Oberhoffer, Paul

Von Thomas Kruspel 11. Juli 2026 Aus

Marktrichter Paul Oberhoffer

Ölgemälde des Marktrichters Paul Oberhoffer aus dem Jahr 1701, dass sich heute im Stadtmuseumsarchiv befindet

geb. (um) 1624, Admont
gest. 10.9.1704, Mistelbach

Paul Oberhoffer wurde als Sohn des Landwirteehepaares Johann und Ursula Oberhoffer (vermutlich) 1624 im obersteirischen Admont geboren. Das Geburtsjahr ist aus der Altersangabe im pfarrlichen Sterbebucheintrag bzw. den damit übereinstimmenden Angaben auf einem Porträtgemälde abgeleitet.1

Taufbücher wurden in der Pfarre Admont  erst ab den 1630er Jahren geführt, weshalb das genaue Geburtsdatum nicht in Erfahrung gebracht werden kann und sich die bereits erwähnten Altersangaben einer Überprüfung entziehen. Seine Eltern waren Untertanen des Stifts Admont und mit dem Gehöft „Oberhof“, einem der ältesten Höfe der Gegend, der wahrscheinlich sogar zum ursprünglichen Stiftgut gehörte, belehnt. Der Familienname leitete sich offensichtlich von diesem Hof ab, und somit darf wohl angenommen werden, dass Oberhoffers Familie den Hof bereits seit einigen Generationen bewirtschaftete. Der alte Hof brannte 1873 ab und heute ist das Areal des Oberhofs verbaut und als „Oberhofsiedlung“ Teil des Ortsgebiets von Admont.2 Aus den Taufbüchern der Stiftspfarre Admont geht hervor, dass Oberhoffer jüngere Geschwister hatte, wir können allerdings wohl davon ausgehen, dass er auch ältere Geschwister – zumindest einen älteren Bruder – gehabt haben muss, der den Hof der Familie übernommen hat. Er erlernte den Beruf des Ledermachers (Gerber) und im Zuge der damals in den Handwerksberufen üblichen Wanderzeit für Gesellen dürfte Oberhoffer nach Mistelbach gekommen sein.

Am 7. Mai 1658 heiratete er hier Sophia Eybel, die Witwe nach dem im Jahr zuvor verstorbenen Lederermeister Johann Eybel3 und es scheint nicht unwahrscheinlich, dass Oberhofer zuvor bereits als Geselle bei Eybel beschäftigt war. Auch Johann Eybel soll ursprünglich aus der Steiermark gestammt haben und auch er hatte in den an der Adresse Liechtensteinstraße Nr. 2 (heute: Bestattung Pernold) ansässigen Ledererbetrieb eingeheiratet. Urkunden belegen, dass das Ledererhandwerk auf diesem Haus jedenfalls seit dem Jahr 1600 bestand, doch Prof. Hans Spreitzer vermutet, dass die Geschichte des Handwerks an diesem Standort länger zurückreichen dürfte. Die Ehe mit der Eybel-Witwe blieb kinderlos und als seine Gattin nach 23 Jahren Ehe im Jahre 1681 verstarb, ehelichte Oberhoffer Heĺlena Pruckner, die Tochter eines Hobersdorfer Schuhmachers.4 Schon sechs Monate nach der Eheschließung kam das erste Kind zur Welt – es sollte das erste von sieben Kindern sei. Bei der Geburt des jüngsten Kindes war Oberhoffer bereits 68 Jahre alt, doch überlebten von den zwei Söhnen und fünf Töchtern – wie damals leider keineswegs ungewöhnlich – viele nicht das Säuglings- bzw. Kleinkindalter.

Vor dem Jahr 1850 existierte das Amt des Marktrichters, dass als eine Art Vorläufer des Bürgermeisters angesehen werden kann. Allerdings war die Rolle des Marktrichters etwas komplexer, denn wie der Name nahelegt hatte das Marktgericht, dem er vorstand, neben Verwaltungsaufgaben auch Zuständigkeiten in der niederen Gerichtsbarkeit – also in der Rechtssprechung. Der Marktrichter war einerseits gewählter Vertreter der Marktbewohner und andererseits Teil der herrschaftlichen Verwaltung und an deren Weisungen gebunden. Er war also ein wenig Diener zweier Herren und musste bei den oftmals gegensätzlichen Interessenlagen vermitteln. Oberhoffer, der mindestens seit 1676 dem Marktgericht als Ratsmitglied (= Geschworener) angehörte, übte das Amt des Marktrichters von 1680 bis 1692 sowie von 1694 bis 1700 aus.5

Der Name Paul Oberhoffer bzw. sein Wirken als Marktrichter ist eng mit dem Prozess verbunden, den die Marktgemeinde Mistelbach mit dem Fürsten Liechtenstein um den rund 1000 Joch umfassenden Gemeindewald führte. Das Eigentum an den sogenannten „Dreizehn Holzleiten“ dürfte laut Prof. Mitscha-Märheim etwa Mitte des 15. Jahrhunderts von der Familie Liechtenstein entweder durch Kauf oder Schenkung auf die Gemeinde Mistelbach übergegangen sein.6 Laut der Denkschrift über den Waldprozess, von der später noch mehr zu erzählen sein wird, hat der Fürst 1606 begonnen die Mistelbacher an der Ausübung ihrer Eigentumsrechte zu hindern und um dieses Vorgehen zu rechtfertigen, bediente er sich einer List. Mithilfe seines Verwalters soll er Unterlagen – das sogenannte „Panbüchl“, das die Eigentumsrechte am Wald belegte, aus dem Besitz der Gemeinde entwendet haben. So schildert es die bereits erwähnte Denkschrift, die jedoch 80 Jahre nach dem angeblichen Entwenden der Unterlagen verfasst wurde und Prof. Hans Spreitzer hat in einer Abhandlung zu Oberhoffer schlüssig auf erhebliche Ungereimtheiten in dieser Darstellung hingewiesen.7 Fitzka stützte sich bei der Schilderung des Waldprozesses in seiner Geschichte der Stadt Mistelbach hingegen ausschließlich auf die Denkschrift und übernahm deren Angaben ohne sie zu hinterfragen. Doch zurück zum Ursprung des Waldprozesses: Die Mistelbacher ließen sich von den Verboten bzw. Drohungen des Fürsten Liechtenstein zunächst nicht von der Nutzung ihres Waldes abhalten und Strafen oder sonstige Konsequenzen blieben vorerst auch aus, da die Verwalter bzw. Förster des Fürsten offenbar ein Auge zudrückten und den Konflikt mit den Untertanen scheuten. Die wenig später losbrechenden Wirren des 30-jährigen Krieges, deren Höhepunkt der Einfall der Schweden in den 1640er Jahren darstellten, rückten diesen „kalten“ Konflikt dann ohnedies für Jahrzehnte in den Hintergrund.

Als sich die Lage wieder etwas stabilisiert hatte, setzte der nunmehrige Fürst Hartmann von Liechtenstein seine (vermeintlichen) Ansprüche auf den Gemeindewald energischer durch und forderte zunächst Geld für die Nutzung des Waldes bzw. verbot später jegliche Nutzung. Mitte der 1660er Jahre spitzte sich der Konflikt zwischen den Mistelbachern und der Herrschaft Liechtenstein schließlich zu, da neben dem Streit um die Entziehung des Waldes weitere Missstände für Unmut sorgten. Die Mistelbacher sahen sich durch:
-) übermäßigen Robot (=Arbeitsdienstleistung für die die Untertanen der Herrschaft zur Verfügung zu stehen hatten),
-) Abnahmeverpflichtungen von herrschaftlichem „Panwein“ durch die Gemeinde, der jedoch, da dieser überteuert und ungenießbar war nicht weiterverkauft werden konnte,
-) zu hohe Steuerbelastung der Gemeinde,
-) mangelhafter Instandhaltung der Wege und Stege für die die Herrschaft Maut einhebt,
-) Schlechterstellung bei Weiderechten gegenüber dem Vieh der Herrschaft
über Gebühr belastet und in ihren Rechten verletzt. Zu Beginn des Jahres 1666 suchten die Mistelbach schließlich den Rat des renommierten Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Georg Wochinitz, der eine ausführliche Beschwerdeschrift verfasste und im März 1666 überreichte eine große Anzahl an Mistelbacher Bürger – es sollen mehr als 100 gewesen sein – dieses Schriftstück dem Kaiser persönlich im Rahmen einer Audienz. Ungeachtet der etwas widersprüchlichen Quellenlage können wir wohl jedenfalls davon ausgehen, dass auch Oberhoffer bei dieser Audienz zugegen war.8 Bei Hofe kam der Auftritt in großer Zahl gar nicht gut an, doch man fürchtete, dass ein einzelner Vertreter oder eine kleine Abordnung als Rädelsführer in Arrest genommen würden.

Am 15. April 1666 begann dann schließlich eine Verhandlung an der elf Mistelbacher Bürger als Abgeordnete teilnahmen – unter ihnen befand sich auch Paul Oberhoffer. Die Teilnahme an der Verhandlung in Wien nahm einige Zeit in Anspruch und es ist wohl anzunehmen, dass sich die Vertreter Mistelbachs abwechselten um weiterhin ihren Berufen nachgehen zu können. Im März 1667 kam es zu einer ersten Entscheidung durch die niederösterreichische Regierung, die der Gemeinde in allen Beschwerdepunkten grundsätzlich recht gab, sie allerdings zur Klärung der beiden bedeutendsten Punkte, nämlich betreffend das Eigentum am Wald und die Steuerbelastung, lediglich auf den Prozessweg verwies. Dr. Wochinitz überzeugte die Gemeinde sich auf einen mit weiterem Aufwand und ungewissem Ausgang verbundenen Prozess einzulassen und im Gemeindearchiv wurde tatsächlich eine Urkunde gefunden, die die Mistelbacher Ansprüche auf den Wald untermauern sollte. Außerdem sollten die ältesten Bewohner der nahe am Wald gelegenen Ortschaft Hörersdorf im Zuge des Prozesses unter Eid über die (einstige) Nutzung des Waldes Auskunft geben. Zweifellos musste es für die Mistelbacher auch ermutigend gewirkt haben, dass die Eibesthaler rund zehn Jahre zuvor in einem ähnlichen Rechtsstreit – ebenfalls um Waldbesitz – gegen den Fürsten Liechtenstein obsiegt hatten.

Während dem laufenden Prozess zu den beiden noch offenen Streitpunkten setzte sich die Herrschaft über die Entscheidung der Landesregierung betreffend die Höhe des Entgelts für den Panwein hinweg und schickte Personal nach Mistelbach um die vermeintliche Schuld im Wege der Exekution einzutreiben. Nach einer Beschwerde der Gemeinde erhielt die Herrschaft den Befehl die Exekutionsmannschaft abzuberufen, und unwillig fügten sich die Amtsmänner des Fürsten dieser Anordnung. Als Rache nahmen sie Paul Oberhoffer und Jakob Zerritsch (ebenfalls Marktrichter zu jener Zeit und einer der maßgeblichen Führer im Prozess) unter Arrest und führten die beiden nach Wilfersdorf. Die als Faustpfand gehaltenen Mistelbacher Bürger mussten schließlich auf Befehl der Landesregierung freigelassen werden und bezüglich der Abnahme des Panweins fügte sich der Fürst schließlich in einen Vergleich. Ohne Rücksicht auf den laufenden Prozess trieb die Grundherrschaft die Steuer mit aller Gewalt ein und die Mistelbacher Bürger Jakob Zerritsch, Johann Gradtwohl, Gregor Plaß und – wohl wenig überraschend – Paul Oberhoffer, die sich diesen Maßnahmen widersetzten wurden in den Arrest nach Wilfersdorf abgeführt. Dieser Arrest dürfte etwas länger gedauert haben, sodass die Mistelbacher bereits erwogen den Prozess betreffend die Steuern zu beenden, in der Hoffnung damit die Freilassung der Mistelbacher Bürger zu erwirken. Schließlich kam es im Rahmen eines Vergleichs zur Minderung der Steuerlast, den der zuvor noch im Arrest festgehaltene Oberhoffer als einer der Vertreter der Marktgemeinde abschloss.

Am 31. August 1677 kam endlich die langersehnte Entscheidung wonach der Fürst den Wald der Marktgemeinde zurückgeben müsse bzw. die freie Nutzung ihres Eigentums nicht beschränken dürfe. Der Fürst legte jedoch Revision gegen das Urteil ein und selbige wurde erst im Jänner 1679 endgültig abgelehnt. Am 5. April 1679 fand schließlich die Übergabe bzw. Einantwortung des Waldes im Rahmen einer gerichtlichen Tagsatzung im Mistelbacher Wald statt. Doch im Zuge dieses Termins kam es dann neuerlich zu einem Streit, da der Fürst das sogenannte „Vorholz“ – das nach Auffassung der Gemeinde Teil des prozessgegenständlichen Waldes war – für sich reklamierte bzw. die Nutzung durch die Gemeinde beeinspruchte. Obwohl der Wald immer als Einheit angesehen worden war ließen sich die Mistelbacher schließlich auf einen Vergleich ein und traten etwa 10% des Waldes an den Fürsten ab, da der 16 Jahre dauernde Prozess große Kosten, mühsame Reisen und Unannehmlichkeiten (Arrestaufenthalte) mit sich gebracht hatte und wählten damit das kleinere Übel. Die Rückreise von der Tagsatzung am 26. Jänner 1682 in Wien in deren Rahmen man den Vergleich schloss, verzögerte sich aufgrund eines außergewöhnlichen Hochwassers und beinahe wären die Mistelbacher Abgeordneten bei der Überquerung der Donau ertrunken.

Im Jahre 1686 – also vier Jahre nach Abschluss des Prozesses – wurde unter dem damaligen Marktrichter Paul Oberhoffer eine Denkschrift über den Waldprozess abgefasst und zum Schlusse selbiger werden besonders die Verdienste der Herren Paul Oberhoffer, Paul Piechler, Jakob Zerritsch, Johann Stigholzer, Joachim Hönig und Mathias Kundt lobend erwähnt, die sich am meisten für die gerechte Sache eingesetzt hätten. Dem mit großem Einsatz geführten Prozess, der der Gemeinde ihren wichtigsten Besitz gewahrt hatte, sollte jährlich mit der feierlichen Verlesung der Denkschrift gedacht werden. Tatsächlich kam es seither nur sehr sporadisch, und zwar lediglich in den Jahren 1698, 1729, 1750, 1761, 1779 und 1948 zur Verlesung derselben.9

Das heutige Mistelbach bestand bis zum Jahr 1850 aus zwei selbstständigen Gemeinden: der liechtensteinischen Marktgemeinde und der barnabitischen Pfarrholdengemeinde. Diese Teilung war durch das damalige Grundherrschaftsystem bedingt und das sich ein Ort aus mehreren Gemeinden zusammensetzte, war zwar nicht häufig, aber keineswegs außergewöhnlich (siehe zB auch Gaweinstal). Immer wieder kam es zu Streitigkeiten zwischen den beiden Gemeinden, wobei die Pfarrholdengemeinde deutlich kleiner war. Auch die Amtszeit Oberhoffers als Marktrichter war durch Streitigkeiten mit der Pfarrholdengemeinde bzw. dem Barnabitenpropst als ihrem Grundherren geprägt, denn seit jeher sorgte die Kostaufteilung bspw. betreffend Schule, Kirche, Erhaltung von Wegen und Eingriffe in die Vorrechte des Marktes für Streit und Klagen. Doch abseits von Streitigkeiten entstanden in Oberhoffers Amtszeit als Marktrichter auch bis heute das Bild der Stadt prägende Bauten: 1680/81 die Dreifaltigkeitssäule auf dem Hauptplatz, sowie 1696 die zur Kirche führende Marktstiege.

 

Gemälde des Marktrichters Paul Oberhofer im Jahre 1701
Paul Oberhoffer in seinem 77. Lebensjahr auf einem Ölgemälde, das viele Jahre im Rathaus hing und sich nunmehr im StadtMuseumsarchiv befindet

Der verdiente Marktrichter Paul Oberhoffer verstarb am 10. September des Jahres 1704 im Alter von 80 Jahren.10

In Vergessenheit geriet Oberhoffer nicht – dafür sorgte obenstehendes Porträt, dass über Jahrhunderte in der Gemeindestube hing und zur Erinnerung an den gewesenen Marktrichter bedurfte es offenbar gar nicht der Arbeiten der Pioniere der Mistelbacher Geschichtsforschung Josef Glier (Ende der 1880er), Karl Fitzka und Clemens Czacha (beide ab Ende der 1890er Jahre). Ein unzweifelhafter Beleg für Oberhoffers Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung ist nämlich die Tatsache, dass 1884 und somit 14 Jahre vor der Einführung offizieller Straßennamen in Mistelbach die heutige Oberhoferstraße in einem Bericht des Untermanhartsberger Kreis-Blattes bereits als „Oberhoffer-Gasse“ bezeichnet wurde.11 Seit wann diese Bezeichnung gebräuchlich war, ist allerdings unklar. Vor der offiziellen Einführung von Straßennamen und eines Orientierungsnummernsystems im Jahr 1898 waren natürlich auch bereits informelle Straßenbezeichnungen gebräuchlich, außergewöhnlich ist jedoch die Benennung nach einer Person, etwas dass damals völlig unüblich war und für das es auch kein anderes Beispiel gibt. Im Zuge der Einführung offizieller Straßennamen im Jahre 1898 wurde der Name schließlich übernommen12 und das zweite „f“ ging bereits wenige Jahre später verloren, sodass sich die heute gebräuchliche Schreibweise „Oberhoferstraße“ bald durchsetzte. Zur Frage der Schreibweise „Oberhoffer“ vs. „Oberhofer“ muss allerdings festgehalten werden, dass sich letztere auch bereits in den Pfarrmatriken findet.

Zum Abschluss ist es notwendig sich kritisch mit der Darstellung Oberhoffers bei Fitzka auseinanderzusetzen, da diese bis heute das Bild des einstigen Marktrichters prägt. Fitzka stützt sich bei seiner Schilderung ausschließlich auf die Gedenkschrift, die während der Amtszeit von Oberhoffer verfasst wurde und in der er und sein Wirken besonders hervorgehoben wurde. Es wurde bereits auf bestimmte Ungereimtheiten in der Denkschrift hingewiesen und darüber hinaus saß Fitzka auch manch weiterer Fehlinformation auf, zum Beispiel, wenn er zu Oberhoffer schreibt: „Der Nachlass war ganz unbedeutend. Oberhoffer hat sich für die Gemeinde geopfert.“13 Zweifellos hat sich Oberhoffer als langjähriger Marktrichter und durch seinen Einsatz im Prozess um den Gemeindewald – nicht zuletzt aufgrund der erduldeten Arreststrafen – große Verdienste um die Gemeinde Mistelbach erworben. Prof. Hans Spreitzer widerlegte allerdings bereits in den 1950er Jahren das von Fitzka gezeichnete Heldenbild Oberhoffers, der sich dabei völlig aufgeopfert und finanziell ruiniert hätte. Spreitzers Recherchen belegen, dass Oberhoffer keineswegs mittellos verstarb und seinen Erben durchaus stattlichen Besitz hinterließ. Außerdem sei Oberhoffer zunächst auch nicht unter den Prozessbefürwortern gewesen, und Spreitzer sieht es kritisch, dass ein Einzelner aus dem Kreis verdienter Männer derart hervorgehoben wird. Seiner Meinung nach sei die tatsächlich treibende Kraft auf Seiten der Mistelbacher hingegen vielmehr der bereits oben mehrfach erwähnte zeitweilige Marktrichter Jakob Zerritsch gewesen, der so wie Oberhoffer von Beruf Lederermeister war. Zerritsch hätte es seiner Einschätzung nach also mindestens ebenso, wenn nicht sogar noch mehr, verdient wie Oberhoffer gewürdigt zu werden. Spreitzer unterstellt Fitzka keine böse Absicht, aber indirekt doch, dass er Oberhoffer ganz bewusst in einer dem Zeitgeist entsprechenden romantisierenden Art und Weise zum Ideal des Bürgers und Gemeindevorstehers verklärte. Diesbezüglich begnügt sich Prof. Spreitzer allerdings nur mit Andeutungen und verweist auf einen geplanten ausführlichen Beitrag über den Waldprozess, der allerdings nie erschien.14

Der von Fitzka befeuerte Heldenmythos um Oberhoffer zeigte auch noch Jahrzehnte später Wirkung als der 1947 unter kommunistischem Einfluss stehende „Mistelbacher Bote“ an Oberhoffers Verdienste erinnerte, und ihn in ideologischer aufgeladener Sprache als „Kämpfer gegen fürstliche Willkür und Gewalt“ und wahren „Volksbürgermeister“ beschrieb.15

Auf Initiative Karl Fitzkas beschloss der Gemeinderat im Jahr 1910 die Errichtung eines Gedenksteins zur Erinnerung an den Waldprozess. Dieser Gedenkstein wurde am Beginn des Gemeindewalds bei der Jägerhütte (später: Waldschenke) aufgestellt und wenige Monate später wurde auf das Denkmal noch eine Büste des Marktrichters Oberhoffer aufgesetzt. Gedenkstein und Büste sind Werke des Mistelbacher Bildhauers Dominik Fill.16

Der Gründer des Mistelbacher Heimatmuseums Karl Fitzka vor dem von ihm angeregten Gedenkstein für den Waldprozess, auf dessen Spitze sich eine Büste des Marktrichters Paul Oberhoffer befindet
Der Gründer des Mistelbacher Heimatmuseums Karl Fitzka vor dem von ihm angeregten Gedenkstein für den Waldprozess, auf dessen Spitze sich eine Büste des Marktrichters Paul Oberhoffer befindet

 

Der Gedenkstein im Mistelbacher Wald im Jahre 2016
Der Gedenkstein im Mistelbacher Wald im Jahre 2016

 

Wo befindet sich die Oberhoferstraße?

 

Bildnachweis:
-) Portrait Oberhoffer: StadtMuseumsarchiv
-) Gedenkstein 1911: StadtMuseumsarchiv
-) Gedenkstein 2016: Thomas Kruspel (2016)

 

Quellen:

-) Spreitzer, Prof. Hans: „Das Bekleidungshandwerkt in Alt-Mistelbach“ (3. – 6. Fortsetzung) In: Mistelbacher Bote, Nr. 18/1956, S. 2,
Mistelbacher Bote, Nr. 19/1956, S. 2,
Mistelbacher Bote, Nr. 20/1956, S. 2,
Mistelbacher Bote, Nr. 21/1956, S. 2,
-) Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 174ff
-) Thiel, Franz: „Familiennamen aus dem großen Waldprozess“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (ca. 1968), S. 489ff
-) Glier, Josef: Der politische Bezirk Mistelbach – ein Beitrag zur Heimathskunde für Schule und Haus (1889), S. 190ff (Online in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek)
-) Czacha, Don Clemens: Art. Mistelbach In: Verein für Landeskunde von Niederösterreich (Hrsg.): Topographie von Niederösterreich, Band VI, Heft 9-11 (1906), S. 613f

  1. Pfarre Mistelbach: Sterbebuch (1701-1733), Fol. 18
    Eintrag Sterbebuch Pfarre Mistelbach (matricula online) ↩︎
  2. Ennstalwiki – Art. „Historische Gebäude in Admont“ ↩︎
  3. Pfarre Mistelbach: Trauungsbuch (1637-1662), Fol. 313
    Eintrag Trauungsbuch Pfarre Mistelbach (matricula online) ↩︎
  4. Pfarre Mistelbach: Trauungsbuch (1662-1701), Fol. 210
    Eintrag Trauungsbuch Pfarre Mistelbach (matricula online) ↩︎
  5. Spreitzer, Prof. Hans: „Die Mistelbacher Marktrichter“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (1964), S. 206f, 211 (Anm.: In Spreitzer, Prof. Hans: „Das Bekleidungshandwerkt in Alt-Mistelbach – 6. Fortsetzung“ (Mistelbacher Bote, Nr. 21/1956, S. 2) wird die Amtszeit Oberhoffers nur sehr vage angegeben und zum Teil widersprechen die dortigen Angaben der Darstellung im Beitrag „Die Mistelbacher Marktrichter“. Nachdem dieser rund acht Jahre später erschienen ist, muss der für eine seine penible Recherchearbeit bekannte Prof. Spreitzer zwischenzeitlich auf umfangreiches und eindeutigeres Quellenmaterial gestoßen sein und stets sollten die jüngsten Ergebnisse seiner Forschungsarbeit als maßgeblich betrachtet werden.)
    ↩︎
  6. Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: „Wie kamen die Mistelbacher zu ihrem Wald?“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band II (1972), S. 129-130 ↩︎
  7. Spreitzer, Prof. Hans: „Das Bekleidungshandwerk in Alt-Mistelbach“ (3. – 6. Fortsetzung) In: Mistelbacher Bote, Nr. 19/1956, S. 2 bzw. Mistelbacher Bote, Nr. 20/1956, S. 2 ↩︎
  8. Hierbei ist anzumerken, dass Glier in seiner 1889 erschienen Bezirkskunde sieben Mistelbacher Bürger nennt, die bei diese Audienz zugegen gewesen seien: Herbert Wolf, Georg Pauer, Hans Misch, Hans Prandstetter, Johann Steiner, Benedict Pach und Paul Oberhoffer – siehe Glier, Josef: Der politische Bezirk Mistelbach – ein Beitrag zur Heimathskunde für Schule und Haus (1889), S. 191 (Online in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek). Fitzka, der sich hingegen (ausschließlich) auf die überlieferte Denkschrift stützt, berichtet lediglich von „… eine[r] großen Anzahl von Bürgern, die Namen derselben sind nicht angegeben…“ – siehe Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 175;
    Thiel stützt sich auf Akten der liechtensteinischen Herrschaft und führt 120 Personen an die damals in Wien dabei gewesen sein sollen: Thiel, Franz: „Familiennamen aus dem großen Waldprozess“ In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I (ca. 1968), S. 489ff ↩︎
  9. Neben den hier angeführten Verlesungen: Jakob, Christa: Kulturdenkmäler Mistelbach, Band I (2015), S. 370 – ist eine solche jedenfalls auch für das Jahr 1948 belegt: Mistelbacher Bote, Nr. 11/1948, S. 1 (ONB: ANNO) ↩︎
  10. Pfarre Mistelbach: Sterbebuch (1701-1733), Fol. 18
    Eintrag Sterbebuch Pfarre Mistelbach (matricula online) ↩︎
  11. Untermanhartsberger Kreis-Blatt, Nr. 7/1884 S. 3 ↩︎
  12. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 238 ↩︎
  13. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 230 ↩︎
  14. Spreitzer, Prof. Hans: „Das Bekleidungshandwerk in Alt-Mistelbach“ (3. – 4. Fortsetzung) In: Mistelbacher Bote, Nr. 19/1956, S. 2 bzw. Mistelbacher Bote, Nr. 20/1956, S. 2 ↩︎
  15. Mistelbacher Bote, Nr. 4/1947, S. 2 (ONB: ANNO) ↩︎
  16. Protokoll über die öffentliche Ausschußsitzung der Stadtgemeinde Mistelbach am 13. Mai 1910 In: Mistelbacher Bote, Nr. 24/1910, S. 3 (ONB: ANNO);
    Protokoll über die öffentliche Ausschußsitzung der Stadtgemeinde Mistelbach am 12. Oktober 1910 In: Mistelbacher Bote, Nr. 43/1910, S. 2 (ONB: ANNO);
    Protokoll über die öffentliche Ausschußsitzung der Stadtgemeinde Mistelbach am 20. Mai 1911 In: Mistelbacher Bote, Nr. 24/1911, S. 4 (ONB: ANNO) ↩︎

Josef Dunkl-Straße

Von Thomas Kruspel 1. Juli 2026 Aus

Seit jeher bildete die heutige Josef Dunkl-Straße in Verbindung mit der Bahnstraße die Ein- bzw. Ausfahrtsstraße Richtung Westen und sie ist damit Teil der Ost-West-Verkehrsachse durch die Stadt. Erst nach der Eröffnung der Bahnstrecke im Jahre 1870 wurde die bis dahin nur spärlich verbaute Bahnstraße sukzessive baulich erschlossen und in der Josef Dunkl-Straße entstanden erste Bauten schließlich in den 1890er Jahren.1 In letzterer zählten dazu Holzhandlungen mit großen Lagerplätzen (auf den heutigen Nr. 9 und 11: Josias Eißler und Söhne, auf Nr. 17 und 19: Ludwig Abeles/Berthold Pisk), die sich ursprünglich im Bereich der unteren Bahnstraße befanden und die aufgrund der wachsenden Stadt nun etwas weiter außerhalb neu angelegt wurden. Näheres zur Geschichte der Holzhandlung Josias Eißler findet sich übrigens im Beitrag zur Quergasse. Prof. Hans Spreitzer schreibt in einem 1955 in der Mistelbacher-Laaer Zeitung erschienenen Artikel unter dem Titel „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“, dass für die heutige Josef Dunkl-Straße früher (wann genau erwähnt er nicht) der heute anderweitig vergebene Name „Hüttendorfer Weg“ gebräuchlich gewesen sei.2 Natürlich führt die Straße Richtung Hüttendorf, doch den kürzesten Weg in den Nachbarort bildete der heutige „Hüttendorfer Weg“ – ein Feldweg der tatsächlich oberhalb des Hüttendorfer Wegs verläuft – also die Fortsetzung des Differtenwegs und der heute unter der Bezeichnung „Am Auweg“ im Kreuzungsbereich am Ortseingang von Hüttendorf endet. Für (schwere) Fuhrwerke war dieser über einen Höhenrücken führende Weg wohl nur mäßig geeignet, aber als Fußweg stellt er bis heute die schnellste Verbindung zwischen Hüttendorf und Mistelbach dar. In den 1890er Jahren findet sich für die bereits erwähnten Holzhandlungen gelegentlich die Adressbezeichnung „Paasdorferstraße“3, doch erhielt die heutige Josef Dunkl-Straße im Zuge der Einführung offizieller Straßennamen und der Etablierung eines Orientierungsnummernsystems im Jahre 1898 den Namen „Wienerstraße“ (gelegentlich auch in der Schreibweise „Wiener Straße).4 Der Postverkehr führte in früherer Zeit tatsächlich über Hüttendorf, Paasdorf und weiter über das Kreuttal Richtung Wien – ähnlich der Bahnstrecke – und somit liegt es nahe, dass dieser Name auch bereits früher gebräuchlich war. Trotzdem einst auch die in Richtung Wilfersdorf, und damit zur Brünner Straße, führende Liechtensteinstraße zeitweilig als „Wiener Straße“ bezeichnet wurde, war die Route über die heutige Josef Dunkl-Straße bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Verkehrsweg Richtung Wien.

Erst mit der Errichtung des Gaswerks im Jahre 1902 und der Eröffnung Landesbahn im Jahre 1906 nahm die bauliche Erschließung der damaligen Wienerstraße langsam an Fahrt auf. Ursprünglich endete die Bahnstraße linksseitig an jenem Punkt an dem die heutige Josef Dunkl-Straße abzweigt, also auf Höhe des Hauses Bahnstraße Nr. 41 (nunmehr Teil eines großen Wohnbaukomplexes), und ihre fortlaufende Nummerierung setzte sich dann mit der Bahnhofsrestauration (zuletzt Gasthaus Zur Linde) mit der Adresse Bahnstraße Nr. 43 fort. Somit entsprach die Adresse der heutigen Häuser Bahnstraße 43, 45 und 47 ursprünglich den Hausnummern 1, 3 und 5 in der Wienerstraße (Josef Dunkl-Straße). Dies änderte sich zu einem nicht näher überlieferten Zeitpunkt zwischen 1900 und 1912 sorgte dafür, dass sich die bis dahin vergebenen linksseitigen (= ungeraden) Hausnummern in der Wienerstraße nachträglich jeweils um die Zahl sechs reduzierten (z.B. wurde aus der Hausnummer 19, die Hausnummer 13).5

Anlässlich des 25-jährigen Amtsjubiläums von Bürgermeister Josef Dunkl jun. wurde im November 1936 die Wienerstraße in Josef-Dunkl-Straße umbenannt.6 Zahlreiche Bauwerke entlang dieser Straße (so wie beinahe alle bedeutenden Bauwerke in Mistelbach aus der Zeit zwischen 1890 und 1938) wurden von Dunkl, der im Zivilberuf Baumeister war, errichtet bzw. zum Teil auch geplant. Fälschlicherweise ging man bisher davon aus, dass die Benennung der Straße nach Dunkl erst nach dessen Tod im Jahre 1938 erfolgt sei.7

Einige bedeutende und zum Teil abgekommene Bauwerke in der Josef Dunkl-Straße werden nachfolgend aufgelistet:

Nr. 1: Anlässlich des 60-jährigen Bestandsjubiläums errichtete die Sparkasse Mistelbach im Jahre 1929 hier ein modern gestaltetes Wohngebäude für ihre Angestellten.8

Das Wohnhaus der Sparkasse Anfang der 1930er Jahre (damals noch Wienerstr. 1), im Hintergrund die Häuser Nr. 3 und Nr. 5
Das Wohnhaus der Sparkasse Anfang der 1930er Jahre (damals noch Wienerstr. 1), im Hintergrund die Häuser Nr. 3 und Nr. 5

Nr. 2: Das 1958 errichtete Gebäude der Arbeiterkammer, das seither mehrfach ausgebaut bzw. erweitert wurde.

Das Gebäude der Arbeiterkammer zu Beginn der 1970er Jahre (Foto: Wilhelm Mliko/Stadtmuseumsarchiv)
Das Gebäude der Arbeiterkammer zu Beginn der 1970er Jahre (Foto: Wilhelm Mliko/Stadtmuseumsarchiv Mistelbach)

Nr. 4: Das 1906 erbaute und zum Bahnkomplex gehörende Gebäude der Streckenleitung, das später auch Wohngebäude für Eisenbahnerfamilien diente.9

Nr. 10 bzw 10a: 1897 ließ sich hier der Holzhändler und Vorsteher der Israeltischen Kultusgemeinde Mistelbach Ludwig Abeles eine Villa errichten. Diese verkaufte er 1917 an seinen Schwager Berthold Pisk, der selbige im Jahre 1937 an den Krankenhausleiter Primarius Dr. Otto Bsteh verkaufte.10 Während der Kampfhandlungen im April 1945 geriet die “Bsteh-Villa” in Brand und wurde völlig zerstört. Das Grundstück wurde in weiterer Folge geteilt und während auf Nr. 10a in den Jahren 1964-65 zwei Häuser der Wohnbaugenossenschaft Frieden errichtet wurden, entstand auf Nr. 10 das Geschäft des Büchsenmachers Zimmermann.11

Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 zeigt den Landesbahnpark, der sich einst auf beiden Seiten der heutigen Josef  Dunkl-Straße erstreckte. Im Vordergrund am linken Bildrand ist ein Teil der Villa mit der Hausnummer 10 zu erkennen.
Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 zeigt den Landesbahnpark, der sich einst auf beiden Seiten der heutigen Josef Dunkl-Straße erstreckte. Im Vordergrund am linken Bildrand ist ein Teil der Villa mit der Hausnummer 10 zu erkennen.

Landesbahnpark: diese 1908 errichtete Parkanlage erstreckte sich bis in die 1960er Jahre auf beiden Seiten der Straße. Mehr dazu bzw. zur Entstehung dieser Anlage findet sich im Beitrag Landesbahnpark

Nr. 12, 14, 16: Diese Wohnhäuser wurden von Baumeister Josef Dunkl etwa im Zeitraum 1906 bis 1912 errichtet.

Von rechts nach links: die Häuser Josef Dunkl-Straße 12, 14 und 16 auf einer vom Buchhändler Anton Kapitan herausgegebenen Ansichtskarte um 1910.

Nr. 24: Hier befand sich einst das 1902 errichtete städtische Gaswerk. Mittels Kohlevergasung wurde aus Steinkohle Leuchtgas hergestellt, dass zur Beleuchtung von Straßenlaternen, sowie in Wohnhäusern als Lichtquelle, zum Heizen sowie zum Kochen verwendet wurde. Mit der zunehmenden Verbreitung der Elektrizität als Lichtquelle in der Zwischenkriegszeit und mit dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Energiequelle durchsetzenden Erdgas zog die Stadt Mistelbach die Konsequenzen und veräußerte das Gaswerk 1957 an die NIOGAS (einen der Vorläufer der heutigen EVN) und Versorgung erfolgte nunmehr ausschließlich mit Erdgas. Das Gelände wird bis heute von EVN bzw. Netz NÖ genutzt, aber von den Gebäuden des Gaswerks existiert heute keines mehr. Die Geschichte des Gaswerks wird im Zuge des Beitrags zur Gaswerkstraße näher behandelt.

Wo befindet sich die Josef Dunkl-Straße?

Bildnachweis:

-) sämtliche Ansichtskarten: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Foto der Arbeiterkammer: Wilhelm Mliko, Fotoarchiv Mliko im Stadtmuseumsarchiv Mistelbach

Quellen:

  1. Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 424, 451 ↩︎
  2. Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 38/1955, S. 2 ↩︎
  3. Bote aus Mistelbach, Nr. 16/1896, S. 14 (ONB: ANNO) ↩︎
  4. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 238 ↩︎
  5. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 277 – Das rund 30 Jahre nach der Einführung der Straßenbezeichnungen erbaute Haus Wienerstraße (Josef Dunkl-Straße) erhielt die Hausnummer 1, während in Fitzkas erstem Band noch das heutige Haus Bahnstraße Nr. 43 diese Nr. aufweist. Dadurch lässt sich auch die Verschiebung der Hausnummern betreffend die Bahnhofsrestauration (zuletzt Gasthaus Zur Linde) erklären, die in Fitzkas erstem Band noch die Adresse Bahnstraße 43 hat, heute jedoch die Adresse Bahnstraße 49 führt. Diese Adressänderung muss bereits vor 1912 erfolgt sein, weil das erst nach der Jahrhundertwende erbaute Haus Bahnstraße Nr. 47 (ursprünglich war für dieses Grundstück die Hausnr. Wiener Straße 5 vorgesehen) in Fitzkas zweitem Band bereits mit seiner heutigen Adresse aufscheint. Bei der nachträglichen Änderung der Häusernummerierung handelt es sich auch um keinen Einzelfall – siehe hierzu das Haus Oserstraße Nr. 15 im Beitrag zu den Meeß-Häusern ↩︎
  6. Mistelbacher Bote, Nr. 49/1938, S. 4 (ONB: ANNO) ↩︎
  7. Leithner, Johann: „Über unsere Straßennamen und deren Bedeutung“ In: Exl, Mag. Engelbert: 125 Jahre Stadt Mistelbach – Ein Lesebuch (1999), S. 245;
    Spreitzer, Johann: „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“ In: Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 38/1955, S. 2 (Anm.: Spreitzer vermutete eine Bennung erst im Jahre 1945) ↩︎
  8. Festschrift 100 Jahre Sparkasse der Stadt Mistelbach In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart (1968), S. 518 ↩︎
  9. Englisch, Alfred (Stadt-Museumsarchiv Mistelbach): 150 Jahre Ostbahn in Mistelbach – 1870-2020 (2020), S. 95 ↩︎
  10. Höfler, Ida Olga: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituelle Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach, Band II (2017), S. 424 ↩︎
  11. Bei Göstl, Georg/ Leithner, Johann/ Weidlich, Alfred/ Steiner, Oskar/ Kummer, Johann: „Mistelbacher Chronik von 1914 bis 1988“, Band IV (1989) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 47 findet sich die Information, dass die „Frieden“-Wohnhäuser in der Josef Dunkl-Straße 10a bereits 1962 erbaut worden seien. Dies ist falsch oder zumindest irreführend, denn fertiggestellt wurden sie jedenfalls erst 1964/65 – siehe hierzu die Ausführungen im Beitrag zum Landesbahnpark ↩︎

Steggasse

Von Thomas Kruspel 24. Juni 2026 Aus

Die Steggasse verbindet die Annagasse mit der Kreuzgasse und verläuft zum Teil entlang des alten Pfarrstadels und des Pfarrgartens. Sie begrenzt damit das in seiner heutigen Form Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts entstandene Pfarrhofareal in nördlicher Richtung. Wie bereits erwähnt verläuft die Steggasse teils an der Mauer des Pfarrgartens und dessen Einfriedung wurde unter Pfarrer Jakob Lambert bereits in den 1590er Jahren errichtet.1

Vor der Überdeckung der Mistel im Ortsgebiet (1973-1982) und der bald darauf folgenden Schaffung der „Grünen Straße“ existierten mehrere Brücken, Stege und vor der Mistelregulierung sogar eine Furt, die eine Überquerung des Bachs ermöglichten. Wie der Name bereits nahelegt, führte die Steggasse über einen Steg und ein solcher war im Gegensatz zu Brücken ausschließlich für Fußgänger benutzbar. Die schmale Steggasse, die heute die „Grüne Straße“ kreuzt, war also seit jeher – mit Ausnahme der Möglichkeit von Zufahrten im Bereich des Pfarrstadels – nicht (durchgängig) befahrbar.

Ein alter Plan des Pfarrhofgeländes aus dem Jahr 1737: zur besseren Orientierung wurde neben der Steggasse (grün), auch die Berggasse, die Annagasse und die Kirchengasse farblich markiert.
Ein alter Plan des Pfarrhofgeländes aus dem Jahr 1737: zur besseren Orientierung wurde neben der Steggasse (grün), auch die Berggasse, die Annagasse und die Kirchengasse farblich markiert.

Obiger Plan zeigt den bis heute unveränderten Verlauf der Steggasse und belegt, dass auch damals an dieser Stelle ein kleiner Steg über die Mistel führte. Große verkehrstechnische Bedeutung kam dieser Überquerungsmöglichkeit wohl nicht zu, denn in unmittelbarer Umgebung gab es auch Brücken in der Kirchengasse und Barnabitenstraße sowie die Furt in der Wiedenstraße, wo sich ein weiterer Steg befand.

Auf einer von Feuerwehrhauptmann August Lubovienski angefertigten und in der Wiener Feuerwehr-Zeitung veröffentlichte Skizze zu einem Brand in der Kreuzgasse im Jahre 1881 findet sich in der Bildmitte der (aus Fließrichtung gesehenen) rechts der Mistel gelegenen Teil der Steggasse ("G.") samt der namensgebenden Überquerungshilfe.
Auf einer von Feuerwehrhauptmann August Lubovienski angefertigten und in der Wiener Feuerwehr-Zeitung veröffentlichte Skizze zu einem Brand in der Kreuzgasse im Jahre 1881 findet sich in der Bildmitte der (aus Fließrichtung) rechts der Mistel gelegene Teil der Steggasse („G.“) samt der namensgebenden Überquerungshilfe.

Offiziell erhielt die Steggasse ihren, zweifellos bereits zuvor gebräuchlichen, Namen im Zuge der Einführung der Straßenbezeichnungen samt Orientierungsnummern im Jahre 1898.2 Für Verbindungswege nicht unüblich gibt es kein Haus, dass die Adressbezeichnung Steggasse führt.

Wo befindet sich die Quergasse?

Bildnachweis:

-) Brandskizze: Wiener Feuerwehr-Zeitung, 1. Juni 1881 (XI. Jg. – Nr. 11) (Google Books)
-) Alter Plan des Klosterareals: Garms, Jörg: „Materialien zur Kunsttätigkeit der gegenreformatorischen Orden in Österreich und in anderen Ländern der Habsburgermonarchie bis 1800“ – III. Die Archive des Theatiner- und des Barnabitenordens. In: Römische Historische Mitteilungen 38 (1996), S. 269-306; Abb. 20

Quellen:

  1. Spreitzer, Hans: „Von den Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen Mistelbachs“ In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 185 ↩︎
  2. Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S. 238 ↩︎

Der Stadtsaal und seine Vorgänger

Von Thomas Kruspel 11. Juni 2026 Aus

Das gesellschaftliche Leben in früherer Zeit fand vor allem in den Gasthäusern statt und Großveranstaltungen wurden vornehmlich in den geräumigen Sälen der auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblickenden Gasthäuser „zum weißen Rössl“ (Hafnerstraße, heute: Asia Restaurant) und „zur goldenen Krone“ (Oberhoferstraße, heute: Kronen-Kino) abgehalten. Unter den übrigen Mistelbacher Gasthäusern verfügten insbesondere das erst 1860 gegründete Gasthaus „zum Rebhuhn“ (Oserstraße, heute: GH Schilling) sowie die 1870 eröffnete Bahnhofsrestauration (zuletzt GH „zur Linde“) über geräumige Säle um beispielsweise große Tanzveranstaltungen abzuhalten.1 Eine besondere Rolle nahm jedoch das gemeindeeigene Gasthaus im alten Rathaus (heute: Erste Bank) ein. Im sogenannten „Rathaussaal“ – dem über Jahrhunderte größten Saal in Mistelbach – fanden neben den Sitzungen des Gemeinderats (zuvor Gemeindeausschuss bzw. Marktgericht) und sonstiger offiziellen Festakte, auch viele weitere große Veranstaltungen statt. Das alte Rathaus wurde 1874 abgetragen und die letzte große Feierlichkeit, die im ursprünglichen Rathaussaal stattfand, war die Festtafel anlässlich der Stadterhebung im Juni dieses Jahres. 1875 wurde schließlich der Nachfolgebau errichtet, und das dort untergebrachte Gasthaus nannte sich nunmehr „Hotel Rathaus“ . Selbstverständlich verfügte auch dieses über einen geräumigen Saal und zahlreiche weitere Nebenräume, die in Veranstaltungsankündigungen oftmals als „Rathauslokalitäten“ bezeichnet wurden. Einen Eindruck vom Rathaussaal bietet untenstehende Aufnahme anlässlich einer 1903 abgehaltenen Lehrlingsarbeiten-Ausstellung, die leider nur in schlechter Qualität überliefert ist (siehe auch Mistelbach in der Zeitung – Teil 1 (1901-1905). In den 1960er Jahren wurde das alte Rathaus abgebrochen und an seiner Stelle ein neues Gebäude für die Mistelbacher Sparkasse errichtet.

Ein Blick in den Saal des "Hotel Rathaus" im Jahre 1903
Ein Blick in den Saal des „Hotel Rathaus“ im Jahre 1903

Einen weiteren großen Raum, der allerdings nur gelegentlich für Großveranstaltungen genutzt wurde, bot der Ende März 1889 eröffnete Turnsaal neben dem Schulgebäude. Im Zuge des Umbaus des Pflichtschulzentrums – heute befinden sich dort die Mistelbacher Mittelschulen – wurde dieses Gebäude rund 100 Jahre nach seine Errichtung abgetragen. Eine Innenansicht des Turnsaals bei einer Veranstaltung ist uns durch eine Illustration von der Weinausstellung des Jahres 1905 überliefert (siehe auch Mistelbach in der Zeitung – Teil 1 (1901-1905).

Innenansicht des Turnsaals bei der Weinausstellung des Jahres 1905. Der Saal wirkt auf diesem Bild sehr viel geräumiger, als er tatsächlich war.
Innenansicht des alten Turnsaals in der Thomas Freund-Gasse bei der Weinausstellung des Jahres 1905. Der Saal wirkt auf diesem Bild sehr viel geräumiger, als er tatsächlich war.

Wie bereits erwähnt, handelte es sich beim Rathaussaal lange Zeit um den größten Veranstaltungsraum der Stadt. Dies änderte sich jedenfalls als im Jahre 1929 das Gasthaus „zur goldenen Krone“ ausgebaut und um einen Kinosaal erweitert wurde. Dieser neue Saal konnte etwa 500 Personen fassen und war als nunmehr größter Saal der Stadt im Laufe der folgenden Jahrzehnte Schauplatz von Bällen, Turnübungen, Modenschauen, Festsitzungen des Gemeinderates, Vorträgen und weiteren Veranstaltungen.

„KdF-Halle“ in der Kaserne

1941 wurde die Mistelbacher Kaserne um ein 7 Hektar großes Areal auf dem der Kaserne gegenüberliegenden Ufer der Mistel erweitert. Auf diesem heute als „Garagengelände“ bekannten Teil der Kaserne wurden damals 26 Holzbaracken errichtet, die als Garagen und Lager genutzt wurden.2 Wenig später dürfte dort auch eine größere Halle errichtet worden sein, denn in den Jahren 1943-1944 finden sich mehrere Zeitungsberichte von Großveranstaltungen, die in der „KdF-Halle“ auf dem Gelände der Mistelbacher Kaserne stattfanden.3 Die Abkürzung „KdF“ steht für „Kraft durch Freude“ und dabei handelte es sich um eine Teilorganisation der „Deutschen Arbeitsfront“ – dem nationalsozialistischen Einheitsverband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Eine zentrale Aufgabe von “Kraft durch Freude” waren – selbstverständlich propagandistisch instrumentalisierte und ideologische indoktrinierte – Freizeitangebote an die „Volksgemeinschaft“. Sozusagen die „Spiele“ im „Brot und Spiele“ des NS-Staats. Die Palette der KdF-Angebote reichten von Urlaubsfahrten, Angeboten zur „Volksgesundheit“, einer großen Bandbreite an Sportangeboten, Konzerten und sonstige Unterhaltungsabenden bis hin zum „KdF-Wagen“ (dem späteren Volkswagen). Natürlich waren all diese Bestrebungen kein Selbstzweck, sondern durch Unterhaltung und Erholung sollten Produktivität und Leistungsbereitschaft der deutschen Arbeiterschaft sowie der Durchhaltewille der Bevölkerung während des Krieges aufrechterhalten werden.

Massenaufmärsche waren bei den Nationalsozialisten ein beliebtes Propagandamittel und häufig fanden große Versammlungen auf dem dafür bestens geeigneten weitläufigen Mistelbacher Hauptplatz statt. Es überrascht nicht, dass die lokalen NS-Organisationen gerne auch eine Halle für Großkundgebungen zur Verfügung gehabt hätten. Zweifellos wurden für derartige Großprojekte bereits damals die Pläne gewälzt, deren Realisierung zumeist für die Zeit nach dem vermeintlichen „Endsieg“ vorgesehen war. Die „KdF-Halle“ – sofern es sich tatsächlich um eine Halle und nicht nur eine großspurigen Bezeichnung für eine der großen Wehrmachts-Baracken handelte – dürfte schon aufgrund ihrer Lage am Gelände der Kaserne hauptsächlich Zwecken des Militärs gedient haben, und nur gelegentlich von den diversen Parteigliederungen und NS-Organisationen (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, NS-Frauenschaft, Kreisbauernschaft, KdF, etc.) genutzt worden sein. Hätte es sich – wie der Name grundsätzlich nahelegt – tatsächlich um eine lediglich für zivile Großveranstaltungen genutzte Halle gehandelt, wäre diese zweifelsohne propagandawirksam eröffnet worden. Betreffend die Größe der Halle findet sich in einem Veranstaltungsbericht aus dem Jahr 1944 die Information, dass sie mit 850 Teilnehmern bereits über ihre Kapazität gefüllt war.4 Über den genauen Standort am „Garagengelände“ und das weitere Schicksal dieser aufgrund ihrer Kurzlebigkeit in Vergessenheit geratenen Halle ist nichts überliefert.

Überlegungen zu einem Stadthaus in Mistelbach

Der ursprünglich 1884 gegründete und im Jahre 1946 wieder entstandene Verschönerungsverein der Stadt Mistelbach trat im August 1947 mit einer einwöchigen Ausstellung in der damaligen gewerblichen Fortbildungsschule (heute: Polytechnische Schule) unter dem Titel „Mistelbach gestern, heute, morgen (Mistelbach in Plan und Bild)“ in Erscheinung. Im Rahmen dieser Veranstaltung, die sich wie der Name nahe legt auch mit der künftigen Entwicklung der Stadt befasste, wurde unter anderem das Fehlen eines geeigneten Veranstaltungszentrums thematisiert. Daher wurde die Errichtung eines „Stadthauses“ angeregt und diese sollte in einer idealtypischen Form folgende Einrichtungen bieten:

-) einen großen Saal mit Fassungsvermögen von 800 bis 1000 Personen
-) Nebenräume für Gast- und Kaffeehausbetrieb, die bei entsprechenden Großveranstaltungen weitere 1000 Personen aufnehmen könnten
-) einen (abteilbaren) Stadtkeller, der ebenfalls 800 bis 1000 Personen fassen sollte und bspw. für Weinmärkte und -messen genutzt werden könnte
-) mehrere kleinere Räume für Tagungen, Vereinsbesprechungen, Vorträge und Kurse
-) außerdem sollte es Gästezimmer umfassen, weil es in Mistelbach an großen Beherbergungsbetriebe fehle

Der Verschönerungsverein hatte im Vorfeld die beiden Architekten Elly Schneider (die Tochter einer Mistelbacher Baumeisterfamilie) und Karl Karafiat (bis Anfang der 1950er Jahre am Bauamt der Stadt beschäftigt) ersucht sich Gedanken über mögliche Standorte und die Ausgestaltung eines solchen Stadthauses zu machen. Die dabei entstandenen Entwürfe wurden im Rahmen der Ausstellung präsentiert und es sollte damit ein konstruktiver Diskurs zu diesem Thema angestoßen werden. Als Standorte wurden der damals freie Platz hinter der Gewerbeschule (heute: hinterer Gebäudeteile der Polytechnischen Schule und Stadtkindergarten), der weitläufige Gebäudekomplex Hafnerstraße 2/Hauptplatz 27 samt den Häusern Hauptplatz 28 und Marktgasse 1-3 sowie die Grundstücke Hauptplatz 11-15 inkl. Kirchengasse 1-3 erwogen. Bei den meisten der genannten Häuser handelte es sich um Kriegsruinen und es bot sich damals die seltene Gelegenheit vergleichsweise unkompliziert ein großes Bauprojekt im Zentrum zu realisieren und brachliegende Flächen sinnvoll zu nutzen. Außerdem boten die beiden Standorte am Hauptplatz die Möglichkeit einer Baulinienbereinigung. Anzumerken ist, dass es sich bei einigen der genannten Liegenschaften um enteigneten jüdischen Besitz handelte und die Eigentumsverhältnisse erst gerichtlich geklärt werden mussten. Wie der Verschönerungsverein klarstellte, war an eine Realisierung eines solchen Vorhabens natürlich erst zu denken, wenn die Kriegsspuren in der Stadt behoben seien und Baumaterialien nicht mehr Mangelware sind. Letzterer Punkte sollte jedoch bis in die 1950er Jahre dauern und sorgte auch für Verzögerungen bei anderen Großbauten, bspw. dem Neubau der Eibesthaler Pfarrkirche. Der Bau und später der Betrieb sollten von einer eigens zu gründenden Stadthausgesellschaft – also einer eigenen Körperschaft – abgewickelt werden. Einen bedeutenden Aspekt bildete natürlich auch die Frage der Finanzierung dieses Vorhabens und hierfür wurde unter anderem eine Art „crowdfunding“ vorgeschlagen, bei dem die Mistelbacher Bevölkerung Anteilsscheine an der „Stadthaus“-Gesellschaft zeichnen sollten.5

Die Anregung dieser Diskussion – trotz der damals wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit – zeugte vom Weitblick des Verschönerungsvereins, der die Bevölkerung um Rückmeldungen zu diesem Vorschlag ersuchte. Das Projekt wurde nie umgesetzt und es finden sich abgesehen von dieser Veranstaltung auch keine weiteren Hinweise darauf, dass die Idee noch weiter verfolgt wurde. Die Ruinen im Zentrum erinnerten teils Jahrzehnte später noch an die Schrecken des Krieges und es sollte mehr als 40 Jahre dauern bis mit dem Stadtsaal eine Einrichtung geschaffen wurde, wie sie der Verschönerungsverein damals ersann.

Markthalle/Stadthalle

Jeden Montag fand in Mistelbach ein Ferkelmarkt statt, der seit den 1930er Jahren in einer zum Areal des Gemeindegasthauses „Hotel Rathaus“ gehörenden Scheune in der Franz Josef-Straße stattfand. Ab Ende der 1940er Jahre stieg der Ferkelauftrieb sehr stark an, sodass der Bau einer Markthalle erwogen wurde. Bereits 1934 gab es erste Gedanken zum Bau eines solchen Gebäudes, aber die schlechte wirtschaftliche Lage bzw. die politisch turbulenten Folgejahre verunmöglichten die Realisierung eines solchen Vorhabens. Anfang der 1950er Jahre war der lange Zeit währende Baustoffmangel der Nachkriegszeit endlich überwunden, sodass an ein derartiges Bauprojekt gedacht werden konnte. Daher fasste der Mistelbacher Gemeinderat im Jahre 1952 den Beschluss zur Errichtung einer Markthalle neben dem Stadtpark6, doch die Klärung von Fragen der Finanzierung bzw. der konkreten Ausgestaltung sollten die Umsetzung dieses Beschlusses verzögern. Der Bau sollte neben dem Stadtpark bzw. vor der städtischen Badeanstalt ausgeführt werden und das alte Zeughaus der Feuerwehr das dem Zugang von der Franz Josef-Straße im Wege stand, musste für den Bau der Halle weichen. Der Bau der Markthalle war von Beginn an umstritten, allerdings war der Ferkelmarkt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der regelmäßig eine Vielzahl an Bauern aus der Umgebung nach Mistelbach lockte und von diesen Besuchern profitierten Gewerbe und Handel in der Stadt.

Mit der Planung der Markthalle, die schließlich am 2. Oktober 1955 feierlich eröffnet werden konnte, war der Wiener Architekt Dr. Martin Cäsar beauftragt worden. Die Kosten der Errichtung beliefen sich schlussendlich auf rund 730.000 Schilling und überstiegen die Planungskosten erheblich, was für aufgeregte Berichterstattung in der Lokalpresse und Auseinandersetzungen im Gemeinderat sorgte. Letztlich war es notwendig ein weiteres Darlehen zur Bedeckung der Mehrkosten in Höhe von 160.000 Schilling aufzunehmen.7

Die Markthalle im Jahr 1962 an einem Ferkelmarkttag

Aufgrund der Nutzung für den „Ferkelmarkt“ bürgerte sich bald der despektierliche Name „Sauhalle“ ein. Allerdings war die neue Halle laut einhelliger Meinung viel zu schön ausgestaltet, um nur für den Ferkelmarkt genutzt zu werden, und daher erfolgte schon bald eine vielseitige Nutzung als Mehrzweckhalle. Beispielsweise nutzte der Kleintierzüchterverein die Markthalle für seine Ausstellungen und auch die Sportvereine nutzten die Halle als Trainingsraum in der Wintersaison.

Eine Ausstellung des Kleintierzüchtervereins in der Markthalle im Jahre 1968 und somit noch vor dem Umbau zur Stadthalle
Eine Ausstellung des Kleintierzüchtervereins in der Markthalle im Jahre 1968 und somit noch vor dem Umbau zur Stadthalle

1968 erfolgte dann der Ausbau der Markthalle zu einer richtigen Mehrzweckhalle, die ab diesem Zeitpunkt den Namen „Stadthalle“ trug – ein Versuch den alten, unliebsamen Namen hinter sich zu lassen. Anstoß für den großzügigen Umbau lieferten nicht zuletzt die Mistelbacher Sportvereine: der Aufstieg der Basketballmannschaft UKJ Mistelbach in die Staatsliga A sowie die Erfolge der Mistelbacher Hand- und Faustballmannschaften, denen die neue Halle bessere Möglichkeiten zur Ausübung ihres Sports bieten sollte. Die Halle wurde um den Zubau einer Publikumstribüne, sowie um einen rückwärtig gelegenen Heizraum, Lagerräume und Kabinen samt Sanitäreinrichtungen erweitert. Außerdem wurde ein spezieller sporttauglicher Bodenbelag verbaut, das Beleuchtungssystem erneuert und der Schankraum ausgebaut. Die Anschaffung einer transportablen Bühne sorgte dafür, dass die Halle auch für Konzerte und sonstige Aufführungen genutzt werden konnte. Die Umbauarbeiten wurden im Frühjahr 1969 abgeschlossen und für diese Umgestaltung waren im Zuge der Planung rund 1,5 Millionen Schilling veranschlagt worden. 1987 wurde die Stadthalle schließlich abgebrochen, um Platz für die Errichtung des Stadtsaals zu schaffen.8

Die seit Ende der 1960er Jahre in dieser Form bestehende Stadthalle, kurz vor ihrem Abbruch im Jahre 1987??
Die seit Ende der 1960er Jahre in dieser Form bestehende Stadthalle, kurz vor ihrem Abbruch im Jahre 1987
Die Rückansicht der Stadthalle im Jahre 1987
Die Rückansicht der Stadthalle im Jahre 1987

Der ab den 1960er Jahren einsetzende, kontinuierliche Rückgang an bäuerlichen Kleinbetrieben, von denen die meisten einst Schweinezucht betrieben, führte auch dazu, dass der Mistelbacher Ferkelmarkt im Laufe der Jahre an Bedeutung verlor. 1984 war der Ferkelauftrieb schließlich so gering, dass dieser traditionsreiche wöchentliche Markt in eine kleine Scheune in der Kirchengasse 7 verlegt wurde, ehe er im Folgejahr mangels Bedarfs eingestellt wurde.9

Stadtsaal

Trotz des 1968 erfolgten Umbaus genügte die Stadthalle, die in ihrem Grundriss aus den 1950er Jahren stammte und eigentlich als Markthalle konzipiert war, nicht den Anforderungen eines modernen Veranstaltungszentrums. 1985 beauftragte daher der Mistelbacher Gemeinderat das Institut für Gebäudelehre an der Technischen Universität Wien mit der Ausarbeitung einer Gebäudestudie für einen neuen Stadtsaal. Im Zuge dieser Studie wurde mehrere Standorte untersucht und verschiedene Entwürfe für dessen mögliche Ausgestaltung erarbeitet, die schließlich der Öffentlichkeit im Rahmen von Informationsveranstaltungen vorgestellt wurden. Der Standort im Stadtpark – also jener der bisherigen Stadthalle – wurde unter den in Betracht gezogenen Flächen aufgrund seiner zentralen Lage als am günstigsten bewertet und somit setzte sich dieser Standort klar durch. Ende 1986 wurden Entwürfe von drei Architekten präsentiert, von denen schließlich jener von Prof. Anton Schweighofer die größte Zustimmung fand. Sein Konzept eines von antiken Bauformen inspirierten „Gartentempels“ – der Name leitet sich vom Zusammenspiel mit dem unmittelbar angrenzenden Stadtpark ab – wies eine Nutzfläche von 1250 m² auf drei Ebenen auf und bot mit allen Räumlichkeiten inkl. Foyer ein Fassungsvermögen von 1000 Personen. Natürlich musste für diesen Bau die alte Stadthalle weichen, aber die dahinter gelegene alte städtische Badeanstalt aus dem Jahr 1899, die seit den 1960er Jahren immer wieder als Ausweichquartier für die unter Raumnot leidenden Schulen der Stadt diente und daher auch „Parkschule“ genannt wurde, wurde saniert und baulich in den neuen Stadtsaal integriert.10

Die nachfolgenden Bilder dokumentieren den Baufortschritt dieses Großprojekts:

Die einstige städtische Badeanstalt neben dem Stadtpark, die seit den 1960er Jahren als Schulraumreserve ("Parkschule") diente, wurde in den neuen Stadtsaal baulich integriert. Im Vordergrund die Aushubarbeiten für den Stadtsaalbau im September 1987
Die einstige städtische Badeanstalt neben dem Stadtpark, die seit den 1960er Jahren als Schulraumreserve („Parkschule“) diente, wurde in den neuen Stadtsaal baulich integriert. Im Vordergrund die Aushubarbeiten für den Stadtsaalbau im September 1987
Die Vorderseite des Stadtsaals im April 1988
Die Vorderseite des Stadtsaals im April 1988
Stand der Bauarbeiten im April 1988
Stand der Bauarbeiten im April 1988
Die dem Stadtpark zugewandte Seite des Stadtsaals im September 1988
Die dem Stadtpark zugewandte Seite des Stadtsaals im September 1988
Erneut die Stadtparkseite im November 1988
Erneut die Stadtparkseite im November 1988
Die Vorderseite des Stadtsaals im November 1988
Die Vorderseite des Stadtsaals im November 1988

Die Gesamtkosten für die Errichtung des Stadtsaals beliefen sich auf rund 75 Millionen Schilling, wobei es bei den Baukosten zu einer Steigerung von rund 20 % gegenüber den Plankosten kam. Die Mehrkosten wurden durch nachträglich vorgenommene Änderungen am Projekt (u.a. vollständige Unterkellerung, die ursprünglich nicht vorgesehene Unterbringung der Stadtbücherei, höherwertige Einrichtung) sowie Schwierigkeiten bei der Fundamentierung (man stieß auf unbekannte Keller) verursacht.11 Zwar fand die feierliche Eröffnung erst am 21. November 1989 im Beisein von Landeshauptmann Siegfried Ludwig statt, doch schon wenige Wochen zuvor war mit den Puppentheatertagen erstmals eine Veranstaltung im neuen Stadtsaal abgehalten worden.

Der Stadtsaal beherbergt neben der Stadtbücherei auch eine Jugendberatungsstelle und die Volkshochschule Mistelbach.
Der Stadtsaal beherbergt neben der Stadtbücherei auch eine Jugendberatungsstelle und die Volkshochschule Mistelbach.

Im Zuge der Feierlichkeiten zu „125 Jahre Stadt Mistelbach“ wurden im Juni 1999 die beiden Säle nach berühmten Künstlern aus Mistelbach benannt. Der große Saal wurde nach dem Dirigenten Oswald Kabasta benannt und der kleine Saal erhielt den Namen des Secessionskünstlers Wilhelm Bernatzik.12 In seiner Sitzung vom 12. Oktober 2016 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat den großen Saal in Alfred-Šramek-Saal umzubenennen. Die offizielle Neubenennung fand im Rahmen eines Festakts im März 2017 statt, der zu Ehren des im Jahr zuvor verstorbenen Kammersängers abgehalten wurde.13

Bildnachweis:
-) Foto Lehrlingsausstellung: Ilustrirtes Wiener Extrablatt, 5. Oktober 1903, S. 1 (ONB-ANNO)
-) Foto Weinausstellung: Neuigkeits-Welt-Blatt, 23. Februar 1905, 9. Bogen des Neuigkeits-Welt-Blatts (ONB-ANNO)
-) Bilder der alten Markt- bzw. Stadthalle sowie des Stadtsaalbaus: Göstl-Archiv

Quellen:

  1. einen guten Einblick in die damals verfügbaren Saallokalitäten ergibt ein Blick in den Ballkalender im Mistelbacher Bote in den Jahren 1888-1896 bzw. die Ankündigungen von Ballveranstaltungen im Untermanhartsberger Kreis-Blatt im Zeitraum 1882-1888 ↩︎
  2. Bader, Stefan/Hirsch, Matthias: Die Garnison Mistelbach – Geschichte einer Kaserne und ihrer Umgebung (2012), S. 104 ↩︎
  3. beispielsweise seien hier folgende Veranstaltungsberichte angeführt:
    Donauwacht, Nr. 29/1943, S. 5 (ONB: ANNO);
    Donauwacht, Nr. 46/1943, S. 5 (ONB: ANNO)
    Donauwacht, Nr. 13/1944, S. 6 (ONB: ANNO)
    Donauwacht, Nr. 26/1944, S. 6 (ONB: ANNO) ↩︎
  4. Donauwacht, Nr. 30/1944, S. 6f (ONB: ANNO) ↩︎
  5. Verschönerungsverein der Stadt Mistelbach (Hrsg.): Programmheft Ausstellung „Mistelbach gestern, heute, morgen (Mistelbach in Plan und Bild)“ (1947), S. 6-9;
    Mistelbacher Bote, Nr. 26/1947, S. 3 (ONB: ANNO) ↩︎
  6. Mistelbacher Bote, Nr. 26/1952, S. 3 (ONB: ANNO); ↩︎
  7. Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 45/1955, S. 1;
    Mistelbacher-Laaer Zeitung, Nr. 46/1955, S. 1;
    Mistelbacher Bote, Nr. 41/1955, S. 1 (ONB: ANNO); ↩︎
  8. Weinviertler Nachrichten, Nr. 28/1968, S. 2;
    Weinviertler Nachrichten, Nr. 6/1969, S. 3 ↩︎
  9. Göstl, Georg/ Leithner, Johann/ Weidlich, Alfred/ Steiner, Oskar/ Kummer, Johann: „Mistelbacher Chronik von 1914 bis 1988“, Band IV (1989) der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, S. 110 ↩︎
  10. Festschrift anlässlich der Stadtsaaleröffnung (1989) ↩︎
  11. Gemeindezeitung – amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistlelbach, Folge 9/1992 (Juli), S. 10;
    Mistelbacher Rundschau, 19. Jg. – Nr. 3 (Juli 1992) (ohne Seitennummerierung); ↩︎
  12. Festprogramm 125 Jahre Mistelbach (25-Stunden-Fest der Gemeinschaft) ↩︎
  13. Stadtgemeindezeitung Mistelbach – amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 2 (April) 2017, S. 7 ↩︎

Die bulgarische Zarin Eleonore zu Besuch in Mistelbach

Von Thomas Kruspel 21. Mai 2026 Aus

Am 26. Juli 1910 besichtigte Zarin1 Eleonore – die Gattin des bulgarischen Herrschers Ferdinand I. – das erst im Jahr zuvor eröffnete Kaiser-Franz-Josef-Bezirks-Krankenhaus in Mistelbach. Empfangen wurde sie von Bürgermeister Thomas Freund und dem Leiter der Anstalt Dr. Fritz Höllrigl, der sie durch die gesamte Einrichtung führte. Die Zarin, die selbst ausgebildete Krankenpflegerin war und wenige Jahre zuvor im russisch-japanischen Krieg freiwillig die Leitung einer russischen Sanitätsabteilung übernommen hatte2, folgte der Führung mit großem Interesse und Fachverständnis. Zarin Eleonore verbrachte drei Stunden im Mistelbacher Krankenhaus und unterhielt sich auch mit einigen Patienten bzw. erkundigte sich nach deren Befinden. Am Ende ihres Besuches war sie voll des Lobes für diese den modernsten medizinischen Standards entsprechende Einrichtung und gratulierte den Verantwortlichen, die „… hier ein edles Werk der Nächstenliebe geschaffen [hätten] …“. Obwohl das Krankenhaus erst seit wenigen Monaten in Betrieb war, befand es sich bereits in einer schwierigen finanziellen Lage, denn die Errichtung und der Betrieb waren für die Stadt nur schwer zu stemmen und die umliegenden Gemeinden wollten die Leistungen des Krankenhauses zwar gerne für ihre Einwohner nutzen, zierten sich allerdings bei der Leistung eines finanziellen Beitrags. Bürgermeister Freund wusste diese Thematik taktvoll anzusprechen und Zarin Eleonore stimmte zu, dass solche Institutionen nicht ausschließlich Aufgabe der Gemeinden sein können, sondern auch Staat und Land zu deren Erhaltung und Betrieb beitragen müssten. Vor ihrem Abschied spendete die hoheitliche Besucherin dem Krankenhaus einen größeren Geldbetrag und ließ sich außerdem die Kontaktdaten jener Firmen geben, die das Krankenhaus ausgestattet hatten, da sie selbst die Gründung eines Krankenhauses in der bulgarischen Hauptstadt Sofia beabsichtigte.

Das Bezirks-Krankenhaus kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1909
Das Bezirks-Krankenhaus kurz nach seiner Eröffnung im Jahre 1909

Wie kam es, dass die bulgarische Zarin Mistelbach besuchte?

Die spätere Zarin Eleonore wurde 1860 als Prinzessin des alten deutschen Adelsgeschlechts Reuß, genauer der jüngeren Linien „Reuß zu Köstritz“, geboren. Etwa dreißig Jahre vor ihrer Geburt waren die Güter Hagenberg und Ernstbrunn im Erbwege in den Besitz ihrer Familie gelangt und die unverheiratete Prinzessin Eleonore, die sich vornehmlich sozialen Aufgaben widmete – einige Zeit wirkte sie als Diakonisse (= eine Art evangelischer Ordensschwester) – lebte später bei ihrem Bruder auf Schloss Ernstbrunn. Deutsche Adelige saßen im 19. Jahrhundert auf vielen europäischen Thronen und 1887 wurde der in Wien geborene Ferdinand von Sachsen-Coburg und Gotha zum Fürsten („Knjaz“) von Bulgarien – das sich als weiterhin tributpflichtiges Fürstentum aus dem osmanischen Reich herauslöste – eingesetzt. Der Titel „Zar“ geht so wie auch der Titel „Kaiser“ auf den römischen Begriff „Caesar“ zurück und der erste Träger des Titels „Zar“ war tatsächlich ein bulgarischer Herrscher im 9. Jahrhundert, der damit die Nachfolge der oströmischen Kaiser beanspruchte. Nach der endgültigen Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1908 knüpfte Ferdinand I. von Bulgarien an diese Tradition an und nannte sich nunmehr Zar. Im selben Jahr und somit neun Jahre nach dem Tod seiner ersten Gattin ehelichte der bulgarische Herrscher schließlich Prinzessin Eleonore Reuß zu Köstritz, die aus einem zuvor eher zurückgezogenen Leben plötzlich und in bereits fortgeschrittenem Alter zur Gattin eines europäischen Herrschers aufstieg. Eleonore, die bis zu ihrer Verehelichung in Ernstbrunn gelebt hatte, erfreute sich aufgrund ihres großzügigen und sozial eingestellten Wesens großer Beliebtheit bei der dortigen Bevölkerung und für die damalige Zeit und ihren Stand ungewöhnlich, pflegte sie auch Kontakte zu den einfachen Leuten.

Gemälde der Zarin Eleonore von Bulgarien, geschaffen von Georgi Evstatiev (Public domain, via Wikimedia Commons)
Gemälde der Zarin Eleonore von Bulgarien, geschaffen von Georgi Evstatiev (Public domain, via Wikimedia Commons)

Diese Verbundenheit zu alten Bekanntschaften aus Ernstbrunn zeigte sich auch durch die Tatsache, dass Zarin Eleonore bei ihrem Besuch im Mistelbacher Krankenhaus vom Ernstbrunner Gemeindearzt Dr. Steiner begleitet wurde und insbesondere dadurch, dass sie vor der Besichtigung des Krankenhauses die Mistelbacher Glasermeistersgattin Elise Eybel in deren Haus in der Hafnerstraße besucht hatte. Bei Frau Eybel handelte es sich um eine Schwester des fürstlichen Rentmeisters (=leitenden Gutsverwalters) Swolensky in Ernstbrunn. Über das Geschehen in der Region informierte sich Eleonore durch den Mistelbacher Bote, den sie sich an den Zarenhof schicken ließ. Es überrascht daher nicht, dass 1917 nach ihrem Ableben auch im Mistelbacher Bote mehrere Meldungen zum Tod der auch in Bulgarien äußert populären Zarin erschienen.3

Bildnachweis:
-) Ansichtskarte des Krankenhauses: Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Gemälde Zarin Eleonore von Georgi Evstatiev, Public domain – Wikimedia Commons

Quellen:
-) Mistelbacher Bote, Nr. 31/1910, S. 2f (ONB: ANNO)
-) Fitzka, Karl: Ergänzungs- und Nachtragsband zur Geschichte der Stadt Mistelbach (1912), S. 194ff
-) Tscherkassky, Waldemar: „Aus der Chronik des a.o. Kaiser-Franz-Josef-Bezirkskrankenhauses in Mistelbach“ In: Festschrift anlässlich der Erweiterung und Eröffnung des allgemeinen öffentlichen Kaiser Franz Josef Bezirkskrankenhauses in Mistelbach, am 17. Oktober 1937 (1937), S. 32

Neues Erscheinungsbild

Von Thomas Kruspel 15. Mai 2026 Aus

Nachdem dieser Blog in ein paar Wochen sein 10-jähriges Bestehen feiert, war es höchste Zeit für eine zeitgemäßere Optik.
In den nächsten Tagen müssen noch einige Anpassungen vorgenommen, die die Lesbarkeit bzw. das sich zurechtfinden erleichtern sollen.

Vereine in Mistelbach im Jahre 1884

Von Thomas Kruspel 12. Mai 2026 Aus

Vereine sind bis heute maßgebliche Träger des Gemeinschaftslebens in Österreich, auch wenn sich in diesem Bereich gegenwärtig bereits große Umbrüche durch geändertes Sozial- bzw. Freizeitverhalten und demografischen Wandel abzeichnen. Das uns bekannte Vereinswesen entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber natürlich gab es bereits zuvor organisierte Formen von Gemeinschaft, die einen ideellen Zweck verfolgten, auch wenn ihre Zahl deutlich geringer und ihr Wirkungsbereich weniger vielfältig war. Die Zünfte als Handwerkervereinigungen bzw. Standesvertretungen und ebenso die religiösen Bruderschaften (nicht mit geistlichen Orden zu verwechseln), die es auch in Mistelbach über Jahrhunderte hinweg gab, können als frühe Formen institutionalisierter Zusammenschlüsse angeführt werden. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurde die behördliche Genehmigung von Vereinigungen sehr restriktiv gehandhabt und dies änderte sich erst als im Zuge der Revolution des Jahres 1848 viele Freiheitsrechte, darunter auch das Vereinigungs- und Versammlungsrecht, errungen wurden. Die Revolution wurde niedergeschlagen und die Rechte in der Folge wieder eingeschränkt, doch die einmal genossenen Freiheiten konnten dem Volk nun nicht mehr auf Dauer vorenthalten werden. Das Vereinspatent des Jahres 1852 und schließlich das im Jahr 1867 erlassene Staatsgrundgesetz, das den Bürgern umfassende Grund- und Freiheitsrechte gewährte, stellten die Basis für das spätere Aufblühen des Vereinswesens dar.

Eine im Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach veröffentlichte Liste der 87 Vereine, die im Jahr 1884 im gesamten politischen Bezirk Mistelbach4 existierten, gibt einen interessanten Einblick und zeigt, dass die Entwicklung des Vereinswesens damals noch am Anfang stand.

Folgende Vereine bestanden damals in der Stadt Mistelbach:5

-) Landwirthschaftlicher Bezirks-Verein Mistelbach
-) Casino-Verein Mistelbach (Anm.: hierbei handelt es sich um einen landwirtschaftlichen Genossenschaftsverein, dessen Schwerpunkt vor allem in der Weiterbildung der Landwirte lag)
-) Militär-Veteranen-Verein Mistelbach
-) 1. Mistelbacher Militär-Veteranen-Kranken-Unterstützungs-Verein
-) Freiwilliger Feuerwehr-Verein Mistelbach
-) Bezirks-Feuerwehr Verband Mistelbach
-) Bezirks Feuerwehr-Unterstützungs-Cassa für die Feuerwehren des politischen Bezirks Mistelbach
-) Ortsgruppe Mistelbach und Umgebung des Deutschen Schulvereins Wien
-) Zweigverein des Patriotischen Frauen-Hilfs-Vereins für Nieder-Oesterreich Mistelbach
-) Zweigverein des Bienenzüchter-Vereines Wien Mistelbach
-) Lehrer-Verein für den Schulbezirk Mistelbach
-) Zayawasser-Werks-Verein
-) Verschönungs-Verein von Mistelbach und Umgebung
-) Männer-Spar-Verein Mistelbach
-) Männer-Gesangs-Verein Mistelbach
-) Schützen-Gesellschaft der Stadt Mistelbach
-) Eislauf-Verein Mistelbach

In den heutigen Katastralgemeinden existierte mit der Freiwilligen Feuerwehr Eibesthal damals lediglich ein Verein.

Der älteste Verein dürfte mit ziemlicher Sicherheit der 1852 gegründete “Landwirthschaftliche Bezirks-Verein Mistelbach” gewesen sein, der bis zum Jahr 1925 bestand, als er im Zuge der damals erfolgten Schaffung der Landwirtschaftskammern aufgelöst wurde.6

Der älteste heute noch bestehende Verein Mistelbachs ist der Stadtchor, der in seinen Wurzeln auf den 1864 gegründeten Männergesangsverein zurückgeht. Tatsächlich erfolgte im Jahr 1864 lediglich die vereinsmäßige Gründung, der Chor selbst soll sich bereits 1855 gebildet haben.7

Quellen: