Gspanngasse

Von Thomas Kruspel 7. Februar 2018 Aus

Im Bereich zwischen Bahnstraße und Oserstraße sowie Thomas Freund-Gasse und Gartengasse befand sich bis zum Jahr 1896 der Lagerplatz des Holzhändlers Ludwig Abeles und erst nach Verlegung des Unternehmens in die Josef Dunkl-Straße wurde dieses Areal baulich erschlossen und die heutige Gspanngasse angelegt. Ab Einführung offizieller Straßenbezeichnungen in Mistelbach im Jahr 1898 hieß die Gasse für die folgenden vierzig Jahre zunächst schlicht Quergasse.1 Im November 1938 wurde die Gasse dann durch Beschluss des vom NS-Regime eingesetzten Gemeindeverwalters Adolf Schödl in „Adalbert Schwarz-Gasse“ umbenannt, nach dem im August 1930 getöteten Nationalsozialisten Adalbert Schwarz (1906-1930)2. Die Namensgebung erfolgte im Rahmen einer großen Kundgebung in Anwesenheit des Gauleiters Dr. Jury, bei der dem NS-Totenkult auch durch die Umbenennung folgender weiterer Straßen gehuldigt wurde: „Ernst vom Rath-Straße“ (Weimarergasse) und „Wilhelm Gustloff-Straße“ (Franz Josef-Straße).3 Schwarz war der erste Tote der NSDAP in Wien und die NS-Propaganda versuchte seinen gewaltsamen Tod, als politischen Mord zu inszenieren. Politische Motive konnten im Rahmen der Ermittlungen bzw. des medial begleiteten Gerichtsprozesses jedoch nicht festgestellt werden. Bei dem tödlichen Messerangriff handelte es sich vielmehr um die Eskalation eines durch Stänkereien ausgelösten Streits vor dem Währinger Brauhaus, in dem eine Konzertveranstaltung der NS-Organisation „Vaterländischer Schutzbund“ stattfand. Bereits seine Bestattung wurde zu einer großen propagandistischen Kundgebung und Schwarz in der Folge als Märtyrer der Bewegung von den österreichischen Nazis glorifiziert. Zweifellos wollte man mit dieser Umbenennung auch der Kreisleitung der NSDAP, die ab August 1938 in dem durch die Sparkasse Mistelbach „arisierten“ Haus Nr. 5 (davor Zahnarzt Dr. Rudolf Thein) untergebracht war, eine besondere, nationalsozialistisch geprägte Adresse geben.

Der Schlossergehilfe Adalbert Schwarz wurde in Gmünd geboren und war nach dem damals gültigen Heimatrecht auch bis zu seinem Tode dorthin zuständig, obgleich er ab mind. 1929 in Wien-Hernals wohnhaft war.4 Vereinzelt findet sich in der Berichterstattung der großen Tageszeitungen über die Bluttat, die Information, dass Schwarz Eltern und seine Ehefrau außerhalb Wiens lebten, jedoch wurde kein konkreter Ort genannt.5 Sein Tod wird im Mistelbacher Bote bzw. in dem den Nazis nahestehenden Regionalblatt „Neue Grenzwacht“ nicht erwähnt, allerdings wird 1933 anlässlich der Benennung des Mistelbacher NSDAP-Parteiheims in der Liechtensteinstraße 6 in „Adalbert Schwarz-Haus“ berichtet6, dass Mistelbach die Wahlheimat von Schwarz gewesen sei und auch anlässlich einer im selben Jahr von der hiesigen NSDAP-Ortsgruppe veranstalteten Hitler-Geburtstagsfeier7 bzw. der oben erwähnten Umbenennung 1938 wird dies erwähnt, ohne dass nähere Details angeführt werden. Weitere Belege die bestätigten, dass Schwarz tatsächlich zumindest einige Zeit in Mistelbach lebte, konnten bisher nicht gefunden werden. Da sein Vater Lokomotivführer war, ist es durchaus denkbar, dass dieser berufsbedingt (öfters) den Dienstort wechseln musste und deshalb mit seiner Familie möglicherweise einige Zeit in Mistelbach lebte.

Nach dem Krieg erhielt die Gasse wieder ihren ursprünglichen Namen bis die Bezeichnung Quergasse 1958 auf die Verbindungsstraße zwischen Bahnstraße und Gewerbeschulgasse übertragen wurde. Seither trägt die in unmittelbarer Nähe der Schule gelegene Gasse den Namen der Lehrerfamilie Gspann, die beinahe das gesamte 19. Jahrhundert hindurch in Mistelbach wirkte.8

Wo befindet sich die Gspanngasse?

 

Quellen (und Anmerkungen):

Weimarergasse

Von Thomas Kruspel 7. Februar 2018 Aus

Durch die Errichtung der Flüchtlingsstation während des Ersten Weltkriegs entstand unterhalb des Krankenhauses und damit etwas außerhalb des damaligen Ortsgebiets ein neuer Stadtteil. Die Flüchtlingsstation erstreckte sich mit Ausnahme zweier Gemeinschaftsgebäude auf den Bereich zwischen Schillergasse und Ebendorferstraße und um dem vorhandenen Bedürfnis nach Bauplätzen Rechnung zu tragen bzw. die Lücke zum restlichen Stadtgebiet zu verringern wurden Mitte der 1920er Jahre westlich der Flüchtlingsstation gelegene Äcker zu Baugründen aufgeschlossen. Im April 1925 erfolgte durch Beschluss des Mistelbacher Gemeinderats die Benennung der Straßen in der ehemaligen Flüchtlingsstation bzw. der neuentstandenen Straßenzüge im angrenzenden Siedlungsgebiet und zu diesen zählte auch die Straße, die Gegenstand dieses Beitrags ist. Die Mutmaßung9, dass die Namensgebung der Weimarergasse wohl in Zusammenhang mit der gleichzeitigen Benennung der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Goethe- und Schillergasse stünde, klingt plausibel – ist aber falsch. In dem im Mistelbacher Bote auszugsweise veröffentlichten Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 4. April 1925 heißt es betreffend die Namensgebung dieser Gasse: „Zur Erinnerung an Weimar, der Geburtsstätte des Anschlusswillens an Deutschland“.10 Es sollte damit an jenen Ort, an dem die verfassungsgebende Nationalversammlung der deutschen Republik in den Jahren 1919-1920 tagte, erinnert werden. Dieser Straßenname ist damit Ausdruck des während der Ersten Republik quer durch alle politischen Lager und Bevölkerungsschichten weit verbreiteten Wunsches nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich, der jedoch im Friedensvertrag von Saint-Germain untersagt worden war.

Die Ideologie des Nationalsozialismus war durch einen besonderen, mit großem Pathos inszenierten Totenkult geprägt, der seinen Anfang bei den Gefallenen des gescheiterten Putschversuches von 1923 nahm und der die Toten der Partei zu Märtyrern hochstilisierte. Ganz im Sinne dieser Totenverehrung wurde im November 1938 durch Entschluss des vom NS-Regime eingesetzten Gemeindeverwalters Adolf Schödl, die Weimarergasse, die die Nazis an die ihnen verhasste Weimarer Republik erinnerte, in „(Ernst) vom Rath-Straße“11 umbenannt. Knapp zwei Wochen zuvor war der deutsche Diplomat und Botschaftssekretär Ernst vom Rath von Herschel Grynszpan, einem in Deutschland geborenen Studenten jüdisch-polnischer Herkunft, in Paris erschossen worden. Die NS-Führung nutzte dieses Attentat als Anlass für die Novemberpogrome in der Nacht vom 9. November 1938, und stellte in ihrer Propaganda diese planmäßig durchgeführten und von höchster Stelle angeordneten Terrormaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung als „spontane Erhebung des Volkszorns“ dar. Die Bekanntgabe der Neubenennung dieser Straße erfolgte im Rahmen einer Kundgebung des Gauleiters Dr. Jury in Mistelbach am 20. November 1938 und gleichzeitig wurden auch die neuen Straßennamen Wilhelm Gustloff-Straße (Franz Josef Straße) und Adalbert Schwarz-Gasse (Gspanngasse) eingeführt, die ebenfalls nach getöteten Nationalsozialisten benannt wurden.12 1945 erhielt die Gasse wieder ihren ursprünglichen Namen.

Wo befindet sich die Weimarergasse?

 

Quellen (und Anmerkungen):

Kino in Mistelbach

Von Thomas Kruspel 24. Januar 2018 Aus

Anfänge des Kinos in Österreich

In den 1890er Jahren wurden neue Erfindungen, wie beispielsweise das Kinetoskop aus der Werkstatt von Thomas Alva Edison (USA), der Kinematograph der Brüder Lumière (Frankreich) oder das Bioskop der Brüder Skladanowsky (Deutsches Reich) entwickelt und mit diesen verschiedenen Filmvorführapparaten war die Basis für das Kinozeitalter geschaffen. Bald kam die neue Technologie der „lebenden Bilder“ auch nach Österreich und diese wurde von den Schaustellern im Wiener Prater zunächst als ergänzendes Angebot in deren Kuriositäten- bzw. Abnormitätenkabinette eingeführt. Später fanden Vorführungen auch außerhalb des Praters in sogenannten Ladenkinos (Säle von Geschäfts- bzw. Gasthauslokalitäten), Zelten oder teils auch in (abgedeckten) Innenhöfen statt und langsam eroberte das Kino Wien. Knapp nach der Jahrhundertwende entstanden in der Hauptstadt dann die ersten eigenen Kinobauten, die in ihrer Innenausstattung noch sehr durch den Stil der Theaterhäuser geprägt waren. Das Kino breitete sich mit ebensolchem Erfolg in den anderen großen Städten der Monarchie aus, und etwa zeitgleich wurde diese Erfindung auch der Landbevölkerung durch umherziehende Wanderkinos vorgestellt, bevor noch in den Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, bereits auch in kleineren Städten Kinos eröffneten.

Wanderkinos in Mistelbach

Im April 1903 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat „wandernden Künstlern und Schaustellern künftig nicht mehr die Erlaubnis zur Aufstellung ihrer Buden und zum Spielen zu geben“.13 Dieser Beschluss – von dem unklar ist, bis wann er Gültigkeit hatte – dürfte wohl die Erklärung dafür sein, warum für Laa a.d. Thaya – im Gegensatz zu Mistelbach – bereits im Sommer 1903 das Gastspiel eines Elektro-Kinetoskops belegbar ist.14 Erst einige Jahre später findet sich als älteste Spur eines Wanderkinos in Mistelbach ein Bericht im Bote aus Mistelbach über das ab 19. Juni 1906 im Saal des Gasthauses „Zum weißen Ross“ (Hafnerstraße Nr. 8, heute: Chinarestaurant Asia) gastierende Alhambra-Theater. Fünf Tage weilte der aus sechs Personen bestehende Betrieb des Direktors Karl Juhasz in Mistelbach, und man kann am gebotenen Unterhaltungsprogramm noch deutlich die Schaustellertradition aus der sich das Kino in seiner Frühzeit entwickelte, erkennen. So wurden die Vorführungen der kinematographischen Bilder, durch Darbietungen von musikalischen Kunststücken, Mnemotechnik (Gedächtniskunst) und Gedankenlesen umrahmt. Teil der technischen Ausstattung war natürlich auch ein eigener Generator der die Beleuchtung und den Kinematographen mit Strom versorgte.15

Programminformation des Alhambra-Theaters im Mistelbacher Bote (Bote aus Mistelbach, Nr. 25/1906, S. 16) für das Gastspiel im Gasthaus „Zum weißen Ross“ im Jahre 1906

Im Saal des von Karl Rabenseifner geführten Gasthauses „Zum weißen Ross“ ist für den April 1907 auch ein mehrtägiger Aufenthalt des Monarch Bio(skop)-Theaters16, bzw. für Anfang Mai 1908 ein kurzes Gastspiel des 25 m² Projektionsfläche bespielenden Grand Bioskop des Johann Agostini überliefert17. Aus den über diese Gastspiele berichtenden Artikeln des Mistelbacher Bote geht auch klar hervor, dass die Begriffe Bioskop, Bio-Theater und Kinematograph damals teils synonym verwendet wurden und aus den Namen daher nicht zwingend auf die tatsächlich eingesetzte Technik rückgeschlossen werden kann.

Ankündigung im Mistelbacher Bote für das Gastspiel von Agostinis Grand Bioskop im Gasthaus "Zum weißen Ross" im Jahre 1907Ankündigung im Mistelbacher Bote (Nr. 24/1907, S. 11) für das Gastspiel von Agostinis Grand Bioskop im Gasthaus „Zum weißen Ross“ im Jahre 1907

Ankündigung im Mistelbacher Bote für das Gastspiel von Lutzenbergers Zeltkino "Elektro-Bio" auf dem Mistelbacher Hauptplatz im Jahr 1910Ankündigung im Mistelbacher Bote (Nr. 31/1910, S. 10) für das Gastspiel von Lutzenbergers Zeltkino „Elektro-Bio“ auf dem Mistelbacher Hauptplatz im Jahr 1910

Im Juli 1910 gastierte der Riesen-Kinematograph „Elektro-Bio“ des Josef Lutzenberger in einem eigenen geräumigen Zelt für knapp drei Wochen auf dem Hauptplatz und im Rahmen der Vorstellungen wurden teils auch bereits kolorierte Bilder dargeboten. Die Aufnahmen zeigten unter anderem eine Löwenjagd, die Kaisermanöver in Ungarn und das Wellenspiel des Meeres.18


Rössler Kino/Stadt-Kino

Am 7. Oktober 1911 eröffnete Heinrich Rössler (*1878, †1933), vormaliger Inhaber des Kaffeehauses in der Bahnstraße (heute: Cafe Harlekin), sein anfänglich als “Elektrisches Theater lebender Bilder” bezeichnetes Kino in der Mitschastraße. Das Rössler Kino befand sich an jener Stelle, an der heute das Finanzamt steht, und dieses Gelände war zuvor Teil des weitläufigen Gastgartens des Gasthauses Putz (heute: Gh Schilling).19 Als Inhaber der Kinolizenz scheint zunächst Heinrich Rösslers Bruder, der Mechanikermeister Ing. Karl Rössler (*1876, †1926), auf.20 Einzig in einer Vorankündigung des Programms der Handwerkerausstellung des Jahres 1912 im Mistelbacher Bote wird es als Kino der Brüder Rössler bezeichnet, ansonsten wird in Zusammenhang mit dem Kino stets nur Heinrich Rössler erwähnt. Das technische Können des Ingenieurs war beim Betrieb des die Lichtanlage speisenden Stromaggregats jedoch sicherlich auch von großem praktischen Nutzen. Das unmittelbar vor der Eröffnung an der Adresse Mitschastraße 5 errichtete Gebäude war schlicht, aber zweckmäßig ausgestattet und hatte ein Fassungsvermögen von 200 Personen. In der Anfangszeit bestand die Belegschaft des Kinos aus dem „Operateur“ (Filmvorführer) Charles Newman und dem Pianisten Albert Schilder, der das Geschehen auf der Leinwand musikalisch umrahmte.21
Folgende „lebende Bilder“ wurden bei der Eröffnungsvorstellung am 7. Oktober 1911 gezeigt22:
„Die Alpbach-Wasserfälle“ (Naturaufnahme)
„Tontolini als Kommissär“ (komisch)
„Des Sheriffs Beamtenpflicht“ (amerikanisches Drama)
„Müller als Bankbeamter“ (hochkomisch)
„Der Sklave von Karthago“ (spannendes Drama)
„Fußequilibristen“ (Varieté-Nummer)
„Als der kleine Fritz Pieske getauft wurde“ (Zum Totlachen)

Vorstellungen wurden stets Samstag, Sonntag und an Feiertagen gezeigt – mit neuem Programm an jedem Wochenende. Von offensichtlich großem Publikumserfolg zeugt wohl die Tatsache, dass Rössler sein Kinogebäude im Dezember 1911 um eine Wartehalle erweiterte, die natürlich auch dem Komfort des Kinopublikums dienen sollte.23 Ab Ende Februar 1912 war Rössler mit seinem Betrieb auch als Wanderkino unterwegs und zeigte jeweils an bestimmten Wochentagen Vorstellungen in Laa a.d. Thaya (Hotel Müller bzw. Saal des Gasthauses Knirsch) und in Poysdorf (Hotel Rathaus).24 Diese zusätzliche Aktivität dauerte bis Ende Oktober 1912, und das Ende steht wohl in Zusammenhang mit der Tatsache, dass gegen Ende eben dieses Jahres in der Stadt Laa ein eigenes Kino eröffnete. Doch bevor seine Geschäftstätigkeit in Laa (und auch in Poysdorf) endete ließ Heinrich Rössler den am 6. Oktober 1912, anlässlich des Fünfhundertjahr-Jubiläums der Laaer Jahr- und Wochenmärkte, stattfindenden historischen Umzug kinematographisch aufnehmen und die Vorführung dieser Aufnahmen in Laa, Poysdorf und Mistelbach war natürlich eine Sensation.25 Erstmals waren persönliche Bekannte bzw. Honoratioren aus der Region auf der Leinwand zu sehen und auch Rössler selbst und seine Gattin waren im Bewegtbild festgehalten. Für 1927 ist dann nochmals ein von Rössler selbst produzierter Film mit dem Titel „Bilder aus Mistelbach“ belegt, der Szenen von der Eröffnung des neuen Wasserwerks im Stadtpark und auch sonstige Aufnahmen der Stadt zeigte, und erstmals am 3. Juli 1927 in Rösslers Kino vorgeführt wurde.26 Leider dürften diese Aufnahmen im Laufe der Zeit verloren gegangen sein. Im Sommer 1913 erfolgte eine umfassende Neugestaltung des Innenraums des Kinos, das nun laut einem Bericht des Mistelbacher Bote den Vergleich mit „den besseren Wiener Kinos“ nicht scheuen muss, und ab diesem Zeitpunkt führte das Unternehmen die offizielle Bezeichnung „Lichtbildtheater Rössler“27.

Am 24. Jänner 1914 eröffnete Ing. Karl Rössler in Ernstbrunn an der Adresse Hauptplatz Nr. 3 ein weiteres Kino28 und die Lizenz für den Mistelbacher Betrieb wurde mit Genehmigung des Gemeinderates auf den schon bisherigen Besitzer und Leiter des Kinos Heinrich Rössler übertragen29. Laut im niederösterreichischen Landesarchiv vorhandenen Akten wurde Karl Rösslers Lizenz für das Kino in Ernstbrunn 1919 nochmals erneuert, jedoch scheint sein Name in Zusammenhang mit dem Ernstbrunner Kino im Kinematographischen Handbuch des Jahres 1920 nicht (mehr) auf. Anfang Mai 1914 gelang es Heinrich Rössler eine besondere Attraktion in sein Kino zu holen, nämlich das aus der Werkstätte Edisons stammende Kinetophon – einer mechanischen Kopplung zwischen einem Kinetoskop und einem Phonographen, die das synchrone Abspielen von Ton und Film ermöglichte. Diese (kurzlebige) Erfindung war auf Werbetournee in Österreich unterwegs und für drei Tage konnte der „singende und sprechende Film“ im Mistelbacher Kino bewundert werden30.

Ankündigung des Gastspiels des Kinetophons im Mistelbacher Rössler KinoAnkündigung des Gastspiels des Kinetophons im Mistelbacher Rössler Kino

Im März 1921 wurde im Kino eingebrochen und ein Film und Teile der Projektoranlage erbeutet, sodass ein Schaden in Höhe von 100.000 Kronen entstand und der Betrieb einige Tage pausieren musste.31 Mitte der Zwanzigerjahre konnte das Fassungsvermögen des Kinosaales auf 242 Personen gesteigert werden und Vorführungen fanden weiterhin 2-3 Mal pro Woche statt. Die hiesigen Vereine, wie bspw. die Mistelbacher Sektion des österr. Touringklubs, der deutsche Turnverein Mistelbach oder die Veteranenvereinigung der ehemaligen 24er Schützen veranstalteten in Rösslers Kino bereits seit den Anfangsjahren, und zum Teil regelmäßig Sondervorstellungen themenspezifischer Filmaufnahmen.32 Ebenso sind während des Ersten Weltkriegs Wohltätigkeitsaufführungen zugunsten des Roten Kreuzes33 bzw. später des niederösterreichischen Invalidenverbandes34 überliefert.

Auch für politische Propaganda wurde das neue Massenmedium Film bald entdeckt und so zeigte etwa die sozialdemokratische Lokalorganisation bzw. der Arbeiterturnverein „Vorwärts“ 1926 folgende Filme in Rösslers Kino: Sergei Eisensteins Werk „Panzerkreuzer Potemkin“35, „Maschinist Uchtomsky“36, „Die Wiener Maifeier 1926″ und „Der blutige Sonntag“37. Besonders die Nationalsozialisten waren Meister der Inszenierung und wussten die neuen Massenmedien Rundfunk und Film geschickt für ihre Propagandazwecke zu nutzen. Auch im Stadtkino und im Kronen-Kino, das später nach dem Anschluss als größter Saal der Stadt Lokalität für alle großen NS-Veranstaltungen war, wurden von der Ortsgruppe der NSDAP 1933 Reden Hitlers und Goebbels gezeigt.38
Weiters konnte folgende Nutzung zu kommerziellen Werbezwecken recherchiert werden: von 2. bis 6. November 1931 wurde täglich bei freiem Eintritt ein „Filmvortrag für die Frauenwelt“ der Firma Persil in Rösslers Kino gezeigt und alle Besucherinnen dieser Werbefilmvorführung erhielten einen Waschkochlöffel gratis.39

Bereits unmittelbar vor der Eröffnung des Kinos und auch danach, gab es Ansuchen um Genehmigung eines weiteren Kinobetriebs in Mistelbach, die jedoch alle vom Gemeinderat mangels Bedarfs abgelehnt wurden.40 1929 wurde schließlich der Errichtung eines zweiten Kinos in der Stadt zugestimmt und dem Wirt des Gasthauses „Zur goldenen Krone“, Johann Heindl, eine Kinolizenz erteilt.

Im September 1930 übernahm Heinrich Rössler zusätzlich das Gaweinstaler Kino41, das der Gastwirt Andreas Döltl im Jahre 1925 im Saal seines Gasthauses „Zum römischen Kaiser“ in der Wiener Straße 38 eröffnet hatte42. Lizenzinhaber war zunächst weiterhin der Vorbesitzer Andreas Döltl, von 1932 bis 1933 lief die Kinolizenz dann auf Rösslers Gattin Rosa und von März 1933 bis ca. 1935 schien schließlich als Lizenzinhaberin bzw. Leiterin Hedwig Beeson, eine Tochter Rösslers, auf.43 Das Kinematographische Jahrbuch 1935 belegt, dass sich das Gaweinstaler Kino zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Besitz der Familie Rössler befand.

Die Konkurrenzsituation durch das zweite Kino in Mistelbach sowie die umfassenden Investitionen für die Umrüstung zum Tonkino, die zu Ostern 1931 erfolgte44, dürften das sich ab diesem Zeitpunkt „Stadt-Kino“ nennende Unternehmen in eine finanzielle Schieflage gebracht haben. Wohl aus finanziellen Gründen wurden auch nach der Umrüstung zum Tonfilmkino, neben Tonfilmen vereinzelt weiterhin die in der Anschaffung günstigeren Stummfilme gezeigt. Erschwerend kam dann noch hinzu, dass eine mit Juli 1932 begonnene Verpachtung an den gelernten Kleidermachergehilfen Stefan Hertl bereits im Dezember desselben Jahres durch Rössler gelöst wurde45, als über den Betrieb ein gerichtliches Ausgleichsverfahren eröffnet wurde46 Das Unternehmen konnte weitergeführt werden und im Mai 1933 stimmte der Mistelbacher Gemeinderat der Übertragung der Kinolizenz von Heinrich Rössler sen. auf dessen Sohn Heinrich Rössler jun. zu, vorbehaltlich der Begleichung der Rückstande an Lustbarkeitsabgabe.47 Nach dem Tod des Kinogründers Heinrich Rössler sen. im November 193348 führte Rössler jun. das Kino zunächst selbst bzw. später mittels folgender Geschäftsführer bzw. Pächter fort: ab Oktober 1934 Oswald Kögler (eigentlich Holzhändler in der Bahnstraße), ab Februar 1935 Josefine Hochkugler (diese dürfte das Kino zeitweilig gemeinsam mit Else Dunshirn geführt haben49, die zuvor als Betreiberin von Kinos in Grimmenstein und Hochegg in Erscheinung trat), ab Jänner 1936 scheint schließlich wieder Oswald Kögler auf.50 Unregelmäßige Programmankündigungen des Stadt-Kinos im Mistelbacher Bote sind in den Jahren 1933 bis 1938 jedenfalls belegt.

Heinrich Rösslers Stadt-Kino in der Mitschastraße 1933/34Heinrich Rösslers Stadt-Kino in der Mitschastraße 1933/34

1938 scheint im kinematographischen Handbuch als Lizenzinhaber der Sohn des Kinogründers, Heinrich Rössler jun., aber als Geschäftsführer bereits der Betreiber des Kronen-Kinos Johann Heindl auf51 und auch in einer Liste der Kinos im „Ostmärkischen Filmhandbuch aus dem Jahr 1939″ bzw. dem „Reichs-Kino-Adreßbuch 1939“ findet sich das Stadt-Kino Mistelbach noch52. Wenig später übernahm Heindl das Stadt-Kino vollständig, aber laut Auskunft seiner Nachfahren jedoch nur, um dieses als Konkurrenten auszuschalten und er setzte dieses Vorhaben auch in die Tat um. Darüber ob und inwiefern das Gebäude nach der Schließung des Kinobetriebs, also in den Kriegsjahren, genutzt wurde, ist leider nichts überliefert. Von September 1946 bis 1954 war im Kinogebäude die Vulkanisierungswerkstätte und Reifenhandlung des Leo Doleschal untergebracht53. 1954 erwarb die Stadtgemeinde das Gebäude von Barbara Dunkl und ließ es 1955 abtragen, damit auf diesem Gelände die Bauarbeiten für das 1957 eröffnete Finanzamt begonnen werden konnten.54


Kronen-Kino Heindl

Seit Oktober 192455 befand sich das Gasthaus „Zur goldenen Krone“ in der Oberhoferstraße Nr. 15 (heute: Krone Wok Sushi Restaurant) im Besitz von Johann Heindl (*1884, †194956), der es Ende Dezember 1928 um einen neu erbauten großen Saal erweiterte, der den alten Saal, der später als Foyer genutzt wurde, ersetzte.57 Dieser neue und nunmehr größte Veranstaltungssaal der Stadt wurde vielseitig genutzt und Heindl richtete darin auch ein Kino mit einem Fassungsvermögen von 360 Personen ein.58 Schon Anfang Dezember 1928 wurde die für den Betrieb benötigte Kinolizenz erteilt59 und in der Eröffnungsvorstellung des „Kronen-Kinos“ am 19. Jänner 1929 wurde der Film „Anna Karenina – Tragödie einer verbotenen Liebe“ nach einem Roman von Leo Tolstoi gezeigt.60 Fortan wurden in diesem Kino Filme immer donnerstags, samstags und sonntags gezeigt und zu Ende des Sommers 1930 wurde das Kronen-Kino als erstes der beiden Mistelbacher Kinos zum Tonkino umgerüstet. Als ersten Tonfilm zeigte das nunmehrige „Kronen-Ton-Kino“ am 6. September 1930 den deutschen „Sprech-Gesangs-Tonfilm“ „Das Rheinlandmädel“ (auch unter dem Titel „4 Mädchen suchen das Glück“ bekannt).61 Wie bereits weiter oben dargestellt, übernahm Heindl 1938 auch das Stadt-Kino, allerdings nur um den Betrieb kurz darauf zu schließen.

Eröffnungsanzeige und Ankündigung der Eröffnungsvorstellung am 20. Jänner 1929 im Mistelbacher Bote (Nr. 3/1929, S. 6)Eröffnungsanzeige und Ankündigung der Eröffnungsvorstellung am 20. Jänner 1929 im Mistelbacher Bote (Nr. 3/1929, S. 6)

Das Gasthaus "Zur goldenen Krone" auf einer Mehrbildansichtskarte aus den 30er Jahren - rechts unten, der Kinosaal; rechts oben der alte Saal des Gasthauses, später Foyer des KinosDas Gasthaus „Zur goldenen Krone“ auf einer Mehrbildansichtskarte aus den 30er Jahren – rechts unten, der Kinosaal; rechts oben der alte Saal des Gasthauses, später Foyer des Kinos

Während der im Stadtgebiet tobenden Kampfhandlungen im April 1945 wurde etwa ein Drittel des Gebäudes durch eine Granate zerstört. Die daraus resultierenden Renovierungs- und Umbauarbeiten konnten offenbar erst Ende des Jahres 1946 vollständig abgeschlossen werden62, doch bereits ab Ende Februar 1946 ist der Kinobetrieb durch Programmankündigungen im Mistelbacher Bote belegt.63

Das von Kriegsschäden gezeichnete Gasthaus bzw. Kino der Familie Heindl - 1945/46Das von Kriegsschäden gezeichnete Gasthaus bzw. Kino der Familie Heindl – 1945/46

Nach dem Tod von Johann Heindl 1949, übernahmen seine Söhne Otto bzw. später Walter Heindl das Gasthaus samt Kino und Anfang der 1950er Jahre fanden Vorstellungen bereits an sechs Tagen pro Woche statt.64 Später wurden der Gasthof, der auch Fremdenzimmer und eine Kegelbahn umfasste, und das Kino von Fr. Singer-Heindl, der Tochter von Walter Heindl, geführt. Mehrere Versuche einen zweiten Kinobetrieb in Mistelbach zu eröffnen – wie etwa in Laa an der Thaya – scheiterten, da eine entsprechende Konzession seitens der Landesbehörden (unter Einbeziehung der Stellungnahme der Gemeinde) nicht erteilt wurde. Laut Andeutungen in einem Zeitungsbericht Ende der 1950er Jahre sollen gute politische Kontakte der Familie Heindl, diese vor unliebsamer Konkurrenz bewahrt haben.65

1963: Ehrung von Friedrich Kirchstorfer (rechts im Vordergrund) der seit 25 Jahren als Filmoperateur beim Kronen-kino tätig war. Links im Vordergrund: Kinobesitzer Walter Heindl. Kirchstorfer feierte in diesem Jahr bereits sein 30-jähriges Berufsjubiläum und war zuvor als Operateur in Rösslers Kino angestellt.Ehrung von Friedrich Kirchstorfer (rechts im Vordergrund) der 1963 bereits seit 25 Jahren als Filmoperateur (Filmvorführer) beim Kronen-kino tätig war. Links im Vordergrund: Kinobesitzer Walter Heindl. Kirchstorfer feierte in diesem Jahr bereits sein 30-jähriges Berufsjubiläum und war zuvor als Vorführer in Rösslers Kino angestellt und wurde von Heindl übernommen.66

Seit 1994 befindet sich das Kino im Besitz von Herrn Feiru Liu bzw. wurde später von Herrn Weirong Liu geführt. Da der Kinosaal früher auch als Ball- bzw. Veranstaltungssaal genutzt wurde, bestand die Bestuhlung ursprünglich aus Sesselreihen. Als diese dann in den 90er Jahre durch fixe Klappsitze ersetzt wurden, ging ein großer Teil der alten Kinosessel in den Mobiliarbestand des Lokals „Altes Depot“ über, wo diese bis heute Verwendung finden. In den 2000er Jahren wurde das Kino schrittweise um zwei zusätzliche, kleinere Vorführsäle erweitert, sodass es heute drei Säle umfasst. Mit Anfang des Jahres 2021 übernahm der Verein film.kunst.kino den Betrieb des Kinos und führt dieses als Programmkino fort.

Das Kronen-Kino im Jahre 1991Das Kronen-Kino im Jahre 1991

Das Erscheinungsbild des Kronen-Kinos im Jahre 2018Das Erscheinungsbild des Kronen-Kinos im Jahre 2018

Bildnachweis:
-) Foto Stadt-Kino Rössler – Stadtmuseumsarchiv, zVg Otmar Biringer
-) Ansichtskarte Gasthaus „Zur goldenen Kronen“ – digitalisiert von Otmar Biringer aus der Sammlung von Herrn Lichtl
-) Ehrung Kirchstofer: Wilhelm Mliko – Weinviertler Nachrichten, Nr. 49/1963, S. 4
-) kriegsbeschädigtes Kino und Kino im Jahr 1991 – Göstl-Archiv

Quellen (und Anmerkungen):

-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch des Filmboten 1920
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch des Filmboten 1926, S. 115
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch des Filmboten 1928, S. 111
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch des Filmboten 1929, S. 117
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch der österreichischen Filmzeitung 1931, S. 114
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch der österreichischen Filmzeitung 1932, S. 108
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch der österreichischen Filmzeitung 1934, S. 90
-) Freund, Fritz (Hrsg.): Kinematographisches Jahrbuch der österreichischen Filmzeitung 1935, S. 95
-) Ergänzungsband (Wien-Südostdeutschland) zum Reichs-Kino-Adreßbuch 1938, S. 18
-) Reichs-Kino-Adreßbuch 1939, S. 522
-) Reichs-Kino-Adreßbuch 1941, S. 554
-) Reichs-Kino-Adreßbuch 1944, S. 523

(Zu den Informationen in den Kinematographischen Jahrbüchern ist folgendes anzumerken: Die Adresse des Rössler Kinos ist zwar mit Mitschastraße richtig angegeben, aber dafür mit wechselnden, großteils falschen Hausnummern; auch das Gründungsjahr dieses Kinos ist teils falsch angegeben; zwar wird das Rössler Kino im Jahr 1935 nicht gelistet, aber aufgrund der oben angeführten Quellen scheint es auch im Jahr 1935 aktiv gewesen zu sein)

Dr. Pönninger-Straße

Von Thomas Kruspel 3. Januar 2018 Aus

In den Jahren 1993-95 wurde die neue Kläranlage außerhalb des Ortsgebiets errichtet, die nach erfolgreichem zweijährigen Probebetrieb schließlich 1997 offiziell eröffnet werden konnte. Viele Jahre blieb die Zufahrtsstraße zur Kläranlage namenlos, bis der Mistelbacher Gemeinderat im Jahr 2012 beschloss, sie nach dem Planer der ersten Gesamtkanalisation im Zentrum von Mistelbach und Pionier der österreichischen Abwassertechnik Prof. Dr. Rudolf Pönninger zu benennen. Die Planung der Anlage erfolgte durch das von Dr. Pönninger gegründete Ziviltechnik-Büro.

Wo befindet sich die Dr. Pönninger-Straße?

Quellen:
-) Niederschrift über die Gemeinderatssitzung vom 14. Mai 2012 (online abrufbar auf der Webseite der Stadtgemeinde Mistelbach)
-) Gemeindezeitung – Amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 10/1993 (Juli), S. 7
-) Mistelbacher Gemeindezeitung – Amtliche Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 5 – Mai 1997, S. 2

Pönninger, Dr. Rudolf

Von Thomas Kruspel 3. Januar 2018 Aus

ao. Hochschulprofessor Dipl.-Ing. Dr. Rudolf Pönninger

* 1.2.1898, Wien
† 30.6.1966, Wien

Rudolf Pönninger wurde 1898 als viertes von fünf Kindern und einziger Sohn den in Wien-Simmering wohnhaften Eheleuten Karl und Antonia Pönninger, geb. Urbanetz, geboren. Er wurde nach seinem Onkel und Taufpaten, dem Baumeister Rudolf Pönninger, benannt, in dessen Betrieb sein Vater als Polier beschäftigt war.62 Nach der Volksschule besuchte er die siebenjährige k.k. Staats-Realschule in Simmering, und da er sich wie viele seiner Generation als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte, konnte er die Reifeprüfung vorzeitig, also bereits während dem letzten Schuljahr ablegen und wechselte noch 1915 als 17-Jähriger von der Schulbank an die Front.67 1918 kehrte Pönninger als Leutnant der Reserve aus dem Krieg zurück und nahm 1919 ein Studium an der Technischen Hochschule Wien (heute: TU Wien) auf, das er 1923 als Diplom-Ingenieur abschloss. Nach mehrjähriger Praxis in Österreich war er ab 1927 am Tiefbauamt der Stadt Beuthen in Oberschlesien tätig und war dort mit Planung, Bau und Betrieb der städtischen Kläranlage befasst.

Während dieser Zeit begann auch seine wissenschaftliche Tätigkeit und er promovierte 1937 an der Technischen Hochschule Breslau mit einer richtungsweisenden Arbeit über den „künstlich belüfteten Tropfkörper“. Nach seiner Promotion war er als freiberuflicher Ingenieur tätig und im Jahr 1938 kehrte er wieder nach Wien zurück, wo er wenig später ein Ingenieurbüro gründete. Bald nach Beginn des Krieges wurde auch Dr. Pönninger als Leutnant der Reserve zum Eisenbahn-Pionier-Regiment 1 der deutschen Wehrmacht einberufen. Nachdem er bereits zu Beginn des Jahres 1940 zum Oberleutnant befördert wurde, folgte schließlich im August 1941 seine Beförderung zum Hauptmann. Ende Jänner 1945 wurde Pönninger aufgrund von fortgeschrittener Schwerhörigkeit von der Feldtruppe abkommandiert und zur Offiziersmeldestelle nach Wildflecken in Unterfranken versetzt, wo sich ein großer Truppenübungsplatz samt Truppenlager befand.68 Zu Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er Ende des Jahres 1946 entlassen wurde. Nach dem Krieg war Dr. Pönninger, als Zivilingenieur für das Bauwesen, für die Projektierung zahlreicher Kanalisationssysteme und Kläranlagen verantwortlich, unter anderem für die Städte Graz, Baden, Linz, Klagenfurt, Wiener Neustadt, Innsbruck, Salzburg, Wels und auch die Kläranlage der Stadt Wien in Inzersdorf ging auf seine Planungsarbeit zurück. Im Jahr 1958 wurde Dr. Pönninger auch mit der Ausarbeitung eines Gesamtkanalprojekts für die Stadtgemeinde Mistelbach beauftragt, das in einem ersten Schritt den Hauptplatz bzw. dessen unmittelbare Umgebung umfasste.69 Bereits 1951 habilitierte sich Pönninger am „Institut für Hydraulik, Gewässerkunde und Landwirtschaftlichen Wasserbau“ der Technischen Hochschule Wien und erhielt die Lehrbefugnis für den Fachbereich „Abwasserreinigung und Abwasserverwertung“70 und 1959 wurde ihm in Anerkennung seiner Verdienste als Forscher und Lehrer vom Bundespräsidenten der Titel eines außerordentlichen Hochschulprofessors verliehen.71 Seine große fachliche Kompetenz im Bereich Abwasserbehandlung ist auch durch seine Mitgliedschaft im Deutschen Normenausschuss (Arbeitskreis Tropfkörper) von 1942 bis 1944 belegt und nach dem Krieg gehörte er dem österreichischen Normenausschuss an.

Im Rahmen seiner technischen Forschungsarbeit sicherte sich Prof. Dr. Pönninger zahlreiche Patente, besonders im Bereich der Kleinkläranlagen (von Wohnbauten), und 1952 gründete er die sehr erfolgreiche Firma Purator Kläranlagen Großhandel, die diese technischen Lösungen vertrieb.72 Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge in Fachzeitschriften, war Mitarbeiter der „Österreichischen Abwasserrundschau“ und Autor einiger Standardwerke der einschlägigen Fachliteratur. Wenige Monate vor seinem Tode wurde ihm die goldene Ehrennadel des Wasserwirtschaftsverbandes verliehen. Das von ihm gegründete Ingenieurbüro wurde von seinem Schwiegersohn ao. Univ.-Prof. DI Dr. Werner Lengyel fortgeführt.
Prof. Dr. Pönninger verstarb 1966 und wurde im Familiengrab auf dem Simmeringer Friedhof beigesetzt.

Das imposante Grabmal der Familie Pönninger auf dem Simmeringer FriedhofDas imposante Grabmal der Familie Pönninger auf dem Simmeringer Friedhof

1998 wurde anlässlich des 100. Geburtstags des Pioniers der österreichischen Abwassertechnik, der Dr. Rudolf Pönninger-Preis gestiftet. Diese Auszeichnung wurde jährlich (nachweislich zumindest bis ins Jahr 2001) für besondere Leistungen im Bereich Abwassertechnik und Umweltschutz durch das Umweltministerium verliehen.73 Gemäß einem Beschluss des Gemeinderates aus dem Jahr 2012 trägt die bis dahin namenlos gewesene, zur Kläranlage der Stadtgemeinde Mistelbach führende Straße nunmehr die Bezeichnung Dr. Pönninger-Straße.74

Wo befindet sich die Dr. Pönninger-Straße?

 

Quelle:

-) Österreichische Abwasser-Rundschau, Jg. 3 (1958), Folge 1, S. 15
-) Österreichische Abwasser-Rundschau, Jg. 11 (1966), Folge 3, S. 2

Bildnachweis:
-) Österreichische Abwasser-Rundschau, Jg. 11 (1958), Folge 1, S. 15

Franz Bayer-Straße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Benannt 1996 nach dem langjährigen Bürgermeister und Verwaltungsdirektor des
Mistelbacher Krankenhauses Franz Bayer.

Wo befindet sich die Franz Bayer-Straße?

Hugo Riedl-Straße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Benannt nach dem von 1872 bis 1886 in Mistelbach tätigen Landesingenieur, und späteren niederösterreichischen Landesbaudirektor Ing. Hugo Riedel.
Die Benennung dieser neu geschaffenen Verbindungsstraße geht auf einen Gemeinderatsbeschluss vom 24. August 1902 zurück und obwohl der Name ursprünglich „Hugo Riedel-Straße“ lautete wurde, bürgerte sich später die Schreibweise ohne „e“, also „Hugo Riedl-Straße“ ein.

Eine frühe Aufnahme der Hugo Ried(e)l-Straße, im Vordergrund das heutige Pfarramt der evangelischen Kirche.


Wo befindet sich die Hugo Riedl-Straße?

Dr. Bernhard Koch-Gasse

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Benannt 2001 nach dem aus Mistelbach stammenden bedeutenden Numismatiker und Direktor des Münzkabinetts des Kunsthistorischen Museums Wien Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch.

Wo befindet sich die Dr. Bernhard Koch-Gasse?

Luzius Lackner-Straße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Benannt 2003 nach dem langjährigen Stadtpfarrer von Mistelbach Geistlicher Rat Pater Lucius Lackner SDS.


Wo befindet sich die Luzius Lackner-Straße?

Karl Katschthaler-Straße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Von 1910 bis 1935 befand sich im Bereich dieser kurzen Sackgasse das Bezirks-Waisenhaus, das später als Armenhaus bzw. Altersheim diente. 1958 war das Gebäude aufgrund eines Hangrutsches schwer beschädigt worden und musste daher 1963 wegen Baufälligkeit abgebrochen werden. Mitte der 1960er Jahre errichtete hier die Landmaschinenfabrik Heger eine fünfschiffige Werkhalle sowie ein daran anschließendes Verwaltungsgebäude. Nach der Schließung des Betriebs in den 1990er Jahren ging das Areal wieder in den Besitz der Gemeinde über und um Platz für den Bau der HTL zu schaffen wurde ein Großteil der Halle – bis auf einen bis heute bestehenden Rest – abgetragen. Nachdem hier auch die Bezirksbauernkammer ihr neues Gebäude errichtet hatte, wurde die Zufahrtsstraße mit Beschluss des Mistelbacher Gemeinderats vom 5. Juli 2004 nach dem vormaligen Volks- und Bürgerschullehrer und späteren Weinbauinspektor Karl Katschthaler benannt, der sich große Verdienste um den Weinbau im Weinviertel erworben hat und ein großer Förderer des landwirtschaftlichen Weiterbildungswesens war.

Bedeutende Gebäude und Einrichtungen in der Karl Katschthaler-Straße:

Karl Katschthaler-Straße 1: hier befindet sich der 2004 eröffnete Neubau der Bezirksbauernkammer Mistelbach

Karl Katschthaler-Straße 2: 2004 entstand in Mistelbach die privat finanzierte HTL für Gesundheitstechnik. In den ersten beiden Schuljahren fand der Unterricht im Gebäude der Volksschule statt, ehe im September 2006, und nur rund acht Monate nach dem Spatenstich, das neu errichtete Schulgebäude eröffnet werden konnte.

Wo befindet sich die Karl Katschthaler-Straße?

Thomas Freund-Gasse

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Da hier 1873 das neue Schulgebäude (die spätere Mädchenschule) und aufgrund der Raumnot, wenig später, 1898 ein separater Schulbau für Knaben, errichtet wurde, hieß diese Gasse zunächst Schulgasse. Wann genau die Namensänderung und damit die Benennung nach dem langjährigen Bürgermeister und Landtagsabgeordneten Thomas Freund erfolgte, ist leider unklar. Bereits in einem kurz nach seinem Tod erschienenen Nachruf wird die Würdigung seiner Verdienste durch die Stadt in Form der Umbenennung der Schulgasse in „Thomas Freund-Gasse“ erwähnt.75 Die Umbenennung erfolgte möglicherweise unmittelbar nach seinem Tod, oder aber bereits zuvor in den Jahren 1934-1936.

Heute kaum mehr vorstellbar: eine zugeparkte Thomas Freund-Gasse im Jahr 1983 Heute kaum mehr vorstellbar: die zugeparkte Thomas Freund-Gasse im Jahr 1983

Mit dem Beginn des Baus des Pflichtschulzentrums im Jahr 1985 wurde die Thomas Freund-Gasse für den Verkehr gesperrt und nach Fertigstellung des Umbaus Anfang März 1990 offiziell als Fußgängerzone eröffnet76. Nachdem die Partnerstadt Neumarkt in der Oberpfalz für diese nunmehr verkehrsfreie Gasse eine Zierbrunnenanlage stiftete, wurde dem Bereich rund um den Brunnen, am Beginn der Thomas-Freund-Gasse, der (inoffizielle) Name „Neumarkter Platzl“ gegeben.77 Mit Beschluss des Gemeinderats vom 15. Mai 2019 wurde festgelegt, dass auch die neu errichtete Zufahrtsstraße auf der anderen Seite der Oserstraße den Namen von Bürgermeister Freund tragen soll und somit die Thomas Freund-Gasse verlängert.

Bedeutende Gebäude bzw. Einrichtungen in der Thomas Freund-Straße:

Thomas Freund-Straße 1: 1873 als Volks- und Bürgerschule erbaut, war nach dem Bau der nebenan gelegenen Knaben-Schule, hier die Mädchenschule untergebracht

Thomas Freund-Straße 2 (=Bahnstraße 5): Mit Beginn des Jahres 1900 eröffneten Franz und Rosa Schindler hier ein Kaffeehaus. Bis Ende der 1960er Jahre wurde das Kaffeehaus unter verschiedenen Betreibern (Rössler, Kiesling, Rabenseifner, Beck, M. Heindl) weitergeführt. Nach kurzen Episoden als Verkaufslokal (Konsum, Bekleidungsfirma TILA), wird die Kaffeehaustradition seit 1983 vom Café Harlekin fortgeführt. Nähere Details hierzu im Beitrag Kaffeehaus – Bahnstraße Nr. 5

Thomas Freund-Straße 3: die 1898 erbaute Knaben-Volks- und Bürgerschule

Zwischen den beiden Schulgebäuden befand sich von 1888 bis 1985 der alte städtische Turnsaal.

Wo befindet sich die Thomas Freund-Gasse?

Quellen:

Ernst Schoiber-Straße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Der Mistelbacher Gemeinderat beschloss in der Sitzung vom 26. März 2009, die in dem neu aufgeschlossenen Siedlungsgebiet südlich des sowjetischen Soldatenfriedhofs angelegten Straßen nach Ehrenbürgern der Stadt Mistelbach zu benennen. Unter anderem wurde eine dieser Straßen nach dem vormaligen amtsführenden Landesschulratspräsidenten und Landtagsabgeordneten Hofrat Ernst Schoiber benannt.

Wo befindet sich die Ernst Schoiber-Straße?

 

Quellen:
-) Protokoll der Sitzung des Mistelbacher Gemeinderates vom 26.03.2009

Oserstraße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Laut Beschluss des Gemeinderats vom 13. April 1898 benannt nach dem ehemaligen Bezirkshauptmann des Verwaltungsbezirks Mistelbach und späteren Sektionschef im Ackerbauministerium Dr. Ernst Oser. In der Gemeinde Berndorf, die zu Dr. Osers Wirkungsbereich während seiner Zeit als Bezirkshauptmann von Baden gehörte, existiert seit 1888 eine ebenfalls nach ihm benannte Osergasse. Die Osergasse in Großjedlersdorf im 21. Wiener Gemeindebezirk ist hingegen nach dem Mediziner Univ.-Prof. Dr. Leopold Oser benannt, mit dem keinerlei Verwandtschaftsverhältnis besteht.

Bisher ging man davon aus, dass die Oserstraße erst im Laufe der Zeit bis zur Hugo Riedl-Straße ausgebaut wurde. Allerdings belegt der Wortlaut des Gemeinderatsbeschlusses aus dem Jahr 1902, mit dem die Hugo Riedl-Straße ihren Namen erhielt, dass diese schon damals explizit als Verbindungsstraße zwischen Josef Dunkl-Straße (damals Wiener Straße) und Oserstraße bezeichnet wurde. Ihre jüngste Erweiterung erfuhr die Oserstraße Anfang der 1950er Jahre durch die bauliche Aufschließung der Gründe der ehemaligen Holzhandlung Josias Eißler & Söhne, die dazu führte, dass auch am Ende der Oserstraße vier neue Einfamilienhäuser entstanden.

Bedeutende Gebäude bzw. Einrichtungen in der Oserstraße:

Oserstraße 1: (=Wiedenstraße 4): Bürgerhaus errichtet zu Beginn des 18. Jahrhunderts

Oserstraße 4, 4a und 6: 1861 begründete hier August Putz das Gasthaus „Zum Rebhuhn“, dass im Laufe der Jahrzehnte sukzessive ausgebaut wurde (Festsaal, Hotel, Garagen, etc.) und das mit seinen Nebengebäuden und dem großen Gastgarten beinahe den gesamten Bereich zwischen Oserstraße und Mitschastraße umfasste. Heute befindet sich hier das Gasthaus „Schillingwirt“.

Oserstraße 9: eine alte hier befindliche Hofstatt musste 1904 der neu errichteten Elisabeth-Kirche weichen; 1909 errichtete hier die im Besitz der Familie Mautner-Markhof stehende Brauerei St. Marx ein Bierdepot, das später bis 1989 von der Brauerei Schwechat genutzt wurde. Von 1991 bis 2024 befand sich hier das Kultur- und Bierlokal „Altes Depot“. An dieser Stelle darf auf den ausführlichen Beitrag zur Geschichte dieses Hauses verwiesen werden: Schwechater Bierdepot – Hausgeschichte Oserstraße 9

Oserstraße 11: Standort des Mistelbacher Spitals, bei dem es sich um eine im 14. Jahrhundert durch die Herren von Mistelbach gestiftete Sozialeinrichtung handelte, die von den Liechtensteinern weitergeführt wurde und bis 1928 existierte. Das alte Spitalsgebäude, das direkt an der Mitschastraße lag, wurde 1884 Jahren abgebrochen und etwas zurückversetzt neu erbaut. Nachdem 1928 die letzte „Insassin“, die im Spital lebenden Menschen wurden auch „Pfründner“ bezeichnet, verstorben war, zogen später der Gendarmerieposten und danach für viele Jahre das Arbeitsamt ein. Heute befindet sich hier eine Mitte der 2010er Jahre errichtete Genossenschaftswohnhausanlage

Der Kreuzungsbereich Oserstraße - Mitschastraße etwa 1907-1910: Die Oserstraße nach der Querung der Mitschastraße ist mit gelber Strichlinie markiert und mit roter Beschriftung: das Spital (Oserstr. 11) und der Kindergarten (Oserstr. 12). Neben/vor dem Kindergarten gut erkennbar der zugehörige Garten, an dessen Stelle in den 1960er Jahren das Postamt errichtet wurde.Der Kreuzungsbereich Oserstraße – Mitschastraße etwa 1907-1910: Die Oserstraße nach der Querung der Mitschastraße ist mit gelber Strichlinie markiert und mit roter Beschriftung: das Spital (Oserstr. 11) und der Kindergarten (Oserstr. 12). Neben/vor dem Kindergarten gut erkennbar der zugehörige Garten, an dessen Stelle in den 1960er Jahren das Postamt errichtet wurde.

Das Haus Oserstraße 11 im Jahre 1986: Von 1884 bis 1928 diente als es der Armenversorgung (Das Haus Oserstraße 11 im Jahre 1986: Von 1884 bis 1928 diente als es der Armenversorgung („Mistelbacher Spital“), später als Gendarmerieposten und Arbeitsamt (bis 1957)

Oserstraße 1278: bereits 1720 wird hier ein „Stübel“ erwähnt, später ein Kleinhaus – als Besitzer sind überliefert: Täry (um 1720), Zehentmayer, Johann Weiser (Weißer) (um 1799) und Stöger (1806); das heute an dieser Stelle bestehende Gebäude wurde 1889 als städtischer Kindergarten durch die Sparkasse Mistelbach errichtet und 1904 zum Landeskindergarten. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Kindergarten von der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) geführt und ab 1945 schließlich wieder nö. Landeskindergarten. Nachdem die Raumnot immer drückender wurde und schon die Umkleide zu einem Aufenthaltsraum umgebaut werden musste, konnte schließlich 1960 nach langem Ringen der neue Kindergarten in der Gewerbeschulgasse eröffnet werden. Die alten Räumlichkeiten wurden nunmehr als Ausweichklassen für die in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen und ebenfalls unter großer Raumnot leidenden Volks- und Hauptschulen verwendet. 1962 kaufte die Gemeinde das Gebäude von der Sparkasse und in den ersten Jahren nach der Gründung des musisch-pädagogischen Gymnasiums (des heutigen BORG Mistelbach) im Jahre 1963 fand in Ermangelung eines eigenen Schulgebäudes unter anderem hier der Unterricht statt. Seit vielen Jahrzehnten befindet sich nun im Gebäude das Standesamt und außerdem ist die ÖVP-Bezirksparteizentrale hier eingemietet.

Das Haus Oserstraße Nr. 12 im Jahre 1989: von 1889 bis 1960 befand sich hier der Kindergarten, später wurde es zur Unterbringung von Klassen der Volks- und Hauptschule bzw. des 1963 gegründeten musisch-pädagogischen Gymnasiums (späteres BORG) genutzt; heute befindet sich hier unter anderem das Standesamt

Das Haus Oserstraße Nr. 12 im Jahre 1989: von 1889 bis 1960 befand sich hier der Kindergarten, später wurde es zur Unterbringung von Klassen der Volks- und Hauptschule bzw. des 1963 gegründeten musisch-pädagogischen Gymnasiums (späteres BORG) genutzt; heute befindet sich hier unter anderem das Standesamt

Oserstraße 15, 17, 19, 21 und 23: bei diesen handelt es sich um die zwischen 1910 und 1912 erbauten „Meeß-Häuser“, die nach ihrem Architekten und ursprünglichen Eigentümer Otto Meeß benannt sind. Gleichfalls als „Meeß-Häuser“ werden auch die Häuser Liechtensteinstraße 8 und 10 bezeichnet, die ebenfalls von Meeß erbaut wurden. Für detaillierte Ausführungen zur (Entstehungs-)Geschichte dieser Häuser darf auf den Beitrag Meeß-Häuser – Liechtensteinstraße 8 und 10 & Oserstraße 15, 17, 19, 21 und 23 verwiesen werden.

Oserstraße 27: hier befand sich der 1896 eröffnete Tempel der israelitischen Gemeinde Mistelbachs; unter Zwang musste dieser im Jahre 1938 von der Kultusgemeinde der Stadt Mistelbach „geschenkt“ werden und die in der NS-Zeit als Lagerraum genutzte Synagoge wurde während den Kämpfen von Mistelbach absichtlich in Brand gesteckt. Nach der Rückstellung an die Israelitische Kultusgemeinde Wien wurde das Grundstück verkauft, die Synagoge 1979 abgetragen und an ihrer Stelle ein Wohnhaus errichtet. Näheres siehe im Beitrag Mistelbacher Synagoge

Oserstraße 29: in dem 1957 errichteten Gebäude befindet sich seither das Arbeitsamt (heute: AMS)

Wo befindet sich die Oserstraße?

Bildnachweis:
Oserstraße 11: aus der Sammlung von Frau Rehrmbacher
Oserstraße 12: Göstl-Archiv
Kreuzungsbereich Mitschastraße/Oserstraße: Ausschnitt aus einer Ansichtskarte aus den Beständen des StadtMuseumsarchiv Mistelbach

Quellen:

Brennerweg

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Benannt 1954 nach dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirkenden Marktrichter und Färbermeister Mathias Brenner.

Wo befindet sich der Brennerweg?

Hafnerstraße

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Die Hafnerstraße entstand mit Sicherheit bereits im Zuge der Anlage des neuen Marktes (=Hauptplatz) zu Beginn des 14. Jahrhunderts. An ihrer Einmündung in die „Frohner“-Kreuzung, genauer gesagt zwischen den Häusern Hafnerstraße Nr. 6 und 11, befand sich bis 1843 das „Untere Markttor“ (auch Wiedentor genannt) der Befestigungsmauer, die das Marktviertel umgab. In alten Aufzeichnungen findet sich daher als eine Art Adressbezeichnung für die Hafnerstraße schlicht die Anmerkung „beim unteren Markttor“. Also südliche Zufahrtsstraße zum Hauptplatz blickt sie auf eine lange Tradition als Standort für Handels- und Gewerbebetriebe zurück. Im Zuge der Einführung der Straßenbezeichnungen im Jahre 1898 wurde diese Straße nach dem ersten Mistelbacher Bürgermeister, den Lebzelter Franz Hafner, benannt.

Die Hafnerstraße um die JahrhundertwendeDie Hafnerstraße um die Jahrhundertwende

 

Die Hafnerstraße mit Blickrichtung stadtauswärts im Jahre 1928Die Hafnerstraße mit Blickrichtung stadtauswärts im Jahre 1928

Hafnerstraße Nr. 8
Hier befand sich jedenfalls wohl bereits Ende des 15. Jahrhunderts das Gasthaus „Zum weißen Rössl“. Es handelte sich dabei um das einzige Haus der Hafnerstraße, dass vor der Stadtbefestigung bzw. dem hier befindlichen Wiedentor lag. Das Haus gehörte zur Pfarrholdengemeinde und gehörte über viele Jahre zum Stiftungsgut der Pfarre und wurde verpachtet.

Das Gasthaus "zum weißen Rössl" zu Beginn des 20. JahrhundertsDas Gasthaus „Zum weißen Rössl“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts

 

Wo befindet sich die Hafnerstraße?

Quelle:
Spreitzer, Prof. Hans: Beim unteren Markttor In: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Band I, S. 261

Karl Fitzka-Gasse

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2018 Aus

Diese Gasse entstand gemeinsam mit der Josef Strasser-Gasse zu Beginn der 1910er Jahre, als die zuvor im Besitz der Familie Strasser befindlichen Gründe zwischen Mistelufer und Mitschastraße baulich erschlossen wurden. Mittels Beschluss des Gemeindeausschusses wurde diese Verbindungsstraße zwischen Liechtensteinstraße und Mitschastraße 1913 – und damit noch zu seinen Lebzeiten – nach dem Heimatforscher und Ehrenbürger Karl Fitzka benannt.

Wo befindet sich die Karl Fitzka-Gasse?

Update

Von Thomas Kruspel 1. Januar 2018 Aus

Nach einigen Monaten des ungeplanten Stillstands betreffend weiterer Veröffentlichungen, werden im neuen Jahr wieder regelmäßig neue Beiträge erscheinen. Im Hintergrund gingen Recherchearbeit und Ideenfindung unvermindert weiter und lediglich die fehlende Muße verhinderte, dass diese Arbeit auch in neuen Beiträgen mündete. Nebenbei wurden laufend teils umfassende, neu aufgetauchte Informationen in verschiedene Beiträge eingearbeitet (zB Hugo Riedel, Johann Trestler, Karl Fitzka), der Aufbau der Seite Straßennamen neu gestaltet und ebenso machte die fortlaufende Überarbeitung der Quellenangaben, zwecks besserer Nachvollziehbarkeit, bedeutende Fortschritte.

Hafner, Franz

Von Thomas Kruspel 12. September 2017 Aus

Bürgermeister Franz Hafner

* 2.12.1809, Korneuburg
† 5.2.1870, Mistelbach

Franz Hafner wurde als Sohn des Korneuburger Lebzelters (=Lebkuchen- bzw. Zuckerbäcker) Joseph Hafner und dessen Gattin Theresia, geb. Stetter, 1809 in Korneuburg geboren.79 Da sein älterer Bruder Joseph die väterliche Lebzelterei übernommen hatte80, blieb Franz Hafner, der ebenfalls den Beruf des Lebzelters erlernt hatte, nichts anderes übrig als fortzuziehen und so führte ihn sein Weg 1834 nach Mistelbach. Hier übernahm er den Betrieb von Karl Puntschert, der sich im Haus Hauptplatz 15 (ehemals Bank Austria) befand, auf dem Lebzelter belegtermaßen bereits seit dem Jahr 1659 ansässig waren. Eine der wichtigsten Zutaten für das Backen von Lebkuchen ist Honig und da dieser früher in Form von Wabenhonig vom Imker bezogen wurde, hatten Lebzelter seit alters her auch das Recht den Beruf des Wachs- bzw. Kerzenziehers auszuüben und natürlich übte auch Franz Hafner dieses „doppelte“ Handwerk aus.

Ebenfalls 1834 ehelichte er Josepha Fischer, die Tochter eines Wiener Seifensieders, in der Pfarre Maria Rotunda in Wien und dieser Verbindung entstammten elf Kinder. Als einer seiner Beistände (=Trauzeugen) scheint der oben bereits erwähnte Karl Puntschert auf, der von 1831 bis 1840 auch als Mistelbacher Marktrichter fungierte.81

Bereits 1837 scheint Hafner als Ausschussmitglied des vor 1850 mit der Gemeindeverwaltung und Rechtssprechung betrauten Marktgerichts auf, und war als „Polizeiadjunkt“ in diesem Gremium offenbar mit Agenden betreffend die öffentliche Sicherheit betraut.82 1841 gehörte er dem Ausschuss erwiesenermaßen nicht mehr an, ob er in weiterer Folge vor seinem Amtsantritt als Bürgermeister erneut ein Amt im Marktgericht bekleidete, ist nicht bekannt. Die als Folge der Revolution von 1848 durchgesetzte Abschaffung der Grundherrschaft, führte zu einer Neuordnung der Verwaltung und so kam es zur Schaffung der bis heute bestehenden Institution der freien und selbstständigen Gemeinde mit einem gewählten Bürgermeister an der Spitze – der kleinsten Verwaltungseinheit im Staatsgefüge. Für Mistelbach bedeutete dies die Zusammenlegung der bisher zur Herrschaft Liechtenstein gehörenden Marktgemeinde, bestehend aus den Häusern rund um den Hauptplatz, mit der dem Barnabitenorden untertänigen Pfarrholdengemeinde rund um das Kloster. Franz Hafner wurde im Zuge der 1850 erstmalig abgehaltenen Gemeindevertretungswahlen zum ersten Bürgermeister der nunmehr vereinten Gemeinde Mistelbach gewählt. Die im Gefolge der Revolution errungenen Freiheitsrechte und Reformen wurden in der kurz darauf folgenden Phase des Neoabsolutismus großteils wieder revidiert. Dies führte auf Gemeindeebene dazu, dass vorerst keine weiteren Wahlen stattfanden und es wurde verfügt, dass die 1850 gewählten Gemeindevertreter bis auf weiteres im Amt bleiben. In der von Karl Fitzka 1901 veröffentlichten Geschichte der Stadt Mistelbach wird Hafners Charakter wie folgt beschrieben: „War ein braver, uneigennütziger und für das Wohl der Gemeinde bedachter Mann“.83 Zu Beginn seiner Amtszeit 1850 wurde in Mistelbach ein Steueramt sowie ein Bezirks- und Bezirks-Collegialgericht eingerichtet, wobei die Gerichte wenige Jahre später zum k.k. Bezirksamt zusammengefasst wurden. Die Gemeinde kaufte das Haus Hauptlatz Nr. 2 und stellte das Grundstück der Staatsverwaltung im Jahr 1851 zwecks Errichtung eines Amtsgebäudes zur Verfügung, in dem später die Bezirkshauptmannschaft (bis 1901) und bis heute das Bezirksgericht untergebracht waren. Als 1861 erstmals wieder Gemeindewahlen abgehalten werden konnten, endete Hafners Amtszeit als Bürgermeister und er schied aus der Gemeindevertretung aus. Allerdings wurde er im Juli 1867 erneut in den Gemeindeausschuss gewählt.84 Am 5. Februar 1870 verstarb Hafner im 62. Lebensjahr in seinem Haus am Mistelbacher Hauptplatz und wurde auf dem hiesigen Friedhof beerdigt.85 Hafners Grab dürfte (später) zu einem Ehrengrab erhoben worden sein, da noch 1934 in einem Gemeinderatsprotokoll Beschlüsse betreffend die Instandhaltung dieses Ehrengrabes aufscheinen.86 Heute existiert Hafners Grabstätte nicht mehr. Die Lebzelterei dürfte noch bis Ende der 1870er Jahre von Hafners Nachfahren weitergeführt worden sein, ehe das Haus 1884 von einer Tochter Hafners verkauft wurde und spätestens damit kam auch das Ende dieses Handwerksbetriebs.87

Als Mistelbach 1898 von der Verwendung der Konskriptionsnummern als Adressbezeichnungen abrückte und offiziell Straßenbezeichnungen eingeführt wurden, gedachte man des ersten Mistelbacher Bürgermeisters und gab der südlichen Zufahrtsstraße zum Hauptplatz den Namen Hafnerstraße.

Wo befindet sich die Hafnerstraße?

 

Quellen:

Mistelbacher Synagoge

Von Thomas Kruspel 25. August 2017 Aus

Bereits 1337 wird von einer Judenverfolgung in Mistelbach berichtet und dies stellt gleichzeitig den ältesten Beleg jüdischen Lebens (und Leidens) in Mistelbach dar. Aufgrund von Verfolgung und Aufenthaltsverboten konnten Juden im Laufe der folgenden Jahrhunderte nur vereinzelt und nicht dauerhaft in Mistelbach ansässig werden. Doch prägten fahrende jüdische Händler aus dem nahegelegenen Südmähren, die ihre Waren auf den Mistelbacher Märkten anbieten durften, das Marktgeschehen. Erst in Folge der vollständigen rechtlichen Gleichstellung durch das Staatsgrundgesetz von 1867, und im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt durch die Errichtung der Staatseisenbahn im Jahr 1870, ließen sich vermehrt jüdische Händler und Gewerbetreibende samt ihren Familien in Mistelbach nieder.

Jüdische Gottesdienste wurden zunächst wohl in privaten Wohnungen gefeiert, aber bereits für das Jahr 1889 ist die Existenz einer Betstube belegt. Diese befand sich höchstwahrscheinlich an der Adresse Annagasse 6, dem Haus des, in Mistelbach von 1880 bis 1895 wirkenden, jüdischen Religionslehrers und Kantors Sigmund Jellinek.

Zu Beginn der 1890er Jahre kam es zu einer gesetzlich angeordneten Neuregelung der jüdischen Religionsgesellschaften, im Zuge derer 1892 die Israelitische Kultusgemeinde Mistelbach gegründet wurde. Das Gemeindegebiet umfasste die Gerichtsbezirke Mistelbach, Laa a.d. Thaya, Feldsberg, Poysdorf, Wolkersdorf (mit Ausnahme einiger weniger Gemeinden) und Zistersdorf. 1895 erwarb die Kultusgemeinde Mistelbach ein Grundstück in der Oserstraße, Ecke Gartengasse zum Zwecke der Errichtung einer Synagoge. Mit der Planung wurde der aus Ungarn stammende Architekt Friedrich Schön beauftragt und das Gebäude wurde vom späteren Bürgermeister Baumeister Josef Dunkl jun. in weniger als einem Jahr Bauzeit errichtet.

Die älteste erhaltene Darstellung der Synagoge auf einer 1898 gelaufenen Postkarte

Die „Skyline“ des Stadtteils Wieden auf einer Ansicht aus dem Jahr 1910
(Die Beschriftung „Tempel“ ist etwas zu weit rechts (über der Elisabethkirche) angebracht, weshalb der Israelitische Tempel zusätzlich durch ein kleines rotes X markiert wurde.)

Die feierliche Eröffnung und Einweihung des Tempels fand am 25. Februar 1896 im Beisein zahlreicher Festgäste, darunter Abordnungen der benachbarten Kultusgemeinden, des Bezirkshauptmannes Bazant und Vertretern der Stadt Mistelbach statt. Der Einzug der Priester mit den Thorarollen war der Auftakt zum Einweihungsgottesdienst und daran anschließend wurde zu einem Festmahl im Hotel Rathaus geladen.

Die Ereignisse vom März 1938 markieren den Anfang vom Ende der jüdischen Gemeinde in Mistelbach und den Auftakt zur grausamen Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in ganz Österreich. Noch bevor die Mistelbacher Ortsgruppe der NSDAP Ende September 1938 stolz vermeldete, dass der letzte Jude Mistelbach verlassen habe, wurde der Vorsteher der Mistelbacher Kultusgemeinde Wilhelm Kohn im Juli desselben Jahres von NS-Kreisleiter Hans Eichinger und Gemeindeverwalter Adolf Schödl, unter großem Druck genötigt die Liegenschaft der Stadt Mistelbach zu „schenken“. Der entweihte Tempel wurde unter anderem für Treffen der Hitlerjugend, als Vorratslager der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV)88 und als Unterkunft für Zwangsarbeiter genutzt. Um die dort gelagerten Vorräte nicht der anrückenden Roten Armee in die Hände fallen zu lassen, wurde die Synagoge im April 1945 von SS-Männern in Brand gesteckt.

Zwar beschädigte die Brandstiftung das Gebäude, aber während der Gefechte um Mistelbach blieb das Bauwerk vor weiteren Zerstörungen verschont. 1952 wurde die Gemeinde Mistelbach in einem Rückstellungsverfahren vor dem Landesgericht für Zivilrechtssachen in Wien schuldig gesprochen und die sofortige Rückübereignung des Eigentums an der Liegenschaft an die Israelitische Kultusgemeinde Wien, als Rechtsnachfolgerin der Kultusgemeinde Mistelbach, angeordnet. Nachdem die jüdische Gemeinde Mistelbach durch Flucht und Ermordung ausgelöscht war – nur zwei Personen der früheren jüdischen Bevölkerung kehrten nach dem Krieg nach Mistelbach zurück – hatte die Kultusgemeinde Wien keine unmittelbare Verwendung für die Liegenschaft. Durch die jahrzehntelange Nichtnutzung bzw. dem Unterbleiben jeglicher Instandhaltungsarbeiten seit dem Brand zu Kriegsende war die Synagoge schließlich dem Verfall preisgegeben. Doch bis zuletzt wäre ein Abbruch aus bautechnischer Sicht nicht zwingend notwendig gewesen.

Die Mistelbacher Synagoge im Jahre 1964

Ansicht aus dem Jahr 1975 (Im Hintergrund ist das Arbeitsamt zu erkennen)

Mitte der 1970er Jahre wurde die Liegenschaft von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien an eine Privatperson verkauft, die die Synagoge 1979 abtragen und im darauffolgenden Jahr auf dem Grundstück ein Wohnhaus errichten ließ.

Die letzte Aufnahme vor der Abtragung

Der Abbruch der Synagoge im Jahr 1979

 Wo befand sich die Mistelbacher Synagoge?

 

Virtuelle Rekonstruktion der Mistelbacher Synagoge

Im November 2015 reichte der TU-Student Johannes F. Zelenak seine Diplomarbeit mit dem Thema: „Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Mistelbach“ an der Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien ein. Bereits 1998 wurde an der TU Wien erstmals eine Synagoge virtuell rekonstruiert und die Diplomarbeit von Dipl.-Ing. Zelenak ist Teil einer Reihe von Arbeiten, die sich mit der virtuellen Rekonstruktion von komplett oder teilweise zerstörten Synagogen befasst.

Trotz des Fehlens der Baupläne konnte das Äußere der Synagoge durch verschiedene Fotos akkurat nachgebildet werden. Schwieriger war es hingegen die Innenansicht nachzuempfinden, da bis heute nur ein Foto aus dem Inneren aufgetaucht ist, aber dennoch konnte eine wohl realistische Innenansicht anhand mündlicher Angaben, Analogieschlüssen und einer Skizzenzeichnung erstellt werden.

Dank gebührt Dipl.-Ing. Johannes F. Zelenak für diese tolle Leistung und dafür, dass er so freundlich war die von ihm geschaffene Animation zwecks Verwendung im Rahmen von mi-history.at zur Verfügung zu stellen.

Zur Steuerung:
Linke Maustaste gedrückt halten und nach links/rechts/oben/unten ziehen, um die Ansicht zu drehen; mittels Mausrad kann heran- bzw. hinausgezoomt werden
Symbol: links oben – Übersicht über die vorhandenen Positionen in der Vogelperspektive; Symbol rechts unten – Vollbildmodus
Vier Positionen verfügbar: Schrein, Innenraum, (Frauen-)Galerie, Vorplatz

Visualisierung: © Dipl.-Ing. Johannes Franz Zelenak

Bildnachweis:
-) Abbildungen digitalisiert und zur Verfügung gestellt von Otmar Biringer aus den Sammlungen von Herrn Lichtl und Frau Rehrmbacher bzw. von Frau Christa Jakob zur Verfügung gestellt

Quellen (und Anmerkungen):
-) Eybel, Heinz /Jakob, Christa/Neuburger, Susanne: Verdrängt und Vergessen. Die jüdische Gemeinde in Mistelbach (2003), S. 12, 54ff
-) Zelenak, Dipl.-Ing. Johannes Franz: Diplomarbeit – „Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Mistelbach“ (2015)
-) Jakob, Christa/Steiner, Mag. Oskar: Mistelbach in Alten Ansichten – Band 2 (2001)
-) Mistelbacher Bote, Nr. 13/1947, S. 1
-) Prokop, Ursula: Die Synagoge von Mistelbach und ihr Architekt Friedrich Schön
(1857-1941) in David – Jüdische Kulturzeitschrift, Ausgabe 84 (2010)
(der von der Autorin angeführte Eklat bzgl. der Abwesenheit des Bürgermeisters bei der Einweihung ist nicht denkunmöglich, aber in keiner der von ihr angeführten Quellen konnten dazu Informationen gefunden werden. Faktum ist, dass Bgm. Freund nicht zugegen war. Für das Jahr 1908 ist allerdings ein Besuch von Bürgermeister Freund, der kurz zuvor auch in den Landtag gewählt wurde, in der Synagoge belegt – siehe hierzu: Jüdische Volksstimme, 10. Dezember 1908 (Jg. IX – Nr. 35), S. 5 (ONB: ANNO))

Historische Mistelbacher Lokalzeitungen

Von Thomas Kruspel 15. Juli 2017 Aus

Mistelbach kann seit dem Jahr 1881, mit Ausnahme einiger weniger Monate, auf eine durchgängige Lokalberichterstattung zurückblicken und diese Lokalzeitungen stellen eine unglaublich wertvolle Quelle für historische Forschungen und auch für die Arbeit an diesem Blog dar. Eines der Ziele dieses Beitrags ist es Geschichtsinteressierten, die vielleicht selbst Nachforschungen betreiben möchten, eine Art Quellenübersicht zu den in großen Wiener Bibliotheken (Universitätsbibliothek und Nationalbibliothek) verfügbaren Mistelbacher Lokalzeitungen, zu verschaffen.

Die Geschichte des Lokalzeitungswesens ist natürlich eng mit jener der hiesigen Druckereibetriebe verbunden, und die erste Druckerei in Mistelbach wurde 1880 von dem aus Horn stammenden Buchdrucker Ferdinand Berger, als Zweigniederlassung der heute noch in Horn bestehenden gleichnamigen Druckerei, gegründet.89 Nachfolgend wird die Geschichte der Mistelbacher Lokalzeitungen bis zum Ende der 1950er Jahre dargestellt. Nicht behandelt werden die amtlichen Mitteilungen der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach (seit 1883) und jene der Stadtgemeinde (seit 1954), da es sich hierbei um Mitteilungsorgane der Verwaltung handelt.

Der aus Horn stammende Buchdrucker Ferdinand Berger gründete auch eine Filiale in MistelbachDer Buchdrucker Ferdinand Berger aus Horn gründete in Mistelbach eine Zweigniederlassung seiner Druckerei


Mistelbacher Bezirks-Bote (1881-1882)

Mit Beginn des Jahres 1881 erschien erstmalig der „Mistelbacher Bezirks-Bote“ als dessen Herausgeber und Redakteur der vermutlich aus Wien stammende Viktor Grohmann verantwortlich zeichnete, der zuvor unter anderem die Regionalblätter „Mödlinger Zeitung“ und „Döblinger Zeitung“ gegründet hatte. Die Redaktion und Verwaltung des zunächst dreimal monatlich erscheinenden Blattes, das sich gemäß Eigendefinition als agrarisch und gemäßigt (deutsch-)national verstand, befand sich an der Adresse Hauptplatz 1 (Konskritipnsnr. 61 – heute: Erste Bank). Die Gründung dürfte durch den liberalen Reichsratsabgeordneten Dr. Granitsch – er vertrat den Wahlkreis Mistelbach im Abgeordnetenhaus – initiiert und finanziert worden sein, doch soll sich Grantisch bereits wenig später zurückgezogen haben.90 Zum Zeitpunkt der Gründung gab es zwar bereits eine Druckerei in Mistelbach, aber der Druck dieser Zeitung erfolgte zunächst in wechselnden Wiener Druckereien. Der Inhalt befasste sich großteils mit allgemeinen politischen Entwicklungen bzw. Ereignissen von überregionaler Bedeutung und da erst ein Netzwerk von Berichterstattern aufgebaut werden musste, fiel der Lokalnachrichtenteil eher schmal aus. Bereits ab Ende März 1881 erschien der Bezirks-Bote wöchentlich, immer sonntags91, und im Juni desselben Jahres wurde der Titel des Blattes auf „Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Großenzersdorf“ abgeändert92, wodurch sich natürlich auch der Wirkungskreis erweiterte. Ende November 1881 kam es dann offenbar zu einem Eigentümerwechsel und Redaktion sowie Administration des Blattes übersiedelten in die Wiener Innenstadt an den Sitz der Druckerei Ch. Reißer & M. Werthner. Als Grund für die Verlegung der Redaktion wird neben dem Eigentümerwechsel, auch der raschere und einfachere Postversand der Zeitung aus Wien angeführt. Fortan schien der leitende Angestellte dieser Druckerei, Josef Vorwahlner, als Herausgeber und verantwortlicher Redakteur auf.93 Ein langes Leben war dieser ersten Lokalzeitung nicht beschieden, denn bereits Ende März 1882 musste die Zeitung mangels wirtschaftlichen Erfolges eingestellt werden.94

Der Wiener Druckereiangestellte Josef Vorwahlner war letzter Herausgeber und leitender Redakteur des kurzlebigen "Bezirks-Bote"Der Wiener Druckereiangestellte Josef Vorwahlner war letzter Herausgeber und leitender Redakteur des kurzlebigen „Bezirks-Bote“


Der „Mistelbacher Bezirks-Bote“ in den Online-Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek

Der „Bezirks-Bote für die Politischen Bezirke Mistelbach und Groß-Enzersdorf“ in den Online-Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek

Illustrirter Bezirks-Bote (1882)

Im Mai 1882 trat der Gründer des „Bezirks-Bote“, Viktor Grohmann, erneut als Initiator eines neuen Blattes in Erscheinung. In der am 14. Mai 1882 erschienen ersten Ausgabe seiner neuen Zeitung namens „Illustrirter Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Groß-Enzersdorf“ zeigte sich Grohmann darüber enttäuscht, dass die neuen Eigentümer den „Bezirks-Bote“ schon nach wenigen Monaten eingestellt hatten und überzeugt von der Notwendigkeit einer Lokalzeitung, wagte er erneut die Gründung eines Blattes. Die Redaktion befand sich wieder an der Adresse Hauptplatz Nr. 1 (heute: Erste Bank) und als Chef-Redakteur fungierte der Zeitungsgründer. Als Herausgeber scheint ein gewisser L. Becker auf und den Druck der Zeitung besorgte die Druckerei L. W. Seidel & Sohn in Wien. Wie der Name bereits nahelegt, fand sich auf der Titelseite stets eine großformatige Illustration, meist von Ereignissen ohne Lokalbezug, einmal jedoch auch von einer herrschaftlichen Jagd in Neudorf bei Staatz. Nur sieben Ausgaben dieser Zeitung finden sich in den Beständen der Bibliothek der Universität Wien (in der Nationalbibliothek bzw. Landesbibliothek findet sich gar keine Spur dazu) und es scheint daher wahrscheinlich, dass diese Zeitung bereits im Juni 1882 wieder eingestellt wurde.


Untermanhartsberger Kreis-Blatt
(1882-1888)

Am 20. September 1882 erschien die Erstausgabe, dieser ersten in Mistelbach gedruckten Zeitung, deren vollständiger Titel „Untermanhartsberger Kreis-Blatt für die politischen Bezirke Mistelbach, Groß-Enzersdorf, Ober-Hollabrunn, Korneuburg und den Gerichts-Bezirk Kirchberg am Wagram“ lautete. Herausgeber und Redakteur war Franz Schwedt (*1845, †1888), und die Redaktion dieses zweimal monatlich erscheinenden, stramm deutsch-nationalen Blattes befand sich im Haus Hauptplatz Nr. 34 (Konskriptionrnr. 53 – heute: Bäckerei Geier). Den Druck besorgte die eingangs schon erwähnte Mistelbacher Niederlassung der Druckerei Ferdinand Berger, die von Julius Fibich geleitet wurde und ihren Sitz an der Adresse Hauptplatz Nr. 38 (heute: Der Grieche) hatte. Im Frühjahr 1884 erwarb Fibich die Druckerei von Berger95, doch im darauffolgenden Jahr dürfte es aufgrund der Gründung der „Mistelbacher Zeitung“ zwischen Buchdrucker Fibich und Herausgeber Schwedt zu Unstimmigkeiten gekommen sein, denn ab April 1885 wurde die Zeitung fortan in der Druckerei Kreisl & Gröger in Wien gedruckt. Im Juli 1886 verlegte Fibich seine Buchdruckerei schließlich in die Bahnstraße 21 (Konskriptionsnummer 483; heute: ehemals Möbel Schindler)96. Zu Beginn des Jahres 1887 erwarb Karl Krapfenbauer, vormals Faktor (=Leiter der Setzerei) der Wiener Firma Keiß, die Druckerei97. Ab Oktober 1887 wurde das „Untermanhartsberger Kreis-Blatt“ dann wieder von Krapfenbauer in Mistelbach gedruckt. Ideologisch stand die Zeitung der Bewegung des radikalen Deutschnationalen Georg Ritter von Schönerer nahe und aus diesem Grunde hatte sie im Frühjahr 1888 mehrfach mit Beschlagnahmungen ihrer Ausgaben durch die Behörden zu kämpfen. Grundlage für die Beschlagnahmung und Vernichtung der Ausgaben war, dass das k.k. Kreisgericht Korneuburg als zuständiges Pressgericht in einigen Artikeln des „Untermanhartsberger Kreis-Blattes“ die Tatbestände der Herabwürdigung gerichtlicher Urteile, die sich gegen Schönerer richteten, und das Vergehen gegen die öffentliche Ordnung – unter anderem wegen antisemitischer Ausfälle – verwirklicht sah.98 Aber bereits 1887 waren einzelne Ausgaben aufgrund darin enthaltener antisemitischer Hetzartikel beschlagnahmt und die Weiterverbreitung des Blattes untersagt worden.99 Letztmalig erschien die Zeitung am 15. Juli 1888, da Herausgeber Franz Schwedt an Typhus erkrankte und ein Monat später, am 14. August, an den Folgen dieser Infektionskrankheit verstarb.100


Das „Untermanhartsberger Kreis-Blatt“ in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek


Mistelbacher Zeitung
(1885-1886)

Die erste Ausgabe der „Mistelbacher Zeitung“ erschien am 5. April 1885 und als Herausgeber und Redakteur fungierte der Buchdrucker Julius Fibich, dessen Betrieb sich an der Adresse Hauptplatz 38 befand. Ab 1886 führte die Zeitung den Untertitel Politische Zeitschrift für deutsch-nationale Volksinteressen” und dieser Zusatz unterstreicht die nationale Ausrichtung des Blattes. Mit der „Mistelbacher Zeitung“ gab es nun neben dem „Untermanhartsberger Kreis-Blatt“ in den Jahren 1885/86 zwei nationale Lokalzeitungen, und die ehemaligen Geschäftspartner Schwedt und Fibich lieferten einander einen harten Konkurrenzkampf, bei dem sie auch vor persönlichen Untergriffen nicht zurückscheuten. So hielt beispielsweise Fibich dem Konkurrenten Schwedt vor, entgegen seiner deutschnationalen Einstellung, tatsächlich tschechischer Abstammung zu sein. Im Kampf um die Leserschaft unterlag offenbar die „Mistelbacher Zeitung“, deren letzte in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek überlieferte Ausgabe vom 15. März 1886 stammt. Fibich führte später eine Druckerei in Freiwaldau in Österreichisch-Schlesien.

Buchdrucker Julius Fibich - Gründer und Herausgeber der Mistelbacher ZeitungBuchdrucker Julius Fibich – Gründer und Herausgeber der Mistelbacher Zeitung

 


Mistelbacher Bote (1888-1938 & 1945-1958)

Der „Bote aus Mistelbach“ wurde von Josef Glier (*1850, †1913), dem Direktor der Knaben Volks- und Bürgerschule, gegründet und die Erstausgabe erschien am 1. September 1888. Den Druck besorgte Karl Krapfenbauer, der im Jahr 1887, die in der Bahnstraße gelegene Buchdruckerei von Fibich erworben hatte, und diese im Dezember 1890 an die Adresse Oberhoferstraße 6 verlegte.101 Glier der bereits seit 1873 – dem Zeitpunkt der Gründung der Bürgerschule – in Mistelbach wirkte soll laut einem Zeitungsbericht der Konkurrenz zuvor auch bereits für das Untermanhartsberger Kreis-Blatt und die Mistelbacher Zeitung Artikel verfasst haben. Dies ist insofern bemerkenswert, da das von ihm gegründete Blatt in seiner Anfangszeit als pronociert liberal galt, wohingegen die Blätter für die er offenbar zuvor geschrieben hatte, stramm deutsch-national und antisemitisch geprägt waren.102

Karl Krapfenbauer verlegte die Druckerei in das von ihm erbaute Haus in der Oberhoferstraße 6 (Foto aus dem Jahr 1982 vor dem Umbau in ein Geschäftslokal - Göstl-Archiv))Karl Krapfenbauer verlegte die Druckerei in das von ihm erbaute Haus in der Oberhoferstraße 6 (Foto aus dem Jahr 1982 vor dem Umbau in ein Geschäftslokal – Göstl-Archiv); Auf der Attika (Dachaufbau) stand einst in großen Buchstaben „Verlags-Anstalt“ und auf der freien Fläche unter den Fenstern im ersten Stockwerk „Mistelbacher Bote“

Vom ersten Erscheinen bis 1906 lautete der Untertitel des „Bote aus Mistelbach“ wie folgt: „Zeitschrift für Politik, Volks- und Landwirtschaft, Gewerbe und Vereinsleben – Organ der Bezirksfeuerwehr-Verbände Feldsberg, Laa, Mistelbach, Poysdorf und Zistersdorf“. Im November 1890 übernahm Krapfenbauer die Herausgabe und Redaktion der Zeitung, Eigentümer dürfte jedoch weiterhin Glier geblieben sein. Mit Beginn des Jahres 1897 scheint dann Ferdinand Schuldmeier als neuer Herausgeber und Schriftleiter auf.


Für die Verwaltung des Blattes war Johann Siedler verantwortlich, der nach dem Tode Krapfenbauers 1899 die Druckerei im Auftrag der Witwe des Verstorbenen kurzzeitig bis zur Übernahme durch Fritz Kränzle jun., weiterführte. Kränzle übernahm im Mai 1899 die Leitung der Druckerei und erwarb den Betrieb schließlich im November desselben Jahres103, während sich Siedler aus dem Betrieb verabschiedete und im Jahr darauf eine kleine Buchdruckerei in Pöggstall gründete104. Wenig später, mit Beginn des Jahres 1900, änderte sich der Erscheinungsmodus des Blattes von bisher zweimal monatlich auf drei Ausgaben pro Monat, bevor die Zeitung ab 1903 wöchentlich, immer freitags erschien. Kränzle erweiterte den Betrieb 1902 durch den Erwerb der Druckerei Rippl in Laa105, und im April 1904 übersiedelte die Mistelbacher Buchdruckerei samt Zeitungsredaktion an die Adresse Museumsgasse 2 (heute: ehemals Tempes)106, bevor bald danach, nämlich im Frühjahr 1906, die Rückübersiedlung an die alte Adresse, Oberhoferstraße 6, erfolgte.

Mit Juli 1906 änderte sich die Eigentümerstruktur erneut, denn der bisherige Eigentümer Fritz Kränzle jun. schied aus dem Unternehmen aus und übernahm eine Druckerei im nordböhmischen Aussig. An seine Stelle traten sein Vater Fritz Kränzle sen., früherer Buchdruckereibesitzer im böhmischen Saaz, und Karl Hornung (*1875, †1932), der im Jahr 1903 die Buchdruckerei in Saaz von Kränzle sen. erworben hatte.107 Obwohl Hornung bereits zum Zeitpunkt seines Einstiegs in Mistelbach aus dem Saazer Unternehmen ausschied, wurde der Firmenname „Karl Hornung & Comp.“ mindestens bis ins Jahr 1928 beibehalten.108 Am Firmennamen der Mistelbacher Buchdruckerei änderte sich zunächst nichts und das Unternehmen samt Filiale in Laa wurde weiterhin unter der Firma „Fritz Kränzle“ geführt. Im Frühjahr 1906 trat der Zeitungsgründer und -eigentümer Josef Glier als Schuldirektor in den Ruhestand und, wenig später, ehe er nach Graz übersiedelte, dürfte er die Zeitung an die Druckereiinhaber verkauft haben. Dafür spricht auch der „Relaunch“ zu Beginn des Jahres 1907, bei dem nicht nur das Format, sondern auch der Titel der Zeitung auf „Mistelbacher Bote“ geändert wurde und ab diesem Zeitpunkt umfasste das Blatt auch eine Beilage mit dem Titel „Laaer Nachrichten“. In diesem Jahr beschäftigte der Druckereibetrieb zehn Arbeiter, 1909 bereits fünfzehn und 1917 hatte sich die Zahl schließlich auf zwanzig Mitarbeiter verdoppelt.109 Mithilfe der zahlreich eingesandten Berichte zum Ortsgeschehen durch beinahe die gesamte Lehrerschaft des Bezirks konnte vor dem 1. Weltkrieg eine Auflage von etwa 4000 Stück erreicht werden.110 Die berühmteste Abonnentin war zweifellos die Zarin Eleonore von Bulgarien – eine geborene Prinzessin Reuß (zu Köstritz), die vor ihrer Verehelichung mit Zar Ferdinand I. im Jahr 1908, auf Schloss Ernstbrunn lebte, und die sich den „Mistelbacher Bote“ an den Zarenhof nach Sofia senden ließ. 1908 wurde Karl Hornung Alleineigentümer des Unternehmens, dass nunmehr seinen Namen trug, und Schriftleiter & Herausgeber Schuldmeier wurde im Oktober 1909 durch Johann Eibl abgelöst. Eibl hatte die Leitung des Blattes bis 1915 inne, bevor schließlich Hornung selbst diese Aufgabe bis zu seinem Tode 1932 übernahm.111 Unmittelbar nach Hornungs Ableben übernahm Stadtsekretär Alois Gindl die Schriftleitung des „Mistelbacher Bote“ für die zweite Jahreshälfte 1932. Das Unternehmen, dessen Laaer Filiale bereits 1919 verkauft worden war, verblieb im Besitz der Familie Hornung und der von den Erben eingesetzte, aus Wien stammende Geschäftsführer Leopold Pomaisl führte ab 1. Jänner 1933 die Druckerei und war gleichzeitig ab diesem Zeitpunkt Herausgeber und Schriftleiter des „Mistelbacher Bote“. Er hatte diese Funktion bis zur Eingliederung des „Mistelbacher Bote“ in das NS-Kreisblatt „Grenzwacht“ im September 1938 und der damit einhergehenden Einstellung des Blattes, inne. Weiterhin, und zwar bis 1950er Jahre war er Geschäftsführer der Druckerei Hornung.

Die erste Ausgabe nach dem „Anschluss“ – ein Hakenkreuz prangt neben dem Titel

Im Juni 1945 erschien nach beinahe siebenjähriger Unterbrechung wieder ein von der Druckerei Hornung gedruckter „Mistelbacher Bote“, nunmehr immer samstags und mit dem Untertitel „Wochenblatt für demokratische Einigung im Verwaltungsbezirk Mistelbach“. Auch die Redaktion war wieder in den Räumlichkeiten der Druckerei untergebracht, und vom erstmaligen Wiedererscheinen bis zum März 1952 war der zeitweilige kommunistische Bürgermeister von Mistelbach Fritz Ferdiny Herausgeber und Schriftleiter dieser Zeitung. Die Bezirksparteileitungen von ÖVP, SPÖ und KPÖ durften je ein Mitglied in die Redaktion entsenden, doch die ÖVP zog ihren Redakteur bereits Anfang 1946 wieder ab, aufgrund von Differenzen über die politische Ausgewogenheit. Zweifellos stand die Zeitung durch Herausgeber Ferdiny und Redakteur Karl Defeny, der Ideologie der Besatzungsmacht nahe. Im Frühjahr 1952 war dann für wenige Wochen die Tochter Karl Hornungs und Miteigentümerin der Druckerei, Hedwig Hardung-Hardung, Herausgeberin der Zeitung auf. Ab Juni 1952 war der Druckereibetrieb samt Herausgabe des Mistelbacher Bote an Manfred Balzarik, einen unehelichen Sohn von Hornungs zweiter Gattin aus der Zeit vor ihrer Ehe mit Hornung112, verpachtet. Balzarik musste jedoch im Oktober 1956 Insolvenz anmelden und danach scheint Fritz Kleindeßner als letzter Herausgeber und Redakteur des bis zuletzt im Flachdruckverfahren hergestellten Blattes auf. Am 30. August 1958, also beinahe auf den Tag genau siebzig Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen des „Mistelbacher Bote“ wurde dessen letzte Ausgabe veröffentlicht, da die Druckerei Hornung in deren Besitz die Zeitung stand, aufgrund sich bereits seit längerem abzeichnender wirtschaftlicher Probleme ihren Betrieb einstellen musste.

Aufgrund des langen Erscheinungszeitraums lassen sich die Einflüsse der zu den unterschiedlichen Zeiten vorherrschenden politischen Strömungen auf den Inhalt des Blattes gut herauslesen: zu Beginn galt das Blatt als liberal113 ehe es nach der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend deutsch-national wurde – eine Tendenz, die ihren Höhepunkt in der Zwischenkriegszeit fand, als die Zeitung vornehmlich als Sprachrohr völkischer Mistelbacher Vereine fungierte. Im Zuge der Machtergreifung des Dollfuß-Regimes schwenkte der „Mistelbacher Bote“ zumindest oberflächlich von deutsch-nationaler auf „vaterländische“ Ausrichtung um, und nach dem 1938 erfolgten „Anschluss“ als die Zeitung auch als amtliches Mitteilungsblatt der NSDAP diente, prägte natürlich die nationalsozialistische Propaganda den Inhalt. Trotzdem kam wenig später das Ende der Zeitung und nach dem Wiedererstehen unter der Sowjetbesatzung war das Blatt zunächst kommunistisch beeinflusst.


Grenzwacht/Donauwacht (1938-1945)

Die „Grenzwacht“ war das vom Faber Verlag in Krems herausgegebene NS-Kreisblatt, das den Untertitel „Wochenblatt für den Kreis Mistelbach – Nachrichten der NSDAP“ trug und diese wöchentlich erscheinende Zeitung wurde erstmals Mitte September 1938 herausgegeben. Der allgemeine Nachrichtenteil der Zeitung stammte von der Redaktion des Faber Verlags und wurde um einen in der Druckerei Hornung hergestellten und von der örtlichen NSDAP-Kreisleitung redigierten Lokalteil für den „Kreis Mistelbach“ erweitert. Diese Kreisbeilage war Ersatz für die im Zuge der Reorganisation und Gleichschaltung des Lokalpressewesens eingestellten Blätter „Mistelbacher Bote“ und „Neue Laaer Zeitung“. Die Verwaltung der Zeitung hatte ihren Sitz im ehemaligen Warenhaus Weinmann an der Adresse Hauptplatz (damals Adolf-Hitler-Platz) Nr. 27 (heute: Bäckerei/Cafe Ipek), das durch einen der führenden Mistelbacher Nationalsozialisten, Dr. Karl Schnaß, „arisiert“ wurde. Schnaß hatte die Schriftleitung des Blattes zu Beginn des Erscheinens inne und die „Arisierung“ des Hauses soll im Auftrag der NSDAP stattgefunden haben und dieses sollte angeblich der repräsentative Sitz der Partei und ihrer Teilorganisationen werden. Doch es kam zu Ungereimtheiten zwischen Schnaß und Parteistellen und der Plan wurde verworfen. Es ist davon auszugehen, dass auch der Kreisamtsleiter für das Pressewesen und langjährige Mistelbacher Ortsgruppenleiter Ing. Otto Strasser eine bedeutende Rolle bei der Herausgabe dieser Zeitung spielte.


Auf Anordnung der Reichspressekammer wurde das Lokalzeitungswesen in der „Ostmark“ neu und straff organisiert und sämtliche Regionalzeitungen des Faber Verlags mussten zur „Donauwacht“ zusammengefasst werden, die nunmehr „parteiamtliche Wochenzeitung“ war und in acht Kreisausgaben erschien.114 Die erste Ausgabe der „Donauwacht“ erschien im März 1939 und später übernahm Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Huber, bis zu seinem Einrücken zur Wehrmacht im September 1944 die Schriftleitung des Mistelbacher Lokalteils. Wenig später übersiedelte die Verwaltung des Blattes nach Krems und Verleger Dr. Herbert Faber schien als Redakteur auf, und auch der Druck der Zeitung erfolgte ab diesem Zeitpunkt vollständig in Krems. Bis zum Erscheinen der letzten Ausgabe am 30. März 1945 wurde die Zeitung als Propagandainstrument und für die Verbreitung von Durchhalteparolen des dem Untergang geweihten NS-Regimes benutzt.


Weinviertler
Zeitung/Mistelbacher Zeitung/Mistelbacher-Laaer Zeitung/Weinviertler Nachrichten (1947-1985)115

Die erste Ausgabe der „Weinviertler Zeitung“, eines wöchentlich, immer samstags erscheinenden Blattes, wurde am 13. Dezember 1947 veröffentlicht. Eigentümer, Herausgeber und Redakteur der laut Eigenbezeichnung „unpolitischen“, aber dem bürgerlichen Lager nahestehenden Zeitung war Eduard Buritsch, der in der Hafnerstraße 8 (heute: Reisebüro Columbus), ein Schreibbüro führte, in dem auch die Redaktion untergebracht war. Buritsch kam 1945 als vertriebener Sudetendeutscher nach Mistelbach baute sich hier eine neue Karriere als Unternehmer und Zeitungsherausgeber auf. Die Herstellung der Zeitung, die bereits im Juni 1948 ihren Namen in „Mistelbacher Zeitung“ änderte, erfolgte in einer Druckerei in Wien-Hernals bzw. später in Hainburg.


Im Mai 1949 übersiedelte die Redaktion gemeinsam mit dem Schreibbüro von Buritsch in die Bahnstraße Nr. 24a (heute: Friseur Schnittstelle), und im August desselben Jahres änderte sich nicht nur erneut der Name auf „Mistelbacher-Laaer Zeitung“, sondern ab diesem Zeitpunkt wurde das Blatt von der in Krems ansässigen Faber Druckerei & Verlagsgesellschaft gedruckt. Schließlich erwarb der Faber Verlag im Oktober 1952 die Zeitung von Buritsch, und dieser Eigentümerwechsel war wenig später mit einem erneuten Umzug an die Adresse Hauptplatz 29 (heute: Palmers) verbunden und von diesem Zeitpunkt an dürfte Johann Defeny Schriftleiter des Blattes gewesen sein. Nach dem Verkauf seiner Blätter – er war auch Eigentümer der „Zisterdorfer-Hohenauer Zeitung“ – verließ Buritsch Mistelbach und ließ sich im steirischen Unter-Burgau als Gastwirt nieder, wo er 1977 verstarb.116 1955 übersiedelte die Redaktion abermals, und zwar an die Adresse Museumsgasse 2 (heute: ehemals Tempes), ehe im Mai 1958 ein dreiköpfiges Redaktionskomitee bestehend aus Anton Gössinger, Alexander Handler und (Otto?) Strasser die Leitung des Blattes von Defeny übernahm. Die Redaktion befand sich ab diesem Zeitpunkt in der Kreuzgasse 27.

Ende Oktober 1958 fusionierte die „Mistelbacher-Laaer Zeitung“ mit der ebenfalls im Eigentum des Faber Verlags befindlichen „Zistersdorfer-Hohenauer Zeitung“ zu den damit neu geschaffenen „Weinviertler Nachrichten“. Bis Ende April 1984, also 26 Jahre, wirkte OSR Prof. Anton Gössinger als Schriftleiter dieser Weinviertler Institution, deren Redaktion später viele Jahre an der Adresse Hauptplatz Nr. 6 (in jenem Teil des Rathauses, in dem sich heute das Bürgerservice befindet) untergebracht war.117 Im Mai 1985 wurde das Blatt in eine der Regionalausgaben der „Neuen Landeszeitung für alle Niederösterreicher“ bzw. später kurz „Die Neue“ genannt, umgewandelt und diese schließlich 1990 mit der Regionalausgabe der „Niederösterreichischen Nachrichten“ zusammengelegt.

Regionalblätter

Zum Abschluss seien auch die regionalen Zeitungen der politischen Bewegungen: “Neues Wochenblatt – Zeitung für das Viertel unter dem Manhartsberg” (christlich-sozial), “Der Wähler” bzw. “Marchfeldbote” und später “Volksbote” (sozialdemokratisch) und die “Grenzwacht” bzw. “Neue Grenzwacht” (großdeutsch) erwähnt, die eine wichtige Quelle für das Geschehen in der Zeit vor 1933 bzw. 1938 darstellen und die natürlich ebenfalls über Ereignisse in Mistelbach und Umgebung berichten. Diesen Zeitungen fehlt aber im Gegensatz zu den oben behandelten Blättern der konkrete Mistelbach-Bezug, um diese als “Mistelbacher Zeitungen” bezeichnen zu können.

Quellen (und Anmerkungen):

-) Mistelbacher Bote, 30. August 1958, S.1 – (Anm.: der Zeitpunkt der Übernahme durch Hornung ist mit 1905 falsch angegeben)
-) Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach (1901), S.353 (Anm.: Fitzka schreibt, dass die Gründung der ersten Druckerei 1879 erfolgte, da sich bei ihm aber auch zahlreiche andere Fehler bzw. Unschärfen in seiner Darstellung der Geschichte der Druckerei bzw. jener des „Bote aus Mistelbach“ finden ist davon auszugehen, dass die Anzeige im Untermanhartsberger Kreis-Blatt das richtige Jahr (1880) nennt.)
-) Durstmüller, Anton/ Frank, Norbert: 500 Jahre Druck in Österreich: die Entwicklungsgeschichte der graphischen Gewerbe von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd 2. Die österreichischen graphischen Gewerbe zwischen Revolution und Weltkrieg : 1848 bis 1918 (1986) S.393f – Anm.: Leider zahlreiche falsche Angaben bzw. Ungenauigkeiten betreffend die Gründung und die Besitzer Ende des 19. Jahrhunderts; auch zu der hier erwähnten Filiale der Druckerei Kränzle in Wolkersdorf  fanden sich keinerlei Spuren
-) Durstmüller, Anton/ Frank, Norbert: 500 Jahre Druck in Österreich : die Entwicklungsgeschichte der graphischen Gewerbe von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd 3. Die österreichischen graphischen Gewerbe zwischen 1918 und 1982 (1989), S.352; S.334;

-) In der Österreichischen Nationalbibliothek vorhandene Ausgaben folgender Zeitungen (chronologisch):
Mistelbacher Bezirks-Bote (1881-1882), Hrsg.: V. Grohmann, Mistelbach; J. Vorwahlner, Wien
Untermanhartsberger Kreis-Blatt (1882-1888), Hrsg.: F. Schwedt
Mistelbacher Zeitung (1885-1886), Hrsg.: J. Fibich, Mistelbach
Bote aus Mistelbach (1888-1906), Hrsg.: J. Glier, Mistelbach; K. Krapfenbauer, Mistelbach; F. Kränzle, Mistelbach
Mistelbacher Bote (1907-1938), Hrsg.: K. Hornung, Mistelbach; L. Pomaißl, Mistelbach
Mistelbacher Bote (1945-1958), Hrsg.: F. Ferdiny, Mistelbach; M. Balzarik, Mistelbach
Grenzwacht/Donauwacht (1938-1945), Hrsg.: J. Faber, Krems
Weinviertler Zeitung/Mistelbacher Zeitung/Mistelbacher-Laaer Zeitung (1947-1958), Hrsg.: Ed. Buritsch, Mistelbach; J. Faber, Krems
Weinviertler Nachrichten (1958-1989), Hrsg.: J. Faber, Krems

-) In der Bibliothek der Universität Wien vorhandene Ausgaben folgender Zeitungen:
Illustrirter Bezirks-Bote für die politischen Bezirke Mistelbach und Groß-Enzersdorf (1882), Hrsg.: L. Becker (Wien?)

Bildnachweise:
Ferdinand Berger & Söhne (Hrsg.): 100 Jahre Druckerei Ferdinand Berger & Söhne – 1868 – 1968 (1968)
Foto Josef Vorwahlner: Buchdrucker-Zeitung, 12. Oktober 1916, S. 1 (ONB: ANNO)
Foto Julius Fibich – Archiv des Blogautors
Foto Krapfenbauer-Haus Oberhoferstraße 6 – Göstl-Archiv

Buchneuerscheinung: Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel – Bezirk Mistelbach

Von Thomas Kruspel 28. Juni 2017 Aus

Die Recherchearbeit von Frau Ida Olga Höfler über das ausgelöschte jüdische Leben und die Geschichte der jüdischen Gemeinden im Weinviertel muss mittlerweile in Jahrzehnten gemessen werden, und einen Teil dieser Forschungsarbeit veröffentlichte sie bereits 2015 im Rahmen einer fünfbändige Publikation in der die jüdischen Gemeinden und die jüdische Bevölkerung des Bezirks Gänserndorf detailliert dargestellt wurden. Kürzlich erschien nun die den Bezirk Mistelbach behandelnde Fortsetzung mit dem Titel „Die jüdischen Gemeinden im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach“, die 1048 Seiten in drei Bänden umfasst. Auf der Webseite des Verlags heißt es dazu:

Der Autorin ist es zu danken, dass sie in jahrzehntelanger, unablässiger Forschung ausschließlich aus Primärquellen diese beinahe in Vergessenheit geratene Geschichte unserer jüdischen Mitbürger penibel recherchiert und dabei nicht nur öffentliche und behördliche Archive, sichtbare Zeichen im Ortsbild der Gemeinden, Begräbnisplätze, aber auch Berichte von Zeitzeugen, deren Nachkommen und Angehörigen mit einbezogen hat.

In dieser Dokumentation wurden sämtliche jüdischen Personen mit ihren Familien, die im Zeitraum 1848 bis 1939/45 in 96 Gemeinden des politischen Bezirkes Mistelbach gelebt haben, erfaßt. Damit stellt das vorliegende Werk eine Art Handbuch dar, welches Genealogen, Historikern und Kulturschaffenden sowie Interessierten als Werkzeug und Grundlage für weitere Forschungen dienen möge.

Das Werk ist beispielsweise bei der Facultas Dombuchhandlung in Mistelbach erhältlich bzw. kann auch direkt beim Pilum Verlag bestellt werden.

Brenner, Mathias

Von Thomas Kruspel 26. Juni 2017 Aus

Marktrichter Mathias Brenner

geb. 9.12.1747, Mistelbach
gest. 30.12.1818, Mistelbach

Mathias Brenner wurde 1747 als Sohn des Schneiders Franz Anton Brenner und dessen Gattin Catharina, geborene Kainz, in Mistelbach geboren118. Er war von Beruf Färbermeister und hatte mindestens seit dem Jahr 1772 seinen Hausstand und Betrieb an der Adresse Kirchengasse 14 (=Konskriptionsnr. 336), an der bereits seine Eltern ansässig waren.119 In diesem Jahr heiratete er Anna Maria Wolf, die Tochter eines in der Oberhoferstraße ansässigen Seifensieders, mit der er – für jene Zeit keineswegs ungewöhnlich – zehn Kinder hatte, von denen jedoch einige bereits früh starben.120

Sein Sohn Mathias übernahm später den väterlichen Betrieb und führte diesen bis 1828, wie eine in ebendiesem Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlichte Verkaufsanzeige nahelegt.121 Ebenfalls im Färberhandwerk tätig waren sein Sohn Bernhard, der nach Ernstbrunn heiratete und dort als Färbermeister wirkte und auch dessen Sohn Bernhard, also Mathias Brenners Enkel, war jedenfalls 1837 im Haus Hafnerstraße 7 (=Konskriptionsnr. 33) als Färbermeister ansässig.122

Von 1799 bis zu seinem Tode 1818 war Mathias Brenner Marktrichter des zur Herrschaft Liechtenstein gehörenden Marktes Mistelbach.123 Der Marktrichter stand dem Marktgericht vor, war Bindeglied zwischen Gemeinde und Herrschaft und kann als eine Art Vorläufer des 1850 eingeführten Bürgermeisteramts bezeichnet werden. In der schweren Zeit der Franzosenkriege bewerkstelligte Brenner unter anderem den Wiederaufbau der Alten Schule, die seit 1620 im Haus Kirchengasse 11 untergebracht war, und die von durchziehenden französischen Soldaten 1809 niedergebrannt wurde.124 Bereits 1797 scheint er als Magistratsrat – die Marktgemeinde Mistelbach wurde damals für einige Jahre von einem eigenen Magistrat verwaltet – auf und es ist wohl anzunehmen, dass dieses Amt gleichbedeutend ist mit jenem eines gewählten Mitglieds des Marktgerichts (= Geschworener). Dieses Amt lässt sich am ehesten wohl mit jenem eines Mitglieds des heutigen Gemeinderats vergleichen, auch wenn damals, wie der Name bereits nahelegt, auch gerichtliche Aufgaben wahrgenommen wurden.125

1953 entstand auf dem Gelände neben dem Ziegelwerk eine neue Siedlung und der Gemeinderat beschloss im Jahr darauf eine der dort entstandenen Straßen nach Mathias Brenner zu benennen. Der Name Brennerweg ist insofern besonders passend, da dieser auch das Areal des 1962 stillgelegten städtischen Ziegelwerks umläuft, auf dem sich heute die Sporthalle und das Bundesschulzentrum befinden, und wo einst die für den Wiederaufbau Mistelbachs benötigen Ziegel „gebrannt“ wurden.

Wo befindet sich der Brennerweg?

Quellen:

Blog-Update

Von Thomas Kruspel 19. Mai 2017 Aus

Die Arbeit am Blog besteht nicht nur aus neuen Beiträgen, sondern auch aus der laufenden Optimierung der bisher erstellten Beiträge – sei es durch inhaltliche Ergänzungen oder Richtigstellungen, weiteres Bildmaterial oder das Korrigieren von Tippfehlern. So konnten zB einige von der Nationalbibliothek schlecht gescannte Bilder der Eibesthaler Passionsspiele, nun durch bessere Aufnahmen ersetzt werden, wie dieser Vorher-nachher-Vergleich zeigt.

Aufgrund der Tatsache, dass weitere neue Bilder zu den Eibesthaler Passionsspielen aufgetaucht sind, und dieser ohnehin schon sehr große Teilbeitrag noch größer wurde, ist es Zeit diesen aus der Serie „Mistelbach in der Zeitung“ herauszulösen und als eigenen Beitrag unter der Kategorie „Ereignisse“ zu führen.

Weiters wurde der Blog vor ein paar Tagen um eine „Links“-Seite erweitert, die nützliche Links für Nachforschungen (Familien-, Vereins-, Lokalgeschichte etc.) auflistet. Auch die Links zu den Pfarrmatriken wurden auf Matricula „neu“ aktualisiert.

Eibesthaler Passionsspiele (1898-1911)

Von Thomas Kruspel 19. Mai 2017 Aus

1999 wurde in Eibesthal die alte Tradition der Passionsspiele wiederbelebt, und seither wird regelmäßig die Passionsgeschichte Christi mit geschnitzten Holzfiguren nachgestellt. Es war dies ein Anknüpfen an die zwischen 1898 und 1911 neunmal veranstalteten Passionsspiele, bei denen die Leidensgeschichte Christi von den Bewohnern Eibesthals als Laiendarstellern nachgespielt wurde. Für diese Aufführungen wurde eigens eine 30×20 Meter große und 800 Personen fassende Passionsspielhalle (siehe die Bildausschnitte aus Ansichtskarten rechts) hinter der Schule (heute: Kindergarten) errichtet.

Die Initiative zu diesen geistlichen Volksschauspielen, die zur damaligen Zeit neben den Passionsspielen im südböhmischen Höritz (Hořice na Šumavě) die einzigen in Österreich-Ungarn waren, ging vom damals in Eibesthal wirkenden Oberlehrer, und späteren Reichsratsabgeordneten Rudolf Wedra und dem Eibesthaler Pfarrer Franz Riedling aus. Die aufwendige Inszenierung und geschicktes Marketing hatten große Medienaufmerksamkeit zur Folge und so verhalfen zahlreiche Zeitungsberichte, den Passionsspielen zu überregionaler Bekanntheit. Teils mit eigenen Sonderzügen kamen tausende Besucher insbesondere aus Wien, darunter auch Prominenz (hoher Adel & Geistlichkeit, Bgm. Karl Lueger, …) und ausländische Gäste, sogar aus Übersee, nach Mistelbach, die sich dann weiter auf den Weg nach Eibesthal machten, um diesen Spielen beizuwohnen. Etwa 120 Personen, Bauern und Handwerker aus Eibesthal, wirkten an den Festspielen mit, die immer sonn- und feiertags meist im Zeitraum zwischen Mai und September aufgeführt wurden und deren Reinererlös dem Eibesthaler Kirchenbaufond zugeführt wurde. 1900 wurde nicht die Passion, also die Leidensgeschichte Christi, sondern andere bedeutende Szene aus dem Leben Jesu aufgeführt. Aus den Jahren 1899, 1900, 1904, 1907 und 1911 finden sich nachfolgende Bilder aus Zeitungsberichten.

Seit 1983 erinnert die Straßenbezeichnung Passionsweg an diese Tradition bzw. daran, dass unweit davon entfernt einst die Passionsspielhalle stand.

Mehr zur Geschichte der Eibesthaler Passionsspiele auf deren Homepage

1899:

Die Auferweckung des Lazarus„Die Auferweckung des Lazarus“

Christus nimmt Abschied von Maria„Christus nimmt Abschied von Maria“

Das Heilige Abendmahl„Das Heilige Abendmahl“

Die Kreuzigung Christi„Die Kreuzigung Christi“

1900:

Des heiligen Josef Traum„Des heiligen Josef Traum“

Der Tod des heiligen Josef„Der Tod des heiligen Josef“

Die Schatzung zu Bethlehem„Die Schatzung zu Bethlehem“

Die Huldigung an der Krippe„Die Huldigung an der Krippe“

Der zwölfjährige Jesus im Tempel„Der zwölfjährige Jesus im Tempel“

1904:

Darsteller der Eibesthaler Passionsspiele ca. 1900Darsteller der Eibesthaler Passionsspiele

Josef Kindl als ChristusJosef Kindl als Christus

Marie Fischer als Maria
Marie Fischer als Maria

Der Einzug in Jerusalem„Der Einzug in Jerusalem“

Christus am Ölberg„Christus am Ölberg“

Die Kreuzigung Christi„Die Kreuzigung Christi“

1907:

Die Geißelung„Die Geißelung“

 

Im Jahre 1907 wurden Szenen des Eibesthaler Passionspiels sogar auf der Titelseite einer großen Wiener Tageszeitung abgebildetIm Jahre 1907 wurden Szenen des Eibesthaler Passionspiels sogar auf der Titelseite einer großen Wiener Tageszeitung abgebildet

1911:

Fürsterzbischof Kardinal Dr. Nagl segnet bei seiner Ankunft die Einwohner von EibesthalFürsterzbischof Kardinal Dr. Nagl segnet bei seiner Ankunft die Einwohner von Eibesthal

Begrüßung des Ehrengastes Fürsterzbischof Kardinal Dr. Nagl bei der Eröffnung der Passionsspiele 1911Begrüßung des Ehrengastes Fürsterzbischof Kardinal Dr. Nagl bei der Eröffnung der Passionsspiele 1911

Im Bild rechts Kardinal Nagl unter den Zuschauern in der SpielhalleIm Bild rechts Kardinal Nagl unter den Zuschauern in der Spielhalle

Disput der Schriftgelehrten„Disput der Schriftgelehrten“

Die Fußwaschung„Die Fußwaschung“

Petrus verrät den Herrn„Petrus verrät den Herrn“

Erlösergruppe„Erlösergruppe“

Kreuzigung„Kreuzigung“

Bildnachweis:
Die Bilder 2-5 des Jahres 1904 stammen von Leopold Forstner, Mistelbach
Bilder des Jahres 1899: Heydenhauß & Robert, Wien
Die Urheber der sonstigen Bilder sind leider nicht bekannt.

Die gegenständlichen Fotos wurden veröffentlicht in:
Das interessante Blatt, 22. Juni 1899, S. 4 (ONB: ANNO)
Wiener Bilder, 2. Juli 1899, S.5 (ONB: ANNO)
Wiener Bilder, 2. Juli 1899, S. 4f (ONB: ANNO)
Wiener Bilder, 10. Juni 1900, S. 5f (ONB: ANNO)
Wiener Bilder, 31. August 1904, S. 4 (ONB: ANNO)
Das interessante Blatt, 22. August 1907, S. 3 (ONB: ANNO)
Illustrirtes Wiener Extrablatt, 18. August 1907, S. 1 (ONB: ANNO)
Wiener Bilder, 30. August 1911, S. 5 (ONB: ANNO) (exakt gleiches Bild nur als Zeichnung: Illustrierte Kronen Zeitung, 22. August 1911, S. 4 (ONB: ANNO))
Neuigkeits-Welt-Blatt, 24. August 1911 (38. Jg. – Nr. 192), S. 25 (ONB: ANNO)
Das interessante Blatt, 31. August 1911, S. 5 u. S. 9 (ONB: ANNO)

Schoiber, Ernst

Von Thomas Kruspel 11. Mai 2017 Aus

amtsführender Landesschulratspräsident Hofrat Ernst Schoiber

* 28.2.1908, St. Pölten
† 13.12.1990, Scheibbs

Ernst Schoiber erblickte als Sohn eines katholischen Vaters, Emmerich Schoiber – Werkmann bei den k.k. Staatsbahnen, und einer evangelischen Mutter, Antonie, geb. Litawsky, 1908 in St. Pölten das Licht der Welt. Er wurde gemäß dem Wunsch seiner Familie mütterlicherseits evangelisch getauft, trat jedoch bereits in jungen Jahren zum katholischen Glauben über. Durch einen Unfall verlor die Familie 1914 den Vater und Ernährer und um für sich und ihren Sohn den Unterhalt bestreiten zu können, arbeitete seine Mutter bei der im St. Pöltner Preßhaus befindlichen Filiale des Kolonialwaren- und Lebensmitteleinzelhandelsunternehmens Brüder Kunz, viele Jahre davon als Leiterin dieser Filiale.126

Nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule in St. Pölten absolvierte Schoiber die Ausbildung an der hiesigen Lehrerbildungsanstalt, die er 1927 mit der Reifeprüfung abschloss. Während seiner Zeit an der Lehrerbildungsanstalt wurde er Mitglied der katholischen Mittelschulverbindung Carolina St. Pölten, der er zeitlebens stets eng verbunden blieb. Aufgrund der damaligen schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse war es für Junglehrer äußerst schwierig im Schuldienst Aufnahme zu finden und so konnte er erst drei Jahre nach Abschluss seiner Ausbildung den Lehrberuf tatsächlich ausüben. Zwischenzeitlich war er beim damaligen Nationalratsabgeordneten und späteren Bundeskanzler Dipl.-Ing. Julius Raab angestellt und für die christlich-soziale Partei tätig.

Ab 1930 wirkte Schoiber als Lehrer unter anderem an der Volksschule in St. Georgen am Steinfelde (heute Stadtteil St. Pölten), und nachdem er bereits vorher aushilfsweise an Hauptschulen unterrichtet und 1934 die Lehrbefugnis für diesen Schultyp erworben hatte, fortan an der Hauptschule für Knaben in St. Pölten. Im November 1935 schloss er die Ehe mit der Gastwirtstochter Maria Rauscheder127, und aus dieser Verbindung entstammten drei Kinder, wobei der älteste Sohn während des Krieges aufgrund Medikamentenmangels verstarb. Nach dem „Anschluss“ wurde Schoiber aufgrund seiner politischen Weltanschauung nach Scheibbs strafversetzt und 1942 nach sechswöchiger Ausbildung als Wehrmachtsoldat an die Ostfront entsandt. Nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft war er zunächst wieder als Hauptschullehrer in Scheibbs tätig, bevor er 1948 zum Leiter der Volks- und Hauptschule Steinakirchen ernannt wurde.

Unmittelbar nach seiner Heimkehr begann auch sein politisches Engagement bei der Österreichischen Volkspartei und neben seiner Tätigkeit als langjähriger Obmann der ÖVP-Bezirkspartei Scheibbs, gehörte Ernst Schoiber auch der Gemeindevertretung der Stadt Scheibbs an, und zwar von 1955 bis 1960 als Stadtrat und von 1960 bis 1965 als Gemeinderat. Beruflich war seine nächste Station 1951 die Ernennung zum Bezirksschulinspektor des Bezirks Scheibbs und schließlich 1959 die Berufung zum amtsführenden Präsidenten des niederösterreichischen Landesschulrates. Als amtsführender Landesschulratspräsident – per Gesetz ist der Landesschulratspräsident der Landeshauptmann – diente er unter vier Landeshauptmännern und bekleidete dieses Amt bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand im Jahre 1975. Während seiner Amtszeit machte er sich besonders verdient um die Institutionalisierung der Lehrerfortbildung, die Reorganisation des Pflichtschulwesens in Niederösterreich, Umsetzung und Vollzug des Schulorganisationsgesetzes 1962, den Ausbau des mittleren und höheren Schulwesens und gilt als Vorkämpfer für die Schülerfreifahrt.

Weiters war Hofrat Schoiber von 1964 bis 1974 Abgeordneter zum niederösterreichischen Landtag für den politischen Bezirk Scheibbs und in Würdigung seiner vielfältigen Verdienste wurde er 1968 zum Ehrenbürger der Stadt Scheibbs ernannt.128 Bereits fünf Jahre vorher, nämlich 1963 wurde Schoiber für seinen besonderen Einsatz in Zusammenhang mit der Errichtung des musisch-pädagogischen Gymnasiums in Mistelbach zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.


1990 verstarb Hofrat Schoiber im 83. Lebensjahr in Scheibbs. Im Jahr 2009 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat die in einer neuen Siedlung zu errichtenden Straßen nach Ehrenbürgern aus der jüngeren Geschichte der Stadt Mistelbach zu benennen und seither existiert die Ernst Schoiber-Straße.

Wo befindet sich die Ernst Schoiber-Straße?

 

Bildnachweis:
Portraitfoto s/w: Hakala, Hans: 100 Jahre Hauptschule Zwettl-NÖ (1972), S. 75
Ehrenbürgerernennung: Erlaftal-Bote, 10/1968, S. 1
Portraitfoto Farbe: zVfg: wHR Dr. Walter Schoiber (Sohn)

Quellen:
-) Erlaftal-Bote, 10/1968, S. 1
-) Erlaftal-Bote, 10/1978, S. 9
-) Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, 1/1991, S. 4
-) Auskunft bzw. Lebenslauf zVfg: wHR Dr. Walter Schoiber (Sohn)
-) Niederösterreichisches Lehrerbuch 1932, S. 179
-) Niederösterreichisches Lehrerbuch 1935, S. 151
-) Niederösterreichisches Lehrerbuch 1954, S. 230
-) Eintrag zu Ernst Schoiber im Biographischen Handbuch des NÖ Landtages 1861–1921

Lackner, Lucius

Von Thomas Kruspel 22. April 2017 Aus

Geistl. Rat P. Lucius Lackner SDS

* 3.1.1884, Wang (Oberbayern)
† 26.4.1958, Mistelbach

Pater Lucius wurde als Sebastian Lackner gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester Maria am 3. Jänner 1884 in die kinderreiche Familie des Landwirteehepaares Josef und Maria Lackner im oberbayrischen Wang, Landkreis Freising, geboren.129 Am 3. März 1903 trat er als Klerikerkandidat in die Gesellschaft des göttlichen Heilands – den Salvatorianerorden – ein und erhielt den Ordensnamen Lucius. Sein Eintritt erfolgte im Studienhaus des Ordens in Tivoli bei Rom in dem er bis zu Beginn seines Noviziats im Oktober 1906 blieb, bevor er in das Mutterhaus des Ordens nach Rom übersiedelte, wo er ein Jahr später in den Händen des Ordensgründers Pater Franziskus Maria vom Kreuze Jordan die erste Profess ablegte. Von 1907 bis 1909 absolvierte er philosophische und von 1909 bis 1913 theologische Studien an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Zwei Jahre nach dem Ablegen der ewigen Profess wurde er am 10. August 1912 in der „ewigen Stadt“ zum Priester geweiht und war anschließend von 1913 bis zum Frühjahr 1915 in Porto Recanati, einer an der Adria gelegenen italienischen Kleinstadt nahe Ancona, in der Seelsorge tätig.

Der junge P. Lucius (rechts) mit Priesterkollegen, etwa zur Zeit des 1. Weltkriegs

1915 wurde Lackner in die österreichische Ordensprovinz entsandt und dieser Wechsel steht wohl in Zusammenhang mit dem in diesem Jahr erfolgten Kriegseintritt Italiens. Seine Wirkungsstätte war zunächst das Kollegium seines Ordens am Salvatorianerplatz in Wien-Favoriten samt der zugehörigen Pfarre „Zu den Heiligen Aposteln“ und die Knabenvolksschule Puchsbaumgasse sowie die Mädchenvolksschule Herzgasse (87) an denen er als Religionslehrer unterrichtete.130 Bereits im Jahr darauf wechselte er in das Salvatorianerkollegium am Schüttauplatz in Wien-Kaisermühlen und war als Seelsorger in der dortigen Herzjesu-Kirche tätig. Bis zu seiner Ernennung zum Kooperator (Kaplan) im Jahre 1923 war P. Lucius als Religionslehrer an folgenden Schulen tätig: 1916 an der Mädchenvolksschule Wolfgang-Schmälzl-Gasse in Wien-Leopoldstadt, 1917 an der Knabenbürgerschule Leystraße in Wien-Brigittenau, und ab 1918 an der Knabenbürgerschule Schüttaustraße in Kaisermühlen.131 Während seiner Zeit in Wien zeichnete er sich durch unermüdliche Tätigkeit als Katechet (Religionslehrer), Prediger und Vereinsorganisator aus und so wurde von der Ordensleitung beschlossen ihn als Pfarrverweser nach Mistelbach zu berufen und am Heiligen Abend des Jahres 1929 trat er seine neue Stelle als Stadtpfarrer von Mistelbach an. Sein Charakter wird in manchen Belangen als für einen Pfarrer eher untypisch beschrieben, doch unter seiner rauen Schale trug er ein goldenes Herz und seine Bescheidenheit, seine tiefe Frömmigkeit und nicht zuletzt sein urwüchsiger bayrischer Humor brachten ihm bald die Sympathien der Mistelbacher Bevölkerung ein. Ein besonderes Anliegen war ihm die Ausgestaltung des Gotteshauses und er scheute keinen der vielen notwendigen Bettelwege für die von ihm initiierte umfangreiche Renovierung der Pfarrkirche im Jahre 1935.

Ein Foto der Feierlichkeiten anlässlich des 25-jährigen Priesterjubiläums von P. Lucius im Jahr 1937

Sein Wirken als Oberhaupt der Mistelbacher Pfarre fiel in die schwere Zeit der NS-Herrschaft, während der 1940 das Kolleg beschlagnahmt wurde und das religiöse Leben stark eingeschränkt war. Als Ersatzquartier wurde der Ordensgemeinschaft ein Haus am Südtirolerplatz zugewiesen und Pater Lucius fand Aufnahme im Haus der Familie Edhofer in unmittelbarer Nähe zum Kolleg. Der Stadtpfarrer war insbesondere den bereits in der Illegalität aktiv gewesenen Nazis verhasst und mehrfach wurde P. Lucius zur Kreisleitung der NSDAP bzw. zur GESTAPO zitiert, unter anderem wegen des Ansetzens einer Jugendveranstaltung zeitgleich mit einer HJ-Veranstaltung.132 Als in den Apriltagen des Jahres 1945 die Rote Armee Mistelbach einnahm, öffnete er allen Schutzsuchenden, hauptsächlich den Frauen, die Tore des nach dem Abzug der Nazis wieder in Besitz genommenen Kollegs, und infolgedessen musste er die Erschießung seines Mitbruders P. Titus Helde durch einen sowjetischen Soldaten hautnah miterleben.133 Auch die folgenden Jahre der Besatzungszeit waren keineswegs einfach und die Beseitigung der schweren Kriegsschäden an der Pfarrkirche nur unter großer Anstrengung möglich. Die schwere Zeit zehrte an seiner Gesundheit und so musste er bereits 1948, das erst zwei Jahre zuvor übernommene Amt des Dechants des Dekanats Wilfersdorf, zu dem Mistelbach gehört, wieder zurücklegen. Trotz seines sich verschlechternden Seh- und Hörvermögens und weiterer körperlicher Leiden blieb P. Lucius auch nach dem Ende seiner Funktion als Stadtpfarrer 1949 unermüdlich in der Seelsorge in Mistelbach tätig.

Nach langem schwerem Leiden verstarb P. Lucius 1958 und wurde im hinter dem Hochaltar gelegenen Priestergrab an der Außenmauer der Pfarrkirche beigesetzt. 2003 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat einer im Gewerbegebiet hinter der M-City gelegenen Straße den Namen Luzius Lackner-Straße zu verleihen.


Wo befindet sich die Luzius Lackner-Straße?

 

Bildnachweis:
Bild 2 & 3 mit freundlicher Genehmigung von Fr. Christa Jakob

Quellen:
-) Mistelbacher Bote, Nr. 27/1952, S. 3
-) Mistelbacher Laaer Zeitung, Nr. 27/1952, S. 2 (in diesem aus Anlass seines 40-jährigen Priesterjubliäums erschienen Artikel ist fälschlicherweise der 3. Juli 1884 als Geburtsdatum angeführt)
-) Mistelbacher Bote, Nr. 19/1958, S. 3
-) Mistelbacher Laaer Zeitung, Nr. 19/1958, S. 2
-) Mitteilungen der Salvatorianer, Nr. 9, November 1957, S.25f
-) Mitteilungen der Salvatorianer, Nr. 11, November 1958, S.26f
-) Auskunft P. Peter van Meijl SDS, Ordenshistoriker und Provinzarchivar des Salvatorianerordens in Österreich
-) Jakob, Christa: Bewegte Geschichte – 90 Jahre Salvatorianer in Mistelbach (2014), Band XIII der Reihe Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart

Freund, Thomas

Von Thomas Kruspel 2. April 2017 Aus

Landtagsabgeordneter Bürgermeister Kommerzialrat Thomas Freund

* 26.7.1850, Laa a.d. Thaya
† 20.1.1937, Mistelbach

Der 1850 als Sohn des Laaer Bürgers Joseph Freund und dessen Gattin Barbara, geb. Hackel, in Laa a.d. Thaya geborene Thomas Freund134 kam 1876 nach Mistelbach und erwarb das Haus Hafnerstraße 11 (heute: Möbel Rieder). Hier eröffnete er nach großzügigem Um- und Ausbau seine Warenhandlung und bei Freund konnte man neben Waren des täglichen Bedarfs, von Süßigkeiten über Schießpulver, Chemikalien, Textilien, Spielkarten und Petroleum, beinahe alles Erdenkliche bekommen. In den Jahren 1900/1901 und nach einer Unterbrechung erneut im Zeitraum von 1909 bis 1916 führte sein Unternehmen auch eine Filiale in Zistersdorf.135 1877 ehelichte er Anna Selbach, die Tochter des Mistelbacher Riemermeisters Michael Selbach, und aus dieser Ehe sollten vier Kinder hervorgehen.136

Das Warenhaus Freund (heute: Möbel Rieder) an der "Frohner"-KreuzungDas Warenhaus Freund etwa 1900

Nach der Gemeinderatswahl im Juni 1885 zog Freund als Vertreter der deutschnationalen Bewegung erstmalig in den Mistelbacher Gemeinderat ein.137 Die darauffolgende Gemeinderatswahl im Jahr 1888 brachte einen großen Wahltriumph für die Deutschnationalen, infolgedessen sie auch den Bürgermeistersessel beanspruchten. Nachdem der klare Favorit für das Amt des Bürgermeisters bekannt gab für diese Aufgabe nicht zur Verfügung zu stehen, wurde im Zuge der konstituierenden Gemeinderatssitzung der Tischlermeister Bernhard Steiner zum Bürgermeister gewählt. Doch nach nur zwei Monaten legte Steiner das Amt aufgrund parteiinterner Streitigkeiten zurück. Nach diesen beiden Personalien wurde schließlich Freund im Oktober 1888 zum neuen Bürgermeister gewählt, doch die Wahl eines „Zuagroasten“ zum Stadtoberhaupt war umstritten und viele zweifelten an seiner Fähigkeit die Stadt bzw. den zerstrittenen Gemeindeausschuss führen zu können.138 Bürgermeister Freund konnte sich jedoch erfolgreich behaupten und mit ihm begann eine Reihe von nicht in Mistelbach geborenen Bürgermeistern, die mit geringfügigen Unterbrechungen knapp 120 Jahre währte. Während seiner Amtszeit wurde die Infrastruktur der Stadt (Wasser- und Gasleitungsnetz, Straßenpflasterungen) stark ausgebaut und unter anderem wurden folgende bedeutende Einrichtungen geschaffen: Neuanlage des Friedhofs (1891), Neuanlage des Stadtparks (1895), Notspital (1896), Winzerschule (1898), Knaben Volks- und Bürgerschule (1898), städtische Badeanstalt (1899), neues Rathaus (1901), Gaswerk (1902), Neubau Elisabethkirche (1905), Landesbahnen (1906), Bezirkskrankenhaus (1909) und Waisenhaus (1910). Wie damals üblich, stand er während seiner Zeit als Bürgermeister stand auch der städtischen Sparkasse als Direktor vor, die die Finanzierung der oben genannten Projekte ermöglichte. Mehrere Angehörige des Kaiserhauses übernachteten anlässlich von Besuchen in Mistelbach in der über dem Geschäft gelegenen Wohnung des Bürgermeisters und folgende Personen zählten zu den Gästen der Familie Freund: Erzherzog Rainer im Juli 1896139, Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand im September 1902 und Erzherzog Leopold Salvator (1906140 & 1912141). Franz Ferdinand soll als er gemeinsam mit seinem Quartiergeber, dessen Wohnung betrat, bemerkt haben: „Schöner habe ich es ja zuhause nicht“.142 Im Jahre 1905 wurde Freund die hohe Ehre einer persönlichen Audienz bei Kaiser Franz Joseph I. zuteil, bei der dieser seine großen Verdienste um die Entwicklung der Stadt Mistelbach lobte.

1908 stiftete Freund anlässlich seines zwanzigjährigen Jubiläums als Bürgermeister von Mistelbach eine Bürgermeisterkette aus vergoldetem Silber, deren Anhänger die anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers gestiftete niederösterreichische Bürgermeistermedaille bildete.

Die von Bürgermeister Freund gestiftete Bürgermeisterkette im Jahr 2019Bürgermeister Freund mit der von ihm gestifteten Bürgermeisterkette im Jahre 1908

Links: die von Bürgermeister Freund gestiftete Bürgermeisterkette in ihrer heutigen Form (ursprünglich waren alle Teile der Kette vergoldet), rechts: Freund mit Bürgermeisterkette im Jahr 1908

Freund gehörte zu den gemäßigten Deutschnationalen und nach eigenen Angaben 1895 zu den Mitbegründern der Deutschen Volkspartei (DVP), die sich von der radikalen Schönerer-Bewegung abgespalten hatte.143 Mit dem Aufstieg der Christlichsozialen Partei im niederösterreichischen Landtag zu Beginn des 20. Jahrhunderts versank die DVP jedoch bald in der Bedeutungslosigkeit. Dies hatte zur Folge, dass sich einige Mitglieder des Mistelbacher Gemeindeausschusses (=Gemeinderat), der zuvor klar von deutschnationaler Gesinnung geprägt war, unter Führung von Bürgermeister Freund mehr und mehr den Christlichsozialen zuwandten. So traten etwa Deutschnationale und Christlichsoziale gemeinsam als „Vereinigte Bürgerpartei“ bei der Gemeinderatswahl 1905 an, unter anderem auch um mit vereinten Kräften dem befürchteten Aufstieg der Sozialdemokraten Vorschub zu leisten. Dieser Prozess gipfelte schließlich darin, dass sich Freund für die Landtagswahlen im Herbst 1908 von der christlichsozialen Partei als Kandidat aufstellen ließ. Die Christlichsoziale Wahlpropaganda proklamierte ihn schließlich zum Kompromisskandidaten der Christlichsozialen und Deutschnationalen, um die Stimmen der beiden Lager zu bündeln.144 Hierzu muss festgehalten werden, dass das deutschnationale Lager bereits damals in mehrere Strömungen und Parteien zersplittert war. Einige zeitgenössische Zeitungsberichte überregionaler Blätter, darunter auch einige mit (radikal) deutsch-nationaler Ausrichtung, behaupten hingegen: die Wahlmännerversammlung die Freund zum vermeintlichen „Kompromiss“-Kandidaten wählte, habe lediglich aus Angehörigen der Christlichsozialen Partei bestanden und somit sei die Verkündung einer Kompromisskandidatur eine Erfindung bzw. eine wahltaktische Finte der Christlichsozialen.145 Derartigen Vorhaltungen entgegnete Freund, dass es sich hierbei um „Hetzereien“ einiger liberaler, sozialdemokratischer und einzelner radikal-nationaler Zeitungen handle und sich die Christlichsoziale Partei als Vertreterin nationaler Interessen bewährt habe.146 Schließlich konnte er sich bei der Landtagswahl im Städtewahlkreis Mistelbach (Mistelbach-Feldsberg-Laa/Thaya-Zistersdorf) erfolgreich durchsetzen147 und gehörte ab der Konstituierung zu Beginn des Jahres 1909 dem Landtag als Vertreter der Christlichsozialen Partei an. Grundsätzlich hätte die Legislaturperiode regulär bis Jänner 1915 gedauert, allerdings wurde der Landtag nach dem Attentat von Sarajevo und dem bald darauffolgenden Ausbruch des 1. Weltkriegs nicht mehr einberufen. Da während des Krieges auch keine Wahlen ausgeschrieben wurden, endete die Amtsdauer der Mandatare mit Ablauf der Legislaturperiode ersatzlos. Von November 1918 bis Mai 1919 war Freund Mitglied der provisorischen Landesversammlung für Niederösterreich, der alle Abgeordneten des letzten gewählten Landtags und die Reichsratsabgeordneten aus Niederösterreich angehörten. Bei der historisch bedeutsamen konstituierenden Sitzung dieses Gremiums am 5. November 1918, bei der die grundlegenden Weichen für den Übergang vom Kronland zum Bundesland der kurz darauf ausgerufenen Republik gestellt wurden, war Freund (so wie zahlreiche andere Abgeordnete auch) jedoch nicht anwesend.148

Freunds Parteiwechsel vor der Landtagswahl 1908 bzw. die offenbar einseitige Ausrufung zum Kompromisskandidaten sorgte für gehörige Verstimmung in den deutschnationalen Kreisen in Mistelbachs und ihren Vertretern im Gemeindeausschuss (=Gemeinderat), und er galt einigen nun als Überläufer und Opportunist. Einer von Freunds christlichsozialen Parteikollegen bestreitet in seinen Memoiren, dass Freund aus persönlichen, opportunistischen Motiven zu den Christlichsozialen gewechselt sei, sondern lediglich auf wirksamste Weise die Interessen der Stadt vertreten wollte.149 Besonders nach der für die Christlichsozialen unerwarteten, empfindlichen Niederlage im Mistelbacher Städtewahlkreis bei den Reichsratswahlen im Juni 1911, wendete sich das Blatt gegen Freund und um der sich abzeichnenden schweren Niederlage bei den bevorstehenden Gemeinderatswahlen zu entgehen, legte Freund das Amt des Bürgermeisters mit 2. August 1911 zurück.150 Tatsächlich wurde die Gemeinderatswahl im September desselben Jahres für die Christlichsozialen zu einer vernichtenden Niederlage, während die Deutsch-Freiheitlichen, die auch bei der Reichsratswahl obsiegten, erneut triumphierten und deren Kandidat Josef Dunkl jun. wurde zum neuen Bürgermeister gewählt. Es war dies das wenig ruhmreiche Ende seiner 23 Jahre währenden Tätigkeit als Bürgermeister und Direktor der städtischen Sparkasse, ohne die anlässlich des Ausscheidens sonst üblichen Ehrungen und Würdigungen seiner Verdienste. Doch wirkte Freund weiterhin als Landtagsabgeordneter für die Stadt Mistelbach und auch nach dem Ende seiner politischen Mandate war er unter anderem im Bezirksschulrat, als Obmann des Landeskindergartens und als Funktionär in Gewerbeverbänden für das Gemeinwohl aktiv. Etwa im Jahr 1912 ließ Freund sich seinen Alterssitz in Form eines Prachtbaus auf dem Grundstück Mitschastraße 11 errichten, die sogenannte „Freundvilla“ (heute: Dr. Schwelle/Dr. Götzendorfer).151

Das Ehepaar Freund feierte 1927 Goldene HochzeitDas Ehepaar Freund feierte 1927 Goldene Hochzeit

1927 wurde er zum Ehrenbürger Mistelbachs ernannt und feierte in diesem Jahr auch die goldene Hochzeit mit seiner Gattin Anna. Drei Jahre später wurde ihm vom Bundespräsidenten schließlich der Titel „Kommerzialrat“ verliehen.152 Am 20. Jänner 1937 verstarb Altbürgermeister Thomas Freund im Alter von 86 Jahren in seiner Villa und wurde drei Tage später auf dem Mistelbacher Friedhof beerdigt.153 Mit Gemeinderatsbeschluss vom 4. Juni 1954 wurde seine letzte Ruhestätte zum Ehrengrab der Stadt Mistelbach erklärt.154

Das Warenhaus „Thomas Freund“ wurde von 1914 bis 1942 von seinem Sohn Rudolf geführt und danach von dessen Witwe Elsa.155 1955 übernahm schließlich Freunds Enkeltochter Hilda (verehelichte Kautz) den Betrieb von ihrer Mutter und wandelte diesen 1957 in die Möbelhandlung „Freund & Kautz“ um, die bis etwa 1986 bestand.156

Ob die frühere Schulgasse noch in seinen letzten Lebensjahren oder erst unmittelbar nach seinem Ableben in Thomas Freund-Gasse benannt wurde, ließ sich bisher leider nicht eruieren. Eine Umbenennung kann erst nach 1934 erfolgt sein, aber bereits in einem Nachruf im Mistelbacher Bote wird der neue Name der Gasse erwähnt.157

Wo befindet sich die Thomas Freund-Gasse?

Quellen:

-) Eintrag zu Thomas Freund im Biographischen Handbuch des NÖ Landtages 1861–1921
(Die Information, dass Freund als Abgeordneter zunächst der Deutschen Volkspartei angehörte und erst später zur christlichsozialen Partei wechselte ist unter Anbetracht der Umstände seiner Kandidatur, die durch zahlreiche obenstehend zitierte Zeitungsberichte dokumentiert ist, als falsch anzusehen. Er stellte sich zur Wahl als Kandidat der christlichsozialen Partei, und trat dieser unmittelbar nach seiner erfolgreichen Wahl auch bei.)
-) Spreitzer, Prof. Hans: „Mistelbachs Straßen- und Gassennamen“ in: Mistelbacher-Laaer Zeitung, 24. September 1955, S. 2 (Die Angabe, dass die gegenwärtige Bezeichnung erst seit 1945 eingeführt wurde, ist falsch.)
-) Prof. Spreitzer, Hans: Der Bezirk Mistelbach und seine Abgeordneten im nö. Landtag in Heimat im Weinland – Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach (1961), S. 108 (Anm.: Die Angabe Freund sei erst 1888 in den Mistelbacher Gemeinderat eingezogen ist nicht korrekt, tatsächlich zog er bereits 1885 in dieses Gremium ein – wie im Text oben zitierte Quellen belegen)

Bildnachweis:
-) Portrait: Museumsarchiv der Stadt Mistelbach
-) Warenhaus Freund: Ausschnitt einer Ansichtskarte von L. Forstner, aus der Sammlung von Herrn Gerhard Lichtl, digitalisiert von Otmar Biringer
-) Bürgermeisterkette: zVg Stadtgemeinde Mistelbach
-) Freund im Jahr 1908: Tenger, Ignaz: Österreichischer Bürgermeister-Almanach – 1848 – 1908; Jubiläums-Widmung zur Feier des 60jährigen Regierungs-Jubiläums Sr. k.u.k. a. M. Franz Josef I. (1908) (Digitalisat NÖ Landesarchiv)
-) Freund mit Gattin: Das interessante Blatt, 24. Februar 1927, S. 8 (ONB-ANNO)

Bayer, Franz

Von Thomas Kruspel 16. März 2017 Aus

Bürgermeister Regierungsrat Franz Bayer

geb. 5.6.1909, Hagenberg
gest. 24.9.1992, Mistelbach

Franz Bayer wurde 1909 als Sohn des Hagenberger Landwirts Franz Bayer und dessen Gattin Elisabeth, geb. Höbert, geboren.157 Er besuchte die einklassige Volksschule in seinem Heimatort Hagenberg, und aufgrund seiner guten schulischen Leistungen wurde ihm der Besuch des Gymnasiums nahegelegt. Für Bauernkinder bot die Kirche oftmals die einzige Möglichkeit zu damals kostspieliger höherer Bildung zu gelangen und so wurde Bayer Zögling im erzbischöflichen Knabenseminar Hollabrunn und besuchte dort das hiesige humanistische Gymnasium. Während seiner Zeit im Knabenseminar reifte in ihm der Entschluss Priester zu werden, und so trat er nach dem Ablegen der Reifeprüfung 1929 in das Priesterseminar der Erzdiözese Wien ein. Gleichzeitig inskribierte er sich im Wintersemester 1929/30 an der Universität Wien für das Studium der katholischen Theologie, und zu seinen Professoren an der theologischen Fakultät zählte der spätere Kardinal Theodor Innitzer.158 Im Sommer 1932 erkrankte er jedoch an einer schweren Lungentuberkulose, die lange Krankenhaus- und Kuraufenthalte zur Folge hatte, und während seiner langwierigen Genesung hatte er viel Zeit über seine weitere Lebensplanung nachzudenken und entschied sich schlussendlich, trotz bereits recht weit fortgeschrittenem Studium, gegen eine geistliche Laufbahn und für einen profanen Lebensweg.

Er fand daraufhin 1934 Anstellung als Buchhalter bei der Mistelbacher Genossenschaftsmolkerei und bezog ein Zimmer in der Wohnung der Eltern von Dr. Leopold Kautz, mit dessen Familie ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verbinden sollte. Zu dieser Zeit begann auch sein Engagement bei den Mistelbacher Vereinen und er war damals unter anderem beim christlich-deutschen Turnverein aktiv. 1938 ehelichte er Theresia Misch und dieser Verbindung sollten vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, entstammen.159 Von 1943 bis 1945 musste er seinen Dienst als Soldat der Deutschen Wehrmacht leisten und er geriet bei Rückzugsgefechten im Baltikum zu Ende des Krieges in russische Kriegsgefangenschaft. Die Gefangennahme verhinderte das Erreichen des Schiffes, mit dem seine Einheit in Richtung Westen evakuiert werden sollte, doch dieses Schiff wurde auf seiner Fahrt versenkt und dies hätte ihn vermutlich sein Leben gekostet. Bis zu seiner Freilassung aus der Kriegsgefangenschaft im November 1947 musste er in einem Ölschieferbergwerk im Ural Zwangsarbeit verrichten.160

Als er nach Mistelbach zurückkehrte, war seine dringendste Aufgabe der Wiederaufbau seines im Krieg zerstörten Hauses, um seiner Familie wieder ein Heim zu geben. Er kehrte in seinen Beruf in der Mistelbacher Molkerei zurück und nahm wieder regen Anteil am Mistelbacher Vereinsleben. Er war unter anderem Mitglied im Verschönerungsverein, gehörte dem Pfarrkirchenrat an, engagierte sich bei der Österreichischen Jugendbewegung (Vorläufer der JVP) und im ÖAAB, und war einer der Gründer und erster Obmann der 1948 gegründeten Turn- und Sportunion Mistelbach.

Bgm. Bayer als Gründungsmitglied der katholischen Studentenverbindung „Falkenstein“ Mistelbach 1965

1950 wurde der Gemeinderat erstmals nach dem Krieg wieder durch das Volk gewählt und in der Folge wurde der ÖAABler Bayer, als Kompromisskandidat der ÖVP-Bünde, im Gemeinderat zum Bürgermeister gewählt. Zwei der wichtigsten Aufgaben zu Beginn seiner Amtszeit waren der Siedlungsbau (Am Schloßberg, Bahnzeile, Totenhauer), um die Wohnungsnot zu lindern und die Zuteilung, der für die (Wiederauf-)Bautätigkeit notwendigen und damit sehr begehrten Ziegel aus der gemeindeeigenen Ziegelfabrik. Die Zusammenarbeit bzw. der Umgang mit der sowjetischen Besatzungsmacht war eine schwierige Herausforderung, bei der ihm seine in der Kriegsgefangenschaft erworbenen Russischkenntnisse nutzten. Auch sein ältester Bruder, Mathias Bayer, bekleidete das Amt des Bürgermeisters von Hagenberg von 1942 bis 1960.161

Nachfolgend ein paar Aufnahmen, die Bayer während seiner Amtszeit als Bürgermeister zeigen:

Bürgermeister Bayer - Wahlkampf-Werbefoto 1960er JahreBürgermeister Bayer – Wahlkampf-Werbefoto 1960er Jahre

Anfang der 50er Jahre: P. Otto Bader, Kardinal Innitzer, Bgm. Bayer

Bundespräsident Schärf und Landeshauptmann Figl in Mistelbach anlässlich deren Ernennung zu Ehrenbürgern Mistelbachs 1964, rechts Bgm. Bayer

Bgm. Bayer mit Dr. Kreisky bei einem Besuch im Mistelbacher Krankenhaus 1966

Bgm. Bayer hält die Eröffnungsrede anlässlich der 24. niederösterreichischen Feuerwehrleistungsbewerbe, die von 5. bis 7. Juli 1974 in Mistelbach stattfanden

Das Amt des Bürgermeisters bekleidete er bis 1975, und allein dies ist schon Zeugnis seiner großen Popularität in der Bevölkerung, für deren Sorgen und Nöte er immer ein offenes Ohr hatte. In dem Vierteljahrhundert, in dem er die Geschicke der Stadt lenkte, wurde der Grundstein für den Aufstieg Mistelbachs zum Zentrum des Weinviertels gelegt und der Wiederaufbau bzw. Ausbau der Infrastruktur, die Errichtung von Schulen, Weinlandbad und Markthalle, sowie die Gemeindefusion zur heutigen Großgemeinde Mistelbach sind nur ein kleiner Auszug seiner bedeutenden Leistungen für die Stadt. Beruflich wechselte er 1957 von der Molkerei in das Mistelbacher Krankenhaus, wo er bis zu seiner Pensionierung 1976 als Verwaltungsdirektor wirkte und dessen enormen Ausbau er maßgeblich mitprägte.

Anlässlich seines Ausscheidens als Bürgermeister wurde ihm 1975 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mistelbach mittels einstimmigem Gemeinderatsbeschluss verliehen und auch zahlreiche andere hohe Auszeichnungen wurden ihm, der sich stets in den Dienst des Gemeinwohls stellte und sich vielseitig engagierte, zuteil.162 Auch im Ruhestand war er weiter im Gemeinschaftsleben der Stadt aktiv, beispielsweise als langjähriger Obmann des von ihm gegründeten Sozialhilfevereins und des Stadtchores. Darüber hinaus verfasste er gemeinsam mit Prof. Hans Spreitzer die 1968 in der heimatkundlichen Beilage zum Amtsblatt der BH Mistelbach veröffentlichte Ortsgeschichte seines Geburtsortes Hagenberg und auch für die von ihm mitinitiierte, seit 1962 erscheinende Schriftenreihe „Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart“ verfasste er einige Beiträge.

Altbürgermeister Franz Bayer in seinen letzten LebensjahrenAltbürgermeister Franz Bayer in seinen letzten Lebensjahren

1992 verstarb Altbürgermeister Franz Bayer und wurde in einem Ehrengrab auf dem Mistelbacher Friedhof beerdigt. Vier Jahre nach seinem Tod beschloss der Mistelbacher Gemeinderat in Würdigung seiner großen Verdienste einer Straße den Namen Franz Bayer-Straße zu verleihen.

Franz Bayers letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher FriedhofFranz Bayers letzte Ruhestätte auf dem Mistelbacher Friedhof

 

Wo befindet sich die Franz Bayer-Straße?

 

Quellen (& Anmerkungen):

-) Gemeindezeitung – Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 4 (fälschlicherweise als Nr. 2 bezeichnet), 1989, S. 5
-) Gemeindezeitung – Mitteilungen der Stadtgemeinde Mistelbach, Folge 10, 1992, S. 1f
-) Gespräch mit Fr. Elisabeth Holzer, Tochter von Franz Bayer, im Februar 2017
-) Weinviertler Nachrichten, 24/1959, S. 3 (Portrait der Woche)

Bildnachweis:
zVg von RegR Alfred Englisch u. Stadtgemeinde Mistelbach
Brand Aus – Mitteilungen des niederösterreichischen Landesfeuerwehrverbandes, Heft 8, 1974, S. 280
Krankenhaus Mistelbach (Hrsg.): Festschrift 50 Jahre Krankenhaus Mistelbach (1960)

Koch, Dr. Bernhard

Von Thomas Kruspel 6. Februar 2017 Aus

Hofrat Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch

* 18.7.1920, MistelbachEntwurf für ein Gemälde in der Direktion des Münzkabinetts im Kunsthistorischen Museum Wien
† 26.5.1994, Wien

Dr. Bernhard Koch wurde als Sohn des Fleischhauer- und Selchermeisters Bernhard Koch und dessen Gattin Rosa, geb. Eybel, in Mistelbach geboren.163 Er entstammt der Mistelbacher Fleischhauer-Dynastie Koch, die dieses Handwerk nachweislich bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in Mistelbach ausübte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dann neuerlich etwa ab Beginn der 1950er Jahre war der Betrieb jedoch verpachtet. Ab 1875 waren die Koch Fleischhauer im Haus Marktgasse Nr. 4 ansässig und so bürgerte sich für die Marktgasse die umgangssprachliche Bezeichnung „Kochgassl“ ein, die auch heute noch älteren Mistelbachern ein Begriff ist. Die Fleischerei befand sich am Ende der Gasse bei deren Einmündung in die Franz Josef-Straße (heute: Würstelstand), und 1966 wurde das Gebäude abgetragen, um die ursprünglich schmale Marktgasse auf ihre heutige Größe zu verbreitern. Kochs Vater gehörte von 1928 bis 1938 als Vertreter der Christlich-Sozialen dem Mistelbacher Gemeinderat an und Bernhard Koch zählte zu den ersten Pfadfindern der 1930 vom Salvatorianerpater Otto Bader gegründeten Mistelbacher Pfadfindergruppe.164

Bernhard Koch (roter Pfeil) als Mitglied der Mistelbacher Pfadfinder im Gründungsjahr 1930Bernhard Koch (roter Pfeil) als Mitglied der Mistelbacher Pfadfinder im Gründungsjahr 1930

Nach dem Besuch der Volksschule und der ersten Klasse der Hauptschule in Mistelbach, wechselte Bernhard Koch 1931 an das Bundesrealgymnasium in Mödling, wo er im Mai 1938 die Reifeprüfung ablegte. Im Herbst desselben Jahres begann er ein Studium an der philosophischen Fakultät der Universität Wien in den Fächern Geografie, Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Anfang Dezember 1940 wurde Koch zur deutschen Wehrmacht einberufen, wo er bei verschiedenen Truppenteilen der 262. Infanterie-Division seine Ausbildung absolvierte bzw. als einfacher Schütze an der Ostfront eingesetzt wurde. Nachdem er als Soldat der 12. Kompanie des Infanterie-Regiments 486 um die Jahreswende 1941/42 – vermutlich bei Kämpfen vor Moskau – Erfrierungen an den Füßen erlitten hatte, die auch von Entzündungen an den Waden und einer Furunkulose begleitet waren, folgten Lazarettaufenthalte in Krakau und Wien. Danach war Koch zunächst Teil der in Wels stationierten Genesungs-Kompanie des Grenadier-Ersatz-Bataillon I/486, ehe er wieder zu seiner Stammkompanie und damit an den östlichen Kriegsschauplatz zurückkehrte.165 Im weiteren Verlauf des Krieges geriet er in russische Gefangenschaft, aus der er jedoch bereits im August 1945 wieder freikam. So konnte er im Wintersemester 1945 sein Studium fortsetzen und gleichzeitig mit der Wiederaufnahme des Studiums besuchte er auch den Kurs des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, den er 1948 mit der Staatsprüfung abschloss. Bereits im Juli 1946 wurde er an der Universität Wien zum Dr.phil. promoviert und seine Dissertation trug den Titel „Wirtschaftsgeschichte Mistelbachs im 17. und 18. Jahrhundert“.

Ab 1946 war er als wissenschaftliche Hilfskraft bzw. im wissenschaftlichen Dienst an der Bundessammlung von Medaillen, Münzen und Geldzeichen des Kunsthistorischen Museums Wien, dem sogenannten Wiener Münzkabinett, tätig. Im Jahr 1954 wurde er zum Kustos ernannt und ab 1968 als Direktor mit der Leitung dieser Sammlung betraut. Ab 1973 war er Vertreter des Direktors des Kunsthistorischen Museums und in den Jahren 1976/77 auch interimistischer Leiter der ägyptisch-orientalischen Sammlung dieser Institution. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit war das österreichische Münzwesen des Mittelalters, und zu diesem Thema veröffentlichte er zahlreiche Publikationen, wobei sich insbesondere seine Monografie zum Wiener Pfennig als Standardwerk etablierte.

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch in den 1980er Jahren

Ab 1973 war er auch als Universitätsdozent an der Universität Wien tätig und überdies Lehrbeauftragter für Münz- und Medaillenkunde an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Mit Ende des Jahres 1985 trat er als Direktor des Münzkabinetts in den Ruhestand, aber natürlich endete damit nicht seine wissenschaftliche Tätigkeit und im darauffolgenden Jahr wurde ihm der Berufstitel „ordentlicher Universitätsprofessor“ verliehen. Seine hervorragenden Leistungen im Bereich der Numismatik wurden durch zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen gewürdigt, so war er etwa Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und unter anderem Träger des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. Über Jahrzehnte engagierte er sich in verschiedenen Funktionen im Vorstand der Österreichischen Numismatischen Gesellschaft, der er von 1985 bis zu seinem Tode als Präsident vorstand. Auch der Jury des Finanzministeriums, die mit der Auswahl der Entwürfe für in Österreich herausgegebene Gedenkmünzen betraut war, gehörte er an.

Gedenkmedaille, die Dr. Koch anlässlich seines Übertritts in den Ruhestand gewidmet wurdeGedenkmedaille, die Dr. Koch anlässlich seines Übertritts in den Ruhestand gewidmet wurde

Zu besonderen Anlässen, wie beispielsweise den Feierlichkeiten zu 100 Jahre Stadterhebung (1974) oder dem 100 Jahr-Jubiläum der Sparkasse Mistelbach verfasste er wirtschafts- bzw. geldgeschichtliche Beiträge über seine Geburtsstadt, die in Festpublikationen bzw. der heimatkundlichen Schriftenreihe „Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart“ veröffentlicht wurden. Weiters stammt der im Jahr 1976 zu Mistelbach veröffentlichte Beitrag in der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Buchreihe „Österreichisches Städtebuch“ von Dr. Koch.

Aus der 1963 mit der AHS-Professorin Dr. Edith Schlemmer geschlossenen Ehe entstammt ein Sohn und gemeinsam mit seiner Familie wohnte Dr. Koch in einer Wohnung im 4. Wiener Gemeindebezirk. Nach seinem unerwarteten Ableben im Mai 1994 wurde er im Familiengrab auf dem Mistelbacher Friedhof beerdigt. 2001 beschloss der Gemeinderat der Stadt Mistelbach eine Straße nach Dr. Koch zu benennen, und somit wurde just zu jener Zeit als die informelle Bezeichnung „Kochgassl“ immer mehr in Vergessenheit geriet, zufällig eine „offizielle“ Koch-Gasse, die Dr. Bernhard Koch-Gasse, geschaffen.

Wo befindet sich die Dr. Bernhard Koch-Gasse?

 

Bildnachweise:
-) gezeichnetes Portrait: Numismatische Zeitung, Jg. 103, 1995, S. 7-8
-) Foto Pfadfinder Mistelbach: Göstl-Archiv

Quellen:
-) Prof. Hans Spreitzer: Das Kochgassl in Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Heimatkundliche Beilage der Stadtgemeinde Mistelbach, Band I (1962-1969), S. 281f
-) Mitteilungsblatt der Museen Österreichs. Ergänzungsheft 8, 1965, S. 106 ff.
-) Mitteilungen der Österreichischen Numismatischen Gesellschaft, Bd. XXX – Nr. 3, 1990, S. 41
-) Mitteilungen der Österreichischen Numismatischen Gesellschaft, Bd. XXXIV – Nr. 3, 1994, S. 45f
-) Jungwirth, Helmut: Nachruf Hofrat i.R. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch in: Unsere Heimat – Zeitschrift für Landeskunde von Niederösterreich, Jahrgang 65/1994, S. 287ff (Online in den Beständen der Landesbibliothek)
-) Numismatische Zeitung, Jg. 103, 1995, S. 7-8
-) Wien Geschichte Wiki: Dr. Bernhard Koch
-) Bibliographie von Univ.-Prof. Dr. Bernhard Koch auf der Webseite des Instituts für Numismatik und Geldgeschichte der Universität Wien

 

 

Trestler, Johann

Von Thomas Kruspel 17. Januar 2017 Aus

Meisterringer Hans Trestler

* 27.10.1887, Martinsdorf (bei Gaweinstal)
† 30.8.1926, Wien

Johann Trestler wurde als Sohn des aus Mistelbach stammenden Kleinhäuslers Anton Trestler, und dessen Gattin Johanna, geb. Mittermaier, in Martinsdorf geboren.166 Dort, im Heimatort seiner Mutter, verbrachte er gemeinsam mit seiner Familie die ersten Lebensjahre, bis diese spätestens 1897167, also in seinem zehnten Lebensjahr, nach Mistelbach übersiedelte. Dies wird auch durch einen Nachruf im Mistelbacher Bote bestätigt, im dem erwähnt wird, dass er den Großteil seiner Jugend hier verbrachte und laut überlieferten Erzählungen seines Freundes und Ringerkollegen, Franz Doberl, soll Trestler bereits in jungen Jahren über eine unbändige Kraft verfügt haben.168 Somit dürfte er auch seine Installateur-Lehre hier absolviert haben und gemäß dem damals gültigen Heimatrecht besaß er jedenfalls auch noch 1915 das Heimatrecht der Stadt und war „nach Mistelbach zuständig“.169 Nach dem Lehrabschluss führte ihn sein Weg zunächst nach Deutschland, wo er erstmals mit dem Ringsport in Berührung kam.

Danach zog er in die Reichshauptstadt Wien, wo er seinen erlernten Beruf ausübte, und ab 1910 im Amateurringsport (griechisch-römischer Stil) zunächst beim Wiener Ringsportklub aktiv war. Nach der Auflösung dieses Vereins gehörte er dem A. S. C. Cyganiewicz bzw. später dem Wiener Sportklub an und war zu dieser Zeit auch bereits als Amateurtrainer tätig. In den folgenden Jahren gewann er unter anderem die Mittelgewichts-Meisterschaften von Wien, Niederösterreich, der Steiermark170, jene der österreichischen Athletik-Union und auch die österreichische Staatsmeisterschaft. 1912 vertrat er Österreich (=die österreichische Reichshälfte der Monarchie) im Ringwettkampf (Halbschwergewicht) bei den Olympischen Spielen in Stockholm, wo er allerdings aufgrund einer Handverletzung bereits in der 2. Runde ausschied. Weiters belegte er 1912 den 1. Platz bei der „inoffiziellen“ Europameisterschaft in Wien (es gab in diesem Jahr insgesamt vier Bewerbe allein im deutschsprachigen Raum, die den Titel Ringer-Europameisterschaft für sich beanspruchten) und den 2. Platz bei der Weltmeisterschaft 1913 in Breslau. Bereits 1912 nahm er auch erfolgreich an sogenannten Körper- und Muskelschönheitskonkurrenzen, dem Vorläufer des heutigen Bodybuildings, teil. Zu jener Zeit wohnte er im 20. Wiener Gemeindebezirk, wo er 1912 in der Pfarre Zwischenbrücken mit der Hilfsarbeiterin Josefine Schneider den Bund der Ehe schloss.171

Trestler im Jahre 1912 als Teilnehmer bei einer "Körper- und Muskelschönheitskonkurrenz" in WienTrestler im Jahre 1912 als Teilnehmer bei einer „Körper- und Muskelschönheitskonkurrenz“ in Wien

Wenige Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Juli 1914 feierte er als Sieger beim Länder-Ringkampfmatch Bayern gegen Österreich seinen letzten großen Erfolg als Amateursportler172, bevor er bald nach Kriegsbeginn zu einer Maschinengewehrabteilung des k.u.k. Infanterieregiments „Hoch- und Deutschmeister“ Nr. 4  einberufen wurde. Bereits wenige Wochen später im September kursierten Zeitungsmeldungen, die von einer zweifachen Schussverletzung Trestlers und einem Lazarettaufenthalt in Agram (heute: Zagreb) berichteten.173Tatsächlich war er jedoch durch einen Schrapnellsplitter gestreift und lediglich leicht verletzt worden und konnte deshalb schon nach kurzer Zeit an die serbische Front zurückkehren.174 Im November 1914 wurde er schließlich einen Schuss in den linken Unterarm verwundet und es folgte ein Genesungsaufenthalt im in der Wiener Stiftskaserne eingerichteten Reservespital.175 Erst im Mai 1916 kehrte er wieder zu seiner Einheit zurück, die sich mittlerweile an der russischen Front befand.176 Zu Unterhaltungszwecken und zur Ablenkung vom Frontalltag organisierte er während dieser Zeit auch gelegentlich Ringkämpfe zwischen Ringern aus den Infanterieregimentern Nr. 4 und Nr. 84.

Aufgrund der tristen und nahezu aussichtslosen wirtschaftlichen Situation nach dem verlorenen Weltkrieg, entschied er sich vorerst weiter in der Armee zu bleiben und diente in der „Volkswehr“ genannten Armee der jungen Republik. Für viele und wohl auch für ihn handelte es sich dabei um eine Übergangslösung, die ein sicheres Einkommen bescherte. Mindestens bis zum Sommer 1919 dürfte Trestler dem Wiener Volkswehrbatallion XX angehört haben, dies ist durch seine Teilnahme an einem Volkswehr-internen Leichtathletikwettbewerb belegt. Doch bereits während dieser Zeit hatte er die Entscheidung getroffen seine sportliche Leidenschaft nunmehr als Professionalist auszuüben und künftig seinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten.177 Er debütierte als Profi im Februar 1919 bei einem Turnier in Wien-Favoriten, und schloss sich zunächst der Ringertruppe um Josef Steinbach an, die zahlreiche Turniere in Wien veranstaltete und mit der er in den folgenden Jahren ausgedehnte Tourneen durch Österreich, Tschechien, die Slowakei und Italien absolvierte. Neben vielen anderen nationalen und internationalen Erfolgen gewann er 1920 auch den großen Preis von Palermo und im Jahr darauf führte ihn eine erfolgreiche Tournee nach Nordafrika.178

Hans Trestler posiert für ein Foto, das 1919 in der illustrierten Zeitschrift "Das interessante Blatt" veröffentlicht wurdeHans Trestler posiert für ein Foto, das 1919 in der illustrierten Zeitschrift „Das interessante Blatt“ veröffentlicht wurde

Weitere Tourneen durch Deutschland und nach Kleinasien folgten und gemeinsam mit dem österreichischen Weltmeister Hans Kawan, nahm er 1924 auch an Bewerben in den südamerikanischen Metropolen Rio de Janeiro und Montevideo teil.179 1924 fanden in Mistelbach Ringkämpfe zwischen dem Lokalmatador Trestler und teils hochkarätigen Gegnern im Saal des Hotel Rathaus bzw. im dazugehörigen „Rathausgarten“ (heutiger Stadtpark) statt, die Massen an begeisterten Zuschauern anlockten.180

Während eines Turniers im August 1926 in Frankfurt am Main zog sich Trestler eine zunächst unscheinbare, kleine Verletzung am Knie zu, die sich jedoch zu einer Infektion auswuchs und die Ärzte in Deutschland sahen sich gezwungen das Bein zu amputieren. Er lehnte diese Maßnahme, die das Ende seiner Sportlaufbahn bedeutet hätte, jedoch ab und trat die Rückreise nach Wien an, um sich dort weiterbehandeln zu lassen. Als er in Wien ankam, war es dafür leider bereits zu spät und so verstarb Johann Trestler wenige Tage später im 39. Lebensjahr im Spital der Barmherzigen Brüder in Wien an den Folgen einer aus der Infektion resultierenden Blutvergiftung. Er wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof zur letzten Ruhe gebettet und in Nachrufen wurde Trestler als wahrer Sportsmann und einer der technisch versiertesten Ringer Österreichs gerühmt, dem trotz seines Könnens bedauerlicherweise keine finanziellen Erfolge beschieden waren. Der plötzliche Tod des Familienvaters und Ernährers bedeutete für seine Witwe und den gemeinsamen Sohn Johann Ferdinand (1915-1945 (vermisst)) eine finanzielle Katastrophe, und knapp zweieinhalb Jahre später wurde Johann jun. im Alter von 13 Jahren durch den Tod seiner Mutter zum Vollwaisen181. In weiterer Folge kümmerten sich Johanna (eine Tante väterlicherseits) und Franz Ganselmayer, die in Mistelbach das Gasthaus „Zum schwarzen Adler“ (heute: Hypobank) als Pächter führten, um ihren verwaisten Neffen. In diesem Gasthaus hatte der 1931 gegründete182, und im Andenken an den Meisterringer Hans Trestler benannte Athletenklub „Trestler“, bis zu seiner Auflösung im Jahre 1933183 seinen Vereinssitz.

Neben dem Ringsport, erstreckte sich die kurzlebige Vereinstätigkeit außerdem auf das Gewichtheben und die Kampfsportart Jiu-Jitsu184, und der A.C. Trestler trat mehrfach als Veranstalter von „Propagandaringkämpfen“ – also Schaukämpfe zwecks Werbung für den Ringsport – in Mistelbach und Umgebung in Erscheinung185. Auch der zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Hans Trestler jun. war in der Ringersektion des Vereins aktiv und zeigte vielversprechendes Talent.186

Doch das Andenken an Trestler wurde in Mistelbach bereits vor Gründung des „Athletenklub Trestler“ hochgehalten, und zwar als am 7. Dezember 1928 im Saal des Gasthofes Frohner ein „Weltmeister Hans Trestler-Gedenkringen“ abgehalten wurde, dessen Sieger mit der „goldenen Trestler-Medaille“ ausgezeichnet wurde. Auch bei diesem Wettbewerb handelte es sich um eine Benefizveranstaltung zugunsten Trestlers Familie.187

Bildnachweis:
-) Doberl, Franz: Ein Leben auf der Ringermatte (1948), S. 45
-) Illustriertes (Österreichisches) Sportblatt, 6. April 1912, S. 15 (ONB-ANNO)
-) Das interessante Blatt, 10. April 1919, S. 3 (ONB-ANNO)

Quellen:

-) (Wiener) Sporttagblatt, 1. September 1926, S. 4 (ONB-ANNO)
-) Mistelbacher Bote, Nr. 37/1926, S. 2

Riedel, Ing. Hugo

Von Thomas Kruspel 2. Januar 2017 Aus

Landesbaudirektor Hofrat Ing. Hugo Riedel

* 12.2.1842, Römerstadt (Mähren)
† 24.11.1930, Wien

Hugo Riedel wurde als Sohn des Florian Riedel, Steuereinnehmer in Mährisch Schönberg, und dessen Gattin Karoline, geb. Rösner in Römerstadt in Mähren geboren. Sein Familienname findet sich sowohl in der Schreibweise Riedl, als auch Riedel, mehrheitlich jedoch in der zweiten Variante, die die richtige zu sein scheint. Er absolvierte die Oberrealschule in Olmütz und studierte anschließend von 1859 bis 1864 an der technischen Abteilung des k. k. polytechnischen Institutes in Wien, dem Vorläufer der heutigen Technischen Universität Wien.188 Gemeinsam mit anderen ehemaligen Olmützer Realschülern gründete er 1860, die heute noch bestehende Wiener akademische Burschenschaft „Libertas“. 189

Der junge Student Hugo Riedel (rotes X) im Kreise der Mitglieder seiner Burschenschaft im Sommersemester 1861

Seine erste Anstellung nach Abschluss des Studiums dürfte er beim technischen Dienst des Landes Österreichisch-Schlesien gefunden haben, zumindest ist diese ab dem Jahr 1866 belegt.190 Ab 1. August 1868 war Riedel dann als städtischer Ingenieur in Salzburg tätig, wo er bis zum Leiter des „Bau- und Zimentirungsamtes“ (sic!) aufstieg.191 Im März 1869 heiratete er die Baumeisterstochter Ernestine Zastera in Mährisch Troppau, und dieser Ehe entstammten zumindest zwei, während seiner Mistelbacher Zeit geborene, Kinder.192 Mit 1. Dezember des Jahres 1870 wechselte Ing. Riedel zum mährischen Landesbauamt nach Brünn, wo er fortan für bauliche Angelegenheit im Bezirk Znaim zuständig war. Im August 1872 trat er schließlich in den Dienst des niederösterreichischen „Landesausschusses“ (Vorläufer der heutigen Landesregierung) über und Riedel war als Landesingenieur mit Dienstort in Mistelbach für die Bereiche Straßenbau, Wasserbau sowie öffentliche Gebäude für das gesamte Weinviertel zuständig. Sein tatsächlicher Dienstbeginn in Mistelbach verzögerte sich augenscheinlich jedoch bis in den Herbst des Jahres 1872, da er seine Tätigkeit als  Leiter der 2. Sektion der mährischen Thaya-Regulierungskommission vorerst fortsetzten durfte, um einen geordneten Übergang zu ermöglichen.193 Das Straßennetz war insbesondere im Bezirk Mistelbach damals völlig unterentwickelt und demgemäß fand Riedel in diesem Bereich ein reiches Betätigungsfeld vor. Unter seiner Federführung kam es zum Ausbau des Straßennetzes und in vorbildlicher Weise sorgte in der Folge für den Erhalt der neu geschaffenen Straßen. Auch frühe Regulierungen von Thaya und Zaya sowie Taschelbach, Mistel und Poybach wurde während seiner Wirkenszeit durchgeführt bzw. vorbereitet. Ab Mitte der 1870er Jahre wurden in fast allen Gemeinden des Bezirks neue, zweckmäßige Schulgebäude errichtet und zu den bleibenden Leistungen seiner 18 Jahre währenden Zuständigkeit für die Region zählt zweifellos, dass fast alle dieser Bauten von Riedel entworfen wurden. Daneben beaufsichtigte er auch die Ausführung dieser Bauten und stand als Urheber der Pläne und ausgewiesener Experte den Baufirmen mit Rat und Hilfe zur Seite. 194

Als zu Beginn des Jahres 1886 das niederösterreichische Landes-Bauamt per Landtagsbeschluss geschaffen wurde, bedeutete dies natürlich eine Änderung der Aufgabenbereiche und bisherigen Strukturen. Die baulichen Angelegenheiten betreffend das Weinviertel waren nunmehr in der „Landes-Bauamts-Abtheilung Wien III“ organisiert und zu deren Leiter ernannte man den Ingenieur dritter Classe Hugo Riedel. Sein fachlicher bzw. örtlicher Zuständigkeitsbereich änderte sich also nicht, wohl aber sein Dienstort und daher verlegte die Familie Riedel Anfang 1886 ihren Wohnsitz von Mistelbach nach Wien.195 Ab 1887 scheint Riedel in Lehmanns Wohnungs-Anzeiger mit einer Adresse in Wien-Währing auf.196 Während seiner achtzehnjährigen Tätigkeit im Weinviertel – 14 Jahre davon arbeitete und lebte er in Mistelbach – erwarb er sich als technischer Fachberater der Stadt große Verdienste, engagierte sich unter anderem als Obmannstellvertreter im Stadt-Verschönerungsverein197 und gehörte nach der Gemeindevertretungswahl im Juli 1885 bis zu seinem bereits ein halbes Jahr später folgenden Abschied dem Gemeindeausschuss (=Gemeinderat) als Mitglied an198. Während seiner Mistelbacher Zeit lebte Riedel zusammen mit seiner Familie im Haus Bahnstraße Nr. 31.

Ende des Jahres 1889 wurde Riedel zum Vorstand der Fachabteilung für Straßenbauangelegenheiten im niederösterreichischen Landesbauamt berufen199 und von Februar 1907200 bis zu seinem Übertritt in den Ruhestand im November 1908201, folgte schließlich der Höhepunkt seiner beruflichen Laufbahn – die Tätigkeit als Landes-Baudirektor. In einem Nachruf, der wortgleich in verschiedenen Zeitungen erschien, wird erwähnt, dass er sich im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit besonders durch große Straßenbauten in Niederösterreich und Salzburg „einen Namen gemacht hatte“.202

Bereits am 26. April 1885 war Ing. Riedel zum Ehrenbürger Mistelbachs ernannt worden203, und trotz des Abschieds von Mistelbach im darauffolgenden Jahr, blieb er der Stadt stets verbunden und darüber hinaus noch viele Jahre als kompetenter Berater und einflussreicher Unterstützer in (bau-)technischen Angelegenheiten erhalten. Am 24. August 1902 beschloss der Mistelbacher Gemeinderat auch eine neu angelegte Straße nach ihrem Ehrenbürger Ing. Riedel zu benennen.204 Obwohl die richtige Schreibweise seines Namens Riedel lautete (so ist er auch auf seinem Grabstein zu lesen) heißt die nach ihm benannte Straße heute „Hugo Riedl-Straße“. Die beiden Bilder unterhalb zeigen, dass dies nicht immer so war, denn auf dem älteren, weißen Straßenschild heißt diese noch „Hugo Riedel-Straße“. Wann und wieso Herr Riedel in diesem Zusammenhang seines „e“ verlustigt ging, ist unklar.

Älteste Form der Straßenschilder, wie sie 1898 nach Wiener Vorbild in Mistelbach eingeführt wurden (Schrift und Umrandung waren ursprünglich jedoch rot)Älteste Form der Straßenschilder, wie sie 1898 nach Wiener Vorbild in Mistelbach eingeführt wurden (Schrift und Umrandung waren ursprünglich jedoch rot)

Die blauen Email-Straßen- und Hausschilder dürften vermutlich in der Zwischenkriegszeit eingeführt worden sein.Die blauen Email-Straßen- und Hausschilder dürften vermutlich in der Zwischenkriegszeit eingeführt worden sein.

Ing. Riedel, der auch Ehrenbürger der Gemeinde Traismauer war, verstarb im hohen Alter von 88 Jahren, 1930 in seiner Villa im Währinger Teil des Cottageviertels und wurde auf dem Döblinger Friedhof beerdigt.

Wo befindet sich die Hugo Riedl-Straße?

 

Quellen:

-) Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Heimatkundliche Beilage der Stadtgemeinde Mistelbach, Band I, S. 81f

Bilder:
-) Museumsarchiv Stadt Mistelbach
-) Peters, Dr. Hermann: Libertas – Die Geschichte einer Wiener Burschenschaft (1937)

Katschthaler, Karl

Von Thomas Kruspel 10. Dezember 2016 Aus

k.k. Weinbauinspektor Karl Katschthaler

* 12.7.1853, Innsbruck
† 24.2.1919, Mistelbach

Karl Katschthaler wurde 1853 als Sohn des Philipp Jakob Katschthaler, eines Kapellmeisters und Musiklehrers, und dessen Gattin Elisabeth, geb. Lutz, in der Tiroler Landeshauptstadt geboren.205 Dr. Johann Baptist Katschthaler, der von 1900 bis zu seinem Tode 1914 amtierende Fürsterzbischof von Salzburg und ab 1903 Kardinal, war sein Onkel, und später Taufpate seines Sohnes Rudolf206. In einem Nachruf wird der Besuch eines Unterrealgymnasiums erwähnt bzw. ist belegt, dass er im Schuljahr 1867/68 im Alter von bereits 14 Jahren die erste Klasse des fürsterzbischöflichen Collegiums Borromaeum, einer katholischen Privatschule, in Salzburg besuchte207. Der Besuch dieser Schule, die hauptsächlich der Heranbildung von Priesternachwuchs diente, und an der zu jener Zeit auch sein Onkel leitend tätig war, war nicht von großem Erfolg gekrönt – er beendete das Schuljahr als Klassenletzter und setzte seine Ausbildung in seiner Heimatstadt fort. Hier besuchte Katschthaler die Lehrerbildungsanstalt Innsbruck, die er 1872 mit der Reifeprüfung abschloss, und im Oktober desselben Jahres legte er die Lehrbefähigungsprüfung für Volksschulen ab.208 Danach war er kurzzeitig als Volksschullehrer in Brixen (Südtirol) und später in Reidling (NÖ) tätig209, bevor er mit Anfang des Jahres 1875 an die Mistelbacher Schule wechselte210.

1879 heiratete er in der Wiener Michaelerkirche die Müllermeisterstochter Adelheid Binder aus Lanzendorf und dieser Ehe entstammten vier Kinder.211 Neben dem Lehrberuf begeisterte sich Katschthaler sehr für die Landwirtschaft und insbesondere den Obst- und Weinbau und da er als gebürtiger Innsbrucker aus einer Gegend ohne Weinbau stammte, erwarb er sich autodidaktisch Wissen auf diesem Gebiet und wurde im Nebenberuf Weinhauer. Ab 1884 war er langjähriger Sekretär und Geschäftsführer des landwirtschaftlichen Bezirksvereins und wirkte in dieser Funktion auch als Gründer zahlreicher Raiffeisen-Kassenvereine und landwirtschaftlicher Kasinos in allen Teilen des Bezirks. Die aus Amerika eingeschleppte Reblaus bedeutete Anfang der 1890er Jahre eine Zäsur im europäischen Weinbau und bereits einige Jahre bevor diese Plage das Weinviertel erreichte, erkannte Katschthaler die große Gefahr und befasste sich intensiv mit der verheerenden Wirkung dieses Schädlings in anderen Ländern und der Abwendung der sich abzeichnenden Katastrophe. Er organisierte Studienreisen in andere Weinbauregionen der Monarchie212und erkannte, dass nur neue Rebsorten vor dem Befall durch die Reblaus geschützt waren. Es sah ein, dass die Umstellung des Weinbaus ein jahrelanger Prozess werden würde und um diesen in Gang zu setzen, legte er in Mistelbach einen Schnitt- und Versuchsweingarten für amerikanische Reben an, der bis 1907 bestand. Mit zahlreichen Vorträgen, Kursen und Publikationen versuchte Katschthaler die Weinbauern auf die Reblausplage vorzubereiten und sie auch im Kampf gegen die zu jener Zeit auftretenden Pflanzenkrankheiten wie beispielsweise Peronospora (falscher Mehltau) zu unterstützen. Beispielsweise unterwies er die Weinbauern im Spritzen der Reben mit Kupfervitriol gegen Peronospora oder dem Injizieren von Schwefelkohlenstoff gegen die Reblaus. Im Jahre 1895 als die Reblaus ihre furchtbare Wirkung im Weinviertel entfaltete und große Rebflächen und zahlreiche bäuerliche Existenzen vernichtete, wurde er vom Schuldienst beurlaubt und mit der technischen Leitung der staatlichen Reblausbekämpfung im politischen Bezirk Mistelbach betraut. In dieser schweren Zeit erwarb er sich große Verdienste um den hiesigen Weinbau, wofür er später unter anderem mit dem goldenen Verdienstkreuz ausgezeichnet wurde und zum Ehrenbürger folgender Weinbauorte unserer Region ernannt wurde: Wetzelsdorf, Seefeld, Zellerndorf, Groß-Meiseldorf, Herrnbaumgarten und Falkenstein.
Die von ihm geleistete Aufklärungs- und Fortbildungsarbeit zeigte die Notwendigkeit der Verbesserung der Ausbildung der Landwirte auf und Katschthaler war 1898 maßgeblich an der Errichtung der Winzerschule in Mistelbach beteiligt.

karl-katschthaler-2 Nach dem Tod seiner ersten Gattin Adelheid heiratete er 1901, die aus Stockerau stammende Caecilia Thomas.213 Aufgrund seiner Dienstbeflissenheit wurde er 1902 zum Weinbauinspektor II. Klasse ernannt und sein Zuständigkeitsbereich erweiterte sich um die politischen Bezirke Gänserndorf, Hollabrunn, Korneuburg und Floridsdorf – und umfasste somit das gesamte Weinviertel (damals Viertel unter dem Manhartsberg genannt).

In dem überantworteten Wirkungsbereich organisierte Katschthaler unzählige Vorträge, Lehrgänge und Exkursionen, verfasste Leitfäden, Behelfe und Beiträge in diversen Fachzeitungen und wurde 1913 zum Weinbauinspektor I. Klasse befördert. Sein Bemühen galt auch den „Brünnerstraßler“ besser zu vermarkten und zu diesem Zweck organisierte er insgesamt zehn Weinausstellungen, die letzte im Jahre 1918. Das musikalische Talent seines Vaters war auch bei ihm ausgeprägt, und es ist ein von ihm komponierter Ausstellungsmarsch in den Beständen des Museumsarchivs erhalten geblieben.214 Auch in der Kommunalpolitik engagierte er sich und gehörte von 1888 bis 1891 dem Mistelbacher Gemeinderat an. Weiters war er langjähriger Zentralausschussrat der Landwirtschaftsgesellschaft Wien, Direktor der Mistelbacher Vorschusskasse und Obmann des Verschönerungsvereins der Stadt Mistelbach215. Die Familie Katschthaler führte auch einen Heurigenbetrieb im Hof ihres Hauses in der Liechtensteinstraße 7, der unter seinem Sohn Rudolf, im Hauptberuf Verwalter der Landesiechenanstalt, zu den beliebtesten Treffpunkten in den frühen 1920er Jahren gehörte.

heurigen-katschthalerHeurigen Katschthaler im Hof des Hauses Liechtensteinstraße 7

1919 erlag Karl Katschthaler schließlich einem Herzleiden, an dem er bereits längere Zeit litt und wurde auf dem Mistelbacher Friedhof beigesetzt.216

Traueranzeige aus dem Mistelbacher Bote

Im Jahr 2004 beschloss der Gemeinderat der Stadt Mistelbach der Zufahrtsstraße zur Bezirksbauernkammer und HTL Mistelbach den Namen Karl Katschthaler-Straße zu geben.


Wo befindet sich die Karl Katschthaler-Straße?


Quellen (& Anmerkungen):

-) Stubenvoll, Franz: Siebenhirten bei Mistelbach – Geschichte des Ortes, seiner Herrschaften und seiner Pfarre (1986), Band I, S. 366f
-) Allgemeine Wein-Zeitung, Nr. 10/1919, S. 75
-) Allgemeine Wein-Zeitung, Nr. 13/1919, S. 99 (Anm.: Die Übersiedlung nach Mistelbach erfolgte um viele Jahre früher, wie anderen oben angeführten Quellen (Angabe in „Die Doppel-Volks- und Bürgerschule“ & Trauungsbucheintrag Pfarre St. Michael) eindeutig belegen.)
-) Wiener Landwirtschaftliche Zeitung, Nr. 21/1919, S. 171 (ONB: ANNO)
-) Eminger, Erwin: Weinbauinspektor Karl Katschthaler in Heimat im Weinland – Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach (1980), S. 216f (Anm.: Eminger bezieht sich auf falsche Angaben zum Zeitpunkt seiner Übersiedlung nach Mistelbach, die sich im Nachruf der Allgemeinen Wein-Zeitung finden)
-) Publikationen von Karl Katschthaler in den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek (ONB)

Bildnachweis:
-) Steiner, Oskar: Mistelbach in alten Ansichten (1983)
-) Wiener Landwirtschaftliche Zeitung, Nr. 27/1919, S. 218 (ONB: ANNO)

Ergebnisse der Bundespräsidentenwahlen in Mistelbach

Von Thomas Kruspel 18. November 2016 Aus

Update: der nachfolgende Beitrag wurde im Oktober 2023 aktualisiert

Seit 1951 wird der österreichische Bundespräsident durch das Volk gewählt und nachfolgend werden die Ergebnisse der Bundespräsidentenwahlen in der Großgemeinde Mistelbach dargestellt. Zu beachten ist, dass mit Beginn des Jahres 1967 zunächst Lanzendorf und Ebendorf eingemeindet wurden, und 1972 entstand schließlich die Großgemeinde Mistelbach in ihrer heutigen Form, als die Gemeinden Hüttendorf, Eibesthal, Paasdorf, Siebenhirten, Hörersdorf, Frättingsdorf und Kettlasbrunn mit Mistelbach vereint wurden.

Betreffend einzelner teilweise leicht über hundert Prozent liegender Wahlbeteiligungen, wurde auf Nachfrage bei der zuständigen Abteilung im Bundesministerium für Inneres mitgeteilt, dass dies durch Stimmabgabe mittels Wahlkarten begründet sei. Bezüglich der Wahlbeteiligung ist es auch wichtig zu erwähnen, dass bis 1982 eine allgemeine Wahlpflicht bei der Bundespräsidentenwahl herrschte. Obwohl sich Präsidenten, die sich einer Wiederwahl stellten, oftmals als unabhängig deklarierten, wurden diese in den nachfolgenden Tabellen dennoch jener Partei zugeordnet, die sie bei Ihrer ersten Wahl unterstützte, um diese deutlich von den tatsächlich unabhängigen Kandidaten abzugrenzen.

Bundespräsidentenwahl 1951

1. Wahlgang (6. Mai 1951)

Ort Wahl-ber. Abgeg. Stimmen Wahl-beteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Heinrich Gleißner (ÖVP) Dr.h.c. Theodor Körner (SPÖ) Dr. Burghard Breitner (VdU) Gottlieb Fiala (KPÖ) Dr. Johannes Ude (unabhängig) Ludovica Hainisch (unabhängig)
Ebendorf 258 257 99,6% 4 253 116 45,8% 114 45,1% 6 2,4% 17 6,7% 0 0,0% 0 0,0%
Eibesthal 551 532 96,6% 5 527 460 87,3% 48 9,1% 19 3,6% 0 0,0% 0 0,0% 0 0,0%
Frättingsdorf 308 297 96,4% 0 297 151 50,8% 130 43,8% 14 4,7% 2 0,7% 0 0,0% 0 0,0%
Hörersdorf 318 315 99,1% 6 309 233 75,4% 67 21,7% 6 1,9% 3 1,0% 0 0,0% 0 0,0%
Hüttendorf 370 355 95,9% 0 355 212 59,7% 121 34,1% 14 3,9% 8 2,3% 0 0,0% 0 0,0%
Kettlasbrunn 494 483 97,8% 2 481 329 68,4% 117 24,3% 18 3,7% 16 3,3% 1 0,2% 0 0,0%
Lanzendorf 342 335 98,0% 10 325 137 42,2% 158 48,6% 9 2,8% 21 6,5% 0 0,0% 0 0,0%
Mistelbach 3626 3602 99,3% 56 3546 1621 45,7% 1374 38,7% 340 9,6% 210 5,9% 1 0,0% 0 0,0%
Paasdorf 582 555 95,4% 11 544 300 55,1% 175 32,2% 24 4,4% 45 8,3% 0 0,0% 0 0,0%
Siebenhirten 311 290 93,% 4 286 234 81,8% 43 15,0% 2 0,7% 7 2,4% 0,0% 0 0,0%
Gesamt 7160 7021 98,1% 98 6923 3793 54,8% 2347 33,9% 452 6,5% 329 4,8% 2 0,0% 0 0,0%

 

2. Wahlgang (27. Mai 1951)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Heinrich Gleißner (ÖVP) Dr. h.c. Theodor Körner (SPÖ)
Ebendorf 258 254 98,4% 0 254 120 47,2% 134 52,8%
Eibesthal 551 537 97,5% 6 531 468 88,1% 63 11,9%
Frättingsdorf 308 306 99,4% 8 298 155 52,0% 143 48,0%
Hörersdorf 318 320 100,6% 7 313 233 74,4% 80 25,6%
Hüttendorf 370 360 97,3% 5 355 222 62,5% 133 37,5%
Kettlasbrunn 494 483 97,8% 4 479 328 68,5% 151 31,5%
Lanzendorf 342 334 97,7% 8 326 149 45,7% 177 54,3%
Mistelbach 3626 3639 100,4% 85 3554 1789 50,3% 1765 49,7%
Paasdorf 582 569 97,8% 11 558 311 55,7% 247 44,3%
Siebenhirten 311 299 96,1% 4 295 237 80,3% 58 19,7%
Gesamt 7160 7101 99,2% 138 6963 4012 57,6% 2992 42,4%

 

Bundespräsidentenwahl 1957

(5. Mai 1957)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Wolfgang Denk (ÖVP) Dr. Adolf Schärf (SPÖ)
Ebendorf 246 244 99,2% 1 243 120 49,4% 123 50,62%
Eibesthal 509 498 97,8% 3 495 436 88,1% 59 11,92%
Frättingsdorf 294 290 98,6% 2 288 134 46,5% 154 53,47%
Hörersdorf 341 324 95,0% 3 321 221 68,8% 100 31,15%
Hüttendorf 361 364 100,8% 2 362 201 55,5% 161 44,48%
Kettlasbrunn 465 456 98,1% 0 456 302 66,2% 154 33,77%
Lanzendorf 326 321 98,5% 8 313 152 48,6% 161 51,44%
Mistelbach 3660 3779 103,3% 48 3731 1929 51,7% 1802 48,30%
Paasdorf 556 531 95,5% 5 526 292 55,5% 234 44,49%
Siebenhirten 305 297 97,4% 5 292 248 84,9% 44 15,07%
Gesamt 7063 7104 98,1% 77 7027 4035 57,4% 2992 33,9%

 

Bundespräsidentenwahl 1963

(28. April 1963)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dipl-Ing. Julius Raab (ÖVP) Dr. Adolf Schärf (SPÖ) Dr. Josef Kimmel (EFP)
Ebendorf 232 223 96,1% 11 212 103 48,6% 105 49,5% 4 1,9%
Eibesthal 498 486 97,6% 2 484 391 80,8% 84 17,4% 9 1,9%
Frättingsdorf 268 264 98,5% 6 248 146 58,9% 102 41,1% 0 0,0%
Hörersdorf 319 299 93,7% 6 293 199 67,9% 87 29,7% 7 2,4%
Hüttendorf 345 342 99,1% 11 331 173 52,3% 154 46,5% 4 1,2%
Kettlasbrunn 434 423 97,5% 5 418 236 56,5% 176 42,1% 5 1,4%
Lanzendorf 343 328 95,6% 8 320 143 44,7% 163 50,9% 14 4,4%
Mistelbach 3871 3845 99,3% 110 3735 1736 46,5% 1880 50,3% 119 3,2%
Paasdorf 496 472 95,2% 10 462 201 43,5% 251 54,3% 10 2,2%
Siebenhirten 280 272 97,1% 2 270 226 83,7% 44 16,3% 0 0,0%
Gesamt 7086 6954 98,1% 171 6773 3554 52,5% 2992 45,0% 173 2,6%

 

Bundespräsidentenwahl 1965

(23. Mai 1965)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Alfons Gorbach (ÖVP) Franz Jonas (SPÖ)
Ebendorf 232 222 95,7% 5 217 115 53,0% 102 47,0%
Eibesthal 494 487 98,6% 4 483 386 79,9% 97 20,1%
Frättingsdorf 267 247 92,5% 4 243 143 58,8% 100 41,2%
Hörersdorf 308 300 97,4% 6 294 219 74,5% 75 25,5%
Hüttendorf 348 346 99,4% 5 341 210 61,6% 131 38,4%
Kettlasbrunn 421 411 97,6% 6 405 254 62,7% 151 37,3%
Lanzendorf 333 319 95,8% 4 315 158 50,2% 157 49,8%
Mistelbach 3817 3838 100,6% 65 3773 2061 54,6% 1712 45,4%
Paasdorf 480 468 97,5% 5 465 251 54,0% 212 45,6%
Siebenhirten 271 261 96,3% 4 257 208 80,9% 49 19,1%
Gesamt 6971 6899 99,0% 108 6793 4005 59,0% 2786 41,0%

 

Bundespräsidentenwahl 1971

(25. April 1971)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Kurt Waldheim (ÖVP) Franz Jonas (SPÖ)
Eibesthal 489 480 98,2% 4 476 383 80,5% 93 19,5%
Frättingsdorf 231 224 97,0% 2 222 129 58,1% 93 41,9%
Hörersdorf 293 287 98,0% 3 284 193 68,0% 91 32,0%
Hüttendorf 367 362 98,6% 6 356 192 53,9% 164 46,1%
Kettlasbrunn 407 399 98,0% 2 397 218 54,9% 179 45,1%
Mistelbach 4384 4464 101,8% 69 4395 2377 54,1% 2018 45,9%
Paasdorf 467 452 96,8% 6 446 243 54,5% 203 45,5%
Siebenhirten 255 257 100,8% 1 256 190 74,2% 66 25,8%
Gesamt 6893 6925 100,5% 93 6832 3925 57,5% 2907 57,5%

 

Bundespräsidentenwahl 1974

(23. Juni 1974)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Alois Lugger (ÖVP) Dr. Rudolf Kirchschläger  (SPÖ)
Mistelbach 6852 6914 100,9% 114 6800 3855 56,7% 2945 43,3%

 

Bundespräsidentenwahl 1980

(18. Mai 1980)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Rudolf Kirchschläger (SPÖ) Dr. Wilfried Gredler (FPÖ) Dr. Norbert Burger (NDP)
Mistelbach 7174 7102 99,0% 878 6224 4915 79,0% 1123 18,0% 186 3,0%

 

Bundespräsidentenwahl 1986

1. Wahlgang (4. Mai 1986)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Kurt Waldheim (ÖVP) Dr. Kurt Steyrer  (SPÖ) Freda Meissner-Blau (Grüne) Dr. Otto Scrinzi (FPÖ)
Mistelbach 7396 7248 98,0% 160 7088 4075 57,5% 2678 37,8% 295 4,2% 40 0,6%

 

2. Wahlgang (8. Juni 1986)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Kurt Waldheim (ÖVP) Dr. Kurt Steyrer  (SPÖ)
Mistelbach 7396 7063 95,5% 204 6859 4148 60,5% 2711 39,5%

 

Bundespräsidentenwahl 1992

1. Wahlgang (26. April 1992)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Thomas Klestil (ÖVP) Dr. Rudolf Streicher  (SPÖ) Dr. Heide Schmidt (FPÖ) Robert Jungk  (Grüne)
Mistelbach 7909 7167 90,6% 214 6953 3489 50,2% 2494 35,9% 722 10,4% 248 3,6%

 

2. Wahlgang (24. Juni 1992)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Thomas Klestil (ÖVP) Dr. Rudolf Streicher  (SPÖ)
Mistelbach 7909 7035 88,9% 204 6831 4294 62,9% 2537 37,1%

 

Bundespräsidentenwahl 1998

(19. April 1998)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Thomas Klestil (ÖVP) Mag. Gertraud Knoll  (unabhängig) Ing. Richard Lugner  (Die Unabhängigen) Dr. Heide Schmidt  (LIF) Karl Nowak (Die Neutralen)
Mistelbach 8058 6752 83,8% 278 6474 4364 67,4% 861 13,3% 594 9,2% 560 8,6% 95 1,5%

 

Bundespräsidentenwahl 2004

(25. April 2004)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) Dr. Heinz Fischer  (SPÖ)
Mistelbach 8365 6896 82,4% 319 6577 3598 54,7% 2979 45,3%

 

Bundespräsidentenwahl 2010

(25. April 2010)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Heinz Fischer (SPÖ) Barbara Rosenkranz  (FPÖ) Dr. Rudolf Gehring (CPÖ)
Mistelbach 8866 5298 59,8% 582 4716 3642 77,2% 861 17,6% 242 5,1%

 

Bundespräsidentenwahl 2016

1. Wahlgang (24. April 2016)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Ing. Norbert Hofer (FPÖ) Dr. Irmgard Griss  (unabhängig) Dr. Alexander van der Bellen (Grüne) Dr. Andreas Khol  (ÖVP) Rudolf Hundstorfer (SPÖ) Ing. Richard Lugner (unabhängig)
Mistelbach 9125 6214 68,1% 188 6026 2222 36,9% 1115 18,5% 1051 17,4% 802 13,3% 683 11,3% 153 2,5%

2. Wahlgang (22. Mai 2016) – wurde durch verfassungsgerichtliches Erkenntnis aufgehoben

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Ing. Norbert Hofer (FPÖ) Dr. Alexander van der Bellen (Grüne)
Mistelbach 9125 6138 67,3% 297 5841 3246 55,6% 2595 44,4%

Wiederholung des 2. Wahlgang (4. Dezember 2016) – Endergebnis

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Ing. Norbert Hofer (FPÖ) Dr. Alexander van der Bellen (Grüne)
Mistelbach 9181 6483 70,6% 256 6227 3177 51,0% 3050 49,0%

Bundespräsidentenwahl 2022

(9. Oktober 2022)

Ort Wahlber. Abgeg. Stimmen Wahlbeteil. Ungültige Stimmen Gültige Stimmen Dr. Alexander van der Bellen (Grüne) Dr. Walter Rosenkranz (FPÖ) Dr. Tassilo Wallentin (parteilos) Dr. Dominik Wlazny (Bierpartei) Gerald Grosz (parteilos) Dr. Michael Brunner (MFG) Heinrich Staudinger (parteilos)
Mistelbach 9343 5856 62,7% 202 5654 3102 54,9% 994 17,6 544 9,6% 491 8,6% 305 5,39% 137 2,42% 81 1,43%

 

Quelle: Amtliche Verlautbarung der Wahlergebnisse der Bundespräsidentenwahlen auf der Webseite des Bundesministeriums für Inneres

Geschichte der Stadt Mistelbach von Karl Fitzka

Von Thomas Kruspel 9. November 2016 Aus

Unglaublich welchen Weg so manches Buch hinter sich hat, denn wer hätte gedacht, dass sich ein Exemplar der Geschichte der Stadt Mistelbach von Karl Fitzka in der Bibliothek der US-amerikanischen Eliteuniversität Harvard befindet? Das 1901 in Mistelbach erschienene Buch gelangte offenbar auf irgendwelchen Wegen über den Atlantik und 1919 durch den Charles Minot Fund, einem durch einen Harvard Absolventen eingerichteten Fonds zum Zwecke des Bücherankaufs für die Harvard Universitätsbibliothek, in deren Bestände. Das Internetunternehmen Google scannt seit vielen Jahren bereits Bücher, deren Urheberrecht abgelaufen ist, in Bibliotheken weltweit und stellt diese digital auf Google Books online. Obwohl der Autor Karl Fitzka bereits seit mehr als 100 Jahren verstorben ist, ist das Buch aus kaum nachvollziehbaren Gründen in Europa leider nicht online verfügbar, aber in den USA und zufällig stieß der Autor dieses Blogs während eines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten auf dieses digitale Fundstück. Übrigens werden im Internet, als auch im Buchhandel teure (und schlechte) Buchversionen dieses Google Scans zum Verkauf angeboten.

In Übereinstimmung mit den Richtlinien von Google Books soll die digitale Version dieses Buches im Rahmen dieses Blogs allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden.

Karl Fitzka: Geschichte der Stadt Mistelbach
(Download: rechter Mausklick auf den Link und „Ziel speichern unter …“ auswählen oder nach dem Öffnen des Links rechts oben auf das Downloadsymbol klicken)

Wallfahrtsort Mistelbach – die alte romanische Pfarrkirche

Von Thomas Kruspel 21. Oktober 2016 Aus

Die wenigen aus der Zeit vor Ende des 18. Jahrhunderts überlieferten Darstellungen des Kirchenbergs zeigen, dass an dessen höchstem Punkt einst drei Sakralbauten standen. Bei dem Bild rechts handelt es sich um die Kopie einer Darstellung aus der Zeit zwischen 1755 und 1784, deren Original einst im Kolleg hing und das seit den Kriegswirren 1945 als verschollen gilt. Zwischen der heutigen Pfarrkirche und der Katharinenkapelle (=Karner) stand also eine weitere Kirche, deren Grundmauern bei der umfassenden Kirchenrenovierung 1935 und der gleichzeitig stattfindenden Neuanlage eines Gräberfeldes, wiederentdeckt wurden. Die damals angefertigten Pläne über die Lage der Grundmauern gingen leider ebenso wie das oben erwähnte Bild 1945 verloren.

Auf dieser Kopie einer alten, verschollenen Darstellung ist zwischen Pfarrkirchen und Katharinenkapelle (=Karner) klar eine weitere Kirche erkennbarAuf dieser Kopie einer alten, verschollenen Darstellung ist zwischen Pfarrkirchen und Katharinenkapelle (=Karner) klar eine weitere Kirche erkennbar

Prof. Mitscha-Märheim kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem verschwundenen Kirchenbau vermutlich um die alte romanische Pfarrkirche Mistelbachs gehandelt hat, die auch bereits dem hl. Martin geweiht war und deren Patrozinium wohl auf die neue, Ende des 15. Jahrhunderts errichtete, Pfarrkirche überging. 27 Stufen führten in eine unter der alten Kirche gelegene Gruftkapelle, die durch einen Gang auch mit dem Karner verbunden war und in der die Herren von Mistelbach, ehe dieses Geschlecht 1371 ausstarb, beigesetzt wurden. Einen Einblick in die mit Knochen angefüllte Krypta, deren Decke von zahlreichen Säulenpfeilern getragen war und in deren Mitte sich ein „Armeseelenaltar“ befand, gibt der untere Teil des untenstehenden Wallfahrtsbildchens.

Die älteste Abbildung der Marienstatute aus dem 18. Jahrhundert in zur damaligen Zeit üblicher aufwändiger Bekleidung.Die älteste Abbildung der Marienstatue aus dem 18. Jahrhundert in zur damaligen Zeit üblicher aufwändiger Bekleidung.

Planskizze über die zwischen der heutigen Pfarrkirche und Karner aufgefundenen Grundmauerreste und Rekonstruktion des Grundrisses der alten romanischen Pfarrkirche

Obenstehend eine Planskizze über die zwischen Pfarrkirche und Karner aufgefundenen Grundmauerreste, basierend auf Aufzeichnungen von P. Innozenz Krall. Die detaillierten Originalpläne über die Ausgrabungen gingen 1945 verloren.215 Im Gegensatz zur Abbildung in „Mistelbach: Geschichte I“ wurde auf der hier vorliegenden Skizze, die aus dem Göstl-Archiv stammt, von unbekannter Hand (Georg Göstl selbst?) auch versucht auf Basis der gefundenen Mauerreste den Grundriss der alten Kirche abzuleiten (grau eingezeichnet). Der halbrunde apsisartige Abschluss zur heutigen Pfarrkirche hin zeigt, dass sich der Urheber dieser Rekonstruktion augenscheinlich an der oben abgebildeten ältesten (und für lange Zeit einzigen) bildlichen Überlieferung der Kirche orientierte. Eine Apsis müsste wie man auch am Grundriss der Pfarrkirche bzw. des Karners erkennen kann allerdings ostwärts gerichtet sein. Stattdessen dürfte es sich beim westseitig gelegenen Anbau um eine Art Vorraum/Eingangsbereich gehandelt haben. Dem unbekannten Urheber gelang es nicht alle Fundstellen (siehe die unterhalb gelegenen Mauerreste in Blau und Orange markiert) in den von ihm vermuteten Grundriss zu integrieren.

Als die Urform der heutigen, wesentlich größeren Pfarrkirche fertiggestellt worden war, unter anderem aus Steinen der unmittelbar danebengelegenen verwaisten Burg, verfiel die alte Gruftkirche zusehends und das geistliche Leben konzentrierte sich nunmehr auf die neue Kirche.  Mitte des 17. Jahrhunderts war Gruftkirche bereits sehr baufällig und wurde als teils einsturzgefährdet beschrieben, ehe sie als Marienwallfahrtsort in Mistelbach und der umliegenden Region unter den Namen „Unsere liebe Frau auf dem Berg“ bzw. „Maria in der Gruft“ oder „Maria in der Gstettn“ neuen Aufschwung erleben sollte. Der Name „Maria in der Gstettn“ rührt übrigens daher, dass der heute bewaldete Kirchenberg früher als Weidefläche Nutzung fand, und erst im Zuge der Errichtung der Liechtenstein-Parkanlage zu Ende des 19. Jahrhunderts mit Bäumen bepflanzt wurde.

Auslöser der Wallfahrten war folgende Begebenheit:  Am 25. April 1749 ging  Rosina Bacher, eine 45-jährige Hauersgattin aus Mistelbach in die Gruftkirche, in die sich ob ihres baufälligen Äußeren nur mehr wenige wagten, um für die armen Seelen im Fegefeuer zu beten. In der Krypta fiel ihr Blick dann auf eine bis dahin wenig beachtete Marienstatue, die in einer Seitennische stand. Es handelte sich dabei um eine frühbarocke bemalte Holzstatue, eine sogenannte Pietà,  also eine Darstellung Marias mit dem Leichnam des vom Kreuze abgenommenen Jesus Christus. Im Barock war es üblich solche Statuen prachtvoll einzukleiden und auszustaffieren, bspw. mit einer Krone oder einem Strahlenkranz, aber diese Pietà war nur mehr mit einem schäbigen, weißen Stückchen Stoff behangen. Rosina Bacher entschloss sich der Statue ein würdiges Kleid zu nähen, vernachlässigte dieses Vorhaben allerdings bald aufgrund anderer Hausgeschäfte. Als sie im April des folgenden Jahres im Weingarten arbeitete, wandte sich Frau Bacher, deren sechsjährige Tochter an einem sich verschlimmernden Augenleiden litt, an Gott und insbesondere an die hl. Jungfrau mit der Bitte, ihr den Gnadenort anzuzeigen, an den sie sich wenden sollte, um für die Genesung ihrer Tochter zu beten. So wandte sie sich im Weingarten stehend Richtung Föllim, wo damals der Gnadenort Mariahilf lag, zu dem sie bereits mehrfach gepilgert war, doch sie spürte, wie ihr Kopf wie von zwei unsichtbaren Händen von dieser Richtung abgewendet wurde. Ebenso erging es ihr, als sie sich jeweils in Richtung der anderen berühmten Wallfahrtsorte Maria Oberleis, Mariazell und Maria Schoßberg (Slowakei) wandte. Als sie schließlich zur Mistelbacher Kirche blickte, erschien nur ein paar Schritte von ihr entfernt die Mutter Gottes, so wie sie in der Gruftkirche dargestellt war. Sie legte ein Gelübde ab und die Erscheinung verschwand. Als Frau Bacher nach Hause eilte, berichtete ihre Tochter bereits von der Besserung ihres Leidens und gesundete in weiterer Folge vollständig. Als Dank nähte sie der Marienstatue ein prachtvolles Gewand und verzierte ihr Haupt mit einer Krone und besuchte die Krypta nun regelmäßig.

Weitere Gebetserhörungen (zunächst von anderen Mitgliedern der Familie Bacher) führten bald zu einem stetig steigenden Zustrom zu den Andachten in der Gruftkirche und die bald einsetzenden Wallfahrten wurden vom damaligen Barnabitenprobst Don Martin Braun nach Kräften gefördert. In der Folge wurde die Kapelle samt der Gruft aufwändig renoviert und baulich erweitert, und die Pietà stand fortan an einem Ehrenplatz. Die Jahrhunderte überdauert hat ein sogenanntes Mirakelbuch, dass sich heute im Kloster befindet, und genau Protokoll führte über die Gebetserhörungen, die sich damals ereigneten. Darin sind 77 Erwachsene und 51 Kinder angeführt, überwiegend Bauern und kleine Handwerker bzw. deren Kinder, die sich mit ihren Sorgen und Leiden an die heilige Jungfrau gewandt hatten und denen auf wundersame Weise geholfen wurde. Es handelt von „Augenleiden, Geschwulsten, Dippeln, Fußleiden, Fraisen (Krampfanfällen), Zahnschmerzen, verschluckten Knochen bzw. Glasscherben oder krankem Vieh“, und allerlei weiteren Nöten der einfachen Leute.

Aufgrund eines Erlasses Kaiser Joseph II. fand das rege Wallfahrtswesen der damaligen Zeit ein Ende und die Kirche musste 1784 abgebrochen und die Gruft zugeschüttet werden. Turm, Dachstuhl und Blechdach wurden an den Meistbietenden verkauft. Der Altar kam in die Kirche nach Eibesthal, die Kanzel nach Altenwörth und das Ewige Licht nach Altruppersdorf. Die Pietà übersiedelte in die Pfarrkirche und wurde Hauptzierde des mittlerweile abgekommenen Marienaltars. In den 1930er Jahren wurde die inzwischen sehr wurmstichig gewordene Statue umfassende restauriert. Auch die Kreuzwegbilder wurden in der Blütezeit der Wallfahrten für die abgetragene Gruftkirche angefertigt und zieren heute die Pfarrkirche.

Der heute nicht mehr existierende Altar in der Marienkapelle der Pfarrkirche, in deren Mitte sich die Pietà befandDer heute nicht mehr existierende Altar in der Marienkapelle der Pfarrkirche, in deren Mitte sich die Pietà befand

Die einstmals angeblich wundertätige Schmerzensmutter-Statute nach ihrer Renovierung, mit den aus der Barockzeit stammenden KronenDie einstmals angeblich wundertätige Schmerzensmutter-Statue nach ihrer Renovierung, mit den aus der Barockzeit stammenden Kronen

Das heutige Erscheinungsbild der Statue in der Marienkapelle der Pfarrkirche St. Martin Das heutige Erscheinungsbild der Statue in der Marienkapelle der Pfarrkirche St. Martin

Bildnachweis:
-) Lageplan Maria in der Gruft: Göstl-Archiv
-) die Pietà heute: Thomas Kruspel, 2016

Quellen:
-) Mitscha-Märheim, Univ.-Prof. Dr. Herbert: „Die mittelalterlichen Bauten auf dem Mistelbacher Kirchenberg“ In: Mistelbach Geschichte I (1974), S. 83ff
-) Spreitzer, Prof. Hans: Unsere liebe Frau auf dem Berg in: Mistelbach in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 2 (1969), S. 111ff
-) Fitzka, Karl: Geschichte der Stadt Mistelbach Band I (1901), S. 93f
-) Brunhuber, Karlheinz: Aus dem Mirakelbuch Maria in der Kruften in: Heimat im Weinland, Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Mistelbach (1980), S. 52ff
-) Jakob, Christa u. Cantonati, Benjamino: 500 Jahre Pfarrkirche Mistelbach (2016), S. 52f

Millioneneinbruch im Mistelbacher Steueramt

Von Thomas Kruspel 5. Oktober 2016 Aus

„Millionendiebstahl in Mistelbach“, so oder ähnlich lauteten Schlagzeilen, die sich am 22. März 1919 in vielen großen österreichischen Tageszeitungen fanden, und unter denen über einen spektakulären Coup berichtet wurde. In der Nacht auf Freitag, den 21. März 1919 hatte eine Diebesbande aus Wien einen Einbruch im Steueramt, das sich damals im Gebäude des Bezirksgerichts am Hauptplatz befand, verübt und dabei rund 1,2 Millionen Kronen erbeutet. Mittels des (historischen) Währungsrechners der Österreichischen Nationalbank ergibt sich ein heutiger Gegenwert von rund 229.000 €. Natürlich kann dies nur als Annäherungswert verstanden werden, bedeutet aber jedenfalls, dass die oben genannte Beute, obwohl die österreichische Kronenwährung nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs bereits deutlich an Wert verloren hatte, dennoch eine gewaltige Summe darstellte.

Die fünfköpfige Bande, deren Mitglieder großteils polizeibekannt waren, fuhr am Tag vor der Tat, teils mit dem späteren Fluchtauto, teils mit der Staatsbahn von Wien nach Mistelbach. In der Nacht schließlich stand der Fluchtwagen samt Fahrer startbereit, während sich die Einbrecher ans Werk machten und mit einem Dietrich das Tor zum Bezirksgerichtsgebäude öffneten. Während einer von ihnen Schmiere stand, drangen seine Kumpane weiter ins Gebäude vor und verschafften sich durch das Aufsprengen mehrerer Türschlösser Zugang zum Kanzleiraum des Steueramtes. In diesem fanden sie die große eiserne Kasse, die sie mithilfe eines autogenen Schweißgerätes knackten und deren Inhalt verstauten sie in mitgebrachten Taschen, Rucksäcken und ihrer Kleidung. Die Täter mussten ihr Einbruchsziel im Vorfeld sehr gut ausgekundschaftet haben, da sie äußert geschickt vorgingen und es insbesondere vermieden hatten, den im 1. Stock im hinteren Teil des Gebäudes wohnenden Amtsdiener des Bezirksgerichts auf sich aufmerksam zu machen. Anschließend flohen sie mittels des Fluchtwagens nach Wien, doch noch im frühen Morgengrauen und bevor der Einbruch bemerkt wurde, endete ihre Flucht aufgrund einer Motorpanne auf der Brünner Straße kurz vor Stammersdorf. Ein Volkswehrmann in Zivil wurde auf das eigenartige Quintett aufmerksam, das eilig die Flucht ergriff. Die sofort alarmierte Polizei und Volkswehr, konnte die Täter, die zu Fuß über Felder in verschiedene Richtungen flüchteten, bald stellen. Im Zuge der Festnahme hatte sich jedoch einer der Täter mit Revolverschüssen leicht selbst verletzt. Einige tausend Kronen gingen bei der Sicherstellung der Beute verloren, was einerseits dem an diesem Tag herrschenden starken Wind zugeschrieben wurde, andererseits wurden Passanten und Schaulustige verdächtigt, sich an der im Fluchtwagen teilweise zurückgelassenen Beute bedient zu haben.

Darstellung auf der Titelseite der Illustrierten Kronen Zeitung am 23. März 1919

Die Festgenommenen wurden dem Kreisgericht Korneuburg übergeben und im Rahmen eines Prozesses, der im darauffolgenden September stattfand, zu mehrjährigen schweren Kerkerstrafen verurteilt.

Quellen:
-) Mistelbacher Bote, Nr. 13/1919, S. 2f
1Wiener Abendpost, 10. September 1919 (Nr. 206), S. 4 (ONB: ANNO)
-) Wiener Zeitung, 12. September 1919 (Nr. 208), S. 3 (ONB: ANNO)
-) Reichspost, 22. März 1919 (Nr. 138), S. 7 (ONB: ANNO)
-) Arbeiter-Zeitung, 22. März 1919 (Nr. 80), S. 5 (ONB: ANNO)
-) Deutsches Volksblatt, 22. März 1919 (Nr. 10852), S. 5 (ONB: ANNO)

Werbung zwischendurch – Bücher über Kulturdenkmäler

Von Thomas Kruspel 18. September 2016 Aus

Bevor am 6. Oktober eine weitere Publikation zur Geschichte Mistelbachs, nämlich der Bildband „Das alte Mistelbach und seine Katastralgemeinden in früherer Zeit“ (Herausgeber: Josef Bauer, Günter Hollaus, Karl Kleibl, Hubert Loibl & Oskar Steiner; Verlag: Ed. Winkler-Hermaden) präsentiert wird (siehe Termine rechts), soll an dieser Stelle auch noch auf ein besonderes Buchprojekt hingewiesen werden, das schon abgeschlossen ist, aber leider noch seinem Druck und damit seiner Veröffentlichung harrt. Es handelt sich um die Kulturdenkmäler-Bücher von Fr. Christa Jakob. Bedauerlicherweise wurde die Bestellmenge, die für die Druckauftragserteilung durch die Gemeinde notwendig ist, trotz Medienberichten, noch nicht erreicht, aber vielleicht finden sich noch einige Geschichtsinteressierte, die sich anmelden und damit beitragen, dass dieses großartige Werk endlich herausgegeben werden kann.

Hier nochmals der Text der Newsmeldung auf der Homepage der Stadtgemeinde, die zu Beginn des Jahres erschien:

Pest- und Sühnekreuze, Bildstöcke, Lichtsäulen und Feldkreuze gehören zum sakralen Landschaftsbild unserer Heimat. Doch wo liegen Ursprung und Bedeutung, wer ist Eigentümer und Betreuer? All das und vieles mehr zu den kulturellen Zeugnissen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart findet man in den Büchern „Kulturdenkmäler Mistelbach“ und „Kulturdenkmäler Ortsgemeinden Mistelbach“. Frau Christa Jakob hat sich in mühevoller Arbeit auf Zeitreise begeben, die einzelnen Objekte erfasst, ihre Geschichte aufgearbeitet und für die Nachwelt aufbereitet. Entstanden ist ein umfangreiches Werk, das sämtliche kulturelle Zeugnisse der Vergangenheit und Gegenwart zusammenfasst.

Im Bürgerservice der StadtGemeinde Mistelbach liegt jeweils ein Ansichtsexemplar der beiden Bücher auf. Wenn Sie Interesse haben und eines der beiden Bücher bestellen wollen, bitten wir Sie, sich in die dort aufliegende Liste einzutragen. Bei Erreichen einer Mindestanzahl, die für den Druck nötig ist, wird die StadtGemeinde Mistelbach das Buch in Druck geben und verkaufen. Die Kosten für das Buch „Kulturdenkmäler Mistelbach“ betragen 39 Euro (451 Seiten), die Kosten für das Buch „Kulturdenkmäler Ortsgemeinden“ 49 Euro (624 Seiten). Man muss übrigens nicht unbedingt persönlich im Bürgerservice der Gemeinde vorbeikommen, man kann sich auch per Mail (amt@mistelbach.at) oder telefonisch (02572 / 2515 – 2130) an die Mitarbeiter dort wenden und sich auf die Interessentenliste setzen lassen.

Steinbauer, Dr. Gustav

Von Thomas Kruspel 16. September 2016 Aus

Bürgermeister Dr. Gustav Steinbauer

* 30.5.1889, WienDr. Gustav Steibauer Bürgermeister Mistelbach Rechtsanwalt Nürnberger Prozesse
† 14.4.1961, Wien

Steinbauer wurde 1889 als eines von sechs Kindern des Bankangestellten Gustav Steinbauer und dessen Gattin Adelheid, einer Konzertsängerin, in Wien-Leopoldstadt geboren.217 Seine Reifeprüfung absolvierte er am Jesuitengymnasium in Kalksburg und danach inskribierte er sich für ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Nach seiner Promotion im Jahr 1913 entschied sich Steinbauer für eine Laufbahn als Rechtsanwalt und trat 1916 in eine Anwaltskanzlei in Innsbruck ein. Im April 1917 wurde er zum Infanterieregiment Nr. 73 – Egerländer Hausregiment, nach Prag einberufen und war schließlich als Fähnrich – der Krieg endete vor seiner Beförderung zum Leutnant – an der Isonzofront im Einsatz.

Nach dem Krieg war Dr. Steinbauer zunächst als Beamter bei der Hauptanstalt für Sachdemobilisierung beschäftigt, die die Aufgabe hatte das Sachvermögen der ehemaligen k. u. k. Armee abzuwickeln bzw. zu verwerten.218 Ab 1921 war er als Rechtsanwalt in Wien zugelassen, und eröffnete seine Kanzlei in der Brandstätte in der Wiener Innenstadt.219 Bereits im Jahr darauf verlegte er sein Anwaltsbüro an die Adresse Jordangasse/Ecke Judenplatz.220 Im Oktober 1922 heiratete er die aus Hohenau a.d. March stammende Rosa Schweinberger und dieser Verbindung entstammten zwei Töchter und ein Sohn, der spätere ÖVP-Generalsekretär und Nationalratsabgeordnete Heribert Steinbauer.221 In der Zwischenkriegszeit war Steinbauer Mitglied im antisemitischen und antisozialistischen Geheimbund „die Burg“, der sich hinter dem Tarnverein „Deutsche Gemeinschaft“ verbarg, und dessen Ziel der Kampf gegen das „Ungeradentum“ (Judentum, Liberalismus, Kommunismus, Sozialismus, etc.) war. Diese Vereinigung rekrutierte sich hauptsächlich aus Mitgliedern deutsch-nationaler und katholischer Studentenverbindungen, die in  logenartigen Gruppen zusammengeschlossen waren. Durch die streng hierarchische und konspirative Struktur dieses Geheimbundes, dem viele prominente Politiker angehörten, wussten nur die höherrangigen Mitglieder wer zu den „Burgbrüdern“ zählte und durch die Vergabe wichtiger Schlüsselpositionen in Politik und Verwaltung, an Universitäten und in der Wirtschaft an Mitglieder sicherte sich der Geheimbund Einfluss in der Ersten Republik.222

1927 übersiedelte Steinbauer mit seiner Familie nach Mistelbach, wo er sich in der heute noch bestehenden und von ihm in Auftrag gegebenen Steinbauer-Villa (neben der Elisabeth Kirche) niederließ.223 Seine Rechtsanwaltskanzlei eröffnete er im Juli 1927 an der Adresse Hafnerstraße Nr. 9224 (heute: GSM Free Mistelbach), bald darauf dürfte er diese jedoch ein paar Häuser weiter in die Hafnerstraße 3 (zuletzt: Libro) verlegt haben.225 Seit seiner Studienzeit war Dr. Steinbauer Mitglied der katholischen Studentenverbindung Franco-Bavaria Wien im Cartellverband (CV), der er zeitlebens verbunden war und diese enge Bindung zu seinen Bundes- und Cartellbrüdern, ist der auch Grund für zahlreiche Besuche hoher politischer Würdenträger in der Villa Steinbauer. So besuchten ihn beispielsweise Bundespräsident Dr. Miklas und Bundeskanzler Dr. Dollfuß, die beide ebenfalls Verbindungen des Cartellverbandes angehörten, wenn sie ein Termin in die nähere Umgebung Mistelbachs führte. Auch im Vereinsleben der Stadt war Dr. Steinbauer während seiner Mistelbacher Zeit äußerst aktiv, so war er Initiator und Präsident des Vereines der Freunde des städtischen Museums226, Obmann des örtlichen christlich-deutschen Turnvereins227, Obmann des Wohltätigkeitsvereines und bei zahlreichen weiteren Vereinigungen aktiv.

Das Ehepaar Gustav und Rosa Steinbauer mit ihren beiden Töchtern Ende der Zwanzigerjahre. Außerdem auf dem Foto der Zisterzienserpater Universitätsprofessor Nivard Schlögl - ein väterlicher Freund Steinbauers seit Studientagen und Mitgründer der CV-Verbindung Franco-Bavaria Wien, der die Familie Steinbauer in Mistelbach besuchte.Das Ehepaar Gustav und Rosa Steinbauer mit ihrer ältesten Tochter (links) Ende der Zwanzigerjahre. Außerdem auf dem Foto der Zisterzienserpater Universitätsprofessor Nivard Schlögl – ein väterlicher Freund Steinbauers seit Studientagen und Mitgründer der CV-Verbindung Franco-Bavaria Wien, der die Familie Steinbauer in Mistelbach besuchte. Das Mädchen rechts im Bild dürfte nicht zur Familie Steinbauer gehören – abgeschnitten dahinter ist eine Frau sowie der Arm eines weiteren Mädchens erkennbar.

Die Steinbauervilla in der MitschastraßeDie Steinbauervilla in der Mitschastraße

Bald nach seiner Ankunft engagierte sich Dr. Steinbauer darüber hinaus in der christlich-sozialen Partei und war zunächst ab 1928 Obmannstellvertreter der Mistelbacher Ortsgruppe des „christlichsozialen Volksverbandes“228, ehe er 1930 zu deren Obmann avancierte229. Nach Abschaffung von Demokratie und Rechtsstaat und Errichtung des „autoritären Ständestaates“ unter Führung seines engen Freundes Engelbert Dollfuß war er später Bezirksführer der nunmehrigen Einheitspartei Vaterländische Front.230 Im Zuge der Gemeinderatswahlen wurde Steinbauer 1929 als Vertreter der Christlichsozialen in den Gemeinderat gewählt und war ab der Konstituierung des Gemeinderates bis 1938 Vizebürgermeister der Stadt Mistelbach. Aufgrund einer schweren länger andauernden Erkrankung Dunkls führte Dr. Steinbauer seit Sommer 1936, als dessen Stellvertreter die Amtsgeschäfte. Besondere Verdienste erwarb er sich rund um die Verhandlungen zur Errichtung der Kaserne in Mistelbach, sowie um den Ausbau des Bezirkskrankenhauses, die beide im Jahre 1937 fertiggestellt werden konnten. Aufgrund des Ablebens von Bgm. Josef Dunkl, wurde Steinbauer im Februar 1938, in einer knappen Abstimmung im Gemeinderat, in der die NS-Gesinnung vieler Gemeindevertreter bereits offen zutage trat, mit einer Stimme Vorsprung zum letzten Bürgermeister Mistelbachs vor dem „Anschluss“ gewählt. Als Bezirksführer der Vaterländischen Front war er natürlich das erklärte Feindbild der (illegalen) Mistelbacher Nazis und wurde in dem von diesen ab 1933 veröffentlichten „Mistelbacher Beobachter – Kampfblatt gegen das jüdisch-klerikale System”, stets heftig angegriffen, beschmipft und verleumdet. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich wurde er noch in der Nacht auf den 12. März 1938 gezwungen sein Amt als Stadtoberhaupt niederzulegen und es folgten und eine sechswöchige Schutzhaft, Verhöre und mehrere Hausdurchsuchungen. Im Mai 1938 zog Dr. Steinbauer mit seiner Familie wieder zurück nach Wien.231 In weiterer Folge wurde ihm seine Zulassung als Rechtsanwalt entzogen und er stand weiterhin unter Beobachtung der Gestapo. Während dieser Zeit verdingte er sich als Konzipient in der Kanzlei eines Freundes und nach der Wiedereintragung als Anwalt zu Ende des Jahres 1939232, wirkte er vorwiegend als Verteidiger vor dem Sondergericht Wien und dem Wiener Militärgerichtshof. Zunächst als „wehrunwürdig“ eingestuft, wurde Dr. Steinbauer dann 1944 doch noch zur Wehrmacht eingezogen, aber aufgrund seines politischen Engagements für „nicht-offizierswürdig” befunden und so verbrachte er das letzte Kriegsjahr als Unteroffizier, bevor er nach Kriegsende für kurze Zeit in amerikanische Gefangenschaft geriet. Ab August 1945 war er dann als Pflichtverteidiger vor dem Wiener Volksgerichtshof tätig, unter anderem wirkte er dort später auch als Verlassenschaftskurator von Edmund Glaise-Horstenau.

Beginnend im November 1945 wurde die Führungsriege des NS-Regimes, so sie sich nicht bereits durch den Freitod aus ihrer Verantwortung davongestohlen hatte, in Nürnberg im Rahmen eines aufwändigen Gerichtsverfahrens zur Rechenschaft gezogen. Auch Dr. Arthur Seyß-Inquart, eine wichtige Person rund um den „Anschluss“ Österreichs und kurzzeitig Bundeskanzler in jenen Tagen des März 1938, war beim Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg angeklagt. Die Anklagepunkte für die er sich zu verantworten hatte, standen in Zusammenhang mit seiner Rolle beim „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, aber insbesondere mit seiner späteren Tätigkeit als Reichskommissar in den Niederlanden und seiner Mitwirkung bei der Auslöschung der dortigen jüdischen Bevölkerung. Der frühere Wiener Rechtsanwalt Seyß-Inquart wandte sich an die Wiener Rechtsanwaltskammer, ob diese ihm einen Verteidiger vermitteln könne. Der zunächst vorgeschlagene Dr. Zornlaib, der Seyß-Inquart auch persönlich bekannt war, sagte jedoch aus Krankheitsgründen ab. Schließlich wurde aus einer von der Rechtsanwaltskammer erstellten Liste mit sechs Wiener Anwälten Steinbauer von einem amerikanischen Vertreter des Militärtribunals ausgewählt. Zwischen dem Verteidiger und seinem Mandanten gab es zahlreiche Parallelen: beide studierten etwa zeitgleich an der Universität Wien Rechtswissenschaften, sie wurden beide am 23. August 1921 als Rechtsanwälte zugelassen233, beide gehörten der antisemitischen Vereinigung „Deutsche Gemeinschaft“ (siehe oben) an und in den 1920er Jahren befanden sich ihre Kanzleien in der Wiener Innenstadt in geringer Entfernung zueinander.234 Laut Steinbauer kannten sie einander auch von Theaterbesuchen.

Dr. Steinbauer als Verteidiger während des Nürnberger Prozesses gegen die HauptkriegsverbrecherDr. Steinbauer als Verteidiger des vormaligen Reichsstatthalters Seyß-Inquart während des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher

 

Oktober 1946: Dr. Steinbauer (links) mit dem im Hauptkriegsverbrecherprozess freigesprochenen früheren Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht und dessen Verteidigern Dr. Dix und Dr. Kraus
(photo credit: Robert H. Jackson Center, Jamestown, NY, USA)

Folgend ein Video vom 151. Verhandlungstag in Nürnberg, dass Dr. Steinbauer bei der Befragung von Seyß-Inquart zeigt. Leider ist die Tonqualität sehr schlecht und Dr. Steinbauer steht mit dem Rücken zur Kamera.

(Quelle: Youtube-Kanal Robert H. Jackson Center)

Obwohl Dr. Steinbauer in Opposition zum Nationalsozialismus stand und auch selbst Repressalien zu erleiden hatte, nahm er seine Tätigkeit als Verteidiger dennoch ernst und versuchte professionell seinen Mandanten bestmöglichst zu verteidigen. Aufgrund Seyß-Inquarts führender Beteiligung bei der Deportierung der niederländischen Juden, lautete das am 1. Oktober 1946 verkündete Urteil auf Tod durch den Strang und dieses Urteil wurde am 16. Oktober 1946 vollstreckt. Die Erfahrungen und  Einblicke, die er insbesondere über die Vorbereitung bzw. die Phase des Anschlusses, im Rahmen des Prozesses gewonnen hatte, schrieb Dr. Steinbauer in dem 1950 erschienen Buch „Ich war Verteidiger in Nürnberg” nieder. Im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses, 1946/47, wurde er erneut als Verteidiger beigezogen, diesmal für den österreichischen NS-Arzt Wilhelm Beiglböck, der „medizinische” Versuche an Insassen des KZ Dachau durchgeführt hatte. Aus dieser Arbeit resultierte eine 1949 in Form eines kleinen Büchleins veröffentlichte Abhandlung mit dem Titel „Die Euthanasie im Lichte des Nürnberger Ärzteprozesses“ in dem sich Steinbauer aus moralisch-ethischer Perspektive mit der Euthanasie auseinandersetzt.

Steinbauers Grab auf dem Neustifter FriedhofSteinbauers Grab auf dem Neustifter Friedhof in Wien-Währing

Später setze er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt in Wien fort und war von 1954 bis 1961 Obmann des Rechtsanwaltsklubs „Wiener Rechtsanwälte“. Im Jahr 1953 verkaufte Dr. Steinbauer sein Haus in der Mitschastraße 7 an die Handelskammer, die dort ihre Zweigniederlassung einrichtete. 1961 verstarb Dr. Gustav Steinbauer im 72. Lebensjahr und wurde auf dem Neustifter Friedhof im 18. Wiener Gemeindebezirk zur letzten Ruhe gebettet.

Bildnachweis:
-) Portrait: Ausschnitt aus einem Foto aus den Beständen des Museumsarchivs der Stadt Mistelbach
-) Familienfoto: biografischer Beitrag zu Steinbauer In: „105er“ Ortsverbandzeitschrift des Wiener Cartellverbands, 2. Ausgabe 2012/13 – das Foto stammt aus dem Besitz einer bereits verstorbenen Tochter Steinbauers. Dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Mag. Karl-Wolfgang Schrammel. Die im Beitrag angegebene Datierung (lt. Angaben der Tochter) 1939 ist definitiv falsch und bei dem Mädchen rechts dürfte es sich auch um keine Tochter Steinbauers handeln. Sie dürfte zu den rechts im Bild abgeschnittenen weiteren Personen (eine Frau und ein Mädchen) gehören. Wenn man als Aufnahmezeitpunkt Ende der 20er Jahre (etwa das Jahr 1929) annimmt, so passt dies einerseits zum vergleichsweise jüngeren Aussehen Steinbauers, sowie zum Alter der 1924 geborenen und wohl auf diesem Foto abgebildeten ältesten Tochter.
-) Ansichtskarte Villa Steinbauer: digitalisiert und zur Verfügung gestellt von Otmar Biringer aus der Sammlung von Herrn Lichtl
-) Wiener Kurier, 21. März 1946, S. 6
-) Grabstein: eigene Aufnahme

Quellen (& Anmerkungen):

-) Schrammel, Mag. Karl-Wolfgang: Dr. Gustav Steinbauer v. Giselher, F-B (1889-1961) – Erster Fuchs der Franco-Bavaria und Verteidiger Seyß-Inquarts im Nürnberger Prozess. Manuskript 2011
-) Gespräch mit Nationalratsabg. a.D. Heribert Steinbauer (Sohn) im August 2014
-) Eintrag zu Dr. Steinbauer im Biographischen Lexikon des Österreichischen Cartellverbandes
-) Fritz, Herbert u. Krause, Dr. Peter (Hrsg.): Farben tragen, Farbe bekennen 1938-1945 – Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung, S. 535f
-) Artikel auf DiePresse.com vom 29.7.2011 über Dokumente aus dem Nachlass von Dr. Steinbauer, die die grausamen Verbrechen des NS-Arztes Dr. Beiglböck belegen

(Anm.: Die Information Dr. Steinbauer sei Angehöriger der jüdischen Gemeinde in Mistelbach gewesen, wie dies im Buch von Fr. Prof. Olga Höfler: Die jüdischen Gemeinde im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen, 1848-1939/45 – der politische Bezirk Mistelbach (2017), Band 2, S. 551 dargestellt wird, ist eindeutig falsch, wie zahlreiche der oben angeführten Quellen (zB Taufbucheintrag, Trauungsbucheintrag, etc.), die Recherche seines Stammbaumes und seine gesamte Lebensgeschichte belegen.)

Oser, Dr. Ernst

Von Thomas Kruspel 4. September 2016 Aus

Sektionschef Dr. Ernst Oser

* 23.10.1845 in Grafenegg
† 25.9.1902 in Wien

Ernst Oser wurde als eines von sieben Kindern in die Familie des Johann Oser, Forstmeister der Grafen Breuner auf Schloss Grafenegg, und dessen Gattin Barbara, geb. Edlinger, geboren.232 Die evangelische Familie Oser war sehr musikalisch und Sohn Ernst bereits in jungen Jahren ein begnadeter Geigenspieler.

Seine Schulausbildung erhielt er im Stiftsgymnasium Melk, und daran anschließend absolvierte er juristisch-politische Studien an der Universität Wien. Nach deren Abschluss trat Oser 1869 als Concepts-Praktikant in den niederösterreichischen Landesdienst in Wien ein, und war in seiner frühen Laufbahn auch kurzzeitig bei den Bezirkshauptmannschaften Hernals (damals noch nicht Teil Wiens) und Baden bzw. beim Landesschulrat der Niederösterreichischen Statthalterei eingesetzt. Später führte ihn sein Weg erneut nach Baden, wo er von 1874 bis 1883 an der dortigen Bezirkshauptmannschaft  tätig war. In dieser Zeit war der spätere langjährige Statthalter von Niederösterreich, Erich Graf von Kielmansegg, Bezirkshauptmann von Baden, und Kielmansegg wurde zu Osers Mentor und förderte dessen weitere Karriere.  1874 heiratete er Josefine Edle von Rosthorn, die Tochter eines vermögenden Knopffabrikanten aus Wien, und dieser Ehe entstammten zwei Töchter und ein Sohn. Im November 1883 wurde Dr. Oser schließlich zum Bezirkshauptmann in Mistelbach berufen235, wo er sich unter anderem als großer Förderer des Feuerwehrwesens im gesamten Bezirk verdient machte und aus diesem Grund 1885 zum Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Mistelbachs ernannt wurde.236 1884 wurde auf Initiative seiner Gattin Josefine der Mistelbacher Zweigverein des Patriotischen Hilfsvereins vom Roten Kreuz gegründet und Frau Oser war bis zu ihrem Abschied aus Mistelbach auch dessen Präsidentin.237

Im November 1887 kehrte er an seinen langjährigen Dienstort Baden zurück, diesmal an die Spitze der Badener Bezirkshauptmannschaft238. Anfang des Jahres 1890 folgte dann die Berufung zurück in die Niederösterreichische Statthalterei nach Wien, wo er mit der Organisation und Leitung des neugeschaffenen Departments für „Volkswirtschaftliche und Landeskultur-Angelegenheiten, Unterrichtsstiftungen und Stipendien“ betraut wurde. Sechs Jahre später wechselte Oser in das k.k. Ackerbauministerium, wo er als Sektionschef bis zu seinem Tode tätig war und sich besondere Verdienste um das landwirtschaftliche Versuchswesen erwarb. Während seiner Tätigkeit bei der Niederösterreichischen Statthalterei bzw. im Ackerbauministerium setze sich Dr. Oser intensiv für die Schaffung einer Winzerschule an seinem ehemaligen Dienstort Mistelbach ein, die schließlich 1898 eröffnet werden konnte.

Sektionschef Dr. Ernst Oser

1894 wurde ihm eine besondere Ehre zuteil, nämlich die persönliche Überreichung des Dekrets für die Ernennung zum Hofrat durch Kaiser Franz Joseph I. Diese besondere Ehre stand wohl in Zusammenhang mit der Tragödie von Mayerling im Jahr 1889 (Freitod von Kronprinz Rudolf und seiner Geliebten Mary Vetsera), die sich während Osers Zeit als Bezirkshauptmann des Bezirks Baden und damit in seinem örtlichen Zuständigkeitsbereich ereignete. Als oberster Verwaltungsbeamter vor Ort war er in dieser äußerst delikaten Angelegenheit die wichtigste Ansprechperson der Hofdienststellen und auf Anordnung des Ministerpräsidenten verantwortlich für die Organisation der raschen und heimlichen Bestattung von Mary Vetsera in Heiligenkreuz. Weiters wurde er 1894 aufgrund seiner Unterstützung für die durch die Reblaus geschädigten Weinbauern von der Gemeinde Gumpoldskirchen zum Ehrenbürger ernannt.239 Bereits 1893 wurde Dr. Oser zum Ehrenbürger Mistelbachs ernannt und seit 1898 trägt eine Straße im alten Spitalsviertel den Namen Oserstraße.240

Die nach Ernst Oser benannte Straße in ihrer ursprünglichen Schreibung "Oser-Straße" statt der heutige gebräuchlichen Schreibweise "Oserstraße"Die nach Ernst Oser benannte Straße in ihrer ursprünglichen Schreibung „Oser-Straße“ statt der heutige gebräuchlichen Schreibweise „Oserstraße“

Er verstarb am 25. September 1902 um 2 Uhr nachts in seiner in der Wiener Ungargasse Nr. 9 gelegenen Wohnung an den Folgen einer akuten Herzklappenentzündung241 Zwei Tage später wurde Osers Leichnam mit sechsspännigem Galatrauerwagen in die evangelische Kirche in der Dorotheergasse gebracht, wo der Verstorbene unter Anwesenheit mehrerer Minister, des niederösterreichischen Statthalters und zahlreicher anderer hoher Würdenträger feierlich verabschiedet wurde. Anschließend wurde der Verblichene mit dem Zug nach Waldegg bei Wiener Neustadt gebracht, wo seine sterblichen Überreste auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt wurden.242


Wo befindet sich die Oserstraße?

 

Quellen & Anmerkungen:

-) Illustriertes Wiener Extrablatt vom 25. September 1902 (Nr. 265), S. 5 (ONB: ANNO)
-) Bote aus Mistelbach, Nr. 28/1902, S. 1
-) Zeitschrift für das landwirthschaftliche Versuchswesen in Oesterreich, Jg. 1902, S. 1069f (Anm.: seine Rückkehr nach Baden als Bezirkshauptmann wird hier fälschlicherweise mit dem Jahr 1885 angegeben)
-) Nowak, Rudolf R.: Das Mayerlingnetz (2015) S.111 ff
(Anm.: nachdem sich Nowak auf die Angaben im Nachruf der „Zeitschrift für  das landwirthschaftliche Versuchswesen in Österreich“ stützt, ist natürlich auch die hier die Angabe seiner Rückkehr nach Baden als Bezirkshauptmann falsch)
-) Standesblatt der Niederösterreichischen Statthalterei: Dr. Ernst Oser, Niederösterreichisches Landesarchiv
-) Beiträge zur Geschichte der niederösterreichischen Statthalterei (1897), S. 491 (Link Onlinebestände Landesarchiv Niederösterreich)

Bildnachweis.
-) Zeitschrift für das landwirthschaftliche Versuchswesen in Oesterreich, Jg. 1902, S. 1069f
-) Straßenschild: eigene Aufnahme

Fitzka, Karl

Von Thomas Kruspel 23. August 2016 Aus

Finanzrat Karl Fitzka

Karl Fitzka Finanzrat Heimatgeschichte Mistelbach

* 20. 9.1833 in St. Bernhard im Waldviertel (Bez. Horn)243
† 6.10.1915 in Mistelbach

Karl Fitzka wurde 1833 als Sohn des Steuereinnehmers und Akteurs (=Beamter) der Herrschaft St. Bernhard, Joseph Fitzka, und dessen Gattin Juliana, geb. Forster, geboren. Nach dem Besuch des damals sechsklassigen Gymnasiums in Horn trat er 1853 in den Steueramtsdienst ein244. Jedenfalls ab 1856 war der damalige k.k. Steueramts-Assistent Fitzka am Steueramt in Raabs an der Thaya tätig245 und schloss dort 1859 den Bund der Ehe mit der zwei Jahre älteren „Handarbeiterin“ (=Hilfskraft/Tagelöhnerin) Barbara Stolla.246 Doch bereits am Neujahrstag des Jahres 1861 verstirbt Barbara Fitzka, knapp sieben Wochen nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Ernest247, an typhösem Kindbettfieber.248 Auch Fitzkas einzigem Sohn Ernest war kein langes Leben beschieden, er verstarb im Alter von 18 Jahren in Krems, wo er den Beruf des Bäckers erlernte.249

Im Juni 1862 schloss Karl Fitzka, nunmehr Steueroffizial beim k.k. Steueramt Horn, seine zweite Ehe mit Maria Antonia Ebster, der Tochter des k.k. Notars und Landesadvokaten in Horn.250 Dieser Verbindung entstammten die beiden Töchter Eva Maria251 und Hedwig252. Von 1872 bis 1875 war Fitzka beim Steueramt Scheibbs eingesetzt und nach kurzer beruflicher Tätigkeit in Krems, wurde er 1876 schließlich zum Steuerinspektor ernannt und als Vorstand dem Steuerreferat der k.k. Bezirkshauptmannschaft Mistelbach zugeteilt.253 Es erfolgte 1887 die Beförderung zum Steuer-Oberinspektor und mit dem Übertritt in den Ruhestand 1894, seine Ernennung zum k.k. Finanzrat254.

Aus Anlass seines 40-jährigen Dienstjubiläums und aufgrund seines verdienstvollen Wirkens wurde ihm 1893 gemeinsam mit Ernst Oser die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mistelbach verliehen.255 Im Ruhestand widmete er sich dann historischen Forschungen und 1898 wurde auf seine Initiative hin das Mistelbacher Heimatmuseum gegründet, in dem er bis zu seinem Ableben als Kustos wirkte. Wann immer ein Bauer in Mistelbach und Umgebung Knochen, „Scherben“ oder ähnliches auf seinem Feld entdeckte, Finanzrat Fitzka war sofort zur Stelle, um diese Funde für das städtische Museum zu sichern. Sein bedeutendstes Werk die 1901 erschienene “Geschichte der Stadt Mistelbach in Niederösterreich”, stellte die erste umfassende Aufarbeitung der Geschichte Mistelbachs dar und diese Grundlagenarbeit bildete die Basis für die gesamte weitere lokalhistorische Forschung. Fitzka veröffentlichte Ergänzungen und Nachträge zu seinem 1901 erschienen Werk zunächst in Form von Beitragsserien im Mistelbacher Bote in den Jahren 1907 bzw. 1908.256 Durch die rasante Entwicklung Mistelbachs und eine Fülle an neuen historischen Informationen ergab sich schließlich die Notwendigkeit einen eigenen Nachtrags- und Ergänzungsband (Band II) herauszugeben, der zwar bereits 1912 verfasst, aber erst Ende 1913 veröffentlicht wurde.257 Auch ein dritter Band war bereits in Arbeit, aber es war ihm aufgrund seines hohen Alters und einer Erkrankung nicht mehr vergönnt diesen fertigzustellen. Zu Beginn des Jahres 1908 veröffentlichte Fitzka außerdem einen zweiteiligen Beitrag zur Geschichte der Gemeinde Schrick im Mistelbacher Bote.258 Herausragend war ebenso sein Engagement bezüglich der Denkmalspflege und Erhaltung kulturhistorischer Wahrzeichen, weshalb er zu einem korrespondierenden Mitglied der k.k. Zentralkommission für Kunst und Denkmalpflege ernannt wurde. Ein besonderes Anliegen war ihm auch die Erinnerung an den Mistelbacher Marktrichter Paul Oberhoffer, der in dem im 17. Jahrhundert ausgetragenen Rechtsstreit mit der Herrschaft Liechtenstein über den Mistelbacher Gemeindewald eine bedeutende Rolle spielte und dessen Verdienste er wieder in Erinnerung brachte. Auf seine Anregung hin errichtete die Gemeinde dem einstigen Marktrichter Oberhoffer 1911 einen Gedenkstein samt Büste im Mistelbacher Gemeindewald.259

Finanzrat Fitzka vor dem von ihm angeregten Denkmal für den Marktrichter Paul OberhofferFinanzrat Fitzka vor dem von ihm angeregten Denkmal für den Marktrichter Paul Oberhoffer

Ein weiteres Hobby, das Fitzka über 60 Jahre hinweg ausübte, war die Imkerei und er trat auch als Verfasser zahlreicher Beiträge in der Bienenzeitung in Erscheinung.260 In seinem langen Leben hatte Finanzrat Fitzka zahlreiche Schicksalsschläge zu erdulden, so musste er nicht nur wie weiter oben geschildert seine erste Ehefrau und den aus dieser Ehe stammenden Sohn betrauern, sondern auch seine beiden Töchter starben im jungen Erwachsenenalter an Tuberkulose261 und seine zweite Ehegattin verstarb neun Jahre vor ihm nach längerer schwerer Krankheit262.

Aufgrund seiner Verdienste wurde 1913 die Karl Fitzka-Gasse nach ihm benannt263. Nach seinem durch Altersschwäche bedingten Tode im Oktober 1915 wurde Fitzka auf dem Mistelbacher Friedhof beigesetzt.264 Die Stadt beschloss ihrem verdienten Museumsgründer und Ehrenbürger an jener Stelle, an der bereits seine Gattin und Töchter ruhten, ein würdiges Grabmal zu stiften, doch wohl auch aufgrund des Ersten Weltkriegs erfolgte dessen Errichtung erst im Juni 1916.265 Zwei Jahre später beschloss der Gemeinderat die Erhaltung und Pflege der Grabstätte bis auf weiteres zu übernehmen266 und 1929 wurde Fitzkas letzte Ruhestätte schließlich mittels Gemeinderatsbeschluss (auch) formal zum Ehrengrab erklärt und somit ist die Grabfürsorge dauerhaft sichergestellt.267

Grab_FitzkaDas Ehrengrab von Karl Fitzka auf dem Mistelbacher Friedhof

Wo befindet sich die Karl Fitzka-Gasse?

 

Bildnachweis:
-) Portrait aus den Beständen des Stadtmuseumsarchivs Mistelbach;
-) Foto beim Oberhoffer-Denkmal: Fitzka, Karl: Nachtrags- und Ergänzungsband zur Geschichte der Stadt Mistelbach (1913)
-) Grab: eigene Aufnahme (2016);

Quellen:
-) Nachruf: Mistelbacher Bote, Nr. 14/1915, S. 3f
(in diesem Nachruf wird als Geburtsort fälschlicherweise St. Leonhard am Forst angegeben, die Einträge in den Pfarrmatriken belegen jedoch St. Bernhard bei Horn als Geburtsort.)
-) Nachruf: Oesterreichische Landzeitung, Nr. 42/1915, S. 16 (ONB: ANNO)
(die in diesem Nachruf angeführte Information, seine Ernennung zum Finanzrat sei mit einer Versetzung nach Wien verbunden gewesen, ist falsch. Der Titel eines Finanzrats wurde ihm anlässlich seines Übertritts in den Ruhestand verliehen)

Ein Blog zur Geschichte Mistelbachs

Von Thomas Kruspel 23. August 2016 Aus

Der Autor dieses Blogs beschäftigt sich seit Jahren sehr intensiv und mit Begeisterung mit der Geschichte Mistelbachs. Das durch langjährige Recherchen zu verschiedensten Projekten angesammelte Wissen zur Mistelbacher Geschichte, soll nun mittels dieses Blogs der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Unter anderem wird den Personen, nach denen in Mistelbach Straßen benannt sind, nachgespürt, die Geschichte von ehemaligen Mistelbacher Traditionsbetrieben bzw. Institutionen soll dargestellt werden, und über bestimmte bedeutende Ereignisse und Persönlichkeiten aus Mistelbach berichtet werden. Kurzum alles, was mit der Geschichte dieser Stadt zu tun hat und es ist geplant etwa alle 10 Tage einen neuen Beitrag zu veröffentlichen.

1898 wurde ein Museum gegründet, das sich der Geschichte der Stadt Mistelbach widmet und auch im heutigen Stadt-Museumsarchiv wird von einem sehr engagierten Team Großartiges geleistet. Wem der erste Beitrag in einem Blog zur Geschichte Mistelbachs gewidmet sein soll, war von Anfang an klar, nämlich dem Initiator der Mistelbacher Heimatforschung und Gründer des Heimatmuseums: Finanzrat Karl Fitzka.

Anregungen, weiterführende Hinweise und Kritik sind natürlich gerne willkommen.