt wurde, besteht dieser in Ebendorf bis heute und zweigt nunmehr unmittelbar nach der Misteleinmündung ab. Entlang dem heute nicht mehr existenten Lanzendorfer Teil des Mühlbachs, an der Adresse Grubenmühlstraße Nr. 29/31/31a-b (schräg vis-a-vis vom ehemaligen Gelände der Winzergenossenschaft), befand sich die Grubmühle.61 Die älteste urkundliche Erwähnung dieser Mühle findet sich in einem Urbar der Herrschaft Wilfersdorf und reicht zurück bis ins Jahr 1395. Aus einer Auflistung der Besitzer und Pächter der Grubmühle, erstellt von Hans Spreitzer, geht hervor, dass sich die Mühle auch immer wieder im Besitz von wohlhabenden Mistelbacher Bürgern befand und es dürfte sich um die „Hausmühle“ der liechtensteinischen Marktgemeinde Mistelbach gehandelt haben.62

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde ein Wirtshaus nahe der Mühle errichtet, schließlich galt es für die Kunden der Mühle häufig Wartezeiten zu überbrücken. Doch auch Prostitution soll hier ausgeübt worden sein, zumindest laut den Schilderungen eines in den 1980er Jahren erschienen Buches über die Weinviertler Mühlen.63 Eine Angabe konkreter Quellen zu diesem „Nebengewerbe“ fehlt zwar in der Publikation, allerdings tauchen Mühlen, wohl auch aufgrund ihrer meist abgeschiedenen Lage, bis in die Antike zurückreichend immer wieder als Orte auf in deren Umgebung Prostitution ausgeübt wurde und allgemein galt der Berufsstand der Müller in früherer Zeit oft als anrüchig und ehrlos.64 Laut Mitscha-Märheim gehörte das sogenannte „Öhrlwirtshaus“ oder „Lamplwirtshaus“ im Gegensatz zu anderen (jüngeren) Darstellungen zunächst nicht zur Mühle, sondern war vom damaligen Besitzer der Herrschaft Ebendorf 1726 erbaut worden.65 Auch Spreitzer erwähnt es in seinem Beitrag zur Mühle nicht und somit dürfte außer der Nachbarschaft und gemeinsamer Kundschaft zunächst keine weitere Verbindung zwischen Mühle und Wirtshaus bestanden haben. 1815 kam die Mühle in den Besitz der Zayamühlen-Dynastie Binder (ihr gehörten auch die nachfolgend gelegene Schlossmühle und Rohrmühle) und 1826 erwarb der Müllermeister Johann Binder auch das Wirtshaus, dass er verpachtete. Das Wirtshaus hatte sich im Laufe der Jahre jedoch zu einem Treffpunkt von Kriminellen entwickelt und hier wurde auch mit aus der Mühle gestohlenen Erzeugnissen gehandelt. Durch diese für Geschäft und Ruf abträgliche Entwicklung sah sich Binder genötigt, das Wirtshaus (vermutlich in den 1840er Jahren) abzureißen. 1874 übernahm Rupert Fürnkranz, ein Vertreter der Asparner Müllerdynastie Fürnkranz, die Mühle und nachdem er sie bereits 1885 offenbar erfolglos zum Verkauf angeboten hatte66, erwarb 1887 der Ebendorfer Gutsbesitzer Dr. Josef Ritter Mitscha von Märheim die Grubmühle. Dieser Kauf scheint strategischer Natur gewesen zu sein, denn Mitscha von Märheim ließ den Mahlbetrieb wenig später einstellen. Schließlich war er bereits zuvor in den Besitz der Schlossmühle gelangt und durch die Stilllegung der Grubmühle konnte ein Konkurrenzbetrieb in unmittelbarer Umgebung ausgeschalten werden und durch den Erwerb des mit der vorgelagerten Mühle verbundenen Wasserrechts war auch eine bessere Nutzung der Wasserkraft in der Schlossmühle möglich.

Der nach Stilllegung des Mühlbetriebs Grub(en)hof genannte Gebäudekomplex wurde fortan zur Unterbringung von Saisonarbeitskräften der Gutsverwaltung des Schlosses Ebendorf genutzt, vermutlich bis zum Zweiten Weltkrieg. Danach verfiel die Anlage zusehends und laut dem Bericht eines Nachfahrs der Familie Binder, der die Mühle im September 1958 besuchte, war sie bereits damals als Ruine zu bezeichnen und außerdem berichtete er davon, dass zu diesem Zeitpunkt bereits einige Nebengebäude abgetragen worden waren.67 Wenig später dürfte schließlich auch das Mühlengebäude sowie der Rest der Anlage geschliffen worden sein und auf dem straßenseitig gelegenen Teil des Areals wurden später zwei Einfamilienhäuser errichtet. Als einziger Teil des alten Mühlenensembles blieb ein altes rückwärtig gelegenes, einstöckiges Wohnhaus erhalten, das jedoch in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre der Errichtung einer Wohnhausanlage weichen musste.

Zur Mühle gehörten einst Wohn- und Wirtschaftsgebäude (Stadel, Ställe, Keller), ein Teich und mehrere in einem Haus untergebrachte Fischtanks, Gärten, Wiesen und Äcker.68 Fotos der Grubmühle sind nicht überliefert, nachfolgend daher eine Darstellung der Grubmühle und der dazugehörigen Anlagen auf dem franzeischen Kataster aus dem Jahre 1821:

Auf der obenstehenden Abbildung sind der u-förmige Mühlhof (Nr. 1), das bis vor kurzem bestandene Wohngebäude (Nr. 2), die Gärten (Nr. 3) und der Teich (Nr. 4) zu erkennen. Die letztgenannten Einrichtungen (2-4) befanden sich auf einer Art Insel, da der rechte Seitenarm der Zaya knapp 200 Meter oberhalb der Grubmühle nochmals geteilt wurde. Der untere gerade und künstlich angelegte Bachlauf führte unter der Mühle hindurch und trieb das Mühlrad an, während der obere eigentliche, natürliche Bachlauf als Umlaufgerinne diente. Da das oben erwähnte Wirtshaus auf dieser Darstellung nicht erkennbar ist, stellt sich die Frage, ob dieses zuletzt vielleicht in den Gebäudekomplex des Mühlhofes integriert war.

Der Weg zwischen Lanzendorf und Ebendorf hatte abgesehen von der Verbindung dieser beiden Orte keine übergeordnete verkehrstechnische Bedeutung und war daher bis Ende des 19. Jahrhunderts kaum ausgebaut. Somit war die Grubmühle mit Fuhrwerk einst nur von Lanzendorf aus erreichbar. Vor der Errichtung der Ebendorfer Schule besuchten die Ebendorfer Kinder die Schule in Lanzendorf und der schlechte Zustand dieses als Feldweges, der aufgrund der nahegelegenen Au oft sumpfig war und von dem man insbesondere im Winter leicht abkommen konnte, war ein Grund für die Errichtung einer eigenen Schule. Nachdem Mitscha von Märheim die Ebendorfer Schule 1880 auf eigene Kosten errichtet hatte, ließ er schließlich 1886 den Weg nach Lanzendorf befahrbar ausbauen und wandelte die umliegende Au in eine Parkanlage mit mehreren Teichen um.69 Obzwar die namensstiftende Mühle stets „Grubmühl“ hieß, wurde im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Lanzendorf der an ihrem einstigen Standort vorbeiführende Verbindungsstraße nach Ebendorf mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderates vom 27. Juni 1979 der Name „Grubenmühlstraße“ gegeben.70

Wo befindet sich die Grubenmühlstraße?

 

Quellen:

Der „Rubensdiebstahl“ von Mistelbach

Von Thomas Kruspel 16. Mai 2022 Aus

„Der Rubens von Mistelbach geraubt“ lautete eine Überschrift in der katholisch-konservativen Tageszeitung Reichspost vom 30. September 1922 und auch andere Blätter berichteten Ende September/Anfang Oktober 1922 zumindest in Randnotizen über den Diebstahl eines Gemäldes des Heiligen Sebastian aus der Mistelbacher Pfarrkirche.71 Dabei soll es sich um ein Werk des flämischen Meisters Peter Paul Rubens oder zumindest eines seiner frühen Schüler gehandelt haben. Die Einschätzung, dass es sich um ein Werk Rubens gehandelt habe basiert auf einer Notiz in der Pfarrchronik aus dem Jahr 1852 die vom damaligen Barnabiten-Propst Don Anton Maria Pfeiffer stammt. Pfeiffer soll ein Kunstkenner gewesen sein und die Eintragung steht in Zusammenhang mit der in diesem Jahr erfolgten Neugestaltung der Sebastianikapelle (Seitenaltar im linken Kirchenschiff) und bei dem gegenständlichen Kunstwerk handelte es sich um das Altarbild dieser Kapelle. 1914 wurde die Sebastianikapelle abermals renoviert und der akad. Maler Prof. Josef Reich wurde mit der Restaurierung des Gemäldes des hl. Sebastians betraut. Laut seiner fachkundigen Einschätzung soll es sich bei dem Bild hingegen um ein Werk von Tizian, Rubens großem Vorbild, gehandelt haben.72 Somit bleibt die Urheberschaft des Werks ungeklärt. Faktum ist allerdings, dass es sich um ein Werk von außergewöhnlichem künstlerischen (und damit wohl auch finanziellem) Wert gehandelt haben dürfte. Wie und wann das Bild in den Besitz der Pfarre kam, dazu ist nichts überliefert. Der namentlich nicht genannte Autor des oben bereits erwähnten Reichspost-Artikels vermutete eine Stiftung durch die Fürstenfamilie Liechtenstein und konstruierte auch eine Verbindung mit der einst dem heiligen Sebastian geweiht gewesenen Gruftkapelle, die bis 1784 zwischen der Pfarrkirche und der Katharinenkapelle (Karner) stand. Die Gruftkapelle, die unter der vermutlich ursprünglichen, im romanischen Stile erbauten, Pfarrkirche lag, war dem heiligen Sebastian geweiht, und erlangte Mitte des 18. Jahrhunderts als Ziel von Wallfahrten aufgrund einer wundertätigen Marienstatue unter dem Namen „Maria in der Gstetten“ (oder auch Maria in der Gruft) letztmalig Ruhm ehe sie den Reformen von Kaiser Josef II. zum Opfer fiel und abgetragen wurde. Ob das Bild einst tatsächlich in der Gruftkapelle hing bzw. ein Zusammenhang mit dem ebenfalls Ende des 15. Jahrhunderts vom Mistelbacher Marktrichter Schrembs gestifteten und für einige Jahrhunderte bestehenden Sebastiani-Benefizium existierte, kann nicht mehr geklärt werden.73

Der Diebstahl dürfte sich am Sonntag, dem 17. September 1922, und zwar in den Nachmittagsstunden bzw. der Nacht dieses Tages ereignet haben. Es wurde vermutet, dass der oder die Täter sich versteckt in der Kirche einsperren ließen, um so ihre Missetat ungestört begehen zu können. Mit einem Messer wurde das Bild aus dem Rahmen geschnitten, wobei zunächst offenbar versucht wurde das gesamte Bild aus dem Rahmen zu schneiden, letztlich beschränkten die Kunstdiebe sich dann jedoch auf die Abbildung des Heiligen und ein an den Ecken abgerundeter Abschnitt im oberen Bereich des Bildes blieb im Rahmen zurück. Darauf ist ein Engel zu sehen der dem Heiligen Kranz und Palmzweig – zwei ikonografische Attribute von Märtyrern – überreichte.

Der klägliche Rest vom „Mistelbacher Rubens-Bild“Der klägliche Rest vom „Mistelbacher Rubens-Bild“

Die Täter entkamen schließlich mithilfe einer in der Kirche befindlichen Leiter auf die Kanzel und gelangten von hier durch das Aufbrechen einer Türe in den Kirchenturm. Im Zuge des Messeläutens am nächsten Morgen entkamen sie offenbar unentdeckt ins Freie.74 Aufgrund der versteckten Lage in einem Seitenaltar wurde der Diebstahl erst eine Woche später durch Kirchenbesucher bemerkt und dies erklärt auch die Verzögerung mit der diese Nachricht in die Zeitungen gelangte. Den Tätern wird Fachkenntnis attestiert, da sie sich ganz gezielt diesem etwas versteckten, und auf den ersten Blick eher unscheinbaren Gemälde widmeten und andere wertvolle Gegenstände in der Kirche unberührt ließen. Aus diesem Grund wurde auch gemutmaßt, dass es sich um organisierten Kunstraub mit Verbindungen in den Kunsthandel gehandelt haben könnte.

Die Tat konnte nie aufgeklärt werden, und ebenso wie die Urheberschaft des Werks bleibt auch die Frage weshalb der oder die Täter letztlich nicht das gesamte Bild aus dem Rahmen schnitten bis heute unbeantwortet.

Zwecks Veranschaulichung, nachfolgend Darstellungen des heiligen Sebastian von den beiden oben erwähnten Meistern in bedeutenden Kunstsammlungen:

wikipedia/wiki-commons (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sebastian-rubens.jpg)Peter Paul Rubens: St. Sebastian (Gemäldegalerie Berlin)
Peter Paul Rubens, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Tizian: St. Sebastian (Eremitage St. Petersburg)
Titian, Public domain, via Wikimedia Commons

Bildnachweis:
Rest des „Mistelbacher Rubens“: zur Verfügung gestellt von Frau Christa Jakob
wikipedia/wiki-commons (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sebastian-rubens.jpg)
wikipedia/wiki-commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Titian_sebastian.jpg)

Quellen:

Wedragasse (Eibesthal)

Von Thomas Kruspel 9. Mai 2022 Aus

Im Zuge der Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Eibesthal beschloss der Mistelbacher Gemeinderat mit Beschluss vom 18. März 1983 die zur ehemaligen Wedra-Villa führende Zufahrtsstraße nach deren einstigen Besitzer Rudolf Wedra – Eibesthaler Oberlehrer, Begründer der Passionsspiele und später Reichsratsabgeordneter – zu benennen.

Wo befindet sich die Wedragasse?